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Die Bestie im Menschen

Emile Zola: Die Bestie im Menschen - Kapitel 12
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typefiction
authorEmil Zola
titleDie Bestie im Menschen
printrunVierte Auflage
publisherVerlag von G. Grimm
year1892
translatorAlfred Ruhemann
correctorreuters@abc.de
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Zwölftes Kapitel

Drei Monate später führte Jacques in einer lauen Juninacht den Eilzug nach Havre, der Paris um sechs Uhr dreißig Minuten verlassen hatte. Seine neue Locomotive, Nummer 608, eine ganz neue Maschine, der er, wie er sich ausdrückte, die Jungfernschaft genommen hatte und die er nach und nach kennen lernte, war nicht gefällig; sie war unberechenbar, phantastisch wie ein junges Roß, das man auch erst müde machen muß, ehe es sich bequemt, im Geschirr zu gehen. Er fluchte oft auf sie und beklagte die Lison. Er durfte sie keinen Augenblick außer Augen lassen und mußte die Hand stets an der Kurbel des Fahrtregulators haben. Aber in dieser milden Juninacht war er nachsichtig gestimmt, er ließ sie nach Gefallen galoppiren, glücklich, ein wenig aufathmen zu können. Nie zuvor hatte er sich wohler gefunden, das Herz erleichtert von Gewissensbissen in dem mächtigen, glückverheißenden Frieden der Nacht.

Er, der sonst niemals unterwegs sprach, neckte Pecqueux, den man ihm wieder als Heizer überlassen hatte.

»Nanu, Ihr reißt ja die Augen auf wie ein Mensch, der nur Wasser trinkt?«

Pecqueux sah in der That gegen seine sonstige Gewohnheit nüchtern und verdüstert aus.

»Ja, man muß die Augen offen halten, wenn man sehen will,« antwortete er ziemlich barsch.

Jacques sah ihn mißmuthig an, er glaubte, Jener sei nicht recht bei Verstande. In der vergangenen Woche war er der Geliebten des Genossen, der schrecklichen Philomène, richtig in die Arme gerathen, die schon seit langer Zeit sich an ihm wie eine magere, liebesdurstige Katze rieb. Es war keine geschlechtliche Neugierde, die ihn zu ihr trieb, er wollte nur etwas erfahren, nämlich, ob er gänzlich geheilt und ob jetzt sein schändlicher Trieb befriedigt war. Konnte er diese für sich haben, ohne ihr ein Messer in den Hals zu jagen? Schon zweimal hatte er sie gehabt und kein Schauder, keine Uebelkeit sich eingestellt. Daher seine große Freude, seine ruhige, lächelnde Miene, das Gefühl des Glücks, jetzt wieder ein Mann wie alle andern Männer zu sein.

Pecqueux wollte neue Feuerung auflegen.

»Nein, treibt sie nicht zu sehr an, sie geht gerade gut so.«

Der Heizer brummte etwas in den Bart.

»Ja wohl, geht gut ... Eine Faxenmacherin, eine Schlumpe ist sie! ... Wenn ich daran denke, daß man an die andere, die alte, die so gut war, Hand angelegt hat! ... Dieses Frauenzimmer von der Straße verdient einen Tritt in den Hintern.«

Jacques wollte sich nicht ärgern und gab keine Antwort. Aber er fühlte wohl, daß ihr einstiges eheliches Leben zu Dreien für immer zerstört war; denn die gute Freundschaft, die zwischen ihm, jenem und der guten Lison immer geherrscht hatte, war seit dem Tode der letzteren verschwunden. Jetzt stritt man sich um ein nichts, um eine zu sehr angezogene Schraubenmutter, um eine zu viel aufgelegte Schaufel Kohlen. Er nahm sich vor, vorsichtig im Verkehr mit Philomène zu sein, denn er wollte es nicht zu einem offenen Kriege kommen lassen auf dieser schmalen, schwankenden Brücke, die ihn und den Heizer trug. So lange Pecqueux aus Erkenntlichkeit dafür, daß er nicht fortgejagt wurde, kleine Summen ausgezahlt erhielt und die Vorräthe seines Vorgesetzten verzehren konnte, war er ihm ein gehorsamer und ergebener Hund gewesen, der für ihn die ganze Welt erwürgt hätte, wenn er es befohlen. Der täglichen Gefahr hatten beide wie Brüder in's Auge gesehen und es hatte keiner Worte bedurft, um sich zu verständigen. Aber dieses Leben wurde zur Hölle, wenn man sich unbequem wurde und man Seite an Seite durchrüttelt wurde, während man sich am liebsten gegenseitig aufgefressen hätte. Erst in der verflossenen Woche hatte die Gesellschaft den Locomotivführer und den Heizer des Eilzuges nach Cherbourg trennen müssen, weil sie wegen einer Frau in Uneinigkeit gerathen waren, der Erstere mißhandelte den letzteren, weil er ihm nicht gehorchte: es gab unterwegs Schläge und wirkliche Kämpfe, wobei man gänzlich des Schwanzes von Reisenden vergaß, der mit voller Schnelligkeit hinter ihnen herrollte.

Noch zweimal öffnete Pecqueux die Thür und legte trotz des Verbotes Kohle auf; er suchte augenscheinlich einen Streit vom Zaune zu brechen. Jacques that so, als bemerkte er nichts, als sähe sein Auge weiter nichts als die Strecke, er gebrauchte indessen die Vorsicht, jedesmal den Injectionshebel zu stellen, damit der Druck sich verminderte. Die Luft war so sanft und der schwache, erfrischende, durch die Geschwindigkeit des Zuges hervorgebrachte Wind that in der warmen Juninacht so wohl. Als man um elf Uhr fünf Minuten in Havre einlief, besorgten die beiden Männer die Toilette der Locomotive so einträchtig wie früher.

Als sie gerade das Depot verließen, um sich in die Rue François-Mazeline zur Ruhe zu begeben, rief sie Jemand an:

»Habt Ihr es so eilig? Tretet doch einen Augenblick näher!«

Es war Philomène, die von der Schwelle ihres brüderlichen Hauses aus auf Jacques gelauert hatte. Sie konnte eine Bewegung der Enttäuschung nicht unterdrücken, als sie Pecqueux bemerkte. Sie hatte sich daher wohl oder übel entschließen müssen, beide anzurufen; um das Vergnügen zu genießen mit ihrem neuen Freunde plaudern zu können, mußte sie die Gegenwart des alten erdulden.

»Laß uns in Ruhe,« brummte Pecqueux, »Du langweilst uns, wir sind müde.«

»Bist Du liebenswürdig!« antwortete Philomène aufgeräumt, »da ist Herr Jacques ganz anders, er nimmt gewiß gerne noch ein Gläschen zu sich ... Nicht wahr, Herr Jacques?«

Der Maschinenführer dankte kluger Weise, der Heizer jedoch nahm die Einladung mit einem Male an. Es war ihm eingefallen, daß er sich durch Beobachtung der Beiden am besten Gewißheit verschaffen konnte. Sie gingen in die Küche und setzten sich an den Tisch, während sie Gläser und eine Flasche Branntwein vor sie hinstellte. Dann sagte sie etwas leiser als gewöhnlich:

»Wir dürfen keinen Lärm machen, mein Bruder schläft über uns. Er hat es nicht gern, daß Jemand bei mir ist.«

Während sie ihnen einschenkte, setzte sie hinzu:

»Wißt Ihr schon, daß Frau Lebleu heute Morgen gestorben ist? ... O ich habe es immer gesagt, daß sie krepiren wird, wenn man sie in die Hinterwohnung, ein wahres Gefängniß, sperrt. Vier Wochen hat sie trotzdem den Anblick des Zinkdaches ertragen ... Daß sie sich aus ihrem Sessel nicht mehr erheben konnte, hat ihr sicher den Rest gegeben, denn nun konnte sie Fräulein Guichon und Herrn Dabadie nicht mehr belauschen, was ihr nachgerade zur zweiten Natur geworden war. Sie ist vor Wuth, Jene nie abgefaßt zu haben, jedenfalls geborsten.«

Philomène unterbrach sich, um einen großen Schluck Branntwein zu sich zu nehmen, dann sagte sie lachend:

»Sie schlafen jedenfalls zusammen, aber sie verstehen die Sache! ... Ich glaube, die kleine Frau Moulin weiß etwas, sie hat sie eines Abends gesehen. Aber die spricht nicht: die ist zu dämlich und ihr Mann erst, der Unter-Inspector ...«

Von Neuem unterbrach sie sich, um auszurufen:

»In der nächsten Woche kommt ja auch die Sache Roubaud in Rouen vor.«

Bisher hatten Jacques und Pecqueux schweigend zugehört. Der Letztere fand Philomène heute äußerst geschwätzig. Wenn sie beide allein waren, trug sie weit weniger die Kosten der Unterhaltung. Seine Augen verließen sie keinen Augenblick, er schwitzte vor Eifersucht, denn es war klar, daß sie nur seines Vorgesetzten wegen so aufgeräumt war.

»Ja,« antwortete der Locomotivführer völlig gefaßt, »ich habe ebenfalls die Vorladung erhalten.«

Philomène näherte sich ihm und freute sich, ihn mit dem Ellbogen streifen zu können.

»Ich auch, ich bin Zeugin ... Als man mich über Sie ausfragte, Herr Jacques, denn man wollte die volle Wahrheit über Ihre Beziehungen zu der unglücklichen Frau wissen, ja als man mich über Sie ausfragte, sagte ich zum Richter: »Er betete sie an, Herr Richter, es ist ganz unmöglich, daß er ihr etwas angethan hat!« That ich nicht recht so? Ich habe Sie Beide oft genug bei einander gesehen, ich war also berechtigt, so zu sprechen.«

»O ich bin nicht besorgt,« erwiderte der junge Mann gelassen, »ich kann Stunde für Stunde nachweisen, wie ich meine Zeit zugebracht habe ... Die Gesellschaft hat mich doch jedenfalls behalten, weil mir nicht der leiseste Vorwurf zu machen ist.«

Es trat Schweigen ein, alle drei tranken langsam.

»Ich zittre noch vor diesem Cabuche,« begann Philomène von Neuem, den man ja noch mit dem Blut der armen Dame bedeckt verhaftet hat! Was für dumme Männer giebt es doch! Eine Frau zu tödten, wenn man ihr nachstellt! Wenn die Frau nicht mehr lebt, ist doch überhaupt alles zu Ende! ... Ich werde auch mein Leben lang nicht vergessen, wie Herr Cauche Herrn Roubaud auf dem Perron verhaftete. Ich war gerade dabei. Ihr wißt, daß es nur drei Tage später geschah. Als Herr Roubaud am Tage nach der Beeidigung seiner Frau ganz unschuldig den Dienst wieder antreten wollte, klopfte ihm Herr Cauche auf die Schulter und sagte zu ihm, er hätte den Befehl, ihn in's Gefängniß zu bringen. Ihr könnt Euch denken, gerade ihn, der mit ihm Nacht für Nacht gespielt hatte! Aber wenn man Polizeikomnissär ist, muß man selbst seinen Vater und seine Mutter unter die Gouillotine schleppen, wenn es der Dienst verlangt. Er machte sich auch nichts daraus, dieser Herr Cauche, denn ich sah ihn nachher im Café du Commerce die Karten mischen, als wäre ihm sein Freund genau so viel gewesen, wie der Großtürke!«

Pecqueux hatte sich in die Lippen gebissen und schlug jetzt mit der Faust auf den Tisch.

»Zum Donnerwetter, ich hätte an dieses Schmachtlappens Stelle sein müssen! ... Sie schliefen bei seiner Frau, ein Andrer tödtete sie ihm und er läßt sich geduldig einsperren ... Die Platze könnte man bekommen!«

»Du Schafskopf,« ereiferte sich Philomène, »man beschuldigt ihn ja, Jemand zum Morde seiner Frau angestiftet zu haben, er wollte sie Geldinteressen halber los sein; was weiß ich! Ich glaube, man hat bei diesem Cabuche die Uhr des Präsidenten Grandmorin gefunden, der, wie Ihr wißt, vor ungefähr achtzehn Monaten im Koupee ermordet wurde. Man hat nun jenen Mord mit diesem in Verbindung gebracht und es ist eine ganz unglaubliche Geschichte daraus geworden, das reine Dintenfaß. Ich kann Euch das nicht so erklären, in der Zeitung stehen zwei volle Spalten darüber.«

Jacques schien zerstreut kaum hingehört zu haben.

»Wozu sich darüber den Kopf zerbrechen,« sagte er vor sich hin, »was geht das uns an? ... Wenn das Gericht nicht weiß, was es zu thun hat, wir wissen es ganz gewiß nicht.«

Dann schienen seine Augen in die Ferne zu schweifen und sein Gesicht entfärbte sich:

»Mich dauert bei alledem nur die arme Frau ... O die arme, arme Frau!«

»Ich habe eine Frau,« setzte Pecqueux auffahrend hinzu, »wenn aber Jemand wagen sollte, sie zu berühren, dann erwürge ich mit diesen Fingern alle beide. Nachher kann man mir ebenfalls den Hals abschneiden, es soll mir dann ganz gleichgültig sein.«

Abermals herrschte Stille. Philomène füllte die Gläser noch einmal und zuckte lächelnd mit den Schultern. Im Innern aber war ihr durchaus nicht besonders gut zu Muthe und sie streifte Pecqueux mit einem schnellen Seitenblick. Seit Mutter Victoire in Folge ihres Bruches nicht mehr thätig sein konnte, ihre Stellung als Wärterin im Bahnhofe aufgegeben hatte und in's Hospital gegangen war, vernachlässigte er sich vollständig, er ging immer in schmutzigen Lumpen umher. Sie sorgte nicht mehr duldsam und mütterlich für ihn, indem sie ihm frische Wäsche zurecht legte, damit die andere in Havre ihr nicht vorwerfen konnte, daß sie ihren Mann umkommen lasse. Philomène war durch das eigene, niedliche Aussehen Jacques verführt worden und verabscheute jetzt natürlich den Andren.

»Meinst Du Deine Frau in Paris, die Du erwürgen willst?« fragte sie vorwitzig. »Du brauchst nicht zu befürchten, daß man sie Dir nimmt!«

»Die oder eine Andere!« brummte Pecqueux.

Sie trank ihm zu und stichelte dabei: »Auf Dein Wohl, Pecqueux. Und vergiß nicht, mir Deine Hemden zu bringen, damit ich sie waschen und zurecht machen kann, denn wir machen keinen Staat mehr mit Dir, weder sie noch ich ... Auf Ihr Wohl, Herr Jacques!«

Jacques fuhr zusammen, als erwachte er eben aus einem Traume. Trotzdem er keine Gewissensbisse fühlte, seit dem Morde sich wie erleichtert vorkam und sich eines körperlichen Wohlbefindens erfreute, erschien ihm Séverine häufig und dann rührte sie den mitleidigen Menschen, der in ihm wohnte, zu Thränen. Er trank und sagte hastig, um seine Verlegenheit zu verbergen:

»Wissen Sie schon, daß wir Krieg bekommen werden?«

»Nicht möglich,« rief Philomène. »Mit wem denn?«

»Nun mit den Preußen ... Wegen eines deutschen Fürsten, der König von Spanien werden will. Gestern ist in der Kammer ausschließlich davon gesprochen worden.«

Sie schimpfte nun darauf los.

»Das kann ja recht nett werden! Mit ihren Wahlen, ihrem Plebiszit und ihrer Angst haben sie uns schon genug zugesetzt! –Wenn es losgeht, müssen alle Männer mit?«

»O wir brauchen nichts zu fürchten, denn man kann die Eisenbahnen nicht entbehren ... Natürlich hätten wir mit dem Transport der Truppen und den Verproviantirungen alle Hände voll zu thun! Wenn es also so kommen sollte, müssen wir ebenfalls unsere Schuldigkeit thun.«

Er erhob sich, denn er merkte, daß sie eines ihrer Beine unter das seine geschoben hatte und daß Pecqueux, der es gesehen und roth geworden war, darob die Zähne aufeinander preßte und die Fäuste ballte.

»Wir wollen zu Bett gehen, es ist höchste Zeit.«

»Ja, das wird uns besser bekommen,« sagte der Heizer bebend.

Er hatte den Arm Philomène's gepackt und drückte ihn, als wollte er ihn kurz und klein brechen. Sie unterdrückte einen Schmerzensschrei und beeilte sich, dem Locomotivführer in's Ohr zu flüstern, während Jener sein Glas leerte:

»Nimm Dich in Acht, er ist zu allem fähig, wenn er getrunken hat.«

Man hörte jetzt schwere Schritte die Treppe herunterkommen. Sie entfärbte sich.

»Mein Bruder! ... Macht, daß Ihr fortkommt.«

Die beiden Männer waren noch keine zwanzig Schritt vom Hause entfernt, als sie schon einige Ohrfeigen fallen hörten, auf die lautes Geheul folgte. Philomène erhielt wieder einmal ihre Prügel wie ein kleines Mädchen, das die Nase in den Compottopf gesteckt hat. Der Locomotivführer war stehen geblieben und schien geneigt, ihr zu Hilfe zu eilen. Doch der Heizer hielt ihn zurück.

»Was geht das uns an? ... Tödten sollte er sie gleich, diese Dirne!«

In der Rue François-Mazeline legten sich Jacques und Pecqueux nieder, ohne ein Wort mit einander zu wechseln. Die beiden Betten in dem engen Zimmer berührten sich fast. Lange lagen sie noch mit offenen Augen wach, und Jeder lauschte auf die Athemzüge des Andern.

Am Montag sollte in Rouen die Verhandlung in Sachen Roubaud ihren Anfang nehmen. Es war das ein Triumph für den Untersuchungsrichter, Herr Denizet, denn man zögerte in der juristischen Welt nicht mit Lobspenden über die Art und Weise, wie er diese verwickelte, dunkle Sache geleitet hatte: es wäre ein Meisterwerk seiner Analyse, so sagte man, eine logische Rekonstruirung der Wahrheit, mit einem Worte eine wahrhaftige Schöpfung.

Einige Stunden nach der Ermordung Séverine's traf Herr Denizet in la Croix-de-Maufras ein und ließ Cabuche verhaften. Alles lenkte den unzweifelhaften Verdacht auf ihn, seine Besudelung mit dem Blute, die erdrückenden Aussagen Roubaud's und Misard's, die erzählten, wie sie ihn allein mit dem Leichnam in höchster Verwirrung angetroffen hatten. Befragt und gedrängt zu sagen, wie er in dieses Zimmer gelangt sei, stotterte der Kärrner eine Geschichte zurecht, die der Richter achselzuckend anhörte, ihm schien es eine Ausflucht, ein klassisches Märchen. Er erwartete diese immer gleiche Geschichte von dem sagenhaften Mörder, von dem erdachten Schuldigen, den der wirkliche Schuldige durch die dunkle Landschaft davongaloppiren gehört haben wollte. Dieser Wärwolf war gewiß schon weit, wenn er noch immer lief. Als man ihn fragte, was er in so später Stunde vor dem Hause zu suchen hatte, zögerte Cabuche und gab schließlich zur Antwort, er sei noch ein wenig spazieren gegangen. Das war geradezu kindlich. Wie sollte man an diesen geheimnißvollen Unbekannten glauben, der erst mordete, dann auskniff, alle Thüren offen ließ und nicht einmal irgend einen Gegenstand, nicht einmal ein Taschentuch entwendet hatte. Von wo sollte er gekommen sein? Warum sollte er gemordet haben? Der Richter wußte schon von Anbeginn der Untersuchung von der Liebschaft zwischen Séverine und Jacques, und war sich darüber nicht recht klar, womit Letzterer seine Zeit ausgefüllt hatte. Aber sowohl der Beschuldigte selbst sagte, daß er Jacques nach Barentin zum Zuge um vier Uhr vierzehn Minuten begleitet hätte, als auch die Wirthin in Rouen schwor bei allen Göttern, daß der junge Mann nach dem Essen sich sofort auf sein Zimmer begeben, und daß er dasselbe erst am folgenden Morgen gegen sieben Uhr verlassen habe. Und dann schlachtete ein Liebhaber nicht die von ihm angebetete Frau, mit der er nie einen Streit gehabt, ohne Weiteres ab. Das wäre geradezu absurd. Nein, es gab nur einen einzigen vermuthlichen Mörder, einen eigenthümlichen Mörder und das war der dort vorgefundene einfältige Verbrecher mit den rothen Händen, dem Messer zu seinen Füßen, dieses brutale Thier, das dem Gericht Geschichten einreden wollte, bei denen man im Stehen einschlafen konnte.

Aber an diesem Punkte angelangt, fühlte sich Herr Denizet trotz seiner Ueberzeugung und seiner feinen Nase, die er wie er sagte, ihn besser bediente, als jeder Beweis, doch noch etwas unsicher. Bei einer ersten Haussuchung in dem zerfallenen Gemäuer des Verhafteten im Walde von Bécourt hatte man nichts auffälliges gefunden. Ein Diebstahl konnte also nicht die Veranlassung zum Morde gewesen sein, es mußte nach einem anderen Beweggrund geforscht werden. Plötzlich führte ihn Misard zufällig während des Verhörs auf den richtigen Weg, indem erzählte, daß er gesehen hätte, wie Cabuche eines Nachts über die Mauer geklettert sei, um durch das Fenster ihres Zimmers Frau Roubaud beim Entkleiden zu beobachten. Jacques wurde ebenfalls gefragt und sagte ohne Zaudern, was er von der stummen Anbetung des Kärrners, von dem glühenden Verlangen, mit dem er sie verfolgte, von seinen Handreichungen wußte. Ein Zweifel war also nicht mehr möglich: eine bestialische Leidenschaft hatte Cabuche zu dem Verbrechen gedrängt. Alles andere ergab sich von selbst: der Mann war durch die Thür zurückgekehrt, zu der er wahrscheinlich einen Schlüssel besaß, hatte dieselbe in seiner Verwirrung offen gelassen, dann folgte der Kampf, der mit Mord endete, schließlich die Nothzüchtigung, die durch die Ankunft des Gatten gestört wurde. Nur eines war auffallend. Warum hatte der Mensch, der doch von der bevorstehenden Ankunft des Mannes wußte, gerade diese Zeit gewählt, in der er jeden Augenblick von diesem überrascht werden konnte? Aber bei reiflicher Ueberlegung wirkte auch dieser Umstand belastend für den Angeklagten; man konnte annehmen, daß er in der Krisis brennenden Verlangens gehandelt habe, in dem Wahn, daß er Séverine, die am folgenden Tage abreisen wollte, nie wieder allein in diesem einsamen Hause begegnen würde, wenn er nicht diese Minute benutzte. Von diesem Augenblick an stand die Ueberzeugung des Richters unerschütterlich fest.

Mit Verhören vielfach gequält, ein- und ausgespannt in die Folter spitzfindiger Fragen, blieb Cabuche hartnäckig bei seiner ersten Behauptung. Er habe sich in der frischen Nachtluft auf der Landstraße ergangen, als ein Individuum in solcher Hast an ihm vorbeigestürmt sei, daß er nicht einmal zu sagen wußte, in welcher Richtung er in die Finsterniß hineingelaufen wäre. Es habe ihn eine Unruhe gepackt, er habe nach dem Hause geblickt und gesehen, daß die Thür weit offen stand. Er habe sich endlich entschlossen hinaufzusteigen und die Todte noch warm auf dem Fußboden liegend gefunden; sie hätte ihn mit ihren großen Augen so fragend angeblickt, daß er noch Leben in ihr vermuthete und sie auf das Bett trug, dabei hatte er sich mit Blut befleckt. Etwas anderes wußte er nicht, er wiederholte immer nur dieses eine und änderte nichts daran, so daß es wirklich aussah, als hätte er sich schon vorher diese Geschichte zurechtgereimt. Wenn man ihn herauszulocken versuchte, verwirrte er sich und schwieg wie ein beschränkter Mensch, der darüber hinaus nichts versteht. Als Herr Denizet ihn zum ersten Male über seine Liebe zu dem Opfer ausfragen wollte, wurde er sehr roth, wie ein junger Mensch, den man bei seiner ersten Liebschaft ertappt. Er leugnete alles und bestritt je von dem Besitz dieser Dame geträumt zu haben, denn dieses zärtliche, heimliche Gefühl, über welches er Niemandem Rechenschaft schuldig war, schlummerte tief in seinem Herzen. Er hätte sie nie geliebt, sie nie begehrt, man sollte ihm nie damit kommen. Jetzt, nun sie todt war, schien es ihm wie eine Entheiligung. Aber dieses Ableugnen einer Thatsache, für welche mehrere Zeugen eintraten, machte ihn noch verdächtiger. Nach dem Sinne der Anklage hatte er natürlich ein Interesse daran, das wilde Verlangen nach der Unglücklichen zu verheimlichen, die er getödtet hatte, um sich an ihrem Besitz zu berauschen. Als der Richter alle Beweise beisammen hatte und den Hauptschlag gegen ihn führte, als er ihm die Anklage, gemordet und genothzüchtigt zu haben, direct in's Gesicht schleuderte, kannte seine Wuth keine Grenzen. Er sollte sie getödtet haben, um sie zu besitzen, er, der sie wie eine Heilige verehrte? Die herbeigerufenen Gensdarmen mußten ihn halten, denn er sprach davon, dieses verfluchte Loch in Grund und Boden schlagen zu wollen. Er war ein heimtückischer Schurke schlimmster Sorte, aber gerade seine Heftigkeit dokumentirte an seiner Statt das von ihm geleugnete Verbrechen.

So weit war die Untersuchung gediehen, der Verhaftete war in Wuth gerathen und hatte jedesmal, wenn man auf den Mord zu sprechen kam, behauptet, daß es der Andre, der geheimnißvolle Flüchtling gewesen sei, als Herr Denizet einen Fund machte, der die Sache ganz auf den Kopf stellte und ihre Wichtigkeit verzehnfachte. Wie Herr Denizet sagte, witterte er die Wahrheiten. So bewog ihn auch eine Art Vorgefühl, persönlich eine zweite Haussuchung in Cabuche's Höhle vorzunehmen. Und dort entdeckte er hinter einem Balken einen Versteck, in welchem sich zwischen Taschentüchern und Handschuhen von Damen eine goldene Uhr vorfand, die er zu seiner größten Freude sofort erkannte: es war die einstmals so viel gesuchte Uhr des Präsidenten Grandmorin, eine starke Uhr mit zwei eingravirten Buchstaben und der Fabrikationsziffer 2516 auf der Innenseite der Kapsel. Wie ein Blitzstrahl schoß es ihm durch den Kopf, alles erhellte sich, das Einst verband sich mit dem Jetzt, die Thatsachen, wie er sie aneinander reihte, entzückten ihn durch ihre Logik. Aber die Folgen konnten sehr weitgehende werden, deshalb erwähnte er von der Uhr noch nichts und er fragte Cabuche nur nach der Herkunft der Taschentücher und Handschuhe. Diesem schwebte einen Augenblick das Geständniß auf den Lippen: ja er hatte sie angebetet und ein so heißes Verlangen nach ihr verspürt, daß er den Saum ihres Kleides hätte küssen mögen und alles stehlen, was sie liegen ließ, Schnürsenkel, Agraffen, Nadeln. Aber eine unüberwindliche Scham hieß ihn schweigen. Und als ihm der Richter doch die Uhr vorhielt, sah er sie stumpfsinnig an. Er erinnerte sich ihrer sehr wohl, es war die Uhr, die er in ein Taschentuch geknüpft gefunden hatte, welches er unter einem Kopfkissen hervorzog und mit nach Hause nahm. Dort war sie geblieben, weil er nicht wußte, wie er es anstellen sollte, um ihr die Uhr zurückzugeben. Aber wozu alles das erzählen? Er hätte auch die anderen Diebstähle eingestehen müssen, das Fortstehlen dieses Leinens, das so schön roch und dessen er sich schämte. Man glaubte ihm ja doch nichts. Er selbst verstand schon fast nichts mehr, in seinem beschränkten Schädel ging schon so wie so alles drunter und drüber, es kam ihm alles wie ein böser Traum vor. Selbst der Anklage, der Mörder zu sein, begegnete er schon ruhiger. Er wiederholte auf jede Frage, daß er von nichts wisse. Er wisse nicht, wie die Handschuhe und Taschentücher, nicht wie die Uhr dorthin gekommen sei. Man mache ihn mit Gewalt dumm. Nun gut, so solle man ihn in Ruhe lassen und ihm lieber gleich den Kopf abhauen.

Am nächsten Tage ließ Herr Denizet Roubaud verhaften. Kraft seiner Allmacht hatte er in einer Minute der Erleuchtung den Verhaftsbefehl erlassen. Er vertraute nur dem Genius seiner Weitsichtigkeit, denn er hatte noch kein genügendes Material gegen den Unter-Inspector beisammen. Trotzdem verschiedene Punkte noch sehr dunkel waren, witterte er in diesem Manne die Hauptursache, die Quelle beider Verbrechen. Und er triumphirte gleich darauf, als ihm die vor dem Notar Colin in Havre acht Tage nach der Besitzergreifung von la Croix-de-Maufras abgeschlossene Testirung zu Gunsten des überlebenden Theiles in die Hände fiel. Nun ergänzte sich die ganze Geschichte in seinem Gehirn in so folgerichtiger Gewißheit und so packender Ueberzeugung, daß die nackte Wahrheit selbst phantastischer und unbegründeter ausgeschaut hätte, als dieses unzerstörbare Gebäude seiner Anklage. Roubaud war ein Feigling, der zu wiederholten Malen nicht selbst zu morden gewagt und sich des Armes dieses Cabuche, dieser tückischen Bestie bedient hatte. Das erste Mal konnte er es nicht erwarten, den Präsidenten Grandmorin zu beerben, dessen Testament er kannte. Er wußte auch, welchen Haß der Kärrner gegen diesen hegte, deshalb hatte er diesen in Rouen in das Koupee gedrängt und ihm das Messer in die Hand gedrückt. Beide Genossen würden sich nach Theilung der zehntausend Franken gewiß nie wieder gesehen haben, wenn nicht der eine Mord einen zweiten erzeugt hätte. Das war der so viel bewunderte Trick krimineller Psychologie des Richters. Er behauptete jetzt, er hätte nie aufgehört Cabuche zu überwachen, denn es sei von je seine Ueberzeugung gewesen, daß der erste Mord mathematisch genau einen zweiten herbeiführen würde. Nach achtzehn Monaten war dieser Fall eingetreten. Das eheliche Leben der Roubaud ging in die Brüche, der Mann hatte die fünftausend Franken verspielt, die Frau sich einen Geliebten genommen, um sich zu zerstreuen. Wahrscheinlich hatte sie sich geweigert, la Croix-de-Maufras zu verkaufen, aus Furcht, daß er auch dieses Geld klein machen würde, vielleicht hatte sie ihm auch bei ihren ewigen Zänkereien damit gedroht, ihn dem Gericht anzuzeigen. Jedenfalls waren zahlreiche Zeugnisse für die völlige Uneinigkeit der beiden Gatten vorhanden. Und da endlich vollzog sich die Consequenz des ersten Verbrechens: Cabuche tauchte mit seinen brutalen Gelüsten wieder auf, der Mann drückte ihm abermals im Dunkel das Messer in die Hand, um in den ungeschmälerten Besitz dieses verwünschten Hauses zu gelangen, dem schon ein Menschenleben zum Opfer gefallen war. Zu dieser Wahrheit stimmte alles: die bei dem Kärrner entdeckte Uhr und vor allem der bei beiden Opfern gleichmäßig, von derselben Hand, mit derselben Waffe, diesem in dem Zimmer gefundenen Messer geführte Stoß. Ueber letzteren Punkt konnte sich die Anklage noch nicht ganz bestimmt äußern, weil die Wunde des Präsidenten von einer kleineren, schärfer schneidenden Klinge herbeigeführt zu sein schien.

Roubaud antwortete in seiner jetzt üblichen schläfrigen Manier mit ja und nein. Er schien von seiner Verhaftung gar nicht überrascht zu sein, in der langsamen Auflösung seines ganzen Wesens war ihm alles gleichgiltig. Um ihn zum Sprechen zu bewegen, hatte man ihm einen beständigen Wärter gegeben, mit welchem er von Morgens bis Abends Karten spielte. Er befand sich im Uebrigen wohlauf. Er war von der Schuld Cabuches fest überzeugt, nur dieser konnte der Thäter sein. Als man ihn über Jacques ausfragte, zuckte er lachend die Schultern, er machte also aus seiner Kenntniß der Beziehungen Séverine's zu diesem kein Hehl. Nachdem ihm Herr Denizet zuerst allerlei Kreuz- und Querfragen gestellt, entwickelte er schließlich sein System, er drängte ihn geradezu in die Mitschuld an dem Morde hinein; er bemühte sich, ihm ein Geständniß zu entreißen. Roubaud aber war in der Angst, sich entdeckt zu sehen, sehr umsichtig geworden. Was erzählte man ihm da? Nicht er, sondern der Kärrner sollte den Präsidenten getödtet haben, ebenso wie Séverine und beide Male sollte er doch der eigentliche Schuldige sein, da der Andere nur in seinem Auftrage und an seiner Statt gemordet hätte? Diese verwickelte, abenteuerliche Geschichte machte ihn mißtrauisch: man stellte ihm ohne Frage eine Falle, man log ihm etwas vor, um ihm ein Geständniß betreffs der Theilnahme an dem ersten Morde zu entreißen. Bei seiner Verhaftung war es ihm sofort klar, daß auch diese alte Geschichte wieder vorgesucht werden würde. Mit Cabuche confrontirt erklärte er, diesen Menschen nicht gekannt zu haben, er hätte ihn zum ersten Male gesehen, als dieser mit blutigen Händen gerade sein Opfer nothzüchtigen wollte. Der Kärrner war außer sich und raste, so daß man aus der ganzen Geschichte überhaupt nicht mehr klug werden konnte. Drei Tage verflossen, der Richter ließ Verhör auf Verhör folgen, er war nämlich überzeugt, daß beide Verbrecher ihm eine Komödie vorspielten. Roubaud war schließlich so schlaff, daß er überhaupt nicht mehr antwortete. Mit einem Male aber, in einem Augenblick höchster Ungeduld, wollte er überhaupt mit allem zu Rande kommen. Er gab damit dem dumpfen Verlangen nach, das ihn schon seit Monaten quälte: er sagte alles, die reine, die volle Wahrheit.

An diesem Tage gerade kämpfte Herr Denizet in seinem Bureau mit allen ihm eigenen Finessen, seine schweren Lider verhüllten seine Augen, seine beweglichen Lippen spitzten sich bei der Anstrengung, ganz besonders geistreiche Einfälle zu Tage zu fördern, scharf zu. Seit einer Stunde schon klügelte er gegen diesen aufgeschwemmten, fahlgesichtigen Verhafteten, hinter dessen behäbigem Aeußeren nach seiner Meinung eine große Verschlagenheit wohnte, allerlei gelehrte Listen aus, und er glaubte bereits, ihn Schritt für Schritt verlockt, auf allen Seiten eingeengt und schon in der Falle zu haben, als der Andere plötzlich mit den Mienen eines bis zum Aeußersten getriebenen Mannes ausrief, er hätte jetzt genug und wollte lieber alles gestehen, als noch ferner so gequält werden. Da man ihn ohnehin für den Schuldigen hielt, so wollte er, daß die Dinge wenigstens so zur Aburtheilung kämen, wie sie wirklich geschehen waren. Und je weiter er mit seiner Erzählung kam von der Verführung seiner Frau im jugendlichen Alter durch den Präsidenten, von seiner Eifersuchtswuth, als er diese Schweinereien vernommen, von seinem Morde, von seiner Entwendung der zehntausend Franken, um so weiter hoben sich die Augenlider des Richters. Er zweifelte und sein Mund verzog sich spöttisch, er drückte die Ungläubigkeit, die unbezweifelbare, berufsmäßige Ungläubigkeit des Richters aus. Er lächelte über das ganze Gesicht, als der Angeklagte schwieg. Dieser Kerl war doch noch schlauer als er gedacht hatte: den ersten Mord ganz für sich in Anspruch zu nehmen, daraus ein rein aus Leidenschaft herbeigeführtes Verbrechen zu bilden, sich also damit von jedem Verdacht des Raubmordes rein zu waschen und namentlich von der Theilnahme an der Ermordung Séverine's, war ein kühnes Manöver, es sprach von Intelligenz, von einer wenigen gegebenen Willensstärke. Aber er konnte das Gesagte schwerlich aufrecht erhalten.

»Sie müssen uns nicht als Kinder betrachten, Roubaud,« sagte der Richter. »Sie behaupten, daß Sie eifersüchtig waren und den Mord aus Eifersucht begangen haben?«

»So ist es.«

»Gut, zugegeben, es verhält sich alles so, wie Sie erzählen, dann hätten Sie also Ihre Frau ohne Kenntniß ihrer Beziehungen zu dem Präsidenten geheirathet. Ist das anzunehmen? Ihr Fall beweist gerade das Gegentheil, es hat sich Ihnen eine Spekulation angeboten. Sie haben sie erwogen und zugegriffen. Man giebt Ihnen ein wie ein Fräulein erzogenes, junges Mädchen, man stattet sie aus, ihr Beschützer wird der Ihrige, Sie wissen genau, daß man ihr ein Landhaus testamentarisch vermachen wird und Sie wollen behaupten, daß Sie keinen Argwohn hatten? Nein, Sie müssen alles gewußt haben, anders kann ich mir Ihre Heirath nicht erklären. –Uebrigens genügt die Feststellung einer ganz einfachen Thatsache, Sie zu widerlegen. Sie sind nicht eifersüchtig, wagen Sie es doch zu behaupten, daß Sie eifersüchtig sind.«

»Ich sage die Wahrheit, ich habe in einem Wuthanfalle von Eifersucht den Mord verübt.«

»Nachdem Sie also den Präsidenten ehemaliger, angeblich ungewisser Beziehungen wegen ermordet haben –ich glaube nicht daran –müssen Sie mir ja auch erklären können, aus welchem Grunde Sie es litten, daß dieser Jacques Lantier, ein solider Mensch, eine Liebschaft mit Ihrer Frau unterhielt. Jedermann wußte von diesem Verhältniß und auch Sie selbst haben aus Ihrer Kenntniß desselben kein Hehl gemacht ... Sie ließen ihn unbehelligt ein- und ausgehen, warum?«

Mit gesenktem Kopf starrte Roubaud in die Leere, er fand keine Ausrede und meinte schließlich:

»Ich weiß es nicht ... Den ersten tödtete ich, diesen nicht.«

»Sie können also nicht behaupten, daß Sie rachsüchtig aus Eifersucht sind und ich rathe Ihnen, diesen Roman den Geschworenen nicht aufzutischen, denn sie würden nur mitleidig darüber lächeln ... Folgen Sie mir, ändern Sie Ihr System, die reine Wahrheit nur kann Sie retten.«

Von diesem Augenblick an bemühte sich Roubaud, diese Wahrheit zu sagen, die im Grunde genommen eine große Lüge war. Alles wendete sich so wie so gegen ihn. Das frühere Verhör bei der ersten Untersuchung unterstützte ebenfalls die neue Version, denn er selbst hatte damals Cabuche beschuldigt. Damit war also der Beweis einer außerordentlich geschickt gemachten Verbindung Beider erbracht. Der Richter durchhechelte die Psychologie dieses Falles mit einer wahrhaften Liebe zu seinem Berufe. Noch nie, so erzählte er, sei er so tief in die menschliche Natur eingedrungen. In ihm siegte das Ahnungsvermögen über die Beobachtungsgabe. Er gehörte zu der Schule der sehnenden und fascinirenden Richter, die durch einen einzigen Augenaufschlag den ganzen Menschen bloßlegen. Die Beweise waren übrigens ebenfalls in erdrückender Menge zur Stelle. Noch nie hatte eine Untersuchung eine solidere Basis ergeben, die Gewißheit blendete geradezu wie das Licht der Sonne selbst.

Es vermehrte den Ruhm des Herrn Denizet, daß er beide Sachen in einen Topf werfen konnte, nachdem er die erste geduldig und in aller Stille reconstruirt hatte. Nach dem lärmenden Erfolge des Plebiszits hörte das Fieber im ganzen Lande nicht auf, es glich dem Schwindel, der großen Katastrophen vorausgeht. In der Gesellschaft, in der Politik, in der Presse namentlich des sich seinem Ende zuneigenden zweiten Kaiserreichs herrschte eine beständige Unruhe und Aufregung, so daß selbst die Freude eine krankhafte Ueberschwenglichkeit annahm. Als man nach der Ermordung einer Frau in dem abseits gelegenen Landhause von la Croix-de-Maufras hörte, daß durch einen geschickten Schachzug des Untersuchungsrichters in Rouen die alte Sache Grandmorin ebenfalls ausgegraben und mit dem neuen Verbrechen in Verbindung gebracht worden sei, brach ein Freudengeschrei in der offiziellen Presse aus. Von Zeit zu Zeit nämlich hatten die oppositionellen Blätter noch einige Sticheleien betreffs des unauffindbaren, sagenhaften Mörders, dieser Erfindung der Polizei, vom Stapel gelassen, welch letztere den Auftrag hätte, die schmutzigen Händel einiger kompromittirter hochgestellter Persönlichkeiten zu verdecken. Die Antwort wirkte wie ein Keulenschlag: Der Mörder und sein Mitschuldiger waren verhaftet, das Gedächtniß des Präsidenten Grandmorin ging unbefleckt aus dieser Geschichte hervor. Die Polemik begann von Neuem, die Aufregung zwischen Paris und Rouen wuchs von Tag zu Tag. Abgesehen von diesem spannenden, die Einbildung beschäftigenden Roman selbst, ereiferte man sich bereits darüber, ob die endlich entdeckte, unbestreitbare Wahrheit dem Staat wieder ein festes Gefüge geben würde. Eine ganze Woche hindurch brachten die Zeitungen spaltenweise Einzelheiten über diese Affaire.

Herr Denizet wurde nach Paris berufen und fand sich in der Privatwohnung des Generalsecretärs, Herrn Camy-Lamotte in der Rue du Rocher ein. Er fand ihn stehend in seinem ernsten Arbeitskabinet, sein noch müder blickendes Gesicht hatte etwas gemagert. Er schien auch etwas gebeugt, jedenfalls sah er im Widerschein dieser Apotheose den bevorstehenden Verfall des alten Regime ahnenden Geistes kommen. Seit zwei Tagen war er eine Beute innerer Kämpfe; er wußte noch immer nicht, welchen Gebrauch er von dem aufbewahrten Briefe Séverine's machen sollte. Dieser Brief hätte das ganze Anklagesystem über den Haufen geworfen, weil er ein unverwerflicher Beweis für die Aussage Roubaud's war. Niemand wußte von ihm, er konnte ihn vernichten. Aber am Abend vorher hatte der Kaiser zu ihm gesagt, er wünsche, daß diesmal die Gerechtigkeit unbeeinflußt ihren Lauf nähme, sollte selbst seine Regierung darunter leiden müssen; es war das ein vereinzelter Aufschrei von Rechtschaffenheit, vielleicht aus Aberglauben, daß ein einzelner ungerechter Act, trotz der Akklamation durch das Land, das Schicksal umstimmen könnte. Der Generalsecretär fühlte keine Gewissensbisse, denn er pflegte alle Geschäfte dieser Gesellschaft als eine einfache mechanische Frage zu behandeln, und doch fühlte er sich verlegen werden, als er diesen Befehl erhielt. Er fragte sich, ob die Liebe zu seinem Herrn selbst einen Ungehorsam verzeihen würde.

Herr Denizet konnte seinen Triumph nicht zügeln.

»Meine feine Nase hat mich also nicht irre geführt, dieser Cabuche hat auch den Präsidenten ermordet ... Allerdings auch die zweite Fährte enthielt etwas Wahrheit und ich muß gestehen, daß der Fall Roubaud ebenfalls etwas nebelhaft erscheint ... Je nun, jedenfalls haben wir jetzt Beide.«

Herr Camy-Lamotte sah ihn mit seinen blassen Augen starr an.

»Es sind also alle in den Acten verzeichneten Thatsachen beglaubigt und Ihre Ueberzeugung ist unerschütterlich?«

»Unerschütterlich ... Eines reiht sich an das andere, ich erinnere mich keines Falles, der trotz der augenscheinlichen Verwicklungen logischer sich entwickelt hätte und schon im Voraus leichter zu entscheiden gewesen wäre, als dieser.«

»Aber Roubaud streitet, er nimmt den ersten Mord ganz auf sich, er erzählt eine Geschichte von seiner entehrten Frau, von seiner Eifersucht, daß er in einem Anfalle blinder Wuth gemordet habe. Die Oppositionsblätter erzählen alles das.«

»Ja, sie erzählen es als einen Klatsch, an den sie selbst nicht glauben. Dieser Roubaud eifersüchtig, der die Stelldicheins seiner Frau mit dem Geliebten sogar förderte! Er möge diese Fabel nur vor dem Gerichtshofe wiederholen, der gesuchte Skandal wird nicht ausbrechen! ... Ja, wenn er noch einen Beweis beibrächte, aber das kann er eben nicht. Er spricht wohl von einem Brief, den er seine Frau habe schreiben lassen, ein solcher aber ist unter den Papieren des Opfers nicht gefunden worden ... Sie selbst, Herr Generalsecretär, haben ja die Papiere des Verstorbenen gesichtet, haben Sie etwas gefunden?«

Herr Camy-Lamotte antwortete nicht. Nach dem System des Richters allerdings wurde jedem Skandal die Spitze abgebrochen: Roubaud würde Niemand Glauben schenken, das Gedächtniß des Präsidenten wäre rein gewaschen von den abscheulichen Verdächtigungen, das Kaiserreich würde Nutzen ziehen können aus dieser lärmenden Rehabilitirung einer seiner Creaturen. Und da sich Roubaud so wie so schuldig bekannte, war es einerlei, nach welcher Version des Gerichts er verurtheilt werden würde. Es blieb also nur Cabuche zu berücksichtigen. Hatte dieser auch nicht an dem ersten Verbrechen theilgenommen, so war er doch zweifellos der Urheber des zweiten. Gerechtigkeit, Du lieber Gott, wohin war diese Illusion! Wenn die Wahrheit so im Argen lag, war da die Gerechtigkeit nicht das reine Federballspiel? Man hatte einzig und allein vernünftig zu sein, man mußte sich diese ihrem Ende zuneigende, dem Ruine nahe Gesellschaft von den Schultern zu schütteln wissen.

»Nicht wahr,« wiederholte Herr Denizet, »Sie haben einen solchen Brief nicht gefunden?«

Herr Camy-Lamotte richtete abermals seinen Blick auf ihn. Gelassen, als Herr der Situation, nahm er die Gewissensbisse, die den Kaiser gequält, auf sich und erwiderte:

»Ich habe nichts gefunden.«

Darauf überhäufte er lächelnd den Richter mit Belobigungen. Nur ein ganz, ganz schwaches Kräuseln der Lippen ließ so etwas wie bittere Ironie hindurchblicken. Noch nie sei eine Untersuchung mit so hoher Einsicht geführt worden. Es wäre jetzt an höchster Stelle beschlossen worden, daß er sofort nach den Ferien als Rath nach Paris versetzt werden sollte. Er begleitete ihn sogar bis auf den Hausflur. »Sie allein haben klar gesehen, Sie sind wirklich zu bewundern ... Wenn erst die Wahrheit ihren Mund aufthut, darf nichts sie aufhalten, weder eine Rücksicht auf gewisse Persönlichkeiten noch auf die Interessen des Staates ... Sehen Sie zu, daß die Sache vorwärts kommt, gleichviel welche Folgen sie nach sich zieht.«

»Die Beamten thun ihre volle Pflicht,« sagte Herr Denizet. Er grüßte und ging strahlend von dannen.

Als sich Herr Camy-Lamotte allein befand, zündete er zunächst eine Kerze an, dann entnahm er einem Schubfache den Brief Séverine's. Das Licht brannte hell, er entfaltete den Brief, um ihn nochmals zu lesen. Er erinnerte sich dabei wieder dieser niedlichen Verbrecherin mit ihren Nixenaugen, die ihm einstmals eine so große Sympathie eingeflößt hatte. Sie war jetzt todt, unter traurigen Umständen gestorben. Wer kannte das Geheimniß, das sie mit in's Grab genommen? Ja, wahrhaftig, die Wahrheit, die Gerechtigkeit alles war nur ein Schein! Ihm blieb von dieser reizenden, unbekannten Frau nur das Verlangen eines Augenblicks, das sie, wenn er gewollt, gewiß befriedigt hätte. Er näherte den Brief dem Lichte, und als er aufflammte, wurde ihm so traurig zu Muthe, als ahnte er ein Unheil: war es denn noch nöthig, diesen Beweis zu zerstören und sein Gewissen durch diese That zu belasten, nun das Schicksal es ohnehin wollte, daß das Kaiserreich ebenso in alle Winde zerstreut würde, wie das kleine Häuflein Asche, das seinen Fingerspitzen entschwebte?

In weniger als einer Woche hatte Herr Denizet die Untersuchung beendet. Er fand bei der Westbahn-Gesellschaft ein aufmerksames Entgegenkommen. Die gewünschten Dokumente und Zeugen wurden ihm unverweilt zur Verfügung gestellt. Wünschte sie doch selbst lebhaft, daß diese mißliche Geschichte eines ihrer Beamten ein Ende nähme, die die vielfach verknüpften Zweige der Administration, selbst die oberste Aufsichtsbehörde beinahe in's Wanken gebracht hatte. Das kranke Glied mußte so schnell als möglich abgehauen werden. Abermals defilirte an dem Cabinet des Untersuchungsrichters das ganze Bahnhofspersonal von Havre vorüber, Herr Dabadie, Herr Moulin und alle Andern, welche vernichtende Aussagen über Roubaud's schlechte Führung abgaben; dann kam Herr Bassière, der Bahnhofsvorsteher von Barentin an die Reihe, dessen Aussagen namentlich in Hinsicht auf den ersten Mord von entscheidender Wichtigkeit waren; dann folgten Herr Vandorpe, der Bahnhofsvorsteher von Paris, der Bahnwärter Misard und der Zugführer Henri Dauvergne; die beiden Letzteren äußerten sich sehr bestimmt über die ehelichen Gefälligkeiten des Verhafteten. Selbst Henri, den Séverine in la Croix-de-Maufras gepflegt hatte, erzählte, daß er eines Abends, während er sich noch schwach fühlte, vor dem Fenster die Stimmen Roubaud's und Cabuche's gehört zu haben glaubte. Diese Aussage erklärte vieles und machte das System der beiden Beschuldigten, die sich nicht zu kennen vorgaben, noch hinfälliger. Durch das ganze Personal der Gesellschaft ging ein Schrei der Entrüstung, man beklagte die unglücklichen Opfer, die arme junge Frau, deren Schwächen gern entschuldigt wurden, diesen rechtschaffenen Greis, der nun rein gewaschen war von den Schmutzgeschichten, die über ihn im Umlauf waren.

Die Leidenschaften ganz besonders angefacht aber hatte der Prozeß in der Familie Grandmorin selbst. Nach dieser Seite mußte Herr Denizet noch ganz besondere Anstrengungen machen, wollte er die Unbeflecktheit seiner Untersuchung retten. Die Lachesnaye jubelten, hatten sie doch immer Roubaud im Verdacht gehabt, weil ihr Geiz durch dieses Vermächtniß von la Croix-de-Maufras eine blutende Wunde erhalten hatte. In der Wiederaufnahme des Verfahrens erblickten sie natürlich eine günstige Gelegenheit zur Umstürzung des Testaments. Da es nur ein einziges Mittel zur Aufhebung des Testaments gab, nämlich auch Séverine eines undankbaren Vergehens zu zeihen, so stimmten sie der Aussage Roubaud's, daß die Frau an dem Verbrechen teilgenommen habe, bei, nur mit dem Unterschiede, daß diese That nicht aus Rache für eine eingebildete Schande, sondern aus Habsucht begangen sei. So kam es, daß der Richter im Streit mit ihnen lag, namentlich mit Berthe, welche gegen die Ermordete, ihre einstige Freundin, giftig eiferte und sie mit abscheulichen Verdächtigungen überhäufte. Herr Denizet hatte alle Mühe, sein so gut aufgeführtes Gebäude der Logik vor jedem Angriff zu bewahren, erklärte er doch selbst voller Stolz, daß, wenn man nur einen Stein aus seinem Meisterwerk nähme, das ganze Haus zusammenbrechen müßte. Es kam in seinem Cabinet zu einem sehr heftigen Auftritt zwischen den Lachesnaye und Frau Bonnehon. Diese war einst den Roubaud günstig gestimmt gewesen, hatte aber jetzt den Mann fallen lassen müssen. Aber auf die Frau wollte sie nichts kommen lassen, war sie doch mit ihrer Toleranz den Reizen der Liebe gegenüber so etwas wie eine Mitschuldige, und diese romanhafte, von Blut triefende Tragödie hatte bei ihr ein theilnahmvolles Verständniß gefunden. Sie verachtete jede materielle Neigung. Schämte sich ihre Nichte gar nicht, auf die Erbschaftsfrage zurückzukommen? Wenn man Séverine für schuldig hielt, dann könnte man auch gleich Roubaud's ganzes Geständniß gutheißen und das Andenken des Präsidenten wäre von Neuem besudelt. Ja, diese Wahrheit hatte der Ehre der Familie halber erfunden werden müssen, wenn die Untersuchung sie nicht schon in so geistreicher Weise herbeigeführt haben würde. Sie sprach mit Bitterkeit von der Gesellschaft Rouen's, die so viel Aufhebens von der Sache machte, derselben Gesellschaft, über die sie, nun sie alterte, nicht mehr herrschte wie einst, trotzdem ihre üppige blonde Schönheit einer gealterten Göttin noch nicht entschwunden war.

Am Abend vorher erst hatte man sich bei der Frau des Rathes Leboucq, der stattlichen brünetten Frau, die sie entthront hatte, allerlei Schreckgeschichten in die Ohren getuschelt, zum Beispiel das Abenteuer von Louisette und noch mehreres, was die Bosheit der Menschen erfunden hatte. Hier unterbrach sie Herr Denizet, um zu bemerken, daß Herr Leboucq als Beisitzer bei dem Prozeß fungiren würde. Die Lachesnaye schwiegen und schienen, von Unruhe befallen, nachgeben zu wollen. Aber Frau Bonnehon beruhigte sie, der Gerichtshof würde seine Schuldigkeit thun: der Präsident würde ihr alter Freund, Herr Desbazailles sein, dessen Rheumatismus ihm nur noch die Erinnerung an einstige schöne Stunden ließ und der zweite Beisitzer Herr Chaumette, der Vater des jungen Substituts, ihres Schützlings. Sie war also unbesorgt, obwohl ein melancholisches Lächeln auf ihren Lippen schwebte, als sie den Namen des Letzteren aussprach, denn man sah seinen Sohn seit einiger Zeit häufig bei Frau Leboucq, wohin sie selbst ihn schickte, um seiner Zukunft nicht zu schaden.

Als der famose Prozeß endlich begann, that das Gerücht von dem bevorstehenden Kriege, die fieberhafte Aufregung, von der ganz Frankreich befallen, dem Wiederhall der Verhandlungen großen Abbruch. Nichtsdestoweniger war ganz Rouen drei Tage hindurch in fürchterlicher Aufregung. Man drängte sich vor den Thüren zum Verhandlungssaal und die reservirten Plätze waren von den Damen der vornehmen Gesellschaft Rouens in Beschlag genommen. Noch nie hatte der alte Palast der Normannenherzöge seit seiner Umwandlung in ein Gerichtsgebäude einen solchen Andrang erlebt. Es war in den letzten Tagen des Juni, die Nachmittage waren warm und von der Sonne durchfluthet, ein helles Licht machte die Scheiben der zehn Fenster erglänzen und überfluthete die Holzschnitzereien, den steinernen Altar, der sich scharf von dem rothen, mit Bienen besäeten Vorhang abhob, dem berühmten Plafond aus der Zeit Ludwigs XII. mit seinen matt vergoldeten kostbaren Holzschnitzereien. Die Frauen streckten ihre Hälse, um die auf dem Tische liegenden Beweisstücke zu sehen: die Uhr Grandmorin's, das blutbefleckte Hemde Séverine's und das von beiden Mördern benutzte Messer. Auch der Vertheidiger Cabuche's, ein Pariser Advokat, wurde vielfach bemerkt. Auf der Geschworenenbank saßen in ihre dunklen Ueberröcke gehüllt ernst und würdig zwölf Bürger Rouens. Als der Gerichtshof eintrat, stieß und drängte sich das stehende Publikum so gewaltig, daß der Präsident sofort mit Räumung des Saales drohen mußte.

Die Verhandlungen nahmen ihren Anfang, die Geschworenen wurden vereidigt und der Aufruf der Zeugen machte die Zuschauer von Neuem aufrührerisch. Bei Nennung der Frau Bonnehon und der Lachesnaye wogten die Köpfe wie ein Meer, aber Jacques lenkte ganz besonders die Aufmerksamkeit der Damen auf sich, deren Blicke nicht von ihm wichen. Als aber die beiden Angeklagten zwischen ihren Gensdarmen erschienen, fesselten sie das ganze Interesse und hin und her flogen die Bemerkungen. Man fand, daß sie gemeine, trotzige Gesichter hatten wie zwei richtige Banditen. Roubaud in seinem dunkelfarbenen Ueberrock und mit der nachlässig geknüpften Cravatte eines vornehmen Herrn überraschte durch sein gealtertes schwammiges Aussehen. Cabuche sah genau so aus, wie man ihn sich vorgestellt hatte; er trug eine lange blaue Blouse und war der richtige Typus eines Mörders mit seinen mächtigen Fäusten, raubthierartigen Kinnbacken, einer jener Burschen, denen man nicht gern allein im Gehölz begegnet. Das Verhör bestätigte den schlechten Eindruck, denn auf manche Antworten folgte ein Gemurmel der Entrüstung. Auf alle Fragen des Präsidenten antwortete Cabuche, daß er von nichts wisse: er wisse nicht, wie die Uhr in seine Hütte gekommen sei, warum er den wirklichen Schuldigen habe entwischen lassen. Er blieb bei seiner Geschichte von dem geheimnißvollen Unbekannten, dessen Galopp durch die Finsterniß er gehört haben wollte. Als man ihn wegen seiner bestialischen Leidenschaft für das unglückliche Opfer befragte, brach sein Zorn mit einem Male so fürchterlich aus, daß die beiden Gensdarmen ihn am Arm packen mußten: nein, er hatte sie nie geliebt, sie nie begehrt, es seien Lügen, die Jene beschmutzten, von der er nichts begehrt habe, in der er stets die Dame respectirt hätte, während er schon einmal das Gefängniß kennen gelernt hätte und wie ein Wilder lebte! Als er sich beruhigt hatte, verfiel er in dumpfes Brüten und gab nur einzelne Laute von sich, gleichgültig gegen die Strafe, die ihn treffen könnte. Roubaud hielt sich an das, was die Anklage sein System nannte: er erzählte, wie und warum er den Präsidenten Grandmorin getödtet hätte und leugnete jede Theilnahme an der Ermordung seiner Frau. Er sprach in unzusammenhängenden Sätzen, stellenweise ging ihm das Gedächtniß aus, seine Augen irrten umher, die Stimme versagte ihm manchmal, mitunter schien er nach Kleinigkeiten zu suchen, um sie als Ausreden zu benutzen. Als der Präsident ihm das Thörichte seiner Erzählung vorhielt, begnügte er sich damit, mit den Achseln zu zucken, er weigerte sich, weiterzusprechen: wozu noch länger die Wahrheit sagen, wenn die Lüge als Logik galt? Diese verächtliche Haltung gegenüber der Justiz spielte ihm den größten Tort. Es fiel auch die vollständige Interessenlosigkeit der beiden Angeklagten aneinander auf, es schien dies ein Beweis einer vorausgegangenen Verständigung, eines geschickt ausgearbeiteten und mit außerordentlicher Willensstärke ausgeführten Planes. Sie behaupteten sich nicht zu kennen, sie belasteten sich sogar, nur um den Gerichtshof irre zu führen. Als das Verhör geschlossen wurde, war die Sache als solche schon entschieden; der Präsident hatte die Verhandlungen so geschickt in Form wirklicher Requisitorien geleitet, daß Roubaud und Cabuche richtig in die Falle gegangen und sich selbst ausgeliefert zu haben schienen. An diesem Tage wurden nur noch einige, wenig belangreiche Zeugen vernommen. Die Hitze wurde gegen fünf Uhr so unerträglich, daß zwei Damen ohnmächtig wurden.

Am folgenden Tage erregten die Aussagen gewisser Zeugen das Hauptinteresse. Frau Bonnehon hatte einen großen Erfolg durch ihren vornehmen Tact. Man lauschte aufmerksam den Aussagen der Angestellten der Gesellschaft zu, der Herren Vandorpe, Bessières, Dabadie und des Herrn Cauche, welch Letzterer sehr weitschweifig erzählte, wie genau er Roubaud bei seiner Parthie im Café du Commerce kennen gelernt hätte. Henri Dauvergne wiederholte seine belastende Aussage, daß er trotz des Fiebers, in welchem er noch gelegen, seiner Sache ziemlich sicher sei, die sich streitenden Stimmen der beiden Angeklagten vor dem Fenster gehört zu haben. Ueber Séverine befragt, that er sehr discret, er ließ durchblicken, daß er selbst sie geliebt, aber sich freiwillig zurückgezogen hätte, als er sie einen Andren bevorzugen sah. Als dieser Andre, Jacques Lantier nämlich, hereingeführt wurde, summte es in der Menge, man stand auf, um besser sehen zu können, selbst durch die Reihe der Geschworenen lief eine erwartungsvolle Bewegung. Jacques stützte sich durchaus gefaßt mit beiden Händen auf die Zeugenschranke, eine Bewegung, die seiner Gewohnheit beim Führen der Locomotive entstammte. Sein Erscheinen vor dem Tribunal, das ihn im Grunde genommen hätte sehr bestürzt machen müssen, trübte seinen Geist nicht im Geringsten, als stände er der dort verhandelten Sache völlig fern. Er sagte aus wie ein Fremder, ein Unschuldiger. Seit dem Morde hatte ihn kein Schauder wieder heimgesucht, er dachte nicht einmal mehr an diese Dinge, das Gedächtniß dafür war ihm entschwunden, seine Organe schienen in völlig gesundem, gleichmäßigen Zustande sich zu befinden. Selbst vor dieser Schranke fühlte er keine Reue, keine Gewissensbisse. Er hatte klaren Blickes sofort Roubaud und Cabuche in's Auge gefaßt. Er wußte den Ersten schuldig, er nickte ihm leise zu, einen verstohlenen Gruß, ohne zu bedenken, daß er bereits offenkundig als der Geliebte von dessen Frau galt. Den Zweiten lächelte er ebenfalls ganz unschuldig an, trotzdem dessen Platz auf jener Bank eigentlich ihm gehörte: ein dummes, gutmüthiges Thier der dort trotz seinem Banditengesicht, hatte er ihn doch arbeiten gesehen wie Keinen und ihm dafür die Hand gedrückt. Ohne zu stocken that er seine Aussage; in kurzen, abgeschlossenen Sätzen antwortete er auf die Fragen des Präsidenten, der ihn unverhältnißmäßig eingehend über seine Beziehungen zu dem Opfer fragte, und ihn über seine einige Stunden vor dem Morde erfolgte Abreise von la Croix-de-Maufras ausfragte, wann er den Zug in Barentin bestiegen und wo er in Rouen geschlafen hätte. Cabuche und Roubaud hörten aufmerksam zu und bestätigten seine Aussagen durch ihre zustimmende Haltung. Und es stieg so etwas wie eine unsägliche Trauer zwischen diesen drei Männern auf. Ein Todesschweigen herrschte im Saale, eine man weiß nicht woher gekommene Hand packte die Geschworenen an der Kehle: es war die Wahrheit, die stumm in der Luft lag. Auf die Frage des Präsidenten, was er von dem in das nächtliche Dunkel hineingeflohenen Unbekannten hielte, von welchem Cabuche sprach, warf Jacques nur den Kopf zurück, als wollte er den Angeklagten nicht noch mehr durch eine Aussage belasten. Und nun geschah etwas Merkwürdiges, was das ganze Auditorium bestürzt machte. Jacques' Augen füllten sich plötzlich mit Thränen, die ihm in Strömen über die Wangen liefen. Soeben schwebte das Bild Séverine's, der unglücklichen Ermordeten ihm vor Augen, wie er es zuletzt gesehen hatte, mit den riesig vergrößerten Augen, den auf dem Kopfe sich wie eine Krone des Schreckens sträubenden Haaren. Er betete sie noch immer an, ein maßloses Mitleid hatte sich seiner bemächtigt, und unbewußt des eigenen Verbrechens, nicht wissend, wo er sich befand, beweinte er sie mit heißen Thränen. Teilnahmsvolle Damen schluchzten ebenfalls. Man fand diesen Schmerz des Liebenden äußerst rührend, während des Gatten Augen trocken blieben. Der Präsident fragte, ob die Vertheidigung noch eine Frage an den Zeugen zu richten hätte, die Advokaten dankten und die Angeklagten starrten blöde Jacques nach, der von der allgemeinen Theilnahme begleitet, sich auf seinen Platz zurückbegab.

Die dritte Sitzung wurde vollständig von der Rede des Staatsanwalts und dem Plaidoyer der Vertheidiger ausgefüllt. Der Präsident ging zunächst noch einmal völlig unparteiisch den vorliegenden Fall von Anfang bis Ende durch. Der Staatsanwalt schien nicht im Vollbesitz aller seiner Mittel zu sein, er sprach mehr durch die Macht der Gewohnheit als durch seine Ueberzeugung geleitet, seine Beredsamkeit war ein hohles Phrasengebimmel. Man schob die Schuld auf die wahrhaft betäubende Hitze, der Vertheidiger von Cabuche dagegen, der Pariser Advokat, sprach sehr unterhaltend, ohne zu überzeugen. Der Vertheidiger Roubaud's, ein ausgezeichnetes Mitglied des Advokatenstandes von Rouen, zog sich so gut es ging aus der anrüchigen Sache. Der Staatsanwalt erwiderte nicht einmal, so abgespannt war er. Als sich die Jury in das Berathungszimmer zurückzog, war es erst sechs Uhr, das volle Tageslicht drang noch durch die zehn Fenster, ein letzter Sonnenstrahl vergoldete die Wappen der Städte der Normandie, welche die Capitäle schmückten. Ein lautes Gemurmel stieg zu dem antiken Plafond empor, man drängte ungeduldig gegen die eisernen Stäbe, welche die reservirten Platze von der öffentlichen Tribüne schieden. Dann aber trat ein fast ehrfürchtiges Schweigen ein, als der Gerichtshof und die Jury wieder erschienen. Der Spruch lautete unter Zulassung mildernder Umstände auf lebenslängliche Zuchthausstrafe für beide Männer. Die Ueberraschung war grenzenlos, die Menge drängte tumultuarisch in's Freie und man hörte sogar wie im Theater einige Pfiffe.

Am Abend sprach man in Rouen nur von dieser Verurtheilung mit allen möglichen Commentaren. Nach der allgemeinen Ansicht hatten Frau Bonnehon und die Lachesnaye eine Niederlage erlitten. Nur eine Verurtheilung zum Tode hätte die Ehre der Familie wiederherzustellen vermocht. Zweifellos hatten Gegenströmungen gearbeitet. Man nannte sich auch verstohlen schon Frau Leboucq, die drei oder vier ihrer Getreuen unter den Geschworenen gehabt hatte. Das Verhalten ihres Gatten als Beisitzers war zweifellos tadellos gewesen. Man glaubte aber bemerkt zu haben, daß weder Herr Chaumette noch der Präsident, Herr Desbazeilles selbst, wie sie es beabsichtigt, den Gang des Verhörs hatten meistern können. Vielleicht hatte die Jury, von Zweifeln heimgesucht, deshalb mildernde Umstände bewilligt, weil sie noch unter dem Eindruck des schweigsamen Fluges der melancholischen Wahrheit durch den Verhandlungssaal stand. Jedenfalls wurde der Prozeß zum Triumph für den Untersuchungsrichter, Herrn Denizet, dessen Meisterwerk nicht aus den Fugen gebracht worden war; denn die Familie selbst ging vieler Sympathien verlustig, als gerüchtweise verlautete, Herr von Lachesnaye habe, um la Croix-de-Maufras für sich zurückerobern zu können, der Jurisprudenz zum Trotz einen Act des Widerrufs trotz des Todes des Erblassers zu veranlassen versucht, ein Versuch, der von Seiten eines Justizbeamten unternommen doppelt überraschte.

Als Jacques das Gerichtsgebäude verließ, holte ihn Philomène ein, die ebenfalls als Zeugin vorgeladen gewesen war. Sie wich nicht von seiner Seite und versuchte ihn dazu zu bewegen, die Nacht mit ihr in Rouen zu verbringen. Er brauchte seinen Dienst erst am folgenden Tage wieder anzutreten, er wollte also zunächst mit ihr in der Herberge neben dem Bahnhof speisen, in der er angeblich die Nacht nach dem Verbrechen zugebracht hatte. Aber schlafen wollte er dort nicht, denn er mußte unbedingt mit dem Zug um zwölf Uhr fünfzig Minuten Nachts nach Paris zurückkehren.

»Ich möchte darauf schwören,« sagte sie als sie an seinem Arm der Herberge zuschritt, »daß soeben Jemand aus unserer Bekanntschaft hinter uns war ... Pecqueux hat mir erst neulich gesagt, daß er mit keinem Fuß dieses Prozesses wegen nach Rouen kommen würde ... Als ich mich vorhin umdrehte, schlüpfte dieser Mann, dessen Rücken ich nur sehen konnte, schnell durch die Menge.«

Der Locomotivführer zuckte die Schulter und meinte:

»Pecqueux befindet sich in Paris und besäuft sich dort. Er ist höchst vergnügt über die Ferien, die er durch meinen Urlaub erhalten hat.«

»Möglich ... Doch wollen wir ihm auch ferner mißtrauen, denn er ist ein gemeiner Schuft, wenn er in Wuth ist.«

Sie drängte sich fester an ihn und sagte, nachdem sie einen Blick nach hinten geworfen:

»Kennst Du den Menschen, der uns verfolgt?«

»Ja, beunruhige Dich nicht ... Er will mich vielleicht etwas fragen.«

Es war Misard, der ihnen von der Rue des Juifs aus auf dem Fuße folgte. Er war ebenfalls als Zeuge geladen gewesen und streifte nun um Jacques herum, ohne sich entschließen zu können, eine Frage an Jacques zu richten, die ihm ersichtlich auf den Lippen schwebte. Als das Paar in der Herberge verschwunden war, trat er ebenfalls ein und ließ sich ein Glas Wein geben.

»Ah, Ihr seid's, Misard,« rief Jacques. »Nun, wie seid Ihr mit Eurer neuen Frau zufrieden?«

»Man so,« brummte der Bahnwärter. »Das Frauenzimmer hat mich gut reingelegt. Ich habe es Euch ja erzählt, als wir das letzte Mal zusammen hierher fuhren.«

Jacques hatte die Geschichte vielen Spaß gemacht. Die Ducloux, jene ehemalige zweifelhafte Aufwärterin, die Misard zum Dienst an der Barriere herangezogen, hatte es bald weg, daß er allerorten nach einem von seiner Seligen verborgenen Schatz suchte. Sie faßte nun den genialen Plan, sich heirathen zu lassen, indem sie ihm durch verstohlenes Lachen, durch Ausflüchte zu verstehen gab, daß sie das Geld gefunden hätte. Zuerst hatte er sie umbringen wollen. Dann aber befürchtete er, die tausend Franken würden ihm abermals entgehen, wenn er auch Diese ebenso wie Jene auf die Seite brächte, noch ehe er das Geld in den Fingern hatte. Er hatte also den liebenswürdigen Schlaumeier gespielt. Aber sie wies ihn ab, sie wollte von ihm nicht einmal angefaßt sein: wenn er sie erst geheirathet hätte, sollte er sie haben und das Geld dazu. Er hatte sie also richtig geheirathet und jetzt lachte sie ihn aus und behandelte ihn wie einen richtigen Trottel, der Alles glaubt, was man ihm erzählt. Das Schönste aber war, daß sein Fieber nun auch sie angesteckt hatte und sie jetzt ebenso wild auf das Finden des Schatzes war, wie er selbst. Jetzt, nun sie zu zweien waren, meinten sie die verteufelten tausend Franken doch einmal zu finden! Und so suchten und suchten sie.

»Noch immer nichts gefunden?« fragte Jacques spöttisch. »Hilft Ihnen die Ducloux nicht?«

Misard sah ihn starr an, dann sagte er:

»Ihr wißt, wo sie sind. Sagt es mir.«

Der Lokomotivführer ärgerte sich.

»Ich weiß garnichts. Tante Phasie hat mir nichts gegeben, Ihr werdet mich doch hoffentlich nicht des Diebstahls beschuldigen?«

»Sie hat Euch nichts gegeben, das glaube ich auch. Aber Ihr seht, wie krank ich davon bin. Wenn Ihr wißt, wo sie sind, sagt es mir.«

»Laßt mich in Ruhe. Nehmt Euch in Acht, sonst schweige ich nicht länger ... Seht doch mal in der Salzkufe nach, vielleicht sind sie dort.«

Mit brennenden Blicken starrte Misard noch immer wie blöde Jacques an. Es kam wie eine Erleuchtung über ihn.

»In der Salzkufe, das kann sein! In der Schublade steht eine Schachtel, dort habe ich wahrhaftig noch nicht nachgesehen.«

Er bezahlte schleunigst seinen Wein und lief zum Bahnhof, um noch den Zug um sieben Uhr zehn Minuten zu erreichen. Dort unten in dem kleinen niedrigen Häuschen sucht er vielleicht noch immer.

Am Abend, nachdem sie gegessen hatten und auf den Zug um zwölf Uhr fünfzig Minuten warteten, wollte Philomène Jacques durch einsame Gassen auf das benachbarte Feld führen. Es war eine schwüle, heiße, dunkle Juninacht, die ihr schwere Seufzer entlockte; sie hing fast an seinem Halse. Sie hatte sich schon zweimal umgesehen, denn sie glaubte Schritte hinter sich zu hören, doch war in der Dunkelheit Niemand zu erblicken. Er litt wieder stark unter dieser Schwüle der Luft. Seit dem Morde hatte er sich eines ruhigen Gleichgewichts, einer vollkommenen Gesundheit zu erfreuen gehabt. Vorhin bei Tisch aber fühlte er jedesmal, wenn dieses Weib ihn mit ihren zitternden Händen streifte, wieder eine leise Uebelkeit. Wahrscheinlich bewirkte die durch die Schwüle der Luft verursachte Abspannung diese nervöse Störung. Jetzt, als er ihren Körper so dicht an dem seinen fühlte, machte sich diese angsterfüllte Begierde, diese dumpfe Furcht deutlicher bemerkbar. Er hatte dabei bereits die Erfahrung gemacht, daß er genesen war, denn er war ihr, um über diese Heilung Gewißheit zu erlangen, bereits ohne jede Spur von Aufregung gefällig gewesen. Seine Aufregung wurde so stark, daß er zweifellos ihren Arm hätte fahren lassen, wenn ihn nicht das sie einhüllende Dunkel andererseits beruhigt haben würde. Als sie auf einer öden Landstraße an einem bebuschten Hügel vorübergingen, zog sie ihn dorthin. Doch als sie sich lagerten, bemächtigte sich seiner wieder das fürchterliche Verlangen, er suchte im Grase nach einer Waffe, einem Stein, um ihr den Kopf zu zerschmettern. Mit einem Sprunge stand er dann auf den Füßen und entfloh wie wahnsinnig. Hinter ihm wurde in demselben Augenblick eine fürchterlich fluchende Männerstimme laut.

»O Du Dirne, ich habe absichtlich bis jetzt gewartet, ich wollte erst Gewißheit haben!«

»Es ist nicht wahr, lasse mich los!«

»So, es ist nicht wahr? Er hat gut laufen, ich weiß doch, wer er ist und werde ihn mir schon kaufen! ... Warte, Du Dirne, sage noch einmal, daß es nicht wahr ist!«

Jacques floh in die Nacht hinein, nicht um Pecqueux zu entgehen, den er sofort erkannt hatte, sondern um, wahnsinnig vor Schmerz, vor sich selbst zu fliehen.

Ein Mord hatte also richtig nicht genügt, von dem Blute Séverine's allein war er also nicht befriedigt worden, wie er es noch an demselben Morgen geglaubt hatte. Er sollte also dasselbe Spiel nochmals beginnen. Noch eine andere und wieder eine Andere und so fort mit diesen Anderen! Also immer wieder sollte sich nach einigen Wochen der Ruhe der schreckliche Heißhunger in ihm einstellen, immer wieder verlangte ihm nach Weiberfleisch, um seine Gier zu befriedigen! Jetzt brauchte er dieses verführerische Fleisch nicht einmal mehr zu sehen, er brauchte nur etwas Warmes in seinem Arm zu fühlen, um dem verbrecherischen Triebe zu folgen, um als bestialischer Mann das Weib auszuweiden. Jetzt war alle Freude am Leben aus; vor sich sah er nur eine einzige düstere Nacht, eine grenzenlose Verzweiflung und vor dieser floh er.

Einige Tage verstrichen. Jacques hatte seinen Dienst wieder angetreten, er ging den Kameraden aus dem Wege und verfiel wieder in seine einstige ängstliche Scheu. Nach den stürmischen Kammersitzungen war soeben der Krieg erklärt worden. Wie man sich erzählte, hatte man sich bereits ein kleineres, glücklich verlaufenes Vorpostengefecht geliefert. Seit einer Woche ließen die Truppentransporte das Personal der Eisenbahnen nicht zur Ruhe kommen. Der regelmäßige Dienst wurde nicht mehr innegehalten, plötzlich eingeschobene Züge veranlaßten beträchtliche Verspätungen; die besten Locomotivführer waren mobil gemacht worden, um die Concentrirung der Armeecorps beschleunigen zu helfen. So kam es, daß eines Abends Jacques von Havre aus statt seines gewöhnlichen Eilzuges einen mächtigen, achtzehn Waggons starken und mit Soldaten vollgepfropften Zug zu führen hatte.

Pecqueux kam an diesem Abend vollständig betrunken in das Depot. Am Tage nach dem Vorfall in Rouen hatte er wieder als Heizer die Locomotive 608 mit Jacques bestiegen. Er machte keinerlei Anspielung, schien aber seinen Vorgesetzten garnicht zu bemerken. Dieser fühlte seine Widerspenstigkeit und seinen Ungehorsam wohl heraus, denn sobald er ihm einen Befehl ertheilte, handelte er brummig nach seinem eigenen Kopf. Schließlich sprachen sie garnicht mehr mit einander. Diese bewegliche Brücke aus Eisenblech, die sie früher so brüderlich getheilt hatten, war jetzt für sie die schmale, gefährliche Planke, auf der sich ihre Nebenbuhlerschaft rieb. Der Haß wuchs, sie waren auf dem besten Wege, sich auf diesen wenigen schnell dahinfliegenden Quadratfuß, von denen sie bei der geringsten Erschütterung herabstürzen konnten, gegenseitig aufzufressen. Als Jacques Pecqueux an diesem Abend betrunken sah, war er ganz besonders auf seiner Hut. Er wußte, daß er nüchtern nichts wagte, daß aber der Wein alle brutalen Triebe in ihm entfachen konnte.

Der Zug, der um sechs Uhr abgehen sollte, verspätete sich. Es dunkelte schon, als man die Soldaten wie die Hämmel in die Viehwagen trieb. Man hatte Bretter an Stelle von Bänken aufgelegt und abtheilungsweise pferchte man sie dazwischen hinein, so viele wie hineingingen. Schließlich saß fast einer auf dem Andern und die stehen mußten, konnten keinen Arm rühren. In Paris sollte sie ein anderer Zug erwarten, der sie direct an den Rhein führte. Der Trubel des Aufbruchs hatte sie schon müde gemacht. Doch als man Branntwein unter sie ausgeteilt und Viele sich bei den Kaufleuten in der Nachbarschaft verproviantirt hatten, gaben sie sich einer brutalen, unnatürlichen Heiterkeit hin und die Augen traten aus ihren rothen Köpfen. Als der Zug aus dem Bahnhofe rasselte, stimmten sie Lieder an.

Jacques sah nach dem Himmel, woselbst eine gewitterartige Wolke die Sterne verhüllte. Die Nacht war düster, kein Lüftchen kühlte die glühende Luft ab. Am dunklen Horizont sah man kein anderes Licht, als die lebhaft schimmernden Fünkchen der Signallaternen. Um die große Steigung von Harfleur nach Saint-Romain zu nehmen, vermehrte er den Druck. Trotzdem er die Locomotive 608 schon seit Wochen studirte, fühlte er sich noch immer nicht Herr über sie; sie war noch zu neu und überraschte durch allerlei Launen und Jugendthorheiten. In dieser Nacht fand er sie ganz besonders widerspenstig und unberechenbar; einige Bissen Kohle zu viel und er war gefaßt, sie vor lauter Uebermuth in die Luft gehen zu sehen. Er ließ daher den Fahrtregulator nicht aus der Hand und überwachte gleichzeitig das Feuer, denn das Benehmen seines Heizers machte ihn stutzig. Die kleine, das Wasserniveau beleuchtende Lampe tauchte die Plattform in ein Halbdunkel, in welchem man nur die violet glühende Thür der Feuerung erkannte. Er konnte Pecqueux nur ganz undeutlich bemerken und hatte schon wiederholt an seinen Beinen das Gefühl gehabt, als versuchten dessen Finger ihn dort zu packen. Es rührte diese Empfindung aber zweifellos nur von einer Ungeschicklichkeit des Trunkenboldes her, denn er hörte ihn trotz des Lärms höhnisch lachend die Kohlen mit außergewöhnlich derb geführten Hammerschlägen zerkleinern und mit der Schaufel hantiren. Alle Minuten öffnete er die Thür und warf unvernünftige Mengen Brennstoff auf die Roste.

»Genug!« rief Jacques.

Der andere that, als verstände er nicht und fuhr fort mit dem Feuern. Als ihn der Locomotivführer darauf am Arme packte, richtete er sich drohend auf. Jetzt endlich hatte er den gesuchten Streit gefunden. Seine durch die Trunkenheit genährte Wuth schien zu wachsen.

»Nicht anrühren oder ich haue ... Es macht mir Spaß, so schnell zu fahren!«

Der Zug sauste gerade mit voller Geschwindigkeit über das von Bolbec nach Motteville führende Plateau. Er sollte ohne Aufenthalt direct nach Paris gehen und nur an einigen, vorher bestimmten Stellen Wasser einnehmen. Die riesige Masse, diese mit menschlichem Viehzeug vollgestopften achtzehn Waggons rasselten mit fürchterlichem Lärm durch das dunkle Land. Und diese Menschen, die man zum Gemetzel, zur Schlachtbank führte, sangen aus allen Kräften, daß ihre Stimmen sogar den Lärm der Räder übertönten.

Jacques schloß mit dem Fuß die Thür. Er manövrirte gleichzeitig mit dem Injector und sagte ganz ruhig:

»Das Feuer ist zu stark ... Schlaft Euch aus, wenn Ihr betrunken seid.«

Pecqueux aber öffnete wieder und warf abermals Kohlen auf, als wollte er die Locomotive in die Luft sprengen. Das war also die reine Revolte, kein Befehl wurde mehr befolgt, in seiner aufgestachelten Leidenschaft ging ihm jeder Begriff menschlicher Pflichten verloren. Als Jacques sich bückte, um den Schaft des Aschkastens zu senken, damit sich der Luftzug wenigstens vermindere, umschlang Pecqueux mit den Armen seinen Körper und versuchte ihn mit einem Ruck auf das Geleise zu schleudern.

»Das also willst Du, Du Schuft! ... Damit Du sagen könntest, ich sei gestürzt, Du Saufbold!«

Mit einer Hand hielt er sich an der Brüstung des Tenders. Beide glitten dabei aus, der Kampf setzte sich nun auf der heftig schwankenden Brücke aus Eisenblech fort. Sie bissen die Zähne aufeinander und sprachen kein Wort weiter. Einer nach dem andern versuchte den Gegner durch die schmale Oeffnung zu stoßen, welche nur durch eine Eisenstange versperrt war. Doch das ging nicht so leicht. Gefräßig rollte die Locomotive weiter und weiter. Barentin war passirt, der Zug stürzte sich jetzt in den Tunnel von Malaunay und noch immer hielten sie sich gepackt, sie wälzten sich jetzt auf den Kohlen umher und stießen die Köpfe gegen den Wasserbehälter, sie vermieden die vom Feuer geröthete Thür der Heizung, an der ihre Beine sengten, so oft sie diese ausstreckten.

Jacques glaubte einen Augenblick aufspringen, den Regulator schließen und um Hilfe rufen zu können, damit man ihn von diesem wüthenden, vom Trunke und von der Eifersucht entflammten Menschen erlöste. Er fühlte sich schon schwächer werden, er zweifelte bereits noch die Kraft zu haben, Jenen hinauszustoßen, er sah sich schon besiegt und fühlte bereits seine Haare sich vor Schreck über den Sturz sträuben. Als er den letzten Versuch machte und mit der Hand umhertastete, begriff der Andere, was er vorhatte, er richtete sich ebenfalls auf und hob Jacques wie ein Kind empor.

»Ach, Du willst anhalten ... Du hast mir meine Frau genommen ... Es ist Zeit, daß Du gehst!«

Die Locomotive rollte und rollte dahin, der Zug kam mit betäubendem Lärm aus dem Tunnel heraus und setzte seine Fahrt durch die düstre, öde Landschaft fort. Die Station Malaunay wurde mit solcher Geschwindigkeit passirt, daß der auf dem Perron stehende Unter-Inspector nicht einmal die beiden um ihr Leben kämpfenden Männer bemerkte, denn wie der Blitz waren sie vorüber.

Pecqueux machte abermals eine Anstrengung und stürzte Jacques hinab. Dieser aber klammerte sich, als er den Boden unter den Füßen verlor, so fest an dessen Hals, daß er ihn mit hinabzog. Zwei fürchterliche Schreie, die in einen ausklangen und verhallten. Die beiden, gemeinsam hinabgefallenen Männer wurden durch die Rückwirkung der Schnelligkeit unter die Räder gezogen und sie, die so lange wie zwei Brüder gelebt hatten, in dieser schrecklichen Umarmung geköpft und zerrissen. Man fand sie ohne Köpfe, ohne Füße, als zwei blutige Stümpfe auf, die sich noch umschlungen hielten, als wollten sie sich gegenseitig die Brust eindrücken.

Und die Locomotive, von jeder leitenden Hand befreit, sauste dahin. Jetzt konnte die Widerspenstige, phantastisch Veranlagte dem Triebe ihrer Jugend nach Gefallen Folge leisten, wie ein noch ungezähmtes Pferd, das den Händen des Meisters entschlüpft, über den flachen Rasen davongaloppirt. Der Kessel hatte noch genügend Wasser, die Kohle, mit welcher der Ofen bis oben gefüllt war, entzündete sich von selbst. Während der ersten halben Stunde stieg der Druck zu unheimlicher Höhe, die Schnelligkeit wurde schwindelerregend. Der Zugführer schlief jedenfalls, von der Müdigkeit übermannt. Die Soldaten, die das viele Trinken ebenfalls müde gemacht hatte, wurden durch diese rasende Fahrt wieder munter gemacht und sangen noch lauter als zuvor. Wie ein Blitz durchfuhr man Maromme. Kein Pfiff ertönte bei der Annäherung an die Signale, beim Passiren der Bahnhöfe. Mitten durch die Hindernisse führte der Galopp der Bestie mit ihrem tief gesenkten, störrischen Kopf. Wie toll gemacht durch das Zischen ihres heißen Athems rollte sie dahin, dahin.

In Rouen sollte Wasser eingenommen werden. Eisiger Schrecken lähmte den Bahnhof, als man diesen tollen Zug in einem Wirbel von Rauch und Flammen, diese Locomotive ohne Führer und Heizer, diese mit patriotische Lieder heulenden Soldaten vollgefüllten Viehwagen vorübersausen sah. Sie zogen in den Krieg an die Ufer des Rheines, es schien, als könnten sie die Zeit nicht erwarten, dort zu sein. Mit offenen Mäulern standen die Beamten da und reckten die Arme empor. Ein allgemeiner Aufschrei erfolgte: unmöglich konnte dieser zügellose, sich selbst überlassene Zug den stets durch Rangirmanöver gesperrten, mit Waggons und Locomotiven gespickten Bahnhof von Sotteville passiren, ohne Unheil anzurichten. Man eilte zum Telegraphen und benachrichtigte dort die Leute. Es war die höchste Zeit, denn gerade versperrte ein Güterzug das Geleise; er konnte noch auf einen Seitenstrang gebracht werden. Schon hörte man das Dröhnen des entflohenen Ungeheuers in der Ferne. Der Zug hatte sich in die beiden Tunnels in der Nähe von Rouen gestürzt und kam in seinem wüthenden Galopp, wie eine unaufhaltsame, riesige Masse herbeigestürzt, der nichts zu widerstehen vermag. Der Bahnhof von Sotteville wurde im Sturm genommen, mitten durch die Hindernisse sauste er ohne irgend wie zu kollidiren und verschwand wieder in der Dunkelheit, in der nach und nach sein Dröhnen erstarb.

Jetzt schlugen alle telegraphischen Apparate längs der ganzen Strecke an. Aller Herzen schlugen bei der Nachricht von dem gespenstigen Zug, der Rouen und Sotteville passirt hätte. Man zitterte vor Furcht, daß ein vor ihm befindlicher Zug erreicht werden könnte. Er aber setzte seine Fahrt wie ein Wildschwein im Forst seinen Weg fort, ohne sich nach den rothen Signalen zu richten. In Oissel zerschellte er beinahe an einer Rangirmaschine; er setzte Pont-del'Arche in Schrecken, denn seine Schnelligkeit schien sich nicht zu vermindern. Von Neuem verschwand er, immer weiter rollte er durch die schwarze Nacht, Niemand wußte, wohin.

Was kümmerte die Locomotive die Opfer, die sie auf ihrem Wege zermalmte? Nicht achtend des vergossenen Blutes sauste sie der Zukunft entgegen. Ohne Führer im Dunkel der Nacht, wie eine blinde, taube, vom Tod selbst losgelassene Bestie rollte und rollte sie dahin, bepackt mit diesem Kanonenfutter, diesen von der Müdigkeit schon dumm gewordenen, trunkenen, singenden Soldaten.

 

Ende.

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