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Die Bestie im Menschen

Emile Zola: Die Bestie im Menschen - Kapitel 3
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typefiction
authorEmil Zola
titleDie Bestie im Menschen
printrunVierte Auflage
publisherVerlag von G. Grimm
year1892
translatorAlfred Ruhemann
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Drittes Kapitel

Am folgenden Tage, einem Sonntage, um fünf Uhr Morgens –es läuteten gerade alle Glocken von Havre –betrat Roubaud die Abfahrtshalle, um seinen Dienst anzutreten. Es war noch vollständig Nacht, aber der vom Meere herausstreichende Wind hatte zugenommen und vertrieb die Nebel von den Abhängen der Höhen, die sich von Saint-Adresse bis zum Fort von Tourneville erstrecken. Im Westen hellte sich der Himmel ein wenig auf, an einem Stückchen blauen Himmel blitzten die letzten Sterne. In der Halle brannten noch immer die Gaslampen, doch ihr Licht schien der frostige Morgenhauch zu bleichen. Arbeiter formirten unter der Aufsicht des Unter-Inspectors vom Nachtdienst den ersten Frühzug nach Montvilliers. Die Thüren der Wartesäle waren noch geschlossen, verödet ruhten noch die Perrons beim starren Erwachen des Bahnhofs.

Als Roubaud seine über den Wartesälen gelegene Wohnung verließ, hatte er die Frau des Kassirers Lebleu wie eine Bildsäule im Hauptkorridor bemerkt, auf welchen die Wohnungen der Beamten sämmtlich führten. Seit Wochen schon erhob sich diese Dame mitten in der Nacht, um Fräulein Guichon, der Billetverkäuferin aufzulauern, welche nach ihrer Meinung mit dem Bahnhofsvorsteher, Herrn Dabadie, verbotenen Umgang pflegte. Uebrigens hatte sie nie etwas entdecken können, nicht einen Schatten, nicht einen Athemzug. An diesem Morgen aber kehrte sie schnurstracks zu ihrem Gatten zurück, denn sie hatte mit Erstaunen bemerkt, als Roubaud eine Sekunde nur die Thür öffnete, um fortzugehen, daß die schöne Séverine schon fertig angezogen, frisirt und gestiefelt im Eßzimmer stand, sie, die sonst gewöhnlich bis neun Uhr im Bett lag. Frau Lebleu hatte sofort ihren Mann geweckt, um dieses außerordentliche Ereigniß zu melden. Am Abend vorher hatten sie sich erst nach Ankunft des Pariser Schnellzuges um elf Uhr fünf Minuten zur Ruhe begeben, weil sie vor Verlangen brannten, zu erfahren, was aus der Geschichte mit dem Unterpräfekten geworden war. Aus der Haltung der Roubauds halten sie indessen nichts zu entnehmen vermocht, die hatten eben ausgesehen wie alle Tage. Und bis nach Mitternacht hielten sie die Ohren gespitzt: aber kein Geräusch drang aus der Wohnung ihrer Nachbarn, die waren jedenfalls sofort entschlummert. Ihre Reise hatte trotzdem wohl kein gutes Resultat gebracht, sonst wäre Séverine nicht so frühzeitig aufgestanden. Als der Kassirer fragte, was für ein Gesicht jene gemacht hätte, gab sich seine Frau alle Mühe, es zu schildern: sie hätte sehr starr und bleich geblickt mit ihren großen, blauen, unter den schwarzen Haaren hervorblitzenden Augen; auch hätte sie sich nicht gerührt, kurz wie eine Nachtwandlerin wäre sie ihr erschienen. Im Laufe des Tages würde man ja erfahren, was eigentlich los wäre.

Unten traf Roubaud seinen Kollegen Moulin, der Nachtdienst gehabt. Er übernahm von diesem den Dienst, während dieser einige Schritte mit ihm ging und ihm erzählte, was alles während der Nacht passirt war; man hatte Diebe abgefaßt, gerade als sie sich in den Gepäckraum schleichen wollten. Drei Mann hätten wegen Ungehorsams fortgeschickt werden müssen, ein Kuppelgewinde sei während des Rangirens des Zuges nach Montvilliers gebrochen. Roubaud hörte schweigend mit ruhiger Miene zu. Er war ein wenig bleich, wahrscheinlich in Folge noch nicht überwundener Müdigkeit, worauf auch die gesenkten Augenlider schließen liehen. Er sah so aus, als hätte er seinen Kollegen noch fragen wollen, ob sonst etwas passirt wäre, als Jener schwieg. Doch unterließ er es. Es war das wohl alles. Er senkte den Kopf und blickte einen Augenblick zu Boden.

Die beiden Männer waren auf dem Bahnsteig bis zum Ende der bedeckten Halle gelangt und standen jetzt da, wo rechter Hand sich eine Remise befand, in welcher die Waggons untergebracht waren, die am gestrigen Abend angekommen. Er erhob den Kopf und seine Augen hefteten sich auf einen Waggon erster Klasse, welcher nur ein Coupé hatte und die Nummer 293 zeigte, wie im flackernden Lichte einer Gaslaterne zu lesen war. In diesem Augenblick sagte der Andere:

»Ah, ich vergaß ...«

Roubaud's bleiches Gesicht färbte sich, er konnte eine leise Bewegung nicht unterdrücken.

»Ich vergaß,« wiederholte Moulin, »dieser Wagen soll hier bleiben, lassen Sie ihn also nicht in den Schnellzug um sechs Uhr vierzig rangiren.«

Einen Augenblick herrschte Schweigen, dann fragte Roubaud in höchst natürlichem Tone:

»Warum das?«

»Weil ein reservirtes Coupé für den Abendschnellzug bestellt ist. Man weiß nicht, ob wahrend des Tages eins eintrifft, daher soll dieses hierbehalten werden.«

Er blickte den Waggon noch immer an und sagte:

»Wohl möglich.«

Doch ein anderer Gedanke beschäftigte ihn bereits und diesem gab er sofort Worte:

»Das ist doch abscheulich! Sehen Sie nur, wie diese Hallunken waschen! Der Waggon sieht aus, als ob der Schmutz von acht Tagen noch nicht weggebracht ist.«

»Das will ich schon glauben,« erwiderte Moulin, »um die Züge, die nach elf Uhr Abends ankommen, kümmert sich keine Seele ... Man muß zufrieden sein, wenn sich die Kerle noch zu einer Visitation verstehen. Haben sie doch eines Abends einen Reisenden in seiner Ecke bis zum nächsten Morgen weiterschlafen lassen!«

Er unterdrückte ein Gähnen und meinte, er wollte sich noch ein wenig hinlegen. Er wollte schon gehen, als ihn die Neugier nochmals bleiben hieß.

»Nun, und Ihre Angelegenheiten mit dem Unterpräfecten, Alles gut abgelaufen?«

»Ja, wir hatten eine glückliche Reise, ich bin zufrieden.«

»Desto besser ... Denken Sie daran, daß 293 hier bleibt.«

Als Roubaud sich allein befand, ging er langsam zum Zuge nach Montvilliers, der fertig wartete. Die Saalthüren waren schon geöffnet und Reisende erschienen, einige Jäger mit ihren Hunden, zwei oder drei Kleinbürgerfamilien, die den Sonntag benutzen wollten, im Ganzen nur wenige Menschen. War dieser Zug erst fort, dann war keine Zeit zu verlieren, denn er mußte gleich darauf den Bummelzug um fünf Uhr fünfundvierzig Minuten nach Rouen und Paris rangiren lassen. Um diese Tageszeit war das Betriebspersonal noch nicht in genügender Anzahl zur Stelle, der diensthabende Unter-Inspector hatte dann alle möglichen Obliegenheiten. Kaum war er mit der Überwachung des Rangirens fertig –jeder Waggon mußte einzeln aus der Remise geholt und von den Arbeitern auf den in der Halle rangirten Zug geschoben werden –hatte er nach dem Vestibül zu eilen, um bei der Billetausgabe und der Gepäckexpedition selbst nachzuschauen. Eine Streitigkeit war zwischen einem Beamten und einigen Soldaten entstanden, die er beilegen mußte. Eine halbe Stunde hindurch hatte er inmitten des eisigen Zugwindes und der frierenden, noch halb schlafenden und in Folge des Gedränges im Dunkeln in schlechter Laune befindlichen Fahrgäste keine Sekunde Zeit, an sich zu denken. Kaum war der Bummelzug aus dem Bahnhof, mußte er den Weichensteller aufsuchen und sich selbst überzeugen, daß hier Alles glatt ging, denn ein directer Zug von Paris kam gleich mit Verspätung an. Er ging sofort zurück und überwachte das Aussteigen der Reisenden, wartete bis der Strom der Reisenden die Billets abgegeben hatte, und sah sich durch die Hotelwagen hart bedrängt, die in so früher Morgenstunde in der Halle warten durften und von den Schienen nur durch eine einfache Barriere getrennt waren. Dann erst, als der Bahnhof wieder einsam und verlassen dalag, konnte er etwas aufathmen.

Es schlug sechs Uhr. Roubaud verließ die bedeckte Halle wie ein müßiger Spaziergänger. Draußen, vor sich die freie Fernsicht, erhob er den Kopf und athmete auf. Endlich sah er den Morgen anbrechen, einen schönen, klaren Morgen, denn der Seewind hatte die Nebel ganz verjagt. Er sah im Norden sich die Küste von Ingouville bis zu den Bäumen des Kirchhofes als ein violetter Streifen vom erbleichenden Himmel abheben; sich nach Süden und Westen wendend, bemerkte er das letzte weißliche Gewölk davonschweben, als segle ein Geschwader in der Ferne. Der ganze Osten aber über dem mächtigen Plateau der Seinemündung flammte auf in Erwartung des baldigen Aufgehens der Sonne. Fast unbewußt nahm Roubaud die Dienstmütze mit dem Goldstreifen vom Kopfe, um seine Stirn in der frischen, reinen Luft zu kühlen. Dieser wohlbekannte Horizont, das mächtige Gebiet der Bahnhofsanlagen, links die Ankunftsseite, dann der Lokomotivenschuppen, rechts die Güterexpedition, eine ganze Stadt, schien ihm die Ruhe zurückzugeben und ihn zur Aufnahme seiner täglichen, stets gleichen Beschäftigung fähig zu machen. Jenseits der Mauer der Rue Charles Laffitte qualmten die Fabrikschornsteine, riesige Haufen von Kohlen sah man längs des Bassins Vauban lagern. Aus den anderen Bassins schallte schon Leben herauf. Das Pfeifen der Güterzüge, das Brausen und der Geruch der Wogen, das ihm der Wind zutrug, lenkten seine Gedanken auf das heutige Fest und das Schiff, zu dessen Stapellauf die Menge drängen würde.

Als Roubaud die bedeckte Halle wieder betrat, fand er das Personal mit der Zusammenstellung des sechs Uhr vierzig Schnellzuges beschäftigt; er glaubte, daß man auch den Waggon 293 nähme, und ein jäher Zornesausbruch hob die Wirkung seiner Abkühlung in der frischen Morgenluft wieder auf.

»In des Teufels Namen, nicht den Waggon dort! Laßt ihn stehen! Er geht erst am Abend mit.«

Der Rangirmeister setzte ihm auseinander, daß man den Waggon nur fortschiebe, um zu einem hinter ihm stehenden zu gelangen. Aber er hörte nicht auf ihn in seiner außer Verhältnis zu dem Gegenstand stehenden Wuth.

»Ungeschickte Kerle, ich habe Euch doch soeben gesagt. Ihr sollt ihn stehen lassen.«

Als er endlich begriff, um was es sich handle, verrauchte seine Wuth auch noch nicht, er schimpfte auf die schlechte Anlage des Bahnhofs, die nicht einmal das Beiseiteschieben eines Waggons ermögliche. In der That war der Bahnhof, einer der ersten dieser Linie, vollständig unzureichend mit seiner alten Holzremise, seinem Dach aus Holz und Zink und schmalen Scheiben, seinen nackten und traurigen Gebäuden, an denen Risse an allen Enden klafften, und einer Stadt wie Havre unwürdig.

»Es ist eine Schande, es ist nur unklar, warum die Gesellschaft das hier noch nicht der Erde gleich gemacht hat.«

Die Arbeiter sahen ihn an, sie waren erstaunt, ihn so frei heraus reden zu hören, der sonst das Muster von Disciplin war. Er fühlte das und schwieg plötzlich. Innerlich sich boßend, überwachte er das Rangiren. Eine Falte der Unzufriedenheit zeigte sich auf seiner niedrigen Stirn, während sein geröthetes, rundes, von einem rothen Barte umrahmtes Gesicht den Ausdruck fester Entschlossenheit annahm.

Von nun an hatte Roubaud sein kaltes Blut wieder. Er beschäftigte sich lebhaft mit dem Schnellzuge und prüfte jedes Detail. Die Koppelungen schienen ihm schlecht gemacht zu sein, er verlangte, daß sie nochmals vor seinen Augen gemacht würden. Eine Frau und deren beide Töchter, die häufig zu seiner Frau kamen, verlangten ein Damencoupé für sich. Ehe er mit der Pfeife das Signal zur Abfahrt gab, überzeugte er sich nochmals, daß am Zuge alles in Ordnung. Lange blickte er ihm nach mit dem klaren Blick des Mannes, dessen nur eine Minute lang gezeigte Unaufmerksamkeit vielen Menschen das Leben kosten kann. Gleich darauf mußte er die Geleise überschreiten, um einen soeben einfahrenden Zug von Rouen zu empfangen. Er stieß hier auf einen Postbeamten, mit dem er täglich Neuigkeiten austauschte. Jetzt trat an dem arbeitsreichen Morgen eine kurze Ruhepause von einer Viertelstunde ein, während der er aufathmen konnte, weil kein unmittelbarer Dienst ihn abrief. Er drehte sich wie gewöhnlich eine Cigarette und plauderte sehr vergnügt. Der Tag nahm zu, man konnte die Gaslaternen auslöschen. Die Halle war so spärlich mit Fenstern versehen, daß ein grauer Schatten in ihr ruhte. Draußen aber hatten die Sonnenstrahlen das weite Himmelsgewölbe, auf welches sie eine Aussicht eröffneten, schon in Flammen getaucht. Der Horizont schwamm in Rosa und in der reinen Luft dieses Wintermorgens zeichneten sich alle Einzelheiten scharf und präcise ab.

Um acht Uhr pflegte der Bahnhofsvorsteher, Herr Dabadie in's Bureau zu kommen; der Unter-Inspector trat dann zum Rapport an. Jener war ein schöner, sehr gebräunter, gut conservirter Mann, der das Benehmen eines ganz seinen Geschäften sich widmenden Großkaufmanns hatte. Er interessirte sich auch herzlich wenig für den Personenverkehr; er widmete seine Aufmerksamkeit mit Vorliebe dem Treiben in den Hafenbassins, dem enormen Transitverkehr und stand in ständiger Verbindung mit dem Großhandel Havres und der ganzen Welt. An diesem Morgen hatte er sich verspätet. Roubaud hatte schon zweimal die Thür zum Bureau geöffnet, ihn aber noch nicht anwesend gefunden. Die Post lag noch uneröffnet auf dem Tische. Die Augen des Unter-Inspectors hatten ein Telegramm unter den Briefen entdeckt. Ein Zauber schien ihn an den Ort zu bannen, denn er wich nicht mehr von der Thür des Bureaus, er kam immer wieder gegen seinen Willen dorthin zurück und seine Blicke schweiften verstohlen zum Tische hinüber.

Endlich, um acht und einviertel Uhr, erschien Herr Dabadie. Roubaud, der sich gesetzt hatte, schwieg, um Jenem Zeit zur Entfaltung der Depesche zu lassen. Doch der Chef hatte es nicht eilig, er wollte sich herablassend zeigen, denn er achtete seinen Untergebenen.

»Nun, ist in Paris alles gut gegangen?«

»Ja, Herr Vorsteher, ich danke für gütige Nachfrage.«

Er hatte endlich die Depesche geöffnet, las aber nicht, sondern lächelte immer noch den Andern an, dessen Stimme durch die Anstrengung, ein nervöses Zucken am Kinn zu unterdrücken, einen rauhen Ton angenommen hatte.

»Wir sind also in der glücklichen Lage, Sie hier zu behalten?« »Ich bin zufrieden, bei Ihnen bleiben zu können.« Endlich entschloß sich Herr Dabadie zur Lectüre der Depesche, Roubaud beobachtete ihn, er fühlte, daß ihm der Schweiß in's Gesicht trat. Aber das erwartete Erstaunen zeigte sich nicht. Der Chef las das Telegramm gelassen zu Ende und warf es dann auf seinen Schreibtisch: wahrscheinlich enthielt es eine dienstliche Nachricht. Während er mit der Sichtung der Post fortfuhr, stattete Roubaud, wie üblich, seinen mündlichen Bericht über die Vorgänge in der Nacht und am frühen Morgen ab. An diesem Morgen jedoch floß ihm nicht der Bericht so glatt von den Lippen, er mußte sich erst auf die Diebe besinnen, die im Gepäckraum abgefaßt worden waren. Man wechselte noch einige Worte, dann verabschiedete er ihn mit einer Handbewegung, als seine beiden Assistenten, der eine von den Hafenbassins und der andere vom Güterverkehr, zum Rapport erschienen. Sie überbrachten eine zweite Depesche, die ihnen soeben ein Beamter draußen eingehändigt hatte.

»Sie können gehen,« sagte Herr Dabadie laut, als er Roubaud an der Thür zögern sah. Doch dieser blieb und seine runden Augen spähten scharf hinüber. Er ging erst, als auch dieses Papier mit derselben gleichgiltigen Bewegung auf den Tisch geworfen worden war. Einen Augenblick stand er verwirrt und betroffen in der Halle. Der Zeiger wies auf acht Uhr fünfunddreißig Minuten, vor neun Uhr fünfzig Minuten ging kein Zug ab. Gewöhnlich benutzte er die freie Stunde zu einem Rundgang durch den Bahnhof. Er wanderte einige Minuten, ohne zu wissen, wohin ihn seine Füße trugen. Als er den Kopf erhob und den Waggon 293 erblickte, wandte er sich ab und ging zum Maschinenschuppen, obgleich es dort nichts zu besichtigen gab. Die Sonne stieg jetzt am Horizont empor und ein goldiger Staub erfüllte die Luft. Er hatte keine Freude mehr an dem schönen Morgen, er beschleunigte seinen Schritt und seine geschäftig aussehende Miene suchte vergeblich die Ungeduld der Erwartung zu verbergen.

Ein Zuruf nöthigte ihn zum Stillstehen.

»Guten Tag, Herr Roubaud ... Haben Sie meine Frau gesehen?«

Pecqueux war es, der Heizer, ein großer, magerer Bursche von dreiundvierzig Jahren mit kräftigen Knochen und von Feuer und Rauch geschwärztem Gesicht. Seine grauen Augen unter der niederen Stirn und sein breiter Mund mit stark hervorstehenden Backenknochen zeigten das ewige Grinsen des Trunkenboldes.

»Wie, Ihr seid es?« sagte Roubaud erstaunt. »Ach so, ich erinnere mich. Ihr habt ja Pech mit der Lokomotive gehabt. –Ihr fahrt erst heute Abend? Eine angenehme Sache, so ein Urlaub von vierundzwanzig Stunden, was?

»Sehr angenehme Sache,« echote der Andre, dessen Trunkenheit vom Abend vorher noch nicht gewichen war.

Aus einem Dorfe bei Rouen gebürtig, war er schon in jugendlichem Alter als Monteur in die Dienste der Gesellschaft getreten. Als er dreißig Jahre alt geworden, fing es an ihm in der Werkstatt langweilig zu werden; er wollte erst als Heizer fahren, um später Lokomotivführer zu werden. Damals hatte er Victoire, die aus demselben Dorfe stammte, geheirathet. Die Jahre vergingen, er blieb Heizer, ohne gute Führung und gutes Benehmen, als Trunkenbold und Frauenjäger hatte er jetzt keine Aussicht mehr auf Carriere. An zwanzig Male schon hätte er seinen Abschied erhalten, wenn er nicht unter dem Schutze des Präsidenten Grandmorin gestanden wäre und man sich an seine Sünden gewöhnt hätte, die er durch seine gute Laune und seine Erfahrungen als gewiegter Arbeiter stets wieder wett zu machen wußte. Er war nur zu fürchten, wenn er betrunken war, denn dann kam seine wahre Brutalität zum Vorschein, die ihn jeder schlechten That fähig machte.

»Haben Sie meine Frau wirklich gesehen?« fragte er nochmals mit der Hartnäckigkeit des Gewohnheitstrinkers, während sich sein Mund zum Grinsen öffnete.

»Ja gewiß haben wir sie gesehen,« antwortete der Unter-Inspector. »Wir haben sogar in Eurem Zimmer gespeist ... Ihr habt eine brave Frau, Pecqueux. Es ist sehr unrecht von Euch, ihr untreu zu sein.«

»O wie kann man so etwas sagen,« sagte er unter noch lauterem Lachen. »Im Uebrigen will sie ja, daß ich mich amüsiren soll.«

Pecqueux sagte die Wahrheit. Victoire, die um zwei Jahre älter als er, in Folge ihres stattlichen Umfanges sehr bequem und schwerfällig geworden war, steckte ihm Fünffrancsstücke in die Taschen, damit er außerhalb des Hauses seinen Vergnügungen nachgehen konnte. Sie hatte nie unter seiner Untreue zu leiden gehabt; seine Natur zwang ihn, den Frauenzimmern nachzulaufen. Jetzt führte er übrigens ein regelmäßiges Leben mit zwei Frauen auf beiden Endstationen der Linie. In Paris hatte er seine eigene und in Havre eine zweite für die Zeit seines kurzen Aufenthaltes daselbst. Für ihre Person war Victoire genau, ja knauserig. Sie wußte alles, behandelte ihn wie eine Mutter und erzählte gern, sie leide es nicht, daß er sich mit der Andern überwerfe. Sie sorgte sogar für seine Wäsche, wenn er abfuhr; sie hätte es sich nie verzeihen können, wenn die Andere sie beschuldigt haben würde, für ihren Mann schlecht zu sorgen.

»Ganz egal,« sagte Roubaud, »schön ist es nicht von Euch. Meine Frau, die ihre Amme verehrt, wird Euch einmal ordentlich den Kopf waschen.«

Er schwieg, denn er sah aus dem Schuppen, vor welchem sie standen, eine große, dürre Frau treten, Philomène Sauvagnat, die Schwester des Depotchefs. Sie war Pecqueux's Ersatzgattin seit einem Jahre. Beide plauderten wahrscheinlich gerade in dem Schuppen, als Pecqueux den Unter-Inspector anrief. Sie sah trotz ihrer zweiunddreißig Jahre noch jugendlich aus. Schlank und knochig gewachsen, mit platter Brust und abgezehrt vor Leidenschaft, besaß sie den länglichen Kopf einer Stute mit wollüstigen, stechenden Augen. Man hatte sie im Verdacht, daß sie trinke. Es gab keinen Beamten auf dem Bahnhof, der sie nicht schon einmal in dem kleinen Hause neben dem Maschinenschuppen, das sie mit ihrem Bruder bewohnte und sehr unsauber hielt, besucht hätte. Dieser, ein starrköpfiger Beichtbruder, aber als Beamter streng auf Disciplin haltend und von seinen Vorgesetzten sehr geschätzt, hatte schon die größten Unannehmlichkeiten dieserhalb gehabt, mehrfach war ihm schon mit Versetzung gedroht worden. Und wenn man sie auch jetzt seinetwegen duldete, so behielt er sie nur noch aus Familienrücksichten bei sich, was ihn nicht hinderte, wenn er sie einmal mit einem Manne abfaßte, so brutal zu schlagen, daß sie für todt auf der Erde liegen blieb. Zwischen ihr und Pecqueux war ein festes Verhältniß entstanden, mit welchem beide Theile zufrieden waren; sie hatte endlich Jemand gefunden, in dessen Armen sie volle Befriedigung fand, er dagegen war seiner dicken Frau überdrüssig und glücklich, diese magere entdeckt zu haben. Er brauche sich jetzt nicht weiter umzusehen, pflegte er im Scherz zu sagen. Séverine hatte für ihre Person mit Philomène gebrochen, sie glaubte das Victoire schuldig zu sein. Ihr natürlicher Stolz hatte sie schon früher von jener etwas fern gehalten, jetzt aber grüßte sie sie gar nicht mehr.

»Meinethalben gleich, Pecqueux,« meinte Philomène frech. »Ich gehe, weil Herr Roubaud Dir im Namen seiner Frau Moral predigen will.«

»Bleibe doch, er neckt mich nur,« antwortete der Heizer mit gutmüthigem Lachen.

»Nein, ich danke. Ich muß Frau Lebleu die zwei frischen Eier bringen, die ich ihr versprochen habe.«

Sie sprach diesen Namen absichtlich aus, denn sie kannte die hartnäckige Rivalität zwischen der Frau des Kassirers und der des Unter-Inspectors. Sie hielt es für richtiger, sich mit der Ersteren gut zu stehen, um so die Andere noch mehr ärgern zu können. Aber sie blieb trotzdem, mit einem Male interessirt, als sie den Heizer nach dem Verlauf der Geschichte mit dem Unterpräfecten fragen hörte.

»Alles beigelegt? Sie sind also zufrieden, Herr Roubaud?«

»Sehr zufrieden.«

Pecqueux kniff seine Spitzbubenaugen zusammen.

»Sie brauchen doch nicht besorgt zu sein? Sie gewinnen Ihr Spiel ja doch immer ... Nicht? Sie verstehen mich? Auch meine Frau schuldet ihm vielen Dank.«

Der Unter-Inspector unterbrach diese Erinnerung an den Präsidenten Grandmorin kurz mit der nochmaligen Frage:

»Ihr fahrt also heute Abend?«

»Ja, die Lison ist wieder hergestellt, man setzt ihr soeben die Triebstange an ... Ich erwarte meinen Lokomotivführer, der seinen freien Tag ebenfalls ausgenutzt hat. Sie kennen doch Jacques Lantier? Er ist ja Ihr Landsmann.«

Einen Augenblick schien es so, als wäre Roubaud mit seinen Gedanken Gott weiß wo gewesen. Dann aber sagte er, als besänne er sich jetzt plötzlich:

»Wie, Jacques Lantier, den Lokomotivführer? ... Gewiß kenne ich ihn. So auf guten Tag, guten Weg. Wir haben uns erst hier kennen gelernt, in Plasans habe ich ihn nie gesehen, er ist ja auch jünger als ich ... Im letzten Herbst hat er meiner Frau einen kleinen Dienst erwiesen, er hat für sie eine Bestellung bei ihren Cousinen in Dieppe ausgerichtet ... Ein befähigter Mensch, wie man sich erzählt.«

Er sprach mehr als nöthig in's Blaue hinein. Plötzlich ging er weiter.

»Auf Wiedersehen, Pecqueux ... Ich muß mal sehen, was hier los ist.«

Jetzt ging auch Philomène mit ihrem weit ausholenden Pferdetritt, während Pecqueux mit den Händen in den Hosentaschen und von dem schönen Morgen zu freundlichem Grinsen gereizt, erstaunt zurückblieb; denn schon kam der Unter-Inspector wieder zurück, nachdem er nur um den Schuppen gegangen war. »Sein Visitiren hat nicht lange gedauert,« meinte Pecqueux bei sich, »möchte wissen, was er da zu schnüffeln hatte.«

Als Roubaud die Halle wieder betrat, schlug es gerade neun Uhr. Er ging bis an's Ende derselben, blickte in die Gepäckexpedition, ohne, wie es schien, das Gesuchte gefunden zu haben. Ebenso ungeduldig kam er zurück. Nach einander suchten seine Blicke die verschiedenen Bureaus auf. Um diese Zeit lag der Bahnhof einsam und verlassen da. Außer ihm lief Niemand dort umher. Dieser Frieden aber wirkte auf ihn nervenstörend. Er fühlte die wachsende Unruhe eines Mannes, der eine Katastrophe kommen sieht und mit brennender Ungeduld ihren Ausbruch erwartet. Seine Kaltblütigkeit war dahin, er hatte sie nicht bewahren gekonnt. Seine Augen verließen das Zifferblatt der Uhr nicht mehr. Neun Uhr, neun Uhr 5 Minuten. Gewöhnlich suchte er seine Wohnung erst um zehn Uhr auf, um zu frühstücken, wenn der Zug um neun Uhr fünfzig Minuten fort war. Heute aber ging er jetzt schon nach oben, er dachte an Séverine, die dort oben ebenso ungeduldig wartete, wie er hier unten.

Im Corridor wurde genau um diese Zeit von Frau Lebleu Philomène, die als Nachbarin ohne Hut mit zwei Eiern in der Hand auf Besuch gekommen war, die Thür geöffnet. Sie gingen aber nicht hinein und so mußte Roubaud sich entschließen, unter ihren beobachtenden Blicken seine Wohnung zu betreten. Er hatte den Schlüssel bei sich und eilte sich. Trotzdem sahen Jene in der kurzen Zeit des Aufschließens und Zuwerfens der Thür Séverine auf einem Stuhl im Eßzimmer mit müßigen Händen und bleichem Antlitz unbeweglich sitzen. Frau Lebleu zog nun Philomène in ihr Zimmer und erzählte ihr, was sie am frühen Morgen gesehen hatte: jedenfalls war die Geschichte wegen des Unterpräfecten böse abgelaufen. Weit gefehlt, erklärte ihr Philomène, sie käme deshalb her, weil sie Neues wüßte, sie hätte es soeben aus dem Munde des Unter-Inspectors selbst gehört. Nun verloren sich beide Frauen in Vermuthungen. So war es immer, wenn sie zusammentrafen, ein Klatschen ohne Ende.

»Man hat ihnen den Kopf gewaschen, meine Liebe, dafür lege ich meine Hände in's Feuer ...«

»Ach, liebe Dame, wenn wir sie doch los würden!«

Die mehr und mehr zugespitzte Feindseligkeit zwischen der Lebleu und den Roubaud war aus einer Wohnungsfrage entstanden. Die ganze erste Etage über den Wartesälen war zu Beamtenwohnungen hergerichtet. Der Hauptcorridor ein wahrer Hotelcorridor, mit gelbgetünchten Wänden, der sein Licht von oben erhielt, theilte die Etage in zwei Flügel, rechts und links mündeten auf ihn braune Thüren. Aber nur die auf der rechten Seite gelegenen Wohnungen hatten Fenster, welche auf den mit alten Ulmen bestandenen Bahnhofsplatz führten; über letzteren fort hatte man einen herrlichen Blick auf die Küste von Ingouville; die links gelegenen Wohnungen dagegen hatten schmale, gewölbte Fenster, die sich direct auf das Bahnhofsdach öffneten, so zwar, daß die hohe Wölbung, dieses Gerippe aus Zinn und schmutzigen Scheiben jeden Fernblick abschnitt. Die einen konnten sich keine bessere Unterhaltung wünschen als das fortwährende Treiben vor dem Bahnhof, das Grün der Bäume, die mächtige Landschaft sie gewährte. Die Anderen dagegen mußten in dem Halbdunkel ihrer Zimmer und angesichts der gefängnißartigen Vermauerung des Himmels von Langeweile umkommen. Nach vorn heraus wohnten der Bahnhofsvorsteher, der Unter-Inspector Moulin und die Lebleu; nach hinten die Roubaud und die Billetverkäuferin, Fräulein Guichon; dann waren noch drei Zimmer vorhanden, die für die kontrollirenden Inspectoren reservirt wurden. Nun war es notorisch, daß die beiden Unter-Inspectoren stets neben einander gewohnt hatten. Daß aber neben Moulin jetzt die Lebleu wohnten, kam daher, weil der Vorgänger von Roubaud, ein kinderloser Wittwer, Frau Lebleu zu Gefallen ihr seine Wohnung abgetreten hatte. War es in der Ordnung, daß sie nach seinem Abgange Roubaud nicht wieder zufiel, daß man sie nach hinten verwies, trotzdem sie ein Anrecht auf die vordere Wohnung hatten? So friedlich und einträchtig die beiden Familien vordem gelebt hatten, so umgekehrt war es jetzt. Séverine hatte sich von ihrer zwanzig Jahre älteren Nachbarin zurückgezogen, mit deren Gesundheit es übrigens schlecht stand. Sie war mächtig dick und litt an wassersüchtigen Fußanschwellungen. Der Krieg war aber erst offen erklärt worden, seit Philomène durch abscheuliche Klatschereien die beiden Frauen erst recht auf einander gehetzt hatte.

»Die sind im Stande,« begann sie jetzt von Neuem, »ihre Reise nach Paris benutzt zu haben, um Ihre Vertreibung durchzusetzen ... Man hat mir versichert, daß sie dem Director einen langen Brief geschrieben haben, worin sie auf ihr gutes Recht pochen.«

Frau Lebleu barst fast vor Wuth.

»Die Elende! ... Ich glaube bestimmt, sie wollen die Billetverkäuferin auf ihre Seite ziehen, denn seit vierzehn Tagen grüßt mich das Fräulein kaum ... Auch ein sauberes Früchtchen! Ich werde ihr schon aufpassen ...«

Sie senkte die Stimme, um der Anderen zu versichern, daß das Fräulein jede Nacht zum Bahnhofsvorsteher schleiche. Beide Thüren lagen sich gegenüber. Herr Dabadie, der Wittwer und Vater einer großen, stets in Pension befindlichen Tochter war, hatte Jener die Stellung verschafft, die eine schon verwelkte, schlanke, schweigsame und reizbare Blondine von dreißig Jahren war, eine ehemalige Erzieherin. Es war unmöglich, sie abzufassen, denn sie verstand es, ohne jegliches Geräusch durch die schmalsten Oeffnungen zu schlüpfen. Ihre Person als solche zahlte nichts. Aber da sie des Bahnhofsvorstehers Liebste war, war ihr Einfluß ein schwerwiegender; hatte man erst ihr Geheimniß entdeckt, dann hatte man sie auch in Händen.

»Und ich werde es schließlich herausbringen,« fuhr Frau Lebleu fort ... »Hier sind wir, hier bleiben wir, alle braven Leute stehen zu uns, nicht wahr, Liebe?«

In der That nahm der ganze Bahnhof einen leidenschaftlichen Antheil an diesem Kriege der beiden Familien.

Der Hauptcorridor namentlich war der Schauplatz heftigster Auftritte. Nur der Unter-Inspector Moulin nahm nicht Theil daran; er war zufrieden, nach vorn heraus wohnen zu können und an eine furchtsame, spröde Frau verheirathet, die man nie sah, die ihm aber in jedem Sommer ein Kind schenkte.

»Und wenn sie auch wackeln, der eine Schlag streckt sie doch nicht nieder ... Vertrauen Sie nicht zu sehr, denn die kennen die Leute mit dem weit reichenden Arm.«

Sie hatte noch immer die beiden Eier in der Hand und bot sie jetzt Frau Lebleu an, es seien frische Eier von heute früh, sie hätte sie soeben ihren Hühnern fortgenommen. Die alte Dame erschöpfte sich in Danksagungen.

»Wie liebenswürdig, Sie beschämen mich. Kommen Sie doch öfter. Mein Mann ist, wie Sie wissen, stets an der Kasse und ich langweile mich so sehr. Meine Beine lassen mich leider nicht aus dem Zimmer. Was sollte aus mir werden, wenn mir jene Elenden die Aussicht nähmen?« Als sie die andere an die Thür begleitete und öffnete, legte sie den Finger an die Lippen.

»Pst! Wir wollen mal hören!«

Beide standen an fünf Minuten bewegungslos im Korridor. Man hörte nicht einmal ihren Athem. Sie neigten den Kopf nach dem Eßzimmer der Roubaud und spitzten die Ohren. Aber es war nichts zu hören, es herrschte dort eine todesähnliche Stille. Sie fürchteten überrascht zu werden und trennten sich daher. Sie nickten sich mit dem Kopfe ein Lebewohl zu, sagten aber nichts. Die eine entfernte sich auf den Fußspitzen, die Andere schloß die Thür so leise, daß man nicht einmal den Schnepper in's Schloß fallen hörte.

Um neun Uhr zwanzig Minuten sah man Roubaud wieder in der Halle. Er überwachte das Rangiren des Bummelzuges um neun Uhr fünfzig Minuten. Trotz seiner Selbstbeherrschung gestikulirte er viel, er stampfte mit den Füßen und wandte fortwährend den Kopf, um die Halle von einem Ende bis zum anderen zu durchforschen. Nichts geschah, seine Hände zitterten.

Plötzlich, gerade als er einen flüchtigen Blick hinter sich warf, hörte er neben sich die Stimme eines Telegraphenboten, der athemlos fragte:

»Wissen Sie nicht, wo der Herr Bahnhofsvorsteher und der Polizeicommissär zu finden sind, Herr Roubaud? ... Ich habe hier zwei Depeschen für sie und suche sie schon zehn Minuten ...«

Er hatte sich umgedreht, kein Muskel zuckte in seinem Gesicht, so beherrschte er sein ganzes Wesen. Seine Augen hafteten auf den beiden Depeschen in der Hand des Austrägers. Angesichts der Aufregung des Anderen war er jetzt seiner Sache sicher. Die Katastrophe war da.

»Herr Dabadie ist vor Kurzem hier vorbeigegangen,« sagte er gelassen.

Noch nie hatte er sich so kaltblütig, bei vollem Bewußtsein, so gewappnet für seine Vertheidigung gefühlt, wie gerade jetzt.

»Da kommt Herr Dabadie,« setzte er gleich hinzu.

Der Bahnhofsvorsteher kam langsam näher. Kaum hatte er aber die Depesche gelesen, rief er laut aus: »Ein Mord auf unserer Strecke ... Der Inspector von Rouen telegraphirt es mir.«

»Wie,« fragte Roubaud, »ein Mord unter unserem Personal?«

»Nein, nein, ein Reisender in seinem Koupee ... der Körper muß gleich hinter dem Tunnel von Malaunay bei Pfahl 153 aus dem Waggon geworfen sein. –Das Opfer ist einer unserer Verwaltungsräthe, der Präsident Grandmorin.«

Jetzt schrie der Unter-Inspector auf:

»Der Präsident! ... O, meine arme Frau, das wird ihr Kummer machen!«

Der Ausruf kam so passend und schmerzlich von seinen Lippen, daß Herr Dabadie stehen blieb:

»Ja, ganz recht. Sie kennen ihn ja. Ein braver Mann, nicht?«

Dann fiel ihm das zweite, an den Polizeicommissär gerichtete Telegramm ein:

»Das kommt gewiß vom Untersuchungsrichter, irgend einer Formalität wegen ... Es ist erst fünf Minuten vor halb zehn, Herr Cauche natürlich noch nicht hier ... Es soll Jemand schnell nach Café du Commerce am Napoleonsgraben laufen, dort wird er sicher zu finden sein.«

Fünf Minuten später kam Herr Cauche in der Begleitung des nach ihm gesandten Arbeiters. Ein ehemaliger Offizier, betrachtete er sein Amt nur als einen Ruheposten; er erschien deshalb nie vor zehn Uhr im Bahnhof, flanirte dort etwas umher und ging dann wieder ins Café zurück. Dieses Drama, das gerade zwischen zwei Partien Piquet hineinregnete, versetzte ihn zunächst in großes Erstaunen, denn für gewöhnlich waren die Geschäfte, die er zu erledigen hatte, weniger bedenklicher Natur. Die Depesche kam in der That vom Untersuchungsrichter in Rouen. Der Umstand, daß sie erst zwölf Stunden nach Entdeckung des Leichnams eintraf, erklärte sich daraus, daß der Untersuchungsrichter zuvor an den Bahnhofsvorsteher in Paris depeschirt hatte, um zu erfahren, unter welchen Umständen das Opfer abgefahren war. Dadurch erfuhr er auch die Nummer des Zuges und des Waggons und jetzt erging an den Polizeicommissär der Befehl, die Koupees in Waggon 293 zu visitiren, falls sich dieser Wagen noch in Havre befinden sollte. Schnell war die von Herrn Cauche gezeigte schlechte Laune über die Störung verflogen und machte einer strengen Amtsmiene Platz, ganz entsprechend der außergewöhnlichen Bedeutsamkeit des Vorfalles.

»Der Waggon wird aber nicht mehr hier sein,« rief er besorgt, er fürchtete, die Untersuchung könnte ihm entgehen, »er ist jedenfalls heute früh nach Paris zurückgegangen.«

»Bitte um Entschuldigung,« sagte Roubaud mit ruhiger Miene ... »Für heute Abend ist ein reservirtes Koupee bestellt, deshalb ist der Waggon zurückgehalten worden und steht dort in der Remise.«

Er ging voran, der Commissär und der Bahnhofsvorsteher folgten ihm. Inzwischen hatte sich die Neuigkeit schon verbreitet, die Männer ließen ihre Arbeit ruhen und schlossen sich neugierig Jenen an. In den Thüren der verschiedenen Bureaus zeigten sich die Beamten und kamen einer nach dem andern näher. Bald war ein ganzer Auflauf fertig.

Als man bei dem Waggon anlangte, bemerkte Herr Dabadie laut:

»Der Wagen ist jedenfalls gestern Abend schon visitirt worden. Wenn etwas zu sehen gewesen wäre, hätte man es jedenfalls rapportirt.«

»Wir wollen trotzdem einmal nachsehen,« meinte Herr Cauche.

Er öffnete die Thür und betrat das Koupee. Im selben Augenblick schrie und fluchte er auch schon wie besessen.

»In des Teufels Namen! Das sieht ja aus, als hätte man hier ein Schwein abgestochen.«

Ein gelindes Frösteln überlief die Anwesenden, die Köpfe streckten sich vor. Herr Dabadie trat zunächst auf das Trittbrett. Hinter ihm reckten die Uebrigen, auch Roubaud, die Hälse, um besser sehen zu können.

Das Innere des Koupees zeigte keine auffallende Unordnung. Die Fenster waren geschlossen geblieben, alles schien an seinem Platze. Aber ein ekler Geruch strömte durch die geöffnete Thür. Und dort mitten auf einem Polster war schwarzes Blut zu einer Lache geronnen und diese tiefe, breite Lache hat ein Bächlein von Blut entsendet, das über den Boden dahinfloß. Die Vorhänge zeigten ebenfalls Blutflecke, nichts anders als dieses widerliche Blut war zu sehen.

»Wo sind die Leute, die gestern Abend den Waggon visitirt haben? Sie sollen sofort herkommen,« herrschte Herr Dabadie.

Sie waren schon zur Stelle und traten, Entschuldigungen stotternd, näher: sie hätten bei Nacht nichts erkennen können, hatten aber alles gehörig nachgesehen, das könnten sie beschwören.

Herr Cauche blieb noch im Koupee und machte sich mit einem Bleistift Notizen für seinen Bericht. Er rief Roubaud heran, mit dem er gern verkehrte und auf dem Quai in dessen Freistunden, Cigarretten rauchend, umherschlenderte.

»Steigen Sie mal herauf, Herr Roubaud, und helfen Sie mir.«

Als der Unter-Inspector behutsam über das Blut am Fußboden gestiegen war, rief Herr Cauche ihm zu:

»Sehen Sie unter dem andern Polster nach, ob da was zu finden ist.«

Roubaud hob das Kissen auf und suchte mit vorsichtig tastenden Händen und den Blicken eines Neugierigen.

»Nichts zu sehen.«

Aber ein Fleck auf dem Schoner des Rückenkissens zog seine Aufmerksamkeit auf sich; er zeigte ihn dem Commissär . War es nicht der blutige Abdruck eines Fingers? Nein, man einigte sich, daß es ein Spritzer war. Die Menschen waren nahe herangedrängt, um dem Gange der Untersuchung besser folgen zu können und besprachen hinter dem Rücken des Stationsvorstehers das Verbrechen, der als feinfühliger Mann auf dem Trittbrett stehen geblieben war.

Plötzlich schien ihm etwas einzufallen.

»Sagen Sie mal, Herr Roubaud, befanden Sie sich nicht in demselben Zuge? ... Sie sind doch gestern Abend mit dem Schnellzuge zurückgekommen? ... Können Sie uns einige Aufschlüsse geben?«

»Ganz recht,« rief der Commissär. »Haben Sie etwas gesehen?«

Drei oder vier Sekunden hindurch blieb Roubaud stumm. Er hielt den Kopf so lange etwas gesenkt und sondirte den Fußboden. Dann aber erhob er sofort das Gesicht und antwortete mit seiner natürlichen, etwas fetten Stimme:

»Gewiß, was ich weiß, will ich Ihnen gern erzählen ... Meine Frau war bei mir. Da meine Aussagen zu Protokoll genommen werden, möchte ich gern, daß meine Frau herkommt, um durch ihre Erinnerungen die meinen zu kontrolliren.«

Herrn Cauche erschien dieser Vorschlag sehr vernünftig und Pecqueux, der soeben hinzugekommen war, erbot sich, Séverine zu holen. Er rannte spornstreichs davon; man mußte sich etwas gedulden. Philomène, die sich mit ihm zugleich eingefunden hatte, blickte ihm nach, sie verstand nicht recht, warum gerade er sich zu dieser Dienstleistung anbot. Als sie aber jetzt Frau Lebleu bemerkte, die sich mit der ganzen Kraft ihrer wassersüchtigen Beine vorwärts wälzte, lief sie ihr entgegen und unterstützte sie. Die beiden Frauen erhoben die Hände zum Himmel und stießen leidenschaftliche Betheuerungen angesichts des entdeckten Verbrechens aus. Obwohl Niemand etwas Genaueres wissen konnte, behaupteten sie aus den Gesten und von den Gesichtern schon vieles abgelesen zu haben. Das Gewirr der Stimmen überschreiend, betheuerte Philomène, ohne dieses Factum von Jemandem gehört zu haben, auf Ehrenwort, daß Frau Roubaud den Mörder gesehen habe. Erst als Pecqueux mit dieser zurückkehrte, trat Stillschweigen ein.

»Da sehen Sie nur,« murmelte Frau Lebleu. »Die Frau eines Unter-Inspectors mit der Miene einer Prinzessin! Ehe der heutige Tag anbrach, stand sie schon frisirt und geputzt da, als wollte sie gleich auf Besuch gehen.«

Séverine kam mit kleinen, regelmäßigen Schritten heran. Sie hatte unter den auf sie gerichteten Blicken eine hübsche Strecke auf dem Perron zurückzulegen. Aber sie wankte nicht, sie hielt nur das Taschentuch vor das Gesicht als Zeichen des großen Schmerzes über das Geschehene. Sie trug ein einfaches, aber elegantes Kleid, es schien, als hatte sie schon Trauer in Folge des Todes ihres Wohlthäters angelegt. Ihre schweren Flechten leuchteten in der Sonne, denn sie hatte sich nicht einmal Zeit genommen, ihr Haupt trotz der Kälte zu bedecken. Ihre sanften blauen, ängstlich blickenden Augen schwammen in Thränen, was sehr rührend aussah.

»Sie hat guten Grund zu weinen,« sagte Philomène halblaut, »nun man ihnen ihre Vorsehung getödtet, sind sie aufgeschmissen.«

Als Séverine mitten unter den Leuten vor der offenen Koupeethür stand, kletterten Herr Cauche und Roubaud heraus. Der letztere begann sofort zu sagen was er wußte.

»Wir sind gestern früh gleich nach unserer Ankunft in Paris zu Herrn Grandmorin gegangen, so war es doch, mein Herz? ... Es konnte ungefähr ein Viertel nach elf sein, nicht wahr?«

Er sah sie scharf an und sie plapperte gelehrig nach:

»Ja, ein viertel nach elf.«

Ihre Blicke blieben auf dem vom Blute getränkten Polster haften. Ein krampfartiges Schluchzen hob ihre Brust. Der teilnahmsvolle gerührte Bahnhofsvorsteher legte sich ins Mittel.

»Wenn Sie diesen Anblick nicht ertragen können –wir begreifen Ihren Schmerz vollkommen, so ...«

»O, nur noch zwei Worte,« unterbrach ihn der Commissär. »Wir entlassen Frau Roubaud dann sofort in ihre Wohnung.«

Roubaud beeilte sich mit seinem Bericht.

»Nachdem wir über verschiedene Angelegenheiten geplaudert, theilte Herr Grandmorin uns mit, daß er am folgenden Tage zu seiner Schwester nach Doinville reisen würde ... Ich sehe ihn noch vor seinem Schreibtische sitzen. Ich stand hier, meine Frau dort ... Nicht wahr, er sagte doch, daß er am nächsten Tage reisen wollte?«

»Ja, am nächsten Tage.«

Cauche, der unausgesetzt schrieb, sah auf.

»Wie, am nächsten Tage? Er ist ja aber noch am selben Abend gereist!«

»Warten Sie nur,« versetzte der Unter-Inspector. »Erst als er hörte, daß wir noch am selben Abend zurückreisen würden, sprach er die Absicht aus, denselben Zug zu benutzen, wenn meine Frau ihn nach Doinville begleiten wollte, wo sie wie schon früher einige Tage bei seiner Schwester zubringen sollte. Aber meine Frau, die gerade sehr viel zu thun hat, lehnte sein Anerbieten ab ... So war es doch?«

»Ja, ich lehnte es ab.«

»Und dann wurde er sehr liebenswürdig. Er erzählte sich mit mir etwas und begleitete uns bis an die Thür seines Cabinets. So war es, nicht wahr?«

»Ja, bis an die Thür.«

»Am Abend reisten wir ab ... Ehe wir in unser Koupee stiegen, habe ich mit Herrn Vandorpe, dem Bahnhofsvorsteher, geplaudert. Ich habe nichts weiter gesehen. Ich ärgerte mich sehr, weil ich mich zuerst allein mit meiner Frau glaubte, bei näherem Hinsehen aber in einer Ecke eine vorher nicht bemerkte Dame sah. Im letzten Augenblick sind dann noch zwei weitere Leute, ein Ehepaar, eingestiegen ... Bis Rouen ist mir nichts Außergewöhnliches aufgefallen ... In Rouen stiegen wir aus, um uns die Beine etwas zu vertreten. Wir waren aber nicht wenig erstaunt, drei oder vier Waggons von dem unsrigen entfernt Herrn Grandmorin an einer Koupeethür stehen zu sehen. »Wie, Herr Präsident, Sie sind doch gereist? Daran haben wir, weiß Gott, nicht gedacht, noch mit Ihnen zusammen zu fahren!« Er erzählte uns, er habe eine Depesche erhalten ... Dann pfiff es, wir gingen schnell zu unserm Koupee zurück, welches jetzt nebenbei bemerkt, leer war, da unsere Reisegenossen in Rouen geblieben waren, worüber wir uns übrigens nicht grämten ... Das ist wohl alles, mein Herz, nicht wahr?«

»Ja, es ist wohl alles.«

Dieser Bericht, so einfach er lautete, hatte doch Eindruck auf das Auditorium gemacht. Alle lauschten mit offenem Munde auf das, was noch kommen sollte. Der Commissär hörte auf zu schreiben und gab der allgemeinen Ueberraschung durch die Frage Ausdruck:

»Und Sie sind überzeugt, daß sich im Koupee des Herrn Grandmorin Niemand befand?«

»Ich bin davon überzeugt.«

Ein Zittern durchlief die Menge. Diese geheimnißvolle That trug in ihren Fittichen die Furcht und Jeder fühlte ein gelindes Frösteln über seinen Nacken kriechen. Wenn sich der Reisende in der That allein befand, wer konnte ihn ermordet und drei Meilen weiter noch vor der nächsten Haltestation zum Fenster hinausgeworfen haben?

Die böswillige Stimme Philomènes brach zuerst das Schweigen.

»Eigenthümlich bleibt die ganze Sache.«

Roubaud fühlte ihren Blick auf sich ruhen und sah sie, mit dem Kopfe zuckend, ebenfalls an, als wollte er damit ausdrücken, daß auch er die Sache eigenthümlich fände. Neben jener standen Pecqueux und die Lebleu, die ebenfalls den Kopf schüttelten. Aller Augen hatten sich ihm zugewandt, man wartete noch auf etwas Anderes, man suchte an ihm eine vergessene Einzelheit, die Licht in den Vorfall bringen konnte. In diesen gierigen Blicken lag keine Anklage. Trotzdem schienen sie ihm verdächtig, er las aus ihnen eine leise Verdächtigung, einen Zweifel, den die kleinste Ursache in Gewißheit verwandeln konnte.

»Außergewöhnlich,« murmelte Herr Cauche.

»Ganz außergewöhnlich,« wiederholte Herr Dabadie.

Roubaud hatte sich inzwischen zu etwas entschlossen.

»Ich weiß ferner noch ganz genau, daß der Eilzug, der zwischen Rouen und Barentin nicht hält, mit seiner regulären Schnelligkeit fuhr. Ich habe nichts Unregelmäßiges entdeckt. Ich sage das, weil ich die Scheibe heruntergelassen hatte, sobald wir uns allein befanden, um eine Cigarrette zu rauchen. Ich blickte von Zeit zu Zeit hinaus und lauschte auf den Lärm, den der Zug machte. Nichts Verdächtiges war zu hören. In Barentin sah ich den Vorsteher, Herrn Bessière, meinen Nachfolger, auf dem Perron stehen; ich rief ihn heran und wir wechselten drei Worte. Er stieg sogar auf das Trittbrett, um mir die Hand zu schütteln ... So war es doch, Frau? Uebrigens kann ja Herr Bessière gefragt werden, er wird es bestätigen.«

Séverine mit ihrem noch immer bleich und unbeweglich starrenden, in Kummer getauchten Antlitz bestätigte auch diesmal die Aussage ihres Gatten.

»Ja er wird es bestätigen.«

Jeder Schein von Verdacht war nun abgewendet, da die Roubaud in Rouen ihr Koupee wieder bestiegen hatten und in demselben in Barentin von einem Freunde angetroffen waren. Der Schatten von Argwohn, den Roubaud in den Blicken der Umstehenden zu lesen geglaubt hatte, war verflogen; das Erstaunen wuchs. Die Angelegenheit nahm eine immer geheimnißvollere Wendung.

»Und Sie wissen es genau,« fragte der Commissär, »daß in Rouen Niemand in das Koupee von Herrn Grandmorin gestiegen ist, nachdem Sie ihn verlassen hatten?«

Roubaud hatte ersichtlich diese Frage nicht vorausgesehen, denn zum ersten Male war er verwirrt, er hatte sich die Antwort hierauf vorher eben nicht zurechtlegen können. Er blickte zögernd seine Frau an.

»Ich glaube nicht ... Die Thüren wurden geschlossen, die Maschine pfiff, mir hatten gerade noch Zeit zu unserm Koupee zu gelangen ... Uebrigens war das Koupee des Herrn Grandmorin reservirt, wie mir scheint, es konnte also Niemand dort einsteigen ...«

Die Augen seiner Frau veränderten sich und blickten fürchterlich groß, sie schien erschreckt über die Sicherheit seiner Behauptung.

»Im Uebrigen, weiß ich es nicht. –Ja, vielleicht ist noch Jemand zu ihm eingestiegen. –Es war dort ein großes Gedränge ...«

Je länger er sprach, desto klarer wurde seine Stimme, diese neue Geschichte, die in ihm auftauchte, klang überzeugend.

»In Folge des Festtages in Havre war die Menge auf dem Perron eine gewaltige ... Wir mußten unser Koupee gegen Reisende der zweiten, selbst der dritten Klasse vertheidigen ... Der Bahnhof ist auch so mangelhaft beleuchtet, daß man kaum etwas sehen konnte, man stieß sich und schrie durcheinander vor der Abfahrt ... Es ist ja in der That möglich, daß Jemand, der nicht wußte, wo er unterkommen sollte oder Jemand, der den Andrang benutzte, noch in der letzten Sekunde sich mit Gewalt Eintritt in das Koupee verschafft hat. So wird es wahrscheinlich auch gekommen sein, nicht wahr, mein Herz?«

Und Séverine, wie gebrochen, das Taschentuch vor den überfließenden Augen, wiederholte mechanisch:

»So wird es gewiß gewesen sein.«

Jetzt war eine Spur vorhanden. Ohne ein Wort zu wechseln, tauschten der Polizeicommissär und der Bahnhofsvorsteher einen Blick des Einverständnisses aus. In der Menge machte sich eine Bewegung kund, man fühlte, daß die Untersuchung beendet war und jeden kitzelte es, die Geschichte mit eigenen Commentaren weiter zu verbreiten, jeder wußte eine andere Thatsache. Der Bahnhofsdienst war augenblicklich so gut wie eingestellt, das ganze Personal war, von dem Drama angelockt, hier versammelt. Man war überrascht, als man schon den neun Uhr achtunddreißig Zug einfahren sah. Man eilte davon, die Koupeethüren öffneten sich, der Strom der Passagiere ergoß sich über den Bahnsteig. Die meisten Neugierigen aber waren bei dem Commissär geblieben, der als gewissenhafter Mann noch einmal das blutige Koupee durchsuchte.

Pecqueux, der zwischen Frau Lebleu und Philomène heftig gestikulirte, bemerkte in diesem Augenblick seinen Lokomotivführer Jacques Lantier, der soeben mit dem Zuge angekommen war und unbeweglich von fern den Auflauf beobachtete. Er winkte ihm eifrig mit der Hand herbei. Zunächst rührte sich Jacques nicht, dann aber entschloß er sich langsam näher zu kommen.

»Was ist hier los?« fragte er seinen Heizer.

Er kannte ja die Geschichte von dem Morde und hörte auf die Vermuthungen nur mit halbem Ohr hin. Was ihn überraschte und fremd berührte, war der zufällige Umstand, daß gerade er in diese Untersuchung hineinplatzen, daß er dieses in der Dunkelheit mit rasender Schnelligkeit bei ihm vorübergeflogene Koupee hier wiederfinden sollte. Er streckte den Kopf vor und sah das geronnene Blut auf dem Polster. Die Todtschlagsscene trat ihm wieder vor die Erinnerung, er sah im Geiste den Leichnam mit durchschnittenem Halse ausgestreckt neben dem Geleise liegen. Als er die Augen abwandte, bemerkte er die Roubaud, während Pecqueux fortfuhr zu erzählen, wie Jene in die Geschichte verflochten worden seien, indem sie von Paris aus in demselben Zuge mit dem Ermordeten reisten, und welches des Präsidenten letzte Worte in Rouen gewesen waren. Den Mann kannte er, er wechselte, seitdem er den Eilzug führte, fast täglich einen Händedruck mit ihm, die Frau hatte er schon von Weitem gesehen; sein krankhafter Zustand hatte ihn von ihr, wie von allen andern fern gehalten. Aber in dieser Minute, wie er sie so bleich und weinend, mit dem sanften Blick ihrer trauernden blauen Augen unter dem schwarzen Lockengewirr dort stehen sah, fühlte er sich tief ergriffen. Sein Auge verließ sie nicht mehr, er war wie abwesend, er fragte sich wie betäubt, warum die Roubaud und er eigentlich hier ständen, warum dieser Mord gerade sie vor diesem Waggon zusammenbrächte, sie, die am Abend vorher von Paris, er, der soeben erst aus Barentin gekommen war.

»Ich weiß, ich weiß,« unterbrach er laut den Heizer. »Ich stand gerade am Ausgange des Tunnels und glaube etwas gesehen zu haben, als der Zug vorüberfuhr.«

Das war ein Drängen, Alle rückten ihm so dicht als möglich auf den Leib. Er selbst war der erste, der erzitterte und sich erstaunt und bestürzt fragte, was er soeben gesagt hätte. Warum hatte er nun doch gesprochen, trotzdem er es sich so fest vorgenommen hatte, zu schweigen? Er hatte so viele gewichtige Gründe, die ihn schweigen hießen! Aber die Worte waren ihm wider seinen Willen entschlüpft, während er jene Frau ansah. Sie hatte ihr Taschentuch vom Gesicht entfernt und wandte ihm ihre starren, sich unheimlich vergrößernden Augen zu.

Der Commissär war mit dem Bahnhofsvorsteher ebenfalls hart an ihn herangetreten.

»Was haben Sie gesehen?«

Und Jacques sagte unter dem Banne von Séverine's durchbohrendem Blicke, was er gesehen hatte: das erleuchtete Koupee, das mit Sturmeseile durch die Nacht geführt wurde, die flüchtigen Profile der beiden Männer, der eine in die Ecke gedrückt, der andere mit dem Messer in der Faust. Roubaud horte neben seiner Frau stehend zu und heftete ebenfalls seine großen, erbleichten Augen auf ihn.

»Würden Sie also den Mörder wiedererkennen?« fragte der Commissär.

»Nein, ich glaube nicht.«

»Trug er einen Ueberrock oder eine Blouse?«

»Ich kann es nicht mit Bestimmtheit sagen. Denken Sie doch, ein Zug, der mit einer Schnelligkeit von achtzig Kilometer fährt!«

Séverine tauschte gegen ihren Willen einen Blick mit Roubaud aus, der es über sich gewann zu sagen:

»In der That, der müßte gute Augen haben.«

»Thut nichts,« schloß Herr Cauche, »hier haben wir eine wichtige Aussage. Der Untersuchungsrichter wird Ihnen helfen klar zu sehen ... Herr Lantier und Herr Roubaud nennen Sie mir Ihre genauen Namen wegen der Vorladung.«

Die Untersuchung war zu Ende, die Gruppe der Neugierigen zerstreute sich allmählig, der Bahnhofsdienst nahm wieder seinen regelmäßigen Verlauf. Rouboud eilte zu dem Bummelzuge um neun Uhr fünfzig, in welchem die Reisenden schon Platz nahmen. Er hatte mit Jacques einen kräftigeren Händedruck als gewöhnlich gewechselt. Dieser blieb allein mit Séverine hinter Frau Lebleu, Pecqueux und Philomène zurück, die tuschelnd davongingen. Er sah sich auf diese Weise gezwungen, die junge Frau durch die Halle bis zur Treppe zu den Beamtenwohnungen zu begleiten. Er hatte für sie keine Worte, konnte aber doch nicht von ihr fort, als hätte sich soeben ein geheimes Band um Beide geschlungen. Die Heiterkeit des Tages war inzwischen gewachsen, die Sonne stieg siegreich aus den Nebeln des Morgens in die große Durchsichtigkeit des blauen Himmels auf, während der Seewind mit der Fluth an Stärke zunahm und eine salzige Frische herbeiwehte. Als er sie endlich mit einem banalen Abschiedswort verließ, begegnete er abermals ihren großen Augen, deren schreckensvoller, flehender, sanfter Blick ihn so sehr gerührt hatte.

Ein leises Pfeifen. Roubaud gab das Zeichen zur Abfahrt. Die Lokomotive antwortete durch einen langgedehnten Pfiff und der neun Uhr fünfzig Zug rasselte hinaus, er fuhr schneller und schneller und verschwand in dem goldenen Geflimmer der Ferne.

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