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Die Berliner Range VII - Prosit Brautpaar!

Ernst Georgy: Die Berliner Range VII - Prosit Brautpaar! - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Georgy
titleDie Berliner Range VII - Prosit Brautpaar!
publisherVerlag von Rich. Bong
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141203
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6. Kapitel. Aschinger.

»Sie sehen etwas abgespannt aus, liebe Lotte!« – erklärte Ernst Georgy seiner Freundin, die er mit Packeten reich beladen in der Leipziger Straße traf. – »Ich muß Besorgungen machen, und das hasse ich!« – knurrte sie. – – »Schon Aussteuergegenstände?« – – »Auch dabei! Das würde noch gehen, denn da kann ich ganz nach meinem Geschmack kaufen, und um diese Gegenstände webt die bräutliche Phantasie stets eine goldene Aureole!« – – »So! Na, also was ist es sonst?« – – »Vor allen Dingen nehmen Sie diese beiden Stücke vorsichtig an dem Holzträger, dann stopfen Sie diese Kleinigkeiten in Ihre Überziehertaschen, und zuguterletzt stecken Sie dieses Lederetui und das schmale Buch in irgend sonst einen Behälter, an denen die herr – – – – lichen Kleidungsstücke ja so reich sind!« – – Der Autor kam mit etwas betretenem Gesicht ihren Aufträgen nach: »Haben Sie vielleicht sonst noch Befehle?« – fragte er bescheiden. – – »Vorläufig nein; aber seien Sie nicht so happig!« – – »O bitte, stehe gern zu Diensten!«

Lotte lachte, nahm ihre freigewordene Linke in die wärmende Muff und raffte mit der erwärmten Rechten ihren Kleiderrock auf. »Nun sieht man wirklich, wozu eine männliche Begegnung manchmal gut ist! Meine edle Vorderklaue war bereits dem Erfrieren nahe! Der Himmel danke es Ihnen!« – – »Auch noch Spott? O bitte, liebe Freundin, ich mache mich ausgezeichnet als Dienstmann oder Packesel!« – – »Besonders das letztere würde ich zu einem Vergleich heranziehen. Die Ähnlichkeit ist frappant!« – – »Und dieser Range habe ich zur Unsterblichkeit und Popularität verholfen!« ächzte er klagend. – – »So, dessen rühmen Sie sich noch, frecher Dachs! – Ich danke, Sie haben mir meinen Ruf in Grund und Boden ruiniert! Sie sollten nur all die Briefe lesen, welche ich fast täglich erhalte. Sämtliche Taugenichtse der deutschen Sprachgebiete fühlen sich mir rührend verschwistert! Anstatt daß mein ruppiges Beispiel die Rüpel niederschmettert – – – – woll ja! Haben noch Wasser auf ihrer Mühle. Dabei war ich doch garnicht »so« doll!« – – »Hmhm!« – – »Ach Sie, natürlich ein Moralproppen war ich ja gerade nicht!« – – »Das weiß Gott!« – – »Aber Tugendbonzen können mir leid thun!« – – »Mir auch!« – »Wirklich, ich hätte doch noch weit mehr Streiche machen können!?« – – »Nein, hören Sie, das stimmt nun, laut Aussage sämtlicher Ohrenzeugen, entschieden nicht – – stritt Georgy – Ein Mehr von Unarten hätte selbst der selige Herkules nicht fertig gebracht. Erst neulich haben Sie, trotz der Brautzeit, wieder eine Sache verübt, die ganz der Berliner Range würdig war! Sie bessern sich nie!« – – »Ich? Was denn? Wo denn?« – heuchelte sie Unschuld. – – »Verstellen Sie sich nicht obendrein, Racker! Aber mein Bekannter, der Doktor Hagenow, speit noch heute Wut. Sie haben ihn in seiner Achillesferse getroffen!« – –

»Ich, keine Ahnung!« – erklärte Fräulein Bach. – – »So! Sie entsinnen sich nicht, dann gestatten Sie mir, daß ich Ihnen auf die Spur helfe. Hagenows Wirtschafterin, Ihre ehemalige Lina, hat Farbe bekannt!« – – »Pfui, die Schwatzliese! Der wer' ich die Flötentöne beibringen!« – – »Weil Sie so gar keine Ahnung haben, muß ich Ihnen aber die Geschichte erzählen. Also Paul Hagenow ist ein junger, sehr wenig beschäftigter Arzt. Er ist aber sehr stolz und will dies nicht eingestehen!« – – »Sondern renommiert sogar mit seiner Sprechstunde und seinen Patienten! So'ne Heuchelei hasse ich! Himmel, die Gesundheit der Mitmenschen ist doch für einen neugebackenen Arzt keine Schande. Aber der Schöps faßt das so auf! Das nennt man Humanität, ich danke! Nebenbei – – –« – – »hat er die kleine Schwäche, die Vorhänge seines Salons und Wartezimmers in einer Gestalt fest zu verschließen und der Mitwelt von harrenden, sich drängenden Patienten zu erzählen!« – – »Während er in seinem Sprechzimmer auf dem Divan feste pennt!« – unterbrach Lotte vergnügt. – – »Das kann er sich als Sohn seines Vaters auch gestatten. Also neulich schläft er sich wieder gründlich von seinen Sorgen aus, als es verschiedene Male in angemessenen Pausen klingelt. Nebenan im Salon Husten und Schritte. Paulchen ist selig, zögert, thut, als ob er erst einen Patienten abfertigt, und begiebt sich ins Nebenzimmer. Er bittet, daß die Herrschaften der Reihe nach nähertreten! – – Diese bleiben stumm und steif sitzen. Die Sache kommt ihm sonderbar vor. Er untersucht sie genau und findet, daß man seinen marmornen Apoll, die Diana und den Liller Mädchenkopf kunstvoll placiert, mit Hüten, Mänteln und Kleidern versehen, in die Stühle postiert hatte. Er stürmt in die Küche, wo Lina sich in Lachkrämpfen windet und schließlich zugeben muß, daß ihr liebes Fräulein Lotte Bach auch diesen Streich verübt hat! Unerhört, solche Mystifikation eines ernsten Mannes!«

Lotte lacht und freut sich. »Ernst, um Gotteswillen, daß es meine Schwiegermutter und Willi nicht erfahren! – Wenn das in der Ärzteschaft 'rumkommt, hängt mein Willischatz mich auf! Bitte, schweigen Sie!« – – »Bedaure! Hagenow hat es bereits der Staatsanwaltschaft und der Ärztekammer übergeben. – Unbefugtes Eindringen in fremde Wohnungen ist mit Hausfriedensbruch forensisch gleich –« – – Zuerst hat ihn die junge Dame sehr betroffen angesehen. Jedoch bei dem Anblick seines Gesichtes verklärt sich das ihre. »Ach, mein Knubelchen, bange machen gilt nich! – Mir kann keiner an de Wimpern klimpern!« – – »Doktor Feller wird außer sich sein, wenn er es gedruckt sieht!« – – »Also komm ich schon wieder rin! Menschenskind, so'n lebendes Experimentierkarnickel kann Euch Federvieh passen! – – – – – Bah, bis das gedruckt ist, wächst Gras über die Sache! Für Gewesenes kann mein Willi nicht mehr schelten, das muß er schon mit all den andern Sachen pauschal verzeihen!« – – »Alle Wetter, Ihr Bräutigam hat ein Sündenkonto zu vergeben! Der thut wohl den ganzen Tag nichts als verzeihen und gutmachen? Zu Ihnen als Gattin für Lebensdauer gehört Courage!« – – »Ach, ich wer' ihn mir schon zähmen!« – sagte sie beruhigend. – Georgy lächelte: »So wird es wohl leider kommen; aber »so« meinte ich es nicht!« – – »Das ist mir piepe!« – – »Um übrigens noch einmal auf Hagenow zu kommen. Denken Sie, Lotte, Sie haben den Teufel bei ihm an die Wand gemalt. Er hat nach Verlauf einer fünfmonatlichen Praxis baare zwölf Mark Honorar verdient!« – –

Lotte blieb stehen: »Donnerschlag, zwölf Mark? Der Glückspilz! Das sind ja, warten Sie mal: dreihundert Liptauer – dreihundert Krabben – dreihundert italienische Salatbrötchen und dreihundert kleine Kulm! – –« – – »Nanu, welch neue Hieroglyphen! Spielen Sie Sphinx, Lotte Bach?« – – »Nein, Ödipusselchen, aber ich rechne jetzt alle Kapitalien in Aschingerbrötchen um, dann geht mir erst der hohe, ideale Wert des Geldes auf!« – – »Aha, ich verstehe! Lieben Sie die blauweißen Aschingerschen Etablissements denn so sehr?« – – »Nächst den Meinen am heißesten! Diese Leute haben mich norddeutsche Preußin mit dem bayrischen Partikularismus ausgesöhnt. Die Ausgleichung derartiger Sondergesinnung kann nur als Magenfrage in Gang kommen. Ich zum Beispiel schwöre auf blauweiß – schon als Abzeichen Aschingerscher Filialen!« – – »So!« – – »Aber man würdigt diese Menschenwohlthäter eigentlich nicht genug!« – – »Wieso denn nicht?« – fragte er. Sie lachte und blinzelte ihm zu. »Um sich mit dem richtigen Verständnis auf die geliebten Glasschränke zu stürzen, müßte man dreimal vom Alexanderplatz nach Schöneberg rennen, dann in irgend eine Filiale, und die Stimmung ist vorhanden! Wenn ich neben den blauweiß gewürfelten Mädchen stehe und auf die aufgestapelten Schätze schaue, benimmt mich jedesmal die Auswahl. Schon das genügt!« – – »Aha!« – – »Der Bräutigam von Alice Hutten, Sie wissen doch, der Doktor Georg Greif, der geht in seiner Aschingerschwärmerei noch viel weiter. Er behauptet aber, daß mit häufigen Besuchen Portemonnaie-Schwund eintritt!« – – »Bei den billigen Preisen? Der Mann ist undankbar!« – – »Oh nein, mein neuer, lieber Freund ist einfach ein starker Klingenschläger und Futterer vor dem Herrn! Er behauptet, bei Aschinger ißt man – a: ein Sülzkotelette – b: eine Portion Hummermayonnaise – c: eine Scheibe Roastbeef und dann zwölf Brötchen. Dazu das obligate Bier!« – – »Ich danke, alle Achtung vor seinem Magen!« – – »Magen? Pah! – wiederholte Lotte – wo sitzt denn der?« – – »Pilz!« – –

Herr Georgy blieb am Potsdamer Platz neben der Normaluhr stehen und schaute diese nachdenklich an: »Wann speisen Sie zu Mittag?« – – »Heute um drei Uhr!« – – »Wann haben Sie gefrühstückt?« – – »Bis jetzt noch nicht, es ist doch erst halb zwölf, Schöps!« – – »Ich werde nun sehen, ob Sie wirklich das vernünftige Geschöpf sind, für das ich Sie halte, Lotte! Links winkt ein Aschinger, und grade vor uns auch einer, sogar ein neuer! Kommen Sie, und seien Sie mein Frühstücksgast!« – – »Na, aber mit Wonne! Warum fragen Sie solch verständige Dinge in so schüchtern lieblichem Tone?« – – »Na, ich weiß doch nicht, ob es sich für eine Braut schickt, mit einem fremden Herrn frühstücken zu gehen. Steht das eigentlich in Knigges ›Umgang mit Menschen‹? Ich habe damals gerade gefehlt!« – – Lotte stieß einen leisen Pfiff vor Überraschung aus: »Potztausend! Daran habe ich absolut nicht gedacht! Tugendtanten sind imstande und finden etwas dabei! Schade!« – Sie dachte nach. – »Ach was, darum habe ich mich nie gekümmert. Ich kann es verantworten! Erstens sind Schriftsteller immer Neutra, auch die männlichen. Zweitens ist es helle Mittagsstunde. Drittens könnte mit aller Gewalt in den Aschingerschen Glaskästen nichts gequatscht werden. a) sieht man einen von allen Seiten, b) ist es der reine Bienenkorb mit seinem Kommen und Gehen! Viertens habe ich wütenden Hunger und nicht das schlechte Herz, Ihnen eine so flehentliche Bitte abzuschlagen. Nicht wahr, Sie flehen doch?« – – »Es ist der heißeste Wunsch meines siedenden Herzens!« – entgegnete er.

Lotte blickte ihn sinnend an und machte ein schlaues Gesicht. »Ich habe eine Götterdämmerung in meinem Hirn. Sie gehen direkt 'nüber in die Filiale an der Ecke Potsdamer Straße. Ich besorge schnell drüben eine Zeitung, komme dann auch wie zufällig hin. Dann ist es doch selbstverständlich, daß wir uns zusammensetzen. Ihre Sehnsucht ist gestillt! Dito mein Hunger. Und der dummen Etepetete-Welt mit ihren xtausend Regeln haben wir die notwendige Konzession gemacht. – – – – – Trollen Sie sich, mein Freund! Ich habe das Vergnügen gehabt! Es war mir ein Hochgenuß. Fortsetzung folgt jenseit des Platzes!« – –

Ehe sich der Schriftsteller mit seinen zahlreichen Packeten recht in Gang bringen konnte, nickte sie ihm gönnerhaft zu und eilte über den Damm. Er sah sie noch gesund drüben landen und an den Zeitungsverkäufer herantreten. Darauf empfing er noch einen energischen Fingerzeig in bezeichnender Richtung von ihr, die sich nach ihm umgewandt hatte. – Jetzt gehorchte er schleunigst und stand erst in dem Aschingerschen Geschäft still, wo er sich mit einem Glase Bier in die eine Ecke postierte. Zu seinem nicht gerade angenehmen Staunen entdeckte er in dem winzigen Mittelraum, wo die Tische standen, zwei verwandte Damen seiner Freundin Lotte. Beide hatte sie ihm stets als »unausstehliche Giftmorcheln« bezeichnet, mit denen »sie sich gegenseitig nicht beriechen könne!« –

Ehe er sie gesehen und seinen Plan zur Flucht ausreifen lassen konnte, sah er Lotte schon im Geschwindmarsch unbekümmert gerade zwischen den elektrischen Wagen sich hindurchwinden. Er konnte ihr kein Warnungszeichen mehr geben, sondern atmete sogar erleichtert auf, als sie, von ihrer Tollkühnheit geschützt, unzerquetscht in der Thür erschien. Das Verdienst, den elektrischen Straßenbahnen heil entkommen zu sein, lag entschieden nur auf ihrer Seite! – Sie blickte sich innerhalb des Lokales nach ihm um und wollte eben auf ihn zueilen, als sie die Verwandten erblickte. Lotte machte eine ärgerliche Schippe, drückte sich an ihm mit einem vernehmlichen »Pfui Deixel!« vorbei und begrüßte die sehr steife Tante Rittler und die Cousine Frieda. »Das is gelungen, drei Fliegen mit einer Klappe! – sagte sie danach – rechts um die Ecke 'rum steht Georgy, und hier sitzt Ihr beide! Nun können wir eine frohe Tafelrunde bilden. Ernst, mein Sklave, treten Sie näher!« – Sie stellte die Herrschaften einander vor. – Notgedrungen bat Frau Rittler den Schriftsteller, an ihrem Tisch mit Platz zu nehmen. – – »Willst Du Dir nicht eine Kleinigkeit beim Kellner bestellen, liebes Kind?« – – »Nein, liebe Tante, höchstens das Bier, damit er nicht um sein Trinkgeld kommt! Sonst ist das Angenehme hier ja gerade, daß man sich selbst etwas aus der Fülle der Gerichte aussucht!« – – »Besuchst Du immer allein öffentliche Lokale?« – – »Woher kommst Du eigentlich, Lotte?« – fragten die Neugierigen mit leiser Bosheit. Die Blicke, welche beide wechselten, reizten Lotte und gaben ihr ihre offene und freie Unbefangenheit wieder. »Vor diesen Ekels lohnt schwindeln nicht!« – erwog sie und entgegnete daher laut in aller Ruhe. – – »Ihr kennt ja meine vernünftige, dicke Wonne und meinen ebenso klugen Willi. Die beiden wissen, daß sie mir unbedingt vertrauen können. Sie haben absolut nichts dagegen, wenn ich bei meinen Besorgungen in der Stadt in eine Konditorei oder zu Aschinger oder zu Wertheim in den Erfrischungsraum gehe!« – – «Hast Du wirklich soviel Mut, es allein zu wagen? Ich bekäme es nie fertig!« – behauptete Frieda Rittler. – – »So? komisch! In meinen Jahren wage ich es getrost; dafür hatte ich früher nicht die Courage, mich im Zoologischen Garten 'rumzutreiben und – – – – –« – – »Darauf reitest Du wohl immer noch?« – meinte Frieda gehässig. – »Na ob, Friedchen, ich bin für offenen Krieg und überzähligen Cousinen. Da nutze ich meine Stellung und meine Waffen aus. Nur nicht hinten 'rum schießen und hetzen! Übrigens sehr oft gehe ich allein hierher, wenn es mein Geldbeutel gestattet. Heute hatte ich Glück. Ich traf nach meinen Einkäufen in der Stadt den dicken Ernst Georgy. Er schleppte mir meine Packete, und zum Dank dafür erlaubte ich ihm, mich zu einem gemütlichen Frühstück zu Aschinger einzuladen! Nun kennst Du die Situation! Zufrieden?« – – »Lotte erklärte mir aber zuerst höchst beleidigend, daß sie Schriftsteller zu den Neutra rechnet!« – rief Ernst lachend und vorbeugend. –

»Du bist nun einmal göttlich naiv, liebes Kind! – nahm Frau Rittler das Wort – Dennoch kann ich Dir nicht verhehlen, daß ein solches Rendezvous immerhin etwas gewagt erscheint! Dein Freund wird mich verstehen, und Deine Mama mir sogar beistimmen. Du bist Braut, Lottchen, was sollen die Leute denken?« – – »Mumpitz, liebe Tante, pardon; aber verständige Leute denken nur Anständiges von einer jungen Dame unserer Kreise. Wenn ich häßliche Gedanken bei irgend jemand vermutete, so könnte mir doch nur der Betreffende leid thun! So! Übrigens, Ernst, mein Rabe, wir wollen keine Tantalusqualen erdulden, sondern uns vor allen Dingen 'mal was zu futtern holen! Ihr entschuldigt – – – – –« – – »Komm, Mütterchen, wir sind fertig und wollen doch hier nicht mehr stören!« – sagte die Tochter und erhob sich. Sie errötete trotzdem unter Lottes geradem, vielsagenden Blick. –

Wirklich verabschiedeten sich die beiden Damen unter dem Vorgeben, daß sie bei Gerson zur Anprobe bestellt wären. »Dem Himmel sei Dank, daß sie abschoben, diese Brechmittel! Was meinen Sie, Ernst, bringen die mich jetzt in der Verwandtschaft 'rum?! Unser Rendezvous wird der chronique scandaleuse einverleibt! Na, die Hauptsache ist, daß wir uns rein fühlen! Jetzt aber 'ran an die Rampe!« – – »Kellner, zuerst zweimal Hummermayonnaise!« – rief er. Lotte machte große Augen: »Donnerschlag, müssen sich Ihre Finanzen gehoben haben. Früher waren Sie nich' so nobel!« – – »Sie sollen mich kennen lernen! Ihr Konto wird bis auf eine Mark erhöht! Also stehen Ihnen noch vier Brötchen und ein Glas Bier zu Gute!« – – »Sie sind ein Idealknopp!« – –

Beide schmausten in fidelster Stimmung und hatten die Anzüglichkeiten der Rittlerschen Damen vergessen. Lotte beobachtete von ihrem sicheren Plätzchen aus das Treiben in dem Lokale. – »Sehen Sie nur, wie appetitlich das hergeht, zum Beispiel da am Bierausschank. Der eine spült sehr manierlich mit dem Pinsel in fließendem Wasser die Gläser aus und hält sie dann noch einmal auf die Brause, ehe er sie an die Pflöcke hängt. – Nun sehe doch ein Mensch die Gewandtheit, mit welcher der das Bier aus den Hähnen verzapft und dann noch mit dem Holzstreifer von dem knapp vollen Glase den Schaum streicht. Das nennt man vorteilhaft ausschänken!« – – »Für was halten Sie die drei Herren, welche an dem Tische stehen und trinken?« – fragte Georgy gespannt. Sie betrachtete sie scharf: »Der eine ist ein Stadtreisender, neben ihm liegt die Mustermappe, welche er schlau als Aktentasche zugestutzt hat. Er hält sich für einen unwiderstehlichen Adonis und ist ein großer Pousseur. Beobachten Sie nur, wie er mit den beiden Verkäuferinnen kokettiert! – Der links mit dem hellen Bier und den freihändig verzehrten Aschingerwürstchen nimmt sich eben das vierte Weißbrot. Das ist ein Knopp aus den Vororten, der in Berlin Besorgungen macht und dies als Mittagsbrod betrachtet! Es ist großartig, mit welcher Noblesse einem in unserm Berlin Brot und Weißbrot à discretion und gratis gegeben wird!! Überall müssen Sie dafür berappen, besonders in Österreich! – Der Dritte ist ein Lehrer, der hier rasch zwischen den Stunden die Kehle feuchtet. So abgespannt und abgehetzt sehen heute nur noch Pädagogen aus!« – –

»Sie haben, glaube ich, das Richtige getroffen! Dort haben Sie auch zwei Liebespärchen!« – – Lotte beobachtete diese voller Interesse. – »Waren Sie schon 'mal um die Mittagszeit in den Centralen, wo warme Speisen gereicht werden?« – – »Na ob! Es ist ein Segen! Von früh bis spät stehen einem solche anständigen, sauberen Lokale zur Verfügung. Ich meine auch uns Damen, denn zu Aschinger kann ja sogar jedes junge Mädchen allein gehen. Und die Speisen sind kräftig, gut und sauber. So etwas imponiert mir! Na, der kolossale Erfolg des Unternehmens spricht ja schon dafür!« – – Der Schriftsteller lachte. »Sie müssen sich von Aschinger für Ihre Reklame entschieden Provision zahlen lassen!« – – »Die Idee ist nicht schlecht! Vorläufig wollen wir uns erst selbst die Brötchen aussuchen gehen!« – entgegnete sie lachend und eilte vor den großen Glasbehälter, wo auf verschiebbaren Glasplatten ganze Regimenter belegter Weißbrothälften anlockend ausgebreitet lagen. Soeben brachte der Kellner neue Platten mit den appetitlichen Dingerchen an. – In einem prächtigen Nickelgefäß kochten Würstchen, für die eine große Schüssel mit Kartoffelsalat bereit stand. In den unteren Fächern der Schränke standen hübsch garnierte kalte Schüsseln. Daneben ein anderer Behälter voller verschiedenster Liköre in Strichflaschen. –

»Sehen Sie, Knöppchen, die Ausstattung der Räume, die netten blitzblanken Tische mit dem anmutig hingestellten Zubehör und Servietten, das alles entzückt mein Auge und meine Reinlichkeitsliebe. Und die Farbensymphonieen der verschiedenen Beläge auf den Brötchen, die Tracht der Kellnerinnen, es ist zu hübsch und famos. Na, nu wollen wir mal wählen! Bitte, Fräuleinchen!« – – Die so freundlich Aufgeforderte ergriff einen bereitstehenden Teller und legte Lotte mit einem Nickelschieber die gewählten Brötchen auf. Georgy zahlte und kehrte mit seiner Begleiterin zu ihrem Tisch zurück. Er freute sich über das tapfere Dreinhauen seines Gastes. –

»Sehen Sie, Lotte, für einen Schriftsteller von Beruf oder für irgend einen Menschen; der das Berliner Volksleben studieren will; sind diese Aschingerschen Restaurants köstliche Fundgruben« – sagte er. – »Na aber, das habe ich auch schon gefunden! Nur muß man zu verschiedenen Tageszeiten und in verschiedenen Gegenden das angenehme Futtern mit dem Nützlichen verbinden.« – – »So haben Sie das auch schon bemerkt, Sie Schlaukopf? Das macht mir eben so vielen Spaß, daß die über ganz Berlin verstreuten Filialen je nach der Gegend eine total andere Physiognomie im Publikum zeigen! In manchen der Lokale, wenn besonders Kaufleute dort verkehren, werden regelrechte kleine Börsen abgehalten und Geschäfte abgeschlossen. Je nach dem Centrum der betreffenden Branchen handelt es sich um Konfektion, Bankgeschäfte, Ledersachen!« – –

»Na, und die Rendezvous allenthalben! – unterbrach Lotte – Sei es nun, daß sich bekannte Herren oder Damen miteinander in irgend einem Aschinger verabredet haben. Oder daß sich ein Liebespärchen in dieser scheinbar ungefährlichen Öffentlichkeit trifft und inmitten der Menschheit allein und glücklich fühlt! Wie oft treffen wir uns zum Beispiel mit Verwandten dort, um gemeinschaftliche Besorgungen zu machen. Nach dem Zahnarzt stärkt man sich oder kauft sich Mut. Vor und nach dem Theater! Sie sehen es, Freundchen, ich habe schon recht mit meiner Vorliebe!« – – »Ich wage nicht zu streiten! – meinte Georgy. – Und beobachten Sie nur diese Laufkundschaft! Wie klug sind diese unverhängten Schaufenster mit ihren dicht herangerückten Eß- und Trinkgelegenheiten. Man stürzt durch die Straßen, sieht plötzlich die verlockenden Sachen. Schwapp ist der Hunger da oder der Durst. Man hastet hinein und befriedigt diese Gefühle und stürzt wieder hinaus. Schauen Sie nur, die Thüren stehen nicht still!« – – »Am vollsten ist es zur Frühstücks- und Mittagszeit, fand ich!« – – »Nein, Lotte, abends! Das sollten Sie nur einmal beobachten, da kommen Sie ja nie hin! Aber mir macht es Spaß, wenn ich so ganze Familien mit Sack und Pack antanzen sehe, und dann wird aufgetragen, was haste, was kannste!«

Lotte hatte nicht mehr hingehört. Sie spähte durch die Fenster scharf nach der Straße. »Warum bohren Sie denn so verzweifelt Löcher in die Luft, liebe Freundin?« – – Sie winkte nur mit der Hand. – »Still!« – – »Nanu?« – – »Sehen Sie doch, da drüben vor dem Obstgeschäft stehen drei Herren und plaudern. Hinter den Damen! Ich wette, der, welcher uns mit dem Rücken zugewandt steht, ist mein Willi, mein Wonneknopp!« – – »Mädchen, Sie sind wahnsinnig! Von dem können Sie doch notorisch nur den Hutrand sehen! Die Riesendame mit ihrem Hut-Ungetüm verdeckt ihn doch vollständig!« – – »Schad't nischt, ich erkenne ihn doch, das Auge der Liebe sieht scharf! – antwortete sie lachend – Halt, halt! Ich komme gleich wieder!« –

Ehe der Schriftsteller noch zur Besinnung kam, war sie emporgeschnellt und weggestürzt. Er sah sie wieder in Windeseile den Fahrweg kreuzen und hinter der Damengruppe verschwinden. – Nach einigen Minuten tauchte sie mit ihm, glückstrahlend an seinem Arm hängend, auf. Sie überschritten diesmal vorsichtig den Weg und erschienen im Restaurant. Die Herren begrüßten sich, und Doktor Feller nahm Platz und bestellte sich noch eine Kleinigkeit. Munter plaudernd saßen sie noch beisammen. Da erschien zu Lottes unbeschreiblichem Vergnügen Frau Rittler noch einmal mit ihrer Tochter. Sie gaben vor, ihren Schirm zu suchen. In Wahrheit wollten sie kontrollieren und waren sehr überrascht, auch Lottes Bräutigam in seelensruhiger Einigkeit mit von der Partie zu sehen. Er schien mit dem Verhalten seiner Braut wiederum äußerst einverstanden und nicht eine Spur von Eifersucht zu haben. Lotte konnte es sich absolut nicht verkneifen, ihre Meinung zu äußern: »Schade, Frieda, nun kommst Du um eine Sensationsmeldung. Du hättest mich doch gar zu gern 'neingelegt und ein bischen angeklatscht. Das ist Dir nun versalzen, denn mit meinem erbundeigentümlichen Verlobten kann ich mich unter dem Schutze des Anstandsbaubaus Ernst Georgy doch wohl bei Aschinger treffen?« – – »Liebe Lotte, ich weiß in der That nicht, worauf Du wieder anspielst!« – – »Nein?! Ach, Pardon, Du Unschuldslamm! Na, es ist heute zu Wasser geworden, vielleicht glückt es ein andres Mal. Ich habe noch 'ne Masse in petto und werde mir Mühe geben!«

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