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Die Berliner Range VII - Prosit Brautpaar!

Ernst Georgy: Die Berliner Range VII - Prosit Brautpaar! - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Georgy
titleDie Berliner Range VII - Prosit Brautpaar!
publisherVerlag von Rich. Bong
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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8. Kapitel. Die Konditoreien als Lottes Jagdgebiet.

Seit Lotte Bach verlobt war, hatte sich ihre Freundschaft mit Max Helm zwar nicht gelockert, aber ihr Verkehr. Sie zankten sich, wenn sie zusammenkamen, sogar meistens fürchterlich. Da es Winter war, nahmen Gesellschaften Theater und Konzerte Lotte so in Anspruch, daß sie wenig von ihrem alten Jugendfreunde sah. Um Weihnachten herum hatte er eine Gehaltszulage erhalten und schleunigst seine Schulden bei ihr abbezahlt. Dann hatte sie ihn wochenlang kaum zu Gesicht bekommen und beinahe seine Existenz vergessen. Eines Abends, das heißt so gegen sechs Uhr, hatte sie mit ihrem Bräutigam ein Rendezvous an der Zwölfapostel-Kirche verabredet. Willi wollte sie dort erwarten und mit ihr einen Besuch in der Motzstraße machen. – Fräulein Bach war sehr zeitig von Hause aufgebrochen. Sie fand ihren Bräutigam daher noch nicht an Ort und Stelle vor und schlenderte in der Genthiner Straße hin und her. Dort tobte eine ganze Reihe Schulknaben, die augenscheinlich gerade vom Unterricht kamen, denn sie trugen Bücher, kleine Taschen unter dem Arm oder die Ranzen auf dem Rücken. In dem ganzen Vollgefühl ihrer kraftvollen Jugend lärmten die Bengels, belästigten vorübergehende Leute und ärgerten die Kutscher der daherkommenden Gefährte durch unvorsichtiges, gewolltes am Wagen Vorbeirennen. Daß Jungen, die normal veranlagt und gesund sind, nie lange ohne Keilerei mit einander spielen können, erwies sich zu Lottes Entzücken auch hier. – Da und dort boxten oder balgten sich schon einzelne ganz kräftig. »Sehr gesund! Blaue Flecke vergehen und stärken die Muskeln!« – murmelte Lotte vergnügt. Sie sah es gern, wenn gleiche Kräfte aufeinander prallten. – Inzwischen entfaltete sich aber auf dem Platz, rechts von der Kirche, anscheinend ein ernsterer Kampf. Lautes Gejohle drang herüber. Stimmen hetzten für und gegen die Ringer. Ein großes Rudel umgab den Kampfplatz im Kreise, dem sich bald Erwachsene zugesellten. Zum Zuschauen bei Aufläufen haben nämlich merkwürdiger Weise alle Berliner Zeit. So fanden sich auch hier bald Arbeiter, Dienstmädchen und Frauen mit Körben ein und stellten sich neugierig hinter den Schulkindern auf. – »Das muß doch schon etwas besonders Interessantes sein, wenn so viele Leute stehen bleiben!« erwog Lotte. Risch rasch kreuzte sie selbst den Fahrdamm und begab sich gleichfalls hin. Dabei vergaß sie zum ersten Male ihren Willi. Ehe sie ihren Standpunkt einnahm, schien es ihr, als sähe sie Max Helm aus der schlecht beleuchteten, stets dunkeln Motzstraße kommen und mit einem jungen Mädchen in der Konditorei an der Ecke verschwinden. »Aha, Mäxchen und Mariechen Kühn gehen naschen, – dachte sie die muß ich nachher überraschen!« –

Dann schob sie ein paar schreiende Kinder zur Seite und gewann die Aussicht auf die Kämpfenden, welche durch laute Zurufe von den Umstehenden angefeuert wurden. Was sie aber erblickte, empörte ihr Gerechtigkeitsgefühl. Ein dicker, großer Lümmel von ungefähr dreizehn Jahren hatte seine Tasche einem Kameraden gegeben und balgte nun mit einem zarten, dunkellockigen Jungchen am Boden umher, der sich verzweifelt verteidigte. Der viel kleinere hatte obendrein die Mappe auf dem Rücken festgeschnallt und war in seinen Bewegungen gehemmt. Trotzdem er jünger, schwächer und unfreier war, kämpfte er wie ein Löwe. Aber schon keuchte er dunkelrot in halbem Unterliegen, denn der kurzgeschorene, auf ihm hockende Bengel hatte ihn mit beiden Händen in die Locken gepackt und zerrte ihn unbarmherzig, dabei versuchend, sein Knie auf die Brust des Zappelnden zu drücken. – Alle Leute ringsum, mit wenigen Ausnahmen, ergriffen die Partei des Großen: »Verklopp ihn feste – – Drauf, drauf! – – Haut ihm! – – Los, ruff!« – Das waren die Zurufe, die den Helden zu immer größeren Anstrengungen antrieben! –

Das konnte Lotte nicht sehen! Eins, zwei, drei flog ihr Schirm und ihr Muff in den Schnee des von Eisenstangen geschützten Beetes. Dann drängte sie sich gewandt durch die Massen und packte den blonden Jungen von oben, ihn mit eiserner Kraft von seinem Opfer losreißend. Schwapp hatte er eine rechts und eine links auf seinen glühenden Wangen: »Schämst Du Dich nicht. Tu großes, dickes Untier, mit einem so schwachen, kleinen Gegner zu kämpfen? Ist das Mut oder Ehre? Pfui! Schäme Dich!« – – Da riß sie der Kleine am Ärmel, der sich auf die Füße geschwungen. Mit funkelnden Augen blickte er sie an: »Lassen Sie, Fräulein! – keuchte er – Das geht Sie nischt an. Schulz hat mich beleidigt, dafür muß er seine Dresche kriegen! Wenn ich man die Mappe nicht hätte, ich kriegt' ihn unter!« – – Rasch hakte ihm Lotte den Riemen ab und nahm die Schultasche in die Hand. Sie sah, daß der kleine Kerl ganz sehnig und gewandt schien. »So, hat er Dich beleidigt, dann verwichse ihn gründlich! Aber erst schöpfst Du Luft! So!« Sie stellte sich zwischen die Kampfhähne, sie gewaltsam trennend. – Das gab einen Halloh! Man fragte sie zornig, was sie die Geschichte anginge? Wütend schauten sie alle an! Schimpfworte wurden laut. »Lang ihr mal eene!« hieß es freundlich – »Det is Meier'n seine Schwester, drum hilft se ihm!« – schrie ein Junge. –

Furchtlos stand Lotte da, noch immer die Jungen auseinanderhaltend: »Schämen Sie sich und Ihr, Jöhren! – donnerte sie laut – »Sie wollen anständige Deutsche sein? Sie schimpfen auf die Engländer und die Buren! Sie sind die Rechten! Pfui, wie kann man ruhig zusehen, wenn ein solch großer Schlacks solch kleinen Kerl unterkriegt, und ihm nicht helfen? Ihm wenigstens die Mappe abnehmen? Du hältst Deinen Schnabel!« – Schwapp hatte wieder ein Junge eine Maulschelle. – »Ich bin garnicht Meiers Schwester. Ich kenne ihn nicht; aber ich bin gerecht! – – – – – So, Schulz, so, Meier, nun versucht Euer Heil noch einmal! Boxt Euch feste!« – – Sie sprang zur Seite. Die beiden blickten sich an, na, und dann ging es los! Mit Kraft und Gewandtheit! Diesmal hielten sich beide im Schach. Keiner unterlag! Der Kampf hatte die Aufmerksamkeit des sehr verstimmten Publikums von Lotte ein wenig abgelenkt. Jetzt empörte sich alles gegen sie, denn von neuem trennte sie die Streitenden. »So, jetzt reicht mir beide Eure Hand! Ihr habt Euch beide als tapfere, brave Deutsche erwiesen! Nun ist es genug! Jetzt vertragt Euch oder ich verachte Euch!« – – Es lag etwas so Befehlshaberisches in ihrer hellen, festen Stimme, daß beide unwillkürlich gehorchten. Dann reichte sie dem kleinen Kerl seinen Ranzen. »Nun trollt Euch, und seid vernünftig! Und Du, Schulz, versprich mir, daß Du nur wieder mit einem Gegner kämpfst, der Deiner würdig, sonst mußt Du Dich ja selbst verachten!« – –

Die Jungen trennten sich und verschwanden; aber die Menge, der ein Schauobjekt entzogen war, empörte sich gegen Lottes Handeln. – Sie kletterte ruhig in das Beet, holte sich Schirm und Muff und kam zurück. Jedoch Schneebälle trafen sie. Die Kinderschar belästigte sie mit wildem Geheul, und die Erwachsenen schienen auch gerade nicht friedfertig Ihr Herz fing an zu klopfen. Jetzt suchte sie Willi mit den Augen, aber er war nicht zu erblicken. Was thun? Sie wurde unruhig. Plötzlich entdeckte sie zwei etwas abseits stehende junge Arbeiter in Schlosserkitteln. Hastig eilte sie auf sie zu: »Meine Herren, ich stelle mich unter Ihren Schutz. Sie sehen mir aus wie zwei echte Berliner, und als solche werden Sie eine Dame nicht belästigen lassen, die auch eine richtige Berlinerin ist, nicht wahr?« – – Die Jünglinge fühlten sich höchst geschmeichelt. Sie grinsten zwar etwas dämlich und wußten nicht, was sie thun sollten. »Geben Sie mir Ihren Arm!« – kommandierte Lotte. Der Eine that es verlegen. »Sie kommen auf meine andere Seite! So, und nun vor allem wollen wa mal rieber!« – berlinerte Lotte. Die beiden zogen mit ihr los, und keiner wagte es, sich in ihren Weg zu stellen. Nur von weitem riefen die frechsten: »Kiekt doch det boxende Kängeruh mit seine Wärter!« – Der Ruf wurde jubelnd aufgenommen und immer wiederholt. Der eine Schlosser wollte zurückrennen und die Schreier zur Ruhe bringen; aber Lotte hielt ihn zurück. Sie amüsierte sich jetzt köstlich und ulkte mit den braven Burschen quietschvergnügt, bis Willi auftauchte und dicht vor ihr stand. Er hatte sich in der Klinik beträchtlich verspätet. Sehr erstaunt hörte er jetzt das Gejohl vom »boxenden Kängeruh« und sah seine Braut in dieser eigentümlichen Begleitung. Sie entdeckte ihn erst, als er vor ihr stand. –

»Es ist gut, daß Du kommst, Liebster! – rief sie jauchzend – Bedank' Dich bei diesen Herren, denn ohne sie hätte ich vielleicht doch gründliche Wichse besehen von jener Rotte Korah. So, das ist mein Bräutigam, Herr Doktor Feller! – stellte sie vor – Noch vielen Dank für Ihren Schutz!« – Sie schüttelte den Leuten die Hände. Auch Willi, der sich in die Situation noch garnicht gefunden hatte, dankte herzlich. Er wollte den Jünglingen ein kleines Biergeld aufdrängen, stieß aber auf energische Abweisung. So mußte er sich denn so von ihnen verabschieden. Lotte faßte ihn unter und erzählte ihm im Weiterschreiten sehr fidel ihr Abenteuer. Er preßte ihre Hand fest in der seinen und seufzte tief. »Warum seufzst Du so. Liebster?« – fragte sie erstaunt. – »Jetzt werde ich Deine Art kopieren, Geliebtes! – sagte er innig – Erstens, weil ich Dich nicht auf offener Straße küssen kann. Zweitens, weil ich Dich nicht immer an mich festbinden kann, damit Du keine Streiche verüben kannst und in Sicherheit bist. Drittens, weil man bei Dir auf einem ewigen Vulkan sitzt! So, da hast Du Deine beliebte Aufzählmanier!« – – Sie lachte: »Ich werde weiter registrieren: a) bist Du ein Schöps von Natur, b) unterschätzt Du mich doch, c) war das absolut kein neuer Streich!« – – »Ich danke, eine erwachsene, feine Dame in einem balgenden Pöbelhaufen? Die Haare stehen einem gen Himmel, wenn man es sich ausmalt! Was gehen Dich die fremden Jungen an! Lotte, Lotte, Du mit Deinem impulsiven Temperament begiebst Dich noch einmal in die größte Gefahr!« – – »Schon möglich! – entgegnete sie kaltblütig – Aber ich komme sicher nicht darin um, Schatz! Ich bin eine Berlinerin, mit meiner Schnau – –, Du weißt doch, ich rette mich noch im letzten Augenblick!« – – »Das sagst Du so! Wenn man Dich aber heute thätlich angegriffen hätte?« – – »Himmel, ich kann mir ja etwas Idealeres vorstellen, als in meinen Jahren noch Keile kriegen. Aber erstens hätte ich erst meinen Schirm bei der Verteidigung kurz und klein geschlagen. Zweitens hätte ich um Hilfe gebrüllt. Drittens wäre es nie so weit gekommen. Und viertens habe ich mir ja meine Retter gelangt. Wahrhaftig Du, wenn man ordentlich pustet, wird keine Suppe so heiß gegessen wie gekocht! Wir Berliner sind helle! Uns kann keiner!« – –

Lotte Bach kam nach Haus, als gerade Mariechen Kühn von Helms die Treppe heruntereilte. Sie trafen sich vor der Bachschen Thür und begrüßten sich freundlich: »Na, kleine Mietze, haben Sie ein Viertelstündchen Zeit?« – – »O ja, Fräulein Bach!« – erwiderte diese schüchtern. – – »Na, dann kommen Sie 'mal ein Weilchen mit auf meine Bude.« – Sie klingelte stürmisch, trommelte dann mit beiden Fäusten gegen die Thür und versetzte der öffnenden Agnes einen Nasenstieber. »'n Tag, Aurora! Ist Mama zu Haus?« – – »Ja, gnädige Frau ist im Wohnzimmer!« – – »So, das ist brav! Zur Belohnung dürfen Sie mir auch Frühstück machen; aber dickbelegte Stullen, bitte! Auch zwei für Fräulein Kühn, bitte!« – – Diese weigerte sich energisch, da sie bei Tante Helm bereits gefrühstückt hatte. »Na, dann nicht, wer nich' will, hat schon! Alte Sache, kleine Mietze! – So wollen wir 'mal mein Altchen begrüßen und der ein paar ihrer geheim verborgenen Schätze abringen!« – – Lotte stieß die Thür auf und ließ die blasse, kleine Blondine vorangehen und die Geheimrätin begrüßen. Dann stürzte sie sich auf die in ihrem Lehnstuhl sitzende Dame und umarmte sie zärtlich: »Nun, guten Tag, meine alte, geliebte, dicke Wonne! Biste froh, daß Du mich wieder hast, nicht wahr?« Glaub' ich, brauchst garnichts zu sagen, mein Schnuckelchen! Doch nun gieb Deinem Herzen einen Stoß und reich' mir den Büffetschlüssel. Ich will bloß mal sehen, ob ich zufällig irgend etwas darin vergessen habe!« – – »Dich Racker kenne ich! Ich habe den Schlüssel nicht!« – – »Mariechen, Wonnemiez, ich muß doch unserm Gaste etwas aufwarten. Sei nicht so geizig!« – – Sie rang unter Küssen mit der lachenden, scheltenden Mutter und entriß ihr den Schlüssel. Dann stürmte sie fort. – »Ein gräßliches Ding ist sie! Glauben Sie es mir, Fräulein Kühn! – meinte die Mutter stolz und glücklich mit strahlendem Gesicht – Sie setzt alles durch und nascht mir meine ganzen Vorräte fort. Wissen Sie, was sie neulich wieder gemacht hat? Aber setzen Sie sich doch hin, so, mein Kind! Also hören Sie nur, ich bekomme eine schöne Bonbonniere geschenkt, will sie aber vor Lottes allzu raschem Aufzehren bewahren und erkläre ihr, daß ich den Kasten diesmal an einem bombensicheren Platze aufheben und verstecken wolle. Lotte lacht und meint, sie fände das Versteck doch heraus. Ich bestreite es und gehe sogar so weit, daß ich ihr gestatte, sämtliche Konfektstücke zu verzehren, wenn sie den Kasten fände! – Während sie eine Besorgung macht, begebe ich mich aus Scherz an meine Arbeit. In einem nie benutzten Behälter, in welchem alte Kartons aufbewahrt werden, verstecke ich den in weiches Zeitungspapier eingewickelten Kasten mit Süßigkeit. Kein Mensch konnte ihn entdecken, so kunstvoll war er gestellt! – Ich natürlich vergesse schon kurz darauf seine Existenz, auch Lotte – – – – anscheinend. Erst nach drei Tagen fällt mir die Bonbonniere ein. Triumphierend stürze ich an das im Halbdunkel stehende Schränkchen, sehe meinen Aufbau unangetastet und schlage ein Hohngelächter auf. Aber das dicke Ente kam hinterher! In dem scheinbar unangerührten Ding fand ich nur Watte und den Zettel: »Ei, guten Morgen, Mariechen, es schmeckte ausgezeichnet!« – Wie sie gerade auf diesen Winkel verfallen ist, das weiß nur sie selbst und der liebe Gott – – –«

Lotte erschien, in der einen Hand ihre »Stulle«, in der anderen einen großen Apfel. Sie drückte die Thür mit dem Gewicht ihres Körpers rücklings ins Schloß. »Ach, Du sprichst von Deiner Bonbonniere?« – – »Meiner? Das ist wirklich der reine Hohn! Ich habe nichts mehr davon zu sehen bekommen!« – entgegnete Frau Bach. – »Das war die gerechte Strafe des Schicksals, Wonnemiez! Man entzieht seinem geliebten Kinde keine Lebensmittel, ohne der Rache anheimzufallen! Nebenbei that ich ein gutes Werk. Dicke Leute sollen nicht soviel Süßes essen!« – – »Sieh Dich nur an! In Deinem Alter war ich lange nicht so stark wie Du!« – – »Kann jeder sagen; aber tritt den Beweis der Wahrheit an! Wir wollen Dich jetzt nicht weiter stören, Wonnchen! Kommen Sie, kleine Mietze, ich habe in meiner Bude eine Erfrischung aufgestellt!« – – Sie zog das schüchterne Mädchen am Arm in ihr Zimmer. Dort setzte sie Mariechen in eine behagliche Sofaecke, reichte ihr Thee und Kuchen und plauderte mit ihr unbefangen, bis sie aufgegessen hatte. Dann stellte sie Gläser und Teller beiseite und sagte energisch: »So, kleine Mietze, jetzt legen Sie mal ganz ungeniert los, und beichten Sie mir alles! Ich war auch einmal sechzehn Jahre und weiß, wie einem zu Mute sein kann. Nebenbei bin ich mit Max großgeworden und seine beste Freundin! Los!« – – »Aber, Fräulein Lotte!« – Marie Kühn wurde rot und blaß. Sie wand sich und kam nicht mit der Sprache heraus, so sehr Lotte auch gut zuredete. Endlich wurde diese böse:

»So, mein Kind, Sie scheinen etwas schüchtern im Zungenschlag zu sein oder Sie haben zu mir kein Vertrauen!« – – »Oh doch, doch!« – – »Na, dann machen Sie keine Fisimatenten, kleine Mietze! Mir macht keiner Wippchen vor! Als ich vorhin Ihr bedrippstes Gesichtchen sah, da wußte ich, was die Glocke geschlagen! Sie kamen von Helms mit einer Miene wie ein wildgewordener Leichenbitter oder Sie haben eine schleichende Influenza!« – – »Ach nein, wirklich nicht! – versicherte der Gast. – – »Aha, also doch Liebesgram! Der Seufzer genügt! Was hat der Lümmel verbrochen? Ungeniert, Mietzeken, ich lang' ihn mir und mach' ihn moralisch windelweich! Haben Sie sich gezankt?« – – »Nein!« – – »Nicht? Das ist schade! So ein kräftiger Zank stärkt die Liebe, und nachher versöhnt man sich so reizend! Also was war es sonst? Hat er Sie beleidigt?« – – »Ach nein!« – Mariechen weinte und griff nach dem Taschentuch. Lotte setzte sich zu ihr auf das Sofa und schloß sie liebevoll in die Arme: »Nanana! – sagte sie beruhigend – Mietzeken, es wird ja noch kein Beinbruch sein! Er vernachlässigt Sie wohl ein bischen?« – – »Er sieht mich überhaupt nicht mehr an!« – schluchzte die Gefragte. – – »So schlimm wird es doch nicht sein! – meine Lotte – Ich habe Sie doch erst neulich Abend mit ihm in der Motzstraße gesehen, an der Ecke von der Kirche!« – – »Mich? Nein, nein!« – –

Mariechen richtete sich aus und wandte Lotte ihr blasses Gesicht zu, in dem nur die kleine Nase thränenüberströmt und dunkelrot war. Ihr Ausdruck war so ungläubig und betroffen, daß Lotte erschrak. »So ein niederträchtiger Windhund! So schlich er da mit einer Andern umher? Na warte, Jungeken!« erwog sie bei sich. Klug sagte sie jedoch laut: »Sie waren es nicht? Dann war es auch Max nicht. Ich habe nur das junge Mädel zu erkennen geglaubt! Aber richtig, Sie sind doch viel größer als jene, und der Jüngling ist breiter als Max!« – – Mariechen war beruhigt. Ihr Redestrom entfesselte sich. Da kam es zu Tag, daß Tante Malchen »dies und das gesagt«, »dies und da« fände! Kurz, lauter konfuses Zeug aus beleidigtem Erbtantenherz heraus. Die alte Dame fühlte sich von ihrem Abgott vernachlässigt, ihren Schützling desgleichen. Sie fürchtete, daß ihr Lieblingsplan, die Verbindung der beiden, scheitern könnte, und hatte Mietzes angeborene Indolenz wachgerüttelt. Deren Kummer saß aber augenscheinlich garnicht so entsetzlich tief, denn sie schloß in echter Backfischart trotzig: »Festbinden kann ich ihn nicht! Wenn er nicht will, kann ich mir auch nicht helfen! Lieber Gott, schließlich hat Adele Spitzer mir erst gestern gesagt, daß ihr Bruder für mich schwärmt!«

Lotte lächelte. Sie sah tiefer. Mietzchen machte es gerade wie sie selbst. Sie spielte die Trotzige und führte ihre Reservetruppe ins Treffen. So machen es nun einmal alle äußerlich! – Innerlich zappelt das kleine Herz desto stärker! Man stirbt in den Jahren nicht an gebrochenem Herzen, man heiratet sogar später ruhig einen Andern. Das wußte Lotte ebenso gut! Aber in diesem Falle – – – – – die beiden Leutchen gehörten und paßten so gut zu einander. Und Marie Kühn war eine der Frauennaturen, die imstande waren, Jahrzehnte lang auf den geliebten Mann zu warten. Max war im Grunde gerad' solch Mensch. Nur seine Jugend revoltierte, und die Verführung. Ohne Frage steckte ein anderes Mädchen dahinter! Denn daß er es damals, am Abend gewesen, war zweifelsohne! –

Sie wollte der Sache auf die Spur kommen und sich Mariechens Nebenbuhlerin erst gründlich besehen. Allzu leicht sollte ihm ein eventuelles »Abschnappen« denn doch nicht gemacht werden! Jetzt beruhigte und tröstete sie das junge Ding nach Kräften und entließ es nach einem Stündchen. Ihr nächstes Ziel war Max Helm, der Attentäter selbst. Sie ergatterte ihn sehr leicht, denn am folgenden Tage stellte sie sich in der Nähe der Bank um die Mittagszeit auf. Er kam pünktlich mit den anderen Beamten heraus und sah sofort die Jugendgespielin.

»Ich kam eben hier vorbei und dachte, wir könnten den Heimweg zusammen machen, darum wartete ich hier auf Dich. Freuste Dich nich' mächtig?« – sagte sie nach der Begrüßung. Er verabschiedete sich von seinen Kollegen und wanderte mit ihr weiter. »Na, weißte, ich kann die Freude noch ertragen!« – meinte er lachend. – »Du, ich bitte aber, daß Du mit Deinen Storchbeinen nicht Geschwindmarsch anschlägst! – rief Lotte – Wir spielen doch nicht Zeck oder Schwarzer Mann!« – – »Warum bist Du so eine dicke Kugel geworden? Früher ranntest Du schneller als ich!« – – Lotte klopfte ihre eigene Wange. – – »Oller Neidhammel, ärgerst Dich bloß über Deine pergamentene, hohle Pelle! Siehst Du, bei mir ist es bloß äußerlich! Und was vorhanden ist, habe ich mir nicht mit Kartoffel und Leinöl angefuttert, das ist meine Freude!« – – »Freßliese, Du naschst zu viel, und all die Einladungen, da kann man am Ende des Winters schon auslegen!« – meinte er. Lotte packte flink zu. Der Anschluß war da. – »Wenn es danach ginge! – antwortete sie – Das Starkwerden liegt im Menschen drin, ob man da nun mehr oder weniger stopft. Sieh Dich doch an! Du siehst wie ein ausgenommener Häring aus. Und Du verpräpelst doch Dein halbes Gehalt in Konditoreien!« – – »Ich, Du bist wohl 'n bischen litteti!« – – »Nein, garnicht, ich hab' Dich doch erst neulich Abend zu Lohmann an der Apostelkirche gehen sehen!« – – – Lotte blickte ihn scharf an. Er rückte am Hut und wurde verlegen. – – »Das war ich nicht!« – – »Warste doch! Du gingst mit Mariechen!« – trumpfte sie, ihn ständig im Auge behaltend. Sein blasses Gesicht wurde rot. Er zupfte an dem blonden Bärtchen. »P, Lotte! Natürlich, was Du nicht wieder gesehen hast. Du hörst ja immer das Gras wachsen! – – Um alle ungelegten Eier kümmerst Du Dich!« – – »Mach' ich!« – – »Du willst Deine Nase bloß in alles stecken!« – – »Will ich!« – – »Geht Dich alles garnischt an!« – – »Muß ich!« – – »Laß mich in Ruhe, ich brauche keinen Aufpasser!« – – »Aber nötig sogar!« – – »Spione sind mir verhaßt!« – – »Mir auch!« – – »Donner und Doria, was willst Du eigentlich von mir?« – – »Wissen, warum Du so ohne allen Grund grob wie Bohnenstroh wirst. Was bullerst Du hier eigentlich wie ein verdreht gewordener Truthahn, Mäxeken? Ich habe Dir doch absolut nichts gethan!« – – Er stutzte und mußte ihr recht geben. »Ach Du! – erwiderte er lachend – Du denkst, Du bist mein Vormund, weil Du mir mal Geld gepumpt hast!« – – »Pfui, wie kleinlich seid doch Ihr Herren der Schöpfung manchmal, kleinlich und unnobel!« – –

Sie schwieg und ging mit beleidigter Miene neben ihm weiter. »Na, nu spiele auch noch die beleidigte Königin!« – begann er das Gespräch von neuem. – »Dazu habe ich entschieden alle Qualitäten – behauptete sie lachend. – Übrigens warst Du es neulich ganz bestimmt. Dich habe ich erkannt; von Mariechen sah ich nur einen Schimmer. Eßt Ihr dort öfter, dann komme ich 'mal mit Willi hin?« – fuhr sie harmlos fort. Jedoch ihre heutige Diplomatie scheiterte. Max war zugeknöpft. Sie bekam nichts aus ihm heraus und sagte an der Potsdamer Brücke ärgerlich: »Lauf' man allein nach Haus, Du langweiliger Stiezmatz Du! Dich muß man aufziehen wie eine zu fest verkorkte Flasche. Und denkt man endlich, man ist so weit, schwapp, dann bleibt der Proppen noch in der Pulle sitzen. Lebewohl, Du lieber Schwan!« – – »Verdrehte Person!« – murmelte er hinter ihr drein. Denn kaum hatte sie ausgesprochen, so schwenkte sie forsch zur Linken ab und verschwand in der Menge.

Lotte hatte jedoch Glück. Der Zufall spielte ihr die notwendigen Karten in die Hand. Während sie durch die Potsdamer Straße weiterschlenderte, sah sie plötzlich einen Offizier von der elektrischen, im vollen Laufe befindlichen Bahn abspringen. Er wendete sich und kam auf sie zu. Es war Leutnant Franz Haffner, der diesen kühnen Sprung riskiert hatte, um seine »stille, alte Liebe« zu begrüßen. Freudestrahlend näherte er sich ihr; aber sein Willkommen war kein gutes. Kaum erkannte sie ihn, so schalt sie schon zornig: »Also Du bist der leichtsinnige Strick, natürlich Franz heißt die Kanaille! Hals und Bein hättest Du Dir brechen können! Mitten im vollen Fahren! Herzklopfen habe ich gekriegt!« – – »Für einen gewandten Turner ist die Sache nicht so gefährlich!« – – »Das sagst Du in Deinem jugendlichen Leichtsinn! Hundertmal geht es gut, aber das nächste Mal liegt man da mit zerbrochenen Gliedern! Und der Kondukteur kriegt noch obendrein sein Fett!« – – »Willst Du mir nicht guten Tag sagen oder weiter schelten, Lotte Bach?« – – »Na, nimm meine Pote, darum keine Feindschaft nicht! Aber das nächste Mal warte bis zur Haltestelle, Franz Haffner!« – Sie lachte, und beide schüttelten sich die Hände. »So wird man für seine Sehnsucht bestraft! – meinte er, sich an ihre andere Seite begebend – Wie drollig! Wochenlang habe ich Dich nicht gesehen! Und gerade sah ich Max Helm drüben jenseit der Brücke! Nun treffe ich noch Dich! Wäre Fritz dabei, dann wäre das Gartenquartett vollzählig!« – – »Ja! Max habe ich eben verlassen. Er ist ein großer Schöps!« – – »Und ein sehr verliebter dazu!« – – »Nanu, weshalb denn?« – fragte Lotte neugierig. – »Ich will nicht indiskret werden; aber Du als seine Vertraute wirst ja Bescheid wissen!« – – »Ach, Du meinst, weil er überall mit der kleinen Mietze herumläuft?« – sagte sie schlau. – – »Heißt sie Mietze? So, siehst Du, das wußte ich nicht einmal! Er stellte sie mir einfach als Fräulein Damm vor. Nicht wahr, sie ist doch irgend eine kleine Ladenfee?« – – »Na – – –« »Er ist doch ein furchtbar unschuldiger, harmloser Bursche! – fuhr Franz fort – Wenn ich so an Fritz und die Kameraden denke! – – – – Das Mäxchen treibt sich mit seiner Flamme nur in den unschuldigsten Konditoreien 'rum!« – – »Woher weißt Du denn das? Ei, ei, noch immer so vernascht?« – – »I bewahre; aber ich trinke meinen Kaffee gegen Abend und lese die Zeitungen, wenn der Dienst gethan. Da ich aber nicht liebe, immer in das gleiche Lokal zu gehen, so bin ich bald mit dem Westen 'rum!« – – »Wann ist denn das gewöhnlich?« – – »So gegen – – warte, zwischen sechs und sieben Uhr!« –

»Aha, um sechs ist Max frei, und um halb acht Uhr muß er daheim zum Abendbrot sein« – überlegte Lotte. – »So sitzt Ihr stets zusammen?« – – »I wo! Der Mann hat Pech! Er läuft mir stets in die Arme, erschreckt sich fruchtbar und verduftet meist so schnell wie möglich. Dabei bin ich so harmlos. Ich will ihm sein Mädchen absolut nicht abschnappen!« – – »Na eben! Findest Du sie eigentlich hübsch?« – – »Hübsch? Brrr! Ihre guten Eigenschaften liegen entschieden innerlich. Für meinen Gustus ist sie mordsgarstig: die schwarzen Strippen, der grüngelbe Teint, die Zähne, brrr! Schlau scheint sie zu sein. Sie hält ihn fest! Dabei hat sie bereits mit mir kokettiert!« – – »Ist das wahr?« – rief Lotte empört. – »Gewiß, die kann überhaupt mit den Augen klappern!« – – »So!« – –

Fräulein Bachs Plan reifte. Um solch eines Mädels willen sollte die arme Mietze nicht noch blasser werden! Sie wollte Max unter allen Umständen von der andern befreien! Während sie mit dem Offizier plauderte, legte sie sich alles zurecht. – – Am Abend war sie mit dem Bräutigam zu einer klassischen Aufführung im Schauspielhause. Nach der Vorstellung beschlossen sie, den schönen Sternenhimmel und das klare Wetter zu benutzen und den Heimweg zu Fuß zu machen. Eine kurze Zeit gingen sie schweigend nebeneinander. Schweigend, weil sie so unendlich glücklich waren! – Endlich fand Lotte sich wieder. Sie erzählte ihm von Mariechen Kuhns stiller Trauer und Max Helms neuer Untreue. Gleichzeitig entwarf sie ihm ihren Feldzugsplan und wirkte sich die Erlaubnis aus, in der nächsten Zeit die Konditoreien zum Schauplatz ihrer Thätigkeit zu machen. »Aber unter zweierlei Bedingungen, Range!« – – »Schieß los!« – – »Also erstens verdirb Dir nicht den Magen! Und zweitens bestehe ich auf meinem Schein. Ich darf unter Deinem neuesten Unternehmen nicht leiden. Die paar freien Stunden, die ich für Dich übrig habe, werden mir nicht verkürzt, verstanden?« – – »Na, aber, da müßte ich ja Tinte ge – – – trunken haben. Nich' in de Tüte! Übrigens kommst Du mit. An den Tagen, wo Du um sechs Uhr schon frei bist. An den andern lange ich mir Grete Seffmann oder Ernst Georgy, denn auf Alice ist jetzt nicht zu rechnen. Es kann ruhig einer dabei sein, denn meine Methode ist nicht etwa die eines direkten Angriffes. Damit würde ich ihn ja nur ins Bockshorn jagen! Nee, ich lache ihn aus, ich kritisiere sie in Grund und Boden!« – – »Schlechte Person, Du!« – – Sie seufzte: »Ach ja, scheußlich! Aber der Zweck heiligt das Mittel!« – – »Jesuitin! Na, thu', was Du nicht lassen kannst! Wenn Du aber Dein Ziel wirklich verfolgen willst, dann grase alle Konditoreien in der Stadt auch ab. Ich sah ihn neulich in der Nähe von Buchholz! Und dicht dabei ist Kranzler!«

Lotte zwickte ihn im Arm: »Kasserchen, das sagst Du erst jetzt? – Kranzler lasse ich aus dem Spiele. Da verkehren die Fremden und die Lebewelt, dort sind die teuren Preise. Ein bescheidenes Wald- und Wiesenpärchen wagt sich da nicht hin! Aber Buchholz, Gumpert, Edelweiß, Telschow, die auf dem Schloßplatz, vom Lützowplatz, Miericke, Wieser und Müller muß ich abgrasen! Ich weiß doch so ungefähr, welche Max kennt und welche von den Pärchen benutzt werden! Zum Beispiel in der Händelstraße, an der Ecke der Lessingstraße traf ich mal fünf Paar Liebende. Es goß in Strömen. Ich schlüpfte dort unter. Und sämtliche Liebe, welche der Tiergarten dort in sich barg, hatte sich in diese Zufluchtsstätte gerettet!« – – »So, und was thatest Du?« – – Lotte seufzte: »Ach, damals waren wir noch schuß! Ich las anscheinend die Zeitungen; aber heimlich platzte ich vor Neid über all die glücklichen Pärchen, welche bei einander saßen. Ich würgte mit den Thränen vor Reue und Sehnsucht!« – – »So! Und wo war ich?« – – »Ach, Du schwammst nach Japan!« – – »Aha, mich hatte ein kleiner Frechdachs auf den Ocean hinausgejagt! – – Mädel, was hättest Du bloß gemacht, wenn ich nicht heimgekommen wäre? – Du wußtest doch, daß Du mich auf dem Gewissen hattest?« – – Sie dachte nach. Ihr Herz klopfte bei dem Gedanken, und ihr Blut schien zu stocken. Sein Blick ruhte auf ihr: »Na, ich weiß nicht, Willi! Phrasen will ich Dir nicht vorschwindeln! Gestorben wäre ich nicht, das glaube ich sicher! Aber – – – – einen entsetzlichen Stoß hätte es mir gegeben und in Deutschland eine verbitterte, unglückliche alte Jungfer mehr!« – – »So hättest Du nie einen Andern geheiratet?« – fragte er. – »Wie kann ich das sagen, Schatz? Vielleicht doch! Es haben schon wahrhaft edle Frauen, die ihre Männer vergötterten, als Witwen wiedergeheiratet. Weiß man denn, wie es im Leben kommt? Jedenfalls hätte in meinem Herzen Schmerz und Reue eine ganz geheimblutende Wunde bis an mein Lebensende gebildet! Grauenvoller Gedanke!« – – »Du bist wenigstens wahr!« – – »Wozu heucheln? Wozu lügen? Daß es gekommen, wie es kam, dafür danke ich Gott Tag und Nacht! Du, Willi, sag' selbst! Hätte Grete und Alice nicht die Sache in die Hand genommen, Du würdest später auch eine Andere geheiratet haben? « – – »Schon möglich!« – – »Aha, Ekel, Scheusal!« – – »Wie Du – mich, so ich Dich!« – Er lachte. Sie waren daheim angelangt. Oben am Fenster stand schon die Geheimrätin und spähte ängstlich in die Dunkelheit hinaus. Lotte blieb für ihre Berechnung zu lange aus! – – – – – – – – – – – –

»Nee, Kinder! – erzählte Lotte bei Seffmanns, wo ihr Bräutigam und Georgy fröhlich beisammen saßen – Das war 'ne Kiste mit Schiebedeckel und Dampfbetrieb. Acht Tage lang jagte ich den Schlingel und sein ›Dammwild‹, ehe ich ihn ergatterte!« – – »Na, erzähle uns doch, wie Du es anstelltest und wie die ganze Geschichte zusammenhing,« – sagte irgend einer.

– »Bon, Knöppe! Also am ersten Tag verschob ich eine Besorgung am Alexanderplatz auf den Nachmittag; ich erledigte die Geschichte schnell und saß Punkt sechs Uhr bei Friedländer. Vor mir eine Tasse Chokolade und das Journal ›Zur guten Stunde‹. – Das ist ja der reine Taubenschlag! Überhaupt, Ernst, nehmen Sie sich später die Konditoreien vor, da finden Sie Stoff – kilometerweise! Wenn ich nur Zeit hätte! – Na, ich will Ihnen nicht ins Handwerk pfuschen! – – – – – – – Rechts neben mir zwei Familien, die dort Kaffee trinken und die Zeit verbummeln, um abends sich nebenan in das Herrnfeldtheater zu begeben. Die eine hieß Kohn, die andere endete auf ›ky‹ und stammte aus Thorn. Dort war ein Ball in der Verwandtschaft zu Ehren eines Brautpaares gewesen. Ich hörte alle Einzelheiten in den Verhältnissen der Verlobten, sogar Mitgift, Aussteuer etc. Die Leute nannten mit einer Ungeniertheit Namen, daß ich, wenn ich gewollt hätte, ihre sämtlichen Familienklatschereien erfahren konnte! – Vor mir an einem Tisch drei ältere Kaufleute, welche den Wettkampf und die Schwierigkeit der Wäschebranche eifrig erläuterten. Neben mir zur Linken zwei Herren, Reisende aus dem Hôtel Alexanderplatz, auf der ›Berliner Tour‹. Der eine kam von Westpreußen und besprach mit Entrüstung die dortige bekannte Mordaffaire. Der andere erging sich in entsetzten Ausrufen. Hinter mir plauderte man im Herrenkreise über den schmutzigen Prozeß eines Millionärs. Um den pikanten, lauten Darstellungen zu entgehen, begab ich mich in den Nebenraum. Hier wurde gelesen, geraucht. Dort machten sich Kaufleute Notizen und klierten sogar mit Bleistift Zahlen auf die Marmorplatten der Tische. Aus einem Winkel klang politisches Geflüster über Caprivi und Handelsverträge, amerikanische Zolllage und Trust. In dem andern saß ein angejahrtes Pärchen hinter einer hochgehaltenen Zeitung, die es eifrig zu lesen schien. Jedoch ein Spiegel verriet mir, daß der durchaus nicht mehr junge Mann die glühende Dame von Zeit zu Zeit küßte. Nach einer Weile hatte ich genug. Ich erhob mich, durchwanderte suchend die ganzen, auch die hinteren Lokalitäten. Von Max keine Spur! Pärchen genug! Laufburschen, Kommis, Ladenmädchen, Frauen mit großen Paketen, die rasch einen Kaffee tranken, Damen des Westens, die nach ihren Besorgungen in den bekannten, billigen Geschäften des Ostens sich vor der Fahrt stärkten und erwärmten!« –

»Menschenskind, trink' einen Schluck Thee, sonst geht Dir die Puste aus!« – rief Frau Seffmann. Lotte that es mechanisch und fuhr lebhaft fort: »Am zweiten Tage war ich in der Konditorei am Lützowplatz. Ganz andere Physiognomie. Einige lesende Offiziere und Beamten. Zwei junge Herren, sicher Musiker, welche sich Konzertkritiken aus den Zeitungen abschrieben oder Notizen machten. Ein Ehepaar, welches zwei reizende Jungchen für ein fehlerloses Extemporale belohnte. Verschiedene Gruppen Jünglinge mit Backfischen, die vom Schlittschuhlaufen kamen. Und zwei alte Tuntchen mit einem Hunde, für den sie rührend sorgten, während sie selbst die Familienblätter auf Häkelmuster und Stickornamente durchsuchten. Mein Max nicht zu sehen! – Dritter Tag, Zeit sechs bis sieben Uhr. Eure Lotte bei Telschow, von wo Willi mich zur Philharmonie zum Konzert abholen sollte. Die vorzügliche Konditorei, leider zu klein! Im Laden ein Kommen und Gehen von kaufenden Kunden. Bestellungen auf Torten etc. In dem Zimmer daneben nur leise Unterhaltungen. Wieder Damen mit Paketen, die in Berlin eingekauft haben und sich nun hier treffen und stärken, um dann in ihre Vororte mit der Eisenbahn zurückzufahren. – Verschiedene Tapergreise studieren die gerade erschienene Abendzeitung. Junge Künstler aus den Konservatorien warten gleich mir sicher auf die vorrückende Zeit, um ins Konzert zu nassauern. – Oben in dem höherliegenden Raum waltet heiliger Ernst. Zwei Studentinnen studieren die Zeitungen, die Mäppchen vor sich. Eine Dame, zweifelsohne Schriftstellerin, schreibt sich aus den Journalen die Namen der Redakteure ab und die Adresse des Blattes. – Ein einziges Pärchen hockt sehr verschüchtert in der hintersten Ecke. Ich höre sie dumpf murmeln, sehe mit scharfem Blick, daß sie sich unter dem Tisch die Hände zärtlich streicheln. Und der Ausdruck ihrer Gesichter – einfach wonnig! – Mein Wild – natürlich – nicht vorhanden. Traurig verschlinge ich meine Nußtorte – –« – – »Unterschlage die Schlagsahne nicht, Mädel, Du scheinst zu vergessen, daß mir das Fräulein an der Kasse nach dem Zettel erklärte. Du habest zwei Portionen davon bestellt!« – unterbrach Willi sie lachend.

»Ja, was ich jetzt an Kuchen und Schlagsahne geleistet, geht auf keine Kuhhaut! Das war die schöne Seite der Medaille!« – erklärte die Sprecherin. – »Weiter! – drängte Georgy – Wir wollen hören und zu Ende kommen!« – – »Bon, Federvieh, Sie sezieren doch nur wieder. Darum – – – es hat geschnappt! Ein anderes Bild! Folgen Sie mir gefälligst zu Miericke an der Ecke vor der Kaiser Wilhelm-Gedächtniskirche. Hochfeines, modernes Lokal! Im Laden verzehren die Eiligen hastig ihre Portionen. Im Rauchzimmer Qualm, Wärme, Schweigen! Alles liest, an einem Tisch eine brütend stille Skatpartie. Oben im ersten Stock, entzückend ausgestattet – leider – weiß uniformierte Kellner. Wäre mir peinlich! Haben solch kluge Auge und vielsagendes, bescheidwissendes Lächeln. Ich wurde sofort beglotzt, dann ein alleinsitzender Herr beäugt. War aber nischt! Och noch! Also ich erst langsam durch die Räume, thue, als ob ich Bekannte suche. Thue es in Wahrheit. Hier oben herrscht große Behaglichkeit. Sehr viel Flirt; aber solcher aus höchsten Klassen. Elegante Mädel mit Anstandsbaubaus von der Westeisbahn kommend. Trotz der »Aufsichtsdame« – die Kavaliere dabei! – Eine Reihe von Tischen zusammengestellt. Reihe von älteren Damen mit Handarbeit oder Büchern. Scheint ein Verein. Gefährlicher einzelne Paare, deren jedes einen Sondertisch hat, mit viel Zeitungen drauf. Diese Lektüre ist nur ein Scheinmanöver. Um so bedenklicher, denn da giebt's Heimlichkeiten, die verborgen werden sollen! Am ängstlichsten ein Pärchen, das liest und sich hinter der Zeitung Liebeserklärungen macht. Er ein reizendes Offizierchen, sie eine holde Puppe. Und beide nicht ahnend, daß ein junger, nicht weit davon sitzender Herr sie in seinem Skizzenbuch verewigt. – Einige Amerikaner vor englischen Blättern. Ein Franzose, wie ich denke, beim Journal Amusant! Voilà tout! Kein Max – kein – ›Dammwild‹, das auch hierher nicht passen würde!« –

»Und was verzehrtest Du?« – – »Geht Dich nischt an, lieber Paul, und weiß ich selbst nicht mehr! – erwiderte Lotte ärgerlich – Bei Buchholz war ich mit meiner lieben Schwiegermutter nach einem Museumsbesuch und sah, nach Besichtigung des viel, viel zu kleinen Lokales, daß sie hierher nicht gehen. Die Fülle, die ewige Besetztheit! Das Gefühl, auf Deinen Platz warten schon x andere, macht den Aufenthalt etwas unbehaglich, besonders für ein liebendes Pärchen. Wenn man es eilig hat und nur recht gut speisen will, dann alle Achtung. Daher ließ ich diese Forschung fallen und versuchte abends mein Heil bei dem berühmten Schilling, an der Koch- und Friedrichstraße. Wir gingen zu einem Wohlthätigkeitskonzert im Friedrichshof, mein Herzenswilli und ich, Da ließ sich der Abstecher gut verbinden! Zu beobachten gab es auch da eine Menge, aber das gesuchte Pärchen war doch nicht vorhanden. Ebenso ließen uns Hillbrich-Wieser-Müller im Stich! Ach, ich verzagte schon.« – – – »Na, und wo hast Du sie ergattert?« meinte Grete ungeduldig.

»Ratet!« – – »Wer kann das raten?« – – – »Schöpse! Wo ist es am bequemsten und wo kann man am wenigsten beargwöhnt werden?« – – »Keine blasse Ahnung!« – – »Na, wo?« – – »Menschenkinder, bei Wertheim in der Leipziger Straße. Im Erfrischungsraum! Man behauptet einfach, man will etwas kaufen oder man hätte gekauft, Hunger bekommen und wäre durch das einladende Restaurant verführt worden! – – – – – Ahnungslos hoppte ich da 'rum, treffe sämtliche Bekannten und halb Berlin, komme in die erste Etage, nee, in den Zwischenstock. Wer sitzt in der Ecke? Max und sein kleines, gelbgrünes Ichneumon! Sonst kein Tisch frei. Ich hole mir Chokolade und dreist 'ran an die Ramme. Mächtige Verlegenheit. Vorstellung. Er hatte zufällig gerade Kravatten kaufen wollen. Sie – Handschuhe. So hatte man sich getroffen und vereint!« – – »Na und?« – – »Und da mein lieber Max ein Kaffer ist, den man sehr leicht beeinflussen kann, so habe ich den Nachhauseweg benutzt und ihm in aller Harmlosigkeit sein ›Dammwild‹ in Grund und Boden verekelt, Mietze Kühn dagegen zur Venus erhoben. Er war windelweich!«

»Was den charaktervollen Mann sicher nicht hindert, sie weiterzulieben?« – – »Oho! – trumpfte Lotte auf – Wie bist Du schiefgewickelt! Mäxchen hat ihr bereits vorgestern abgeschrieben, worauf sie saugrob antwortete. Damit gab sie sich den Todesstoß, besonders auch durch ihre verrückt gewordene Ortographie. Er ist mit Pauken und Trompeten zu Mietze zurückgekehrt. Tante Malchen, das Erdweib, hat sich mit mir ausgesprochen und bei mir heulend bedankt. Weihnachten ist wahrscheinlich Verlobung, dann ist sie siebzehn und ein halb. So bin ich!«

»Kurz, mit Deiner Frechheit hast Du wieder in ein fremdes Schicksal eingegriffen?« – – »Na ob!« – – Willi packte ihre beiden Hände und küßte jeden ihrer Finger. »Laßt sie in Ruhe!« – – »Oho, es beißt sie ja keiner, Doktor!« – – »Versucht's nur!« – rief Lotte mit funkelnden Augen lachend. »Doktor!« – – »Ja, lieber Georgy?« – – »Ich möchte Ihnen einen Nitzscheschen Rat geben!« – – »Ich bitte darum! Er lautet?« – – »Wenn sie nicht selbst – – – – na, also: Wenn Du zum Weibe gehst, vergiß die Peitsche nicht!« – – »Und auch nicht das Zuckerbrot!« – ergänzte Herr Seffmann.

Die Damen schrieen beleidigt und empört auf. Es gab einen fürchterlichen Wortkrieg; aber er endete mit allgemeiner, sehr zärtlicher Versöhnung! Zum Troste – Aller!

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