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Die Berliner Range VIII - Berlin wie es lebt und liebt

Ernst Georgy: Die Berliner Range VIII - Berlin wie es lebt und liebt - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Georgy
titleDie Berliner Range VIII - Berlin wie es lebt und liebt
publisherVerlag von Rich. Bong
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141203
projectidc92a7441
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7. Kapitel. Hie Ausstellung – hie Zoologischer!

Der Zoologische Garten der deutschen Reichshauptstadt ist an Tierbestand der größte und reichhaltigste der Welt. Alles, was eine kühne Schöpfungskraft an wunderlichen Ausgeburten lebendig verkörpern konnte, findet sich hier an Tieren und Untieren. Und das einstige Mädchen der Bachschen Familie hatte garnicht so unrichtig ihr Urteil über diese ihr völlig neue Fauna in die Worte zusammengefaßt: »Schön war es ja, gnä' Frau! Aba was da rumläuft, jiebts ja janich. So was machen se einen bloß in de jroßen Städte vor! In Kleinlohn sollte uns mal einer mit sowas kommen!« – – Und trotz aller Erklärungen ließ sie sich nicht von ihrem Standpunkt abbringen! –

Wenn man sich nun diese hochinteressante Tierwelt in bunten, wunderschönen und pittoresken Gebäuden untergebracht denkt und diese in einem herrlichen, wohlgepflegten Park malerisch verteilt vorstellt, so hat man den Berliner Zoologischen Garten. Hochelegante und einfache Restaurants, flotte Musikkapellen, ein stets großes und meist gutes Stammpublikum, zu dem sich viele Fremde gesellen, machen den Aufenthalt in diesen weltstädtischen Etablissements doppelt einladend. Im Sommer ist der Garten vom frühen Morgen bis zum spätesten Abend besucht, und auch im Winter bietet er durch Eisbahnen und Konzertsäle reichste Abwechslung. Alle Abonnenten schwärmen und schwören für und auf ihren »Zo!«

Im Nordwesten Berlins befindet sich der ebenso verlockende Ausstellungspark. Nur daß hier in den Eisen- und Glaspalästen und Baracken keine lebendigen Erscheinungen der Schöpfung vertreten sind. Hier finden wir die stillen, schönen, aber oft auch recht wunderlichen Ausgeburten der menschlichen Phantasie in Bildern und Skulpturen der Schaulust ausgestellt. – –

Und zwischen diesen beiden Polen schwankt der im Sommer daheimgebliebene Berliner hin und her, wenn er seine Abende nicht gerade in der Umgegend in reinster Luft verbringen will. Hier sammelt sich das ganze interessante, großstädtische Leben. Hierher müssen die Zugereisten, wenn sie auch in der Hitze eine Ahnung von dem eigentlichen Berlin bekommen wollen. – Bachs halten vor vielen Jahren im Bade die Bekanntschaft von Käte Groll gemacht. Sie war eine Westfalin, ein hübsches, unternehmendes Mädchen in Lottes Alter. Schon in frühester Jugend hatte sie sich durch ein ganz hervorragendes Zeichentalent ausgezeichnet. Gegen die gesamte Familie hatte sie es durchgesetzt und in München lange Jahre an der Akademie studiert. Nun war sie nach Berlin gekommen und studierte hier noch bei einem berühmten Künstler weiter. Schon waren ihre Tierbilder ausgefallen und verkauft worden, als sie erst ihre ersten Besuche machte. Frau Geheimrätin war nicht zuhaus. Das Mädchen ließ den ihr unbekannten Gast in den Salon und bat ihn. Platz zu nehmen. Dann eilte es in das Wohnzimmer, wo Lotte grade einen Brief schrieb. Beide bemerkten nicht, daß die Thür offen geblieben und die Fremde durch den Spalt und die Portièren nicht nur die Situation überschauen, sondern auch jedes Wort verstehen konnte.

»Fräulein Lottel, es ist ein Besuch da!« – meldete Agnes. – »Zu mir?« – – »Ich weiß nicht!« – – »Schmeißen Sie ihn raus!« – grollte Lotte. – »Aber – – –« – – »Ach was, aber! Ich kann mich doch nicht von jedem fremden Kerl stören lassen, wenn ich an meine Schwiegermutter schreibe! Das ist doch sowieso kein Vergnügen!« – – »Ich habe doch aber gesagt, daß Sie da sind!« – – »Kann ich dafür, daß Sie ein Affenschwanz sind? Zur Strafe sagen Sie gefälligst, ich wäre grade vor ein paar Minuten aus dem Fenster geflogen!« – – »Aber, Fräulein Lottel – – –« – – »Das ist gewiß wieder irgend ein Lieferant wie Waldemar Himbsch! Sonst habe ich keine Besuche zu erwarten! Schmeißen Sie den Mann also 'raus, und sagen Sie ihm, ich hätte Aussteuer und Einrichtung bereits besorgt.« – – »Welchen Mann denn?« – meinte Agnes und riß erstaunt die Augen auf. – – »Na, den Knopp drinnen, seien Sie nicht so gehirndämmerig, Kunigunde!« – Das Mädchen lachte jetzt hell auf. – »Es ist gar kein Mann, sondern eine Dame!« – – »Eine Dame? O Sie – – – –« – – »Ich hab ja nie 'was anderes gesagt!« – – »Aha, also bin ich schuld! Wenn nun nicht – A – Mann – da ist, wie heißt sie sonst?« – – Agnes verstand den Wortscherz: »Nee, Amanda ist es nicht. Hier ist die Karte: Käte Groll, Tiermalerin!« – – »Käte Groll? Bedaure, kenn ihr nich, kenn ihm nich! Im Grunde genommen, was jeht sie mir an? Also sagen Sie gefälligst der Dame: Ich wäre längst fortgegangen und ließe ihr sagen: ich wäre für meinen Bräutigam bereits porträtiert und hätte leider keinen Bedarf! Ferner: ich groll-e nicht, nie!« – –

Agnes wollte grade ungeduldig werden, da sagte eine lachende Stimme von dem Salon her: »Aber ich grolle, wenn mich die Berliner Range so einfach abweist, denn ich habe mir nun einmal vorgenommen, sie als »wilde Katze« mit einem »Affenschwanz«, ihrem Lieblingswort, darzustellen!« – – »Ach du lieber Himmel! – rief Lotte und sprang entsetzt auf – Daß Du die Neese ins Jesicht behältst, Menschenskind, können Sie verzeihen?« – – Sie eilte der Fremden mit ausgestreckter Hand entgegen. Das reizende, lachende Gesichtchen der Besucherin zerstörte ihre Bedenken und Sorgen. »Ja, ich werde noch einmal verzeihen, weil ich ein Menschenfreund bin! Und weil ich Sie schon lange kenne, noch ehe Ernst Georgy Ihre Streiche der erstaunten Welt auftischte!« – – »Sind Sie Spiritistin oder Hellseherin?« – – »Weder noch! Ihre eignen Eltern haben mir von Ihnen erzählt und Ihre Schwestern!« – – »Ach nee!?« – rief Lotte zweifelnd. – »Ach ja, – entgegnete die Andere – Wir waren in Dievenow zusammen. Sie waren daheim gelassen worden! Pfui, Sie Undankbare, ich habe Ihnen damals noch von mir gezeichnete Hunde- und Katzenbilder mitgeschickt!« – – »Natürlich, nun weiß ich! So ein Schaf, wie ich, tz! Die haben ja von Ihnen geschwärmt und mir immer erzählt, Sie wären genau so eine Dolle wie ich! Und es wäre gut, daß ich nicht auch in Dievenow gewesen, sonst hätten wir beide das ganze Nest auf- und umgekrempelt! Willkommen, herzlich willkommen, Käte Groll!« – – »Wie ich mich freue! Lotte Bach, Sie sind ein Hauptstiebel, genau so habe ich Sie mir vorgestellt! Kommen Sie, ich muß Ihnen einen Kuß geben!« – –

Die beiden jungen Mädchen gaben sich einen schallenden Kuß und waren von diesem Moment an innig befreundet. Da sie sich in ihrem derbfrischen Wesen sehr ähnlich waren, brauchten sie nicht viel Zeit, sich kennen zu lernen. Käte Groll blieb zu Tisch da. Am Nachmittag wandelte sie mit Lotte in den Zoologischen Garten, wohin die Geheimrätin und Doktor Feller abends nachkommen wollten. Sie betrachteten voller Interesse die Käfige und spazierten auf und ab. Gegen halb sieben Uhr erschien Willi und war, da ihm Käte recht gefiel, sehr lieb und lustig. Man wählte einen Tisch, ganz dicht an der berühmten »Lästerallée«. Da konnte man stillsitzen und sah die Promenierenden vorüberwandeln, was zu Kritiken und Gesprächsstoff direkt herausforderte. Schon längst hatten die beiden Damen bemerkt, daß ihnen zwei Herren auf Schritt und Tritt gefolgt waren. Sie hatten sich nicht weiter um sie bekümmert. Lotte war, seit sie verlobt, überhaupt nicht mehr für fremde, männliche Wesen zu haben. Käte, ein auffallend hübsches Mädchen, war an Bewunderung gewöhnt und, um ihren guten Ruf besorgt, sehr vorsichtig und absolut unzugänglich. So blieb sie auch recht kühl, als Lotte ihr zuraunte: »Käte, Ihre beiden Kaffern sitzen am Nebentisch!« – – »Meine – – ist gut! Wie komme ich zu der Ehre? Einer gehört doch schon ganz sicher Ihnen!« – – »Mir, pah! Ausgeschlossen! Ich zähle nicht mehr mit! Obendrein lege ich meine Pfote mit dem Verlobungsring, über die ich nur sehr ungern einen Handschuh ziehe, meist recht sichtbar hin. Dann ging ich mit meinem Willischatz geführt. Und die beiden werden doch nicht die Frechheit haben, sich mit diesem in Konkurrenz zu stellen?« – – »Na, beide sind ganz patent! Der Eine sieht sogar recht genial aus!« – – »Aha, also angesehen haben Sie die Herren doch! Sie sind überführt, mein gnädiges Fräulein!« – lachte Willi. Fräulein Groll errötete: »Ja, was wollen Sie, Herr Doktor, ich kann mich doch nicht blind stellen!« – – »Das stimmt!« – entgegnete er. –

Lottes Mutter erschien. Andere Bekannten gesellten sich zu ihnen, so daß sich der Kreis erheblich vergrößerte. Man plauderte fröhlich. Käte und Lotte übertrafen sich an guter Stimmung. Dennoch war die Erstere etwas befangen. Sie fühlte unaufhörlich, daß sie beim Nachbartisch Gesprächsstoff abgab, daß man sie beobachtete. Ohne daß sie es sich zugestehen wollte mußte sie jedoch die außerordentlich interessante Erscheinung eines ihrer Bewunderer anerkennen. – Was sie aber nicht beobachtet hatte, war, daß sich die Fremden mit einem der alten Herren an ihrem Tische begrüßten. – – »Ich werde jetzt oft vormittags hier meine Studien machen und skizzieren. Vor den Zwingern sah ich heute in der Eile schon herrliche Gruppen und Stellungen! – meinte Käte. – – »Ja, aber morgen nicht!« – bat Lotte – Morgen wollen wir doch mit meiner dicken Wonne in die Kunstausstellung. Wir können ja schon früh hin, da ist es noch leer, und wir sind ungestört. Wenn es uns frühstückert, erbauen wir uns einfach an Hefterschen Würstchen. Die sind eine Spezialität und gehören zur Bildung!« – Die junge Malerin war einverstanden mit diesem Plane. – Sie trafen sich nach der Verabredung am folgenden Vormittag an der Kasse der Ausstellung und stiegen treppab, durch den Park, in den Kunstpalast. Es war kühl, ruhig und höchst angenehm in den weiten Sälen. Nur wenige Besucher wanderten leise von Bild zu Bild. Die Geheimrätin schritt zwischen den beiden jungen Mädchen. Sie gehörte noch vollständig mit ihren Ideen der alten Schule an und war höchst unduldsam gegen die Modernen in Kunst und Litteratur. Lotte stand viel mehr nach links und bewunderte noch tausend neue Dinge, welche ihrer Mutter unverständlich und abscheuerregend erschienen. – Käte Groll war mit Leib und Seele modern, absprechend gegen alles Ältere, gegen »Atelierschmiere und Marlittsche«. Mit diesen beiden Worten deckte sie einfach fast alle Kunstwerke von den sechzigern bis zu den achtzigern Jahren des vorigen Jahrhunderts. Sie war Secessionistin bis ins tiefste Herz hinein. – Dieser Gegensatz zu Lottes Mutter brachte manchen Zusammenstoß vor den Gemälden. Und Fräulein Range mußte zwischen den feindlichen Parteien vermitteln. So gelangten sie von Saal zu Saal und schritten endlich in einen der Seitengänge, die in kleine Kabinen abgeteilt sind.

»Na, nun sehen Sie sich das an, Fräulein Käte! Haben Sie schon einmal solches Gras, solch lila Wasser, solch blaue Menschenkörper gesehen? Ist der Maler nun reif für ein Irrenhaus oder muß man ihn einfach auslachen, anstatt ihn zu bedauern?« – – »Garnicht, beides nicht, gnädige Frau! Der ist beneidenswert! Wie der die Akte in die Landschaft hineingesetzt hat, die Luft, das Kolorit! Da liegt Faust drin! Der Mann kann etwas, der hat Wurf! Das ist mit wahrhaft genialer Frische hingepatzt!« – rief die Gefragte. – – »Sie mystifizieren uns, das glauben Sie selbst nicht!« – – »Ich beschwöre es!« – – »Nee, Katrinchen, alles was recht ist! Aber das geht denn doch ein wenig zu weit! Die Farben jiebt es ja einfach nicht!« – – »Lassen Sie ihn doch, wenn er sich selbst noch etwas vergriffen hat, Lotte! Der wird! Der kann was! Das sind seine »Räuber«, der mausert sich noch in die Höhe!« – – »Glück auf!« – sagte Lotte trocken – Aber Schillers Räuber und der Grünkohl mit den blau angelaufenen, nacklichen Menschen, nee! Ihre prophetische Gabe in Ehren, aber ich zweifle! Eh' der sich seine Augen wieder auf Normalfarben einstellen kann, vergeht ja ein Menschenleben!« – – »Lotte, seien Sie nicht so bockstarr!« – verteidigte Käte ordentlich betrübt. – Sie überzeugte nicht. Und der Kampf tobte noch in dem Restaurationsraum, bei Bier, Würstchen und Eiern fort. –

Die drei Damen hatten nicht bemerkt, daß in der Nebenkabine zwei Herren ihren Gesprächen gelauscht hatten: »Hans-Jörg, die haben Dein Bild vor, armer Kerl! Na, tröste Dich, Du wirst verteidigt, und zwar mit Verve!« – Er erhob sich von seinem Ruhesitz und schlich bis zur Wand, vorsichtig um die Ecke schielend. »Pst! Komm' mal her! So ein Zufall! Fix!« – – »Was denn, wozu?« – fragte der Gerufene unlustig. »Du wirst starr sein, wer Dich verteidigt!« – – »Ich bin nicht neugierig!« – – »Du sollst kommen, sag' ich Sie ist es!« – – »Welche sie?« – – »Die Kleine aus dem Zoologischen von gestern!« Wie der Wind war Hans Jörg Vonhaag empor und überzeugte sich mit eignen Augen von der Wahrheit dieses Zufalles. Er strahlte vor Freude. Die Mißstimmung, welche das Urteil der Bachschen Damen doch in ihm hervorgerufen, wich. Am liebsten hätte er sich sofort Käte vorgestellt. Da das aber doch nicht so ging, beschloß er sie unter allen Umständen kennen zu lernen. – Sein Freund wurde ins Vertrauen gezogen. Beide legten sich auf die Lauer. Herr Vonhaag besuchte allabendlich den Zoologischen Garten und vormittags die Ausstellung. Herr Orniet war vormittags bei den Tieren und abends in der Ausstellung.

Und an jedem Morgen tauschten sie mit der ersten Post die Karten aus, welche nichts weiter erhielten als das trostlose »Nichts!« Diese Jagd war für beide Teile kein Opfer, denn der Aufenthalt »hüben und drüben« ließ sich durchaus ertragen. Endlich am vierten Morgen kam von Orniet der schöne Bescheid: »Ich streike, denn mir wachsen die Biester nachgrade zum Halse heraus. Für Kinder und junge Hunde habe ich nichts übrig, und auf Kindermädchen, Ammen und dergl. bin ich noch nicht verfallen! Um nun dem Wahnsinn zu entgehen oder dem Hitzschlag, denn ich schmore bei diesen erfolglosen Jagden, werde ich Dir untreu. Ich übersiedle mit Staffelei und Malkasten nach Nedlitz. Sei vernünftig und komme mir nach!« – – Vonhaag setzte sich noch eine Frist von zwei Tagen, dann wollte er auch Berlin verlassen. Zum Arbeiten hatte er keine Ruhe und schlenderte mißvergnügt über den Wittenbergplatz. Da kam ihm der Zufall wieder zu Hilfe! Aus einem Hause der Tauenzienstraße erschien Fräulein Groll, im Arm ein ganz stattliches Skizzenbuch tragend. Sie bemerkte ihn nicht und schritt flott nach der Kirche zu und im Bogen herum nach dem Eingangsthor des Zoologischen Gartens. – Ihr geheimer Verehrer folgte ihr und bewunderte ihren leichten, federnden Gang, die schöne Figur und den dicken schwarzen Haarknoten unter dem Reisehütchen. Er betrat nach ihr den Garten und war sehr enttäuscht, als sein Ideal sich einer zweiten jungen Dame näherte, und beide sich herzlich begrüßten. – Mit geheimem Unwillen erkannte er in der Hinzugekommenen Lotte Bach: »Na warte Du – dachte er – erstens gedenke ich Dir das Einstellen meiner Augen auf Normalfarben, und dann, daß Du jetzt hier den Cerberus abgiebst!« – Waren die jungen Mädchen nun zum ersten Male seit jenem Abende hier oder hatte Orniet sie übersehen? Oder waren seine Angaben überhaupt erfunden und er nie hiergewesen? – Ja, Hans-Jörg hatte schwere Sorgen! –

Käte Groll und Lotte schritten dem Raubtierhause zu. Die Malerin wollte vor den Tigern ihre Künste erproben. Sie ließen sich nieder. Käte begann ihre Skizzen. Lotte las ihr, wie sie versprochen, etwas vor. Erst heute konnten sie ihre langgehegte Absicht ausführen. – »Scheußlichen Geruch haben die Viecher? Stört Sie das nicht?« – fragte Lotte und streckte ihr Näschen schnüffelnd und rümpfend aus. – »Ach nein! Und dann darf es mich nicht stören! Ich sitze doch hier nicht zu meinem Vergnügen!« – »Armes Ding! Also sind Sie ein Opfer Ihres Berufes! Und auch mir wird die Gloriole der Märtyrerschaft nicht fehlen »Die Berliner Range oder die hingemordete Kunstfreundin oder das Opfer der Tiermalerei«. Das giebt ein Buch für Georgy, wenn ich morgen als erstunken in die Zeitung komme! Er ist so schon ärgerlich auf mich und meine Unerschöpflichkeit. Seine ernsten Romane liebt er weit mehr, ich bin nur sein Stiefkind! Das gesteht er selbst zu! Dabei kann ich doch nicht dafür und gebe ihm mit diesem freiwilligen Märtyrertod wenigstens einmal Stoff für eine tragische Arbeit!« – – Käte lachte. – – »So schlimm ist es ja garnicht! Es riecht nur ein bischen durchdringend!« – – »Nur und ein bischen ist gut! Ich kann so keine ausgesprochenen und starken Gerüche ertragen, sondern bekomme stets Kopfweh!« – – »So? Aber dann genieren Sie sich doch nicht! Stehen Sie ruhig ein bischen auf, und gehen Sie umher, Lotte! Die Sonne scheint auch hier grade so heiß! Ich fände es unerhört, wenn Sie Sich zierten!« – – »Thue ich garnicht! Ich nehme Ihr Anerbieten mit Dank an. Nur einmal bis zum See und zurück! Ich bin gleich wieder hier!« –

Fräulein Groll zeichnete, zeichnete – trotz Sonne und Geruch. Bis sie durch fest auf ihr haftende Blicke magisch angezogen, emporsah. Sie wurde rot. Da saß, nicht allzuweit von ihr ein Herr, der ihr bekannt vorkam. Auch er hatte ein Skizzenbuch. Auch er zeichnete. Rasch wandte er sich von ihr ab und schaute eifrig nach dem Zwinger hinüber und doch hatte sie die feste Überzeugung, daß nicht der Tiger, sondern sie selbst sein Modell abgab. – Von nun ab war es um ihre angespannte Aufmerksamkeit geschehen! Käte zeichnete; aber es wurde nichts mehr. Sie schielte nach ihm hin. Er nach ihr. Sie fand ihn – er sie – reizend! – – – – – Sie begann ein ganz klein wenig zu kokettieren. Er spielte seine Künste aus. Kurz! Man bandelte an! – Als alles im schönsten Gange war, erschien Lotte. Ihr Späherblick überflog die Situation. »Alle Wetter, – meinte sie lachend – Noch ein Tigerfreund! Käte, Käte, das ist ja der Herr, welcher uns neulich Abend immer verfolgt hat!« – – Richtig! Der Malerin sank die Binde von den Augen. Sie erglühte noch heißer. – »Was geht mich der fremde Kerl an?« – meinte sie gleichgültig. Lotte beugte sich über ihre Schulter. »Käte, was haben Sie da schmierakuliert? Das ist ja ein sonderbares Viehzeugs, vorn ein Tiger, hinten so'ne Art Dickhäuter! Ich danke, Herr Franke! Wenn das in ein Naturgeschichtsbuch käme, so verrenken Sie sämmtlichen Menschen die Raubtier-Begriffe!« – – Die Malerin radierte und nahm schließlich ein neues Blatt. Unter Lottes Kontrolle arbeitete sie und Herr Vonhaag fleißiger. – Aber die Sonne! Aber die Hitze! –

Nach zehn Minuten hielt Fräulein Bach es wieder nicht aus! Noch dazu kamen die reizendsten Kinderchen vorüber. Sie sprang auf: »Sehen Sie diesen Bengel und die blondlockige Krabbe, da muß ich hinterher! So was Geliebtes!« – – Im Fortgehen fühlte sich Lottes mütterlicher Instinkt plötzlich für Kätes Seelenheil verantwortlich. Sie drehte sich um und rief lauter: »Ich komme sogleich wieder!« – Unter diesem Bann stand das junge, zurückbleibende Paar dummer Weise. Denn wenn Lotte Bach erst irgend ein Kind ergattert hatte, dann kam sie nicht so leicht wieder los. Sie blieb unerhört lange fort. Erschien aber grade wieder im unpassendsten Moment. Der hübschen Malerin war ein Bleistift fortgetrudelt. Der hübsche Maler flog beglückt in die Höhe, packte das Instrument und überreichte es seiner glücklichen Besitzerin mit tiefer Verbeugung. Sie lispelte just: »Danke vielmals!« – – Da stand Lotte vor ihr, und Hans-Jörg zog sich mit kurzem Gruß zurück.

Die sonst so kecke Käte wurde bescheiden und ließ sich von ihrer neuen Freundin einfach die Marschroute vorschreiben. »Heute wird es nichts mehr Recht's! Und dann erlaube ich den Wahnsinn nicht mehr, hier in der Mittagsglut weiter zu bleiben. Sie bekommen den Sonnenstich. Basta! Morgen ist auch noch ein Tag, dann gehen Sie aber zu einer andern Tiergattung über, die Tiger liegen Ihnen nicht, wie Figura zeigt!« – – Lotte war jetzt als Braut auf einmal tugendhaft und ganz das, was sie ehemals unter »etepetete« verstand. Die bewundernden Blicke des fremden Malers für die neue Freundin hätten sie früher mit Entzücken erfüllt. Heute erschienen sie ihr ängstlich. Sie mußte die Provinzialin schützen, damit sie auf dem ihr neuen Pflaster keine Dummheiten machte. Aber diese Vorsicht war, ihr ganz unbewußt, über sie gekommen!« –

Zwei Vormittage machte sie sich mühsam frei, um Käte Grolls »Anstandsbaubau« abzugeben. Und sie freute sich dieses Opfers, denn immer tauchte der »freche, fremde Dachs« auf und »machte Augen«. Dabei hatte er in seinem Gesicht nach Lottes Ansicht »etwas Wildes und in seinem Anzuge etwas Saloppes«, was ihr, die an Willis Eigenheit gewöhnt, peinlich war. – Käte widersprach ihr heftig und nannte es »Geniale Augen und künstlerische Ungebundenheit«. Zu Lottes geheimem Ärger schien Käte überhaupt »furchtbar Feuer gefangen zu haben, was durch seine verdrehten Blicke und sein bethörendes Lächeln noch geschürt wurde!« So spielte sie denn Cerberus, bis am dritten Tage ein alter Herr an ihren Sitzen vorüberkam. Dieser begrüßte erst Herrn Vonhaag, dann die beiden jungen Damen. Zuletzt stellte er die beiden Parteien einander vor. Sie schritten zum Restaurant, um eine Erfrischung zu nehmen. Voran die beiden Künstler. Hinterher die Aufsichtsdame Lotte und ihr Begleiter. – »Wer ist der junge Herr eigentlich?« – horchte sie vorsorglich. – »Vonhaag? Ein prächtiger Kerl, aus guter, sehr wohlhabender Familie. Nur schade, daß er in die moderne ›Hinrichtung‹ so hineingeraten ist. Er hat in der Ausstellung ein paar fürchterliche Schinken. Jedoch bei seinem Blick und seinem Talent wird er sich hoffentlich noch mausern und diese Kinderkrankheit überwinden!« – – Lotte dachte angestrengt nach. Dann beschrieb sie zwei Bilder und ihre Häng-Orte. Richtig, die Sache stimmte. Ganz aufgeregt teilte sie Käte sofort ihre Entdeckung mit. »Kate, Menschenskind! Herr Vonhaag ist derjenige welcher! Sie wissen doch Sie haben ihn noch so verteidigt. Mama und ich waren noch so außer uns. Er ist der grünblauviolette Mann mit den verrückt gewordenen Farben! – Entschuldigen Sie, Herr Vonhaag, aber ich sage meine Meinung hier so frei heraus, damit Fräulein Groll unter der Fülle unserer Streitobjekte besser orientiert ist!« – – »O bitte mein gnädiges Fräulein, thun Sie Sich keinen Zwang an. Ich kenne Ihre Meinung über mich bereits und werde mich bemühen, meine Augen auf Normalfarben einzustellen.« – – »Heiliger Bimbam, woher – – – –«

Lotte und Käte waren starr. Er lachte diabolisch. »Woher – – – –« – – »Bitte, fragen Sie nichts weiter, ich verrate keine Sterbenssilbe mehr. Aber Sie sehen, ich stehe mit der vierten Dimension in Verbindung!« – – »Darum keine Feindschaft nicht, Herr Vonhaag! Mann, Ihr Name klingt so himmlisch adlig!« – meinte Lotte. Er lachte: »Gut, gnädiges Fräulein, ich will versuchen, ehrlich zu vergeben. Sie haben mich jedoch in meiner Künstlerehre tief gekränkt und dann noch so manche andere kleine Tierquälerei auf dem Kerbholz! Nun, bis also die Versöhnung erfolgt – lustiger offner Krieg, einverstanden?« – – »Sehr einverstanden! – jubelte die Gefragte – Am liebsten boxte ich ja noch einmal ordentlich, nicht nur figürlich. Leider muß ich aber als Braut mein Prestige wahren, später, wenn ich erst Frau bin, dann – – –« – – »Dann boxen wir!« – ergänzte er vergnügt. »Und ich als Tiermalerin stelle den Kampf der boxenden Kängeruhs dar und kriege die goldene Medaille!« – sagte Käte. – – »Na erlauben Sie'mal gefälligst, Käte!« – – »Aber, mein gnädiges Fräulein! – rief auch er – Ihnen habe ich noch soviel zu danken, machen Sie Ihre lieben Verteidigungsreden vor meiner »Frühlingswonne« nicht wieder zu Nichte!«

Die Beiden vertieften sich in ihre Kunstgespräche. Und über die plaudernden Lippen fort sprachen die Augen ihre Sondersprache. – Käte besucht jetzt mit Hans-Jörg die Kunstausstellung und vormittags den Zoologischen Garten. Lotte, über Vonhaag genau orientiert, läßt sie ruhig ziehen. Sie ärgert sich nur über das »lange Genöhle und kein Ende!« – – »Lieben Sie Sich, dann riskieren Sie ein paar Lippentriller, und die Sache ist erledigt! Warum aber diese Zieherei? Ich hätte Euch Künstler für forscher gehalten!« – schilt sie die junge Malerin aus. Ihre Anspielungen helfen nicht viel. Selbst wenn sie die beiden vor dem Affenhause zum Anhalten zwingt und spitzbübisch sagt: »Kinder, bleiben wir mal 'ne Weile stehen, hier läßt sich die berühmte Affenliebe so gut studieren!« oder wenn sie ihm mit zwinkernden Augen ratet: »Lerne nur das Glück ergreifen! Sieh, die Gute sitzt so nah!« – –

Gestern hat sie Vonhaag erklärt: »Menschenskind, bei Ihnen lernt man das Auswachsen! Ich muß bald fortreisen! Warum kommt noch nichts zum Klappen?« Da hat er sich zu ihr hinunter gebeugt und geflüstert: »Abwarten und Theetrinken! Ich muß doch erst Vater weichkloppen und Mutter breitschlagen, Fräulein Range!« Lotte erstrahlt. Nur Doktor Feller ist tief verstimmt. Er haßt es, wenn seine Braut mit fremden Männlichkeiten auch nur in die leiseste Berührung kommt!

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