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Die Bestie im Menschen

Emile Zola: Die Bestie im Menschen - Kapitel 11
Quellenangabe
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typefiction
authorEmil Zola
titleDie Bestie im Menschen
printrunVierte Auflage
publisherVerlag von G. Grimm
year1892
translatorAlfred Ruhemann
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Elftes Kapitel

Die beiden hohen Fenster des großen, in rothem Damast gehaltenen Schlafzimmers in la Croix-de-Maufras führten direct auf den nur einige Meter entfernt sich hinziehenden Bahndamm. Von dem Bett, einem alterthümlichen Säulenbett an der Hinterwand aus, sah man die Züge vorbeifahren. Seit vielen Jahren war hier nichts geändert, kein Stück berührt oder entfernt worden.

Séverine hatte den verwundeten, ohnmächtigen Jacques in dieses Zimmer tragen lassen, während Henri Dauvergne in ein anderes, kleineres, im Erdgeschoß gelegenes Zimmer gebettet wurde. Sie selbst nahm von einem, nur durch den Treppenflur von Jacques getrennten Zimmer Besitz. Innerhalb zwei Stunden war man fix und fertig eingerichtet, denn das Haus war vollständig ausmöblirt, selbst Wäsche war in den Schränken vorhanden. Séverine band sich eine Schürze vor und sah nun wie eine Krankenwärterin aus. Sie hatte an Roubaud telegraphirt, er möge sie nicht erwarten, sie bliebe einige Tage hier, um die in ihr Haus gebrachten Verwundeten zu pflegen.

Den nächsten Tag bereits hatte der Arzt erklärt, daß er Jacques innerhalb acht Tagen wieder herzustellen hoffe: wunderbarerweise waren die inneren Verletzungen ganz unbedeutender Natur. Er empfahl die größte Pflege und ausschließliche Ruhe. Als der Kranke die Augen öffnete, bat ihn Séverine, die ihn wie ein Kind behandelte, sich ruhig zu verhalten und ihr in Allem zu gehorchen. Er fühlte sich noch so schwach, daß er durch ein Nicken mit dem Kopfe ihr Alles versprach. Seine Gedanken waren nun wieder völlig klar. Er erkannte sofort das Zimmer wieder, das sie ihm in der Nacht ihres Geständnisses beschrieben hatte, es war der Raum, in welchem sie zu sechzehn und einhalb Jahren vom Präsidenten Grandmorin vergewaltigt worden war. Es war jedenfalls auch dasselbe Bett, in welchem er jetzt lag, denn ohne den Kopf zu heben, konnte er die Züge vorüberfliegen sehen, wobei das ganze Haus in's Wanken gerieth. Alles das erschien ihm so vertraut; wie oft wohl mochte er schon das Haus gesehen haben, wenn er auf seiner Locomotive an ihm vorübersauste! Und er sah es jetzt wieder, wie es in schräger Linie vom Bahndamm mit seinen geschlossenen Fensterläden öde und verlassen da stand; wie es noch trübseliger und erbärmlicher ausschaute, seitdem das mächtige Schild mit der Aufschrift: Zu verkaufen! die Melancholie des vom Gestrüpp durchwucherten Gartens noch erhöhte. Er gedachte der abscheulichen Traurigkeit, des üblen Empfindens, das ihn jedesmal heimsuchte, als winkte ihm dort das Unglück seines Lebens. Jetzt, nun er so bleich in diesem Bett lag, glaubte er Alles zu verstehen, denn es konnte nichts Anderes sein: hier würde er sterben müssen.

Sobald Séverine seinen Verstand so weit gekräftigt glaubte, daß er Alles begreifen konnte, flüsterte sie ihm in das Ohr, während sie gleichzeitig das Oberbett heraufzog:

»Beunruhige Dich nicht, ich habe Deine Taschen ausgeleert und die Uhr an mich genommen.«

Er sah sie mit weit aufgerissenen Augen an, endlich verstand er:

»Die Uhr ... ganz recht, die Uhr.«

»Man hätte ja zufällig nachsuchen können. Ich habe sie unter meine Sachen versteckt. Fürchte also nichts.«

Er drückte ihr dankbar die Hand. Als er den Kopf wandte, sah er auf dem Tische das ebenfalls in seiner Tasche gefundene Messer liegen. Es war unnöthig, es zu verbergen; dieses Messer sah genau so aus wie alle anderen Messer.

Am zweitnächsten Tage fühlte sich Jacques schon etwas kräftiger, er wagte sogar zu hoffen, daß er nicht sterben würde. Er empfand ein wirkliches Vergnügen, als er Cabuche sich anstrengen sah, mit seinen schwerfälligen Füßen so leise als möglich durch das Zimmer zu gehen. Seit dem Unglück hatte der Kärrner Séverine nicht wieder verlassen, als fühlte er ein brennendes Verlangen, ihr seine Ergebenheit zu beweisen: er ließ seine Arbeit im Stich und kam jeden Morgen, um die groben Arbeiten im Hause zu verrichten; seine Augen verließen sie nicht, er geberdete sich ganz wie ein treuer Hund. Er meinte, sie sei eine strenge Frau, trotzdem sie so schmächtig aussähe. Man könnte schon ein Uebriges für sie thun, that sie doch auch so Viel für Andere. Die beiden Liebenden gewöhnten sich bald an ihn, sie umarmten sich ohne Scheu, während er mit seinem großen Leibe so behende als es ging discret durch das Zimmer schob.

Jacques wunderte sich indessen über die häufige Abwesenheit Séverine's. Am ersten Tage hatte sie dem Wunsche des Arztes gemäß die Anwesenheit Henri's verheimlicht, denn sie fühlte selbst, welche wohlthuende Wirkung die absoluteste Einsamkeit auf Jacques ausüben würde.

»Wir sind allein, nicht wahr?«

»Ja, Schatz, ganz allein ... Schlafe nur ruhig.«

Sie verschwand am folgenden Tage trotzdem alle Minuten, er hatte auch im Erdgeschoß das Geräusch von Tritten und Flüstern vernommen. Am nächsten Tage hörte er sogar unterdrückte Fröhlichkeit, helles Lachen, zwei junge, frische, unermüdlich plaudernde Stimmen.

»Was giebt es da unten, wer ist dort? ... Wir sind also nicht allein?«

»Nein, Schatz, gerade unter Deinem Zimmer liegt noch ein zweiter Verwundeter, den ich auch bei mir aufnehmen mußte.«

»Ah, wer ist das?«

»Henri, der Zugführer.«

»Henri ... Ah!«

»Heute früh sind seine Schwestern angekommen. Sie sind es, die Du hörst, sie lachen über Alles .. Es geht ihm schon besser, sie wollen daher heute Abend schon wieder fort, weil der Vater sie nicht entbehren kann. Henri wird noch zwei oder drei Tage bleiben müssen, bis er vollständig wieder hergestellt ist ... Denke Dir, er sprang, hat aber kein Glied gebrochen, nur war er wie ein Idiot. Jetzt ist sein Verstand schon wieder zurückgekehrt.« Jacques schwieg und heftete einen langen Blick auf sie. Sie setzte daher hinzu:

»Du begreifst doch ... Wäre er nicht hier, wären wir beide schon wieder in's Gerede gekommen ... Da ich aber nun nicht mit Dir allein hier bin, kann mein Mann nichts sagen und ich habe einen guten Vorwand, um bleiben zu können ...Begreifst Du?«

»Ja, ja, sehr gut so.«

Jacques hörte bis zum Abend das Lachen der kleinen Dauvergne wieder heraufschallen, wie damals in dem Zimmer in Paris, in welchem Séverine in seinen Armen ihm beichtete. Dann wurde Alles still, er vernahm kaum Séverine's leisen Tritt, wenn sie von einem Verwundeten zu dem anderen ging. Die Thür unten fiel in's Schloß, tiefe Ruhe herrschte im ganzen Hause. Zweimal verspürte er einen brennenden Durst, er klopfte mit dem Stuhl auf die Diele, damit Séverine zu ihm käme. Sie erschien dann auch lächelnd und hatte es sehr eilig; sie erklärte ihm, daß sie garnicht zur Ruhe käme, weil sie Henri fortwährend eiskalte Umschläge auf den Kopf legen müßte.

Am vierten Tage konnte Jacques aufstehen und zwei Stunden in einem Fauteuil am Fenster zubringen. Wenn er sich etwas vorbeugte, sah er den schmalen, von niedrigen Mauern umschlossenen, mit wilden, blaß blühenden Rosensträuchern überwucherten Garten, durch den der Eisenbahndamm führte. Er erinnerte sich der Nacht, in der er sich auf die Fußspitzen gestellt hatte, um über die Mauer zu blicken, er sah das weite öde Terrain auf der anderen Seite des Hauses wieder, die lebendige Hecke, die es einschloß, durch die er geschlüpft war, dann Flore, die neben dem eingefallenen Gewächshaus gesessen hatte und mit einer großen Scheere die Knoten der gestohlenen Stricke durchschnitt. O, das war eine fürchterliche, so ganz von seiner schrecklichen Krankheit beherrschte Nacht gewesen! Diese Flore mit ihrer hohen, geschmeidigen Büste einer blonden Kriegerin, die ihre flammenden Augen starr auf die seinen zu richten pflegte, sie beschäftigte seine Gedanken ausschließlich, seit mit der Gesundheit sich auch das Erinnerungsvermögen wieder einstellte. Bisher hatte er von dem Unglück noch nicht gesprochen und aus seiner Umgebung hatte aus Gründen der Vorsicht noch Niemand davon zu sprechen begonnen. Jetzt aber erinnerte er sich wieder jeder Einzelheit, er ergänzte sich Alles und gab sich, während er am Fenster saß, die größte Mühe, kleine Züge wiederzufinden und die Acteurs zu entdecken. Warum sah er sie nicht mehr vor der Barriere mit der Fahne im Arm? Er wagte Niemand zu fragen, dadurch wuchs aber die üble Empfindung, die ihm dieses traurige, wie ihm schien, von Gespenstern heimgesuchte Haus einflößte.

Eines Morgens jedoch, als Cabuche gerade Séverine half, konnte er nicht länger mit der Frage hinterm Berge halten.

»Ist Flore krank?«

Der Kärrner war so perplex, daß er das abwehrende Zeichen der jungen Frau nicht verstand und anstatt zu schweigen, Alles gerade heraus sagte:

»Die arme Flore ist todt!«

Jacques sah ihn zitternd an, wohl oder übel mußte ihm nun Alles gesagt werden. Beide erzählten ihm also von dem Selbstmord des jungen Mädchens, das sich im Tunnel habe überfahren lassen. Man hatte die Beerdigung der Mutter bis zum Abend hinausgeschoben, um die Tochter gleichzeitig mit ihr bestatten zu können. Beide ruhten jetzt Seite an Seite auf dem kleinen Kirchhof von Dionville, wo sie die ihnen im Tode vorangegangene sanfte, unglückliche und vergewaltigte Louisette wiedergefunden hatten. Drei Unglückliche von Jenen, die am Wege fallen und die man zertritt, die wie weggefegt waren von dem fürchterlichen Winde der vorüberjagenden Züge.

»Todt, mein Gott!« wiederholte Jacques leise, »meine arme Tante Phasie, Flore und Louisette!«

Bei Nennung der letzteren sah Cabuche, der Séverine das Bett machen half, instinctiv zu ihr auf: die Erinnerung an seine einstige Liebe kam ihm angesichts der neuen Leidenschaft ungelegen, die er ohne dagegen anzukämpfen als zärtlich veranlagtes, beschränktes Wesen in sich aufwachsen ließ wie ein guter Hund, den man mit der ersten Liebkosung für sich gewinnt. Aber die junge Frau, die über sein tragisches Liebesverhältniß vollständig orientirt war, blieb ernst und begegnete ihm mit theilnahmsvollen Blicken. Er war davon so gerührt, daß er, als ihre Hand ganz zufällig auf dem Kopfkissen die seine streifte, auf Jacques' Fragen nur stotternd antworten konnte.

»Sie soll also das Unglück absichtlich herbeigeführt haben?«

»O nein ... Es war aber ihre Schuld, wie man meint.«

In abgebrochenen Sätzen erzählte er, was er wußte. Er selbst hatte nichts gesehen, denn er befand sich im Hause, als die Pferde losgingen und den Karren auf die Schienen zogen. Allerdings lastete auch auf ihm diese Thatsache erschwerend und beschämend, denn die Herren vom Gericht hatten ihn hart zur Rede gestellt und gesagt, es sei ein Verbrechen, das Gespann ohne Aufsicht gelassen zu haben, das fürchterliche Unglück wäre gewiß nicht geschehen, wenn er bei den Pferden geblieben sein würde. Die Untersuchung hatte also nur ein leichtes Vergehen Flore's ergeben und da sie sich selbst schwer genug dafür bestraft hatte, so war damit die Sache abgethan. Man hatte nicht einmal Misard abgesetzt, der mit seiner unterwürfigen Miene sich dadurch aus der Klemme gezogen hatte, daß er alle Schuld auf die Todte wälzte: sie wäre stets nur nach ihrem Kopfe gegangen, er hätte alle Augenblicke seinen Posten verlassen müssen, um die Barriere zu schließen. Die Gesellschaft konnte daher nicht anders, als bekunden, daß er an jenem Morgen seine Schuldigkeit gethan habe. In der Erwartung, daß er sich noch einmal verheirathen würde, hatte sie ihm die Erlaubniß gegeben, eine alte Frau aus der Nachbarschaft, die Ducloux, mit dem Dienst an der Barriere zu beauftragen, eine alte Herbergsaufwärterin, die jetzt von den Ersparnissen eines schmutzigen Gewerbes lebte.

Als Cabuche das Zimmer verließ, nöthigte ein Blick von ihm Séverine zum Bleiben. Er war sehr bleich.

»Flore war es gewesen. Sie hatte die Pferde aufgehalten, so daß das Geleise durch die Steinblöcke versperrt war.«

Jetzt erzitterte auch Séverine und erbleichte.

»Was erzählst Du da, Schatz! –Du fieberst. Du mußt Dich wieder zu Bett legen.«

»Nein, nein, ich träume nicht .. Ich habe sie gesehen, wie ich Dich hier sehe. Sie hielt die Thiere fest und verhinderte es mit ihrer starken Faust, daß der Karren hinüber kam.« Die junge Frau sank auf einen Stuhl, denn ihre Füße versagten ihr plötzlich den Dienst.

»Mein Gott, mein Gott, wie fürchte ich mich ... Das ist ungeheuerlich, ich werde keine Nacht mehr ruhig schlafen können.«

»Die Sache ist ganz klar,« fuhr er fort. »Sie hat eben versucht, uns Beide durch den Anprall zu tödten ... Seit Langem schon zürnte sie mir und war auf Dich eifersüchtig. Sie hatte einen vertrackten Kopf mit ganz verrückten Ideen auf sich ... So viel Morde mit einem Schlage, eine ganze Menschenmenge in ihrem Blute! O dieses liederliche Frauenzimmer!«

Seine Augen vergrößerten sich, ein nervöses Zucken verzog seine Lippen. Er schwieg und sie blickten sich noch eine volle Minute starr an. Dann rissen sie sich mit Gewalt von den abscheulichen, auf sie eindringenden Vorstellungen los und er sagte halblaut:

»Sie ist nun todt und kommt doch wieder! Seit ich wieder meine Gedanken zusammen habe, scheint sie fortwährend neben mir zu sein. Heute früh erst drehte ich mich um, weil ich glaubte, sie stehe am Kopfende meines Bettes. Sie ist todt und wir leben. Wenn sie sich nur nicht jetzt noch rächt!«

Séverine zuckte zusammen.

»O so schweige doch. Du wirst mich noch toll machen,«

Sie ging und Jacques hörte sie zu dem andern Verwundeten heruntergehen. Er blieb am Fenster und vergaß sich ganz in dem Anblick der Geleise, des kleinen Bahnwärterhäuschens mit seinem großen Schöpfbrunnen, der Signalstange und der kleinen Bretterbude, in der Misard über seine regelmäßige, eintönige Beschäftigung wahrscheinlich gerade eingeschlummert war. Diese Dinge nahmen seine Gedanken ganze Stunden hindurch gefangen, als suchte er dort die Lösung eines Problems, ohne sie zu finden, und als hänge doch gerade von dieser Lösung sein eigenes Heil ab.

Er wurde nicht müde, diesen Misard zu beobachten, dieses sanfte, schmächtige, kriechende Wesen, der in einem fort von Hustenanfällen geschüttelt wurde und doch wie ein hartnäckig nagendes Insect, von seiner Leidenschaft ganz erfüllt, am Ende seine stramme Frau durch Gift bei Seite geschafft hatte. Er hatte zweifellos schon seit Jahren keinen andren Gedanken gekannt als diesen und ihn Tag und Nacht während der endlosen Stunden seines Dienstes erwogen. Bei jedem Anschlagen der elektrischen, ihm einen Zug ankündenden Glocke in's Horn stoßen, dann, wenn der Zug vorüber und das Geleise gesperrt war, an einen Knopf drücken, um den Zug dem nächsten Wärter anzuzeigen, und an einen zweiten, um den hinter ihm befindlichen Posten zu veranlassen, das Geleise frei zu geben: das waren die einfachen mechanischen Bewegungen, die schließlich zu körperlichen Eigenschaften geworden waren. Stumpfsinnig und der Buchstaben unkundig, las er natürlich nie, die Augen ließ er gedankenlos umherschweifen und wenn nichts zu thun war, schlenkerte er mit den Armen. Fast immer saß er in seiner Cabuche, er kannte keine andere Zerstreuung als die, seine Mahlzeiten möglichst in die Länge zu ziehen. Dann versank er wieder, ohne einen Gedanken fassen zu können, mit leerem Schädel in seine Dämlichkeit und wurde von Schlafanfällen so fürchterlich gequält, daß er oftmals mit offenen Augen schlief. Wollte er des Nachts nicht dieser unwiderstehlichen Schlafsucht in die Arme fallen, mußte er aufstehen und wie ein Trunkener auf seinen weichknochigen Beinen umherlaufen. Dieser Kampf mit seiner Frau also, dieser heimliche Kampf um die verborgenen tausend Franken, die dem Ueberlebenden gehörten, mußte demnach Monate und Monate hindurch das einzige Nachdenken in dem erschlafften Gehirn dieses einsamen Menschen gebildet haben. Wenn er in das Horn stieß, wenn er mit den Signalen hantirte und automatisch über die Sicherheit der Geleise wachte, hatte er an das Gift gedacht; wenn er mit trägen Armen und vom Schlaf zufallenden Augen wartend dasaß, dachte er erst recht daran. Nichts weiter als dieses: er würde sie tödten, suchen und das Geld für sich allein haben können.

Jacques war erstaunt, ihn jetzt unverändert zu sehen. Man tödtete also ganz gemächlich und das frühere Leben nahm seinen Fortgang! Nachdem das erste Fieber sich gelegt, war Misard in der That in sein altes Phlegma zurückgesunken; er schien wieder ganz das heimtückische, sanfte, kraftlose Wesen, das jeder Erschütterung vorsichtig aus dem Wege geht. Was nützte es ihm nun, seine Frau verzehrt zu haben, sie triumphirte schließlich doch, denn er blieb geschlagen. Er stellte das ganze Haus auf den Kopf, ohne einen Centime zu entdecken, und seine unruhig umherirrenden, suchenden Blicke allein verriethen, was für Gedanken hinter seinen erdfahlen Zügen hausten. Noch immer sah er die weit offen stehenden Augen der Todten, hörte er das schreckliche Lachen ihrer Lippen wiederholen: »Such! Such!« Er versuchte vergeblich, seinem Gehirn eine Minute Ruhe zu gönnen; unermüdlich arbeitete und arbeitete es weiter, immer war er auf der Suche nach dem Ort, wo der Schatz vergraben sein konnte. Er prüfte in Gedanken immer wieder alle möglichen Verstecke, er sonderte die aus, welche er schon abgesucht hatte und fieberte, wenn er einen neuen entdeckt zu haben glaubte. Dann wußte er sich vor Hast nicht zu lassen und ließ alles stehen und liegen, um dahin zu rennen: natürlich ohne jeden Erfolg. Es war das eine auf die Dauer unerträgliche Marter, eine rächerische Marter, eine Art cerebraler Schlaflosigkeit, die ihn unter dem uhrartigen Tick-Tack seiner fixen Idee fortwährend wach hielt, dumm machte und gegen seinen Willen auch nachdenkend. Während er tutete, einmal beim Herunterfahren eines Zuges, zweimal beim Herauffahren, wenn er an den Knöpfen der Apparate drückte, die Geleise schloß oder öffnete, suchte er; er suchte unaufhörlich, er suchte fast wahnsinnig den ganzen Tag während des langen Wartens, seine Unthätigkeit war gestört, ebenso wie des Nachts sein Schlaf; wie an's Ende der Welt verbannt einsam hausend in dem Schweigen der weiten düstren Gegend, suchte und suchte er. Die Ducloux, die jetzige Barrierenwärterin, die gern von ihm geheirathet sein wollte und daher sehr um ihn war, beunruhigte sich schon darüber, daß er kein Auge schließen konnte.

Als Jacques, der bereits im Zimmer etwas auf und ab gehen durfte, eines Nachts aufgestanden und an's Fenster getreten war, sah er in Misard's Haus eine Laterne aufblitzen und wieder verschwinden: der Mann suchte zweifellos wieder. Als aber in der folgenden Nacht der Rekonvalescent von Neuem ihn beobachtete, wunderte er sich nicht wenig, in einem dunklen, großen Schatten Cabuche zu erkennen, der auf der Landstraße unter dem Fenster des benachbarten Zimmers stand, in welchem Séverine schlief. Anstatt sich darüber zu ärgern, fühlte er sich von Mitleid und Traurigkeit tief bewegt: wieder ein Unglücklicher, dieser große, brutale Mensch, der sich wie ein betrübtes, treues Thier dort aufgepflanzt hatte. Diese schmächtige und bei näherem Hinsehen gewiß nicht schöne Séverine mit ihren tintenschwarzen Haaren und bleichen Nixenaugen mußte doch einen mächtigen Reiz auszuüben im Stande sein, wenn sie selbst die Wilden, die bornirten Riesen so bezaubern konnte, daß sie selbst die Nächte wie zitternde Schulbuben vor ihrer Thür zubrachten! Er erinnerte sich verschiedener Thatsachen, der großen Hilfsbereitwilligkeit des Kärrners, der demüthigen Blicke, mit denen er sie verfolgte. Zweifellos liebte und begehrte Cabuche sie. Als er ihn am folgenden Morgen beobachtete, sah er ihn eine beim Zurechtmachen des Bettes aus ihren Haaren geglittene Nadel schnell aufraffen und in seiner Hand verbergen, um sie nicht wiedergeben zu müssen. Jacques dachte an seine eigenen Qualen, wie sehr er ebenfalls unter dem Verlangen gelitten hatte, das jetzt zugleich mit der Gesundheit in schrecklicher, verwirrender Gestalt zu ihm zurückkehrte.

Zwei Tage noch und die Woche war um; die Verwundeten konnten dann, wie der Arzt vorausgesagt, ihren Dienst wieder antreten. Eines Morgens sah Jacques vom Fenster aus seinen Heizer Pecqueux auf einer ganz neuen Lokomotive vorüberfahren. Letzterer grüßte ihn mit der Hand, als riefe er ihn zu sich. Aber Jacques fühlte keine Eile, ein Wiedererwachen seiner Leidenschaft fesselte ihn an das Haus, eine Art ängstlicher Erwartung der kommenden Dinge. Am selben Tage hörte er unter sich abermals frisches, jugendliches Lachen, eine von großen Kindern ausgehende Fröhlichkeit erfüllte das öde Haus mit dem Lärm eines auf einer Landpartie befindlichen Pensionats. Er erkannte die kleinen Dauvergne wieder. Er sagte zu Séverine nichts davon, die übrigens während des ganzen Tages keine fünf Minuten bei ihm bleiben konnte. Am Abend versank das Haus wieder in ein Schweigen des Todes. Seine Miene war ernst und seine Züge etwas bleich, als sie sich längere Zeit in ihrem Zimmer aufgehalten hatte. Er sah sie wieder scharf an und fragte:

»Ist er jetzt fort, haben ihn seine Schwestern mitgenommen?«

»Ja,« antwortete sie kurz.

»Wir sind also endlich allein, ganz allein?« »Ja, ganz allein ... Morgen müssen wir uns trennen, ich muß nach Havre zurück. Unser Feldlager in dieser Einöde ist dann zu Ende.«

Er betrachtete sie noch immer, sie lächelte genirt.

»Es thut Dir leid, daß er fort ist.«

Als sie erzitternd protestiren wollte, unterbrach er sie:

»Ich will keinen Zank herbeiführen. Du siehst, ich bin nicht eifersüchtig. Du hast mir einmal gesagt, ich sollte Dich tödten, wenn Du mir untreu sein würdest, nicht wahr? Ich sehe aber gar nicht so aus wie ein Liebhaber, der sein Verhältniß zu tödten gedenkt ... Aber Du kamst ja schließlich garnicht mehr herauf, ich konnte Dich nicht eine Minute für mich haben. Ich habe mich jetzt daran erinnert, was Dein Mann sagte, daß Du eines Abends doch noch bei diesem Burschen schlafen würdest, ohne Vergnügen an der Sache, nur der Neuheit halber.«

Sie hörte auf sich zu sträuben und wiederholte zweimal nachdenklich:

»Der Neuheit ... der Neuheit ...«

Dann sagte sie unter dem Zwange der sie plötzlich anwandelnden Freimüthigkeit:

»Schön, es ist alles wahr ... Wir Beide können uns ja alles sagen. Uns knüpfen genug Dinge an einander ... Schon seit Monaten verfolgte mich dieser Mensch. Er wußte, daß ich Dir gehörte und dachte, es würde mich nicht viel kosten, auch ihm dasselbe zu sein. Als ich ihn hier unten wiedersah, hat er mir wieder davon gesprochen und mir gesagt, daß er mich zum Sterben liebe; sein Gesicht drückte dabei eine so große Erkenntlichkeit für die ihm geleistete Hilfe aus, daß ich in der That mir einen Augenblick einbildete, daß auch ich ihn liebe, daß ich etwas Neues kennen lernen würde, vielleicht besseres, sanfteres ... kurz vielleicht etwas freudeloses, aber doch beruhigendes ...«

Sie unterbrach sich und zögerte etwas, ehe sie fortfuhr:

»Denn wir Beide kommen nicht mehr weiter, vor uns steht ein unüberwindliches Hinderniß ... Der Traum unserer Abreise, die Hoffnung, dort drüben in Amerika ein reiches und glückliches Leben führen zu können, diese ganze Glückseligkeit, die allein von Dir abhing, ist nicht mehr möglich, weil Du Dich nicht getraut hast ... O ich mache Dir keine Vorwürfe, vielleicht war es besser, daß es so gekommen ist. Ich will Dir nur zu verstehen geben, daß ich von Dir nicht mehr als ich bereits gehabt, erwarten kann: morgen wird es sein wie gestern, dieselbe Langeweile, dieselben Verdrießlichkeiten.«

Er ließ sie sprechen und fragte erst, als sie schwieg:

»Und aus diesem Grunde hast Du Dich ihm hingegeben?«

Sie machte einige Schritte durch das Zimmer, dann trat sie wieder zu ihm und zuckte mit den Schultern.

»Nein, das habe ich nicht gethan, ich sage es Dir wie es ist und ich weiß. Du wirst mir glauben, weil wir Beide uns nichts vorzulügen brauchen ... Nein, ich war dessen nicht fähig, ebensowenig, wie Du jenes Andre vollbringen konntest. Gelt, Du erstaunst, daß eine Frau sich Jemandem versagen kann, trotzdem sie bei näherem Ueberlegen findet, daß ihr Interesse darunter leidet? Ich selbst dachte nicht so lange darüber nach; mich hat es nie viel gekostet, gefällig zu sein, ich will sagen, meinem Manne oder Dir ein Vergnügen zu bereiten, da ich sah, wie sehr Ihr Beide mich liebtet. Aber diesmal konnte ich es nicht. Er hat mir die Hände geküßt, nicht einmal die Lippen, ich kann es Dir zuschwören. Er erwartet mich später in Paris, ich sah, wie unglücklich er war und wollte ihn nicht ganz verzweifeln lassen.«

Sie hatte Recht, Jacques glaubte ihr und sah, daß sie nicht log. Die Angst packte ihn von Neuem, der schreckliche Wirrwarr seines Verlangens wuchs wieder bei dem Gedanken, mit ihr allein, fern von aller Welt der wieder entfachten Flamme ihrer Leidenschaft leben zu können. Er wollte ihr entrinnen und rief:

»Und was hat es mit dem Anderen, diesem Cabuche, für eine Bewandtniß?«

Sie trat hastig auf ihn zu:

»Du hast also auch das bemerkt? ... Ja, es ist wahr, auch er darf nicht vergessen werden. Ich frage mich immer wieder, was haben sie alle nur ... Dieser hat mir gegenüber niemals ein Wort von Liebe verlauten lassen. Aber ich bemerke wohl, daß er sich seine Arme verrenkt, wenn wir uns umarmen. Wenn er mich zu Dir Du sagen hört, stellt er sich in die Ecke und weint. Außerdem stiehlt er mir alles, meine Sachen, Handschuhe, ja selbst Taschentücher, die er wie Kostbarkeiten in seine Höhle schleppt ... Du wirst Dir hoffentlich nicht einreden, daß ich jemals diesem Wilden gefällig sein könnte. Er ist zu riesig, er jagt mir Furcht ein. Er verlangt übrigens auch nichts ... Nein, nein, diese großen brutalen Menschen sterben lieber aus Liebe, wenn sie furchtsam sind, ehe sie etwas fordern. Du könntest mich ihm einen ganzen Monat anvertrauen, er würde mir nicht mit den Fingerspitzen zu nahe kommen, ebensowenig wie er Luisette berührt hat, wofür ich heute einstehen kann.«

Ihre Blicke begegneten sich bei dieser Erinnerung und Schweigen trat ein. Sie gedachten vergangener Dinge, ihrer Begegnung bei dem Untersuchungsrichter in Rouen. Dann ihrer so süßen ersten Reise nach Paris, ihrer Stelldicheins in Havre und alles anderen, guten und schlechten, was darauf gefolgt war. Sie näherte sich ihm noch mehr, sie stand ihm jetzt so nahe, daß er die feuchte Wärme ihres Athems fühlte.

»Nein, nein, diesem würde ich mich noch weniger hingeben, als den andern. Ueberhaupt keinem, verstehst Du, weil ich es nicht fertig bekäme ... Und willst Du wissen, warum? Ich fühle es in dieser Stunde und glaube mich nicht zu täuschen: weil Du mich ganz besitzest. Es giebt dafür keinen anderen Ausdruck: ja, besitzest, wie man etwas mit beiden Händen ergreift und darüber in jeder Minute verfügt, als über einen leibeigenen Gegenstand. Vor Dir habe ich Niemandem angehört. Ich bin Dein und bleibe Dein, selbst wenn Du es nicht mehr willst, selbst wenn ich selbst es nicht mehr wollte ... Ich kann das nicht erklären. Unsere Wege haben sich nun einmal so gefunden. Bei den andern flößt mir das Furcht und Widerwillen ein, während Du mir ein entzückendes Vergnügen bereitet hast, ein wahres himmlisches Glück ... O ich liebe nur Dich, ich kann Niemand anders lieben, nur Dich!«

Sie öffnete die Arme, um ihn zu umarmen, um ihren Kopf an seine Schultern, ihre Lippen auf seine zu legen. Er ergriff aber ihre Hände und hielt sie sich kopflos, erschreckt vom Leibe, denn er fühlte den einstigen Schauder durch seine Glieder zucken, sein Blut im Gehirn toben. Da war es wieder, dieses Brausen in den Ohren, diese Hammerschläge, dieser wahnsinnige Tumult seiner einstigen großen Krisen. Seit einiger Zeit durfte er sie weder am lichten Tage besitzen, noch beim Schimmer einer Kerze, aus Furcht verrückt zu werden, wenn er sie sähe. In diesem Augenblick aber befanden sich Beide im Scheine einer Lampe. Er zitterte und begann sich aufzuregen, weil er im Licht dieser Lampe die weiße Rundung ihrer Brüste aus dem offenen Ausschnitte ihres Hauskleides blicken sah.

Brennend vor Verlangen und flehend fuhr sie fort:

»Unser Leben ist allerdings aussichtslos geworden. Aber ob ich von Dir noch etwas Anderes zu erwarten habe, ob der morgige Tag uns dieselbe Langeweile und dieselben Verdrießlichkeiten bringen wird, mir soll es gleichgiltig sein, ich habe keine andere Bestimmung mehr als mein Leben hinzuschleppen und mit Dir zu leiden. Wir fahren nach Havre zurück, komme es wie es wolle, wenn Du nur von Zeit zu Zeit auf eine Stunde mir gehörst ... Ich schlafe schon drei Nächte nicht mehr dort in meinem Zimmer auf der anderen Seite des Flures, weil mich nach Dir verlangt. Du warest so leidend und sahest so verdüstert aus, daß ich mich nicht traute ... Aber heute Abend mußt Du mich bei Dir behalten. Du sollst sehen, wie lieb ich sein werde, ich will mich auch ganz klein machen, um Dich nicht zu stören. Und dann, es ist die letzte Nacht ... In diesem Hause befindet man sich wie am Ende der Erde. Nichts regt sich, kein Hauch, keine Seele. Niemand kann kommen, wir sind allein, so allein, daß Niemand es wissen könnte, ob wir in unseren Armen sterben wollen.«

Jacques stachelte ein wüthendes Verlangen nach ihrem Besitz. Ihre Schmeicheleien regten ihn fürchterlich auf, schon streckte er die Finger aus, um Séverine zu würgen, als diese dem Zuge der Gewohnheit folgend, sich umwandte und die Lampe auslöschte. Nun umarmte er sie, sie gingen zu Bett. Diese Nacht wurde zur glühendsten Liebesnacht, zur schönsten, zur einzigen, in der sie völlig in einander aufgingen und verschwanden. Vom Glück wie gebrochen, so ohnmächtig, daß sie ihre Körper nicht mehr fühlten, blieben sie schlaflos in enger Umschlingung liegen. Und wie in jener Nacht des Geständnisses im Zimmer der Mutter Victoire, hörte er ihr wieder schweigend zu, während sie, den Mund an seinem Ohr ihm leise endlose Dinge zuflüsterte. Vielleicht hatte sie, ehe sie die Lampe auslöschte, den Tod über ihren Nacken streifen gefühlt. Bisher hatte sie, trotzdem der Mord drohend über ihr hing, lächelnd und ohne Argwohn in den Armen des Geliebten geruht. Jetzt aber war ein leiser, kalter Schauder zurückgeblieben und diese unerklärliche Furcht drängte sie eng an die Brust des Mannes, als suchte sie dort Schutz. Ihr leiser Athem war wie ein Geschenk ihrer ganzen Person selbst.

»O mein Schatz, wenn Du gewollt hättest, so wären wir dort drüben so glücklich geworden! ... Nein, nein, ich bitte Dich nicht mehr jetzt das zu thun, was Du nicht thun konntest; ich bedaure nur um unsern schönen Traum! ... Ich habe mich eben so gefürchtet. Ich weiß nicht, mir scheint irgend etwas zu drohen. Das ist zweifellos kindisch, jeden Augenblick vermuthe ich Jemand hinter mir, der mich niederstechen will ... Ich habe Niemand weiter als Dich, mein Schatz, zu meiner Verteidigung. All meine Freude hängt von Dir ab, Du allein fesselst mich nur noch an's Leben.«

Ohne zu antworten drückte er sie noch mehr an sich und durch diesen Druck wollte er seine Rührung, sein Verlangen aussprechen, gut zu ihr zu sein, die heiße Liebe, die noch nicht in ihm erstorben war. Und dabei hatte er sie an demselben Abend tödten wollen! Wenn sie sich nicht umgedreht hätte, um die Lampe auszulöschen, so würde er sie unfehlbar erwürgt haben. Er zweifelte daran, noch jemals zu gesunden, die Krisen würden je nach den zufälligen Umständen immer wiederkommen, ohne daß er sich davon würde befreien und die Ursachen ergründen können. Warum nur dieses Verlangen gerade an diesem Abend, wo er sie so treu und vertrauend gefunden hatte und ihre Leidenschaft so gewachsen sah? Trat dieses Verlangen immer stärker hervor, je heißer sie ihn liebte und er sie begehrte? Verlangte der Egoismus des Mannes in seinem schrecklichen finsteren Walten ihre Zerstörung? Wollte er sie todt sehen wie die Erde?

»O, mein Schatz,« fuhr sie mit einschmeichelndem Athem fort, »o noch viele solche Nächte wie diese, endlose Nächte, in denen wir wie heute nur ein einziges Wesen sind ... Wir wollen dieses Haus verkaufen, das Geld nehmen und nach Amerika zu Deinem Freunde reisen, der uns noch immer erwartet ... Jeden Abend, ehe ich einschlafe, male ich mir unser künftiges Leben dort drüben aus ... Dann wird jeder Abend dem heutigen gleichen, wir werden stets Arm in Arm schlafen ... Aber Du kannst nicht, ich weiß es. Ich spreche davon, nicht um Dich zu ärgern, sondern weil es mir, ganz gegen meinen Willen, so aus dem Herzen kommt.«

Der jähe Entschluß, der schon so oft in ihm gereift war, bemächtigte sich wieder Jacques': er wollte Roubaud tödten, um sie nicht tödten zu müssen. Diesmal glaubte er, genau, so wie früher, daß sein Wille nicht wanke.

»Ich habe es nicht gekonnt,« sagte er leise, »aber ich werde es können. Habe ich es Dir nicht versprochen?«

Sie protestirte schwach.

»Nein, verspreche nichts, ich bitte Dich darum ... Wir sind nachher wieder krank, wenn uns der Muth gefehlt hat ... Und dann, es ist zu gräßlich, nein, nein, es soll nicht sein.«

»Und doch muß es sein, wenn Du es schon wissen willst. Ich werde schon die Kraft finden ... Ich wollte schon längst mit Dir darüber sprechen und jetzt können wir es, da wir hier allein und ruhig liegen, so daß wir nicht einmal die Farbe unserer Worte sehen können.«

Sie athmete tief auf und ließ ihm den Willen, ihr Herz schlug so heftig, daß er es an das seine schlagen zu fühlen glaubte.

»O mein Gott, wie sehr wünschte ich, daß es nicht zu geschehen brauchte ... Jetzt, nun es Ernst wird, möchte ich am liebsten nicht mehr leben.«

Sie schwiegen Beide unter dem schweren Gewicht ihrer Entschließung. Sie fühlten um sich die trostlose Oede dieser wilden Gegend. Es war ihnen sehr heiß, ihre feuchten Glieder ruhten wie ineinandergeflochten.

Er küßte sie wie suchend auf die Brust, unter das Kinn und sie begann von Neuem zu flüstern:

»Er muß hierher kommen ... Ich könnte ihn unter irgend einem Vorwande hierher rufen. Ich weiß noch keinen. Doch er wird sich später finden. Du würdest ihn dann erwarten und Dich verstecken. Alles Andere würde sich von selbst machen, denn hier würden wir gewiß nicht gestört werden ... So müssen wir es machen.«

Während seine Lippen vom Kinn auf die Kehle herunterwanderten, begnügte er sich, gelehrig mit »Ja« zu antworten. Sie dagegen erwog nachdenklich jede Kleinigkeit. Je mehr sich der Plan in ihrem Kopf entwickelte, desto mehr besprach und verbesserte sie ihn.

»Es wäre zu dumm, Schatz, wenn wir nicht jedenfalls unsere Vorsichtsmaßregeln treffen sollten. Wenn ich wüßte, daß wir einen Tag darauf doch verhaftet würden, dann könnte es besser so bleiben, wie es ist ... Ich habe es irgendwo gelesen, wahrscheinlich in einem Roman: es wäre das Beste, an einen Selbstmord glauben zu machen ... Er ist seit einiger Zeit so merkwürdig, so nachdenklich und verdüstert, daß es Niemand überraschen würde, zu hören, er sei hierhergekommen, um einen Selbstmord zu begehen ... Es handelt sich also lediglich darum, die Sache so zu drehen, daß der Gedanke eines Selbstmordes von selbst einleuchtet ... Nicht wahr?«

»Ja, zweifellos.«

Sie suchte, etwas außer Athem, weil er ihre ganze Kehle zwischen die Lippen genommen hatte, um sie zu küssen.

»Etwas, um jede Spur zu verwischen ... Halt, das ist ein Gedanke! Wenn er zum Beispiel das Messer in der Gurgel hat, brauchten wir Beide nur ihn herunterzutragen und so mit dem Kopf auf die Schienen zu legen, daß der nächste Zug ihn enthaupten müßte. Dann könnte man schön suchen, denn es würde alles zerfetzt und kein Loch mehr zu sehen sein ... Geht das, was meinst Du?«

»O ja, das ginge sehr gut.«

Beide belebten sich, sie freute sich fast, nicht wenig stolz, dieser Entdeckung. Als er ihr lebhafter schmeichelte, überlief sie wieder ein leiser Schänder.

»Nein, lasse mich, warte noch ein wenig ... Ich denke eben daran, daß das noch nicht so geht. Wenn Du hier bleibst, wird der Selbstmord immer noch verdächtig erscheinen. Du mußt also erst fort. Morgen reisest Du also ab, ganz offen vor aller Welt, so daß Cabuche und Misard Dich sehen. Du besteigst den Zug nach Barentin und steigst in Rouen unter irgend einem Vorwande aus. Wenn die Nacht angebrochen ist, kommst Du zurück und ich lasse Dich durch die Hinterthür ein. Es sind nur vier Meilen, in drei Stunden kannst Du also bequem zurück sein ... So ist Alles in bester Ordnung, wenn Du also willst, kann es geschehen.«

»Ja, ich will es, es ist abgemacht.«

Er überlegte jetzt ebenfalls und war des Küssens überdrüssig geworden. Abermals trat Stille ein, während sie ohne zu athmen in ihren Armen ruhten, als hätte die jetzt gesicherte Thal sie schon im Voraus fast ohnmächtig gemacht. Allmählich aber stellte sich das Gefühl in ihren Körpern wieder ein, sie umschlangen sich noch leidenschaftlicher als zuvor. Plötzlich lösten sich ihre Arme.

»Und was für einen Vorwand werden wir gebrauchen müssen? Er kann nicht früher als um acht Uhr Abends fahren, wenn sein Dienst vorüber ist. Er kann also vor zehn Uhr nicht hier sein: das ist viel werth ... Halt, da hat mir Misard gerade von einem Käufer gesprochen, der das Haus übermorgen früh besichtigen will. Ich telegraphire also an meinen Mann, sobald ich aufgestanden bin, daß seine Anwesenheit hier durchaus nothwendig ist. Er wird morgen Abend hier eintreffen. Du reist morgen Nachmittag von hier ab und kannst noch vor ihm wieder hier sein. Es ist Nacht, kein Mondschein, nichts stört uns. Alles geht glatt.«

»Ja, Alles.«

Und nun liebten sie sich nach Herzenslust. Als sie endlich Arm in Arm einschliefen, in dem mächtigen Schweigen, war es noch nicht Tag; der erste Schimmer der Dämmerung begann die Finsterniß zu erhellen, in der sie wie in einen schwarzen Mantel eingehüllt lagen. Er schlief bis gegen zehn Uhr fest und traumlos. Als er die Augen öffnete, befand er sich allein, Séverine kleidete sich in ihrem Zimmer auf der anderen Seite des Treppenflurs an. Ein breiter Strahl der Sonne drang durch das Fenster, entzündete die rothen Bettvorhänge, die rothen Tapeten an den Wänden und das Gemach flammte auf von diesem Roth, während das ganze Haus vom Donner eines gerade vorüberfahrenden Zuges erzitterte. Dieser Zug hatte ihn wahrscheinlich aufgeweckt. Geblendet starrte er in das Sonnenlicht und in dieses rothe Geriesel, dann erinnerte er sich an Alles: es war in der verflossenen Nacht beschlossen worden, daß er morden sollte, sobald diese helle Sonne wieder verschwunden war.

Es verlief Alles so, wie Séverine und Jacques verabredet hatten. Sie bat nach dem Frühstück Misard, die Depesche für ihren Mann nach Doinville zu tragen. Und als gegen drei Uhr Cabuche sich einfand, traf Jacques ganz offen seine Vorbereitungen zur Abreise. Als er ging, um in Barentin den Zug um vier Uhr vierzehn Minuten zu besteigen, begleitete ihn der Kärrner, der nichts weiter zu thun hatte, vielleicht in dem dunklen Gefühl, bei dem glücklicheren Locomotivführer einen Theil der geliebten Frau wiederzufinden. In Rouen kam Jacques zwanzig Minuten vor fünf an; er stieg neben dem Bahnhofe in einer Herberge ab, die eine Landsmännin von ihm dort hielt. Er sprach davon, daß er am nächsten Tage erst seine Freunde besuchen wollte, ehe er den Dienst wieder antrat. Er sagte gleichzeitig, daß er sich sehr müde fühle, weil er noch nicht wieder im Besitz aller seiner Kräfte sei. Daher zog er sich schon um sechs Uhr zurück, um sich in einem Zimmer im Erdgeschoß, das er sich hatte geben lassen, zu Bett zu legen. Das Fenster dieses Zimmers ging auf eine öde Straße. Zehn Minuten später war er aus dem Fenster gesprungen, ohne gesehen worden zu sein, und auf dem Wege nach la Croix-de-Maufras. Den Fensterladen hatte er wieder angelegt, so daß er ihn später nur aufzustoßen brauchte.

Es war erst ein Viertel nach neun Uhr, als Jacques wieder vor dem einsamen Hause stand, das sich in seiner öden Verlassenheit so dicht neben dem Geleise erhob. Die Nacht war düster, kein Lichtschimmer erhellte auf dieser Seite die hermetisch verschlossene Fassade. Er spürte noch immer im Herzen dieses beängstigende Vorgefühl eines ihn dort erwartenden Unglücks. Wie mit Séverine verabredet, warf er kleine Kieselsteine gegen die Fensterladen des Zimmers. Dann ging er um das Haus herum, wo sich leise eine Thür öffnete. Er schloß sie hinter sich und tappte den leichten Schritten nach, die Treppe herauf. Oben beim Scheine der großen Lampe aber, die auf dem Tische brannte, sah er das Bett in Unordnung, die Kleider der jungen Frau auf einem Stuhl liegen und sie selbst im Hemde mit nackten Beinen und zur Nacht zurechtgemachten Haaren, die hochgewunden den Nacken frei ließen, vor sich stehen. Er war starr vor Ueberraschung.

»Wie, Du hast Dich hingelegt?«

»Ja, es wird so besser sein ... Mir fiel es ein, daß, wenn ich ihm in diesem Aufzug öffne, er noch weniger mißtrauisch sein wird. Ich will ihm erzählen, daß ich starke Migräne habe. Misard glaubt ebenfalls, daß ich leidend bin. Dadurch gewinnt auch die Ausrede, daß ich die ganze Nacht das Zimmer nicht verlassen habe, wenn man ihn morgen früh dort unten auf den Geleisen finden wird, an Wahrscheinlichkeit.«

Aber Jacques zitterte und fuhr sie heftig an.

»Nein, nein, kleide Dich an ... Du mußt auf sein. Du kannst nicht so bleiben.«

Sie lächelte erstaunt.

»Warum, Schatz? Beunruhige Dich nicht, ich werde mich nicht erkälten ... Fühle nur, wie warm mir ist.«

Sie näherte sich schelmisch, um ihre nackten Arme um seinen Hals zu legen, ihr Hemd glitt dabei auf die eine Schulter herunter und ließ die runden Brüste sehen. Als er in wachsender Verwirrung vor ihr zurückwich, ließ sie sich belehren.

»Aergere Dich nicht, ich werde mich ganz in mein Bett verkriechen. Du brauchst nicht mehr zu fürchten, daß ich mich krank mache.«

Als sie wieder im Bett lag und die Decke bis an das Kinn heraufgezogen hatte, schien er sich ein wenig zu beruhigen. Sie sprach gelassen weiter und erzählte ihm, wie sie sich Alles ausgedacht hatte.

»Sobald er klopft, gehe ich hinunter. Erst wollte ich ihn bis nach oben kommen lassen, hier solltest Du ihn erwarten. Aber das Heruntertragen wäre zu umständlich. Hier oben ist der Fußboden auch parquettirt, unten aber nur gedielt, so daß ich die Blutflecke leichter abwaschen kann, falls es welche abgiebt. Als ich mich vorhin auszog, dachte ich gerade an einen Roman, in welchem der Verfasser von einem Mann erzählte, der sich nackt auszog, um einen andern zu tödten. Verstehst Du, warum? Nun, man wäscht sich nachher und hat keinen einzigen Fleck auf den Kleidern ... Wie wäre es, wenn Du Dich ebenfalls auszögest und ich auch?«

Er sah sie erschrocken an. Aber sie sah so sanft wie sonst aus und ihre Kinderaugen blickten so klar wie früher, sie war augenscheinlich nur um den guten Verlauf der Angelegenheit besorgt. Alles das flog ihr durch den Kopf. Er dagegen wurde bis auf die Knochen von dem abscheulichen Schauder geschüttelt, als sie von zwei Nacktheiten und der Besudelung durch den Mord sprach.

»Nein ... Wie zwei Wilde also? Warum nicht gleich sein Herz braten? Du verabscheust ihn also genügend?«

Das Gesicht Séverine's verdüsterte sich plötzlich. Diese Frage rief sie aus den Vorbereitungen einer umsichtigen Wirthschafterin zur Abscheulichkeit des Verbrechens selbst hinüber. Thränen netzten ihre Augen.

»Ich habe seit einigen Monaten zu viel gelitten, ich kann ihn nicht lieben. Hundertmal habe ich gesagt: lieber alles Andere, nur nicht noch eine Woche mit diesem Manne zusammen leben. Aber Du hast Recht, es ist gräßlich, schon darauf kommen zu müssen, wir haben ja keinen anderen Wunsch, als glücklich zu sein ... Wir steigen also ohne Licht herunter. Du stellst Dich hinter die Thür und wenn er herein ist, thust Du, wie Du willst ... Ich stehe Dir bei, damit Du nicht die ganze Sorge allein hast. Ich arrangire das, so gut ich kann.«

Er war vor dem Tisch stehen geblieben und hatte dort das Messer erblickt, das bereits einmal dem Gatten gedient und das sie jedenfalls zu seiner Benutzung dorthin gelegt hatte. Die Klinge leuchtete im Scheine der Lampe. Er nahm das Messer und prüfte es. Sie sah ihm schweigend zu. Da er es schon in der Hand hatte, brauchte nicht weiter davon gesprochen zu werden. Sie fuhr erst fort, als er das Messer wieder hingelegt hatte.

»Ich will Dich durchaus nicht treiben, mein Schatz. Ich will mich lieber Allem fügen, als Dein Leben zerstören. Noch ist es Zeit, gehe fort, wenn Du es nicht vermagst.«

Mit einer heftigen Bewegung wies er ihr Ansinnen zurück.

»Hältst Du mich für einen Feigling? Diesmal ist es geschworen!«

In diesem Augenblick wurde das Haus durch den Donner eines vorüberfahrenden Zuges so erschüttert, daß es schien, als dränge der so dicht vorübersausende Zug in das Zimmer selbst ein.

»Das ist sein Zug,« setzte er hinzu, »der directe von Paris. Er ist in Barentin ausgestiegen und wird in einer halben Stunde hier sein.«

Jacques und Séverine sprachen nicht mehr, tiefes Schweigen herrschte. Sie sahen den Mann dort unten durch die düstere Nacht auf schmalen Pfaden herannahen. Jacques hatte mechanisch seinen Gang durch das Zimmer aufgenommen, als wollte er die Schritte des Anderen an seinen zählen, der bei jedem Ausschreiten sich ein wenig mehr näherte. Noch einer und wieder einer und nach dem letzten mußte er in die Vorhalle treten und dort durch Jacques das Messer in die Gurgel bekommen. Séverine hatte noch immer das Oberbett bis an das Kinn emporgezogen und lag auf dem Rücken; mit ihren großen, starren Augen sah sie seinem Auf- und Abwandern zu; ihr Geist wurde gewiegt von dem regelmäßigen Tonfall seiner Schritte, die auch ihr wie ein Echo der fernen Schritte jenes Anderen klangen. Einer nach dem andern, ohne Unterbrechung, nichts konnte sie mehr aufhalten. Wenn er genug Schritte gemacht hatte, wollte sie aus dem Bett springen, mit nackten Füßen und ohne Licht nach unten gehen. »Du bist es, mein Freund, nur herein, ich hatte mich schon hingelegt.« Er würde nichts antworten können, denn er würde im Dunkeln mit klaffender Gurgel zu Boden sinken.

Wieder fuhr ein Zug vorüber, diesmal nach der andern Richtung. Es war der Bummelzug, der sich mit dem directen Eilzuge von Paris in einer Entfernung von fünf Minuten von la Croix-de-Maufras kreuzte. Jacques blieb überrascht stehen. Erst fünf Minuten vorüber! Die halbe Stunde würde eine Ewigkeit dauern. Ein Trieb nach Bewegung ließ ihn wieder von einer Seite des Zimmers zur andren schreiten. Er fragte sich besorgt, wie die von einem Schlaganfalle im späteren Alter betroffenen Männer zu fragen pflegen: würde er können? Er kannte ganz genau den Gang des Phänomens in seinem Innern, denn er hatte ihn schon mehr als zehnmal beobachtet: zuerst war es eine Gewißheit, ein absoluter Entschluß zu morden, dann ein Druck in der Brusthöhle, ein Erkalten der Füße und Hände und vor allem die Ohnmacht seines Willens gegenüber den träge gewordenen Muskeln. Um sich durch die Begründung dieses Mordes in Stimmung zu versetzen, wiederholte er wieder, was er sich schon so oft vorgehalten hatte: es war sein Interesse, diesen Mann aus der Welt zu schaffen, dann erwartete ihn der Reichthum in Amerika und der Besitz der geliebten Frau. Das schlimme war, daß er Séverine vorhin halb nackt gesehen hatte, dadurch konnte die Sache noch schief gehen, denn er war nicht mehr Herr seiner selbst, sobald der einstige Schauder ihn wieder beherrschte. Er zitterte sogar vor der zu starken Versuchung, die sich ihm bot, denn das Messer lag da. Aber er blieb jetzt gewappnet gegen jede Schwäche. Ja er würde können. Und in der Erwartung des Mannes durchmaß er das Zimmer von der Thür zum Fenster; er ging jedesmal dicht am Bett vorüber, doch vermied er, dorthin zu blicken.

Séverine rührte sich nicht im dem Bett, in welchem sie in der Vergangenen Nacht so viele Stunden heißen Verlangens zugebracht hatten. Ihr Kopf ruhte unbeweglich auf dem Kissen, nur ihr ängstlicher Blick folgte ihm, denn sie fürchtete, er würde es abermals nicht wagen. Sie wollte es ja nur aus dem Bewußtsein heraus, dem geliebten Mann gefällig zu sein, um ihm, für den ihr Herz schlug, ganz anzugehören und ohne den Andern los zu sein. Man schob ihn eben auf die Seite, weil er sie genirte, nichts natürlicher als dieses. Sie mußte erst nachdenken, um an dem Morde etwas Abscheuliches zu entdecken: sobald die Vorstellung des Blutes und der schrecklichen Zuckungen erlosch, zeigte sie wieder ihre lächelnde Ruhe und ihr unschuldiges, sanftes und gelehriges Gesicht. Nur wunderte sie sich, daß sie Jacques, den sie zu kennen glaubte, so ganz verändert fand Er hatte noch den runden Kopf eines schönen Mannes, seine gelockten Haare, seinen tiefschwarzen Schnurrbart und seine braunen, mit Gold getupften Augen, aber seine untere Kinnbacke trat so hervor, daß sich ein tiefer Schlund auf seiner Backe gebildet zu haben schien, was ihn sehr entstellte. Als er bei ihr vorüber kam und sie gegen seinen Willen ansah, schien sich ein rother Schleier über seine Augen zu senken und sein ganzer Körper schnellte förmlich zurück. Warum wich er ihr aus? Verließ ihn sein Muth auch diesmal? Sie wußte nicht, in welcher Todesgefahr sie seit einiger Zeit sich befand, sie erklärte sich diese Furcht als eine instinctive, grundlose, vielleicht durch das Vorgefühl eines bevorstehenden Bruches verursacht. Jetzt plötzlich hatte sie die Ueberzeugung, daß er, wenn er diesmal nicht zustieß, sie auf Nimmerwiederkehr fliehen würde. Er mußte also Jenen tödten; sollte es nöthig sein, so wollte sie ihm nach Kräften helfen. In diesem Augenblick fuhr ein Güterzug vorüber, dessen endlos langer Wagenschwanz garnicht aufhören wollte, das Zimmer zu erschüttern. Sie stützte sich auf einen Ellbogen und wartete, bis das orkanartige Dröhnen in der Ferne verhallt war.

»Noch eine Viertelstunde,« sagte Jacques laut. »Er hat jetzt das Gehölz von Bécourt erreicht, also noch den halben Weg vor sich. O dauert das lange!«

Als er vom Fenster zurückkehrte, sah er Séverine im Hemde vor dem Bett auf ihn warten.

»Wir wollen mit der Lampe heruntergehen,« erklärte sie ihm. »Du kannst dann sehen, wohin Du Dich stellen willst und ich zeige Dir, wie ich die Thür öffnen werde und welche Bewegung Du ausführen mußt.«

Er wich zitternd zurück.

»Fort mit der Lampe!«

»So höre doch, wir verbergen sie sofort. Man muß doch alles genau überlegen.«

»Nein, nein, lege Dich wieder hin.«

Diesmal gehorchte sie nicht, sie schritt mit dem überlegenen, despotischen Lächeln der sich durch ihr Verlangen allmächtig glaubenden Frau auf ihn zu. Wenn sie ihn erst in ihren Armen hielt, würde er auch thun, was sie wollte. Sie sprach schmeichelnd weiter, um ihn zu überzeugen.

»Was ist Dir nur, mein Schatz? Man könnte meinen, Du hättest Furcht vor mir? Sobald ich Dir nahe komme, weichst Du zurück. Wenn Du wüßtest, wie nöthig Du mir in diesem Augenblicke bist, wie ich mich glücklich fühle, daß Du da bist und wir einig sind, für jetzt und für immer!«

Sie hatte ihn gegen den Tisch gedrängt und er konnte nicht weiter fliehen. Der helle Schein der Lampe fiel jetzt auf sie. Noch nie hatte er sie so im offenen Hemde mit nach oben geknotetem Haar gesehen, so daß der Hals und die Brüste ihm nackt entgegenleuchteten. Er kämpfte mit sich und war schon wie betäubt von dem Blutstrom in seinem Gehirn und dem abscheulichen Schauder. Er erinnerte sich daran, daß hinter ihm das Messer auf dem Tisch lag: er fühlte es, er brauchte nur die Hand danach auszustrecken.

»Lege Dich hin, ich beschwöre Dich,« bat er, stotternd vor Anstrengung, sich zu beherrschen.

Aber sie täuschte sich nicht: das zu große Verlangen nach ihr ließ ihn so erbeben. Warum sollte sie ihm gehorchen, sie wollte ja von ihm an diesem Abend geliebt sein, so wie nur er lieben konnte, bis zur Raserei. Schmeichelnd näherte sie sich ihm noch mehr und stand nun dicht vor ihm.

»So umarme mich doch ... Umarme mich so stark wie Deine Liebe ist, das wird uns Muth machen ... O ja, Muth, wir können ihn gebrauchen! Wir müssen uns anders und stärker als alle Andren lieben können, um thun zu können, was wir vorhaben ... Umarme mich also von ganzem Herzen, aus voller Seele.«

Halberwürgt athmete er kaum noch. Ein wüstes Brausen in seinem Gehirn hinderte ihn sie zu verstehen. Feurige Bisse hinter den Ohren durchlöcherten seinen Kopf, eroberten seine Arme, seine Füße, der Galopp des Anderen, der ihn vergewaltigenden Bestie jagte ihn aus seinem eigenen Körper. Seine Hände gehörten nicht mehr ihm, die durch die Nacktheit dieser Frau ihm eingeflößte Trunkenheit war zu stark. Die nackten Brüste drückten sich an seinen Kleidern platt, der bloße, weiße und so zarte Hals bildete eine zu unwiderstehliche Versuchung; der warme, brünstige, Alles beherrschende Athem jagte ihn vollends in den Schwindel der Wuth hinein, in das Schwanken, das seinen Willen umdüsterte, ausriß und vernichtete.

»Umarme mich, Schatz, so lange uns noch eine Minute bleibt ... Du weißt, er wird bald hier sein. Wenn er schnell gegangen ist, kann er von einer Minute zur andern an die Thür klopfen ... Da Du jetzt nicht herunterkommen willst, so denke daran, daß ich öffnen werde und daß Du hinter der Thür stehst: und warte nicht, stoße sofort zu, um zu Ende zu kommen ... Ich liebe Dich so sehr, wir werden glücklich sein! Er, der schlechte Mensch, hat mich so sehr leiden lassen, er ist das einzige Hinderniß unseres Glückes ... Umarme mich, so stark, o so stark, als wenn Du mich verschlingen wolltest, damit ich ganz in Dich aufgehe!«

Jacques tappte, ohne sich umzublicken, mit der rechten Hand nach dem Messer. Einen Augenblick blieb sein Arm mit dem Messer in der Faust in dieser Lage. War jetzt der Durst wieder da nach Rache für uralte Beleidigungen, deren genaue Kenntniß ihm abging, für diese von Geschlecht zu Geschlecht aufgehäufte Gemeinheit seit dem ersten Betrug im Dunkel der Höhlen? Er richtete auf Séverine seine wirren Blicke, er empfand nur noch das Gelüste, sie todt zu Boden zu strecken wie eine Anderen abgejagte Beute. Das Schreckensthor that sich über dem schwarzen Abgrund des geschlechtlichen Triebes im Menschen auf, der selbst im Tode nach Liebe wühlt und zerstören will, um noch mehr zu besitzen.

»Umarme mich ... umarme mich ...«

Sie bog ihr unterwürfiges, zärtlich flehendes Gesicht zurück und wollüstig drängte sich ihr nackter Busen hervor. Als er dieses weiße Fleisch wie in einem Wiederschein von Feuer getaucht sah, hob er die mit dem Messer bewaffnete Faust. Sie sah die Klinge im Lichte blitzen und wich vor Schrecken und Grauen bebend zurück.

»Jacques, Jacques ... Ich, mein Gott! Warum, warum?«

Seine Zähne waren auf einander gebissen, er sprach kein Wort, sondern drängte ihr nach. Ein kurzer Kampf brachte sie bis an das Bett. Sie wich noch weiter zurück, ohne sich zu vertheidigen, das Hemde zerriß.

»Warum, mein Gott, warum?«

Er senkte die Faust und das Messer schnitt ihr die Frage ab. Er hatte beim Zustoßen die Klinge gewendet, in dem fürchterlichen Bedürfniß der voll befriedigt sein wollenden Hand: es war derselbe Stoß, der den Präsidenten Grandmorin getroffen hatte, an derselben Stelle, mit derselben Wuth geführt. Hatte sie geschrieen? Es ist ihm nie klar geworden. In demselben Augenblick kam der Pariser Eilzug so schnell und wuchtig vorüber, daß selbst die Diele zu schwanken schien. Sie war gestorben als hätte sie der Blitz inmitten dieses Donners erschlagen.

Hingestreckt zu seinen Füßen lag sie vor dem Bett. Er sah sie an. Der Zug verlor sich in der Ferne. In dem dumpfen Schweigen des rothen Zimmers betrachtete er sie. Inmitten der rothen Vorhänge, der rothen Tapeten lag sie auf der Diele und blutete stark, eine rothe Fluth rieselte zwischen den Brüsten hindurch, breitete sich auf dem Unterleibe aus und floß von dem einen Schenkel aus in dicken Tropfen auf das Parquet. Das halb zerrissene Hemde wurde davon durchtränkt. Er hätte nie geglaubt, daß sie so viel Blut besaß. Und was ihn besonders bannte, war die Maske fürchterlicher Angst, die das Gesicht dieser niedlichen, sanften, folgsamen Frau angenommen hatte. Die schwarzen Haare hatten sich gesträubt und bildeten einen Helm des Schreckens, düster wie die Nacht. Die übernatürlich weit geöffneten Nixenaugen suchten noch immer, stumm und starr das schreckliche Geheimniß zu ergründen. Warum, warum hatte er sie ermordet? Unwissend, daß das Leben Koth in das Blut mischt, hingebend und unschuldig, so daß sie es nie begriffen hätte, hatte sie ihr Unstern in die Hände des Mörders geführt.

Jacques fuhr zusammen. Er hörte das Röcheln einer Bestie, das Grunzen eines Wildschweines, das Brüllen des Löwen in seiner Nähe. Doch schnell beruhigte er sich wieder, er selbst athmete so heftig. Endlich hatte er es also gewagt, er hatte getödtet! Ja, er hatte das da gethan. Eine zügellose Freude, ein mächtiges Vergnügtsein durchwogte ihn angesichts der endlichen Erfüllung seines ewigen Wunsches. Er verspürte eine ehrgeizige Ueberraschung, die vergrößerte Souveränität seines männlichen Geschlechts. Er hatte diese Frau getödtet, er besaß sie nun so, wie er sie schon immer zu besitzen gewünscht hatte, ganz, allmächtig. Sie war nicht mehr, sie konnte also niemandem mehr angehören. Die Erinnerung an einen anderen Ermordeten, den Präsidenten Grandmorin, dessen Leichnam er in jener Nacht, keine fünfhundert Meter von hier gesehen hatte, trat lebhaft vor seine Erinnerung. Dieser zarte, weiße, vom röthlichen Licht bestrahlte Körper, er war derselbe menschliche Fetzen, derselbe zerbrochene Hampelmann und schwammige Lappen, den ein Stoß mit dem Messer aus dem Menschen macht. Ja, so war es. Er hatte getödtet und das da zu Boden gestreckt. Wie der andere war auch sie hingeschlagen, nur mit dem Unterschiede, daß sie auf dem Rücken lag mit gespreizten Beinen, den linken Arm unter der Hüfte, den rechten gekrümmt, fast losgelöst von der Schulter. Hatte nicht in jener Nacht sein Herz mächtig pulsirt und er sich unter dem Kitzel seiner Haut beim Anblick des ermordeten Mannes geschworen, es auch zu wagen? O nur nicht feige sein, sein Gelüst befriedigen und das Messer eintauchen! Dieser Trieb hatte sich in ihm entwickelt, nicht in einer Stunde, seit einem Jahre, ohne daß er es gewußt, daß er auf das Unvermeidliche losmarschirte. Aber am Halse dieser Frau, unter ihren Küssen war die schwere Arbeit vollbracht worden. Die beiden Mordthaten vereinigten sich, war die eine nicht die logische Folge der anderen?

Ein Poltern und Krachen der Dielen zog Jacques von den Betrachtungen ab, die ihm beim Anblick der Todten durch den Kopf flogen. Sprangen schon die Thüren auf? Kamen Leute, um ihn zu verhaften? Er sah umher, nichts störte das düstre Schweigen des Hauses. Da kam wieder ein Zug vorüber und jetzt fiel ihm auch der Mann ein, der bald unten klopfen mußte und den er tödten sollte! An ihn hatte er garnicht mehr gedacht. Er bedauerte nichts und doch schalt er sich einen Dummkopf. Was war geschehen? Die von ihm leidenschaftlich geliebte Frau lag mit offener Wunde auf dem Boden, während der Mann, das Hemmniß ihres Glückes, noch immer lebte und Schritt für Schritt durch die Finsterniß näherkam. Er hatte diesen Mann, der lediglich durch die Skrupeln der Erziehung, durch die langsam erworbenen und überlieferten Ideen der Humanität von ihm geschont worden war, nicht ermorden können. Unter Mißachtung seiner eigenen Interessen hatte ihn die Erbschaft der Grausamkeit, des Mordinstinctes, der in vorzeitigen Forsten ein Thier auf das andere jagte, blind gemacht. Tödtet man auch mit Ueberlegung? Man tödtet unter dem Stachel des Blutes und der Nerven, einem Reste der einstigen Kämpfe, der Lust am Leben und der Freude, der Stärkere zu sein. Er verspürte mehr als nur eine gesättigte Mattigkeit, er erschrak bereits, er suchte zu begreifen, ohne etwas anderes zu finden als inmitten seiner befriedigten Leidenschaft das bittere Erstaunen und die Trauer über das nicht gut zu machende. Der Anblick der Unglücklichen, die ihn noch immer mit ihren tragischen, erschrockenen Augen ansah, wurde ihm peinlich. Er wollte seine Augen abwenden und hatte plötzlich die unangenehme Empfindung, als ob am Fußende des Bettes sich noch eine andere weiße Gestalt drohend aufrichtete. Hatte sich die Todte verdoppelt? Nein, es war Flore. Sie war also schon wieder da, wie in seinen Fieberträumen nach jenem Unglück. Sie triumphirte, denn jetzt war sie gerächt. Der Schreck ließ sein Blut gefrieren, er fragte sich, warum er eigentlich noch immer hier sei. Er hatte gemordet, erwürgt und war trunken von dem fürchterlichen Weine des Verbrechens. Er zitterte vor dem auf der Erde liegenden Messer, er floh, stürzte fast die Treppe herunter, öffnete die große Thür der Veranda, als ob ihm die kleine Hinterthür nicht Raum geboten hätte, sprang über die Brüstung und stürmte wild in die Nacht hinaus. Er sah sich nicht um, das düstere Haus neben dem Eisenbahndamm blieb offen und trostlos in seiner todesähnlichen Verlassenheit weit hinter ihm zurück.

Cabuche streifte in dieser Nacht wie immer unter dem Fenster Séverine's umher. Er wußte, daß Roubaud erwartet wurde und wunderte sich daher nicht, daß ein schwacher Lichtstrahl durch die Fensterläden sich stahl. Aber dieser über die Brüstung springende und wie eine wüthende Bestie in das Land hinaus galoppirende Mensch überraschte ihn nicht wenig. Es war zu spät, um sich noch an die Verfolgung des Flüchtigen zu machen, der Kärrner blieb deshalb erschrocken und von Unruhe und Angst gefoltert vor der offenen Thür stehen, die das große schwarze Loch der Vorhalle sehen ließ. Was war geschehen? Sollte er eintreten? Das tiefe Schweigen, keine einzige Bewegung im Hause, während doch die Lampe oben hell brannte, schnürten ihm das ängstlich schlagende Herz ein.

Endlich entschloß sich Cabuche nach oben zu tappen. Vor der ebenfalls weit offen stehenden Thür des Zimmers stand er abermals still. In dem ruhigen Schimmer des Lichts schien es ihm, als läge vor dem Bett ein Häuflein Kleidungsstücke. Séverine war jedensfalls entkleidet. Er rief sie leise, während sein Herz zum Springen klopfte. Mit einem Male sah er das Blut, er begriff und stürzte mit einem fürchterlichen Aufschrei, wie er aus einem zerrissenen Herzen dringt, in das Zimmer. Da sah er sie nun in ihrer bedauernswerthen Nacktheit ermordet auf dem Fußboden liegen. Er glaubte, daß sie noch röchelte, er empfand eine so fürchterliche Verzweiflung und eine so schmerzliche Scham darüber, sie ganz nackt im Todeskampf auf der Erde liegen zu sehen, daß er sie in einer Anwandlung brüderlichen Gefühls in seine Arme nahm, sie aufhob, auf das Bett legte und mit dem zurückgeschlagenen Oberbett zudeckte. Bei dieser Umarmung aber, der einzigen Zärtlichkeit, die sie ausgetauscht, hatte er sich beide Hände und die Brust mit Blut besudelt. Er triefte von Blut.

In diesem Augenblick traten Roubaud und Misard in das Zimmer. Sie hatten sich ebenfalls entschlossen hinauf zu steigen, als sie alle Thüren offen sahen. Der Gatte hatte sich verspätet, er hatte sich mit Misard in ein längeres Gespräch eingelassen und dieser war beim Erzählen mitgegangen. Beide starrten schreckensbleich Cabuche an, dessen Hände voller Blut klebten wie die eines Schlächters.

»Derselbe Stich wie bei dem Präsidenten,« sagte Misard, nachdem er die Wunde geprüft.

Roubaud zuckte mit dem Kopf, ohne zu antworten. Er konnte seine Blicke nicht von Séverine wenden, dieser Schreckensmaske mit den schwarzen aus der Stirn gestrichenen Haaren und den weit aufgerissenen blauen Augen, die noch immer zu fragen schienen: warum?

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