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Die Berliner Range VIII - Berlin wie es lebt und liebt

Ernst Georgy: Die Berliner Range VIII - Berlin wie es lebt und liebt - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Georgy
titleDie Berliner Range VIII - Berlin wie es lebt und liebt
publisherVerlag von Rich. Bong
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141203
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5. Kapitel. Im Tiergarten.

Lotte Bach saß bei ihrer Stickerin und suchte mit ihr Monogramme und Buchstaben aus, welche in ihre Wäsche eingestickt werden sollten. Es war ein warmer Morgen, aus dem ein heißer Tag zu werden versprach. Das junge Mädchen war verstimmt und fächelte sich mit dem Taschentuch Luft zu. »Sie sind heute nich' recht, Fräulein Lotte! Haben Sie sich mit Herrn Doktor verkramboliert?« – fragte Frau Krause endlich bescheiden. Sie konnte sich das erlauben, denn sie kannte die Familie Bach seit vielen Jahren und war vor ihrer Ehe lange Zeit Hausmädchen daselbst gewesen. – »Ich verkrampelt mit meinem süßen, geliebten Vieh? Na, da sind Sie schief gewickelt. Nee, Krauseminzchen, sowas kommt bei uns zwar zuweilen vor; aber es dauert immer nich lange, denn zu meiner Schande muß ich zugeben: Er hat fast immer recht! Ich bocke und mache Summs; aber zuletzt lenke ich ein! Denn alles kann ich vertragen, nur nicht, daß er so traurig und blaß dasitzt! Der geliebte Knopp!« – – »Ja, er ist zu famos, so schön und gut!« – – »Sie sind eine prächtige Person, Krauschen!« – rief Lotte mit aufgehellter Miene. – – »Aber jeben Se man nich zu oft nach, sone Männer bilden sich sonst zuviel ein! Ueberhaupt, wenn man als verlobte Braut schonst die Windelweiche spielt!« – – »Ich und windelweich? Na, da kenn' Sie Aujusten schlecht! Nee, fragen Sie mal meinen Schatz, ob der mich windelweich kennt? Merschtendeels bin ich eher ein Stachelschwein!« – – »Na, das ist auch ganz gut, nur nich verwöhnen! Glauben Sie mir! Lieber ein' Krach mehr und sich seiner Haut wehren, Fräulein Lotte!« – – »Sie sind ein Gemüt, Krausen!« – – »Ja doch! – meinte diese verlegen – Es ist wirklich besser – – – –« – – »Gewiß, ich verstehe Sie schon. Sie sind auch der Ansicht, kleine Kräche stärken die Freundschaft! Und Sie haben garnicht so unrecht; aber nach einer anderen Richtung hin! Nämlich, wenn man so recht doll verkracht war, dann sind die Versöhnungen so herrlich! Man liebt sich wieder so wie neu! Grade wie bei der Plätterei von Oberhemden oder bei der Aufbügelei von Cylinder-Angströhren!« – – »Ja, so meine ich es wohl!« – – »Richtig, man bloß nicht ewigen Sonnenschein! Oder nur Erbsensuppe! Das Schönste an der sind doch eben die Bröckchen, wie am Spinat die Eierscheiben!« – –

Beide vertieften sich wieder in die aufgeschlagenen Musterbücher. Lotte war nur mit mattem Interesse bei der Sache. »Nee; aber Sie jefallen mir heute wirklich nich'!« – rief die Stickerin wieder. – – »Quatschen Se nich, Krauseminzchen! Ich habe Euch eben Alle verwöhnt! Ihr kennt mich immer nur lachend und lustig. Ich darf nie ernst sein, soll immer nur die Range verkörpern!« – – »Sollen Sie auch, Fräulein Lotte, denn in Ihrer dollsten Frechheit sind Sie am niedlichsten!« – – »Alter Schaute, mir kann doch wenigstens auch 'mal koddrig sein oder erlauben Sie nicht, daß ich auch einmal Kopfschmerzen haben darf?« – – »Nee, eigentlich nicht! Haben Sie heute welche?« – – »Aber nich' von Pappe, kann ich Ihnen sagen! Das bullert in meinem Gehirnkasten, als ob alle Gedanken durcheinander kullerten, und das Gekloppe gegen die Schläfe, wie mit einem Hammer!« – – »Sie, armes Fräulein Lottchen, darum sind Sie auch so still heute. Soll Ihnen Berta ein Pulver aus de Ap'theke holen?« – – »Ach, gehen Sie mit ihren Pulvern! Ich heirate zwar einen Arzt, aber für die Pulverschluckerei bin ich nicht sehr! Man vergiftet sich nur mit all den Medizinen! Die Natur hilft sich am besten allein! Oder für leichte Hausmittel bin ich allenfalls!« – – »Was sagt da der Herr Doktor?« – – »Ich sei seine schlechteste Patientin, sagt er! Gott sei Dank dafür! Er will mich immer dünner machen, aber Diät liebe ich nicht sehr. In wem es einmal liegt – liegt es eben! Basta! Bis zur Silberhochzeit ist es übrigens vorbei!« – fügte sie etwas unwirsch hinzu.

»Das hoffe ich auch! Aber Sie sollten etwas spazieren gehen! Der Tiergarten ist jetzt so schön! Meine Jöhren treiben sich in den Ferien dort den ganzen Tag umher!« – – »So, das ist vernünftig! Da haben sie gute Luft! Übrigens ist die Idee nicht schlecht! Ich werde nachher meine müden Glieder und meinen verdreht gewordenen Deetz auch dort spazieren führen! Darum fix, Krausen!« – – Lotte nahm jetzt ihre gewohnte Energie zusammen und traf ihre Auswahl. Dann erhob sie sich und setzte den leichten Hut auf: »Wo sitzen denn Ihre Ableger immer, Sie, Kaleika?« – fragte sie. – »Na, meist rechts von der Rousseauinsel, auf dem großen Spielplatz in der Nähe von den Zelten! Wissen Sie, wo die große Halle steht, und wo Bolle seine Milch verschenkt?!« – antwortete Frau Krause. – – »Bon, ich werde sie schon finden! – – – – – – Es ist noch früh, ich kann ein paar Stunden herumschlendern. Na, atchö, Krauseminze! Sticken Sie recht schön, und schlafen Sie heute Nacht wohlriechend und vor allem rund, daß Sie nicht eckig werden!« – –

Sie reichte der Frau freundlich die Hand, ließ sich gute Besserung wünschen und verabschiedete sich dann. Langsam wanderte sie durch die Straßen. Bei dem Kaufmann an der Ecke erstand sie für zehn Pfennig Bonbons und für zehn Pfennig Chokoladenplätzchen. »Damit mache ich die kleine Bande geschmeidig und kann besser an sie heran« – erwog sie nach dem richtigen Grundsatz: Kleine Geschenke erhalten und gewinnen die Freundschaft. – Durch die Bendlerstraße trat sie in den schönen, schattigen Park. Es war noch sehr früh, daher war es noch nicht allzu voll. Trotzdem war hier am Anfang jede Bank besetzt. – In Gedanken verloren und von ihrem Kopfschmerz stark gepeinigt, ging sie am Wasser entlang, ohne sich sehr nach links umzusehen. Sie erschrak daher, als plötzlich der laute Ruf: »Guten Morgen, Berliner Range! Warum so stolz?« – erscholl. Lotte wandte den Kopf und erkannte zwei ältere Damen, Freundinnen ihrer Mutter. Sie eilte, sie zu begrüßen und wurde mit einer Menge Fragen überschüttet. Um diese zu beantworten, mußte sie in der Mitte Platz nehmen. »Und darf ich fragen, wo Sie herkommen, meine verehrten Damen?« – – »Wir? Ja, wir jungen Mädchen von heutzutage sind eben früh aus den Federn! – entgegnete die eine lachend. – Nachher, wenn es erst heiß ist, wagen wir uns nicht aus unserm Bau. Darum fängt unser Tagewerk früh an!« – – »Ja, ja, liebe Lotte, wir haben schon unsere Brunnenkur hinter uns! Wozu sollen wir noch in unsern Jahren aus unsern behaglichen Häuslichkeiten in die teuren, unbequemen Bäder?« – meinte die andere. »Ach, so trinken Sie auch in diesem Jahre Ihre Brunnen hier?« – fragte Lotte. – – »Natürlich, wir übertragen beide Marienbad nach Berlin! In regelrechten Abständen mit dem dazugehörigen Laufen trinken wir die ersten Becher. Nach dem dritten unternehmen wir die lange Promenade durch den Tiergarten, und belohnen uns dann – – – – – –« – – »Ich weiß schon! – rief Lotte – Meine dicke Wonne macht es genau so: Sie belohnt sich bei »Kroll« oder bei »Kistenmacher« oder in den »Zelten« mit ihrem ersten Frühstück, wozu die Hörnchen und Semmeln im Pompadour mitgeführt werden. Dann werden die Zeitungen durchstudiert und mit den Brunnenkolleginnen die Schwätzchen abgehalten!« – – »Richtig erraten! Sehen Sie, kleine Range, das ist der Anfang unseres Tagewerkes und der Tribut an unsere Gesundheit!« – – »Entschuldigen Sie, wenn ich diesen Tribut stark anzweifele, Frau Heine!« widersprach Lotte. – »Nanu?« – – »Weshalb?« – –

»Weil ich von Mutta her die Berliner Brunnenkur nicht so recht schätze! – entgegnete Lotte – Überhaupt gehört zu all diesen Mineralwasserkuren eine eiserne Energie und eine sehr lange, strenge Durchführung auch in der Diät.« – – »Sie zweifeln doch hoffentlich nicht daran, daß wir die besitzen?« – sagte die eine Dame und packte das junge Mädchen am Ohrläppchen. Lotte lachte: »I, wo wer' ick denn!? Ich wage an Ihnen nicht zu zweifeln und erkläre Sie, meine Damen, für Ehrenweiber mit Eichenlaub und Schwertern! Was aber mein Altes anbetrifft, so ist ihre Marienbader Kur in Berlin der höhere Mumpitz! Und ich weiß, es machen viele so wie Wonnemiez!« – – »Wie macht sie es denn?« – fragten beide Damen vergnügt. – »Sie machte es folgendermaßen: Sie trank ihre Brunnen und strolchte dann höchst anständig los. Nach dem Frühstück und den Promenaden kehrte sie heim. Dann war große Abplanscherei, aus der meine Mietze sehr erfrischt in der Matinée mit einem Buche erschien. Nun folgte ein gediegener Schlaf und dann lebte sie wie stets, munter und ohne Diät!« – – »Alte Verläumderin!« – – »Nein, wahrhaftig, ich sage die Wahrheit! Wir fanden sie oft in verdächtiger Nähe des Obstkorbes hold errötend. Oder aus ihrer Tasche fielen Obstkerne und Birnenstengel, die dann meist ganz ohne ihr Vorwissen hineingeraten waren! Kurz, man hat sein Kreuz mit ungehorsamen Müttern!« – – »Nun eben, Sie haben es auch schwer! Tauschen Sie Muttern doch um, Lotte!« – – »Nein, danke, Frau Berndt, man wechselt doch nur mit den Fehlern! Ich weiß, was ich an dem geliebten Knopp habe, aber nicht, was ich kriege!« – erwiderte Lotte spitzbübisch – – »Sie despektierliche Person!« – schalt die andere Dame. »Ja, der Wahrheit die Ehre! Und nun leben Sie wohl, meine verehrten Damen! Ich wünsche Ihnen angenehmes Morgen-, Mittags- und Nachtschläfchen! Aber bitte, meiden Sie Obst, Mehlspeisen, Saucen etc.!« – – »Racker Sie!« – – »Alter Spionenriecher!« – –

Lotte verabschiedete sich. Sie wandte sich zu dem Platz, auf dem das Monument der herrlichen Königin Luise stand. Hier giebt es ein hochgelegenes Plätzchen mit Sitzgelegenheiten und schöner Aussicht. Als sie dort hinaufwollte, prallte sie zurück, denn sie stieß gegen einen Herrn: »Lotte Bach, Sie scheinen nicht ganz klar! Seit wann sind Sie denn ein Hans-Guck-in-die-Luft? Sie haben mir zwei Rippen mindestens eingestoßen!« – – »Nun weiß ich, was hinter meinen Schläfen so rast! – sagte Lotte lachend – das war Vorahnung und Empörung, daß ich nicht einmal im Tiergarten ungestört sein kann! Überall, notorisch, wo ich auch hintrete, Ernst Georgy! Schrecklich!« – – »Danken Sie Ihrem Schöpfer dafür! Sie verstehen das Glück nur nicht recht zu würdigen. Dabei möchte mancher an Ihrer Stelle sein!« – – »Ja, die Dummen sterben nicht aus!« – – »Lotte, Rippenbrecher, Sie kehren die Weltweisheit um. Ich diene Ihnen mit dem Gegenspruch: Dem Dummen kommt es im Schlaf!« – – »P! Retourkutsche! Im übrigen lassen Sie mich, ich habe Kopfweh!« – – »So? Erstaunt mich nicht! Eine natürliche Revolution frecher Gedanken im Rangenschädel!« – – »Unmensch!« – Er musterte sie liebevoll: »Es stimmt, Herzchen, Sie sehen angegriffen aus, ganz kleine, flimmernde Augen!« – – »O weh, Georgy wird gefühlvoll und zärtlich! Jetzt merke ich, daß es schlimm um mich stehen muß!« – rief sie. – »Wollten Sie auf das Siechenhaus?« – fragte er ablenkend und zog sie am Arme wieder wegab. – – »Wie nennen Sie das Plätzchen?« – – »Das da oben? – Siechenhaus! Alle Greise und Greisinnen der Umgegend, welche nicht mehr gut zu Fuße sind, krabbeln bis hierher und sitzen hier stundenlang! Kommen Sie, Dickes, ein rüstiger Deutscher wandert tiefer in das Innere der Forsten und begnügt sich nicht mit dem Waldrand!«

Der Schriftsteller wanderte mit Lotte tiefer in den Park. »Sehen Sie sich einmal um, Range! Auf dem Tiergarten liegt rechte Ferienstimmung. Gut, daß wir beide auch bald ausfliegen. Bei aller Leidenschaft für Berlin! Im Sommer ist es doch, mit Verlaub zu sagen, ein Schwitzkasten. Hier ist es noch erträglich! Aber um darauf zurückzukommen: man merkt die Ferien!« – – »Woran, Sie scharfer Beobachter?« – fragte Lotte müde. – »An dem Fehlen des reichen Elementes. Wer was hat, ist jetzt fort! Die koketten angeputzten Kinderfräuleins mit ihren aufgeputzten, beschleiften, kleinen Äffchen sind in den Bädern. Die englischen und französischen Bonnen, die in ihrer Heimat meist so gut fegten und schneiderten und hier so gut pädagogackern, sind mit ihren dünnbeinigen, offenhaarigen Demoisellen an der Nordsee oder in den Alpen! – – – – Daher sehen wir jetzt ringsum mehr Mittel- und Kleinbürger mit ihren Sprossen!« – – »Das stimmt! Mama und ich, wir freuen uns immer, wenn wir in den Ferien hier die armen Kinder mit ihren Freßkobern beobachten! Hier haben sie doch gute Luft und Erholung, besser als auf den Höfen und Straßen mit dem Staub und Sonnenbrand!« – – »Gut gebrüllt, Löwe! Auch all die kleinen Beamten, die ihren Urlaub nicht mit Reisen ausfüllen können; benutzen unsere städtischen Parkanlagen; wie Humboldt- und Friedrichshain, Viktoria-, Treptowerpark und Tiergarten fleißig. Betrachten Sie das alte, weißhaarige Männchen da. Ich kenne ihn seit einigen Tagen. Er liest hier seinen Lokalanzeiger und seinen Reuter. Um zwölf Uhr zieht er aus der linken Tasche zwei Brötchen, aus der rechten ein Fläschchen Milch. – Der jüngere Herr neben ihm muß so eine Art Kollege sein. Er macht ständig Notizen oder starrt auf das Wasser, wenn er nicht grade die Schwäne und Enten füttert!« –

Sie kamen an eine kleine Halbinsel, deren Bänke recht geschickt unter den Schatten der Bäume gestellt waren. »Da! Es ist drollig! Wer seit mehreren Tagen beobachte ich hier genau die gleichen Leutchen. Dort die beiden alten Schwestern mit ihren Riesenpompadours. Die eine stickt. Die andere häkelt. Die Dame daneben, sicher eine verheiratete und verwittwete Schwester, liest ihnen aus dem Journalzirkel vor. – Der alte Offizier ist pensioniert. Er blickt stets schweigsam vor sich hin. Nur zuweilen, – – – – Seien Sie nicht so ölig, Lotte, was haben Sie?« – – »Kopfschmerzen, wie Sie wissen! Und durch Ihr Gebember wird es nicht grade besser!« – – »Undankbare Natter! Unwürdige! Ich verstumme bereits!« – – »Ach bitte ja, wenn es Ihnen möglich ist! Und dann kommen Sie mit auf den Spielplatz. Ich muß die kleinen Krauses besuchen. Zwei sind meine Patenkinder!« – – »Bon! Ich folge schweigend, gekränkt, und nicht errötend!« –

Lotte wußte mit jedem Wege hier Bescheid. Sie führte ihren Freund jetzt direkt zu dem großen Spielplatz, wo es von Kindern wimmelte. Hier ließen sie sich nieder. Georgy vertiefte sich in ein mitgebrachtes Buch, nachdem er Lotte erst feierlich stumm einen Migränestift überreicht hatte. Sie nahm den Hut ab, rieb Stirn und Nacken tüchtig ein und lehnte sich zurück, die Augen schließend. Ein sanftes Windchen spielte um ihren Kopf. – Siehe, nach einem Viertelstündchen wurde es besser! Erleichtert öffnete sie die Augen, mopste dem Schriftsteller eine Birne aus der Tasche und verzehrte sie: »So, dicker Ernst! Ihr Stift und Ihre Birne haben mich kuriert. Ich fühle mich wohler! Tausend Dank, edler Retter!« – Er griff in die Tasche: »Was, die einzige, herrliche Birne haben Sie verspiesen? Dieses Prunkstück meiner Hoffnung, diesen Notgroschen, den ich mir aufgespart, mit eigener Selbstenthaltung? Oh, Sie Dieb! Das schlägt dem Faß den Boden aus! Je m' en vais! Leben Sie wohl!« – – »Warum eilen Sie?« – – »Weil dahinten ein Bekannter auftaucht, adio!« – Ehe Lotte recht zur Besinnung kam, war ihr Freund verschwunden. Sie richtete sich auf und blickte munterer um sich. Wahrlich, hier gab es Kinder genug. Man mußte sich erst an den Anblick dieser schreienden, jauchzenden, plappernden Massen gewöhnen, um einzelne Gruppen unterscheiden zu können! Das grub im Sande, lief auf und ab und kribbelte und wibbelte regellos durcheinander in den leichten hellen Sommerkleidchen und Anzügen. Und ringsum, auf den Bänken saßen die Erwachsenen mit Büchern, Handarbeiten, mit den herbeigeschleppten Futterkörben und Spielsachen und paßten auf. – Da kein Wasser in der Nähe war, keine Beete zu schonen, so ließ man die kleine Gesellschaft in Freiheit herumtoben. Ab und zu tauchte einer der gefürchteten Parkwächter auf und wanderte mit strenger Miene umherspähend über den Platz. Aber er störte die Kleinen nicht. In dem eisernen Pavillon flog das Völkchen ein und aus, wie ein Bienenschwarm. Und das Milchfräulein in seiner Bude machte gute Geschäfte.

Vor Lotte standen zwei kleine Mädel und zwei Burschen in einer Reihe, wie zum Schulespielen aufgepflanzt. Sie waren zwischen zwei und vier Jahren. – Vor ihnen stand ein anderer, gleichalteriger Gesell mit einem Wolkenschieber auf dem Blondhaar, unter dem sich seine frech abstehenden Ohren gar drollig machten. Er trug eine kleine Lederschürze und hielt in seiner Rechten eine herrliche Kuchenmusschnecke. In der Linken eine Riesenbirne. »Stellt Euch Alle uff! So! Nu bleibt so stehen, vastanden? Nu, jehts los!« – kommandierte er und hob die Ärmchen. – Mit weitaufgerissenen Augen und gierigen Gesichtern betrachteten ihn die vier Kumpane, in der Hoffnung, daß er sie von seinen Schätzen abbeißen lassen würde. »Nu bleibt alle so stehen!« – schrie er. Die Kinder standen gehorsam wie eine Mauer. –

»Nu paßt mal alle uff! Paßt uff, wie ick präple!« – – Damit begann der Egoist sein leckeres Mahl. Und die vier Kleinen schauten ihm mit traurigen, enttäuschten Mienen zu. – – – Lotte verbiß ihr Lachen und entschädigte die Betrübten mit Bonbons und Schokoladenplätzchen, was den selbstischen Freßsack wiederum recht betroffen machte. – – Sie blickte auf eine andere Gruppe. Auf einem Kissen am Boden saß ein Menschlein und spielte im Sande, neben ihm hockte ein ungefähr dreijähriges Mädelchen und backte Sandkuchen aus Holzformen. Die Kleidung der beiden ließ auf eine gute Herkunft schließen. Das nette, strickende Dienstmädchen, der hübsche Kinderwagen bestärkten die Beobachterin in ihrer Annahme. – Jetzt näherte sich den harmlos Spielenden ein kleiner, wackelnder Krummbein. Er bohrte sich mit seinen hellen Äuglein förmlich in dem Spielzeug fest. »Aha, jetzt erfolgt die Vorstellung!« – erwog Lotte. Das Mädchen blickte empor, spielte weiter und richtete sich, von den bannenden Blicken magisch angezogen, endlich auf. Jetzt standen sie sich Auge in Auge gegenüber und musterten sich lange Zeit mit ernster Kritik. Das männliche Element machte sich in einer Eloge Luft: »Sön Tleid, keines Mechen!« – sagte er laut. Die winzige Nase rümpfte sich. Eva betrachtete Adam noch einmal und meinte verächtlich: »Äh, Babasunge!« – – Der Babajunge nahm dies ohne Beleidigung hin und stellte sich vor: »Fitz Pusebich – Asehatraße setz!« Dies war etwas unverständlich. Die Kleine schaute ihn ruhig an und ging wilder an ihr Spiel. Es lohnte ihr nicht der Mühe! Jedoch er ließ nicht nach. Mit seinem schwärzlichen Finger tippte er sie auf den Arm: »Wie heit Du?« – – »Lilli!« – – »Lilli – Fitz pielen!« – bat er flehend. Mit unnachahmlich stolzer Herablassung warf sie ihm eine Form zu. Er machte einen Kuchen und fragte stolz: »Tannst Du so einen?« – – Sie blickte flüchtig hin: »Is daniz, Lilli ßöner machen!« – – »Dieb anner Fomm!« – – »Wil nis!« – – »Dieb ßnell!« – – Seine Stimme klang drohend. Er brutalisierte sie; aber Lilli war tapfer: »Dumma Babasunge ganix mehr kriegen. Lilli alles haben, äh!« – Wieder maßen sie sich feindlicher als zuvor. Er rächte sich: »Danis ßön Tleid, Drecktleid, da!« – Damit wies er auf ihr Hängerchen. Sie stand mit finsterer Miene und zog eine Schippe. »Olles Ssaf, olles Sswein! Olles Sau!« – – stieß er nun zornig hervor. Lilli ballte die Fäustchen und wurde glühend rot: »Du – – – Sofa – – – – Du Holz – – – Du – – – Du alte Thür!« schimpfte sie als Antwort, in Ermangelung besserer Scheltwörter. – Schwapp! hatte sie eins mit seiner kleinen Faust ausgewischt bekommen! Natürlich brüllte sie und das furchtsam zuschauende Baby. Und das Mädchen kam herbei, tröstete, putzte die Nasen und verscheuchte den fremden Störenfried: Fitz Pusebich mit harten Worten. Und da wundert man sich, wenn einer Anarchist wird: Kein Spielzeug, kein schönes Kleidchen! Sondern ein Babajunge und fortgejagt noch obendrein! –

Lotte umkreiste, langsam von einer Bank zur andern vorrückend, beinah den ganzen Platz. Sie fand endlich auch ihre Patchen, die sehr ernsthaft Schule spielten. An diese und ihr sonst besonders auffallende Kinder verteilte sie ihre mitgebrachten Süßigkeiten. Es war ihr höchst interessant, in all diesen tobenden Gruppen echter Großstadtkrabben schon die kommenden Menschen zu beobachten. »Wie die Alten daheim jungen, so zwitscherten hier die Jungen.« Das Tagestreiben der Residenz, die Sensationsmeldungen aus dem lokalen und die politischen Depeschen aus dem aktuellen Teil der Tageszeitungen fanden einen lebhaften Wiederhall im Kinderleben.

Hier wurde der chinesische Krieg mit Boxern und vereinigten Europäern unter Waldersee und Lihungschang tobend ausgefochten. –

Da, auf einer improvisierten Sandfestung kämpften begeisterte Buren gegen die Engländer. –

Denkmalsenthüllungen, Ausstellungseröffnungen, sogar Polizei und Verbrecher wurden dargestellt. – Was die Beobachterin besonders ergriff, war die Wiedergabe der Tragödien des Lebens: – Krankheit – Tod – und Begräbnis, denen man sich mit Entzücken in unbewußter Vorahnung hingab. – Lotte nahm einzelne der kleinen Geschöpfe scharf auf's Korn und machte an ihnen Studien. Ganz unverkennbar zeigte sich in dem kindlichen Gebahren, in dem Benehmen zu den Spielgefährten schon der zukünftige Charakter. Auch hier bot sich ihr das Bild aus dem Leben, nämlich die Führung einer blind vertrauenden und gehorchenden Masse durch hervorragende Einzelwesen. Die Herde, geführt von Leittier und Hirte. –

Endlich hatte sie genug von der kleinen Gesellschaft. – Sie erhob sich und drang in stillere Alleen, in verschwiegenere Wege ein. Lotte Bach wollte in ihren Menschenstudien eine Stufe höher klimmen. Die Kinder waren noch genau so wie zu ihrer Kinderzeit: Wie stand es mit den männlichen und weiblichen Backfischen? Waren die mit dem neuen Jahrhundert verändert? Sehr erfreut entdeckte sie auf einer Bank ein Fundobjekt, wie sie es eben gebrauchte. »Er« – ungefähr siebzehn – – »Sie« zwischen dreizehn und vierzehn Jahren. Fräulein Bach nahte, anscheinend in Gedanken versunken und ließ sich am andern Ende des Ruhesitzes harmlos nieder. Sie zeichnete mit der Spitze ihres Schirmes im Sande, bemerkte aber doch die wütenden Blicke, die auf sie gerichtet wurden. – »Ich sitze fest! 'mal sehen, wer zuerst ausrückt?« – erwog sie bei sich. Lotte fühlte, daß sie gestört hatte. »Wenn mir das passiert wäre, hätte ich wie ein Rohrspatz geflucht!« – Schön war es auch wirklich nicht, sich hier in diesen Liebesfrühling zu drängen! Das niedliche Mädelchen hatte einen ganz roten Kopf bekommen. Er steckte schleunigst ein Notizbuch fort, aus dem er ihr wahrscheinlich selbstverfaßte Gedichte vorgelesen hatte. – Seine junge Männerstimme steckte arg im Stimmbruch. Fast hätte Lotte gelacht, als er jetzt bald tief und sich plötzlich hochüberschlagend krächzte: »So ist es, Fräulein Anni, wie ich es Ihnen beim Tanzstundenball sagte: Es fehlt an Takt! Es schickte sich von der alten, dicken Gouvernante nicht, daß sie sich immer ungebeten in unserer Nachbarschaft aufpflanzte. Wenn auch Sofas und Bänke der Allgemeinheit gehören, so muß ein taktvoller Mensch sich nicht da hinpatzen, wo er schon zwei in Unterhaltung sieht, nicht wahr?« – – Anni nickte nur. Errötend und sehr erstaunt betrachtete sie den Sprecher, der so unvermittelt auf ein Gebiet geraten, das vorher garnicht berührt worden war. – Lotte verstand seinen Hieb besser. Sie lächelte in sich hinein und blieb, wo sie war. – »Haben Sie Fräulein Paula 'mal gesehen?« – krähte er jetzt zornig, da seine Anspielung nichts fruchtete. »Ja, sie ging gestern mit Herrn Erich im »Zoo« spazieren!« – – »So? Ich dachte es mir ja gleich, daß die beiden etwas miteinander hätten! So ein Untersekundaner! Pah! Das steckt noch halb in der Eierschale! Wissen Sie, was er ihr geschenkt hat? Chamissos »Frauenliebe und -leben – als Vielliebchen!« – – »Chamisso ist himmlisch!« – flüsterte sie. – »Aber, Fräulein Anni, ich bitte Sie! Dieser Süßmeier, da ist doch keine Kraft und kein Saft drin! Unmoderne Sentimentalität! Wir Primaner haben neulich energisch gestreikt, als man ihn uns auftischte!« – – »Wir schwärmen alle für Chamisso und Lenau!« – widersprach sie eifrig. – »Ja, Sie? Mädchen!« – – »Warum sagen Sie dies so verächtlich? Herr Hans? Meine Freundin ist auf dem Gymnasium, und sie denkt wie wir!« – – »Was wird Ihre Freundin studieren?« – – »Amélie? Sie weiß noch nicht! Wenn sie nicht heiratet, Botanik oder Medizin!« – – »Dann will sie das Doktorproletariat noch vermehren! Bah! Wir werden uns unserer Haut wehren! Wie gut, daß Sie anders, weiblicher sind!« – – »Ich?« – Anni nahm das als Beleidigung: »Ich bitte Sie, Herr Hans! Ich bin kein Dummkopf! Glauben Sie etwa, daß ich mit Puppen gespielt habe oder Handarbeiten liebe? Oho! Wenn wir mit Arbeiten fertig sind und ins Kränzchen kommen, dann lesen wir moderne Romane oder wir philosophieren. Sobald ich mit der Schule fertig bin, gehe ich aufs Lyceum und dann auf die Universität hospitieren. Man will sich doch bilden und nicht nur Köchin und Kindermädchen in seiner einstigen Wirtschaft werden!« – Anni hatte sich ordentlich erhitzt. Sie verteidigte ihre Meinung ihm gegenüber auch ganz logisch und ernst. –

Lotte hörte es mit Erschrecken und Staunen gemischt. Nein, die Backfischlein der heutigen Zeit waren doch anders geworden! Der Wissensdrang, der Lerndurst, das Umherwerfen von Schlagworten war vertiefter. Ein gewisser Ernst, ein Befreiungstrieb, ein Ringen lag in ihnen! Und all dieses war sehr anzuerkennen! Aber dieser Fortschritt ging auf Kosten all der reizenden, weiblichen Dinge, wie Puppenspiel und Handarbeit! Wie schade! Nur in Punkto Liebe und Schwärmerei waren die Mädels unverändert geblieben. – Lotte sah nach der Uhr und erhob sich. Am Ende des Baumweges blieb sie stehen und schaute zurück. Sie atmete erleichtert auf. Gott sei Dank, es war wieder normal bei den Beiden. Er hielt ihre Hände mit seiner Linken. In der Rechten hielt er sein Notizbuch und deklamierte feurig. Selbstverständlich hörte Anni zu. Und sein Gedicht ging ihr sicher über alle Weisheit der Universität und des Lyceums. –

Lotte eilte heim: »Soviel weiß ich: Meine Mädel werden Puppen spielen und häkeln und für meinen Chamisso mit mir um die Wette schwärmen!« Das gelobte sie sich feierlich. –

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