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Die Berliner Range VII - Prosit Brautpaar!

Ernst Georgy: Die Berliner Range VII - Prosit Brautpaar! - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Georgy
titleDie Berliner Range VII - Prosit Brautpaar!
publisherVerlag von Rich. Bong
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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7. Kapitel. Fännischs Hochzeitsreise.

»Guten Morgen, meine verehrte Frau Degenhardt, na, wie geht es Ihnen nach all dem Trubel?« – Der alte Herr blieb in der Charlottenstraße stehen und tauschte mit der schwerbeladenen Dame einen Händedruck aus. Sie lächelte mit einer gewissen Wehmut. »Ach, liebster Rat, wie soll es einem denn gehen, wenn man seine Einzige verheiratet hat? Vor allem bangen wir uns nach dem Kind derart, daß uns unser Heim ordentlich verleidet ist.«

»Kann ich mir denken, verehrte Frau! Na, wie wäre es denn, wenn wir uns verabredeten und ein bischen bummelten?« – – Die Gefragte lachte vor Freude: »Natürlich, das ist eine herrliche Idee! Das hilft am besten über die Einsamkeit weg. Ich bin Ihnen sehr dankbar, lieber Berg, wir kommen bei unserm großen Kreis nie in die Restaurants. Das Leben und Treiben würde meinen Alten entschieden etwas zerstreuen! Also schlagen Sie vor, Ratchen, wir schlagen freudigst nach!« – – Er überlegte: »Gut, wie wäre es mit Kempinski in der Leipziger Straße? Man ißt und trinkt dort sehr preiswert und sieht recht großstädtisches Leben!« – – »Mit Wonne! Wo ist das Lokal, ich entsinne mich garnicht – – – –« – – »Der Eingang ist etwas versteckt, daher wissen Sie nicht Bescheid. Im Hause vom Wäsche-Grünfeld. Man geht durch den Thorweg!« – – »Aha, ich weiß schon so dunkel! – rief sie. – Diese Unbildung ist verzeihlich, wir kommen nie in die Restaurants!« – – »Ich telephoniere nachher noch einmal an, Frau Degenhardt, dann verabreden wir genau. Vielleicht wird es schon heute Abend etwas?« – – »Mit Freuden! Thun Sie es nur! So zwischen drei und fünf Uhr ist mein Alter auch zu Haus! Auf Wieder – – – –« – – »Apropos! – unterbrach er sie – wo steckt unser Pärchen jetzt, abgesehen von dem Himmel, in dem alle Hochzeitsreisenden thronen!?« – – Die Dame machte ein ärgerliches Gesicht: »Denken Sie nur, lieber Rat, diese Frage bringt mich in die größte Verlegenheit, denn ich weiß es selbst nicht! Fännisch reiste doch als Junggeselle fast das ganze Jahr für sein Geschäft. Jetzt wird er seßhaft und höchstens zweimal im Jahre auf eine kleine Tour gehen. Durch diesen Wandel in der Geschäftsführung kann er nur acht bis höchstens zehn Tage für die Hochzeitsreise opfern. Und für diese Frist wollten die beiden Sünder ganz ungestört sein und nichts von der Außenwelt, das heißt ihren Familien, hören und sehen!« – – »Daran erkenne ich Trudchen, der Racker muß immer etwas Apartes haben!« – – »Sehr richtig! So ist sie in der That, daher wissen wir nicht, wo die Kinder stecken. Aus Karls Andeutungen vermuten wir aber, daß sie in Baden-Baden oder München sind. Er wollte nicht weit – – –« – – »Unglaublich! So sind Sie ganz ohne Nachricht?« – – »I bewahre! – entgegnete sie förmlich beleidigt. – Jeden Morgen bekommen wir von seinem Geschäft per Hausdiener einen Brief mit ein paar überseligen und begeisterten Zeilen. Karl scheint die versiegelten Couverts seinen geschäftlichen Anweisungen beizulegen. Wir thun ihm den Gefallen und forschen nicht weiter nach. Denn mit einigen Trinkgeldern oder mit einer Anfrage bei dem Buchhalter, dem Prokuristen, könnten wir ja durch den Poststempel die Wahrheit herauskriegen. Jedoch, es macht den Leutchen Freude! Also lassen wir ihnen ihr Vergnügen und freuen uns nur, daß sie so glücklich sind!« – – »Da thun Sie das Allergescheuteste! »Das« Geheimnis wird sich von selbst bald lösen. Die Zeit geht schnell vorüber!« – – »Gott sei Dank!« – – »Inzwischen werden meine Marie und ich Sie ein wenig in die Kur nehmen und Ihnen Berliner Restaurants zeigen. Benutzen Sie Ihre Ferienzeit! Wenn die jungen Leute erst wieder zurückgekommen sind, dann können Sie doch nicht so fort! Dann sitzen Sie doch nur bei Fännischs oder Fännischs bei Degenhardts, nicht wahr?« – – »Gewiß, mein lieber Herr Rat, also nehmen Sie uns nur unter Ihre Fittige! Sie und Ihre liebe Gattin sind ja solche Bummelanten!« – – »Abgemacht, Verehrte, jeden Tag klingele ich zwischen drei und fünf Uhr an und verführe Sie!« – – »Sie werden uns stets willig finden; also auf nachher und heute Abend!« – – » Au revoir bei Kempinski!« – – Nach einem kräftigen Händedruck trennten sich die Beiden, und jeder ging seiner Wege. –

Inzwischen war im Museum ein junges Pärchen mit seiner Wanderung so ziemlich fertig geworden. Er und sie schienen wenigstens gering Kunst genossen zu haben. Sie setzten sich in eins der stets leeren Seitenkabinette, küßten sich gründlich ab und sahen sich zärtlich in die Augen. »Na, wie gefällt es Dir so als neugebackener Ehegatte auf unserer Hochzeitsreise?« – fragte sie lachend. – »An Deiner Seite, mein Trudelchen, kann es mir ja garnicht anders gehen als herrlich! – entgegnete er galant – Du bist ein Hauptkerlchen mit Deiner Idee, unsere Reise hier nach Berlin zu machen! Einmal war mir die Reiserei ja zum Halse heraus! Und zum andern Male bin ich ganz baff, was wir hier alles zu sehen haben, das hätte ich ja nie in unserer ollen Kaiserstadt an Kunst und Abwechslung vermutet!« – – »Du hättest es auch nie zu sehen bekommen! Es wäre ja ein Wahnsinn, uns in München oder sonstwo abzustrampeln! So lernen wir doch 'mal wenigstens unsern Geburtsort gehörig kennen!« – – »Und, mein Trudelchen, ich finde, es ist ein so angenehm die Nerven kitzelndes und aufregendes Gefühl, dies ewige »Auf der Flucht sein« vor Verwandten und Bekannten! Bis jetzt haben wir Glück gehabt, und es wäre ein Hauptspaß, wenn wir zehn Tage lang hier weilen könnten, ohne erkannt zu werden! Hältst Du es eigentlich für denkbar?« – – Die junge Frau knippste gleichmütig mit den Fingern. – – »Ohne Frage! Und ich freue mich schon wie ein Mops auf die Überraschung, wenn die Bombe zum Platzen kommt, und die Eltern holen uns ernstlich von der Station Friedrichstraße ab. Uns kann ja gar keiner erkennen nach unserer Mauserung. Die Meinen haben Dich nie ohne Vollbart gesehen, die Deinen sind auch von dem Anblick entwöhnt. Und mich mit den Scheiteln, dem englischen Hut und dem langen Cape erkennt kein Mensch!« – –

Herr Fännisch hatte ein Spiegelchen aus der Tasche geholt und betrachtete sich sorgsam. »Wahrhaftig, man verändert sich kolossal! Du siehst in dem Umhänger so behäbig aus, garnicht wie die schlanke Puppe! – – – – Sag' mal, Trudelchen, ich habe ein menschliches Rühren in der Magengegend. Was steht noch im Programm?« – – »Halte bitte den Bädeker, ich will 'mal nachschauen!« – – Er ergriff das Buch. Sie blätterte im Notizbuch. »Also zuerst Besichtigung des Reichstagsgebäudes. Straßenbummel, Frühstück in den Wilhelmshallen – Museumsbesuch. Halt, hiermit sind wir fertig. Daher kommt jetzt Mittagbrot bei Lutter und Wegner, Kaffee im Café Bauer, Besuch des Berliner Theaters und Souper bei Kempinski. Dann zurück in unser schönes Palasthôtel!« – – »Sehr nett! Aber, Trudchen, ich finde es doch recht gewagt: Bauer, das Theater und Kempinski? Wir werden entdeckt werden. Gerade diese Orte sind doch die Rendezvous von halb Berlin!« – – »Möglich, Karl! Aber in der großen Menge taucht man im leichtesten unter. Und dann bei der Solidität unserer beiderseitigen Eltern ist nichts zu befürchten. Im Notfalle bleibt mir ja stets meine blaue Brille. Sieh, Schatz, wenn uns Max mit seinen scharfen Augen gestern in dem Amerikan Bar und im National-Café nicht erkannt hat, dann haben wir nichts zu fürchten!« – – »Na danke! Als der Bengel mit seinen Couleurbrüdern da aufzog, habe ich ein Herzklopfen gehabt, wie ein ertappter Verbrecher! Es wäre auch schade um unsere herrliche Freiheit!« – – Er umarmte seine zierliche Gattin, ließ sie aber erschreckt los, als zwei Backfische mit ihrer Erzieherin den Raum betraten und entsetzt zurückprallten. »Lieber Himmel!« – sagte er nur. Sie zupfte ihn am Ärmel, denn eins der jungen Dinger äußerte nebenan laut seine Entrüstung.

»Finden Sie nicht auch, daß die Amerikaner wirklich zu unverschämt sind, Fräulein? So etwas erlaubt sich doch nur Wild West! P! Sich im Museum zu küssen!« – – »Sicher sind die öffentlichen Gebäude dazu nicht da! Solch Benehmen ist unerhört, da seht Ihr aber, Kinder, wie häßlich Euch solche Unmanieren selbst berühren, besonders hier angesichts der Kunst!« – erwiderte die Gouvernante. Auch die andere Schwester gab ihr Urteil ab. »Ja, diese Amerikaner sind Barbaren, die sehen sich die Gemälde nicht an, sondern bloß ihren Bädeker. Nachher aber prahlen sie mit ihren Kunststudien in Europa. Bemerkten Sie, Fräulein, der Herr hatte auch solchen roten Führer?« – – »Ja, Lieschen!« – – – »Aha! – flüsterte Trudchen vergnügt – Siehst Du, man hält uns für Ausländer, dank meinem karrierten Cape und dem Hut!« – – »Desto besser! Aber nun komm', für heute haben wir wirklich genug Kunst gekneipt. Wir wollen langsam das kleine Stückchen zu der Weinstube gehen. Das viele Sehen strengt doch an!« – – »Ich bin dabei!« – sagte sie und erhob sich.

In leichtem Schlenderschritt marschierten sie durch den Lustgarten die Linden entlang bis Zur Charlottenstraße. Gerade bei dem Überschreiten des Fahrdammes sauste ein Radfahrer gegen eine Droschke und lag mit seiner Maschine im Schmutz. Im Nu bildete sich ein Auflauf. Es wurde für und gegen den »Strampler« Partei ergriffen. Eine Keilerei schien sich flott zu entwickeln, als Schutzleute auf der Bildfläche erschienen. Kutscher und Radler mußten mit zur Wache, auch die Namen verschiedener Zeugen wurden aufgeschrieben. Der Besitzer der Droschke nannte Herrn Fännisch als Hauptentlastungszeugen, weil dieser den Verlauf des Unheils notwendig beobachtet haben mußte. Diesem half es nichts. Widerwillig mußte er seinen und der Gattin Namen notieren lassen. Schon wurden die beiden Attentäter abgeführt, als Fännisch hinter ihnen herstürzte: »Verzeihung, Herr Wachtmeister, ich wollte mir aber bloß eine Frage gestatten.« – – »Bitte?« – – »Kommen wir etwa mit voller Namensnennung in die Zeitungen? Das wäre mir höchst unlieb!« – – »Aber keine Ahnung!« – sagte der Schutzmann erstaunt. »Nee, Männeken, wa bitten man bloß um Ihre jeehrten Photojrapfieen, falls wa als neiste Neiigkeit in de illustrierten Journäler abjebildet wer'n soll'n!« – meinte der Kutscher, dem es nicht an Humor zu fehlen schien. – – »Sie haben wohl etwas auf dem Kerbholz, daß Se sich so ängstigen, Sie? Da stimmt doch wat nich!« – trumpfte der erregte Radfahrer auf, der seine total verbogene Maschine führte. – – »Lassen sie Ihre koddrigen Redensarten!« – wurde ihm sofort zugerufen. – – »Ich lasse mir meinen Mund nicht verbieten!« – entgegnete er trotzig. – – »Tet hat man jemorken, son schimpfendes Strampelbein hab ick mein Lebtag noch nich jesehen. Fuhrwerkt der Mensch mein armen Jaul fast den Brustkasten kaput, und denn schimpft er noch und schwindelt!« – – »Sie, halten Sie jefälligst – – – – –« Die beiden Feinde erregten sich von neuem.

Herr und Frau Fännisch schlugen sich seitlich in die Büsche. »So etwas fehlt uns noch! – sagte er lachend – Nur jetzt, wo wir als verschwiegene Veilchen blühen wollen, keine Karambolagen weiter!« – – »Das stimmt! Übrigens, Karl, Karl, schnell in ein Haus hinein, dort kommt Tante Adele mit Emmi!« – – Hastig flohen sie vor den Nahenden in einen Thorweg und warteten, bis die Gefahr im wahrsten Sinne des Wortes vorüber war. Dieses beständige »Auf der Hut sein« war höchst reizvoll und erhöhte das Wohlgefallen an ihrer eigenartigen Hochzeitsreise. – Trudchen, die Berlin stets nur unter der Obhut der Eltern oder der Erzieherin als höhere Tochter gesehen, lernte es jetzt erst ordentlich kennen. Ihr junger Gatte führte sie von Restaurant zu Restaurant und in die Stätten, welche jungen Mädchen sonst verboten sind. Hier war er Kenner. Sie wiederum geleitete ihn durch Kirchen und Museen, wo sie Bescheid wußte. – Das Mittagbrot in der altberühmten, historischen Weinstube war erledigt. Schon saß unser Pärchen beim Kaffee, las Zeitungen und schaute zwischendurch hinaus auf diesen belebtesten Teil des Kreuzungspunktes der Friedrichstraße und Unter den Linden. Im Café Bauer war es so voll wie stets am Nachmittage. Alle Sprachen Europas konnte man dort vernehmen, denn hier schienen sich alle internationalen Elemente zu treffen. – Gewandt bedienten die Kellner und schienen zauberhaft den immer mehr anströmenden Gästen Plätze aus dem Boden zu stampfen. – Trudchen beobachtete neugierig das Leben und Treiben. Plötzlich zog sie ihre blaue Brille aus dem Cape und setzte das Monstrum auf ihre kleine Nase. »Nanu, warum diese freiwillige Verunstaltung?« – fragte er erstaunt. – »Dreh Dich mehr nach links, Karl, und sieh Dich nicht um. Soeben ist Franz Mühler mit zwei fremden Herren an den Tisch neben uns gekommen!« – – »Ach, Herr Jesus, das ist Pech! Nun sind wir verraten!« – – »Gott bewahre! Immer ruhig! Aber von jetzt ab sprechen wir wieder englisch. Ich habe den Bädeker schon so gelegt, daß er ihn sehen muß!« – – Sie unterhielten sich von dieser Minute ab in der ihnen beiden geläufigen fremden Sprache. –

Herr Franz Mühler war ein Damenfreund. Seine Begleiter schienen die gleiche Passion zu haben. Frau Fännisch beobachtete nämlich, wie sie alle weiblichen Wesen in der Runde fixierten und dann kritisierten. Die Bemerkungen schienen recht lustig zu sein, denn sie lachten mehrmals vergnügt auf. Plötzlich bekam sie starkes Herzklopfen. Die Herren wandten sich ihr zu und beäugten sie einige Sekunden, am gründlichsten besorgte dies ihr Großvetter. Mühsam bewahrte sie ihre Ruhe, hielt die Zeitung in den leicht bebenden Händen und zwang ein paar englische Sätze in dem hellen, flötend weichen Ton mancher sonst nichts weniger als weich geformten Miß hervor. Bei diesen Lauten wandten sich alle drei Beobachter einmütig ab. Sie horchte, und mit ihrem scharfen Gehör fing sie die Worte auf, welche nur leise geäußert wurden. »Brr, ein Beefsteak! Mein Horror!« – – »Blindschleichen in blau mit Cape und Scheitel unter englischem Deckel, nicht mein Gustus!« – erklärte Mühler. –

»Na warte, mit dem Ausspruch necke ich Dich noch! Den sollst du büßen!« nahm sich Trudchen innerlich sehr fidel vor.

Nur einer war ihr freundlicher gesinnt. Er meinte: »Was wollt Ihr? Die ist garnicht so übel, hat ganz feine, junge Züge! Den blauen Kieker 'runter und die Haare anders, könnte dann ein niedlicher Käfer sein!« – – »Danke, wenn ich die Weiber erst kleiden und frisieren lassen muß! Ich bin kein Goldgräber!« – widersprach Mühler. – Im übrigen schielt die sicher, sonst – – – seht 'mal die in blau, drüben rechts, famoses Weib, nicht wahr? Das ist doch Büste, was?« – –

»Trudchen, es ist Zeit. Wir wollen doch heute recht pünktlich im Theater sein, denn eine Björnson-Premiere wird entschieden interessantes Publikum anlocken! Der Hotelportier meinte es auch und riet uns, recht früh hinzugehen,« – sagte Fännisch ein Stündchen später. Willig erhob sie sich sofort. Die Rechnung wurde geordnet. Das Pärchen kletterte in eine Droschke und fuhr durch die belebten, hell erleuchteten Straßen nach dem Berliner Theater. Die Menschen strömten bereits hinzu. Die Kasse zeigte ein stolz prangendes Schild – »Ausverkauft.« – Nach dem großartigen ersten Teil des Dramas »Über unsere Kraft«, nach all den vorangegangenen Kämpfen war man auf die Fortsetzung unglaublich gespannt. Nur mit großem Trinkgelde hatte Herr Fännisch noch die beiden Plätze in einer Loge von einem Händler ergattert. Trudchen freute sich, denn »so nobel« hatte sie noch nie gesessen, da ihre Eltern nur aus Abonnementsitze in das Parkett mit ihr gingen. Als sie jedoch die Loge betrat und ihre Plätze in Augenschein nahm, erschrak sie: »Um Gotteswillen, Karl, wir sitzen ja wie auf dem Präsentierteller. Das ist ja schrecklich!« – Er beruhigte sie etwas. Schnell drapierte sie einen schwarzen Spitzenshawl um ihre Seiderblouse, nahm die Brille vor und zog die Scheitel tiefer. Ihr Gatte schützte sich mit dem geschickt gehaltenen Theaterzettel. Dann widmeten sie sich dem sich langsam füllenden Hause und zeigten sich gegenseitig die ihnen bekannten Berühmtheiten, wie Herrn Sudermann, Lindau, Blumenthal, die beliebten oder gefürchteten Kritiker und sonstige anwesende Bekannte. – Plötzlich vergaß sich Trudchen und nickte herzlich und winkte mit der Hand: »Sieh, dort im Parkett sitzt Willi Feller, Lotte und der von ihr unzertrennliche Ernst Georgy!« – Und sie grüßte die drei Personen, welche erstaunt zu ihr hinaufblickten. – »Schatz, Du vergißt unser Inkognito!« – warnte der Gatte, sie heftig anstoßend. »Ich dumme Person!« – schalt sie sich leise und stellte sofort ihre Grüße ein, das Gesicht im Taschentuch versteckend. »Na, das wäre nett geworden, so etwas Dummes! Wenn uns das Brautpaar erkannt hätte, dann adieu Inkognito!« – –

»Gilt das uns?« – fragte unten Lotte Bach ihren Bräutigam verwundert. »Nein, denn die Dame ist schon still geworden. Sie hat uns verkannt, so etwas kommt vor!« – meinte er. »Gewiß! Sieh nur, die lachen schon selbst, die beiden! Übrigens – fuhr sie sinnend fort – ich kann mir nicht helfen, aber sie kommen mir mächtig bekannt vor. Ich weiß nur nicht, wo ich sie hinthun soll!« – – »Lotte, um Gotteswillen, buddeln Sie nicht in Ihrem Gedächtnis. Lassen Sie die Fremden, und sehen Sie sich im Theater um, das ist entschieden lohnender!« – erklärte der Schriftsteller. – Sie that, wie er ihr riet, und drehte ihr lustiges Gesicht nach allen Seiten, ab und zu den Operngucker zu Hilfe nehmend. Natürlich kannte sie wieder eine Unmenge Personen und grüßte nach allen Gegenden. – – »Wißt Ihr, Menschenskinder! – sagte sie nach einem Weilchen leise – Das Premierenpublikum hier hat doch einen ganz andern Anstrich als im »Deutschen!« – Mir ist es sympathischer, weil es einfacher ist und besser vorbereitet für die Aufnahme großer Kunstgenüsse. Seht nur, es liegt eine unruhige, gespannte Weihe über allen. Besonders auf den Stehplätzen die Herren gefallen mir. Jeder sieht besonders sympathisch aus.« – – »Fremde Männer gehen Dich absolut nichts an. Sofort sieh wo anders hin!« – dekretierte Willi. – »Aha, Othello!« – Lotte lachte – »Du, Willi, der links am Eingang ist so schön, den nehme ich mir aufs Korn. Der sticht Dich aus!« – Er beäugte den Herrn und lachte, als er sein Fernglas sinken ließ: »Den gönne ich Dir! Es ist merkwürdig, wie oft man an heutigen menschlichen Gesichtern noch die Darwinsche Lehre von der Affenabstammung nachweisen kann!« – – »Du,« – meinte Lotte plötzlich erregt – »darüber haben wir noch nie gesprochen. Das mußt Du mir 'mal genau erklären und beweisen!« – – »Dir ist diese Theorie noch zweifelhaft, wo Du alle zehn Minuten das schöne Wort »Affenschwanz« in die Welt schleuderst?« – sagte er. – – »Bah, das kommt mir immer von selbst, wenn ich Dich ansehe, das wäre also ein unfehlbarer Beweis für Darwin!« – erklärte sie schlagfertig. Er zwickte sie am Arm: »Du! Dir diesen jetzt in aller Eile zu geben, das geht über »meine und unsere Kraft«! Vorläufig zanken sich darüber noch die Gelehrten. Übrigens lassen wir diese ernsten Gespräche bis nach der Hochzeit, Lotte, die Brautzeit ist zu schade dazu. Oder glaubst Du, daß Alice und Dr. Greif etwa philosophieren? Mir sehen die nicht danach aus!« – – Sie lachte: »Mir auch nicht, denn die haben noch so viel zu küssen. Dagegen sind wir die reinen Eiszapfen!« – – »Weil du eine kalte Mamsell bist!« – – – »Ich? Oho! Dir piept es wieder – – – –« »Hören Sie, meine Lieben, das ist mir zu stark! – unterbrach Georgy – Sie erledigen hier im öffentlichen Lokale Privatangelegenheiten! Lassen Sie das wenigstens bis nach der Vorstellung ruhen, und präparieren Sie sich würdiger auf den Nordlandrecken!« – – »Sie haben recht!« – gab der Arzt zu. Er nahm wieder sein Glas vor die Augen und suchte in den Logen. »Wie schade, daß Björnson nicht gekommen ist! Oder erspähen Sie ihn irgendwo?« – – »Nein, leider nicht, ich bin auch enttäuscht über sein Ausbleiben!« – – »Seht 'mal da die Kritikergruppe! – flüsterte Lotte – Die wetzen jetzt ihre Gehirne und Federn!« – – »Die Auguren lachen!« – – »Oh nein, in dem Falle ist es nicht so schlimm! Aber sehen Sie nur die Leute an! Ist es nicht gräßlich, wie sich ganz entfernt bekannte Personen an die berühmten Menschen drängen, um nur einen Händedruck oder einen Gruß zu erzielen? Ich hasse das Gekrieche, so sehr ich sonst für Heroenanbetung schwärme! Da, wie man die Loge umlagert, unausstehlich!« –

Der Schriftsteller setzte sich, denn das erste Glockenzeichen ertönte. Die andern folgten seinem Beispiel. »Ich kann mir nicht helfen; oder die beiden da oben, der Herr und die Dame, welche uns vorhin grüßten, die muß ich kennen! Findest Du nicht, daß sie sogar an Karl und Trude Mimisch erinnern?« – – »Aber keine Spur, Lotte!« »Doch!« – stritt sie verbohrt. – »Beruhige Dich, die schwelgen irgendwo in Süddeutschland!« – – »Pßt!« – erscholl es von verschiedenen Seiten. Der Vorhang hob sich. –

Björnsons grandioses Werk ging in Scene. Mit immer größerem Interesse, das sich im dritten Akte bis zum angespanntesten, fieberhaftesten Miterleben steigerte, folgte das Publikum den Vorgängen auf der Bühne. Stürmischer Beifall lohnte den Dichter und seine Verkünder. – – Halbohnmächtig lehnte die junge Frau Minnisch in ihrem Stuhle. Ihr Gatte bot alles auf, sie von ihrer Erregung abzuziehen. So sehr er das Drama bewunderte, so sehr schalt er auf diese »Nerven und Herz zerreißenden Machwerke«. Der vierte, friedlich ausgehende Akt beruhigte die Gemüter, brachte bei vielen eine leise Enttäuschung. – Der Logenschließer hatte dem jungen Ehepaar bereits die Sachen gebracht. So kamen sie schnell über den Garderobenkampf und begaben sich ruhig zum Ausgang. – Im Publikum tobte noch die Wirkung des Werkes. Bei allen Gruppen wurden noch die »Für und Wider« erwogen. Einige Paare verabredeten bereits ein Rendezvous in den Cafés oder Restaurants. Andere gefielen sich in der Kritik der Schauspieler und tadelten. Im großen und ganzen konnte man jedoch aus der Aufgeregtheit und Unruhe der hinausströmenden Menschenmasse erkennen, daß der nordische Dichter seine Zuhörer gepackt hatte. Man kam über sein Werk nicht so schnell hinweg. – Vor dem Theater stand Lotte Bach mit ihren Begleitern und mehreren Bekannten in einer lebhaften Diskussion. – Vorsichtig eilte das Pärchen an ihnen vorbei und bestieg eine der harrenden Droschken.

»Glücklich entschlüpft, ohne daß sie uns erkannt haben! – jubelte Trudchen – Na warte, Lotte, Du wirst geneckt, Du und Mühler! – – Die sind die größten Schlauköpfe; aber wir haben auch ihnen ein Schnippchen geschlagen!« – – »Hast Du auch solchen Hunger, Trudelchen?« – – »Nein; aber warum hast Du nicht im Theater ein Brötchen genommen?« – – »Nein, danke! Die Kellerrestauration dort mit dem Sturm auf das Büffet, wobei man halbtot gequetscht wird und von den Vorüberwandelnden noch getreten und hin- und hergeschoben, paßt mir nicht! Darin ist im Berliner Theater noch viel zu bessern. Garderoben- und Eßverhältnisse sind eigentlich in all unsern Theatern mehr als der Verbesserung bedürftig. Ich freue mich auf Kempinski!« – – »Ich auch, denn ich war noch nie dort!« – – »Na, warte, Liebchen, ich werde Dich schon civilisieren. Nach unserer Hochzeitsreise sollst Du Dich in Berliner Lokalen besser auskennen!« – – »Ei ja, darauf freue ich mich – sagte sie – Dann werden wir auch unsere Eltern von dem ewigen Zuhausesitzen loseisen. Als Frau kann ich das ja leichter versuchen!« – –

Er drückte sie an sich, als gerade die Droschke hielt. Sie kletterten hinaus. Er lohnte den Kutscher ab, dann reichte er ihr den Arm. – Sie durchschnitten den Thorweg und kamen in die Garderobe. Fännisch gab nur ihren Schirm und seinen Stock ab. Galant kaufte er ihr von dem hier postierten Blumenhändler ein Sträußchen, das sie an der Taille befestigte. – Etwas unruhig, weil sie sich vor dem Erkanntwerden scheuten, betraten sie das Lokal, nachdem sie die kleine Treppe erklettert.

Wie immer, so war auch heute das berühmte Restaurant überfüllt. Lebhaftes Geschwatze, leichte Rauchwolken, Tellergeklapper und hin und her eilende Kellner zwischen den Tischen boten einen recht verwirrenden Eindruck. – Der Raum, welcher im Sommer »Garten« genannt wurde, war bis zum letzten Plätzchen besetzt. So mußten sie den schmalen Mittelweg bis ganz nach hinten zur Krausenstraße durchschreiten. Voran eilte der Oberkellner, der ihnen endlich ein nettes Ecktischchen verschaffte. Von ihrem Platze aus konnten sie den sich hier verbreiternden Raum überschauen. Sie selbst waren durch eine Gitterwand ziemlich gut geschützt. – Neben ihnen, an dem gleichen Tische, saßen noch zwei Offiziere in leiser eifriger Unterhaltung. – Trude blickte neugierig umher. »Hier ist ja wirklich ganz Berlin!« – sagte sie leise. »Und zwar eine merkwürdige Mischung aller Kreise, – meinte er, – sieh nur: Fremde, Militärs, Beamte, Aristokratie, Künstler. Daneben einfache Bürger und Kaufmannskreise. Und als Würze sogenannte Damen in zweifelsohner Toilettenpracht. Die rothaarige drüben mit dem auffallenden Kleide und Hut, – – sie zündet sich gerade eine Zigarette an – kenne ich schon lange! Da sitzen Börsianer und Rechtsanwälte, die mir bekannt sind. Dort sogar ein paar Konkurrenten mit ihren Frauen. Die sollten ahnen, daß ich hier bin!« – – »Was war denn da vorn für ein Holzpavillon?« – fragte sie. – »Ach, das Auskunftsbureau meinst Du? Dort kann man sich nach allem Möglichen erkundigen, Weine bestellen, Briefe hinbeordern und Gott weiß was noch! Ich sagte Dir ja schon, gerade dies Lokal ist ein wichtiger Faktor im Berliner Leben, vielleicht einer der Haupttreffpunkte der Stadt. Wenn in Berlin Kongresse sind oder besonders wichtige Reichstagssessionen, dann sollst Du nur hier den Rummel sehen. Hier werden viele Fäden geschlungen, sowohl in der Politik wie in Handels-, Liebes- und sonstigen Angelegenheiten.« – – »Denk' mal an, Karl! – sagte sie erstaunt – Es ist übrigens sehr hübsch ausgestattet, die Täfelungen und Steinwände – – – –«

Der Kellner fragte nach Herrn Fännischs Wünschen und reichte ihm die Speisekarte hin. »Laß mich aussuchen!« bat sie. – »Gut, Kind, doch das dauert immer ein Weilchen, also bitte, kommen Sie in fünf Minuten wieder!« – – Der Mann verschwand. Trude studierte die Karte. »Vorwiegend Rinderbrust und Huhn mit Reis! – – – – Ach nein! Hier ist sogar in der Mitte ein festes Wochenrepertoire. Wie ulkig! Was haben wir heute? Dienstag! So, na dann wollen wir 'mal schauen! Also es giebt Prager Schinken in Burgunder!« – – »Bin mir schon einig, den nehme ich!« – – »Gut, ich nicht! Schmorbraten mit Straßburger Kartoffeln? Nein, danke! Also mir, bitte, Croquettes von Hühnern mit Schoten!« – – »Du kannst auch etwas Anderes wählen, Trudchen! Die Geschichte hier ist billiger, als man denkt! Jede ganze Portion nur eine Mark fünfundzwanzig Pfennige. Jede halbe nur fünfundsiebzig!« – – »Wahrhaftig? Wie macht der Mann das?« – – »Der Umsatz bringt es, Kind!« – – »So.«

Sie gaben ihre Aufträge, warteten eine ganz anständige Zeit. Dann endlich brachte der Kellner das Verlangte. – Trudchen versenkte sich gerade in ihre Hummermajonnaise, die sie sich noch bestellt. Da erhob sich der eine Offizier. Sie bekam einen Durchblick nach einem andern Teile des Lokales und erschrak. Die Gabel entfiel ihr. Sie wurde bleich. Fännisch beobachtete dies mit Staunen. »Nanu, was ist Dir, siehst Du Gespenster?« – – Sie nickte bloß mit dem Kopfe. »Wo denn?« – – »Da, unten!« – murmelte sie betroffen. Er erhob sich und schaute auf einen Tisch, an dem vier Personen, zwei ältere Herren und zwei ältere Damen, saßen. – – »Himmeldonnerwetter!« entfuhr es ihm, indem er sich schleunigst wieder niederließ. – – »Meine Eltern und Bergs hier, bei Kempinski? Das ist unglaublich! Das ist ja noch garnicht dagewesen!« – murmelte sie. – »Schau nur, es wird noch besser!« – flüsterte er lachend. – Doktor Feller und seine Braut traten zu den alten Herrschaften. Diese begrüßten sich mit den Neuangekommenen, rückten zusammen, so daß auch dieses Pärchen noch Platz an dem Tische fand. –

»Na, Trudelchen, wollen wir einfach hinuntergehen und guten Tag sagen? Ich sehe es Dir doch an, wie schwer es Dir wird, hier noch auszuhalten! Dort die Eltern und hier das Kind?! – Los!« – – Die junge Frau kämpfte beim Anblick von Vater und Mutter mit den Thränen. Aber schließlich siegte ihr so lange gehegter Vorsatz. Sie beherrschte sich: »Nein, Karl! Wir wollen uns nicht den Spaß verderben lassen. Wir wollen Charakter beweisen. Nun habe ich die geliebten Leutchen gesehen, das ist eine große, große Freude. Jetzt aber führen wir unser Vorhaben durch, sonst lacht man uns aus!« – – »Und wir stecken wieder mitten in der Familie drin! Es war doch so schön allein, nur Du und ich. Nicht wahr?« – Sie reichte ihm die Hand. Dann beherrschte sie sich und fand sogar zuletzt das volle Verständnis für die Komik der Situation. »Na, die würden staunen, wenn sie uns hier wüßten! Das giebt noch einen Jux, wenn es herauskommt! So etwas ist doch noch nicht dagewesen!« – meinte er. – – »Das sollte Mama ahnen, daß ich zwanzig Schritt von ihr entfernt bin! Na wartet, kaum bin ich fort, amüsiert Ihr Euch in Restaurants! Ihr schlechten Menschen, das sollt Ihr büßen!« – »Wenn man doch bloß irgend einen Ulk machen könnte!« – –

Für einen Scherz war auch Trude zu haben. Sie überlegten hin und her. Endlich war ein Plan fertig. Fännisch erhob sich und eilte fort. Nach mehreren Minuten kam er zurück. »So, das wäre besorgt! Siehst Du, wozu das Auskunftsbureau gut ist!« – – »Haben sie sich auch die richtigen Namen gemerkt?« – – »Ja, ich habe sie diktiert und den Kellner genau instruiert. Nun wollen wir aufpassen, um ihre Mienen zu beobachten!« – – »Die werden an eine vierte Dimension glauben und sich gut die Köpfe zerbrechen; aber das ist die Strafe für ihr Bummeln ohne mich!« – lachte Trude, Unruhig, jedoch sehr vergnügt verzehrten sie ihr Abendbrot. Dann zahlte Herr Fännisch sofort. – Glücklicher Weise waren jetzt beide Offiziere gegangen, und die Durchsicht war frei. Nach einer Viertelstunde kam ein livrierter Bursche mit drei Blumensträußen an den Tisch vor ihnen. Er musterte die Herrschaften, sah auf seinen Zettel und schien sie etwas zu fragen. Sie antworteten augenscheinlich bejahend, denn er reichte Frau Degenhardt, Frau Rätin Berg und Lotte Bach je ein Bouquet, bestellte etwas und empfahl sich, nachdem er ein Geldstück empfangen. –

»Was sollte er sagen?« – jubelte Trude. – »Nichts weiter als: Die besten Empfehlungen von zwei Glücklichen aus Süddeutschland!« – – »Himmlisch! Guck' nur, da ist der reine Aufstand!« – – Wirklich redeten die sechs Leutchen da unten alle durcheinander. Man merkte deutlich, daß sie in völliger Ratlosigkeit irgend eine wichtige Sache besprachen, ohne ihr auf den Grund zu kommen. – Fännischs mußten sich schleunigst umdrehen, denn Lotte Bach schnellte empor und unterzog die Tische ringsum einer gründlichen Musterung. »Der Schlaumeier riecht den Braten!« – sagte Karl. – »Wie kommen wir jetzt fort? Kann man nicht hinten herum verschwinden?« – – »Im Gegenteil, das wäre Feigheit. Komm, wir gehen stracks an ihnen vorbei!« – – »Dann sind wir perdutto! Die Lotte – –« – – »Ach, keine Ahnung! Schnell, mach Dich fertig, Trudelchen, der Sanitätsrat erhebt sich und will sicher vorn Erkundigungen einziehen. Fix, daß wir inzwischen fort sind!« – – Fännisch half seiner Gattin das Cape umhängen. Dann schritt er neben ihr, sich mit ihr englisch unterhaltend und den Bädeker recht auffällig tragend, durch den Mittelgang. Berg folgte ihnen fast auf den Fersen. Kurz vor dem Erkundigungspavillon drehte Karl sich um, nahm seine Zigarre, lüftete den Hut ein wenig und bat den alten Arzt um etwas Feuer in einem gebrochenen Englisch-deutsch. Er blieb ernst. Frau Trude wendete sich hastig ab. Nur der Sanitätsrat in seiner Unschuld reichte ihm seine Streichhölzchen hin, ohne ihn recht zu betrachten, denn er schien innerlich sehr beschäftigt. – Karl dankte und empfahl sich schleunigst mit seiner Gattin. –

Dieser Streich hatte beide so übermütig gemacht, daß sie noch am folgenden Tage voller Possen steckten. Sie telefonierten bei allen möglichen Bekannten an und behaupteten, aus München zu sprechen. Sie baten die erstaunten Betreffenden, doch ja Degenhardts und den alten Fännischs die herzlichsten Grüße zu bestellen. – Im Naturwissenschaftlichen Museum, im Hôtel Savoy beim Diner, im Café Monopol, überall lachten und scherzten sie wie zwei selige Kinder. Dann besuchten sie den Wintergarten und begaben sich danach zum Abendbrot in ein Restaurant. Dort entdeckten sie sofort eine Reihe Bekannter, so daß sie sich ein separates Zimmer anweisen ließen. Hier kam es zum Eklat. – – In einer tollen Anwandlung hatte Karl die teuersten Gerichte und Weine auftafeln lassen. Er trank sich samt seiner Trude einen kleinen, artigen Spitz an. Aus ihren lustigen, etwas zusammenhanglosen Reden hatte der bedienende Kellner schon so manches aufgefangen, was ihn mißtrauisch machte. »Entweder – sagte er draußen zu seinem Kollegen – sind die beiden im Kabinet, welche so nobel thun, die frechsten Hochstapler oder es ist ein durchgebranntes Liebespaar. Ich kenne solche Kunden!« – – So überwachte er »diese gefährlichen Leutchen« ganz besonders scharf. Und der Mann that gut daran. Es war nämlich etwas faul im Staate Dänemark. –

Herr Karl Fännisch hatte seine Brieftasche dem Hôteldirektor in Verwahrung gegeben. Er versah sich jeden Morgen immer mit einer anständigen Summe für den Tag und ließ den Rest seines Geldes in Sicherheit. – Heute hatte er nun seinen gewöhnlichen Ausgabenetat bei weitem überschritten. Mit leichtem Schrecken sah er, daß er nicht einmal die Hälfte seiner Nota hier decken konnte. Trude in ihrem Champagnerrausch war überhaupt nicht mehr ganz klar. Was sollte er thun, sich den Wirt kommen lassen, seine Verlegenheit preisgeben und seine Uhr als Pfand hinterlegen? – Der Kellner musterte ihn ohnehin immer so mißtrauisch. – Er lachte vor Ärger und Champagnerlaune. Die Situation wurde kritisch! Er offenbarte sie seiner jungen Frau. Sie war sich sofort im klaren. »Ausrücken und morgen zahlen kommen!« – rief sie jauchzend. – – »Nee, Kind, zechprellen geht doch nicht gut!« – – Endlich kam ihm eine Idee! Er zog seinen Brillantring vom Finger, nahm einen Briefbogen und Couvert aus dem Portefeuille. Auf das reine Papier schrieb er seinen Namen, seine Geschäftsadresse und die Anweisung, sofort die Rechnung gegen Empfangnahme des Ringes zu begleichen. Wenn der Restaurateur nicht bis zehn Uhr vormittags im Besitze seines Geldes sei, solle er dieses aus dem rühmlichst bekannten Geschäft holen lassen. Dies konfuse Schreiben mit dem darinliegenden Ring verklebte er in dem Umschlag und erhob sich, um mit Trudchen heimlich durchzubrennen. – Jawohl! Der Kellner paßte zu gut auf. Ehe sie noch eine Droschke erreicht hatten, verfolgte er sie. Ein Schutzmann war zur Stelle. – Herr und Frau Fännisch mußten erbarmungslos auf die Polizeiwache. Dort behielt man sie liebenswürdigst einige Stunden im Gewahrsam, denn aus ihren verwirrten Redensarten, aus ihren Angaben wurde man nicht recht klug. – Man schien da einen guten Fang gemacht zu haben! – Erst viel später, nachdem der Rausch verflogen, kam die Besinnung wieder und mit ihr ein furchtbarer Kater. Noch einmal wurden sie verhört. Dann spielte das Telephon nach allen Seiten! Degenhardts, tödlich erschrocken, erklärten auf Anfrage nach ihrer Tochter, daß diese auf der Hochzeitsreise in Süddeutschland weile. Erst nach vielen Verwickelungen, nach den größten Beteuerungen, nach dem Ringfund in dem Restaurant und dem Eintreffen von Fännischs Prokuristen, dem Oberkellner des Palasthotels und des Studenten Max Degenhardt wurde die Sache aufgeklärt. –

Die Hochzeitsreise war aus. Die Eltern holten ihre Kinder von dem Polizei-Gewahrsam ab und führten sie in ihr neues fertiges Heim. Das Blumenrätsel von Kempinski war gelöst. Und Lotte Bach triumphierte. Sie hatte als Einzige schon im Theater eine Ahnung der Wahrheit gehabt.

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