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Die Bestie im Menschen

Emile Zola: Die Bestie im Menschen - Kapitel 2
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typefiction
authorEmil Zola
titleDie Bestie im Menschen
printrunVierte Auflage
publisherVerlag von G. Grimm
year1892
translatorAlfred Ruhemann
correctorreuters@abc.de
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Zweites Kapitel

In einem von der Eisenbahn durchschnittenen Park und so nahe den Geleisen, daß alle vorüberfahrenden Züge es bis in seine Grundmauern erzittern machen, liegt in schräger Linie das Landhaus von la Croix-de-Maufras. Wen einmal die Reise an ihm vorübergeführt hat, der verliert es nicht mehr aus der Erinnerung, selbst wenn er nichts Näheres von ihm weiß. Es ist immer geschlossen und mit seinen grünen Fensterläden zum Schutze vor den westlichen Regengüssen macht es den Eindruck wüster Oede. Und diese Verlassenheit scheint die Einsamkeit dieses verlorenen Winkels noch zu erhöhen; auf eine Meile in der Runde begegnet man keiner menschlichen Ansiedlung.

Nur das Bahnwärterhäuschen steht in dem Winkel der Landstraße, die über den Eisenbahndamm fort nach dem fünf Kilometer entfernten Doinville führt. Niedrig, mit rissigen Mauern und von Schwamm angefressenen Dachziegeln kauert es wie ein armseliger Bettler inmitten des mit Gemüsebeeten bestellten, von einer lebendigen Hecke eingeschlossenen herrschaftlichen Gartens, in welchem sich auch ein tiefer Schöpfbrunnen vorfindet. Der im gleichen Niveau mit der Bahnstrecke liegende Uebergang befindet sich genau halbwegs zwischen Malaunay und Barentin, vier Kilometer von jeder Ortschaft entfernt. Er wird übrigens sehr wenig benutzt, die halbmorsche Barriere öffnet sich fast nur für die Blockwagen der Kärrner aus dem in einer Entfernung von einer halben Meile mitten in der Forst gelegenen Bécourt. Man kann sich kein abseitigeres, von Menschen mehr gemiedenes Nest denken als dieses, denn der lange Tunnel nach Malaunay hin schneidet jeden Verkehr ab; so kann man zum Beispiel nach Barentin nur auf einem schlecht unterhaltenen Fußpfade gelangen, der längs der Bahnstrecke führt. Aber auch dort sieht man nur selten Leute.

An dem Abend aber, an welchem unsere Erzählung begann, sah man gegen Dunkelwerden bei einer milden, aber trüben Witterung einen Reisenden, der den Zug in Barentin verlassen hatte, mit lang ausholenden Schritten den Fußpfad nach la Croix-de-Maufras verfolgen. Das Gelände bildet hier eine ununterbrochene Folge von Thälern und Abhängen und durch dieses wellige Land führt die Eisenbahn abwechselnd auf künstlich aufgeschütteten Dämmen und in der Tiefe zwischen den Bergen. Dieser beständige Terrainwechsel, die Höhen und Tiefen zu beiden Seiten der Strecke, verhindern die Anlegung von Landstraßen. Das Gefühl großer Einsamkeit wird dadurch noch vermehrt; das dürre, weiß schimmernde Erdreich ist unbebaut geblieben; halbwüchsige Bäume krönen einige Schwellungen des Bodens, während tief unten durch die Thäler von Weiden beschattete Bäche rieseln. Wieder andre, kreidige Anhöhen sind vollständig nackt und unfruchtbare Abhänge folgen sich; das Schweigen und die Bangigkeit des Todes lagert über der Gegend. Der junge, kräftige Reisende beschleunigte seinen Schritt, als wollte er der Traurigkeit dieses milden Halbdunkels über diesem einsamen Stückchen Erde entrinnen.

In dem Garten beim Bahnwärterhäuschen schöpfte eine große, kräftige Blondine, ein achtzehnjähriges junges Mädchen mit starken Lippen, grünlich schimmernden Augen und einer niedern Stirn unter den schweren Haarflechten Wasser aus dem Brunnen. Niedlich konnte man sie kaum nennen, denn sie hatte kräftige Hüften und muskulöse Arme wie ein Mann, Als sie eben den den Fußpfad heruntersteigenden Fremden bemerkte, ließ sie den Eimer fallen und eilte vor die durchbrochene Thür, welche die lebendige Hecke abschloß.

»Oho! Jacques!« rief sie.

Jener blickte auf. Er mochte sechsundzwanzig Jahre zählen und war ebenfalls groß gewachsen und sehr gebräunt, ein hübscher Bursche mit einem runden regelmäßigen Gesicht, das leider zu stark entwickelte Kinnbacken verunzierten. Seine dicht stehenden Haare, ebenso sein Schnurrbart lockten sich so tiefschwarz, daß dadurch das Fahle seiner Gesichtsfarbe noch verstärkt wurde. Die Feinheit seiner auf den Backen glattrasirten Haut hätte auf einen Herrn der besseren Gesellschaft schließen lassen, wenn man nicht auf der andern Seite die untilgbaren Merkmale des Handwerkers erblickt haben würde: die Schmiere, welche seine Mechanikerhände schon gelb zu färben begann; übrigens waren diese Hände trotzdem klein und geschmeidig.

»Guten Abend, Flore,« gab er zurück.

Aber seine Augen, die so lange groß und schwarz in die Welt geblickt hatten, schienen zu erbleichen, als blende sie ein röthlicher Dunst. Die Lider klappten auf und nieder und die Augäpfel wanderten zur Seite. Ein Gefühl unsäglicher Verlegenheit, ja des Uebelseins ließ ihn furchtbar leiden; selbst der ganze Körper machte eine instinktive Rückwärtsbewegung.

Sie stand unbeweglich da. Ihre Blicke waren fest auf ihn gerichtet, so daß ihr das unfreiwillige Erzittern, dessen er vergebens Herr zu werden sich bemühte, nicht entgangen war. Sie kannte es bereits, es überfiel Jenen jedesmal, wenn er sich einem weiblichen Wesen näherte. Sie schien darüber ernst und traurig gestimmt. In seiner Verlegenheit, die er gern verborgen hätte, fragte er sie, ob ihre Mutter zu Hause wäre, obwohl er ganz genau wußte, daß diese leidend und nicht im Stande war, fortzugehen. Sie antwortete durch ein bloßes Nicken mit dem Kopfe und trat zur Seite, damit Jener sie beim Vorübergehen nicht zu streifen brauchte. Dann ging sie, ohne weiter ein Wort zu verlieren, stolz aufgerichtet zum Brunnen zurück.

Jacques durchschritt eilig den schmalen Garten und betrat das Haus. Im ersten Gemach, einer mächtigen Küche, die gleichzeitig Speise- und Wohnzimmer, saß einsam am Tisch in einem Strohstuhle, die Füße mit einem alten Shawl umwickelt, Tante Phasie, wie man sie schon als er noch ein Kind nannte. Sie war eine Cousine seines Vaters, ebenfalls eine Lantier, die gleichzeitig seine Pathe war und ihn im Alter von sechs Jahren zu sich genommen hatte, als seine Eltern plötzlich nach Paris ausgerückt waren und ihn in Plassans, woselbst er auch später die Gewerbeschule besuchte, zurückließen. Es war seit jener Zeit in ihm ein Gefühl lebhafter Erkenntlichkeit zurückgeblieben; daß er seinen Weg gemacht habe, dankte er nur ihr, behauptete er. Als er Locomotivführer erster Klasse bei der Westbahngesellschaft geworden war, nachdem er zwei Jahre bei der Bahn in Orleans gearbeitet hatte, fand er seine Tante mit ihren beiden Töchtern erster Ehe an einen Bahnwärter, namens Misard verheirathet in diesem verlorenen Winkel von la Croix-de-Maufras wieder. Heute sah die ehemals so große und kräftige Tante Phasie, trotzdem sie kaum fünfundvierzig Jahre zählte, abgemagert und eingeschrumpft, von fortwährenden Schauern durchschüttelt, wie eine Sechzigerin aus.

Sie stieß einen Ruf freudigen Erstaunens aus.

»Wie, du bist es, Jacques! ... Ach, welche Ueberraschung, mein großer Junge!«

Er küßte ihr die Wangen und erzählte ihr, daß er einen zweitägigen, unfreiwilligen Urlaub habe nehmen müssen: seine Lokomotive, die Lison, habe des Morgens bei der Ankunft in Havre einen Bruch an der Treibstange erlitten; die Reparatur dauere vierundzwanzig Stunden, er trete also seinen Dienst erst am Abend des folgenden Tages, zum sechs Uhr vierzig Schnellzug wieder an. Er habe die Gelegenheit benutzt, um sie umarmen zu können. Er wolle hier übernachten und erst morgen früh mit dem Zuge um sieben Uhr sechsundzwanzig Minuten von Barentin aus zurückkehren. Und während er ihre armen abgezehrten Hände umfaßt hielt, erzählte er ihr, wie sehr ihn ihr letzter Brief beunruhigt habe.

»Ach ja, mein Junge, so geht es auch nicht mehr weiter. Wie nett von Dir, daß Du meinen Wunsch, Dich zu sehen, errathen hast. Aber ich weiß, wie schwer Du loskommen kannst, daher wagte ich es nicht, Dich hierher zu bitten. Jetzt bist Du da und ich habe so viel auf dem Herzen!«

Sie unterbrach sich und warf einen mißtrauischen Blick durch das Fenster. In der fortschreitenden Dämmerung sah man jenseits der Strecke ihren Mann Misard auf seinem Posten in einer der Holzbuden, die alle fünf oder sechs Kilometer aufgestellt und zur Sicherstellung des Verkehrs untereinander telegraphisch verbunden sind. Während seine Frau und später Flore mit dem Dienst bei der Uebergangsbarriere betraut waren, mußte er selbst das Amt eines Bahnwärters versehen.

Sie senkte sich schüttelnd die Stimme, als ob er sie hätte hören können.

»Ich glaube fest, er will mich vergiften!«

Jacques sprang bei dieser vertraulichen Mittheilung überrascht auf. Auch seine Augen wandten sich dem Fenster zu und er fühlte von Neuem, wie ein schwacher, rother, mit goldenen Punkten besäter Schleier den klaren Blick seiner schwarzen Augen verdunkelte.

»Aber welcher Gedanke, Tante Phasie!« murmelte er. »Er sieht ja so sanft und nachgiebig aus.«

Ein Zug nach Havre mußte im nächsten Augenblick vorüberkommen. Misard war aus dem Wachthäuschen getreten und hatte die Barriere hinter sich geschlossen. Während er durch einen Druck auf den Hebel das Signallicht sich in ein rothes verwandeln ließ, betrachtete ihn Jacques. Er war ein kleiner, abgezehrter Mann mit einem armseligen durchfurchten Gesicht und farblosem spärlichem Haarwuchs; augenscheinlich ein schweigsamer, sich bei Seite drückender, geduldiger und vor seinen Vorgesetzten buckelnder Beamter. Inzwischen war er in die Bretterbude zurückgegangen, um in sein Wachtbuch die Zeit des Vorbeipassirens des Zuges zu vermerken und an zwei Knöpfen der elektrischen Leitung zu drücken. Der eine meldete dem rückwärts stationirten Wärter, daß der Weg frei sei, der andre dem nächsten, daß der Zug komme.

»Ach Du kennst ihn eben nicht,« begann Tante Phasie von Neuem. »Ich sage Dir, irgend eine Gemeinheit hat er mir angethan ... mir, die ich so stark war, daß ich diesen Menschen mit Haut und Haaren hätte essen können und nun frißt mich dieses Nichts, dieser Knopf von einem Manne bei lebendigem Leibe auf!«

Ihr dumpfer und scheuer Haß ließ sie sich ins Fieber reden. Sie leerte ihr Herz aus, entzückt, einen Zuhörer zu haben. Wo hatte sie nur ihren Kopf, als sie diesen Habenichts, diesen geizigen Duckmäuser heirathete, sie, die um fünf Jahre älter war als er und schon zwei Töchter, damals im Alter von sechs und acht Jahren besaß? Jetzt waren es bald zehn Jahre her, seit sie diesen Geniestreich ausgeführt und bisher hatte sie ihn noch in jeder Stunde zu bereuen gehabt: ein Leben voller Elend, wie verbannt in diesem eisigen Winkel des Nordens, der sie schaudern machte, langweilig zum Sterben und keinen Menschen, nicht einmal eine Nachbarin, mit der man hätte reden können. Er war ein früherer Steinsetzer, der jetzt als Bahnwärter zwölfhundert Franken verdiente. Sie erhielt fünfzig Franken für den Dienst an der Barriere, den jetzt Flore versah. So sah ihre hoffnungslose Gegenwart, so ihre hoffnungslose Zukunft aus; keine Aussicht auf ein besseres Leben, als in diesem, tausend Meilen von jedem lebenden Wesen entfernten Loche sterben zu müssen. Davon erzählte sie Jacques aber nichts, welchen Trost sie gehabt, ehe sie erkrankte, als ihr Gatte noch als Streckenarbeiter thätig war und sie mit ihren beiden Töchtern den Dienst an der Barriere allein versehen mußte. Ihr Ruf als der einer schönen Frau war damals ein so weit verbreiteter, daß die Strecken-Inspectoren nie an ihrem Häuschen vorübergingen, sie erweckte sogar Nebenbuhlerschaft, so daß selbst die abgelösten Aufseher mit verdoppelter Aufmerksamkeit stets unterwegs waren. Der Gatte genirte nicht; er war zu Jedermann unterwürfig, glitt zur Thür hinaus, ging und kam, ohne etwas zu merken. Leider aber waren diese Vertröstungen nun vorüber. Jetzt war sie in dieser Einsamkeit wochen- und monatelang an diesen Stuhl gefesselt und fühlte von Stunde zu Stunde ihren Körper mehr und mehr abnehmen.

»Ich sage Dir,« schloß sie, »er stellt mir nach und so klein er ist, er wird mit mir fertig werden.«

Ein plötzliches Anschlagen der Signalglocke ließ sie ihren unstäten Blick wieder nach draußen richten. Der weiter oben stationirte Wärter meldete Misard einen nach Paris gehenden Zug, und der Zeiger des vor dem Fenster angebrachten Kantonnements-Apparates hatte sich gemäß der Richtung des Zuges geneigt. Misard stellte den Läuteapparat ab und trat ins Freie, um den Zug durch zweimaliges Tuten zu signalisiren. Flore zog in demselben Augenblick die Barriere nieder, dann präsentirte sie die in dem Lederfutteral steckende Fahne. Man hörte den hinter einer Kurve herannahenden Zug, einen Schnellzug, mit wachsendem Dröhnen sich nähern. Wie ein Blitz, der das erzitternde Häuschen bedrohte, fuhr er inmitten eines Orkans vorüber. Flore war inzwischen bereits zu ihren Gemüsebeeten zurückgekehrt, während Misard erst das Signal gab, daß die Strecke in der Richtung des soeben passirten Zuges gesperrt sei, und dann durch den Druck des Hebels das rothe Licht verlöschen machte, als Zeichen, daß die entgegengesetzte Richtung frei sei. Ein abermaliges Läuten, verbunden mit einer entsprechenden Bewegung des zweiten Zeigers verkündeten ihm, daß der vor fünf Minuten vorübergekommene Zug bereits den nächsten Posten passirt habe. Er trat in die Bude, meldete es den beiden nächsten Wärtern, schrieb die Passagezeit ein und wartete. Immer der gleiche Dienst, den er durch zwölf Stunden täglich versah; in seiner Bude lebte er, aß er, ohne jemals drei Zeilen einer Zeitung zu lesen, ja selbst ohne einen Gedanken in seinem flachen Schädel zu fassen.

Jacques, der seine Pathe ehedem mit den Verwüstungen neckte, die sie in dem Herzen der Weginspectoren anrichtete, konnte sich nicht enthalten, lächelnd zu sagen:

»Vielleicht ist er eifersüchtig.«

Phasie aber hatte nur ein mitleidiges Achselzucken, während sich ein Lächeln aus ihren armen gebleichten Augen drängte.

»Du, mein lieber Junge, sagst das? ... Er eifersüchtig! Er hat sich den Teufel um mich gekehrt, seit ich ihm nichts mehr einbrachte.«

»Nein, nein,« fuhr sie zitternd fort, er machte sich nichts daraus, er macht sich nur aus dem Gelde etwas ... Es hat ihn geärgert, daß ich ihm nicht die tausend Franken gab, die ich im vorigen Jahre von meinem Vater erbte. Er drohte mir, das brachte mir Unglück, ich erkrankte ... Ich bin seitdem nicht wieder gesund geworden, ja, seitdem nicht mehr.«

Der junge Mann verstand, er glaubte an schwarzseherische Gedanken der leidenden Frau und versuchte sie ihr auszureden. Aber ihr eifriges Kopfschütteln belehrte ihn, daß sie darüber ihre eigenen, unzerstörbaren Ansichten habe, so daß er schließlich sagte:

»Nichts ist einfacher, um der Geschichte ein Ende zu machen: Geben Sie ihm die tausend Franken.«

Wie von einer außergewöhnlichen Kraft getrieben, schnellte sie empor.

»Meine tausend Franken, niemals!« rief sie aufgebracht heftig aus. »Eher will ich krepiren ... Ah, sie sind gut geborgen, gut versteckt. Das Haus kann man auf den Kopf stellen, man wird sie doch nicht finden ... Er hat genug gekramt, der Schuft! Ich habe es in der Nacht recht gut gehört, wie er an die Mauern klopfte. Such, Such! Sehen möchte ich, wie er mit der langen Nase abzieht, das Vergnügen würde meine Geduld wieder stärken ... Möchte wissen, wer zuerst locker lassen wird, er oder ich. Ich bin mißtrauisch, ich esse nur, was auch er verzehrt. Und selbst wenn ich zusammenbrechen sollte, so würde er die tausend Franken doch nicht bekommen. Lieber lasse ich sie in der Erde.«

Sie fiel erschöpft und von dem abermaligen Getute erschreckt in den Stuhl zurück. Misard war es, der auf der Schwelle seiner Wächterbude einen nach Havre gehenden Zug meldete. Trotz ihrer hartnäckigen Weigerung, ihm die Erbschaft anzuvertrauen, empfand sie dennoch eine heimliche, stetig zunehmende Angst vor ihm, die Furcht des Kolosses vor dem Insect, von dem er sich angefressen fühlt. Der signalisirte Zug, ein Lokalzug, der Paris um zwölf Uhr fünfundvierzig Minuten verlassen hatte, meldete sich durch dumpfes Rollen. Man hörte ihn den Tunnel verlassen, sein lauteres Keuchen unter freiem Himmel. Unter dem Donner seiner Räder passirte er dann mit der ganzen Wucht seiner Waggons wie ein unwiderstehlicher Sturmwind.

Jacques erhobene Augen sahen die kleinen quadratförmigen Wagenscheiben vorüberfliegen, hinter welchen die Köpfe der Reisenden wie im Fluge sichtbar wurden. Er wollte Phasie von ihren düstern Gedanken abbringen und sagte:

»Sie beklagen sich, liebe Pathe, nie eine Katze in diesem Loch zu sehen und, blicken sie dorthin, haben da eine ganze Welt!«

»Wo? Eine Welt?« fragte sie erstaunt, weil sie nicht gleich begriff. »Ach so vorüberfahrende Leute. Da habe ich etwas Rechtes! Ich kenne sie weder noch kann ich mich mit ihnen unterhalten.«

»Aber mich kennen Sie doch,« meinte er, noch immer lächelnd, »ich komme doch oft genug hier vorüber?«

»Dich kenne ich allerdings; ich weiß, um wieviel Uhr Dein Zug hier vorbeikommt und ich passe Dir auf. Aber Du jagst vorbei, vorbei! Gestern hast Du so mit der Hand gemacht; ich konnte leider nicht antworten ... Nein, nein, auf diese Weise verkehre ich nicht gern mit der Welt.«

Allein die Vorstellung von der Menschenmenge, welche die hin und her verkehrenden Züge durch die schweigende Oede täglich an ihr vorüberschleppten, stimmte sie doch nachdenklich und so blieb ihr Auge auf den Geleisen haften, auf welche bereits die Nacht herniedersank. Als sie noch auf ihren Füßen stand und ab und zu ging, ja, selbst wenn sie mit der Fahne im Arm vor der Barriere stand, hatte sie an dergleichen nie gedacht. Aber wirre, ihr selbst nicht faßbare Träumereien summten ihr durch den Kopf, seit sie ihre Tage auf diesem Stuhle zubrachte und an nichts weiter zu denken hatte, als an ihren stumpfsinnigen Kampf mit ihrem Manne. Es erschien ihr drollig, so verlassen in dieser Einode leben zu müssen und dabei täglich ununterbrochen einen Strom von Männern und Frauen im Sturmwind der dampfenden Eisenbahnzüge, die das Haus erzittern machten, vorüberflüchten zu sehen. Wohl möglich, daß dort die ganze Welt passirte, nicht nur Franzosen, auch Fremde, Leute aus fernen Gegenden. Heutzutage bleibt ja keiner mehr zu Hause hocken und, wie es hieß, würden ja alle Völker bald ein einziges bilden. Das heißt man Fortschritt. Alle sollen Brüder sein und gemeinsam in das gelobte Land fahren. Sie versuchte sie zu zählen, einen Durchschnitt zu finden, so und so viel in jedem Waggon: aber sie kam nicht weit, es wurden ihrer zu viele. Oft glaubte sie Physiognomien zu erkennen, die eines Herrn mit blondem Barte, gewiß ein Engländer, der in jeder Woche einmal nach Paris fuhr; oder die einer kleinen brünetten Dame, welche jeden Mittwoch und Sonnabend vorüberkam. Aber wie der Blitz waren sie wieder fort, sie war nicht einmal sicher, ob sie jene auch wirklich gesehen habe, denn die Gesichter tauchten ineinander, verwischten sich und verschwanden eins in das andere, als wären sie alle von einer Form und einem Aussehen. Der Strom fluthete vorüber und hinterließ keine Spuren seines Daseins. Besonders aber stimmte es sie traurig, daß während dieses ewigen Vorbeirollens, inmitten dieses spazieren gefahrenen Wohllebens und Reichthums, diese fortwährend in Bewegung befindliche Menschenmenge von Phasie's Dasein keine Ahnung hatte, nicht wußte, daß diese sich in Lebensgefahr befand, ja daß, wenn ihr Mann eines Abends sein Werk vollbracht haben würde, selbst dann die Eisenbahnzüge beständig sich neben ihrem Leichname kreuzen und nicht einmal das im Innern dieses einsamen Häuschens begangene Verbrechen beargwöhnen würden.

Phasie's Augen blieben am Fenster haften. Ihre wirren Empfindungen zu erklären, dazu hätte es einer längeren Zeit bedurft, sie faßte daher ihre Gedanken kurz so zusammen:

»Solche Eisenbahn ist eine schöne Erfindung, darüber ist weiter kein Wort zu verlieren. Man reist schnell, man ist weiser geworden ... Aber wilde Thiere bleiben wilde Thiere und wenn man selbst noch bessere Maschinen erfinden würde, wilde Thiere würde es immer geben.«

Jacques nickte bejahend mit dem Kopfe. Er sah soeben, daß Flore einem Karren, der zwei mächtige Steinblöcke führte, die Barriere öffnete. Die Landstraße wurde fast ausschließlich vor den Kärrnern aus Bécourt benutzt; es kam daher höchst selten vor, das Flore des Nachts aufstehen mußte, um die mit einem Vorlegeschloß versehene Barriere zu öffnen. Als er das Mädchen vertraut mit dem Kärrner, einem jungen gebräunten Manne, plaudern sah, rief er aus:

»Oho! Cabuche ist wohl krank, sein Vetter Louis fährt ja sein Gespann? ... Der arme Cabuche, sehen Sie ihn oft, Pathe?«

Sie hob die Hände ohne zu antworten und seufzte tief auf. Es hatte sich im vergangenen Herbst hier ein Drama abgespielt, das gewiß nicht geeignet war, ihr die Gesundheit wiederzugeben: ihre jüngere Tochter Louisette, welche als Hausmädchen bei Frau Bonnehon in Doinville diente, hatte sich eines Abends, halb wahnsinnig, zu ihrem guten Freunde Cabuche geflüchtet, der mitten im Walde ein Häuschen besaß, und war in seinen Armen gestorben. Es liefen Gerüchte umher, die den Präsident Grandmorin eines Verbrechens gegen die Sittlichkeit beschuldigten, aber man wagte nicht, sie sich laut zu wiederholen. Die Mutter selbst, die wohl genau wußte, wie die Sache lag, vermied es, auf diesen dunklen Punkt zurückzukommen. Heute aber sagte sie doch:

»Nein, er kehrt nicht mehr bei uns ein. Er wird immer mehr zum bissigen Wolf ... Die arme Louisette, dieses liebe, zarte, sanfte Geschöpf! Sie würde mich gewiß geliebt und gepflegt haben, während Flore ... Du lieber Gott, ich will mich gewiß nicht beklagen, aber sie hat so etwas Störendes an sich, es muß alles nach ihrem Kopf gehen, hoch hinaus ist sie und heftig, und manchesmal bleibt sie stundenlang fort ... Alles das ist so traurig, so sehr traurig!«

Jacques Blicke folgten dem Wagen, der jetzt über die Schienen rollte, während er aufmerksam zuhörte. Die Räder blieben oft an den Geleisen hängen und der Fuhrmann mußte mit der Peitsche knallen, während Flore durch Schreien die Pferde anfeuerte.

»Teufel auch,« meinte Jacques, »wenn jetzt ein Zug käme, das gebe einen netten Brei!«

»Keine Furcht,« antwortete Tante Phasie. »Flore ist mitunter höchst eigenthümlich, aber sie kennt ihr Geschäft und ist sehr umsichtig ... Gott sei Dank, in den letzten fünf Jahren ist hier nichts vorgekommen. Vordem wurde ein Mann gerädert. Wir haben es nur mit einer Kuh zu thun gehabt, die beinahe den ganzen Zug zur Entgleisung brachte. Man hatte den Körper des armen Thieres hier und den Kopf dort unten, dicht beim Tunnel, gefunden ... Wenn Flore wacht, kann man auf beiden Ohren schlafen.«

Der Karren war glücklich hinüber, man hörte das Knirschen der Räder in den Geleisen ferner und ferner. Phasie's Gedanken kehrten zu ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem Kapitel des körperlichen Wohlbefindens von sich und anderen, zurück.

»Und Dir geht es jetzt ganz gut? Erinnerst Du Dich noch an die Krankheit, an welcher Du bei uns littest und für die selbst der Arzt keinen Namen fand?

Sein Blick flimmerte unstät.

»Mir geht es sehr gut, Pathe.«

»Wirklich? Also der Schmerz hinter den Ohren, der Dir das Gehirn zu durchbohren schien, die plötzlichen Fieberanfälle und die jähe Schwermuth, die Dich wie ein Thier in einen einsamen Winkel niederzukauern zwang, alles das hat aufgehört?«

Je mehr sie sprach, desto heftiger wurde in ihm das Gefühl der Uebelkeit, so daß er sie schließlich kurz angebunden unterbrechen mußte.

»Ich versichere Sie, es geht mir ausgezeichnet ... Mir fehlt gar nichts mehr.«

»Desto besser, mein Junge, desto besser ... Wenn es Dir auch schlecht ginge, mit mir stände es deshalb doch nicht anders. In Deinem Alter ist man auch immer gesund. Ach, die Gesundheit, es giebt nichts Schöneres .. Es ist jedenfalls hübsch von Dir, daß Du mich besuchst, anstatt Dich sonstwo besser zu unterhalten. Du issest bei uns und schläfst oben in der Vorrathskammer, neben Flore's Zimmerchen.«

Noch einmal schnitt ihr das Signalhorn das Wort ab. Die Nacht war nun vollständig hereingebrochen. Als Beide zum Fenster hinausblickten, unterschieden sie nur undeutlich die Umrisse von Misard und einem zweiten Manne. Es hatte soeben sechs geschlagen und Misard übergab den Dienst seinem Stellvertreter, der die Nachtwache hatte. Jetzt war er endlich frei, nachdem er zwölf Stunden in dieser nur mit einem Tische unter der Apparatplatte, einem niedrigen Stuhle und einem Ofen ausgestatteten Bude zugebracht hatte, dessen zu starke Gluth ein forwährendes Offenhalten der Thür verlangte.

»Aha, da ist er, er wird gleich kommen,« murmelte Tante Phasie, von Furcht ergriffen, vor sich hin.

Der signalisirte Zug kam mit dem von Sekunde zu Sekunde lauter werdenden Getöse wuchtig näher. Der junge Mann mußte, gerührt von dem elenden Zustande, in welchem er sie sah und bemüht, sie zu trösten, sich vorbeugen, um verständlich zu werden.

»Hören Sie, Pathe, sollte er wirklich schlechte Gedanken haben, so läßt er sie vielleicht fallen, wenn er weiß, daß ich mich hineinmische ... Sie thaten gut, mir die tausend Franken anzuvertrauen.«

»Meine tausend Franken?« rief sie empört. »Weder Dir noch ihm ... Lieber krepire ich, sage ich Dir!«

In diesem Augenblick sauste der Zug mit orkanartiger Gewalt vorüber, als hätte er alles, was ihm im Wege stand, zerschmettert. Vom Winde gefaßt erbebte das Haus. Dieser nach Havre bestimmte Zug war sehr besetzt, denn am kommenden Sonntage sollte dort ein Fest, der Stappellauf eines Schiffes, gefeiert werden. Trotz der Schnelligkeit des Zuges hatte man das Gefühl, daß hinter den erleuchteten Scheiben die Koupees voller Menschen steckten, die Vision einer Reihe dicht gedrängter Köpfe, deren Profil man genau erkannte. Sie folgten sich und verschwanden. Welch eine Welt! Menge auf Menge, schier endlos inmitten des Rollens der Wagen, des Keuchens der Lokomotiven, des Anschlagens des Telegraphen und des Läutens der Glocken. Das Eisenbahnnetz, ein niedergekauertes riesenhaftes Wesen schien es zu sein, mit dem Kopfe in Paris, den Wirbelbeinen längs der ganzen Strecke der Linie, den Füßen und Händen in Havre und den andern Endpunkten. Und das zog und zog vorüber, mechanisch, triumphirend, der Zukunft entgegen mit einer mathematischen Genauigkeit, freiwillig verkennend, was ihm zu beiden Seiten, verborgen und doch lebendig im Menschen zurückgeblieben ist: die ewige Leidenschaft und das ewige Verbrechen.

Flore war die erste, welche die Küche betrat. Sie zündete eine kleine Petroleumlampe an, die keinen Lichtschirm hatte, und stellte sie auf den Tisch. Kein Wort wurde gewechselt, kaum ein Blick glitt zu Jacques hinüber, der den Rücken ihr zugekehrt, am Fenster stand. Auf dem Herde hielt sich eine Kohlsuppe warm. Sie servirte sie gerade, als auch Misard erschien. Er bezeugte keine weitere Ueberraschung, den jungen Mann hier zu erblicken. Er hatte ihn vielleicht kommen gesehen, aber er fragte ihn nicht, er kannte eben keine Neugierde. Ein Händedruck, drei kurze Worte, nichts weiter. Jacques mußte aus sich heraus die Geschichte von der gebrochenen Treibstange, seiner Absicht, seine Pathe zu umarmen und hier zu übernachten nochmals wiederholen. Misard hatte durch ein sanftes Neigen des Hauptes sein Einverständniß mit alledem zu erkennen gegeben, man setzte sich und aß ohne Hast, zunächst schweigsam. Phasie, die schon seit dem Morgen den Napf nicht außer Acht gelassen hatte, in welchem die Krautsuppe kochte, ließ sich auch einen Teller voll reichen. Aber als sich ihr Mann erhoben hatte, um ihr das von Flore vergessene Eisenwasser zu reichen, eine Karaffe, in welcher Nägel schwammen, nahm sie nichts. Er, demüthig und dienstbar, mit einem krankhaften Husten behaftet, sah nicht so aus, als ob er die ängstlichen Blicke bemerkte, mit denen sie seine geringsten Bewegungen verfolgte. Als sie Salz verlangte, welches auf dem Tische nicht zu sehen war, sagte er zu ihr, sie würde es noch einmal bereuen, so viel Salz zu essen, das mache sie gerade krank. Er erhob sich, um es zu holen und brachte ihr in einem Löffel ein paar Finger voll. Das Salz nahm sie voll Vertrauen; es reinige Alles, meinte sie. Dann sprach man von der seit einigen Tagen eingetretenen wirklich warmen Witterung, von einem in Maromme vorgekommenen Unglücksfall. Jacques mußte schließlich glauben, daß seine sonst so aufgeweckte Pathe an Alpdrücken leiden müsse, denn er konnte nichts in dem Benehmen des gefälligen Männchens mit den farblosen Augen entdecken, was zum Mißtrauen herausforderte. Länger als eine Stunde saß man beisammen. Viermal war Flore beim Tönen des Signalhornes auf einen Augenblick verschwunden. Die Züge jagten vorüber und brachten die Gläser auf dem Tische zum Klirren, aber keiner der Tischgenossen schenkte ihnen irgend welche Aufmerksamkeit.

Abermals ein Signal mit dem Horn, doch diesmal kam Flore, die soeben abgedeckt hatte, nicht zurück. Sie ließ ihre Mutter und die beiden Männer bei einer Flasche Apfelweinschnaps allein. Die drei blieben noch eine halbe Stunde sitzen. Dann nahm Misard, der vorher seine Blicke einen Augenblick forschend auf eine Ecke des Gemaches gerichtet hatte, seine Mütze und schritt mit einem einfachen Guten Abend zur Thür hinaus. Er wilddiebte in den Bächen der Nachbarschaft, in denen es prächtige Aale gab, und er ging nie eher schlafen, bis er seine Netze gründlich visitirt hatte.

Kaum war er fort, sah Phasie ihren Pflegesohn bedeutsam an.

»Glaubst Du nun? Hast Du gesehen, wie sich sein Blick dort in die Ecke wühlte? ... Es ist ihm nämlich gerade eingefallen, ich könnte meinen Schatz dort hinter dem Buttertopf verborgen haben ... O, ich kenne ihn, ich weiß genau, daß er heute Nacht den Topf von der Stelle rücken wird.«

Ein plötzlicher Schweiß drang durch die Poren ihres Körpers und ein heftiges Zittern schüttelte ihre Glieder.

»Da, sieh her, auch das noch! Er wird mir zu viel eingegeben haben, ich habe einen bittern Geschmack im Munde, als ob ich alte Sousstücke verschluckt hätte. Gott weiß, warum ich durchaus nichts von ihm nehmen will. Man möchte am liebsten gleich in's Wasser gehen. Heute Abend geht es leider nicht mehr, weil ich jetzt zu Bett muß. Also lebe wohl, mein Junge, da Du schon um sieben Uhr sechsundzwanzig Minuten abfährst, werde ich Dich nicht mehr sehen können. Und Du kommst bald wieder? Wir wollen hoffen, daß Du mich hier noch vorfindest.«

Er half ihr in ihr Zimmer, wo sie sich hinlegte und auch sofort zusammengekauert einschlief. Allein geblieben, zögerte er einen Augenblick und überlegte, ob er auch nach oben steigen und sich auf das Heu in der Vorratskammer strecken sollte. Die Uhr war aber jetzt erst dreiviertel auf acht, also es noch zu früh zum Schlafen. Er verließ das Gemach und ließ die kleine Petroleumlampe in dem leeren, träumenden Häuschen brennen, das von Zeit zu Zeit durch den jähen Donner eines vorüberfahrenden Zuges erschüttert wurde.

Draußen fühlte sich Jacques von der Milde der Luft angenehm überrascht, welche Regen zu verkünden schien. Eine gleichmäßige, milchartige Wolke hatte den ganzen Himmel überzogen und der hinter ihr verborgene unsichtbare Vollmond tauchte das Himmelsgewölbe in einen röthlichen Schimmer. Weit hinein sah er in das Land, dessen im friedlichen Schlummer ruhende Wiesen, Abhänge und Bäume sich in diesem gleichmäßigen todten Lichte dunkel abhoben. Er durchschritt den kleinen Küchengarten, dann wollte er nach Doinville zu spazieren gehen, weil die Straße nach jener Richtung weniger schroff aufstieg. Aber der Anblick des jenseits des Eisenbahndammes schräg aufsteigenden, einsamen Hauses zog ihn an; da die Barriere schon für die Nacht geschlossen war, überschritt er die Geleise bei dem Pförtchen. Er kannte dieses Haus sehr gut, denn er sah es ja auf jeder Fahrt beim Dröhnen seiner brummenden Maschine. Eine unklare Empfindung, die sein Anblick hervorrief, ärgerte ihn, er wußte selbst nicht, warum. Jedesmal fürchtete er, es könnte verschwunden sein, und erboste sich, wenn er es noch an derselben Stelle vorfand. Noch nie hatte er die Thüren oder Fenster offen gesehen. Er wußte nichts weiter, als daß es dem Präsidenten Grandmorin gehörte. An diesem Abend aber trieb ihn ein unstillbares Verlangen dorthin, um vielleicht mehr zu erfahren.

Lange stand Jacques auf der Landstraße vor der Pforte. Er trat einige Schritte zurück, reckte sich in die Höhe und versuchte, sich klar zu werden. Der den Garten theilende Bahndamm hatte vor dem Hause ein schmales, von Mauern umschlossenes Parterre übrig gelassen; weiter hinten dagegen weitete sich ein ziemlich ausgebreitetes Terrain, welches nur von einer lebenden Hecke eingefriedet war. Im röthlichen Wiederschein dieser nebligen Nacht machte das Haus in seiner Verlassenheit einen unsäglich traurigen Eindruck. Jacques überlief es kalt und er wollte eben weiter gehen, als er ein Loch in der Hecke bemerkte. Der Gedanke, daß es feige wäre, nicht hineinzugehen, trieb ihn durch die Lücke. Sein Herz schlug zum Brechen. Doch gerade, als er an einem zerfallenen kleinen Gewächshause vorüberschreiten wollte, bannte ihn ein an der Thür desselben kauernder Schatten.

»Wie, Du bist es?« rief er erstaunt, er hatte Flore erkannt. »Was thust Du hier?«

Auch sie war überrascht zusammen gefahren.

»Du siehst,« sagte sie jedoch gleich gefaßt, »ich hole mir Stricke. Es liegen hier so viele umher und faulen, ohne zu etwas zu nutzen. Daher hole ich sie mir, so oft ich welche gebrauche.«

In der That hockte sie mit einer starken Scheere in der Hand am Boden. Sie entwickelte die Enden der Stricke und durchschnitt widerstrebende Knoten.

»Kommt der Eigenthümer nie hierher?« fragte der junge Mensch.

Sie lachte.

»Pah, seit der Geschichte mit Louisette hat es keine Gefahr. Der Präsident wird es nicht wagen, auch nur seine Nasenspitze in la Croix-de-Maufras hineinzustecken. Ich kann unbesorgt ihm seine Stricke nehmen.«

Er schwieg und sein Gesicht trübte sich bei der Erinnerung an jenen unglücklichen Vorfall, den Flore wachrief.

»Und glaubst Du wirklich, was Louisette erzählte? Glaubst Du, daß er ihr nachstellte und daß sie sich bei ihrer Vertheidigung verletzte?«

Sie hörte auf zu lachen und rief heftig:

»Nie hat Louisette gelogen und Cabuche ebenso wenig ... Cabuche ist mein Freund.«

»Vielleicht jetzt auch Dein Geliebter?«

»Er? Da müßte ich ja eine famose Dirne sein! ... Nein, er ist mein Freund, einen Liebhaber habe ich nicht und will auch keinen.« Sie hatte ihren mächtigen Kopf aufgerichtet, dessen schwere, blonde Flechten tief in die Stirn hingen. Ihre ganze kräftige und geschmeidige Persönlichkeit strömte eine ungezähmte Entschlossenheit aus. Es hatte sich schon ein Märchen um ihre Person in der Umgegend gebildet. Man erzählte von ihr die wildesten Sachen: da hätte sie einen Wagen beim Herannahen eines Zuges mit einem Ruck von den Schienen gerissen, hier einen den Abhang von Barentin allein herunterlaufenden Waggon, dort einen wild gegen den Zug anstürmenden Stier aufgehalten. Diese Kraftproben machten kein geringes Aufsehen und natürlich waren alle Männer hinter ihr her. Da man sie stets auf den Feldern sah, sobald sie mit ihrer Arbeit fertig, oder in verborgenen Winkeln einsam, stumm und unbeweglich mit in die Luft starrenden Augen, so glaubte man zuerst, man würde mit ihr ein leichtes Spiel haben. Aber die ersten, welche das Abenteuer gewagt hatten, wagten es nicht zum zweiten Male. Sie liebte es, stundenlang in einem Bache in der Nähe nackt zu baden. Eines Tages hatten ihr gleichaltrige junge Männer sie dabei belauscht; Flore aber hatte sie gesehen und ohne sich erst die Mühe zu nehmen, ihr Hemd überzustreifen, hatte sie sich einen gelangt und ihn so zugerichtet, daß man sie fortan unbehelligt ließ. Dann erzählte man sich auch noch eine Geschichte von ihr mit einem Weichensteller von der Gabelung bei Dieppe, jenseits des Tunnels: ein gewisser Ozil, ein sehr ehrenhafter Mann von dreißig Jahren, dem sie Muth gemacht zu haben schien, versuchte es eines Abends auch, sie zu vergewaltigen. Er dachte sich die Sache sehr leicht, bekam aber einen Hieb mit dem Stock, daß er fast leblos liegen blieb. Ja, sie war eine kriegerische, jeder Gemeinheit abholde Jungfrau, und bald hatten es die Leute in der Gegend weg, daß sie ihren Kopf auf der rechten Stelle habe.

Als Jacques hörte, daß sie keinen Gefallen an einem Liebhaber hätte, fuhr er fort sie zu sticheln.

»Also wird aus Deiner Hochzeit mit Ozil nichts? Ich habe mir erzählen lassen, daß Du alle Tage mit ihm im Tunnel zusammentriffst.«

Sie zuckte mit den Schultern.

»Pah, meine Hochzeit ... Im Tunnel, das wäre so ein Spaß! Zweieinhalb Kilometer im Dunkeln galoppiren in der steten Angst, von einem Zuge erfaßt zu werden, wenn man nicht die Augen offen hat. Man muß den Lärm hören, den so ein Zug da unten vollführt! .. Der Ozil war ein langweiliger Kerl. Er war noch nicht der rechte.«

»Du willst also einen Andern?«

»Ich weiß nicht, ich weiß wirklich nicht.«

Während sie sich mit dem Aufknüpfen eines Gewirrs von Knoten abquälte, ohne damit fertig zu werden, schüttelte sie ein abermaliges Gelächter. Ohne den Kopf zu heben, als wäre sie ganz vertieft in ihre Verrichtung, fragte sie:

»Und Du, hast Du schon eine Geliebte?«

Jacques wurde ernst. Seine Augen wandten sich zur Seite in die Nacht hinaus und flimmerten unstät.

»Nein,« antwortete er kurz.

»Es stimmt also,« meinte sie. »Man hat mir nämlich erzählt, daß Du die Frauen haßtest. Und dann kenne ich Dich auch nicht erst seit gestern. Etwas Liebenswürdiges bekommt man von Dir überhaupt nicht zu hören ... Warum ist das so?«

Er schwieg, sie ließ die Knoten fahren und blickte zu ihm auf.

»Liebst Du nur Deine Lokomotive? Man macht sich darüber schon lustig, wie Du weißt. Man behauptet, Du putztest sie in einem fort, um sie recht leuchten zu lassen, als hättest Du nur für sie Deine Zärtlichkeiten übrig. Ich darf Dir das schon sagen als Deine Freundin.«

Auch er betrachtete sie in der bleichen Helle des bedeckten Himmels. Er erinnerte sich, daß sie schon als kleines Kind heftig und eigensinnig gewesen war, aber so oft er kam, ihm mit der Leidenschaftlichkeit einer Wilden an den Hals sprang. Später verlor er sie mehrfach aus den Augen, jedesmal aber, wenn er sie wiedersah, schien sie gewachsen; trotzdem fiel sie auch dann noch ihm um den Hals, aber die Flammen in ihren großen, klaren Augen genirten ihn mehr und mehr. Jetzt war sie ein herrliches, begehrenswerthes Weib, er war zweifellos noch immer ihre Jugendliebe. Sein Herz klopfte heftig, er hatte das plötzliche Gefühl, daß er der von ihr Erwartete sei. Mit dem Blut zugleich aber stieg eine wachsende Verwirrung ihm zu Kopf, die ihn folternde Angst drängte ihn zunächst zur Flucht. Jedesmal, wenn das Verlangen nach einem Weibe in ihm aufstieg, wurde er wie toll und sah alles roth.

»Was stehst Du noch?« begann Flore von Neuem, »so setze Dich doch.«

Er zögerte abermals. Doch er fühlte seine Füße schwach werden und von dem Drange getrieben, es noch einmal mit der Liebe zu versuchen, ließ er sich neben sie auf den Haufen Stricke nieder. Er sagte nichts, da ihm die Kehle wie ausgedörrt schien. Sie, die Schweigsame, Stolze, schwatzte dagegen jetzt, daß sie kaum zu Athem kam. Sie schien sich betäuben zu wollen.

»Es war eine Dummheit von Mutter, Misard zu heirathen. Das wird ihr schlecht bekommen ... Mich geht es ja weiter nichts an, ich habe genug zu thun. Und will ich einmal dazwischen fahren, dann schickt mich Mutter zu Bett ... Mag sie sehen, wie sie mit ihm fertig wird. Ich lebe außerhalb des Hauses. Ich habe an zukünftige Dinge zu denken ... Ich habe Dich heute früh von einem Strauch aus, unter welchem ich saß, auf Deiner Lokomotive vorüberfahren sehen. Aber Du siehst ja nie hin ... Ich werde Dir auch sagen, woran ich immer denke, aber nicht jetzt, erst später, wenn wir erst vollständig gute Freunde geworden sind.«

Sie hatte die Scheere fallen lassen und er hatte, noch immer stumm, sich ihrer beiden Hände bemächtigt. Entzückt ließ sie sie ihm. Trotzdem durchzuckte sie, als er jene an seine brennenden Lippen führte, ein jungfräulicher Schrecken, die Kriegerin in ihr erwachte und bäumte sich bei dieser ersten Annäherung des Bösen streitbar auf.

»Nein, nein, lasse mich, ich will nicht ... Verhalte Dich hübsch ruhig, wir wollen plaudern ... Ihr Männer denkt nur an so etwas. Wenn ich Dir wiederholen wollte, was mir Louisette an dem Tage, als sie bei Cabuche starb, erzählt hat! ... Uebrigens wußte ich schon von der Unzucht des Präsidenten, denn er kam oft mit jungen Mädchen hierher ... Von einer vermuthet das kein Mensch, weil er sie später verheirathet hat ...«

Er hörte nicht hin, er hörte nicht zu. Er umschlang sie und drückte bei der brutalen Umarmung seinen Mund heftig auf den ihren. Ein halbunterdrückter Schrei, nein, mehr ein sanfter, von Herzen kommender Klageruf entschlüpfte ihr, das Geständniß ihrer so lange unterdrückten Liebe. Aber sie kämpfte und wehrte sich halb unbewußt. Sie wünschte ihn sich, trotzdem rang sie mit ihm, sie wollte von ihm besiegt sein. Wortlos, Brust an Brust, mit fliegendem Athem, suchte eines das andere unterzubekommen. Einen Augenblick schien sie die Stärkere zu sein. Sie würde ihn wahrscheinlich geworfen haben, so sehr er sich auch sträubte, wenn er sie nicht an der Kehle gepackt hätte. Die Taille sprang auf und die beiden festen, von dem Ringen geschwollenen Brüste schimmerten wie flüssige Milch durch das Dunkel. Sie sank auf den Rücken, sie gab sich besiegt.

Anstatt seinen Sieg zu benutzen, kniete er, an allen Gliedern zitternd, athemlos vor ihr und starrte sie an. Dann schien ihn eine Wuth, eine Wildheit zu packen, seine Augen suchten nach einer Waffe, einem Steine, nach irgend etwas, um sie zu tödten. Seine Blicke entdeckten die aus dem Gewirr der Knoten hervorleuchtende Scheere. Er griff nach ihr und war schon im Begriff, sie in den weißen Hals, zwischen die rosig schimmernden weißen Brüste zu tauchen, als ihn ein eisiger Schauder ernüchterte. Er warf die Scheere von sich und entfloh wie wahnsinnig, während sie mit geschlossenen Augenlidern liegen blieb und nicht anders dachte, als daß er sie verschmähte, weil sie ihm widerstanden hatte.

Jacques floh durch die melancholische Nacht. Im Galopp rannte er den Fußsteig einer Anhöhe empor und taumelte auf der andern Seite in eine enge Schlucht hinunter. Unter seinen Schritten davonrollende Kieselsteine erschreckten ihn, er drang links durch die Gebüsche und auf einem Umweg nach derselben Seite wieder hinaus, wodurch er rechts auf ein leeres Plateau gerieth. Er ließ sich herab und gerieth gegen die den Bahndamm einfriedigende Hecke: ein Zug kam schnaubend und dampfend vorüber. Er erschrak und begriff zuerst nicht recht. Ach, ganz recht, da fährt ja alle Welt vorüber, in einem fort, während er hier mit fliegenden Pulsen fiebert! Er kletterte abermals hinauf und abermals hinunter. Immer wieder stieß er auf die Geleise, bald auf der Sohle tiefer Schluchten, an Abgründen entlang, bald auf Abhängen, deren riesige Barrikaden die Fernsicht abschnitten. Dieses wüste, von Anhöhen kupirte Gelände glich einem ausgangslosen Labyrinthe. Durch die gruftähnliche Trostlosigkeit dieser unbebauten Länderstrecken jagte ihn sein Wahnsinn. Schon lange war er auf den Höhen und Abhängen umhergeklettert, als er vor sich eine schwarze Oeffnung, den offenen Schlund des Tunnels erblickte. Ein bergauf fahrender Zug stürzte sich heulend und pfeifend dort hinein und verschwand, als hätte ihn die Erde verschlungen, mit einem Gedröhne, von dem noch lange hernach der Boden erzitterte.

Jacques stürzte neben dem Eisenbahndamm zu Boden, seine Beine trugen ihn nicht weiter. Auf dem Bauche liegend und das Gesicht tief in den Rasen gedrückt schluchzte er krampfhaft. Das Uebel, von dem er sich geheilt wähnte, war also wirklich wiedergekommen? Er hatte dieses Mädchen tödten wollen! Ein Weib tödten, ein Weib tödten wollen! Von Jugend auf, je mehr das Fieber und die Sehnsucht nach dem Besitz eines Weibes in ihm wuchsen, desto stärker wurde auch dieses Verlangen. Andere träumen beim Erwachen der Mannbarkeit nur von dem Besitz des Weibes, in ihm aber gährte der Gedanke, dann eine zu tödten! Er konnte es nicht leugnen, er hatte die Scheere ergriffen, um sie ihr in das Fleisch zu stoßen, sobald sein Auge dieses gesehen, in dieses Fleisch, in diese warme weiße Brust. Und nicht in einem Anfalle von Wuth, sondern lediglich aus dem Vergnügen an der Sache heraus. Dieses Vergnügen verlangte so mächtig seine Befriedigung, daß er am liebsten im Galopp zurückgelaufen wäre um sie zu morden, hätten seine Hände sich nicht mit aller Gewalt in den Erdboden gekrampft. Und gerade sie, mein Gott, diese Flore, die er hatte aufwachsen sehen, dieses wilde Kind, von dem er sich so heißgeliebt fühlte! Seine gekrümmten Finger wühlten sich noch tiefer in das Erdreich, das Schluchzen zerriß ihm die Kehle, es war ein Röcheln fürchterlichster Verzweiflung.

Dann rang er nach Ruhe, er wollte klar sehen. Welch ein Unterschied war eigentlich zwischen ihm und den Anderen? Er hatte es sich schon in seiner Jugend dort unten in Plassans gefragt. Seine Mutter Gervaise erhielt ihn allerdings etwas zeitig, sie zählte damals erst fünfzehn und ein halbes Jahr, und er war noch dazu der zweite, denn Claude wurde ihr geboren, als sie knapp vierzehn alt war. Aber keiner seiner Brüder, weder Claude, noch der nach ihm geborene Etienne litt unter der Jugend seiner Mutter und seines knabenhaften Vaters, des schönen Lantier, dessen schlechtes Herz Gervaise so viele Thränen kosten sollte. Vielleicht litt auch ein jeder seiner Brüder an irgend einem Uebel und gestand es nur nicht ein. Der Aelteste namentlich, den es so heiß danach verlangte, ein Maler zu sein, daß man ihn und sein Genie für halb verrückt hielt. Mit seiner Familie war es entschieden nicht richtig, viele Mitglieder derselben hatten etwas weg. In gewissen Stunden fühlte er sehr wohl diesen erblichen Riß. Seine Gesundheit war keine schlechte, nur hatten ihn die Furcht und die Scham vor seinen Krisen etwas abmagern lassen. Aber von Zeit zu Zeit verlor er das Gleichgewicht seines Lebens und dann schien es, als zeigte sein Wesen Risse und Löcher, aus welchen sein eigenes Selbst inmitten einer dichten Rauchwolke entströmte, in welcher alles sich anders gestaltete. Er war dann nicht mehr Herr über sich, sondern gehorchte nur seinen Muskeln wie eine wüthende Bestie. Dabei trank er nicht, er versagte sich selbst das kleinste Glas Branntwein, denn er hatte bemerkt, daß der unbedeutendste Tropfen Alkohol ihn verrückt machte. Er kam schließlich zu der Ueberzeugung, daß er die Schuld der Anderen bezahlen müßte, der Väter und Großväter, die Trinker gewesen waren, der Generationen von Trunkenbolden, die sein Blut verdorben hatten. Was er fühlte, war eine schrittweise Vergiftung, eine Wildheit, die ihn mit dem im Dickicht lauernden Wolf, der auch Frauen frißt, auf eine Stufe stellte.

Jacques hockte jetzt auf einem Knie und blickte hinüber zum schwarzen Schlunde des Tunnels, aber ein erneutes Schluchzen fuhr ihm durch die Nerven in den Nacken, er fiel rücklings zur Erde und wälzte sich, vor Schmerz aufschreiend, auf dem Boden umher. Dieses Mädchen, dieses Mädchen hatte er tödten wollen! Da kam es wieder, dieses spitzige, gräßliche Gefühl, als hätte er die Scheere sich selbst in die Brust gestoßen. Kein Vernunftgrund schaffte ihm Ruhe: er hatte sie tödten wollen, er würde sie tödten, wenn sie noch mit geöffnetem Kleide und entblößter Brust vor ihm läge. Er war gerade sechzehn Jahre alt, er erinnerte sich dessen ganz genau, da hatte ihn das Uebel zum ersten Male gepackt. Eines Abends hatte er mit einem um zwei Jahre jüngeren Mädchen, der Tochter eines Verwandten, gescherzt: sie war gefallen, er hatte ihre Beine gesehen und war über sie hergefallen. Er erinnerte sich, im folgenden Jahre ein Messer geschärft zu haben, um es einer anderen, einer Blondine, die täglich an seiner Thür vorüberging, in die Kehle zu stoßen. Der Hals dieses Mädchens war sehr fett und rosig, er hatte sich bereits den Platz ausgesucht, wo er das Messer ansetzen wollte, nämlich bei einem kleinen braunen Zeichen unter dem Ohre. Und das waren nicht die einzigen, deren Erinnerung ihm die Brust beengte, auf der Gasse hockende, zufällig zu Nachbarinnen gewordene Frauen, alle diese hatten die Mordlust in ihm entfacht; eine namentlich, eine jung verheirathete Frau, die im Theater neben ihm saß und außerordentlich laut lachte. Mitten in einem Act mußte er aufstehen, um sie nicht anzufallen. Alle diese kannte er kaum, warum also dieser Zorn auf sie? Jedesmal, wenn ihn diese blinde Wuth befiel, schien es ihm ein brennender Durst nach Rache für verjährte längst vergessene Beleidigungen zu sein. Das Unheil also, welches die Frauen seinem Geschlecht gebracht, ihre von Mann zu Mann gesteigerte Schlechtigkeit, hatte seinen Ursprung wirklich in so ferner Zeit, vielleicht gar begann es mit dem ersten im Dunkel der Höhlen begangenen Betrug? Aus seinem Anfalle heraus fühlte er die Nothwendigkeit, das Weib zu bekämpfen und zu bezwingen, es todt hinzustrecken wie eine Anderen für immer abgejagte Beute. Sein Schädel barst unter der Anstrengung des Denkens, er war zu unwissend, um sich die rechte Antwort zu geben. In dem Angstgefühl zu Thaten gedrängt zu werden, denen gegenüber seine Willenskraft gleich null war, und deren Grund er nicht einsehen konnte, stumpfte sich sein Gehirn ab.

Abermals stürzte sich beim Schimmer seiner Laternen ein Zug mit Getöse in den Tunnel, das, wie beim Donner allmählich erstarb. Jacques hatte sich aufgerichtet und sein Schluchzen eingestellt, als glaubte er, diese gleichgültige, zusammengepferchte, ihm unbekannte Menge könnte ihn hören. Er nahm jetzt eine unverdächtige Haltung an. Schon immer hatte er nach solchen Anfällen beim geringsten Geräusch die Gewissensbisse eines Schuldbehafteten empfunden! Ruhig, glücklich, fern von aller Welt lebte er nur auf seiner Lokomotive. Wenn sie ihn beim Erzittern ihrer Räder pfeilschnell davonführte, wenn er die Hand an der Kurbel seine ganze Wachsamkeit auf die Strecke und die Signale lenken mußte, dachte er an nichts anderes, mit vollen Lungen athmete er die reine, ihm sturmwindartig zugewehte Luft ein. Aus diesem Grunde liebte er seine Maschine, als wäre sie eine friedfertige Geliebte, von der er nur Glückseligkeiten zu erwarten hätte. Nach Verlassen der Gewerbeschule hatte er trotz seiner großen Intelligenz sich die Laufbahn eines Lokomotivführers gewählt, um ein einsames, betäubendes Leben führen zu können. Auch war er nicht ehrgeizig. Nach vier Jahren war er bereits Lokomotivführer erster Klasse und bezog als solcher einen Gehalt von zweitausendachthundert Franken, der mit den Heiz- und Putzprämien auf über viertausend wuchs. Mehr verlangte er nicht. Er sah seine Kameraden der zweiten und dritten Klasse, welche die Gesellschaft selbst in solche eintheilte, die Hilfsarbeiter, die sie als Lehrlinge annahm, fast immer Arbeiterinnen heirathen, ausgemergelte Frauen, die man nur zur Zeit der Abfahrt sah, wenn sie ihren Männern die Vorrathskörbchen brachten. Ehrgeizige Kameraden dagegen, namentlich solche, die eine Fachschule durchgemacht hatten, warteten mit ihrer Heirath, bis sie Depotchefs geworden, in der Hoffnung, eine Bürgerliche zu bekommen, eine Dame mit Hut. Ihm war alles das gleichgiltig, er floh ja doch die Frauen. Er wollte nie heirathen, sondern stets allein und abermals allein rastlos dahinrollen. Seine Vorgesetzten stellten ihn daher auch als einen Musterlokomotivführer hin, weil er nicht trank und nicht davonlief. Die bummlerisch veranlagten Kameraden natürlich neckten ihn wegen seiner ausbündig guten Führung, die Solideren aber erschreckte er, wenn er stumm, mit farblosen Augen und schrecklich verzerrtem Gesicht in seine Traurigkeit verfiel. Er erinnerte sich nicht mehr, wie viele Stunden er in seinem Kämmerchen in der Rue Cardinet schon zugebracht haben mochte, von welchem aus er das Depot von les Batignolles erblicken konnte, zu welchem seine Lokomotive gehörte. Er wußte nur, daß es so ziemlich seine sämmtlichen Freistunden gewesen waren, die er wie ein in seiner Zelle eingeschlossener Mönch dort verlebte. Hier kämpfte er gegen den Aufruhr seiner begehrlichen Wünsche mit Hilfe des Schlafes an, den er nur auf dem Bauche liegend fand.

Jacques versuchte aufzustehen. Was machte er in dieser feuchten, nebligen Winternacht hier im Grase? Das Land blieb in Schatten gehüllt; nur am Himmel war es hell, dort ruhte noch der feine Dunst, die mächtige Kuppel aus unpolirtem Glas, vom dahinter verborgenen Monde mit einem fahlen, gelblichen Scheine durchleuchtet. Der düstere Horizont schlummerte in todesähnlicher Unbeweglichkeit. Auf! Es mußte schon auf neun Uhr gehen und es war rathsamer, heim zu gehen und sich auf's Ohr zu legen. Aber seine Beklemmung spiegelte ihm vor, wie er jetzt zu den Misard kommen, die Treppe zur Vorratskammer hinaufsteigen, sich auf das Heu werfen und im Raume nebenan, durch eine dünne Plankenwand nur von dem seinen getrennt, Flore athmen hören würde! Er wußte sogar, daß sie sich nie einschloß, daß er also ohne Umstände bei ihr würde eintreten können. Und wieder überlief ihn ein heftiger Schauder, dachte er an das entkleidete Mädchen mit den vom Schlafe widerstandslosen, heißen Gliedern. Noch einmal drückte ihn das Schluchzen zu Boden. Er hatte sie tödten wollen, er wollte sie noch tödten! Der Gedanke, daß er sich jetzt anschicken wollte, sie nach seiner Heimkehr in ihrem Bette zu tödten, würgte und zerrte an ihm. Was half es ihm, daß er keine Waffe zur Hand haben, daß sie seinen Kopf mit ihren beiden Armen niederdrücken würde; er fühlte, das Uebel würde ihn dennoch gegen seinen Willen antreiben, die Thür zu ihrer Kammer zu öffnen und sie zu erwürgen. Unter dem Geißelhieb des raubthierartigen Instinktes und unter dem Zwange, das alte Unrecht zu rächen, konnte er nicht anders. Nein, nein! Lieber wollte er die ganze Nacht im Freien zubringen, als dorthin zurückkehren! Mit einem Sprunge stand er auf den Beinen. Er entfloh.

Und abermals jagte er wohl eine halbe Stunde über das düstre Gefilde, als wollte ihn die losgelassene Meute aller Schrecken der Hölle zu Tode Hetzen. Er jagte die Anhöhen hinauf, er kroch in enge Schluchten. Hinter einander stellten sich ihm zwei Bäche entgegen, er durchschritt sie, wobei er bis zu den Hüften versank. Ein ihm den Weg verlegendes Gebüsch brachte ihn zur Verzweiflung. Sein einziger Gedanke war, immer geradeaus und so weit als möglich zu laufen, um der wüthenden Bestie in seinem Innern zu entfliehen. Seit sieben Monaten schien sie ihm verjagt zu sein, und er hatte sich wieder Mensch gefühlt; und jetzt heulte sie von Neuem, abermals mußte er sie bekämpfen, um nicht von ihr auf die erste Frau, die ihm der Zufall in den Weg führen würde, gehetzt zu werden. Die große Stille, die mächtige Einsamkeit in der Runde beruhigten ihn indessen allmählich ein wenig und ließen ihn von einem stummen, einsiedlerischen Leben, ähnlich dieser Gegend, träumen, in welchem man auch abseits von den gebahnten Pfaden umherschweifen könnte, ohne einem menschlichen Wesen zu begegnen. Unbewußt war er im Kreise gegangen und im großen Bogen wieder an dem bebuschten Abhang des Eisenbahndammes, oberhalb des Tunnels gelangt. Er machte zornig kehrt, weil er fürchtete, auf Menschen zu stoßen. Um eine Anhöhe herum gedachte er den Weg abzuschneiden, verlief sich aber und stieß nun erst recht auf die Hecke längs der Geleise hart am Eingang zum Tunnel neben der Wiese, auf der er kurz zuvor sich in Schmerzen gekrümmt hatte. Da stand er nun besiegt, als ihn das noch ferne, von Sekunde zu Sekunde anschwellende, aus der Tiefe der Erde heraufschallende Dröhnen eines Zuges an diese Stelle bannte. Es war der Schnellzug nach Havre, der Paris um sechs Uhr dreißig Minuten verlassen hatte und hier um neun Uhr fünfundzwanzig Minuten vorüberkommen mußte; diesen Zug führte Jacques einen Tag um den andern.

Er sah zunächst den dunklen Schlund sich erhellen, wie die Oeffnung eines Backofens, in welchem das Reisig entzündet wird. Das Geräusch näherte sich, plötzlich sprang die Lokomotive daraus hervor mit ihrem großen runden, blendenden Auge, deren Licht die Gegend zu durchdringen suchte und auf den Schienen weit voraus schon ein zweites Feuer zu entzünden schien. Aber das Ganze war eine blitzartige Erscheinung, denn vorüber flüchtete die Reihe von Waggons mit ihren grell beleuchteten Koupeefenstern, vorüber sausten die mit Reisenden gefüllten Koupee's mit einer so schwindelerregenden Schnelligkeit, daß das Auge unmittelbar an den gesehenen Bildern zweifelte. Aber Jacques hatte in dieser Viertelsekunde dennoch durch die hellerleuchteten Scheiben eines Koupee's gesehen, wie ein Mann einen zweiten auf den Sitz niedergedrückt hielt und ihm ein Messer in den Hals stieß, während eine schwarze Masse, vielleicht eine dritte Person, vielleicht heruntergestürztes Gepäck, mit ihrem ganzen Gewicht auf den krampfhaft angezogenen Beinen des Opfers lastete. Schon entfloh der Zug und verschwand in der Richtung von la Croix-de-Maufras, und man sah in der Dunkelheit nichts weiter mehr von ihm als die drei Schlußlaternen, das rothe Dreieck.

Wie auf den Platz gebannt folgten die Blicke des jungen Mannes dem Zuge, dessen Brausen in dem großartigen Frieden des Todes, der auf der Gegend ruhte, erstarb. Hatte er wirklich richtig gesehen? Er zweifelte jetzt daran und wagte nicht mehr die ihm wie vom Blitze zugetragene und von ihm entführte Begebenheit als eine Thatsache zu behaupten. Kein einziger Gesichtszug der beiden Hauptacteure dieses Dramas stand ihm lebendig vor der Erinnerung. Die dunkle Masse war vielleicht eine über den Körper des Opfers gefallene Reisedecke. Und doch war es ihm, als hätte er unter einer aufgelösten Menge dichten Haares ein feines, bleiches Profil erkannt. Aber alles mischte sich in einander und verflog wie ein Traum. Noch einmal trat das vermeintliche Profil vor seine innern Blicke, dann verlor er es ganz und gar. Das Ganze war wahrscheinlich überhaupt nur eine Einbildung. Alles das aber machte sein Mark erstarren; er gab schließlich selbst zu, daß es eine Sinnestäuschung gewesen sein mochte, welche die schreckliche Krisis seines Zustandes heraufbeschworen hatte.

Fast eine ganze Stunde noch trieb sich Jacques, den Kopf mit wüsten Gedanken voll, auf den Feldern umher. Er war wie zerschlagen, eine Art Entnervung hatte ihn befallen, das eisige Gefühl in seinem Innern hatte das Fieber ausgelöscht. Er kam schließlich, ohne es gewollt zu haben, nach la Croix-de-Maufras zurück. Als er vor dem Bahnwärterhäuschen stand, überlegte er, daß es besser sei, nicht einzutreten, sondern in der kleinen Hütte neben dem Schuppen zu schlafen. Aber ein Lichtstrahl drang durch die Thür und mehr unbewußt als bewußt öffnete er. Ein unerwarteter Anblick bannte ihn auf die Schwelle.

Misard hatte in der That den in der Ecke stehenden Buttertopf von seinem Platze gerückt. Mit allen vieren lag er auf dem Boden, neben sich hatte er eine Laterne stehen und mit der Faust pochte er leise an verschiedene Stellen der Wand. Das Geräusch der aufgehenden Thür ließ ihn den Kopf zurückwenden. Er zeigte aber keine Spur von Verlegenheit und sagte höchst gelassen:

»Ich suche Streichhölzchen auf, die mir heruntergefallen sind.«

Als er nun den Buttertopf wieder an Ort und Stelle gebracht hatte, setzte er hinzu:

»Ich habe mir eben die Laterne geholt, weil ich beim Nachhausegehen ein Individuum habe auf den Schienen liegen sehen ... Ich glaube, er ist todt.«

Jacques hatte der Gedanke, Misard beim Suchen nach Tante Phasie's Schatz ertappt zu haben, fast übermannt. Aber die jähe Gewißheit, daß sein Zweifel grundlos und die Beschuldigungen der Tante berechtigte waren, wurde durch die Neuigkeit von dem Funde eines Leichnams sofort verdrängt. Er vergaß das zweite Drama, das sich hier in diesem abseits von der Welt gelegenen Häuschen abspielte. Die Szene im Koupee, die kurze Vision von der Ermordung eines Mannes durch einen zweiten tauchte mit blitzartiger Schnelligkeit wieder vor ihm auf.

»Ein Mensch auf der Strecke, wo denn?« fragte er erbleichend.

Misard war nahe daran zu erzählen, daß sich zwei Aale in seinen Netzen gefangen hätten, die er vorhin im Galopp nach Hause getragen habe, um sie zu verstecken. Aber wozu sich diesem Knaben anvertrauen? Er machte daher nur eine unbestimmte Bewegung und erwiderte:

»Dort unten, vielleicht fünfhundert Meter von hier ... Weiter weiß ich nichts, müssen mal erst die Sache bei Licht betrachten.«

Jacques hörte in diesem Augenblicke über sich eine dumpfe Erschütterung. Er war so geängstet, daß er zusammenfuhr.

»Das ist nichts,« sagte der Vater, »Flore rumort wahrscheinlich.«

Der junge Mann hörte jetzt in der That das Umhertappen zweier nackter Füße auf dem Estrich. Sie hatte zweifellos auf ihn gewartet und durch ihre nur halbgeschlossene Thür ihn kommen gehört.

»Ich begleite Euch,« sagte Jacques .. »Ihr glaubt wirklich, daß er todt ist?«

»Zum Teufel auch, mir scheint es so. Die Laterne wird es ja zeigen.«

»Und was haltet Ihr davon? Ein Unfall wahrscheinlich?«

»Vielleicht. Irgend einen Strick, der sich hat überfahren lassen, oder vielleicht auch ein aus dem Koupee gesprungener Reisender.«

Jacques überlief es kalt.

»Kommt schnell, kommt schnell!«

Noch nie hatte ihn das Fieber, zu sehen und wissen zu wollen, so gepackt. Während sein Gefährte vollständig gleichgiltig auf dem Eisenbahndamm dahinschritt, wobei die Laterne hin- und her schwankte, deren runde Helle sanft an den Schienen entlang glitt, lief er voraus. Diese Langsamkeit ärgerte ihn. Ihn trieb ein physisches Verlangen, dieselbe Gluth, welche den Gang der Liebenden zum Stelldichein beflügelt. Er empfand Furcht vor dem ihn erwartenden Anblick und doch flog er mit gespannten Muskeln dorthin. Als er an Ort und Stelle anlangte, fiel er beinahe über die dicht neben den Schienen liegende dunkle Masse. In seiner Aufregung konnte er nichts deutlich erkennen. Fluchend rief er dem Anderen zu, der noch mehr als dreißig Schritt zurück war:

»So beeilt Euch doch, in des Teufels Namen. Vielleicht kann man ihm noch helfen, wenn er noch lebt.«

Misard aber schwankte gemächlich weiter. Als er endlich seine Laterne über den Körper des Verunglückten hielt, sagte er:

»O je, der hat seinen Theil.«

Das zweifellos aus dem Waggon gestürzte Individuum war höchstens fünfzig Centimeter von den Schienen entfernt mit dem Gesicht nach dem Boden auf den Leib gefallen. Man sah von seinem Kopfe nur den mit dichten weißen Haaren bedeckten hintern Theil. Seine Beine lagen gespreizt. Sein rechter Arm schien wie ausgerenkt, der andere lag unter der Brust. Sein Anzug verrieth einen Angehörigen der bessern Stände. Er trug einen weiten Paletot von blauem Tuch, elegante Stiefel und seine Wäsche. Der Körper zeigte keine Spuren der Vergewaltigung, nur war viel Blut aus einer Halswunde geronnen und hatte den Hemdkragen besudelt. »Ein Bürger, der sein Fett fort hat,« bemerkte Misard nach einigen Minuten lautloser Prüfung.

»Faßt ihn nicht an, das ist verboten,« sagte er dann zu Jacques, der mit offenem Munde sich nicht zu rühren wagte. »Bewachen Sie ihn, ich will inzwischen nach Barentin laufen und den Bahnhofsinspector benachrichtigen.«

Er hob seine Laterne in die Höhe und sah nach dem Kilometerpfahl.

»Schön, gerade bei Pfahl 153 also.«

Er stellte die Laterne auf den Boden neben die Leiche und entfernte sich schleppenden Schritts.

Jacques bewegte sich nicht, als er allein war. Er blickte unentwegt auf diese träge am Boden liegende Masse, deren Umrisse das flackernde Licht kaum erkennen ließ. Die Aufregung, die vorhin seine rasende Wanderung veranlaßt, der fürchterliche Magnet, der ihn hier festbannte, sie weckten in ihm den gleichen scharfen, sein ganzes Wesen durchblitzenden Gedanken: der andere, der mit dem Messer zugestoßen, der hatte es gewagt! Der war bis an's Ziel gelangt, der hatte getödtet! O nur nicht feige sein, seinen Sinn befriedigen und dann tief hinein das Messer! Seit zehn Jahren marterte ihn dieser Gedanke. Sein Fieber malte ihm eine Verachtung seiner selbst, eine Bewunderung für den Anderen vor, besonders aber das unstillbare Verlangen, zu sehen und die Augen zu weiden an diesem menschlichen Fetzen, diesem zerbrochenen Hanswurst, diesem Waschlappen, zu welchem ein einziger Messerstich ein menschliches Geschöpf umwandeln kann. Seinen Traum hatte der andere verwirklicht. Das war es also! Wenn er tödtete, würde ihm dasselbe, was da vor ihm lag, bleiben. Sein Herz schlug zum Springen, seine lüsterne Mordlust machte ihn angesichts dieses tragischen Todes rasend Ein Schritt brachte ihn näher an die Leiche heran; er glich jetzt einem nervösen Kinde, das sich die Furcht abgewöhnen will. –Ja, er würde es wagen, auch er würde es wagen!

Ein Schnauben hinter seinem Rücken zwang ihn, zur Seite zu springen. Von seinen Gedanken gepackt, hatte er das Kommen eines Zuges überhört. Fast wäre er zermalmt worden. Der heiße Athem, das fürchterliche Keuchen der Maschine warnten ihn noch rechtzeitig. Der Zug schoß in einem Orkan von Lärm, Rauch und Flammen vorüber. Er war ebenfalls sehr besetzt. Der Strom von Reisenden nach Havre zu dem Feste am nächsten Tage fluthete noch immer. Ein Kind hatte sein Näschen gegen die Scheibe gedrückt und blickte in die dunkle Landschaft hinaus. Profile von Männern hoben sich ab und eine junge Frau ließ eine Fensterscheibe hinunter, um ein mit Butter und Zucker beschmiertes Stück Papier hinauszuwerfen. Lustig fuhr der Zug in die Ferne; er ahnte nicht, daß seine Räder fast einen Leichnam berührt hatten. Und der Körper ruhte noch immer auf dem Gesicht, umflackert von dem unsteten Licht der Laterne inmitten dieses überwältigenden Friedens der Nacht.

Jacques verlangte es, die Wunde zu sehen, so lange er noch allein war. Aber die Furcht, man könnte vielleicht bemerken, daß er den Kopf berührt habe, hemmte sein Vorhaben. Er hatte sich ausgerechnet, daß Misard nicht vor dreiviertel Stunden mit dem Stationsvorsteher zurück sein könnte. Er zählte die Minuten, er dachte an Misard, diesen schleichenden, stillen Jammermenschen, der mit der ruhigsten Miene von der Welt mit kleinen Dosen Giftes ebenfalls mordete. Der Mord war also weiter kein Kunststück? Denn alle Welt mordete ja. Von Neuem beugte er sich über den Todten, das Verlangen kitzelte ihn so, daß ihm der ganze Körper juckte. Er wollte gar zu gern sehen, wie das gemacht worden, was da eigentlich ausgeflossen war, vor allem das rothe Loch! Wenn er den Kopf vorsichtig anfaßte, konnte kein Mensch etwas merken. Aber etwas anderes, eine sich selbst nicht eingestandene Furcht hielt ihn zurück, die Furcht vor dem Blut. Immer und überall gesellte sich in ihm zu dem Verlangen die Angst. Nur noch eine Viertelstunde mußte er allein aushalten und trotz seiner Furcht würde er sein Vorhaben vielleicht gewagt haben, wenn nicht ein Rascheln an seiner Seite ihn hätte erschrecken lassen.

Es war Flore. Sie stand neben dem Leichnam und betrachtete ihn wie er. Sie mußte überall sein, wo es ein Unglück gab; wenn man meldete, daß ein Thier von einem Zuge zermalmt oder ein Mensch überfahren worden sei, sah man sie sicher herbeigelaufen kommen. Sie hatte sich wieder angezogen, sie wollte den Todten sehen, von welchem ihr Vater gesprochen. Nachdem sie einen Blick darauf geworfen, zögerte sie keinen Augenblick. Sie bückte sich, hob mit der einen Hand die Laterne auf und mit der anderen drehte sie den Kopf herum.

»Achtsam, es ist verboten,« mahnte Jacques leise.

Sie zuckte mit den Schultern. Der Kopf zeigte sich jetzt in dem gelblichen Lichte, das Gesicht eines Greises mit einer großen Nase und den blauen Augen eines ehemals blonden Menschen, die weit offen standen. Unter dem Kinn klaffte die entsetzliche Wunde, ein tiefer und erweiterter Schnitt durch die Kehle, als wäre mit dem Messer suchend darin herumgewühlt worden. Die rechte Seite der Brust war vollständig mit Blut begossen. Auf der linken Seite schimmerte in dem Knopfloche des Ueberziehers die Rosette der Ehrenlegion wie ein vereinzelter, dorthin verirrter Blutstropfen.

Flore stieß einen leisen Schrei der Ueberraschung aus.

»Bei Gott, der Alte!«

Jacques beugte sich noch weiter hinunter, um besser sehen zu können, wobei sein Haar das ihrige streifte. Sein Athem ging ihm fast aus, so weidete er sich an dem Schauspiel.

»Der Alte, der Alte!« wiederholte er, ohne zu wissen, was er sagte.

»Ja doch, der alte Grandmorin –der Präsident.«

Einen Augenblick noch sah sie prüfend in das bleiche Antlitz mit den zusammengebissenen Lippen und den unheimlich blickenden Augen. Schon begann die Todesstarre den Körper steif zu machen. Sie ließ den Kopf fallen, der auf den Boden aufschlug und die Wunde verdeckte.

»Nun hört das Gescherze mit jungen Mädchen auf,« begann sie etwas leiser. »Das ist gewiß wegen Einer so gekommen ... O meine arme Louisette! O dieses Schwein, so hat man es recht gemacht!«

Ein langes Schweigen trat ein. Flore hatte die Laterne wieder hingestellt und wartete. Verstohlene Blicke wanderten zu Jacques hinüber, der, durch den Todten von ihr getrennt, kaum noch athmete und wie kopflos von dem soeben Gesehenen, wie ohnmächtig dastand. Es mußte bald elf Uhr sein. Sie geduldete sich noch einige Augenblicke, sie schien überrascht von seinem Schweigen. Eine nach den Vorgängen des Abends natürliche Verlegenheit hinderte sie, zuerst zu sprechen. Jetzt ließen sich aber Stimmen vernehmen, es war der Vater, der den Bahnhofsinspector geholt hatte. Sie wollte nicht gesehen werden und entschloß sich daher, ihn anzureden.

»Du willst nicht bei uns schlafen?«

Er zitterte, ein innerer Kampf schien ihn erbeben zu lassen.

»Nein, nein!« stieß er endlich mit der letzten Kraft der Verzweiflung hervor.

Sie rührte sich nicht, aber die glatt herniederfallende Linie ihrer kräftigen Mädchenarme drückte deutlich genug ihren Kummer aus. Sie wollte, daß er ihr ihr Widersetzen nicht nachtrage und fragte nochmals demüthig:

»Du wirst also nicht zu uns kommen, ich soll Dich nicht wiedersehen?«

»Nein, nein!«

Die Stimmen kamen näher. Ohne nach seiner Hand zu haschen, denn er schien absichtlich den Todten zwischen sich und ihr zu lassen, ja selbst ohne ihm das kameradschaftliche Lebewohl aus ihren Kindertagen zugerufen zu haben, ging sie davon und verlor sich in der Finsterniß. Ihr Athem ging rauh, als unterdrückte sie ein Schluchzen.

Gleich darauf war der Bahnhofsinspector mit Misard und zwei Arbeitern zur Stelle. Er konstatirte ebenfalls sofort die Identität: es war in der That der Präsident Grandmorin. Er kannte ihn sehr gut, denn er sah ihn oft genug auf seiner Station den Zug verlassen, wenn er sich nach Doinville zu seiner Schwester, Frau Bonnehon, begab. Der Körper konnte auf dem Platze bleiben, wo er lag, nur ließ er ihn mit einem von einem seiner Leute mitgebrachten Mantel bedecken. Ein Beamter sollte mit dem elf Uhr Zuge von Barentin abreisen, um den kaiserlichen Prokurator in Rouen von dem Geschehenen zu benachrichtigen. Doch war auf das Erscheinen desselben vor fünf oder sechs Uhr Morgens nicht zu rechnen, denn er mußte gemeinsam mit dem Untersuchungsrichter, dem Gerichtsschreiber und einem Arzt an die Unglücksstätte kommen. Der Bahnhofsvorsteher ließ also einen Mann, der sich während des übrigen Theiles der Nacht mit einem zweiten abzulösen hatte, mit der Laterne als Wache bei dem Todten zurück.

Ehe Jacques sich entschloß, in irgend einem Schuppen der Station Barentin, von wo aus er erst um sieben Uhr zwanzig Minuten nach Havre zurückkehren konnte, seine müden Glieder auszustrecken, stand er dort noch lange unbeweglich, wie besessen. Der Gedanke, daß man den Untersuchungsrichter erwarte, verwirrte ihn, als wäre er selbst ein Mitschuldiger. Sollte er sagen, was er beim Vorüberjagen des Schnellzuges gesehen hatte? Er entschloß sich zunächst, es sagen zu wollen, denn was hatte er zu fürchten? Uebrigens war es zweifellos seine Pflicht. Dann aber überlegte er sich, wozu würde das gut sein? Er konnte kein einziges thatsächliches Factum melden, er konnte keine einzige genaue Einzelheit von dem Mörder angeben. Er wäre ein Thor, sich da hineinzumischen, seine Zeit zu vergeuden und sich aufzuregen, ohne Nutzen für irgend Jemand. Nein, nein, er wollte lieber nichts sagen! Er ging endlich davon, sah sich aber noch zweimal nach der düsteren Masse um, welche der vom gelblichen Scheine der Laterne beleuchtete Körper am Boden bildete. Eine empfindlichere Kälte sank vom nebligen Himmel auf die Trostlosigkeit dieser Einöde mit ihren dürren Anhöhen hernieder. Zug folgte noch immer auf Zug. Ein sehr langer ging nach Paris. Die unerbittliche mechanische Kraft trieb sie an einander vorüber ihren fernen Zielen, der Zukunft entgegen. Sie achteten nicht darauf, daß sie das halb abgeschnittene Haupt dieses Menschen streiften, den ein andrer Mensch umgebracht hatte.

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