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Die Berliner Range VII - Prosit Brautpaar!

Ernst Georgy: Die Berliner Range VII - Prosit Brautpaar! - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Georgy
titleDie Berliner Range VII - Prosit Brautpaar!
publisherVerlag von Rich. Bong
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141203
projectidee54e2fd
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5. Kapitel. Fastnachts-Rummel.

In der Harmonie wird ein großer Ball gefeiert. Der kluge Direktor der Säle hat alles aufgeboten, um seine Räume für diesen Abend besonders schön auszuschmücken.

Rechts und links vom Vestibül befinden sich die langgestreckten Garderoben. In den großen Wandnischen, welche durch Tische abgeschlossen sind, hat man die Ständer und Garderobenhaken verteilt. Dort stehen die sauber gekleideten Leute, welche die Hüllen der Gäste in Empfang nehmen und gegen numerierte Marken und Geld mit guten Worten aufbewahren und zurückgeben. – Ihnen gegenüber an den Querwänden sind die hohen Spiegel angebracht. Um allzu starken Zugwind zu vermeiden, hat man die Ausgänge nach dem Vorraum und die nach dem Hauptsaale mit starken Friesvorhängen abgesperrt. Die Fußböden sind mit Matten-Läufern belegt, die Zentralheizung strömt ein gut Teil trockener Hitze aus. – Dennoch herrscht in beiden Garderoben ganz anständige Kühle und nicht zu verleugnende Zugluft. –

»Uauahouah!« – gähnt Frau Behm und reibt ihre thränenden Augen – »Des is een Leben! Vorjte Nacht bis siebn in de Früh, vorvorjte och, na, un heute wird es och nich frieher! 'ck komm immer mit de Zeitungsjungen ins Haus. Der Portje hat mir schon »de Berliner Morjenpost« jenannt!« – – »Jewiß, scheen is anners, un immer die jroßen Konzerte, wo so'n Zulauf is! Schließlich, wenn man das hia imma so verfoljt, denkt man schonst, et jiebt nur noch Musikmenschen in de Welt. Heitzutage schabt doch allens de Flüjel, oder streicht Jeije und Schello und blast und schmettert Töne aus de Kehle. Man wundert sich warraftich, wo's noch Leute jiebt, wo bloß zuhören!« – – »Weeß Jott, und et wird alle Jahre schlimma! Die Musikjrößen schießen wie Pilze nach'n Rejen!« – – »Wenn ich mal wieda uff de Welt komme, wer' ich Conzertbüroh, det lohnt doch wenigstens de Mühe. Die Kinstler loofen ein zu, man setzt se in Saal uff'n Stuhl, schreibt's in de Zeitung'n, und det Puplekum rennt an, haste nich jesehen!« – –

»Na, na, Frau Ludewich, so kiebich jeht des nu nich! Was mein' Se, jonglieren sich da für »Freiknechte« und »Nassauer« mit rin. Es zahlt nich allens, was da zuströmt. Seh'n Se sich doch mal so'ne Conzertrenner an. Wenn wa nich so hintaher wär'n, klemmten se am liebsten och noch de Jardrobe! For de Konservatorchenschieler hab ich eenen heiljen Reschpekt, und de amerikanischen Plättbretter und de Beefschteke mit ihre langen Zähne und ihr Kaudawelsch: »Bitte, liepe Fuau, maken Sie snell!« kommen och merschtendeels for naß oder halten sich an de Stehplätze. Sowat schindet doch selbst 'n Conzertbüroh!« – – »Det stimmt, de Englischen jaunern, wo se könn'! Keen Hut, keen Kopptuch und 'n Jaquet an, det se anbehalten. Wenn nich der olle Müller, wo de Biljetter abreißt, se imma retourschickte, würd'n se sich auch von die zwei'n halben Jroschen dricken. Det is 'ne Sorte!« – –

»Ouah!« – gähnte die Behm. – – »Jotte doch, konnten Se heite nich schlafen, Se sind ja jämmerlich abjespannt?« – fragte die Ludewig mitleidig. – – »Nee, ick mußte waschen, mit meine Kleine nachs Klinik un mein' Mann 's Essen nachtra'n.« – – »Bis nachs Depot?« – – »Ne er hat an de Haltestelle jejessen!« – – »Jroßer Jott, bei die Kälte?« – – »Na, et jing, meine Nachbarin hat die Rotunde an de Endtour unta sich. De läßt'n imma in ihr Zimmachen. Und denn, wo ick schlafen wollte, kam meine Schwäjerin mit ihre Kleine aus Rixdorf. Rausschmeißen konnt ick ihr doch nich! Da kam 'ck aba um mein Schlaf, und des so alle Tage. Wenn's man erst Somma wär'!« – – »Wat is denn Ihr Mann sein Bruda?« – – »Ouah! Der! – Die arme Frau schüttelte sich und wischte die Augen mit dem Schürzenzipfel – Ouah, der schteht sich jlänzend, den seine Frau brauch sich nich abzurackern! Der is Kirchendiener, und wat da bei de Taufen, Hochzeiten und Bejräbnisse an Trinkjelder abjeht – – – – na, ick sach janischt! Der wird steinreich! Meine kleene Nichte hat Klafierstunden, jeht auf de hohe Schule! – – – –« – – »Da hat se sicher 'ne Freistelle!« – – »Hat se och! Ouah! Aba 'n Sparkassenbuch mit dreihundert Mark hat se och un in 'ne Sterbekasse is se injekauft. Mein Schwager sacht immer so aus Ulk, wenn de Trute mal abschrammte, 's Begräbnis mits Sarch und 'n Steinkreuz hätten se raus. Aba se war' so zähe! Ratierlich is des man Makelatur! Trute is de Einziche, un se verjöttern des Kind!« – – »Mein Ältester is jestern bei de Jugendwehr anjekommen. Wa freun uns sehr. Sowas nützt so'n Kind zu sehre!« – – »Na ob! Nee, ich bring mein, wenn er so weit is, bei Tietz an. Die habens jut dort!« – – »Nich in de Tüte! Ich bin mehr for'n Hôtel beim Fahrstuhl, des schmeißt janz andere Trinkjelda ab!« – – »Die Idee is nich ohne! Da hab'n Se janz recht! Wie alt is denn Ihr Klena?« – – »Zehn Monate jewesen uff'n vajangenen Sonntag!« – – »Na, da hab'n Se ja noch Zeit mits Übalegen!« – –

»Neilich, uff'n Presseball, Frau Behm, haben Se da den ollen Herrn mit de weißen Haare jesehen, hinta den de Herren so glubschten, un de Damens so nachliefen?« – rief der Kontrollbeamte herüber. – – »Is das der, wo auf den Bühnenball und alle jroßen Bälle, herkommt, der neulich bei mich ablechte?« – – »Jewiß doch, Frau Behm, des is der olle Professor von de Tante Voß, der Pietsch!« – – »So? Was schreibt der denn?« – – »Allens und fein! Ick les'n imma! Hinta den sind se alle so wild, daß er se in de Zeitung mit de Kleidasche beschreibt und ihre Namen nennt und »schön« oder »süß« davor!« – – »Nu seh doch eina, wie eitel so'ne Frauensleite sind! Natürlich wir, in unse Roben und de weißen Mützen auf, die wa hia de halbe Nacht, sojar de janze, rumhocken – – – von uns schreibt keen Mensch wat.« – – »Na, wer weeß och? Kann noch kommen, so'ne hübsche Frau wie Sie!« – – »Ouah, Sie, machen Se man keine Menkenken nich! In meine Jahre und bei die Müdigkeit. Ach, wenn's doch erst morjen früh wär'!« – – »Kommt och noch! – tröstete er und trat an den trennenden Tisch – Ihnen jiepert et woll nach Pfannkuchen an Fastnacht oder möchten Se drinne mitscherbeln?« – – »Nich in de la Mäng, des hab ich in meine ledige Jahre jenug besorcht. Mein Mann hat heute Nachtdienst, da hätt ich so keen Fastnacht! Un de Pfannkuchen hab'n wa uns alle mitjebracht! Wa lassen uns nachher auch'n Töppchen Jrock bringen, so hab'n wa uns schon jestern verabredet. Wollen Se nich mithalten?« – – Er machte lüsterne Augen. »Warum nich? Ich bin kein Unmensch! Wenn man von so'ne hibsche Frau so freundlich jeladen wird! Wozu is man Wittmann?« – – »Wie spät is et denn?« – – »Dreiviertel auf kalte Erbsen, sein Se man nich so happich, et wird bald losjehen! Aha, da kommt schon das erste Paar!« – –

Er zog sich hastig auf seinen Posten zurück. Die Frauen, welche teils plaudernd gesessen, teils in den Ecken herumgelehnt und gestanden hatten, rafften sich auf und traten an die Tische, zu ihrem Dienst bereit. Wirklich erschien das erste Pärchen, dem bald darauf eine ganze Schar neu Eintretender folgte. Der Direktor eilte noch einmal durch die Räume, musterte seine Armee und revidierte den Schmuck, die Heizung und Beleuchtung. Auf seinen Wink begann das Orchester mit der Musik. Die fröhlichen Weisen der starken Kapelle schallten noch etwas unheimlich durch den leeren Saal. In den Restaurants räkelten sich die Kellner noch vor den gedeckten Tischen, machten noch ein schnelles Nickerchen oder lasen hastig die Abendzeitung. Da und dort wagten die besonders Frischen noch einen kleinen Schwatz. Im übrigen hielten die seit Wochen überanstrengten Männer, welche einen richtigen Nachtschlaf gar nicht mehr kannten, mit ihren Kräften sorgsam Haus. Sie wußten, was für ein schwieriger Dienst ihnen für die nächsten Stunden bevorstand. – Der Oberkellner hatte sie, seine Heerscharen, flott einexerziert. Jeder wußte Bescheid! –

Hinter den in den Couliers aufgestellten, appetitanreizenden Büffets standen die Köche in ihrer weißstrahlenden Uniform und legten Braten, Salate und Torten noch anlockender hin. Die Gattin des einen zählte frische Knüppel in einen Korb, den der Bückerjunge hingestellt hatte. Eine Hilfsköchin schichtete Teller zu hohen Stößen aufeinander und ordnete Messer, Gabeln und Löffel in den Behältern. Endlich war alles bereit. Es konnte der Sturm beginnen. Der Direktor, ein sehr beliebter Mann, trat noch einmal zu den beiden Oberkellnern, von denen der eine den Weinkeller – der andere die Küchen unter sich hatte. – – »Sie sind erprobte Leute; aber ich bitte Sie trotzdem, ein scharfes Auge auf das neuengagierte Hilfspersonal zu haben. Ich will nicht wieder Tadel hören und mache Sie für jede Unregelmäßigkeit haftbar! Sind die reservierten Tische belegt?« – – »Alles in Ordnung, Herr Direktor, Sie können sich auf uns verlassen!« – – »Weiß ich! Also machen Sie Ihre Sache gut!« – Er stürzte davon. Die Männer verneigten sich stumm.

»Pßt, Frau Heftekorn!« – – »Ja, Frau Behm«? – – Die Angerufene beugte sich weit aus ihrer Nische vor, um die Sprecherin, welche am dritten Tisch von ihr stand, zu sehen und besser zu verstehen. – »Ha'm Se die kleine Maske als Nixe jesehen, wo drüben an Spiejel so ville mit ihre Ponnihaare rumjebastelt hat?« – – »Die in rot, mit die kurzen Wipperöcke?« – – »Ja doch, wo er als Ritter hinter sie stand und den Stab aus Lametta und Schilfrosen hielt!« – – »Jewiß, nu weeß icks janz deutlich! Wat is denn mit die los?« – – »Ha'm Se ihr nich erkannt?« – – »Nee! Wea is et denn?« – – »Na, aber! Frau Heftekorn, des is doch der Pisankschen ihre Fanny, wo in Fufzigpfennig-Bazar verkauft hat!« – – »Ach, wat Se nich sagen! Is es de Möchlichkeit! Der Pisanken Ihre! Tztz! Wie ha'm Se ihr denn erkannt?« – – »De Larve is se abjerutscht. Janz blaß hat se mir anjejlubscht un sich rasch wechjedreht. Aba ick hat ihr jleich jesehen! Die is doch aus'n Bazar wechjemacht. Des hat doch Fanny Pisanken nich mehr nötig, p!« – – »Tztz! Was'n Häkchen werden will, krümmt sich beizeiten. Die hatte imma Tarlent for so'ne Zicken! Wat is er denn? – – »Dei s et ja! Es is 'ne solide Sache! Die Fanny hat Jlück. Er is in ne Eisenfabrike Buchhalta und will ihr heiraten!« – – »Jlauben Se doch des nich, Frau Behm, ick kenn de Männer bessa. Erst jeht er mit se und wenn er an Altar soll, wird er ihr wat husten!« – – »Nee, se trächt ja schon 'n Ring. Seine Mutta will es und liebt ihr so. Die Pisank enhat's ma doch – – – –« – –

»Pscht!« – – Die Frauen schwiegen. Wieder kamen neue Masken. Die Abendmäntel, Schirme, Überzieher und Gummischuhe wurden den Garderobieren hingeworfen. Diese versahen sie mit Nummern, hängten sie an die bezeichneten Nägel und reichten den Harrenden die Marken, dabei ihren Obolus einstreichend. – »Bitte, lassen Sie meine Boots nicht vertauschen! Es sind ganz neue!« – – »Nein, gnädige Frau!« – – »Pßt, Sie, der Schirm gehört zu Nr. 101. Sie haften mir mit Ihrem Leben für die silberne Krücke. Daß der Cylinder nicht zerdrückt wird, Kind Gottes!« – – »Nein, mein Herr, er liegt janz sicher!« – – »Das ist brav! Zur Belohnung dürfen Sie auch barfuß ins Bett steigen!« – – »Hihi!« – – »Ach, Frauchen, das Kopftuch und den seidenen Shawl stopfen Sie nur dreist in die Abendmanteltasche! Soo – – – ist's recht!« – – »Ach bitte, können Sie mir nicht 'ne Nadel und einen Faden geben. Ich habe mir ein Stück Spitze abgerissen!« – – »Aber, Julie, eine Stecknadel thut es doch auch!« – sagte der begleitende Herr. – »So, damit ich mich pieke? Ach, Ihr habt ja keine Ahnung, Ihr Männer! Nicht, Frauchen?« – – So ging es einige Stunden hindurch. Alles drängte sich in den Garderoben. Die dienstbaren Geister hatten genug zu thun, um all den Anstürmenden gerecht zu werden. Dabei mußten sie gar manches harte, ungeduldige Wort der Wartenden einstecken und nur zu oft um »Ruhe und Geduld« bitten. Die Herrschaften waren zu unruhig. Alle wollten schnell aus dem kühleren, zugigen Vorraum in den wärmeren Saal gelangen. – Die Herren befestigten meist erst ihre Larven oder warfen erst schnell die Dominos über. Und die Damen drängten sich vor den Spiegeln. Jede hatte noch an ihrem Anzüge zu basteln, die Larve zu prüfen, die Frisur auszuzupfen und die Embleme ihrer Masken zurechtzurücken. Manche zogen erst hier ihre Handschuhe an. Andere hatten enorm viel mit ihrer Fußbekleidung zu thun. Da kamen drollige Dinge für die Uneingeweihten zum Vorschein! Die plumpen Pelzgaloschen oder die Boots wurden abgestoßen und dann unter Ächzen und Stöhnen die Überstrümpfe abgestreift, welche man über die Atlasschuhchen und seidenen Strümpfchen gezogen. Gar oft mußte eine geschickte Freundin oder der Begleiter niederkieen und bei der schwierigen Procedur helfen. Ab und zu kroch auch eine Garderobenfrau schnell unter dem Tisch hervor und bot gegen ein kleines Trinkgeldchen ihren Beistand an. – Natürlich baten sie nicht um diese klingende Entschädigung. Die Kavaliere griffen von selbst in die Taschen, in denen sie das Kleingeld ausbewahrten. –

»Frau Ludewich, sehen Sie doch die dicke Zigeunerin an! Et is zum Schießen, wie die sich injemummelt hat!« – – Die Angesprochene blickte auf die Neuangekommene und stieß sie unten mit dem Fuß an. Beide lächelten. In der That war es auch drollig, wie sich aus dem umfangreichen, wandelnden Riesenpacket nach und nach eine ganz proportionierte Dame entwickelte. – »Seh doch, seh doch! Die reine Zwiebel mit neun Pellen. Die kommt sicher per Pedes aus Nixdorf und hat Angst jehat, daß se sich untawechens den Magen vakühlt!« – flüsterte die Ludewich den andern zu. »Een Radmantel, een Cape, een jroßet Tuch, in'n Rücken vaknod – een weißet Tuch um den Ausschnitt, een extra Halstuch, een Frisiermantel, um det Kleid zu schonen, 'n Kopptuch, 'n Schleier, Überschuhe und Überhandschuh, is det nich um de Wände langzujehen? Als ob se mit Nansen uff'n Nordpol klettern will!« – – Die Frauen kicherten und nahmen die Einhüllungen in Verwahrsam, die ihnen der Gatte der Dame zureichte. –

»Herrjehmersch, Herr Dokta, wollen Se sich och 'n verjüngten Fastnacht machen?« – rief die Heftekorn und half einem Herrn aus dem Pelz. – – »Gewiß, warum nicht, liebe Frau Heftekorn! Schließlich ist der Mensch doch nur einmal jung und Junggeselle! Wenn man erst verheiratet ist, hört der Spaß doch auf!« – erwiderte er. – »Aba ich bitt Sie, Herr Dokta, es sind doch so ville verheiratete Pärchen hier. Sie können doch mit Ihrer Frau Gemahlin och herkommen?« – – »Nee, danke! Das wäre kein Pläsier weiter. Na, wie sehe ich aus, Frau Heftekorn?« – – Er stellte sich vor ihr auf und ließ sich beäugen. – »Nee, aba wundaschön, Herr Dokta! Die Arme, die Beine, die Lenden! Tz! Wie von Marmor! Jott, das hätt man hinta Ihn' janich vermutet! Was stellen Se denn da, Herr Dokta?« – – Er lächelte geschmeichelt: »Ich bin Minnesänger, sehen Sie, das ist die Harfe! Die gehört zum Kostüm. Das Leihen kostet fast dreißig Mark! Teurer Spaß, was? Langen Sie mir mal die Larve aus dem Pelz! Innere Tasche rechts! Nee da! Rechts! So is brav! Danke!« – – »Wenn Sie een Minnasänger sind, denn is wohl Ihr Fräulein Minna, was des Fräulein Braut is, schonst da?« – fragte die Heftekorn. Er lachte. »Das fehlte auch noch! Nee, beste Frau, Freiheit liebt das Tier der Wüste! Ich bin ein Löwe, der erst auf Raub auszieht! – – – – Donnerwetter, netter kleiner Käfer da, kennen Sie vielleicht die kleine Dame da als Rautendelein?« – – »Bedaure, Herr Dokta! Aber die streift schon zehn Minuten hier auf un ab. Die wart auf ein' oder traut sich nich alleene in'n Saal rin!« – sagte die Heftekorn. – – »So, da versuche ich mal mein Heil! 'n Abend!« – –

Der Minnesänger trollte sich und begab sich, schneidig aufgerichtet, zu dem harrenden Rautendelein. Er schien Glück zu haben, denn »das elbische Wesen« nahm kurz darauf seinen Arm und wandelte mit ihm in die Haupthalle, wo schon flott getanzt wurde. – – »Wer war'n det? – – »Mein Dokta, aus mein Mann seine Kasse!« – – »So, det is woll een doller Flick?« – – »Na aba, nich zu knapp! Was der Mann bummeln soll, seine Köchin erzählt imma Wundadinge von'n. Der muß mit seine Brautens in Berlin bald rum sind. Jetzt is er imma sehr verstimmt. Er will bald heiraten und muß anfangen, solide zu wer'n. Es komm' sich so ville nach'n erkuntichen. Un das fällt'n schwea! Aba freindlich is der Mann stets und imma!«

»Was soll'ch?« – – »Behmchen, seh doch mal den langen Schlacks an, der in de Ritterrüstung rumstrolcht. Kenntst'n wieda? Seh schnell, eh a de Larve vornimmt!« – – »Der mit die Tirolerin?« – – »Ja!« – – »Bekannt kommt er mich vor!« – – »Nu öbse! Des is doch der von Bühnenball mit die in de appelsinenfarbene Tojelette, den se imma »Herr Jraf« angeredt haben. Er hat vierzig Flaschen Champagner berappt, erzählte mich Knobelt. For de janze Tafel hat er spendoren!« – – »Natierlich, nu kenn ich'n! Seh doch, so een reicher Knopp und kommt hierher! Ob das seine Frau is?« – – »Schafsneese, ja, mit die is er an jroßen Zeh anjetraut! – – – – – Was seine wirkliche Frau is, mit die kommt er imma Montag Abends zu de jroßen Villhamoniekonzerte. Se is so'ne lange, uffjedonnerte Hopfenstange mit 'ne Lornjette!« – – »Na seh doch, so eener! Zum Presse- und Bühnenball hat'r ihr nich mitjebracht.« – – »Och noch! So'n Mann will och sein Verjnügen haben!« – – Ein paar königlich gewachsene Frauengestalten in den üblichen Hoftrachten aus der Zeit der englischen Elisabeth kamen in die Garderoben gerauscht. Ihre Begleiter waren zwei kleine, höchst gepflegte, elegant kostümierte, mickrig und verlebt aussehende Herren, welche erst hier die Larven vorbanden. »Sehen Se, die beiden sind von Jerson aus'n Jeschäft! Pompöse Probiermächen! Die eine bewohnt drei feine Zimma in die Tauenzienstraße. Meine Cousine ihre Nichte bedient se. Den jeht's jut!« – – »Wer sind denn die Herren?« – – Die Borkhardt gab der Sprechenden ein Zeichen, bediente und sagte erst nach einer Pause: »Die sind von der Börse und klotzig reich! Der eine läßt die jroße in blau mit silber jetzt Schauspielerin studieren! Se fährt imma in sein Wagen!« – – »Ja, wer's auch so hätte!« – –

Immer neue Parteien und Pärchen waren gekommen. Die Garderobenfrauen konnten noch viele Bemerkungen austauschen und über die Kostüme ihre meist sehr richtigen Urteile abgeben. Im Saale wurde flott getanzt und kokettiert. Eine berauschende Fastnachtstimmung herrschte. Die vielen Überraschungen, wozu auch ein tüchtiger Schneefall, äußerst kunstvoll insceniert, gehörte, wurden dankbar hingenommen. Die frohe Laune stieg. In den Restaurationsräumen wurde tüchtig gegessen und flott getrunken. Die Kellner hatten enorm zu thun! –

Nach den Theatern und nach den Familienfestlichkeiten erschienen noch große Massen von Besuchern. Manche in Kostümen, die meisten in Gesellschaftstoiletten. Die Logen und Balkons füllten sich. Provinzler, Fremde, harmlose Ehepärchen, ganze Freundeskreise kamen her, um noch einmal Fastnacht zu feiern. Sie wollten selbst lustig sein und dabei neugierig in den Sündenpfuhl der Berliner öffentlichen Vergnügungen hineinblicken. Schaudernd und geheimnisvoll kichernd wollten sie am folgenden Tage den Daheimgebliebenen erzählen, daß sie mitgesündigt hatten! – – – Die Garderobenfrauen kannten diese Passion gewisser Bürgerkreise seit lange und moquierten sich darüber.

»Was die sich man bloß so denken mögen? – meinte die Behm – »der Rummel jeht doch nich hier los, sondern – – –« – – »Das wollen nu allens anständige Frauen sein, die wer weiß wie etepetete thun zu Hause. Wenn se aber herkommen, reißen se de Oogen auf, wer'n rot und blaß und bilden sich wunda was ein!« – – »Dabei sehn se absolutemang janischt!« – – – »Nee doch, wat erst vor Lippen riskiert wer'n, sind nich die kleenen und jroßen Verhältnisse, sondern imma erst de Ehemänner von die Etedamens. Die bringen erst den richtigen Aweck in de Sache, rempeln und ulken mit de Jesamtheit!« – – »Des is wa – –! Und die Damen, welche mit ihre Männer herkommen, sind de schlimmsten! Wat die loslassen und anjeben und Poussieren, wagt gar keene jewöhnigliche!« – – »Haben Se die in de Flitterkleider jesehen?« – – »Ja?« – – »Mit de Herren in Civil, wo »doch« nach Milletär aussehen?« – – »Jewiß!« – – »Die wohn' bei uns ins Haus in de erste Etaje vorn. Die jehören zu alle fromme Vereine und jehen alle Sonntage in de Kirche, un bei Tische wird imma jebetet!« – – »Des sind de richtigen!« – – »Na eben! Ick ha's nie jejlaubt; aber nu seh ichs doch mit meine leibliche Augen! Tztz! Des so'ne Frommen nujrade noch um halb drei Uhr nachts aus'n öffentlichen Fastnachtsball jehen, is auch nich jrade nötich!« – – »Na eben!«

»Passen Sie mal 'n kleenen Momang hia uff, Frau Hestekorn. Wa wollen bloß mal 'ne Sekunde zukieken. Wa komm jleich wieda!« – – »Jewiß doch, jetzt is jrade mal 'n bisken still!« – sagte diese gutmütig. – – »Pßt, Frau Behm?!« – – »Ja?« – – »Könn' Se nich jleich 'ne Kanne oder zwei mit Jrock besorjen? Wa woll'n doch och wissen, des Fastnacht is, un unse Pfannkuchen prepeln!« – – »Des is 'ne Idee! Machen wa!« – –

Sehr viel Ruhe zum Trinken und Essen hatten die Geplagten aber nicht. Eine ganze Menge Pärchen trollten sich so nach und nach. Vereinzelte Nachzügler kamen noch von anderen Bällen bis gegen fünf Uhr. – So gab es stets etwas zu thun. Es war nach sechs Uhr, als endlich die letzten Gäste aus den Sälen stürmten und die Musik drinnen den bekannten »Rausschmeißer« ertönen ließ. – Nun wurde allenthalben die Ordnung hergestellt, Kasse gemacht, und dann zogen sich die müden, übernächtigten Menschen an, um selbst den Heimweg anzutreten. – Gar manches laute Gähnen, mancher müde Fluch wurde laut. Der Morgen graute schon recht schön, als neue Reinigungstruppen in die verödeten Festsäle einrückten und mit den nach Hause schleichenden, abgelösten Scharen einen kurzen Morgengruß zwischen Angel und Thür austauschten.

»Ouahouah! Ick fall üba meine eijenen Beine! Jott, wär' ich doch erst 'n Bett, 'n Nacht, Frau Ludewich!« – rief Frau Behm und schleppte sich durch den Hof. – – »'n juten Tach, Frau Behmen, pennen Se sich man ordentlich aus! Se wa'n ja schonst abends so miede und sehen aus wie Braunbier mit Spucke!«

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