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Die Berliner Range VIII - Berlin wie es lebt und liebt

Ernst Georgy: Die Berliner Range VIII - Berlin wie es lebt und liebt - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Georgy
titleDie Berliner Range VIII - Berlin wie es lebt und liebt
publisherVerlag von Rich. Bong
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141203
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6. Kapitel. Auf dem Omnibusdeck.

»Ach Gott, ich fahre doch zu gerne spazieren! Wenn ich doch bloß mal einen hätte, der so reich wäre, daß er mir ab und zu 'ne Droschke spendieren könnte! »So seufzte die niedliche Anna Burwig, die in dem gleichen Geschäft Packerin war, in dem Herr Karl Boll seine grade begonnene Lehrzeit abmachen sollte. Er war kaum eingetreten, das Einjährigen-Zeugnis in der Tasche, die Brust von Mannesstolz geschwellt, so wurde er schon von den älteren Kollegen in eine neue, strenge Schule genommen. Man gab ihm den Spottnamen: »Puppchen« und hänselte ihn den ganzen Tag als »Muttersöhnchen« – »Unschuldslamm« und »Engelchen«. Daheim hatte ihn Vater und Mutter wie ein teures Juwel gehegt und gepflegt, um ihn vor den Gefahren der Großstadt zu bewahren. Eine Zigarette war höchster Sonntagsgenuß. Eine heimliche Anbeterei für Cousine Toni wurde taktvoll totgeschwiegen. Sorgfältig ausgewählte Freunde und Lektüre kamen stets ins Haus. Und wenn Karlchen ja einmal in ein Restaurant geriet, so geschah es nur unter Vaters Obhut. Die Kontrolle über die monatlichen drei Mark Taschengeld war liebevoll vorhanden.

Nun bestand er sein Examen, trat als Lehrling in ein Geschäft und sollte plötzlich ein Mann sein! Er – Karlchen! Dreißig Mark monatlich und unbewachte Freiheit! – Die Mutter schluchzte und betete für ihr Kind. Der Vater, von Verwandten aufgestachelt, bestand auf einmal darauf, daß es höchste Zeit sei, den Jungen sich endlich selbst zu überlassen. Man hätte alle Grundlagen erbaut. Das Weitere mußte das Leben schleifen und zurichten. Gottes Schutz und sein eigner guter Charakter, auf das beides mußte man bauen! Der Chef hatte von Überstunden gesprochen, daher bekam Karl sogar einen Hausschlüssel. – Sein Stolz schwoll ins Maßlose. Er war frei! Er war Mann! –

Aber der Mann wurde bald eines Besseren belehrt. Himmel, was hatte er noch zu lernen, um den älteren Kollegen gleich zu werden! Sie nahmen ihn bald in eine gründliche Schule. Er lernte. Mit dem Buchhalter war er in verschiedenen Kneipen. Der Verkäufer wies ihn auf »Weib und Bier«, der Einkäufer auf »Zigarren und Schlipse«. – Er lernte und kaufte und rauchte. In seinem hübschen Zimmer überwand er den Ekel, den Kater, die Gewissensbisse, und zuletzt auch die brennende Scham vor Mutter und Schwestern. Man fragte ihn, auf Vaters Wunsch, nach nichts mehr. Weder nach den Ursachen seiner Blässe, noch nach seinem Gehalt, oder nach seinem späten Heimkommen. So machte er seinen Häutungsprozeß durch und reifte zum jungen Mann der Großstadt. Bald war er weder »Unschuldslamm« noch »Engel«, sondern nur noch »Puppchen«, seiner Kleinheit wegen. Dies Kosewort blieb ihm. So kümmerte sich auch von den älteren Mädchen im Geschäft keine um ihn. Nur die aller-allerjüngste Anna Burwig konnte er noch haben. Die Andern waren alle in festen Händen. So wurde Anna sein Verhältnis! Zum Glück war sie bescheiden, von anständigen Eltern und im Grunde auch ein Kind! – Karl Boll »ging« zuweilen des Abends aus und spendierte Gallerieplätze in den Theatern oder Abendbrote in den Bierrestaurants – bei Puhlmann – Schippanowsky und Aschinger. Dann hatte er vor denen zuhaus seine Überstunden oder war mit seinen Freunden zusammen! – Am Sonntag gelang es ihm nicht ganz so leicht, sich von den Familiensesseln freizumachen; aber zuletzt gewöhnte man sich auch an sein Fortsein. Dann widmete er seine freie Zeit der Anna. Sie tanzten in Halensee und Rummelsburg, fuhren nach Treptow oder spazierten durch den Tiergarten in die »Zelten«. – So bescheiden ihre beiderseitigen Ansprüche auch waren, ging doch sein Monatsgehalt meist glatt auf. Um Anna gerecht zu werden, mußte er seinen Schlips- und Zigarrenverbrauch auf das Äußerste einschränken. Der junge Boll seufzte zuweilen. Der Sommer und die großen Ferien waren gekommen. Im vergangenen Jahre war er noch mit den Eltern im Harz gewesen. Dies Jahr hieß es einfach: »Du bleibst in Berlin! Du bist gesund und munter, und im ersten Lehrjahre nimmt man keinen Urlaub!« – – So saß er mit zwanzig Mark Schmerzensgeld in der heißen Stadt, wo die daheimgebliebene, langjährige Köchin für ihn sorgte. Die Stunden in dem Geschäft, welches in dem Hofgebäude eines der Riesenkaufhäuser im Centrum lag, schlichen endlos dahin. Sobald es Abend wurde und er die staubigen, dumpfen Räume verlassen konnte, atmete er auf. Er wartete vor dem Burwigschen Hause, bis Anna die Geschäftskleidung mit einer besseren vertauscht hatte. Dann kam sie herunter, und nun ging es hinaus ins Freie. –

»Ach, wenn Du bloß erst mit der Lehrzeit fertig wärst, daß Du uns 'ne Droschke spendieren könntest!« – knurrte das junge Ding eines schönen Abends. Sie hielt in ihrem Innern Karl für einen Knauser und erwog ernstlich, ob sie nicht zu dem jungen Schlosser schwenken sollte. Der war nicht so ängstlich mit Geldsachen, stand nicht unter dem Bann einer guten Kinderstube und vor allem: Er ließ eher einen Thaler springen! – Der junge Boll fixierte bereitwillig einen Taxameter. Plötzlich fiel ihm ein, daß er bei einer solchen Extravaganz nicht genug Geld für einen Sonntagsausflug übrigbehalten würde. »Machst Du Dir denn soviel aus dem Gefahre?« – fragte er, anscheinend gleichgültig. – – »Na aber, Du! Den ganzen Tag hockt man in der Bude, da will man doch abends wenichstens 'n bischen an de frische Luft! Heute ist so kein Windchen, wenn man läuft, wird man nur heißer! Wenn man aber ein bischen fahren könnte, dann hätte man doch Luftbewegung!« – – »Das denkst Du Dir viel schöner als es wirklich ist, Anni! Ich bin doch mit den Eltern soviel in den Droschken 'rumcariolt!« – entgegnete Boll, wie ein Judas seine einstige Leidenschaft verleugnend. »Erst klettert man in die Berliner Marterkästen 'rein, dann hockelt man los, langsam und stuckrig. Und die Aussicht auf die Hinterfront der Kutscher mit ihren meist sehr abgetragenen blauen Mänteln ist nicht sehr verlockend! Schließlich zahlt man eine Menge Geld und ist froh, wenn man aus den Wackelmaschinen mit ihren Schindmähren davor herauskommt!« – – »Mm! Ich meine ja auch nich die zweiter Jüte. Frieda Stangel fährt mit Ihren imma Taxameter nach 'n Jrunewald!« – meinte sie anzüglich und brummig. – – »Was ist er denn?« – – »Schaufensterdekorateur, der verdient wenichstens 'n Batzen!« – – »Dann kann er sich auch solche Extravaganzen leisten. Aber, glaube mir, Anni, Du überschätzt wirklich das Vergnügen kolossal. Die Taxameterdroschken fahren zwar schneller und sehen anständig aus; aber sie sind sehr teuer! Und der Fahrpreisapparat mit seinem weiterhopsenden Zeiger kann einen ganz verrückt und nervös machen! Unwillkürlich guckt man immer hin. Von funfzig bis sechzig geht er anständig langsam, dann aber springt er wie verrückt. Da ärgert man sich nur über das davonfliegende Geld! Es ist in der Einbildung schöner als in der Wirklichkeit, glaube mir doch!« – – Fräulein Burwig war nicht überzeugt: »Das is man Blech! Wenn man sich so fein zurücklehnen kann, dann braucht man ja nicht imma nach dem Apparat zu schielen! Die Kutscher wollen auch leben!« – – Er spielte seinen letzten Treffer aus: »Das stimmt wohl! Aber wenn man im Taxameter fahren will, dann muß man auch nach 'was aussehen, wenn man sich nicht lächerlich machen will! Mama fuhr immer in ihren nobelsten Sachen im Taxameter. Mit einer niedlichen Mousselinblouse ist es nicht gethan! Und auslachen läßt man sich nicht gern!« –

Karl musterte sie vielsagend. Anna verstummte. Sie ließ den Kopf hängen. – Nun that sie ihm leid. »Weißt Du, Kleine, Sonntag fahren wir nach Schlachtensee!« – – »Mm ja!« – – »Oder wir gehen in den Friedrich-Wilhelmstädtischen Theatergarten, wo Vorstellung ist. Auch in die Hasenhaide, wenn Du willst!« – – »Mm ja!« – – »Was hast Du denn heute, Anna?« – – »Garnichts!« – – »Na, dann sieh doch etwas freundlicher aus!« – – »Ich danke, bei die Hitze! So'n Staub und das Gebummse und Geschnurrbrause von de Elektrische! Man wird janz wild. In Westen jehst Du janich' mit mir, damit uns Deine Mischpucke nich' sehen kann!« – – »Fängst Du schon wieder an?« – – »Na, ich doch nich!« – – »Ich etwa? – fragte er einlenkend und hakte sich in ihren Arm: – Willst Du nachher im Automaten-Restaurant eine Eisschokolade?« – – Annas Gesicht wurde etwas liebenswürdiger. – Er blickte auf die vorübersausenden Straßenbahnen mit sinnender Miene. Dann erspähte er einen Omnibus auf dem Damm, und mit einem Schlage kam ihm eine Idee: »Anni, kleine Maus, Du hast recht! Wir müssen fahren, um frischer zu werden. Hier ist es wirklich scheußlich!« – – »Ach Karl, Du bist doch zu süß!« – rief sie entzückt. – – »Siehst Du, nun kommt Dir die Einsicht! Also höre, wenn wir eine Droschke nur auf kurze Zeit loslassen, so kostet das Vergnügen im Handumdrehen eine Mark und mehr. Wir beiden findigen Knöppe werden uns die Sache billiger herstellen!« – – »Wie denn, wie denn?« – fragte sie mit glitzernden Augen. – – »Das will ich Dir sagen! Wir setzen uns oben auf das Omnibusdeck und lassen uns zweispännig ein paarmal hin- und herkutschieren. Das können wir uns für eine Mark fünfmal spendieren und noch verschiedene Touren nehmen! Da sitzen wir oben in guter Luft und schauen stolz auf die andern Menschen herunter. Ist das nicht eine Idee für Götter?« – – Na, so ganz schien sie davon nicht durchdrungen, aber in Ermangelung eines Besseren nahm sie mit diesem Vorschlag vorlieb. Da Anna in der Brandenburgstraße wohnte, und sie sich in der Nähe des Moritzplatzes befanden, so eilten sie dorthin und erkletterten über die steile Eisenleiter das Verdeck des Omnibusses, welcher nach dem Winterfeldtplatze fuhr. Das war eine Tour, welche wenigstens der Mühe lohnte!

Herr Boll und Fräulein Burwig wählten sich den Platz vorn beim Kutscher, wo sie nicht von Vorüberstolpernden gestoßen oder getreten werden konnten. Die andern Sitze waren schnell vergriffen. Im Nu war das Gefährt von dem Publikum erstürmt. Der Schaffner oder Kondukteur gab ein Glockenzeichen. Die erste Tour wurde angetreten! – Wie ungemein reizvoll und interessant eine solche Fahrt durch Berlin von stolzer Höhe hinabschauend sein kann, erfaßt nur jemand, der mit offenen Augen durch die Welt geht. Hoch über dem Straßenlärm, dem Gedränge der hin- und herflutenden Menschenströme, der ab und zu fahrenden Wagenzüge, in freierer Luft fährt man dahin. Wie die wechselnden Bilder des farbenprächtigen Kaleidoskopes, ziehen ununterbrochen die Reihen der Schaufenster mit ihren tausendfältigen Dekorationen an den Augen vorüber. Prächtige Studien kann man dort oben machen. Je nach der Gegend, welche man passiert, ändern sich die menschlichen Physiognomieen, die Bekleidung, das gesamte Straßenbild. Ein Kenner vermag wohl aus den Passanten, aus der Art der Magazine richtige Rückschlüsse auf die Geschäftscentren, auf die Wohlhabenheit der Gegend machen! Besonders reizvoll sind solche Touren des Abends, wenn die Beleuchtung dem rastlosen Treiben ein ganz eigenartiges, effektvolleres Leben verleiht. – Dazu kommt noch, daß man sich nicht, wie in einem Privatwagen, von der übrigen Menschheit abgeschlossen fühlt. Oben, auf den Decksitzen der öffentlichen Fuhrwerke, hat man stets Gesellschaft, man ist nicht für sich allein, sondern gehört, als ein Glied, der Gesammtheit an! –

Karl und Anna waren zuerst ganz begeistert. Immer wieder flüsterte er ihr beglückt zu: »Siehst Du, hatte ich nicht recht? Ist es nicht schöner als in so 'ner lumpigen Droschke?« – – Wenn sie von diesem letzteren auch absolut nicht durchdrungen war, so hielt sie ihre Meinung zurück und stimmte ihm zu. Sie hatten eine große Tüte mit Pflaumen auf dem Obstkarren erstanden. Jetzt erwachte in ihnen die Kindlichkeit. Sie naschten von den Früchten und hoben die Steine sorglich auf, um sie als Wurfgeschosse zu handhaben. »Sieh nur die alte Zicke da unten mit dem riesigen Hute! Der pflanze ich mitten in ihren Gemüsegarten einen Pflaumenbaum!« – raunte er ihr zu. Er zielte scharf und schleuderte. Richtig, der Stein traf die Mitte des Hutes und blieb liegen. Die Dame erschrak, tastete mit der freien Hand oben umher, ohne den neuen Hutschmuck zu finden. Dann blieb sie stehen, schaute sich düster um und blickte zu einem Erker empor, in dem ein harmloses, kleines Mädchen stand. Zu dieser, die ganz betroffen dreinsah, drohte sie jetzt sehr energisch empor. – Die sich schon entfernenden Attentäter waren entzückt. »Au, seh mal den Schmuck, wie es glitzert und blitzert!« – Anna zeigte in ein Geschäft, wo Juwelen sich von dunklen Sammetauslagen einladend abhoben. »Kieken Se sich man nich de Oogen aus den Kopp, das is doch nischt for unsaein! Det könn' sich nur die Reichen leisten!« mischte sich ein neben Anna sitzender Arbeiter ins Gespräch. »Na, wünschen wer' ick doch woll' könn'« – entgegnete sie, in den heimatlichen Dialekt verfallend, den sie vor »Ihrem«, der sehr »ete« war, tunlichst vermied. – – »Sone Mechen ham nischt wie Flausen in Kopp! Nischt wie Putzen und Dummheiten! Rujenieren könn' se eenen, die Bande!« – knurrte er vor sich hin. – – »Sie schein' ja dolle Erfahrungen jemacht zu ha'n! Wat jeht Ihn' dat an, ick hab Ihn' ja noch um nischt jebeten, Sie!« – erwiderte die junge Maid grob. »Se sehen ma aba janz so aus! – meinte er, sie prüfend betrachtend – im ieberjen ham Se mir hier ja nich so grob zu komm', Sie junge Trine! Sie haben noch die Eierschale uff'n Puckel und sin' noch nich trocken hinter de Ohren!« – – Das konnte Anna nicht vertragen. Sie haßte ihre Jugend und ihr kindliches Aussehen thörichter Weise. So drehte sie ihm den Rücken zu und meinte: »Ick hab mit Se jaanischt zu thun, Se könn' ma den Puckel mit Filzparisern langrutschen, vasteh'n Se? Quaseln Se keene fremden – – – – « Den Rest erstickte Karl, der ihr entsetzt die Hand auf den Mund preßte. Um Gotteswillen, kein Streit! Wie sie sprach! »Jeben Se de freche Kröte man beizeiten eins aus de Armenkasse, sonst wächst die Ihn' übern Kopp und zieht Ihn' aus, junger Mann!« – warnte der Arbeiter. Wieder wollte sie wutschnaubend etwas erwidern. Jedoch Karl flüsterte ihr zu: »Wenn Du noch eine Silbe sprichst, stehe ich auf und verschwinde!« – Sie schwieg. Verstimmt blickten beide hinunter. Anna spürte, daß sie eine Dummheit gemacht, sich vor ihm so gehen zu lassen. In ihm regte sich der Abscheu einer guten Erziehung vor schlechtem Betragen. – Schweigend verzehrten sie jetzt ihr Obst und lauschten auf die Gespräche ringsum.

Zwei Männer, welche die Arbeiten aus ihren Werkstätten abgeliefert hatten, unterhielten sich über die »Hundelöhne« – die »schlechte Zeit« – die »Drückerei der Fabrikanten«, welche kaum mehr zu ertragen sei. In ihr Gespräch mischte sich der von Anna zurückgewiesene Arbeiter und hetzte und fluchte gegen und über die besitzenden Klassen. Er benutzte die gleichen Schlagwörter und aufreizenden Phrasen, wie die Agitatoren seiner Partei, deren Versammlungen er wahrscheinlich oft besuchte. – Auf der nämlichen Seite wie unser Pärchen saß ein junges anständiges Ehepaar. Die hübsche Frau hatte mit ihren zwei Kindern den Gatten vom Geschäft abgeholt. Jetzt hielt jeder von ihnen eins der kleinen Geschöpfe auf dem Schoße. Alle Minute wiederholten sie in ihrer kindlichen Weise die Worte der Eltern, welche sie auf alles Augenfällige aufmerksam machten. »Oppabus, hühü!« – – »'Daten!« – – »Brr, Feuaweha!« – – »Tutzmann!« so scholl es jauchzend. – Neben diesen Leutchen saß ein junger aufgedonnerter Geck, die spärlichen Schnurrhaare emporgewirbelt, im Auge ein Monocle. Sein Anzug glänzte von billigster neuer Mode. Kravatte, Hut und Stock waren hervorragend auffallend.

Mit findigem Blick hatte dieser Jüngling, den man auf Friseur, Kellner oder sonst einen ähnlichen Beruf taxierte, herausgefunden, daß auf dem Verdeck die Weiblichkeit in Fräulein Burwig ihre hübscheste Vertreterin hatte. Ebenso klug erkannte der erfahrene Berliner, daß zwischen diesem weiblichen Wesen und ihrem Kavalier nicht alles in Ordnung war. Die Art, wie sie schweigend nebeneinander saßen und auf die Straße in deutlicher Verstimmtheit starrten, verriet gar viel. – Vergebens bemühte er sich durch Räuspern und Bewegungen ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Er saß zu weit von ihr entfernt, und der Lärm ringsum war zu bedeutend. Jedoch er hatte momentan keine »Braute«. Anna gefiel ihm von Minute zu Minute besser. Und in dem feinen, blassen Kerlchen Karl Boll fürchtete er keinen zu starken Nebenbuhler. Den stach er, der elegante, viel ältere noch im Handumdrehen aus! – – Karl ahnte nichts von der ihm nahenden Gefahr. Anna nichts von der Bewunderung, die sie erregte. Sie hatte vorläufig keinen Besseren in Bereitschaft, hatte sich vor Karl eine Blöße gegeben und versuchte, einzulenken. Sie waren mittlerweile in die Leipzigerstraße gekommen. Hier zeigte sie ihm zwei Kommis aus ihrem Geschäft, welche mit zwei Dämchen auf- und abflanierten. Um nicht eine Scene heraufzubeschwören, antwortete er. Ein neues Gespräch bahnte sich an, schleppte sich aber nur sehr langsam weiter. –

Anna Burwigs Benehmen zu dem Arbeiter hatte in Herrn Boll den Aristokraten erweckt. Ihr pöbelhaftes Sprechen, der Ausdruck ihres, mit einem Schlage ordinär gewordenen Gesichtchens rissen ihm die Binde von den Augen. Plötzlich, zum ersten Male, verglich er sie mit den Schwestern und Mädchen seiner Kreise. Ihr fehlerhaftes Deutsch, das ihn bisher entzückt, störte ihn wie ihre Haltung, ihre Garderobe, ihre roten ungepflegten Hände in den gemeinen Filethandschuhen. Wie sie die Pflaumen auslutschte und die Steine mit den Lippen wegschnellte! Was würde seine Mutter wohl zu ihr sagen oder Tante Tekla? Beide waren so fein! Was hatte ihn nur so an ihr entzückt? Wie war Cousine Toni dagegen niedlich, wohlerzogen und doch so frech, so gebildet naiv frech! Und Toni hatte ihn stets so gern gemocht und in der Tanzstunde bevorzugt! – – – – – Jetzt war sie mit den Ihren in Borkum. Noch heute Abend wollte er ihr eine Ansichtspostkarte schicken! – Und Ansichtspostkarten sind heutzutage die besten Barometer für steigende und fallende Liebe. Je mehr bunte, Verse und Blumen bedruckte – je heißer war das Gefühl! –

Endlich war man an der Endstation. Um die Zeit totzuschlagen und der Fahrlust, laut Verabredung, zu fröhnen, blieben beide auf dem Verdeck sitzen. Nur vertauschten sie ihre Plätze mit den nach hinten gelegnen. Denn der Duft, der von dem Kutscher und seinen Pferden ausströmte, war etwas störend. Überhaupt, mit der Reinheit der Luft war das so eine Sache! Hier, im Westen, in den breiten, neuen Straßen ging es noch! Aber im Innern der Stadt herrschte ein schwerer Dunst. Gar viele Odeure stiegen von der Straße empor, strömten aus den Butter- und Käse-, Räucherwaren- und sonstigen duftigen Geschäften und vermischten sich hold miteinander. – Darum beschlossen sie, nur bis zur Ecke Friedrich- und Leipzigerstraße mitzufahren und dann eine andere Tour zu wählen. Je nach Zufall! Sei es nun in der Richtung nach dem Belleallianceplatz oder dem Oranienburger Thor zu. – Annas neuer Verehrer, Herr Kuno Leitnig, hatte sie weiterhin im Auge behalten und blieb auch sitzen. Nur wählte er jetzt seinen Platz so, daß er schräg hinter ihr, Rücken gegen Rücken, saß. – Während der Pause auf dem Winterfeldtplatze, hatte er die Aufmerksamkeit des jungen Dinges auf sich zu lenken gewußt. Er warf ihr ein paar flammende Blicke zu, reckte und streckte sich, kokettierte mit seinem Schnurrbart und so fort. Das Samenkorn war geschleudert und wirkte jetzt in ihr nach. Sie schielte wiederholt eifrig nach ihm hin, wiederholte sein Augenspiel aber noch versteckt. Jedenfalls war es im schönsten Gange! Plötzlich wurde sie lebhafter, plauderte lauter und in gezierter Weise, behandelte Karl neckisch und schnippisch. Er musterte sie erstaunt und ahnungslos. –

Der Zufall kam ihr zu Hilfe. Zu Bolls Schrecken stiegen an der Magdeburger Straße zwei ehemalige Schulfreunde auf das Verdeck und setzten sich mit größter Wiedersehensfreude zu ihm. Beide waren jetzt Oberprimaner geworden und geberdeten sich schon stolz als kommende Söhne der Alma Mater. Wenigstens sprachen sie fast garnicht vom Gymnasium, nur von Universität, Kneipe, Mensur. Karl seinerseits biß den Großindustriellen und lebenserfahrenen Weltmann heraus. – Wie er es mit Anna einst verabredet, spielte er jetzt den Judas. Er verleugnete sie, kehrte sich fremd von ihr ab und widmete sich völlig den Jünglingen. – So bot sich denn Herrn Kuno Leitnig eine günstige Gelegenheit, die Bekanntschaft aus der Entfernung in eine persönliche umzuwandeln. Er schmachtete Anna noch einige Sekunden stumm an, stützte seinen Arm auf die Querlehne und stieß mit Absicht gegen ihren Hutrand: »Ach, verzeihen Sie, mein Fräulein!« – sagte er lächelnd. Sie hatte sein Manöver mit Herzpochen verfolgt. Der junge Mann in seiner vollendeten Affigkeit, mit seinem Bärtchen und Augenglas imponierte ihr. Sie fühlte sich weit mehr zu ihm hingezogen als zu Karl Boll, der ihr immer mehr als Ersatzreserve und Notnagel gedient hatte. – »Och bitte! – meinte sie freundlich – Sowas kann 'ein schonst passieren« – – »Gewiß doch! Manches Mal is' es aber höchst unangenehm, besonders wie in gewöhnigliche Fälle!« – – »Wie is es an dem?« – fragte sie. Beide wollten fein sein und verfielen in höchste Ziererei, die man oft bei Leuten ihres Schlages antrifft. – – »Nun, ich meine, wenn man, wo man aus Versehen jemandem anstoßen thut, zuweilen an häßliche Damen stoßen könnte, was denn janich schön wäre. Während im vorliegenden Falle man eine so reizende Dame zu berühren, für eine besonders gute Schicksalswendung betrachten dürfte!« – Dies Wort gefiel ihm höchlichst. Er gebrauchte es sofort noch einmal. »Ich glaube an Schicksalswendungen, wo man, wenn man sieht, sogleich sich sagen muß: Es ist Liebe auf den ersten Blick! Man sieht, man wird gesehen! Das Band is geschlungen! Wie denken Sie darüber, Fräulein?« – – »Ich bin der nämlichen Ansicht. Etwas muß jleich jeschehen oder es is nichts! Ich wäre nie for ein langes Jezoddle!« – erklärte sie kurz und entschlossen. »Sehen Sie, Fräuleinchen, ich wußte es jleich: Wir beide verstehen uns. Zwei Seelen und ein Jedanke, zwei Herzen und ein Schlag!« – – »Jott, wie jut Sie die Worte setzen können, sie sind sicher ein Dichter!« – schmachtete Anna.

Er lächelte bescheiden und zugleich stolz. Der Eindruck, den er auf sie zu machen schien, beglückte ihn und schmeichelte seiner Eitelkeit. »Wenn auch nich jrade Dichter – widersprach er – So kann ich nich leujnen, daß ich in unsern Theaterverein – Paradiesesschatten – ein besonders jeschätztes Mitjlied bin. Ich halte alle Damentoaste und spiele stets die jugendlichen Helden und Liebhaber!« – – »Ach, was Sie nicht sagen!« – staunte die Kleine ehrfurchtsvoll. – »Ja, mein Fräulein, sogar vor strenge Kritik. Neulich hat der Expedient von das Freie Morgenjournal, wo immer über uns berichtet, sogar – ich will nich weita prahlen; aber es entspricht der Wahrheit – meinen Don Carlos und meinen Piccolomini in verkürzter Auffassung, über Matkowsky selber jestellt!« – – »Ach je, ach je, woderdrum jehen Sie nich beis Theater?« – fragte sie. Er seufzte: »Noch ein Jahr und ich werde Theater lernen, ich frisier, – er erschrak, fuhr aber verlegen fort – Sie wissen ja, wie Väta sind, er zwingt mir gegen mein Talent zu diese unpoetische Kondition! Abba sobald ich mündig wer', jeh ich über! Ich frisier einen Heldenvater vons Belaljanz und ein' Charakterkomiker von Weißen. Beide haben mir gesehen und wollen mir ausbilden helfen und protejieren. Und Protejiererei is allens in den Stand!« – – »Gott, wie herrlich muß das sein! Wer Ihn' doch mal sehen könnte! Ich schwärme for Schauspieler! Das sin andere Menschen, schon der Awek in de Kleidung, de sanfte Sprache!« – Ein flammender Blick traf ihn. Er rückte näher und senkte wie unbewußt seine Hand auf ihre Schulter. –

»Na, wie wäre es, Fräulein, komm' Se doch mal mit mir! Ich führ' Ihn' in »Paradiesesschatten« ein. Uns fehlt eine gute Naive! Vielleicht fällt auch mal for Ihn' eine Rolle ab, wenn Sie Talent haben. Wir sind ein hochnobler Verein! Dreihundert zahlende Mitjlieder. Na, überlegen Se sich die Chose!?« – – Anna Burwigs Augen funkelten: »Och, och, wäre das schön! Aba ich möchte mir nich aufdrängen! Was würde Ihre Braut sagen?« – – »Ach, derowegen seien Sie gänzlich ruhig, Fräulein! Ich ging mit eine Statistin von der Urania, aber sie war meiner Liebe unwert, und weil sie zehn Jahre älter war als ich, heiratete sie den Restaurantpächter Bombs. Nachher hörte ich erst, daß sie schon einen Sohn hatte! Nach sone schweren Erfahrungen knüpft man nicht so leichte an. Aber Ihn', nee! Jene? Hin ist hin! Bei Sie, Fräulein, neues Leben blüht aus den Ruinen!« – – »Mein Name ist Anna Burwig! – stellte sie sich praktisch vor. – »Meiner Kuno Leitnig!« – Er erhob sich und lüftete leicht den Hut. »Also rechne ich auf Ihnen, Fräulein Burwig! Könn' Sie Sonntag, da spielen se im Verein Schillern seine Semele. Ich bin Zeus mit Donner und Blitz! Das is 'ne Sache mit 'n schwierigsten Apparat!« – – »Ich kann imma, Herr Leitnig!« – – »Das ist sehr schön; aber – – « Er sprach nicht aus, sondern schaute vielsagend auf den treulosen Karl, für den sie nicht vorhanden war. Er hörte auch ihr Gespräch nicht, weil es der Wagenlärm verschlang. – Sie folgte Leitnigs Blick, hob verächtlich die Schultern und machte eine Schippe: »Der!?! P! Das is' der jüngste Stift aus 's Jeschäft! Ein kleener Affe, mit dem ich, weil er so geweinert hat, mitgefahren bin! Der – – –!« – – »Na, also, da wären wir ja einig! Seid einig, einig, einig! sagt schon der olle Attinghausen in Schillern sein Tell« – rief er erleichtert, und die Finger seiner Hand hoben sich von ihrer Achsel und strichen sanft über ihre Wange. Sie wurde rot und lachte verschämt.

»Müssen Sie denn heute noch mit dem Kleinen jehen? Haben Sie denn schon etwas jepräpelt? Wie sagt Othello, den gab ich vorgtes Jahr: »Hast Du schon zur Nacht gebetet, Desdemona?« – – Anna wurde vor Wonne so übermütig, daß sie am liebsten laut gejauchzt hätte. – Sie wandte ihm ihre hübsche, lachende, kleine Fratze zu. »Nee, noch nich', bei den Stift langt et nich recht!« – – »Na, so'n Skandal! Wenn man mit Eine jeht, denn hat man auch seine Pflichten! Gottsdonner und Doria! Fräulein Anneken, ich bin kein reicher Mann, aber es soll mir eine Freude sein, mit Ihn' heut noch Abendbrot zu essen! So weit langt es noch. Wollen Sie? Na?«– – Es kostete Anna keinen Seelenkampf weiter. Sie bejahte bereitwillig. – »Na, und was machen wa mit den Kleinen?« – – Sie zog ein schlaues Gesicht. »Steigen Sie an de Friedrichen mit ab, und da sollen Se sehen, wie ich 'n vasetze – – »Recht so, Fräulein Anneken: Leb wohl, mein Max! Johanna geht und nimmer kehrt sie wieder!« – citierte er in merkwürdiger Kombination. Sobald er ein Citat brauchte, betonte er jede Silbe aufs Schärfste und sprach in pathetisch dumpf gepreßtem Tone.

Der Omnibus schwankte auf die bezeichnete Ecke zu. Anna erhob sich, jetzt sehr sicher. Sie zupfte Karl am Rock. Er verstand sie und erhob sich gleichfalls, nachdem er von seinen Bekannten Abschied genommen. Hinter ihnen stieg Kuno Leitnig ab. Alle drei gingen ein Streckchen in der Friedrichstraße: »Auf welche Linie wollen wir jetzt steigen?« – fragte Karl. – »Ich habe keene Lust! Das Jefahre is mir zum Halse raus. Des is doch nienich 'ne Droschke!« – – »Wie Du willst! – meinte Boll gleichmütig. Ihr Zauber auf ihn war endgültig erloschen. – Wo gedenkst Du sonst hinzugehen?« – – »Du, die ewige Aschingerei paßt mir nich mehr und Konditorei och nich! Ich hab auf'n Omnibusen mein Vetter Kuno jetroffen! Da jeht er hinta uns! Und da hab 'ch ihn vasprochen, daß ich mit ihn bei meine Tante komm!« – – Karl sah sie groß an. Er durchschaute sie und fühlte sich auf einmal merkwürdig leicht und frei. »Wie Du willst, Kleine! Na, adieu und amüsier' Dich gut! Auf Wiedersehen morgen!« – –

Sie sah ihn erstaunt, ja betroffen an. Sein Ton befremdete sie auch! Aber hinter ihm winkte Leitnig und seine stolze Erscheinung sein Abendbrot, sein Verein: Paradiesesschatten! Da gab es kein Halten! Hastig reichte sie ihm die Hand und eilte dann auf den Andern zu. Mit ihm zog sie stolz Arm in Arm von dannen. Karl blickte ihr aufatmend nach. »Ei, dann kann ich ja die ganze Mark für mich verwenden!« – überlegte er egoistisch und begab sich vergnügt in ein nahe gelegenes Restaurant. Vorher erstand er eine poetische Vergißmeinnichtkarte für die Cousine Toni. Der Kellner brachte ihm Tinte und Feder. Karlchen Boll warf in der Eile folgende schöne, wenn auch nicht grade klassischen Reime aufs Papier:

»In Einsamkeit im heißen, märkschen Lande
Sitzt und gedenkt des Mägdeleins, des süßen,
Am fernen kühlen Nordseestrande,
Ein armer Vetter hier mit tausend Grüßen.
Von früh bis spät ist ihres Lobes voll,
In treuer Freundschaft: Karl Boll!«

Darunter kam ein gradezu idealer Schnörkel. Noch spät am Abend wurde der minnige Gruß befördert. – Cousine Toni trug ihn auf dem Herzen, bis er zerfledert war und eine Unmenge neuerer, schönerer Kartengrüße diesen ersten übertrafen. – Herr Boll ist in einer reinen, platonischen Sehnsuchtsschwärmerei und spart von seinem Gehalt, um Toni bei ihrer Rückkehr mit schönen Blumen zu empfangen! Mit Anna Burwig, die jetzt »ihren Festen« glücklich erobert hat, steht er auf kühlem Gruße. Er versteht sich selbst nicht und kann nicht begreifen, daß erst eine Fahrt auf dem Omnibus ihn von diesen Abwegen befreien konnte!

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