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Die Bestie im Menschen

Emile Zola: Die Bestie im Menschen - Kapitel 10
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typefiction
authorEmil Zola
titleDie Bestie im Menschen
printrunVierte Auflage
publisherVerlag von G. Grimm
year1892
translatorAlfred Ruhemann
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Zehntes Kapitel

Tante Phasie war am Donnerstag Abend um neun Uhr einem letzten Krampfanfalle erlegen. Vergebens hatte der an ihrem Bette wachende Misard versucht, ihr die Augen zu schließen: sie blieben hartnäckig offen, der starre Kopf hatte sich ein wenig auf die Schulter geneigt, als beobachtete er die Vorgänge im Zimmer, während die etwas verzerrten Lippen ein schalkhaftes Lächeln heuchelten. Neben ihr brannte auf einer Tischecke ein einziges Licht. Und die seit neun Uhr mit voller Schnelligkeit vorüberfahrenden Züge ahnten nichts von dieser noch warmen Todten; während das Licht aufflackerte, machten sie sie eine Stunde hindurch erzittern.

Misard wollte Flore los sein und hatte sie deshalb sofort nach Doinville geschickt, um Anzeige von dem Ableben zu machen. Vor elf Uhr konnte sie nicht zurück sein, er hatte also zwei Stunden für sich. Er schnitt sich zunächst in aller Gemüthsruhe eine Scheibe Brod ab, er hatte in Folge des lange währenden Todeskampfes nichts essen können und fühlte jetzt in seinem Magen eine große Leere. Er aß, während er auf und ab ging und hier und dort die Sachen rückte. Plötzliche Hustenanfälle hemmten seinen Schritt, so daß er sich krümmte; er sah selbst aus wie ein halber Todter, so mager, so erbärmlich mit seinen farblosen unterlaufenen Augen, man sah, er würde sich nicht mehr lange seines Sieges freuen. Und doch er hatte richtig dieses große, schöne Weib aufgegessen, wie ein eine Eiche auffressendes Insect, sie lag jetzt auf dem Rücken, ein Nichts und er dauerte noch. Er erinnerte sich plötzlich an etwas, er bückte sich und zog eine Schüssel unter dem Bett hervor, in welcher sich noch ein Rest von Kleiewasser befand, das man der Todten für eine Waschung zurecht gemacht hatte. Seit sie seinen Plan gemerkt, mischte er das Gift nicht mehr unter das Salz, sondern in das Waschwasser. Sie war zu dumm, um nach dieser Seite Mißtrauen zu hegen, und diesmal hatte das Gift sie richtig weggerafft. Er leerte draußen die Schüssel und als er zurückgekehrt war, wusch er mit einem Schwamm die umhergespritzten Tropfen von der Diele. Warum hatte sie auch ihm nicht gewillfahrt? Sie wollte die Boshafte sein, um so schlimmer für sie. Wenn man innerhalb einer Ehe, ohne die übrige Welt in den Streit zu ziehen, darum spielt, wer den Andern einsargen wird, muß man die Augen offen halten. Er war stolz auf sein Werk und grinste wie über eine amüsante Geschichte, daß er ihr das Gift von unten eingegeben hatte, während sie so ängstlich alles prüfte, was sie oben zu sich nahm. In diesem Augenblick jagte ein Eilzug vorüber und wickelte das Häuschen in einen solchen Sturmwind ein, daß er, trotzdem er so etwas gewöhnt war, erschrocken nach dem Fenster blickte. Ach, da war ja diese beständige Fluth wieder, diese Allerweltsmenschheit, die nicht wußte, was sie auf ihrer Fahrt zermalmte und sich auch blutwenig darum kümmerte, so eilig hatte sie es, selbst zum Teufel zu gehen! Und als der Zug vorüber und wieder tiefe Stille eingetreten war, begegnete sein Blick den großen, weit geöffneten Augen der Todten, deren unbewegliche Augäpfel jeder Bewegung von ihm beim höhnischen Lachen der verzerrten Lippen zu folgen schienen.

Der sonst so phlegmatische Misard konnte eine gelinde Bewegung des Zornes nicht unterdrücken. Er verstand wohl, was sie sagte: Such! Such! Nun, die tausend Franken nahm sie gewiß nicht mit in die Ewigkeit, und nun sie todt war, würde er sie schon finden. Warum hatte sie sie ihm nicht freiwillig gegeben, dann wäre jeder Verdruß vermieden worden. Ueberallhin verfolgten ihn ihre Augen. Such! Such! Sein Blick umfaßte den ganzen Raum, in welchem er nie gesucht hatte, weil sie bei Lebzeiten fast stets dort sich aufhielt. Zuerst machte er sich an den Wäscheschrank: er nahm die Schlüssel unter dem Kopfkissen vor, durchwühlte die mit Leinen bedeckten Bretter, leerte die zwei Schiebladen und stülpte sie sogar um, um zu sehen, ob kein geheimes Versteck darin wäre. Nein, nichts! Dann dachte er an den Nachttisch. Er hob die Marmorplatte ab und stellte den ganzen Tisch auf den Kopf, aber vergebens. Auch hinter dem Kaminspiegel, einem winzigen, von zwei Klammern gehaltenen Jahrmarktsspiegel, nahm er eine Musterung vor, er schob ein flaches Lineal zwischen Wand und Spiegel hindurch, holte aber nur ein schwärzliches Häuflein Staub hervor. Such! Such! Um den offenen Augen der Todten zu entgehen, legte er sich auf den Bauch und klopfte leise an verschiedene Stellen der Diele, um zu hören, ob ein hohler Ton ihm irgend ein Versteck verrathen würde. Mehrere Bretter waren lose, er riß sie ganz auf. Nichts, noch immer nichts! Als er sich wieder aufgerichtet hatte, nahmen ihn die Augen gleich wieder auf's Korn, er wendete sich der Todten zu und versuchte ihr in die starren Augen zu blicken, deren verzerrte Lippen das fürchterliche Lächeln sehen ließen. Kein Zweifel, daß sie sich über ihn lustig machte. Such! Such! Er fieberte bereits, er trat noch näher an das Bett, denn ein Verdacht, ein gotteslästerlicher Gedanke keimte in ihm auf, der zunächst die schon bleiche Farbe seines Gesichts in ein noch fahleres Grau verwandelte. Warum hatte er es so sicher angenommen, daß sie die tausend Franken nicht mit nahm in die Ewigkeit? Vielleicht that sie es doch? Er wagte es, die Decke von ihr zu ziehen und sie zu entkleiden; er durchsuchte alles, selbst die geringste Falte an ihren Gliedern, hatte ihm doch die Todte geheißen zu suchen. Unter ihr, hinter ihrem Nacken, hinter ihrem Rücken suchte er. Er warf die Betten durcheinander und fuhr mit dem Arm bis zur Schulter in das Stroh hinein. Er fand nichts. Such! Such! Und ihr Kopf, der auf das unordentliche Kopfkissen zurückgesunken war, verfolgte ihn noch immer mit diesen spitzbübischen Blicken.

Als Misard, zitternd vor Wuth, dabei war, das Bett wieder in Ordnung zu bringen, kam Flore von Doinville zurück.

»Sonnabend um elf Uhr,« sagte sie.

Sie meinte die Beerdigung. Ein einziger Blick belehrte sie, womit sich Misard während ihrer Abwesenheit beschäftigt hatte. Sie konnte eine verächtliche Bewegung nicht unterdrücken.

»Laßt doch das, Ihr werdet doch nichts finden.«

Er bildete sich ein, daß auch sie ihn verspotte. Er schritt mit aufeinandergepreßten Zähnen auf sie zu und zischte:

»Sie hat sie Dir gegeben, Du weißt, wo sie sind.«

Der Gedanke, daß ihre Mutter überhaupt Jemandem, selbst ihr, der Tochter, die tausend Franken gegeben haben sollte, ließ sie mit den Schultern zucken.

»Jawohl, mir gegeben! ... Der Erde hat sie sie gegeben! ... Dort irgendwo sind sie vergraben, Ihr könnt suchen.«

Mit einer weit ausholenden Handbewegung bezeichnete sie das ganze Haus, den Garten mit seinem Brunnen, die Geleise, das weite, weite Land. Ja, dort in irgend einem Loche, das kein Mensch je entdecken konnte, ruhte das Geld. Während er außer sich, geängstigt, ohne Scheu vor der Gegenwart der Tochter fortfuhr, die Möbel fortzurücken und die Mauern zu beklopfen, trat das junge Mädchen an das Fenster und fuhr halblaut fort:

»Eine milde, schöne Nacht ... Ich bin schnell gegangen. Die Sterne strahlten, daß es hell war wie am Tage ... Morgen giebt es einen prächtigen Sonnenaufgang!«

Einen Augenblick noch blieb Flore am Fenster stehen; ihre Augen tauchten in die heitere, von der ersten Aprilwärme durchlaute Landschaft, die in ihr allerlei Träume hervorgezaubert und ihre Herzenswunde wieder aufgerissen hatte. Doch als Misard das Zimmer verlassen und sie ihn in den andern Räumen umherhantiren hörte, setzte sie sich an das Bett und richtete ihre Augen auf die todte Mutter. Das Licht auf der Tischkante zeigte noch immer eine hohe, unbewegliche Flamme. Ein Zug passirte und sein Dröhnen erschütterte das ganze Haus.

Flore's Absicht war es, die ganze Nacht bei der Todten zu wachen. Sie dachte nach. Zunächst lenkte der Anblick der Todten sie von ihrer fixen Idee ab, die sie unter den Sternen, in dem Frieden der Nacht auf dem ganzen Wege nach Doinville gequält hatte. Jetzt schläferte eine Ueberraschung ihr Leiden ein: warum war ihr Kummer durch den Tod ihrer Mutter nicht gewachsen, warum weinte sie auch jetzt nicht einmal? Trotzdem sie wie eine Wilde wortlos unentwegt auskniff und über die Felder streifte, sobald sie dienstfrei war, liebte sie doch ihre Mutter. Während der letzten Krisis, der Phasie erliegen sollte, war sie gewiß an zwanzig Mal an das Bett gekommen und hatte Jene gebeten, einen Arzt holen zu dürfen; denn sie zweifelte nicht an Misard's Täterschaft und hoffte, daß die Furcht ihm dann Einhalt thun würde. Aber sie hatte von der Kranken immer nur ein wüthendes Nein als Antwort erhalten, als ob diese ihren Ehrgeiz darin setzte, den Kampf ohne Jemandes Hilfe durchzufechten und ihres Sieges insofern sicher war, als sie am Ende doch das Geld behielt; deshalb mischte sich Flore schließlich nicht mehr hinein, sondern galoppirte wieder davon, von ihrer eigenen Krankheit gejagt. Das war, was ihr Herz gefühllos machte: wenn man selbst einen zu schweren Kummer zu tragen hat, so ist für einen zweiten kein Platz mehr vorhanden. Ihre Mutter war von ihr gegangen, sie sah sie dort so bleich und zerstört liegen und doch litt sie selbst nicht mehr als vorher. Was hätte es genutzt, die Gensdarmen herbeizuholen und Misard zu denunziren, ging doch auch ohnehin schon alles in Trümmer. Und trotzdem ihr Blick noch immer auf der Todten ruhte, verlor sie diese nach und nach aus den Augen, sie fiel wieder ihrem eigenen inneren Kummer anheim, der Gedanke, der seinen Nagel in ihr Gehirn geschlagen hatte, nahm sie wieder völlig gefangen, sie hatte selbst kein Gefühl mehr für die nachzitternde Erschütterung der vorüberjagenden Züge, deren Vorbeikommen für sie die Uhr bedeutete.

Man hörte jetzt in der Ferne das näher kommende Dröhnen des Pariser Bummelzuges. Als die Lokomotive endlich mit ihrem Signallichte am Fenster vorüberfuhr, wurde das Zimmer wie von einem feurigen Blitze erhellt.

»Ein Uhr achtzehn Minuten,« dachte Flore. »Noch sieben Stunden. Um acht Uhr sechzehn Minuten werden sie hier vorüberkommen,«

Schon seit Monaten wartete sie Woche für Woche auf diesen Augenblick. Sie wußte, daß der von Jacques am Freitag Morgen geführte Eilzug auch Séverine nach Paris brachte. Sie lebte nur noch dieser Qual der Eifersucht, diesem Aufpassen, diesem Anblick, dieser Gewißheit, daß Jene sich dort unten ungehindert einander hingeben durften. Der Zug entfloh und hinterließ in ihr das abscheuliche Gefühl, sich nicht an den letzten Waggon klammern und mit fortgeschleppt werden zu können! Alle diese Räder schienen den Weg über ihr Herz zu nehmen. Sie hatte schon soviel gelitten, daß sie sich eines Abends heimlich hinsetzen wollte, um dem Gericht zu schreiben; dann war alles zu Ende, denn in ihrer Hand lag es, jene Frau verhaften zu lassen. Sie hatte ehemals das unzüchtige Treiben Jener mit dem Präsidenten Grandmorin wohl gesehen und zweifelte nicht daran, daß sie durch Mittheilung dieses Umstandes an das Gericht Séverine auslieferte. Doch als sie die Feder in der Hand hatte, wußte sie die Sache nicht zu drehen. Würde das Gericht ihr überhaupt Glauben schenken? Diese ganze saubre Gesellschaft verstand sich ja so gut untereinander. Vielleicht gar steckte man auch sie in das Gefängniß wie Cabuche. Nein, sie wollte sich rächen, aber ganz allein, ohne jede fremde Hilfe. Sie beherrschte nicht einmal, genau genommen, ein directer Rachegedanken, sie wollte nicht Böses thun, um von ihrem Leiden geheilt zu werden, sondern empfand nur das Bedürfniß, mit allem zu Ende zu kommen, alles auf den Kopf zu stellen, als hätte der Donner dreingeschlagen. Sie war sehr stolz, viel schöner und kräftiger als die Andere, und glaubte, es sei ihr gutes Recht, ebenso geliebt zu werden. Wenn sie auf den Fußsteigen jener Wolfsgegend mit ihren unbedeckten, blonden schweren Haarflechten einsam dahinwandelte, wünschte sie Jene vor sich zu haben, um in einem Winkel wie zwei feindliche Amazonen ihren Streit mit der Faust austragen zu können. Noch nie hatte ein Mann sie berührt, denn sie schlug jeden Versucher in die Flucht; und darin lag ihre unbezwingliche Stärke, die Gewißheit ihres Sieges.

Seit einer Woche hatte sich der Gedanke in ihr festgesetzt, als hätte ein, Gott weiß woher gekommener Hammerschlag einen Keil in ihr Gehirn getrieben. Jene zu tödten, damit sie nicht mehr vorüberkommen und nicht gemeinsam nach Paris reisen könnten. Sie überlegte nicht weiter und handelte ganz nach dem Zerstörungsinstinct einer Wilden. Wenn ein Dorn in ihrer Haut stak, riß sie ihn heraus und hätte es einen Finger gekostet. Tödten wollte sie sie, tödten, sobald sie wieder einmal vorüberkämen; sie wollte einen Balken über das Geleise legen oder eine Schiene ausreißen, damit der Zug entgleiste und alles zerbrach und erstickte. Ihm, der seine Locomotive sicher nicht verließ, würden die Glieder zerquetscht werden und sie, die immer in dem ersten Waggon saß, um ihm so nahe als möglich zu sein, würde gewiß nicht davon kommen; an die Andren, diese stete Fluth der Menschheit, dachte sie gar nicht. Das war für sie Niemand, denn sie kannte ja Keinen. An diese Entgleisung des Zuges, an diese Opferung so vieler Menschenleben dachte sie Stunde für Stunde, diese eine Katastrophe voller Blut und menschlicher Schmerzensschreie war gerade groß genug, um ihr von Thränen geschwollenes, überlastetes Herz darin baden zu können.

Aber am vergangenen Freitag Morgen hatte sie sich zu schwach gefühlt, sie war auch noch nicht entschlossen, wo oder wie sie eine Schiene ausheben sollte. Aber am selben Abend noch, als ihr Dienst vorüber war, fiel es ihr ein, durch den Tunnel bis zur Abzweigung nach Dieppe zu streifen. Dieser unterirdische, über eine halbe Meile lange Weg durch diese gewölbte, gradlinige Allee, wo sie das Gefühl hatte, als rollten die Züge mit ihrem blendenden Signallicht über ihren Körper fort, bildete einen ihrer Lieblingsspaziergänge: oft genug war sie nahe daran, von einer Maschine erfaßt zu werden, und gerade diese Gefahr lockte sie, die gern die Heldenmüthige spielte, immer von neuem an. Als sie aber an diesem Abend der Aufmerksamkeit des Bahnwärters entgangen war und sich auf der linken Seite bis zur Mitte des Tunnels vorgewagt hatte, so daß jeder ihr entgegenkommende Zug rechts an ihr vorüberfahren mußte, beging sie die Unklugheit, sich umzusehen, um den Schlußlaternen eines nach Havre gehenden Zuges folgen zu können. Als sie weiter ging, that sie einen falschen Schritt, sie dreht sich dabei um sich selbst und wußte nun nicht mehr, in welcher Richtung die rothen Laternen verschwunden waren. Ihr von dem Donner der Räder ohnehin betäubter Muth schwand diesmal ganz, ihre Hände waren kalt wie Eis und ihre entblößten Haare sträubten sich vor Schreck. Wenn jetzt abermals ein Zug vorüberkam, wußte sie nicht mehr, ob er hinauf oder hinunter fuhr, ob sie sich rechts oder links halten sollte und sie konnte im Handumdrehen überfahren werden. Mit Gewalt zwang sie sich, ihre Sinne zu sammeln, sich zu erinnern, zu überlegen. Plötzlich aber jagte sie der Schreck auf und davon und wie toll galoppirte sie in der Richtung ihrer Augen. Nein, sie wollte sich nicht tödten lassen, wenigstens nicht eher, bis Jene getödtet waren! Ihre Füße verwickelten sich in die Schienen, sie glitt aus, fiel, sprang auf und rannte noch heftiger. Der Tunnelwahnsinn war über sie gekommen, die Mauern schienen auf sie einzudringen und sie zerquetschen zu wollen, die Wölbung hallte von einem unerklärlichen Getöse, Drohstimmen und fürchterlichem Brummen wieder. Alle Sekunden wandte sie den Kopf zurück, denn sie glaubte in ihrem Nacken den glühenden Athem einer Locomotive zu verspüren. Zweimal ließ eine plötzliche Gewißheit, daß sie sich täuschte und auf der Seite, wohin sie lief, getödtet werden würde, sie mit einem Sprunge die Richtung ändern. Und sie lief und lief, bis vor ihr in der Ferne wie ein Stern so winzig ein rundes, sich schnell vergrößerndes, flammendes Auge auftauchte. Sie mußte mit aller Mühe den Wunsch, abermals umzukehren und davonzulaufen, niederkämpfen. Das Auge wurde ein Gluthmeer, der Schlund eines gefräßigen Ofens. Unbewußt und halb geblendet war sie nach rechts gesprungen. Der Zug rollte wie ein Donner vorüber und wickelte sie in den mit ihm kommenden Sturmwind ein. Fünf Minuten später kam sie auf der Seite nach Malaunay gesund und unversehrt aus dem Tunnel heraus.

Es war neun Uhr, einige Minuten später mußte der Pariser Eilzug kommen. Sie war die zweihundert Meter bis zur Gabelung nach Dieppe in gewöhnlichem Schritt weitergegangen und prüfte die Geleise, ob ihr nicht irgend ein Umstand zu Hilfe kommen konnte. Auf dem Strang nach Dieppe, der ausgebessert wurde, stand ein Arbeitszug, den ihr Freund Ozil gerade dorthin gelenkt hatte. Wie eine plötzliche Erleuchtung kam ihr der Gedanke, den Weichensteller an der Umlegung der Weiche zu hindern, so daß der Eilzug nach Havre auf diesen Arbeitszug rennen mußte. Dieser Ozil war von dem Tage, an welchem er, blind vor Verlangen nach ihr, einen Hieb über den Schädel erhalten hatte, der diesen beinahe gespalten, ihr Freund geworden. Sie liebte es, ihm plötzliche Besuche zu machen, wie eine von ihrem Berge abgeirrte Ziege. Ozil war ein früherer Militär, ein magerer, enthaltsamer Mann, der Tag und Nacht mit offenem Auge auf seinen Dienst paßte und dem daher bisher noch kein Verschulden zur Last gelegt werden konnte. Nur dieses wie ein Mann so starke wilde Mädchen, das ihn zu Boden geschlagen hatte, entfachte sein Verlangen, sobald auch nur ihr kleiner Finger ihn berührte. Obwohl er gut vierzehn Jahre älter war als sie, wünschte er sie zu besitzen. Er hatte es sich geschworen und geduldete sich, indem er den Liebenswürdigen spielte, nachdem ihm sein rücksichtsloses Vorgehen nichts genützt hatte. Als sie an diesem Abend sich im Schatten seinem Häuschen genähert hatte und ihn beim Namen rief, dachte er an gar nichts weiter, als so schnell wie möglich zu ihr zu gelangen. Sie bethörte ihn richtig, ihr auf das Feld zu folgen, erzählte ihm endlose Geschichten, daß die Mutter krank wäre und sie nicht mehr in la Croix-de-Maufras bleiben würde, sollte diese sterben. Ihr Ohr vernahm aus der Ferne das Brausen des Eilzuges, der Malaunay soeben verlassen hatte und sich mit vollem Dampfe näherte. Und als sie ihn zur Stelle fühlte, sah sie sich um. Sie hatte aber die Rechnung ohne die neuen Bremsvorrichtungen gemacht. Als die Locomotive auf den Strang nach Dieppe fuhr, gab sie selbst das Haltesignal und der Locomotivführer hatte noch gerade Zeit, den Zug wenige Schritte vor dem Lastzug zum Halten zu bringen. Ozil rannte mit dem Aufschrei eines Mannes, der unter dem Zusammenbruche seines Hauses erwacht, zur Weiche zurück, während sie starr und unbeweglich, vom Dunkel geborgen, das zur Zurückführung auf das richtige Geleise nothwendige Manöver beobachtete. Zwei Tage später wurde der Weichensteller versetzt. Er kam ihr Lebewohl sagen; er ahnte nichts und bat sie, zu ihm zu kommen, sobald ihre Mutter gestorben sein würde. Ihr Plan war also fehlgeschlagen, sie mußte nach einer anderen Möglichkeit suchen.

Der Nebel des Traumes, der bis jetzt Flore's Blick getrübt hatte, verschwand in diesem Augenblick angesichts dieser Erinnerung. Von Neuem sah sie die von dem gelblichen Scheine der Kerze beleuchtete Todte. Ihre Mutter war nicht mehr, sollte sie jetzt wirklich Ozil heirathen, der sie haben wollte und den sie vielleicht glücklich machen würde? Ihr ganzes Wesen empörte sich. Nein, wenn sie wirklich so feige sein sollte, die Beiden am Leben zu lassen und selbst am Leben zu bleiben, dann wollte sie lieber über Land gehen und sich irgendwo als Dienstmädchen vermiethen, als einen Mann heirathen, den sie nicht liebte. Ein ungewohntes Geräusch ließ sie das Ohr spitzen: Misard riß mit einer Spitzhacke den festgestampften Fußboden der Küche auf. Er suchte immer eifriger nach dem verborgenen Schatz, es wäre ihm nicht darauf angekommen, das ganze Haus umzustülpen. Mit diesem Menschen noch länger zusammen zu leben, war ihr nicht gegeben. Was also sollte sie thun? ein Sturmwind erhob sich, die Mauern erzitterten und über das weiße Antlitz der Todten huschte ein Feuerstrahl, er tauchte die offenen Augen und den ironischen Zug um die Lippen in Blut. Es war der letzte Bummelzug aus Paris mit seiner schwerfälligen langsamen Locomotive.

Flore hatte den Kopf gewandt und betrachtete die durch die Heiterkeit der Frühlingsnacht funkelnden Sterne.

»Drei Uhr zehn Minuten. In fünf Stunden kommen sie.«

Sie hätte zuviel unter der Fortsetzung dieses Spieles gelitten! Sie allwöchentlich zu sehen, sie der Liebe in die Arme zu fahren zu wissen, das ging über ihre Kräfte. Jetzt, nun sie die Gewißheit hatte, daß Jacques nimmermehr ihr allein gehören würde, jetzt hätte sie es gewünscht, daß er nicht mehr am Leben wäre und Keiner angehörte. Dieses düstere Zimmer, in welchem sie wachte, hüllte auch sie in Trauer, ihr Wunsch, daß Alles vernichtet werden möge, wuchs. Da Keiner mehr da war, der sie liebte, so konnten auch alle Anderen der Mutter folgen. Es würde dann Todte in Masse geben und alle würde man auf einmal auf den Kirchhof bringen. Ihre Schwester war todt, ihre Mutter war todt, ihre Liebe war todt: was thun also? Allein sein, bleiben oder gehen, immer allein, während die Anderen zu Zweien sein würden? Nein, eher sollte Alles in Stücke gehen, der Tod, der augenblicklich in diesem dumpfen Zimmer hauste, sollte über die Geleise schweben und mit aller Welt Kehraus machen!

Nach langem inneren Kampf zur That entschlossen, überlegte sie, welches das beste Mittel zum Gelingen derselben sein würde. Sie blieb jetzt dabei, eine Schiene ausreißen zu wollen. Das war das sicherste und am leichtesten auszuführende Mittel: man brauchte nur mit einem Hammer die Bolzen loszuschlagen und die Schiene sprang aus der Unterlage. Werkzeug hatte sie und sehen konnte sie in dieser öden Gegend Niemand. Der geeignetste Ort war zweifellos die Kurve, die hier hinter dem Einschnitt nach Barentin zu über einen sieben oder acht Meter hohen Damm führt: dort mußte eine vollständige Zerschmetterung des Zuges, ein furchtbarer Sturz erfolgen. Doch die Berechnung der Zeit, mit der sie sich jetzt beschäftigte, machte sie ängstlich. In der Richtung nach Paris kam vor dem Eilzug, der um acht Uhr sechzehn Minuten passirte, nur ein Bummelzug um sieben Uhr fünfundfünfzig Minuten. Sie hatte also zur Ausführung der Arbeit nur zwanzig Minuten Zeit, doch das genügte. Allein zwischen die Personenzüge wurden häufig ohne vorherige Meldung Güterzüge eingeschoben, namentlich zur Zeit des starken Ankunftverkehrs. Wozu also unnütze Gefahr laufen? Wie konnte man im Voraus wissen, ob gerade der Eilzug dort zerschellen würde? Lange wälzte sie die Möglichkeiten hin und her im Kopfe. Noch war es Nacht, die Kerze verzehrte sich in einer Hochfluth von Talg, ihr langer Docht kohlte, doch Flore schnauzte ihn nicht mehr.

Es kam gerade ein Güterzug von Rouen. Misard trat gleichzeitig herein. Seine Hände klebten voller Erde, denn er hatte im Holzstall den Boden aufgewühlt. Er keuchte noch vor Anstrengung und war so fieberhaft aufgeregt über sein vergebliches Suchen, daß er in seiner ohnmächtigen Wuth sofort wieder unter den Möbeln, im Ofen, überall seine Nachforschungen begann. Der Zug nahm kein Ende, seine schweren Räder klapperten in regelmäßigen Pausen und jeder Stoß erschütterte die Todte in ihrem Bett. Als er den Arm erhob, um ein kleines Bild von der Wand zu nehmen, begegnete er wieder den ihm überallhin folgenden Äugen, während die Lippen das ewige Lächeln zu kräuseln schien.

Er wurde bleich, seine Zähne klapperten und bebend vor Zorn sagte er:

»Ja, ja, such, such! ... Und ich werde sie finden, sollte ich selbst jeden Stein im Hause und jeden Erdkloß draußen umkehren.«

Der schwarze Zug war mit einer zermalmenden Langsamkeit vorübergerasselt und die wieder erstarrte Todte blickte so spöttisch und siegesgewiß ihren Mann an, daß dieser es vorzog, zu verschwinden, wobei er die Thür offen ließ.

Flore, einen Augenblick von ihren Gedanken abgelenkt hatte sich erhoben. Sie verschloß die Thür, damit dieser Mensch die Mutter nicht noch einmal störte. Sie hörte sich erstaunt ganz laut sagen:

»Zehn Minuten genügen auch.«

Zehn Minuten genügten in der That. Wenn zehn Minuten vor Ankunft des Eilzuges kein Zug signalisirt war, konnte sie an das Geschäft gehen. Von nun an war die Angelegenheit für sie eine beschlossene Sache, ihre Angst verschwand und sie wurde ruhig.

Gegen fünf Uhr brach frisch und durchsichtig klar der junge Tag an. Trotz der fühlbaren Kälte öffnete Flore weit das Fenster und der entzückende Morgen drang in das qualmige, nach Tod riechende Gemach. Die Sonne stand noch hinter von Bäumen gekrönten Hügeln am Horizont; aber jetzt erschien sie und ihre warmen Strahlen rieselten über die Abhänge, überschwemmten die Kreuzwege und erweckten die Frühlingsfröhlichkeit der Erde zu neuem Leben. Sie hatte sich am Abend vorher nicht getäuscht, es wurde ein schöner Tag, einer jener Tage voll Jugend und strotzender Gesundheit, an denen man sich des Lebens freut. Wie schön wäre es jetzt gewesen, nach Gutdünken kreuz und quer über die von tiefen Schluchten unterbrochenen Höhen streifen zu können! Und als sie sich in das Zimmer zurückwandte, war sie überrascht, daß die Kerze wie erloschen aussah und in den hellen Tag nur wie eine bleiche Thräne hineinschimmerte. Die Todte schien jetzt auf den Bahndamm zu blicken, auf welchem die Züge sich unaufhörlich begegneten, ohne selbst den bleichen Kerzenschimmer neben diesem Körper zu bemerken.

Mit dem anbrechenden Tage trat Flore auch ihren Dienst wieder an. Sie verließ das Zimmer erst zum Pariser Bummelzug um sechs Uhr zwölf Minuten. Auch Misard löste um sechs Uhr seinen Kollegen vom Nachtdienst ab. Auf sein Alarmtuten hin pflanzte sie sich mit der Fahne in der Hand vor der Barriere auf. Eine Sekunde blickte sie dem Zuge nach.

»Noch zwei Stunden,« dachte sie ganz laut.

Ihre Mutter hatte keine Bedienung mehr nöthig. Sie fühlte jetzt eine förmliche Abneigung, das Zimmer wieder zu betreten. Das war vorüber, sie hatte sie noch einmal umarmt und konnte nun frei über ihr Leben und das der Anderen verfügen. Gewöhnlich verschwand sie in den Pausen während des Passirens der Züge, aber an diesem Morgen fesselte sie ein eigenes Interesse an die Bank neben der Barriere, eine einfache Holzplanke. Die Sonne stieg am Horizont herauf, ein warmer Strom Goldes durchfluthete die klare Luft. Sie rührte sich nicht, sie badete sich in dieser Milde inmitten der wüsten, von den Aprilsäften durchschauerten Landschaft. Einen Augenblick interessirte sie Misard, den man in seiner Holzbude jenseits der Geleise sichtlich aufgeregt, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit umherlaufen sah: er trat in's Freie, er zog sich wieder zurück und hantirte nervös an seinen Apparaten herum; seine Blicke streiften beständig zu dem Wohnhause hinüber, als wäre sein Geist dort noch immer auf der Suche. Dann vergaß sie ganz, daß er dort war. Die Erwartung nahm sie völlig gefangen, stumm und starr heftete sie ihre Blicke auf das Ende der Geleise nach Barentin hin. Dort unten im fröhlichen Glanze der Sonne mußte sich eine Vision erhoben haben, von der ihr wilder Blick nicht zu weichen vermochte.

Minuten verflossen. Flore rührte sich nicht. Als endlich um sieben Uhr fünfundfünfzig Minuten Misard durch zwei Hornsignale den Bummelzug von Havre meldete, erhob sich Flore, sie schloß die Barriere und pflanzte sich mit der Fahne im Arm vor ihr auf. Schon war der Zug vorüber und verlor sich in der Ferne, nachdem er den Erdboden erschüttert hatte; man hörte ihn sich in den Tunnel bohren und der Lärm verstummte. Sie war nicht zur Bank zurückgekehrt, sondern stehen geblieben und zählte die Minuten. Wenn innerhalb zehn Minuten kein Güterzug gemeldet war, lief sie zur Kurve hinter dem Einschnitt, um eine Schiene auszuheben. Sie war sehr ruhig, nur auf ihrer Brust schien das enorme Gewicht ihres Unternehmens zu lasten. Der Gedanke, daß Jacques und Séverine sich näherten, daß sie hier vorüberkommen würden, um ihrer Liebe zu leben, falls sie nicht sie aufhielte, genügte, um sie in diesem letzten Augenblicke taub und blind zu machen und fest in ihrem Entschlusse, ohne daß der Zwiespalt in ihrem Innern noch einmal ausbrach: der Tatzenschlag der Wölfin, die den arglos Vorübergehenden niederstreckt, mußte geführt werden. In der Selbstsucht ihrer Rache sah sie immer wieder nur die beiden verstümmelten Körper, die andere unbekannte Menge, der Strom der Menschheit, der seit Jahren an ihr vorüberfluthete, beschäftigte ihre Gedanken garnicht. Die Sonne, diese Sonne, deren heiterer Schein sie irreleiten wollte, sollte sich hinter Blut und Leichen verstecken.

»Noch zwei, noch eine Minute, sie wollte gerade gehen, als ein Aechzen und Knarren auf der Landstraße von Becourt ihren Schritt hemmte. Wahrscheinlich ein Kärrner, dem man die Barriere öffnen, mit dem man sprechen, kurz dessenwegen man dableiben mußte: sie konnte dann nichts mehr unternehmen, der Anschlag war wieder einmal fehlgegangen. Mit einer wüthenden Geberde wollte sie davonlaufen und Wagen und Kutscher ihrem eigenen Schicksale überlassen. Doch eine Peitsche knallte durch die frische Morgenluft und eine fröhliche Stimme rief:

»Heda! Flore!«

Es war Cabuche. Wie am Boden gebannt blieb sie vor der Barriere stehen.

»Nun?« fragte er, »Du schläfst noch bei diesem schönen Wetter? Oeffne schnell, damit ich noch vor dem Eilzug hinüberkomme.«

In ihr fluthete Alles mild durcheinander. Der Schlag fiel nicht, die beiden Anderen konnten ruhig ihrem Glücke entgegenfahren, denn sie hatte keine Gelegenheit mehr. Jene zu zermalmen. Während sie langsam die alte, halb verfaulte Barriere öffnete, deren eingerostete Riegel kreischten, suchte sie wüthend nach irgend etwas, das sie auf die Schienen werfen konnte; sie war so verzweifelt, daß sie sich sicher selbst auf die Geleise gelegt hätte, wenn ihre Knochen hart genug gewesen wären, um die Locomotive aus den Schienen zu heben. Ihre Blicke fielen auf den Karren, ein schweres, niedriges, mit zwei Steinblöcken beladenes Gefährt, das fünf kräftige Pferde kaum zu ziehen vermochten. Diese riesigen, hohen und breiten Blöcke boten sich ihr als mächtiges Hemmniß geradezu an. Sie fühlte plötzlich eine Lüsternheit, ein wildes Verlangen, sie zu nehmen und auf die Schienen zu legen. Die Barriere stand weit offen; heftig schnaubend warteten die schwitzenden Pferde.

»Was hast Du heute?« fragte Cabuche. »Du siehst so merkwürdig aus.«

»Meine Mutter ist gestern Abend gestorben.«

Er stieß einen leisen Schrei freundschaftlichen Mitgefühles aus. Er legte seine Peitsche fort und drückte ihr beide Hände.

»O arme Flore! Man mußte ja längst darauf gefaßt sein, aber doch thut es weh ... Sie liegt ja wohl noch da, ich will sie sehen, wir hätten uns am Ende doch wieder ausgesöhnt, wenn dieses Unglück nicht gekommen wäre.«

Er schritt langsam mit ihr dem Hause zu. Auf der Schwelle drehte er sich nach seinen Pferden um. Sie beruhigte ihn schnell:

»Sie werden sich nicht rühren! Der Eilzug ist auch noch lange nicht da.«

Sie log. Ihr geübtes Ohr hatte durch den warmen Schauer der Landschaft bereits vernommen, daß der Zug Barentin verließ. Nach fünf Minuten mußte er in einer Entfernung von hundert Metern aus der Schlucht herauskommen. Während der Kärrner in dem Zimmer der Todten sich vergaß und gerührt an Louisette dachte, blieb sie draußen vor dem Fenster und lauschte auf den regelmäßigen, von Sekunde zu Sekunde lauter werdenden Athem der Locomotive. Plötzlich fiel ihr Misard ein: er mußte ja sehen, was vorging und sie hindern; es war ihr, als bekäme sie einen Schlag vor die Brust, als sie ihn nicht auf seinem Posten bemerkte. Dagegen sah sie ihn auf der andern Seite des Hauses unterhalb des Brunnenrandes die Erde aufwühlen; sein Wahnsinn hatte ihn also wieder gepackt und er plötzlich geglaubt, daß dort der Schatz ruhen müßte: ganz seiner Leidenschaft hingegeben, grub er blind und taub darauf los. Jetzt schwand auch der letzte Rest einer Aufregung von ihr. Die Umstände selbst wollten es so. Eins der Pferde wieherte, während die Locomotive jenseits der Schlucht laut pustete, wie Jemand, der es ganz besonders eilig hat.

»Ich werde die Pferde halten,« sagte Flore zu Cabuche, »sei unbesorgt.«

Sie lief davon, faßte das vorderste Pferd am Gebiß und zog mit aller Kraft an. Die Pferde drängten zurück und einen Augenblick knirschte der Karren unter seiner schweren Last, ohne sich von der Stelle zu bewegen. Aber sie zog, als wäre sie selbst als Reservepferd vorgespannt worden, der Karren schwankte und rollte auf die Schienen. Mitten auf den Geleisen war er gerade, als hundert Meter vor ihm der Eilzug aus der Schlucht kam. Um den Karren zum Stehen zu bringen, aus Furcht, daß er doch noch hinüber gelangte, hielt sie das Gespann mit einem so übermenschlichen Ruck an, daß ihre Glieder krachten. Sie hatte ihre Legende, man erzählte von ihr die außerordentlichsten Kraftstücke, sie hatte einen den Abhang herunterrollenden Wagen aufgehalten, einen Karren vor einem Zuge gerettet, jetzt brachte sie mit eiserner Faust die fünf bäumenden und wiehernden, die Gefahr ahnenden Pferde zum Stehen.

Das waren zehn Sekunden endlosen Schreckens. Die beiden riesigen Blöcke schienen den Horizont zu versperren. Mit ihren blitzenden Kupfertheilen und leuchtenden Achsen glitt die Locomotive sanft und doch gewaltig in dem goldenen Strom des schönen Morgens dahin. Das unvermeidliche war da, keine Macht der Welt konnte die Zerschmetterung abwenden. Aber dieses Warten war so unerträglich.

Misard war mit einem Sprunge wieder auf seinem Posten, mit den Händen und Fäusten fuchtelte er wild in der Luft herum, als hätte er den tollen Wunsch, der Maschine entgegenzulaufen und den Zug aufzuhalten. Auch Cabuche war beim Knarren der Räder und Wiehern der Pferde aus dem Hause getreten, er rannte davon und heulte ebenfalls, um die Pferde anzutreiben. Aber Flore war bereits zur Seite gesprungen und hatte ihn mit sich gezogen, wodurch er gerettet wurde. Er glaubte ja, sie hätte nicht die Kraft gehabt, die Pferde zu zügeln und sie hätten sie mit fortgerissen. Er klagte sich an und schluchzte verzweifelt, während sie hoch aufgerichtet, mit brennenden, weit geöffneten Lidern dem Kommenden entgegensah. Während der kaum auszudenkenden Zeit, in der die Maschine noch einen Meter von den Blöcken entfernt war, sah sie ganz deutlich Jacques, der die Kurbel des Fahrtregulators gepackt hielt. Er sah hinüber, ihre Augen tauschten einen einzigen Blick aus. Er däuchte Flore maßlos lang.

Jacques hatte Séverine an diesem Morgen freundlich zugelächelt, als sie wie jeden Freitag früh zum Eilzuge auf dem Perron erschienen war. Warum sich auch das Leben durch Sorgen noch mehr verbittern? Warum nicht die Stunden des Glücks genießen, so oft sich eine darbot. Vielleicht machte sich schließlich noch Alles. Er wenigstens war entschlossen, die Freude dieses Tages ganz auszukosten, er schmiedete allerlei Pläne und träumte bereits von einem gemeinsamen Frühstück in einem Restaurant. Als sie ihm einen trostlosen Blick zuwarf, weil an der Spitze des Zuges sich kein Waggon erster Klasse befand und sie gezwungen war, weit von ihm im Hinteren Ende des Zuges Platz zu nehmen, hatte er sie durch einen fröhlichen Blick trösten wollen. Man kam ja doch zugleich an und die Wiedervereinigung war dann um so schöner. Als er sich vornüberbeugte, um sie in das Koupee steigen zu sehen, hatte ihn sogar seine gute Laune veranlaßt, Henri Dauvergne, den Zugführer, der, wie er wußte, in sie verschossen war, mit ihr zu necken. In der vorigen Woche hatte er sich eingebildet, daß dieser kühner wurde und daß sie ihn, um sich zu zerstreuen und das elende Leben, das sie sich selbst bereitet, zu vergessen, ermuthigte. Roubaud behauptete es als selbstverständlich, daß sie sich schließlich auch diesem jungen Menschen hingeben würde und zwar ohne jede Gefühle, lediglich, um etwas Neues kennen zu lernen. Und Jacques fragte Henri nun, wem er denn eigentlich am verflossenen Abend, hinter einer der Ulmen des Bahnhofsplatzes verborgen, Kußfinger durch die Luft zugeworfen hätte. Pecqueux, der gerade Kohlen auflegte, platzte mit lautem Lachen heraus. Und dampfend stand die Lison fahrtbereit da.

Die Strecke von Havre nach Barentin hatte der Eilzug mit seiner gewöhnlichen Schnelligkeit ohne bemerkenswerthen Zwischenfall zurückgelegt. Henri war der erste, der von seiner hohen Wachtcabine aus beim Verlassen der Schlucht den die Geleise versperrenden Karren signalisirte. Der Gepäckwagen an der Spitze des Zuges war mit Gepäckstücken vollständig angefüllt, denn der sehr belastete Zug barg eine große Menge Reisender, die am Abend vorher mit einem Dampfer gelandet waren. Eingeklemmt von diesem Berg bei jedem Stoß tanzender und schwankender Koffer und Körbe stand der Zugführer in seiner Koje und schrieb; ein kleines Fläschchen Dinte hing an einem Nagel und pendelte ununterbrochen hin und her. Wenn in einer Station Gepäckstücke abgeladen worden waren, hatte er vier bis fünf Minuten zu schreiben. In Barentin waren zwei Reisende ausgestiegen, er war also noch dabei, seine Papiere in Ordnung zu bringen und wollte sich gerade in seine Koje begeben, wobei er, wie er es gewöhnlich that, seinen Blick rückwärts und vorwärts über die Geleise streifen ließ. In diesem mit Fensterscheiben versehenen Käfig hielt er sich in allen freien Minuten auf und lugte umher. Der Tender verbarg ihm den Locomotivführer, aber in Folge seines höheren Standpunktes sah er oft weiter und schneller wie dieser. Der Zug war noch in der Schlucht, als er bereits das Hinderniß vor ihm bemerkte. Seine Ueberraschung war eine so große, daß er einen Augenblick vor Schrecken starr war. Dadurch gingen einige Sekunden verloren, der Zug rollte schon aus dem Hohlweg heraus und ein lauter Aufschrei tönte von der Locomotive herüber, als er sich erst entschloß, das Lärmsignal in Bewegung zu setzen, dessen Melder vor ihm hing.

Jacques hatte in diesem kritischen Augenblick die Kurbel des Fahrtregulators in der Hand und sah, ohne etwas zu sehen, denn seine Gedanken irrten anderswo. Er dachte an unklare und fernliegende Dinge, die selbst Séverine's Bild verdrängt hatten. Das tolle Läuten der Glocke, das Aufkreischen Pecqueux' hinter ihm weckten ihn erst. Pecqueux war unzufrieden mit der Zugluft des Feuerkessels gewesen und hatte den Schaft des Aschkastens herausgezogen. In diesem Augenblick hatte er sich gerade hinausgebeugt, um sich von der Schnelligkeit der Locomotive Rechenschaft zu geben. Jacques, todtenbleich geworden, sah und begriff Alles, vor ihm der Karren, die dahinrasende Locomotive, der unvermeidliche Zusammenstoß, alles das, so klar und deutlich, daß er jedes Körnchen an den beiden Steinblöcken zu unterscheiden und schon die Erschütterung in seinen Knochen zu fühlen meinte. Da war nichts mehr zu machen. Er drehte heftig die Kurbel und schloß den Regulator. Er gab Contredampf, unbewußt zog er am Ventil der Dampfpfeife, als wolle er in ohnmächtiger Wuth die Riesenbarrikade vor sich benachrichtigen und noch schnell bei Seite schieben. Ein Geheul der Klage durchschnitt die Luft, die Lison gehorchte nicht, ihre Geschwindigkeit verminderte sich kaum merklich. Sie war nicht mehr so folgsam wie einst, seit sie im Schnee etwas von ihrer guten Dampfvertheilung, ihrer gefügigen Lauffähigkeit eingebüßt hatte, sie war jetzt wunderlich und launisch wie eine alternde Frau, deren Brust etwas von der Kälte abbekommen hat. Sie schnaufte und pustete unter der sie zügelnden Hand, lief aber doch weiter und weiter mit dem ihr theils nachschleppenden, anhängenden, theils sie schiebenden enormen Gewichte des Zuges. Pecqueux, fast toll vor Furcht, rettete sich durch einen Sprung. Jacques rührte sich auf seinem Posten nicht, seine rechte Hand klammerte sich an den Hebel, die andere hielt den Zug der Dampfpfeife, er wartete ohne zu wissen, worauf. Und rauchend und fauchend stieß inmitten des sich immer mehr zuspitzenden Gebrülls die Lison mit dem Riesengewichte ihrer dreizehn Waggons auf den Karren.

Zwanzig Meter ab standen dicht am Damme Misard und Cabuche vom Schreck an die Stelle gebannt und streckten die Arme in die Luft, Flore's weit aufgerissene Augen beobachteten das fürchterliche Schauspiel. Der Zug richtete sich auf, sieben Waggons kletterten übereinander und brachen mit donnerartigem Krachen zu einem unförmlichen Haufen von Trümmern zusammen. Die drei ersten waren vollständig zu Schutt zermalmt, die vier folgenden thürmten sich zu einem Gebirge auf, einem Durcheinander von klaffenden Decken, zerbrochenen Rädern, Thüren, Puffern, Ketten und gespaltenen Scheiben. Alles Andere aber hatte der Anprall der Locomotive an die Steine übertönt, es war ein dumpfer Schlag, der in einen einzigen Schrei des Todeskampfes auslief. Die Lison überschlug sich mit aufgerissenem Leibe nach links und begrub unter sich den Karren; die Steine flogen zertrümmert, wie von einer Mine in die Luft gesprengt, nach allen Richtungen auseinander und von den fünf Pferden waren vier auf der Stelle zu Boden geschmettert und getödtet worden. Das aus sechs Waggons bestehende Ende des Zuges war völlig unversehrt auf den Schienen stehen geblieben.

Jetzt Rufen, Schreien, unartikulirtes, thierartiges Heulen.

»Zu Hilfe! Hierher! ... O mein Gott, ich sterbe! ... Zu Hilfe! Zu Hilfe!«

Man hörte, man sah nichts mehr. Aus den zerrissenen Eingeweiden der Lison entwich pfeifend und zischend der heiße Dampf, als läge eine Riesin in den letzten Zügen. Der weiße undurchdringliche Wirbel von Dämpfen tanzte über den Boden und ließ Niemand nahe kommen, während die glühenden roth wie das Blut dieser Eingeweide schimmernden Kohlen ihre schwarzen Rauchwolken hineinmengten. Der Schornstein hatte sich durch die Wucht des Anpralles tief in die Erde gebohrt; der Rumpf war in Trümmer gegangen und streckte die geborstenen Achsen wie verzweifelnd von sich, die Räder starrten in die Luft. In dieser Lage, mit ihren gebrochenen, verbogenen Eingeweiden, mit dem schwarz gähnenden mächtigen Loche im Bauche glich die Lison einem von einem fürchterlichen Hornstoße aufgeschlitzten und zu Boden geschmetterten Riesenpferde, das verzweiflungsvoll lärmend sein Leben entfliehen sah. Dicht neben ihr lag auch das fünfte Pferd, dem beide Vorderbeine weggerissen waren und die Eingeweide aus einer Brustwunde hingen; den Kopf hatte es aufgerichtet und wieherte entsetzlich, aber durch das Röcheln der im Todeskampf liegenden Maschine drang kein Ton zu Jemandes Ohr.

Das Schreien der Menschen verhallte deshalb zunächst ebenfalls ungehört.

»Rettet mich, tödtet mich! .. Ich leide, tödtet mich, so tödtet mich doch!«

Während der Tumult wuchs und der Dampf die Augen blendete, öffneten sich die Thüren der unversehrt gebliebenen Koupees und ein wilder Strom von Reisenden ergoß sich aus den Waggons. Sie fielen zu Boden, rafften sich wieder auf, stießen sich mit den Füßen und schlugen sich mit den Fäusten. Sobald sie festen Boden unter sich fühlten und das freie Feld vor sich sahen, rasten sie davon, sie übersprangen die Hecken, galoppirten querfeldein, um instinctiv von der Gefahr so weit als möglich fern zu sein. Frauen, Männer verloren sich heulend und mit gesträubten Haaren in das Dickicht.

Zu Boden geworfen, getreten, mit in Fetzen herunterhängenden Kleidern stand Séverine endlich gerettet da. Sie floh nicht, sondern stürmte zur röchelnden Locomotive, wo sie auf Pecqueux stieß.

»Jacques, wo ist er, ist er gerettet?«

Der Heizer, der durch ein wahres Wunder keinerlei Verletzung davongetragen hatte, war zu demselben Zwecke dorthin geeilt. Der Gedanke, daß sein Locomotivführer unter den Trümmern liegen könnte, drückte ihm fast das Herz ab. War man doch nun schon so lange mitsammen gefahren und hatte man doch gemeinsam so vieles tragen und erdulden müssen. Und ihre Locomotive, ihre so geliebte Freundin, die dritte in diesem Freundschaftsbunde, lag nun auch auf dem Rücken und gab aus ihren zerrissenen Lungen ihren letzten Athem von sich.

»Ich sprang,« stotterte er, »ich weiß nichts ... Kommen Sie schnell!«

Auf dem Damm stießen sie auf Flore, die sie kommen sah. Bis jetzt hatte sie sich vor Staunen über ihre vollbrachte That und über das von ihr angerichtete Gemetzel nicht gerührt. Es war also geschehen und gut so. Ihr Verlangen war nun befriedigt, Mitleid für die Anderen, die sie garnicht bemerkte, fühlte sie nicht. Doch als sie Séverine erkannte, riß sie ihre Augen fast widernatürlich weit auf und ein Schatten fürchterlichen Leidens huschte über ihr aschfarbenes Gesicht. Sie lebte wirklich, diese Frau, die sie bereits für todt gehalten hatte? Ein spitziges Gefühl hatte ihr bisher innegewohnt, weil man ihre Liebe gemordet hatte, jetzt war es ihr aber, als dränge ihr ein Messer in die Brust und mit einem Male wurde es ihr klar, welch ein Fluch auf ihrer That laste. Sie war es gewesen, sie hatte alles das da getödtet! Ein Schrei der Verzweiflung entriß sich ihrer Kehle, sie rang die Arme und lief wie verrückt davon.

»Jacques! Jacques! ... Hier muß er sein, er ist nach hinten geschleudert worden, ich habe es deutlich gesehen ... Jacques! Jacques!«

Die Lison röchelte jetzt weniger laut, ihr Athem wurde schwächer und so hörte man jetzt auch das herzzerreißende Schreien und Wimmern der Verwundeten. Nur der Rauch wich noch nicht, der mächtige Trümmerhaufe, aus welchem diese Schreckensrufe und Schmerzensschreie drangen, schien von einer unbeweglich in der Sonne stehenden schwarzen Staubwolke umhüllt. Was thun? Was zuerst beginnen? Wie bis zu den Unglücklichen vordringen?

»Jacques!« rief noch immer Flore. »Ich sage Ihnen, er hat mich noch angesehen und ist dann unter den Tender gerathen. Herbei, so helfen Sie mir doch!«

Cabuche und Misard hatten soeben Henri, den Zugführer, aufgehoben, der im letzten Augenblick ebenfalls den Sprung gewagt hatte. Er hatte sich den Fuß verrenkt; sie setzten ihn am Boden nieder und lehnten ihn gegen die Hecke, von wo er stumm und zitternd das Bild der Zerstörung anstarrte, ohne anscheinend viel zu leiden.

»Helfe mir, Cabuche, Jacques muß hier drunter liegen!«

Der Kärrner hörte nicht, er lief zu andren Verwundeten und holte eine junge Frau, deren Beine, an den Schenkeln gebrochen, schlaff herunterhingen.

Séverine eilte auf Flore's Ruf herbei.

»Jacques! Jacques! ... Wo ist er? Ich werde Ihnen helfen.«

»Gut, helfen Sie mir!«

Ihre Hände begegneten sich, sie zogen gemeinsam an einem zerbrochenen Rade. Aber die zarten Finger der einen schafften nichts, während die Andre mit ihrer starken Hand alle Hindernisse forträumte.

»Aufgepaßt!« mahnte Pecqueux, der sich jetzt den Beiden anschloß.

Er riß rasch Séverine zurück, die gerade auf einen an der Schulter abgelösten, noch mit einem Fetzen blauen Tuches bekleideten Arm treten wollte. Sie wich erschrocken zurück. Dieses Tuch war ihr jedoch fremd, es war ein unbekannter Arm von einem wahrscheinlich irgendwo liegenden Körper, der dahin gerollt war. Sie zitterte aber so sehr in Folge dieses Anblicks, daß sie zu weinen anfing und ohne sich rühren zu können, der Arbeit der Andren zusah; sie war nicht einmal im Stande, die Glassplitter wegzuräumen, an denen sich die Hände schnitten.

Die Rettung der Sterbenden und die Wegräumung der Todten war nicht ohne Gefahr, denn das Feuer der Locomotive hatte sich auf die Holztheile übertragen; um das Feuer im Keim zu ersticken, mußte es erst mit Erde zugeschaufelt werden. Man schickte nach Barentin, um Hilfe herbeizuholen, eine Depesche ging nach Rouen, man schritt muthig und thätig an das Rettungswerk, an welchem sich alle Arme betheiligten. Viele der Flüchtlinge waren zurückgekehrt und schämten sich ihrer Feigheit. Aber man mußte höchst vorsichtig zu Werke gehen, jedes Stück mußte sehr sorgfältig abgeräumt werden, denn man fürchtete, die unter den Trümmern Begrabenen durch einen Nachsturz derselben noch mehr zu verletzen. Aus dem wüsten Haufen tauchten jammernde Verwundete auf, deren Unterkörper wie in einem Schraubstock eingeklemmt saßen. Eine volle Viertelstunde arbeitete man, um Jemand freizubekommen, der, bleich wie weißes Leinen, sagte, daß ihm nichts fehle. Als man ihn aber heraus hatte, sah man, daß ihm die Beine fehlten. Er verschied auf der Stelle, ohne vorher von dieser fürchterlichen Verstümmelung etwas gewußt oder gefühlt zu haben, so sehr hatte der Schreck jedes andere Gefühl erstickt. Eine ganze Familie wurde aus einem Waggon zweiter Klasse gezogen, der bereits vom Feuer ergriffen worden war: Vater und Mutter hatten Verletzungen an den Knieen davongetragen, die Großmutter einen Arm gebrochen; aber sie spürten ihr Leiden nicht, sondern riefen verzweiflungsvoll nach ihrem kleinen Töchterchen, einem dreijährigen Blondköpfchen, das bei der Entgleisung verschwunden war und bald unter dem Bruchstück einer Waggondecke gesund und mit fröhlich lächelndem Gesichtchen aufgefunden wurde. Ein andres mit Blut besudeltes kleines Mädchen hatte man mit zerquetschten Händchen bei Seite getragen, bis sich ihre Eltern fanden; es saß nun stumm und unbekannt auf der Erde und sagte kein Wort, sobald sich aber Jemand ihr näherte, nahmen ihre Züge den Ausdruck unsäglicher Angst an. Viele Thüren ließen sich nicht öffnen, weil durch den Stoß ihre Schlösser verbogen worden waren, man mußte durch die zerbrochenen Fensterscheiben in die Koupees dringen. Vier Leichname lagen bereits in einer Reihe neben dem Geleise. Ein Dutzend, Todten gleichende Verwundete warteten hilflos auf einen Arzt, um sich verbinden zu lassen. Unter jedem Trümmerstück beinahe wurde ein neues Opfer gefunden, der Haufen schien nicht kleiner zu werden, alles rieselte und dampfte von dieser menschlichen Schlächterei.

»Wie ich Ihnen sagte, Jacques liegt hier drunter!« wiederholte Flore, als fände sie Trost in dieser hartnäckigen, immer von Neuem ausgesprochenen Behauptung. »Er ruft, still, still, so hört doch!«

Der Tender lag eingeklemmt unter den andren Waggons, die über ihn fort gestolpert und über ihm zusammengebrochen waren. Seit die Locomotive nicht mehr so großen Lärm machte, hörte man in der That das Aechzen einer tiefen Männerstimme aus dem wüsten Chaos dringen. Je weiter man vordrang, desto lauter und schmerzlicher äußerte sich die Stimme dieses Sterbenden, so daß selbst die Arbeitenden sie nicht mehr ertragen konnten und laut zu schluchzen begannen. Als man endlich den Mann selbst an den Beinen hervorzog, verstummte das fürchterliche Klagegeschrei. Er war todt.

»Nein,« sagte Flore, »er ist es nicht. Er muß noch tiefer liegen.«

Mit ihren Soldatenarmen hob sie die Räder auf und warf sie auf die Seite, sie bog das Zink der Waggondächer mit Leichtigkeit, brach die Thüren auf und riß ganze Stücke von eisernen Ketten ab. Sobald sie auf einen Todten oder Verwundeten stieß, rief sie, damit man ihn bei Seite trug, sie selbst wollte keine Sekunde aufgehalten sein.

Cabuche, Pecqueux und Misard drängten ihr nach, während Séverine nicht helfen konnte und vor Schwäche fast ohnmächtig sich auf eine losgerissene Koupeebank setzte. Misard's Phlegma gewann allmählich wieder die Oberhand, er ging zu großen Anstrengungen aus dem Wege und beschränkte sich vornehmlich auf das Forttragen der Körper. Er und Flore sahen den Leichnamen in das Gesicht, als hofften sie aus den tausenden und aber tausenden von Menschen, die seit zehn Jahren an ihnen vorübergefahren waren und in ihnen nur eine wirre Erinnerung an eine wie vom Blitz gebrachte und von ihm entführte Menge hinterlassen hatte, Bekannte wiederzufinden. Aber nein, es war immer wieder nur diese unbekannte Fluth der Welt auf Reisen. Dieser brutale, durch einen Eisenbahnunfall herbeigeführte Tod blieb ihnen etwas ebenso unbekanntes, als das es eilig habende Leben selbst dessen Galopp hier vorbei der Zukunft entgegenführte. Sie konnten keinen bei Namen nennen, keine Auskunft geben über die vom Schreck entstellten Häupter der zu Boden geschleuderten, zertretenen, zermalmten Unglücklichen, Soldaten ähnlich, deren Körper nach der Salve einer zum Sturme anrückenden Armee die Löcher füllen. Und doch glaubte Flore Einen wieder zu erkennen, den sie am Tage des großen Schneefalles gesprochen hatte: den Amerikaner, dessen Gesicht ihr bekannt war, trotzdem sie weder seinen Namen, noch sonst etwas von ihm und den Seinen kannte. Misard trug ihn mit den andren Todten fort, die Gott weiß woher gekommen waren und hier nun lagen, anstatt sich, Gott weiß wohin zu begeben.

Ein weiteres, herzzerreißendes Schauspiel. In dem umgestülpten Kasten eines Koupees erster Klasse fand man ein junges, wahrscheinlich soeben erst verheirathetes Paar. Beide waren so unglücklich aufeinander geworfen worden, daß die Frau auf ihrem Manne lag und ihn fast zerquetschte, ohne sich ein bischen rühren und ihm eine Erleichterung verschaffen zu können. Er röchelte bereits halb erstickt, während sie mit ihrem frei gebliebenen Munde himmelhoch bat, man möchte sich doch beeilen; es riß ihr das Herz entzwei, fühlen zu müssen, daß sie es war, die ihn tödtete. Als man sie endlich befreit hatte, hauchte sie plötzlich ihre Seele aus, denn ein Puffer hatte ihr die Seite eingedrückt. Der wieder zu sich gekommene Mann schrie laut auf vor Schmerz, er kniete neben ihr nieder, deren Augen noch voll Thränen standen.

Man zählte jetzt zwölf Todte und mehr als dreißig Verwundete. Endlich hatte man den Tender freigelegt. Flore hielt von Zeit zu Zeit inne und drängte ihren Kopf tief hinein zwischen das verbogene Eisen und zersplitterte Holzwerk; gierig durchforschten ihre Augen die Trümmer, um den Maschinenführer zu entdecken. Plötzlich stieß sie einen lauten Schrei aus.

»Ich sehe ihn, dort unten liegt er ... Halt, ja es ist sein Arm und die blauwollene Jacke ... Er rührt sich nicht, er athmet nicht ...«

Sie hatte sich aufgerichtet und fluchte wie ein Mann.

»So macht doch, zum Donnerwetter, beeilt Euch doch, ihn herauszubekommen!«

Mit beiden Händen versuchte sie eine Waggondecke hervorzuziehen, die ihr den Weg zu anderen Trümmern versperrte. Sie rannte fort und kehrte mit einer Spitzhacke zurück, die den Misard's zum Holzhauen diente. Wie ein Holzhauer seine Axt in die Eiche des Waldes treibt, machte sie sich an das Holzgebälk. Man war bei Seite getreten und ließ sie allein arbeiten, man rief ihr nur zu, vorsichtig zu sein. Doch lag kein anderer Verwundeter mehr dort, als der Locomotivführer, den ein Haufen von Rädern und Achsen schützte. Sie hörte übrigens auf nichts, Herrin über ihre Muskeln, fielen hageldicht ihre Schläge. Jeder Schlag räumte ein Hinderniß fort. Mit ihren blonden, weit aufgelösten Haaren, ihren aus der zerrissenen Taille dringenden nackten Armen öffnete sie sich wie eine fürchterliche Mäherin einen Weg durch die Zerstörung, die sie selbst verursacht hatte. Ein letzter Schlag traf eine Achse und das Eisen der Hacke sprang entzwei. Mit Hülfe der Anderen räumte sie die Räder fort, die den jungen Mann vor der sicheren Zerquetschung bewahrt hatten und nahm ihn als Erste in ihre Arme, um ihn bei Seite zu tragen.

»Jacques! Jacques! ... Er athmet, er lebt! O Gott, er lebt! ... Ich hatte doch Recht, daß er dort lag, ich sah ihn ja fallen.«

Fast kopflos folgte ihr Séverine. Beide Frauen betteten ihn am Fuße der Hecke neben Henri, der noch immer vor sich hinstarrte, als begriffe er weder, wo er war, noch was um ihn her geschah. Pecqueux hatte sich ebenfalls genähert und stand jetzt vor seinem Locomotivführer, es jammerte ihn, Jenen so zugerichtet sehen zu müssen. Die beiden Frauen knieten rechts und links nieder, sie stützten den Kopf des Unglücklichen und beobachteten voller Angst die leisesten Zuckungen seines Gesichts.

Endlich schlug Jacques die Augen auf. Seine Blicke wanderten von Einer zu Anderen, augenscheinlich erkannte er Niemand. Sie schienen ihn gar nicht zu kümmern. Aber als seine Augen die absterbende Locomotive trafen hefteten sie sich auf sie und man las in ihnen das wachsende Erstaunen. Jetzt erkannte er auch die Lison wieder und er erinnerte sich nun an Alles: an die Steine auf den Geleisen, an den fürchterlichen Stoß, den Zusammenbruch, den er zugleich in ihr und in sich selbst empfunden, von dem er jetzt auferstand, während sie ihr Leben dabei gelassen hatte. Sie war nicht Schuld an ihrer Widerspenstigkeit; seit sie sich ihre Krankheit im Schnee geholt, konnte sie nicht dafür, daß sie jetzt weniger geschmeidig war als früher. Auch schwächte das Alter bereits ihre Glieder und machte ihre Bindungen ungelenk. Er verzieh ihr deshalb gern und fühlte tiefen Kummer, als er sie so im Todeskampf liegen sah. Die arme Lison hatte nur noch wenige Minuten zu leben. Sie erkaltete schon, die Kohlengluth verwandelte sich in Asche, der Athem, der vorher so heftig ihrer Brust entflohen war, lief in das leise Wimmern eines schluchzenden Kindes aus. Noch immer leuchteten ihre Glieder, trotzdem sie mit Erde und Schleim beschmutzt inmitten eines schwarzen Sumpfes von Kohlen ausgeweidet auf dem Rücken lag. Sie endete ebenso tragisch wie ein auf der Straße von einem Unfall betroffenes Luxuspferd. Einen kurzen Augenblick noch hatte man durch ihre zerbrochenen Rippen das Leben in ihr pulsiren sehen können, aber es war nur das letzte Zucken gewesen. Ihre Seele entfloh zugleich mit der Kraft, die ihr Leben gewesen war, mit dem mächtigen Athem, der gar nicht enden zu wollen schien. Immer stiller wurde die zu Tode getroffene Riesin, sanft schlummerte sie ein und schwieg. Sie war todt. Und das Gewirr von Eisen, Stahl und Kupfer, das sie als vergänglichen Theil zurückgelassen, dieser geborstene Koloß mit seinem gespaltenen Rumpf, seinen zerschmetterten Gliedern, seinen zerrissenen, an das Licht gezerrten Eingeweiden erinnerte an die traurigen Reste eines riesigen menschlichen Körpers, einer ganzen, von frischem Leben pulsirenden Welt, der man das Herz mit Gewalt herausgerissen hatte.

Als Jacques Lison's Dahinscheiden begriffen, schloß er wieder die Augen mit dem Wunsche, ebenfalls sterben zu können; er fühlte sich so schwach, daß er auch mit dem letzten leisen Athemzug der Locomotive zu entschweben vermeinte. Unter den geschlossenen Lidern drängten sich jetzt die Thränen hervor und flossen über seine Wangen. Das war zu viel für Pecqueux, der noch immer unbeweglich mit zusammengepreßter Kehle dastand. Ihre gute Freundin war hinüber und sein Locomotivführer schien ihr folgen zu wollen. Ihre Ehe zu Dreien war also wirklich für immer zerstört? Vorüber die Fahrten auf ihrem Rücken, bei denen sie hundert Meilen zurücklegten, ohne ein Wort zu sprechen und wobei sie sich doch verstanden, selbst ohne sich ein Zeichen zu geben? Die arme Lison, wie sanft war sie gewesen trotz ihrer Stärke und wie schön hatte sie in der Sonne geleuchtet! Und Pecqueux, der heute nicht getrunken hatte, brach in lautes, nicht niederzukämpfendes Schluchzen aus, das seinen ganzen Körper schüttelte.

Séverine und Flore waren in Verzweiflung über diese abermalige Ohnmacht Jacques'. Die Letztere lief in's Haus und holte Kampferspiritus, damit rieb sie ihn ein, um wenigstens etwas zu thun. Noch mehr aber litten die beiden Frauen in ihrer Angst unter dem endlosen Todeskampfe des Pferdes, das allein von den fünfen noch lebte und dem beide Vorderfüße abgerissen waren. Es lag neben ihnen und wieherte beständig; es war ein so fürchterliches Jammern wie aus menschlichem Munde, daß zwei der Verwundeten ebenfalls wie Thiere zu heulen begannen. Kein Todesschrei hatte die Luft mit einer so entsetzlichen, unvergeßlichen Frage durchtönt, die das Blut zu Eis gefrieren machte. Die Qual wurde unerträglich, es wurden Stimmen des Mitleids und des Zornes laut, die baten, man möchte doch ein Ende mit dem Leiden des Pferdes machen, dessen endloses Wiehern, nun die Locomotive todt war, wie der letzte Weheruf der Katastrophe klang, Pecqueux raffte, noch immer schluchzend, die Hacke mit dem zerbrochenen Eifen auf und ein einziger Schlag vor den Schädel erlöste das arme Thier. Und tiefe Stille senkte sich auf dieses Schlachtfeld hernieder.

Nach zweistündigem Warten traf Hilfe ein. Durch den Anprall hatten sich sämmtliche Waggons nach links geworfen, so daß das andere Geleise in wenigen Stunden wieder fahrbar sein konnte. Ein Zug mit drei Waggons brachte aus Rouen den Cabinetschef des Präfecten, den kaiserlichen Procurator, Ingenieure und Aerzte der Gesellschaft, eine ganze Fluth bestürzter und geschäftiger Persönlichkeiten herbei, während der Bahnhofsinspector von Barentin, Herr Bessière, mit einer Arbeiterschaar unter den Trümmern aufzuräumen begann. Ein außergewöhnliches Leben und Treiben herrschte mit einem Male in diesem abseits gelegenen, gewöhnlich so stummen und öden Winkel. Die unverletzt gebliebenen Reisenden zitterten förmlich nach der Raserei ihrer Panik vor Verlangen nach Bewegung: die Einen suchten nach Wagen, denn sie fürchteten sich, wieder in die Koupees zu steigen, die Anderen beunruhigten sich schon, als sie sahen, daß nicht einmal ein Schiebkarren aufzutreiben war, wo und wie sie essen und schlafen würden. Alle verlangten sie ein Telegraphenbureau zur Stelle, mehrere wanderten zu Fuß nach Barentin, um von dort zu depeschiren. Während die Herren der Behörde von denen der Verwaltung unterstützt die Untersuchung begannen, machten sich die Aerzte eilig an das Verbinden der Verwundeten. Viele lagen ohnmächtig in den Blutlachen. Andere klagten leise beim Ansetzen der Pinzetten und Nadeln. Im Ganzen zählte man fünfzehn Todte und zweiunddreißig schwer Verwundete. Bis die Identität der letzteren festgestellt war, lagen sie alle nebeneinander längs der Hecke, das Gesicht dem Himmel zugewandt. Ein kleiner Substitut, ein junger, blonder, rosiger Mensch, der vor Eifer glühte, beschäftigte sich allein mit ihnen, er durchsuchte ihre Taschen, um aus Papieren, Karten, Briefen ihre Namen zu erkennen und an ihnen entsprechende Zettel zu befestigen. Um ihn bildete sich bald ein dichter Kreis; trotzdem fast auf eine Meile in der Runde kein Haus zu sehen war, hatten sich doch schnell an dreißig Menschen, Männer, Weiber, Kinder eingefunden, die nur im Wege standen, ohne helfen zu können. Der schwarze Staub, der Rauchschleier und der Dampf, der Alles eingehüllt hatte, waren verflogen, der strahlende Aprilvormittag leuchtete triumphirend über dieser Stätte des Unheils und die Sonne badete in ihrem milden, fröhlichen Strahlenregen die Sterbenden und die Todten, die vernichtete Lison, das Chaos aufgehäufter Trümmer, das die Arbeiterschaar zusammentrug, Insecten gleich, welche die Rundung ihres durch den Fuß eines unachtsamen Wanderers zertretenen Loches wieder zu ergänzen bemüht sind.

Jacques war noch immer ohnmächtig. Séverine bat einen vorübereilenden Arzt, näher zu treten. Dieser untersuchte den jungen Mann, fand aber keine äußerliche Verwundung, er befürchtete aber, daß innerliche Verletzungen vorhanden wären, denn es zeigten sich schwache Blutfäden zwischen den Lippen. Er konnte noch nichts Bestimmtes sagen, rieth aber, ihn sobald als möglich in ein Bett zu bringen und bei dem Transport jede Erschütterung zu vermeiden.

Jacques öffnete unter den ihn betastenden Händen abermals mit einem leisen Schmerzensruf die Augen. Diesmal erkannte er Séverine und nach wie vor bat er sie:

»Bringe mich fort, bringe mich fort!«

Flore beugte sich über ihn. Als er den Kopf wandte, erkannte er auch sie. Seine Blicke spiegelten die Furcht eines Kindes wieder, er drängte sich in dem Gefühl des Hasses und des Abscheus an Séverine und wiederholte:

»Bringe mich fort, gleich, gleich!«

Sie fragte ihn, wobei sie die vertrauliche Anrede gebrauchte, denn nur das junge Mädchen war zugegen, das nicht zählte:

»Willst Du nach Croix-de-Maufras? ... Wir sind in allernächster Nähe und dort wie zu Hause. Hast Du etwas dagegen?« Er stimmte ihr bei, noch immer unter den Blicken der Anderen erzitternd.

»Wohin Du willst, nur sofort!«

Flore war unter diesem ihr fluchenden Blicke erbleicht. In dieser Schlächterei Unbekannter und Unschuldiger waren weder er noch sie vom Tode ereilt worden: die Frau hatte keine Schramme abbekommen und er kam auch vielleicht noch davon. Gerade ihr Verbrechen näherte die Beiden noch mehr als zuvor und verbannte sie in dieses einsame Haus, wo sie allein für sich leben konnten. Sie sah sie plötzlich dort wohnen, den Geliebten geheilt und sie ihn sorgsam pflegen und hätscheln, wenn er wach war, sie sah Beide fern von der Welt in absoluter Freiheit den Honigmond in die Länge ziehen, den die Katastrophe herbeigeführt. Ein eisiger Schauer überrieselte sie, sie blickte die Todten an, für nichts und wieder nichts hatte sie Jene gemordet.

Bei diesem Umherblicken sah sie, daß Misard und Cabuche von mehreren Herren ausgefragt wurden, wahrscheinlich von Herren des Gerichts. In der That versuchten der Kaiserliche Procurator und der Kabinetschef des Präfecten soeben zu ergründen, wie der Karren auf die Geleise gekommen war. Misard blieb dabei, daß er seinen Posten nicht verlassen hätte und, daß er nichts auszusagen wüßte: er hatte in der That keine Ahnung, wie alles das gekommen war, nur behauptet er, sich in diesem Augenblick mit den Apparaten beschäftigt und so dem Damm den Rücken zugekehrt zu haben. Cabuche, der noch wie dumm im Kopf war, erzählte eine lange, bunte Geschichte, warum er die Pferde allein gelassen hätte: er hätte gern die Todte noch einmal sehen wollen, die Pferde seien durchgegangen und das junge Mädchen hätte sie nicht mehr halten können. Er verwickelte sich, begann von vorn, kurz man wurde nicht klug aus ihm.

Ein wilder Drang nach Freiheit tobte mit einem Male durch Flore's eisiges Blut. Sie wollte frei sein, um nachzudenken und einen Entschluß zu fassen, hatte sie doch nie Jemandes bedurft, um den richtigen Weg einzuschlagen. Wozu noch warten, bis man sie mit langweiligen Fragen belästigte und sie womöglich verhaftete? Sie hatte außer dem Verbrechen auch ein Versehen im Dienste begangen, für das sie verantwortlich gemacht werden mußte. Trotzdem rührte sie sich nicht vom Fleck, so lange Jacques noch da war.

Séverine hatte Pecqueux so lange gebeten, bis es diesem geglückt war, eine Tragbahre aufzutreiben. Er erschien mit einem Kameraden, um den Verwundeten fortzutragen. Der Arzt hatte die junge Frau bewogen, auch den Zugführer Henri in ihr Haus zu nehmen, der nur an einer starken Gehirnerschütterung zu leiden schien. Man wollte ihn nach Jacques fortschaffen.

Als Séverine sich niederbeugte, um den obersten Knopf der Jacke zu lüften, der Jacques am Halse würgte, küßte sie ihn vor aller Welt auf die Augen, sie wollte ihm dadurch Muth für den Transport einflößen.

»Fürchte nichts, wir werden glücklich sein.«

Er erwiderte lächelnd den Kuß. Das hatte noch gefehlt, um Flore's Herz völlig zu zerfleischen, das riß Jenen auf immer von ihr. Ihr schien es, als flösse auch ihr Blut in Strömen aus einer unheilbaren Wunde. Als man ihn wegtrug, ergriff sie die Flucht. Beim Vorübergehen an ihrem Häuschen sah sie durch die Scheiben das Todtenzimmer, noch immer schimmerte die Kerze neben dem Körper ihrer Mutter bleich in das volle Tageslicht hinein. Während des Unglücks hatte die Todte allein gelegen, den Kopf zur Seite gewandt, ihre Augen waren weit offen, die Lippe verzerrt, als hätte sie diese ihr fremde Welt sich den Kopf einrennen und sterben gesehen.

Flore rannte davon, sie folgte zuerst der Biegung, welche die Straße nach Doinville macht, dann drang sie nach links durch das Gebüsch. Sie kannte jeden Winkel in dieser Gegend, sie fürchtete daher nicht, daß die Gensdarmen sie so schnell finden würden, falls man sie ihr nachsandte. Sie hielt daher plötzlich in ihrem rasenden Laufe inne und ging langsam auf einen Versteck, eine Art Aushöhlung oberhalb des Tunnels zu, in welcher sie an traurigen Tagen gern zu verweilen pflegte. Sie sah empor, es war um die Mittagszeit. Als sie in ihrem Loche saß, streckte sie sich lang auf den harten Fels aus und blieb unbeweglich, die Hände unter den Nacken geschoben, liegen. Eine fürchterliche Leere gähnte in ihr, ein Gefühl, als sei sie schon gestorben, machte nach und nach ihre Glieder gefühllos. Sie empfand keine Gewissensbisse darüber, so viele Menschen unnütz abgeschlachtet zu haben, sie mußte sich Gewalt anthun, um ein Bedauern und Abscheu zu fühlen. Aber sie wußte genau, daß Jacques gesehen hatte, wie sie die Pferde zurückhielt; sie verstand daher sein Zurückweichen vor ihr, den schreckhaften Widerwillen, den man vor Ungeheuern empfindet. Das konnte er ihr nie vergessen. Wenn man übrigens die Leute fehlt, denen man auflauert, so braucht man sich darum noch nicht selbst verfehlen. Sie wollte sofort in den Tod gehen. Jede Hoffnung war ihr erstorben; seit sie hier war und ruhiger über alles nachdachte, fühlte sie immer deutlicher die Nothwendigkeit des Selbstmordes. Nur die Müdigkeit, die Hinfälligkeit ihres ganzen Wesens hielten sie noch ab, aufzuspringen und eine Waffe zu suchen, um zu sterben. Und dennoch stieg aus der Tiefe ihres unüberwindlichen Halbschlummers die Liebe zum Leben, ein letzter Traum des Glücks, das Verlangen, auch so glücklich mitsammen leben zu können wie Jene beiden verschont Gebliebenen, in ihr auf. Warum wollte sie die Nacht nicht abwarten, um zu Ozil zu eilen, der sie anbetete und sie gewiß vertheidigen würde? Liebliche Gedanken flohen wirr durcheinander, sie sank in einen festen, traumlosen Schlaf.

Als Flore erwachte, war es tiefe Nacht. Wie betäubt tastete sie um sich, fühlte das kalte Gestein und erinnerte sich plötzlich, wo sie geschlafen hatte. Und wie ein Blitzstrahl leuchtete ihr jäh die unerbittliche Nothwendigkeit wieder ein; jetzt mußte gestorben sein.

Flore sprang auf und verließ ihr Felsenloch. Sie zauderte nicht, instinctiv fühlte sie, wohin sie sich zu wenden hatte. Sie überzeugte sich durch einen Blick nach dem besternten Himmel, daß es auf neun ging. Als sie an den Bahndamm kam, fuhr gerade ein Eilzug in der Richtung nach Havre vorüber. Es schien ihr das ein Vergnügen zu bereiten: da der Zug so glatt vorüberfuhr, hatte man jedenfalls das eine Geleise bereits freigemacht, während das andere wahrscheinlich noch gesperrt war, denn der Verkehr nach Paris war, wie es schien, noch nicht wieder aufgenommen. Sie schritt durch das große Schweigen dieser wilden Gegend an der Hecke entlang, Sie beeilte sich nicht, denn der nächste Zug aus Paris kam erst um neun Uhr fünfundzwanzig Minuten hier vorbei. Sehr gefaßt ging sie Schritt für Schritt durch die tiefe Dunkelheit, als wenn sie einen ihrer gewöhnlichen Spaziergänge auf abgelegenen Pfaden machte. Um zum Tunnel zu gelangen, mußte sie durch die Hecke. Sie that es und schlenderte nun auf dem Geleise selbst ihrer Begegnung mit dem Eilzuge entgegen. Um von dem Wärter nicht gesehen zu werden, mußte sie sich mit List an ihm vorbeischleichen, wie immer, wenn sie Ozil am anderen Ende des Tunnels einen Besuch abstatten wollte. Im Tunnel selbst schritt sie unentwegt geradeaus. Sie empfand diesmal nicht dieselbe Furcht wie eine Woche vorher, wo sie sich umgedreht hatte und nicht mehr wußte, in welcher Richtung sie gehen sollte. Der Tunnelwahnsinn tobte nicht wieder in ihrem Gehirn, dieser Wahnsinnstaumel, in welchem alle Dinge, Zeit und Raum inmitten des donnerartigen Lärms und unter der schweren Last der Wölbung wie umflort erscheinen. Alles das war überwunden. Sie überlegte nicht, sie dachte kaum, sie hatte nur die eine fixe Empfindung, geradeaus gehen zu müssen, bis der Zug ihr entgegen kam und dann immer weiter geradeaus zu schreiten, direct in das Signallicht der Locomotive hinein, wenn es vor ihr durch die Nacht flammte.

Flore fühlte aber etwas wie Ueberraschung, glaubte sie doch schon seit vielen Stunden so zu wandern. Wie fern war ihr doch der Tod, den sie herbeiwünschte! Der Gedanke, daß sie noch viele Meilen würde marschiren müssen, ohne ihm schließlich zu begegnen, brachte sie einen Augenblick zur Verzweiflung. Ihre Füße wankten, war es nicht besser sitzend zu warten und sich über die Schienen zu legen? Es schien ihr das zu unwürdig, sie hatte das Bedürfniß, wandern zu müssen, bis das Ende da war und dann aufrecht wie eine kriegerische Jungfrau zu sterben. Ihre Energie erwachte von Neuem, eine geheime Macht drängte sie instinctiv vorwärts. Jetzt sah sie in weiter Ferne das Signallicht der Locomotive wie einen einzigen, winzigen Stern am tintenschwarzen Himmel funkeln. Noch befand sich der Zug außerhalb der Wölbung, kein Geräusch verkündete sein Kommen, nur das lebhafte, fröhlich schimmernde Feuer breitete sich aus. Ihre geschmeidige Büste statuenhaft regend und auf ihren starken Beinen nicht wankend schritt sie jetzt etwas schneller aus, ohne indessen zu laufen, als könnte sie die Annäherung einer geliebten Freundin, der sie den Weg zu verkürzen wünschte, nicht erwarten. Der Zug fuhr jetzt in den Tunnel ein, das fürchterliche Donnern näherte sich und die Erde bebte vom Sturmwind gepackt; der kleine Stern war ein riesiges Auge geworden, das sich noch immer vergrößerte und wie ein Planet aus der Finsterniß sprang. Unter der Herrschaft eines unerklärlichen Gefühles, vielleicht um ganz allein sterben zu wollen, leerte sie, während sie noch immer heldenhaft vorwärts strebte, ihre Taschen und warf ein ganzes Häufchen auf die Seite, ein Taschentuch, Schlüssel, zwei Messer, Bindfaden; sie löste sogar die Nadel, welche ihr Kleid am Halse zusammenhielt und ließ die schon halb zerrissene Gewandung auf der Brust aufklaffen. Das Auge verwandelte sich jetzt in einen Gluthofen, feuchtwarm drang schon der Athem des Ungeheuers ihr entgegen, während der Donner immer betäubender schallte. Sie ging genau auf diese Gluth zu, um die Locomotive nicht zu verfehlen wie ein nächtliches, von der Flamme angelocktes Insect. Der schreckliche Zusammenstoß erfolgte, sie drehte sich um sich selbst und streckte die Arme aus; noch im letzten Augenblick erwachte der Instinct streitlustigen Gefühles in ihr, als wollte sie den Koloß in die Arme nehmen, um ihn zu bezwingen. Ihr Kopf hatte das Signallicht getroffen, dieses erlosch.

Erst eine Stunde später hob man Flore's Leichnam auf. Wohl hatte der Locomotivführer die befremdliche, hohe bleiche Schreckensgestalt in der Woge des sie jäh überfluthenden Lichtes auf die Maschine zugehen gesehen. Als dann plötzlich die Laterne erlosch und der Zug mit donnerartigem Getöse durch das tiefe Dunkel rollte, hatte er gebebt, denn er hatte den Tod vorüberstreifen gefühlt. Als er den Tunnel verließ, bemühte er sich, dem Wärter die Mittheilung von dem Geschehniß zuzurufen. Allein erst in Barentin konnte er berichten, daß sich im Tunnel Jemand, wahrscheinlich eine Frau, unter die Räder geworfen habe; Haare vermischt mit Gehirntheilen klebten noch an der zerbrochenen Scheibe des Signallichts. Als die ausgesandten Männer den Körper fanden, waren sie von seiner weißen, marmorhaften Erscheinung überrascht. Durch die Wucht des Stoßes war er auf das andere Geleise geschleudert worden, der Kopf war zu Brei zermalmt, die halbnackten, so herrlich in ihrer Reinheit und Kraft schimmernden schönen Glieder aber waren unverletzt geblieben. Schweigend hüllten die Männer den Leichnam ein. Sie hatten Flore erkannt. Es war ihnen klar, daß sie sich hatte tödten lassen, um sich der auf ihr lastenden fürchterlichen Verantwortung zu entziehen.

Seit Mitternacht ruhte Flore in dem niedrigen Häuschen neben der Leiche ihrer Mutter. Man hatte Matratzen auf die Erde gelegt, eine Kerze angezündet und diese zwischen Beide gestellt, Phasie's Kopf mit dem abscheulichen Lachen ihres verzerrten Mundes hing immer noch auf die Seite, sie schien mit ihren großen starren Augen jetzt ihre Tochter anzustarren. Durch das unheimliche Schweigen hörte man dumpfes Klopfen im ganzen Hause: Misard suchte noch immer athemlos nach dem Schatze und in regelmäßigen Pausen eilten die Züge nach beiden Richtungen vorüber, denn der Verkehr war wieder auf beiden Geleisen aufgenommen. Im Vollgefühl ihrer mechanischen Kraft jagten sie unerbittlich gleichgültig und ohne Kenntniß dieses Trauerspieles und dieser Verbrechen dahin. Was kümmerten sie die fremden Leute, die unterwegs zu Schaden kommen und von den Rädern zermalmt werden! Man hatte die Todten weggetragen, das Blut aufgewaschen und fuhr wieder der dunklen Zukunft entgegen!

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