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Die Berliner Range VII - Prosit Brautpaar!

Ernst Georgy: Die Berliner Range VII - Prosit Brautpaar! - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Georgy
titleDie Berliner Range VII - Prosit Brautpaar!
publisherVerlag von Rich. Bong
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141203
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1. Kapitel. Lotte Bach wird Schwiegermutter.

Lotte stand bei Bachs in der Küche, beaufsichtigte das kochende Mittagbrot und rührte eine süße Speise an. Sie stöhnte wütend dabei, denn im Wohnzimmer lag aufgeschlagen ein hochinteressanter Roman, auf dessen Fortgang sie brannte. – Ferner stand ein Korb Strümpfe zum Stopfen neben dem Nähtisch, und zuguterletzt lag auf ihrem Schreibtisch ein wissenschaftliches Werk. Dies arbeitete sie aus, um ihren Universitätsvorlesungen besser folgen zu können! – Was sollte sie nun zuerst thun? Oh, diese erbarmungslose Mutter! Agnes war auf dem Boden. Die Geheimrätin machte wie stets mit jüngeren Verwandten Einkäufe in der Stadt. Mit vollster »grausamer Tierquälerei« mußte Lotte daher, wie so oft, im Haushalte heran und helfen. – Plötzlich kam ihr eine Idee. Sie ließ die Reibe-Keule in dem süßen Brei stecken, raste nach vorn und holte sich das Bibliotheksbuch. Aus Töpfen und Tabletten wurde ein kunstvolles Lesepult errichtet, der Roman daraufgelegt. Nun ging es los! Heidi! – Mit der Rechten wurde gerührt. Die Linke hielt den Napf, und den Oberkörper in kühner Verrenkung vornüber geneigt, las sie mit glühenden Wangen. – So war es wenigstens nicht so langweilig! –

Erst als fast die Klingel an der Entreethür abgerissen war, hörte sie, daß irgend jemand Einlaß begehrte. Ein Blick auf den Gasherd, und sie stiebte nach vorn, band hastig die Küchenschürze ab und öffnete. Ihr Bräutigam Willi Feller und ihre Freundin Alice Hutten standen vor ihr. »Hurrah! Ihr? Das ist himmlisch!« – schrie sie selig. Schwubb! flog sie Willi um den Hals, und dann mit dem gleichen Feuer begrüßte sie die Gefährtin. – »Ich habe Willi abgeholt. Wir hatten eine wichtige Konferenz!« – sagte Alice, denn sie merkte doch Lottes ein ganz klein wenig eifersüchtiges Erstaunen. – »So, ach das müßt Ihr erzählen, legt los! Himmel, mein Milchreis!« – Wie eine Wilde stürzte sie voran durch die Wohnung: »Kommt mit in die Küche, ich bin heute Mädchen für alles!« – rief sie – und kam gerade noch zurecht, um ein Anbrennen zu verhüten. Willi packte noch schnell die fortgeworfene Schürze und folgte ihr mit Alice durch die »lange Kegelbahn« (den Korridor) in die Küche. Sein Bräutchen so häuslich beschäftigt zu sehen, war ihm ein besonders lieber Anblick. –

Er setzte sich rechts – Alice links vom Küchentisch nieder, während Lotte schnell die Schürze umband. »Entschuldigt, daß ich Euch hier aufnehme, aber leider; ... verfluchte Pflicht und Schuldigkeit! Ihr kennt ja Wäschemiseren!« – – »Hier ist es urgemütlich!« – – »Range, Du bist süß in dem Aufzug!« – versicherte Willi und wollte zärtlich werden. »Du, bleib' sitzen, oder es setzt was mit dem Quirl. Wenn Du mich zerstreust, mache ich womöglich Dummheiten. Ich muß aufpassen, denn ich Probe ein neues Rezept von Grete aus. Alles für Dich, Du langer Schlacks!« – – rief sie und blickte ihm selig in die zärtlich strahlenden Augen. – Die Lesevorrichtung wurde bewundert. Lotte rührte wieder auf Mord und Totschlag. »Ich weiß garnicht, – klagte sie – ich habe genau nach Vorschrift gemischt. Aber diese weiche Pampe scheint sich aus reiner Niedertracht zusammen zu ballen. Es ist immer solch ein Widerstand in der Masse!« – – Willi lugte in den Teig: »Da blitzt doch etwas so sonderbar wie Gold?« – meinte er fragend. »Wie Gold? – wiederholte sie erstaunt, – das müssen meine Worte sein, die ich habe hineinfallen lassen, sonst wüßte ich – –«

»Erlaube, liebe Taube! – sagte er lachend, ergriff einen Löffel und tauchte in die Schüssel – zwar nicht goldene Worte, aber doch Deine goldene Brosche, die Du so absolut verrühren wolltest. Merkwürdigerweise nicht zerbrochen!« – Er fischte den Gegenstand und begab sich zur Wasserleitung, um ihn abzuspülen. – – »Heiliger Strohsack, meine Brosche? Nanu wird's Tag. Das muß beim Lesen gekommen sein!« – rief Lotte perplex und setzte sich auf die Eimerbank. Sie war ordentlich verlegen. Alice kreischte mit Willi um die Wette vor Lachen. »Lotte, das kommt in Dein Hochzeitskarmen! So eine Kochköchin giebt es nicht wieder!« – – »Natürlich, wenn man beim Speiseanrichten Romane liest, kommt so etwas vor! Na warte, wenn wir verheiratet sind, werden Leihbibliotheksabonnements verboten, und jede Sache, die Du kochst, wird erst durchgesiebt. Du bist imstande und giebst mir Apfeltorte mit goldener Uhr und Kartoffelbrei mit einem kleinen verrührten Büffet drin zu Mittag!« – sagte er und wischte sich die Lachthränen aus den Augen. Dann nahm er seine Lotte in den Arm und küßte sie tüchtig ab. Sie war dunkelrot und sehr verlegen. »Ich altes Kamel! – schalt sie sich – halt! halt! Die Suppe kocht über.« Sie entzog sich ihm und stürzte zum Herd. – »Kinder, verratet mich nicht, sonst necken sie mich rot!« – bat sie. »Na, wenn Du hübsch artig bist, petze ich Dich erst bei Deiner Hochzeit an! – erklärte Alice – Lotte, um Deine Streiche alle aufzuzählen, giebt es ein Karmen im Umfange von Goethes Werken. Und diese »Broschspeise« ist wahrhaftig nicht das schlechteste!«

»Hör' mal, Klexchen, was für eine Konferenz hattest Du denn mit Willi?« – fragte Lotte ablenkend. – – »Ach, das ist eine lange Geschichte!« – »Na los, setzt Euch wieder anständig hin, und erzählt! Ich nehme inzwischen die »Pampe ohne Brosch« in Angriff. Übrigens komme ich mir wie eine wirkliche Aujuste vor, denn mein Küchendragoner und eine Schwatzkollegin sitzen bei mir. Los, Karlineken!« – – »Ach Du weißt ja, wie ich für Medizin schwärme! begann Alice Hutten ihren Vortrag – Die Unterrichterei befriedigt mich durchaus nicht allein! Nun habe ich doch schon den Samariter- und den Unfallstationskurs durchgemacht. Ich will aber weiter, am liebsten möchte ich Medizin studieren, dabei soll mir Willi helfen!« – – »Quatsch, werde lieber eine Frau Doktor, anstatt ein Fräulein Doktor!« – versetzte Lotte ungerührt. – – »Leichtgesagt für 'n Sechser Käse! Aber woher nehmen? Doktoren wollen heutzutage alle viel Geld! Verschaff' mir einen! Ich habe nichts dagegen!« – –

»Siehste, Willi, so dumm wie Du sind nicht alle! Mensch, was hättest Du für eine Partie machen können?!« – – »Ja, ich bin grenzenlos reingefallen; aber die Sache ist nicht mehr zu ändern, Lotte! – versicherte er vergnügt. – Um aber vernünftig zu sprechen: Ich gebe Alice recht. Dasitzen und auf den Mann warten, dazu ist sie zu schade! Gleich die Stunden aufzugeben und Medizin richtig ernst zu studieren, ist sehr gewagt und ein großer Entschluß, der bedacht sein will!« – – »Vor allem wäre erst mit Mama, Franz und den Verwandten ein Kampf zu bestehen!« – unterbrach sie ihn. – – »Siehst Du, daran habe ich auch gedacht! – bestätigte der Freund. – Mir als Arzt kommen viel Bedenken! Ihr Mädels besucht solche sehr annehmbaren und nützlichen Kurse mit großem Eifer. Ihr lernt und seht eine ganze Menge, was für den Hausgebrauch ganz nützlich ist, auch das gebe ich zu! Aber es ist im Grunde doch ein Dilettieren, ein Hineinriechen in die Wissenschaft! Besser als Häkeln und Klatschen; aber noch nicht genug für einen ernsten Beruf! Auf diesen Kursen werdet Ihr mit Glacéhandschuhen angefaßt. Das geht im Leben, im Berufe aber nicht! – – – – – Darum meine ich, ehe Alice energisch umsattelt, soll sie wirklich die ganze, schwere Verantwortlichkeit des medizinischen Berufes kennen lernen. Sie soll tüchtig in einer Klinik mitarbeiten. – In einem öffentlichen Krankenhause kommt sie nicht an. Ich werde einmal mein Heil probieren und sehen, daß ich sie in irgend einer Privatklinik anbringe. Ich habe einige Beziehungen!« – –

»Ach, Willi, ich wäre Dir riesig dankbar!« – rief Alice hoffnungsvoll.

»Schaden kann es keinesfalls! Im übrigen, man kann nie wissen, was 'ne Nummer is« – meinte Lotte sinnend – »In solchen Anstalten laufen immer eine ganze Menge unverheirateter Assistenten 'rum – – – –« – – »Woran Du schon wieder denkst, Range?!« – – »Nein, Lotte, davon sehe ich ganz ab! Das ist mir sehr schnuppe! Ich will dort keine Heiratskandidaten suchen, sondern mit den Leuten ernst arbeiten wie verständige Kollegen!« – behauptete Fräulein Hutten.

»Gewiß, das sollst und kannst Du ja nebenbei! Aber möglich und nett wäre der andere Fall doch auch? – sagte die Haustochter und füllte ihre Speise in die Form – Nur muß ich Dir gleich offen gestehen, an eine ernste Zusammenarbeit zwischen jungen, unverheirateten Menschenkindern beiderlei Geschlechtes glaube ich nicht so recht! Heimlich, innerlich, denkt eins oder das andere doch immer an Liebe! Und das ist nur selbstverständlich und natürlich!« – – »Aber, Lotte! – schrie Alice entrüstet – Lachhaft! Wie kannst Du so etwas sagen? Du bist doch sonst nicht so unmodern!« – – »Unmodern? Quatsch mit Sauce! Die Liebe ist immer modern, Gott sei dank! Und so lange die Mädels noch richtige, weibliche Wesen bleiben, so lange wird die Liebe und die Ehe mit dem geliebten Manne das einzig Richtige bleiben! Die armen Zwitterdinger aber, welche als Kinder das Puppenspielen und als Erwachsene das süße Spielen von Herz zu Herz verachten – – – – weißt Du, daß diese unnatürlichen Geschöpfe mir einfach innig leid thun? Sie sind mir nicht lächerlich oder angriffswert, ich bedaure sie eben nur!« – – »Bravo, Du goldenes, süßes, herziges Ding!« – schrie Willi. – »Ach Quatsch, bitte keine Anerkennung bei Sachen, die selbstverständlich und keine Weisheiten sind. Laß mich los, alter Kußpeter!« – – »Natürlich, da bin ich ganz Deiner Meinung! Man kann beides vereinen! Und eine Arbeit gemeinsam mit einem geliebten Manne ist doppelt schön. Aber, mein Ehrenwort, in diesem Falle denke ich nicht die Spur an irgend solche Dinge! Aus reinster Neigung, nur für die Medizin, will ich in solcher Klinik arbeiten und lernen, wenn ich überhaupt ankomme!« – bestätigte Alice. – – »Das glaube ich gern von Dir, Klexchen, ich kenne Dich ja! Aber daß ich es nebenbei wünsche, kannst Du mir nicht verwehren! Wenn Du einmal heiratest, Menschensmops, bei dem Gedanken hoppe ich vor Wonne schon heute! Bei Euch werde ich Schwiegermutter! Und Dein Alicerich – – – –« – – »Lotte ist bereits wieder fertig! – lachte Feller – Ihre Phantasie sieht Dich schon als Großmutter, Alice! Na, lassen wir diese Zukunftsgebilde vorläufig außer Acht. Morgen werde ich vorerst versuchen, Dich jemandem ans Herz zu legen!« – –

Eine Woche war vergangen. Dem Doktor Feller war es nach vielen Mühen geglückt, die Freundin seiner Braut in einer Privatklinik unterzubringen. Er kannte den Herrn persönlich garnicht, sondern hatte ihn durch dritte und vierte Mittelspersonen – Kollegen – aufgetrieben und gefügig gemacht. – Alice Hutten gab ihren Unterricht ruhig fort, pflegte weiter ihren Verkehr und ging trotzdem täglich mehrere Stunden in die im äußeren Westen gelegene Klinik. – In glühender Begeisterung für die Sache arbeitete sie dort, in weißem Kittel, mit und schwärmte täglich mehr für den ärztlichen Beruf. Lotte forschte sie vorsichtig aus. Sie erfuhr, daß der dirigierende Arzt ein Doktor Georg Greis und noch jung und unverheiratet sei. Desgleichen seine Assistenten. Er sei sehr ernst und liebenswürdig; knappe Mittelgröße, etwas stark und ganz, nicht besonders hübsch. Voilá tout.

»Willi, kneif' den Daumen! Wenn der junge, nette Doktor – – – ich wag es garnicht auszusprechen!« – – »Thu mir die Liebe, Schatz, rede ihr nichts ein, und mach Dir keine Gedanken! Du bist doch das echte Evatöchterchen!« – – »Schöps, ich kann doch wenigstens hoffen und wünschen?« – – »Hoffnungen trügen, und Wünsche gehen nicht in Erfüllung!« – – »Den Daumen kneif' ich doch!« – – »Thu, was Du nicht lassen kannst!« – Und Lotte quetschte ihr Däumlein mit treuen Freundschaftsgefühlen.

»Du, Willi, es hilft entschieden! – meinte sie ganz beglückt – Denk' doch, Alice spricht von nichts Anderem als der Klinik und dem Doktor Greif. Sie plaudert jetzt häufig ernst mit ihm. Er scheint sich doch für sie zu interessieren!« – – »Weil er sich mit ihr unterhält? O Du – – – – – – « – – »O nein! – trumpfte die Braut – Aber sie waren auf dem Feste der Unfallstationen bei Kroll zusammen. Nicht von ihrer Seite ist er gewichen! Na, und sie – – – – ich sage Dir: einfach futsch! Ich kenne doch meine Klex! Wenn die mit so starren Augen schwappert, dann hat es eben geschnappt. Wenn der Greif vernünftig ist, greift er zu!« – – »Au!« – – »Im Gegenteil!« – – »Lotte, ich sehe in Dir liegt ein gut Stück Frau Marthe-Natur!« – – »Leugne ich garnicht!« – – »Aber misch Dich nicht 'nein, Liebling, Du kannst nur Unheil stiften. Wenn es sein soll, wird es doch, auch ohne Dich! Also versprich mir, Deine kleine Nase nicht hineinzustecken. Wenn es unter den Kollegen Klatschereien gäbe, und man Deinen Namen erwähnen würde, Lotte, ich wäre außer mir!« – – »Piff paff puff, Herr Doktor, regen Se sich nich uff!« – Feller hielt ihr noch lange eine Predigt. Sie hörte eifrig zu; aber den Sinn verstand sie nicht. Im stillen bewunderte sie nämlich beglückt sein schönes, geliebtes Gesicht in jedem einzelnen Zuge. –

Am folgenden Morgen kam Alice zu Lotte gestürzt. Ihre Wangen glühten. Sie zogen sich sofort in ihr Zimmer zurück und riegelten die Thür fest zu: »Du – – –« – – »Hat er sich erklärt?« – – »Nein; aber – – – –« – – »Was – – –« – – »Es ist bald so weit, Lotte, es merkt ein Blinder, daß er sich für mich interessiert!« – – »Hui, himmlisch!« – – – Na, nun ging das Erzählen und Fragen los. Doktor Georg Greif entwickelte sich in Alices Schilderungen zu einem wahren Idealmanne. Lotte und Alice tanzten vor Freude und küßten sich in ihrem Jubel. Am Ende wurde beschlossen, daß Fräulein Bach am nächsten Tage, unter dem Vorwande, Alice Hutten abzuholen, in der Klinik erscheinen sollte. »Dann spielst Du die Unbefangene und horchst ihn geschickt ein bischen aus. Vor allem sieh ihn Dir an! Ich sagte Dir ja, Lotte, hübsch ist er nicht, auch nicht groß; aber ein patentes, appetitliches Kerlchen! – – – – – – – Famos!« – – – – »Na, ich danke, Du brennst lichterloh. Du, ich sehe ihn mir an; aber genau! Und die Wahrheit sage ich Dir auf alle Fälle. Das bin ich Dir als Freundin schuldig!« – – »Du kannst ihn nur hübsch und nett finden; denn er ist es!« – beteuerte Alice. Lotte lachte: »Na, 'ch wer' mal sehen. An Willi kann er ja doch nicht 'ran!« – – »Oho! Äußere Schönheit allein thut es nicht!« – – »So, also ist Willi nur äußerlich schön! Warte, Karnickel!« – – »Ach, Lotte, rechne nicht mit mir. Mir gehen hundert Mühlräder im Kopfe herum.« – – »Nein, mein Klexchen, ich kenne diese Zustände, hab ja selbst in der Branche mitgearbeitet! Also befiehl, wann ich antreten soll. Um zwölf Uhr?« – – »Nein, so gegen eins komme ich erst hin! Sei recht nett, er kennt Dich schon! Ich hab ihm soviel von Dir erzählt. – Mich brauchst Du nicht schlecht zu machen, Lotte!« – –

»Ich rede ihm bestimmt von Dir ab, Du! Also ich komme sicher zufällig hin und thue, als ob ich Dich abhole. Spiele die Erstaunte!« – – »Schäfchen, meinst Du, ich werde ihm sagen: Dies ist Lotte Bach, welche kommt, um Sie zu inspizieren?!« – – »Weeß mersch denn?« – Fräulein Hutten verabschiedete sich bald. In ihrer inneren Erregung hatte sie nirgends so recht Ruhe. – Lotte wanderte zu Wertheim, um dort Besorgungen zu machen. Sie traf sich mit ihrem Bräutigam im Erfrischungsraum. »Morgen Vormittag will Mama in die neuen Kunstsalons fahren. Sie läßt Dich schön grüßen und fragen, ob Du Dich ihr anschließen willst?« – fragte der Doktor sogleich. Die junge Dame wurde rot, biß sich auf die Lippen und sagte dann bedauernd: »Du, Schatz, das wird leider, leider nicht gehen. Ich habe etwas Dringendes vor und kann diesmal nicht mit!« – – »Was ist es denn?« – – »Bitte, frag nicht, Willi, sagen darf ich es Dir heute noch nicht! Und als angestammten Bräutigam kann ich Dich doch nicht so noblens knoblens beschwindeln!« – Feller runzelte die Stirn. »Ich dringe nicht in Deine Geheimnisse! Also lassen wir die Sache fallen!« – – »Baubau, Liebster, beiß man nicht!« – – »Was willst Du denn?« – – »Na, ich danke, der Ton ist vielsagend genug. Hast Du die Absicht, zu bocken, oder bist Du wieder ein mißtrauischer Othello?« – – »Oh, durchaus keins von beiden, sprechen wir von etwas Anderm!« – –

Willi blieb den ganzen Tag über verstimmt. Lottes geheimnisvolle Absicht für den folgenden Vormittag quälte ihn. Er hatte den Leutnant Haffner vor dem Bachschen Hause gesehen, wie er nach den Fenstern hinaufblickte. Und das nagte an seiner Eifersucht. – So sehr sich Lotte auch Mühe gab, ihn zu erheitern oder seine sonst so verschwenderische Zärtlichkeit zu erwecken, heute gelang es ihr nicht! Schwer gereizt rief sie ihm darum abends, als er sich schon um halb elf Uhr von ihr trennte, die Worte nach: »Lebewohl, Du Scheusal! Na warte, den heutigen Tag sollst Du mir noch büßen! Du scheinst ja furchtbar müde zu sein? Schlaf Dich nur schön aus!« Er reagierte aber auf diese Anzapfung garnicht, rief ihr noch ein kurzes »Gute Nacht!« zu und verschwand.

Lotte knipste mit den Fingern und schnitt eine Grimasse: »Na, denn nich'! Du kommst mir schon wieder; aber dann?« – –

Am andern Vormittag ließ Doktor Feller seine Praxis Praxis sein! Von neun Uhr ab lag er vor der Wohnung des Leutnants Haffner auf der Lauer. Als dieser endlich seine Wohnung verließ und langsam durch die Straßen schlenderte, um seine Braut zu besuchen, folgte ihm der Eifersüchtige in gemessener Entfernung, Wieder wartete er eine halbe Stunde vor dem Hause. Fritz kam allein heraus, blickte sich herausfordernd um und entzündete in anscheinend bester Stimmung eine Zigarette. Dann wandte er sich forsch ausschreitend dem Tiergarten zu. »Jetzt kommt es!« sagte sich Willi zornbebend. Aber – – – – – bis gegen halb drei Uhr dehnte der Offizier, der einen dienstfreien Tag hatte, seinen Spaziergang aus, gemütlich wandernd. Wohl sah er allen vorbeikommenden, hübschen Damen lächelnd unter den Hut. Wohl drehte er sich nach ihnen um! – Wohl zuckte sein getreuer Schatten Willi Feller beim Auftauchen jeder neuen weiblichen Erscheinung nervös zusammen. – Jedoch der Aufwand an Zeit und Nerven war ganz überflüssig gewesen. Um drei Uhr konnte Willi den ahnungslosen, so beargwöhnten Leutnant wieder bis zum Hause seiner Braut eskortieren! Dort speiste Haffner zu Mittag. Love´s labour lost!

Lotte stand unterdessen in ihrer ganzen Unschuld schon um zwölf Uhr vor der Klinik. Sie wußte, daß sie zu früh da war; aber sie hatte es daheim nicht mehr ausgehalten. Die ihr bevorstehende Inspektion des Doktors Greif erweckte in ihr eine starke Erregung: »Zum Deibel! – wetterte sie vor sich hin – Es ist auch keine Kleinigkeit, eine Freundin zu verloben! Noch dazu, wo Willi ihr die ganze Verantwortlichkeit jeder Einmischung klargemacht! – Ach was, sie und Grete haben bei uns auch mitgeholfen. Es ist einfach Pflicht und Schuldigkeit von mir! Ich warte auch nicht erst auf Alice, sondern gehe schlankweg 'rin in die Bude und lange ihn mir!« – Dieser Entschluß war gefaßt. Die That folgte auf dem Fuße. Mit etwas klopfendem Herzen durchschritt sie den Hof und klingelte. Ein Krankenwärter öffnete. Lysolgeschwängerte Luft schlug ihr entgegen. »Ist Fräulein Hutten schon da?« – fragte sie schnell. – »Nein, die Dame kommt erst um ein Uhr heute!« – entgegnete der Mann.

»Landsturm, wer ist da?« – klang es aus einem Zimmer heraus.

»Eine Dame zu Fräulein Hutten!« – lautete die Antwort. Sofort wurde die Thür aufgerissen. Ein starker, knapp mittelgroßer Herr mit einem freundlichen Gesicht erschien im Rahmen und blickte sie neugierig an. »Guten Tag, Herr Doktor Greif, ich bin Lotte Bach. Sie werden wohl schon von mir gehört haben?« – rief sie schnell. Er lachte: »Gewiß, mein gnädiges Fräulein, Sie sind doch die berühmte Berliner – – – –« Er stockte. »Heilige! – ergänzte Fräulein Bach vergnügt – Ja, das bin ich! Ich habe mich stets durch Fleiß und gesittetes Betragen ausgezeichnet, daher der Beiname! Ich möchte meine Freundin abholen und freue mich dabei, Ihre werte Bekanntschaft zu machen! – – – Alice kann ihren dirigierenden Arzt nicht genug rühmen!« – fügte sie schlau hinzu. Er verneigte sich und reichte ihr die Hand: »Das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite. Fräulein Hutten kommt aber erst – – – – –« – – »Ach, dann habe ich mich in der Zeit geirrt!« – heuchelte Lotte Entsetzen. – »Das thut ja nichts! Vielleicht warten Sie so lange, mein gnädiges Fräulein! Ich bin gerade unbeschäftigt. Darf ich bitten?« – – Er führte sie in sein behagliches Sprechzimmer. Lotte legte Hut und Jacke ab und setzte sich gemütlich nieder. Greif nahm ihr gegenüber Platz.

Die kleine Diplomatin verwickelte ihn in ein Gespräch. Sie sprang vom Hundertsten zum Tausendsten. Ehe er zum Bewußtsein kommen konnte, hatte sie schon Punkt für Punkt ihres vorgesetzten Examens abgefragt. Ihre Laune hob sich von Minute zu Minute. Er gefiel ihr. Wenn bloß Alice noch ein Viertelstündchen ausblieb. Dann konnte sie noch die fein durchdachte Rede vom Stapel lassen und hochbefriedigt sein von dem ersten Beieinander! –

»Sie wissen garnicht, Herr Doktor, wie oft mich Alice förmlich traurig stimmt!« – Auf seinen erstaunten Blick fuhr sie fort: »Mein Bräutigam ist Arzt; aber ich versichere Sie, ich bin garnicht die geborene Arztfrau wie zum Beispiel Alice. Die ist ja selig, wenn sie von Wunden und Blut hört. Sie könnte einem Doktor recht zur Hand gehen. Pflichttreu, unermüdlich, klug, gebildet und eifrig, dabei stets guter Laune und zu allem bereit.« – – »Ja, Fräulein Hutten ist ein vortreffliches Mädchen, das ich in jeder Beziehung hochschätze!« – versicherte er mit Überzeugung. – – »Ach was, hochschätzen müssen Sie auch eine tüchtige Scheuerfrau. Meine Alice verdient viel mehr. Sie sollen der einmal näher treten! Und die ganze Familie überhaupt! Einer immer netter als der andere!« – rief Lotte eifrig. Doktor Greif lächelte fein. »Ja, das glaube ich Ihnen gern, gnädiges Fräulein. Mir gefällt Ihre reizende Freundin auch von Tag zu Tag besser!« – –

»Herr Doktor, Sie sind ein famoser Knopp! Wir müssen gute Freunde werden!« – rief das junge Mädchen begeistert und hielt ihm ihre Rechte hin, die er lustig schüttelte. Dann teilte sie ihm noch mit, daß seine Praxis sich sehr heben werde, wenn er die richtige Frau zur Seite hätte. Ihr Willi meine, daß ein verheirateter Arzt viel schneller vorwärts komme! – Just in diesem Momente erschien Alice Hutten. Sie war sehr überrascht, wie fröhlich die beiden miteinander plauderten. Dann begann nach kurzem Gespräch: die Pflicht. Lotte blieb Zuschauerin.

Sie beobachtete scharf und horchte dann den Wärter aus. Auch Landsturm war mit sich darüber im Reinen, daß sein Herr Doktor ordentlich Feuer gefangen habe. Denn alle Anzeichen sprächen dafür. Schon bevor Fräulein Hutten komme, stände Herr Doktor Greif am Fenster. Er hälfe ihr aus den Sachen und knöpfe ihr die Schürze zu. Er bringe sie nach Hause. Kurz er sei jetzt so zerstreut und liebenswürdig, daß die Geschichte bald zum Klappen kommen müsse!

Und so war es auch! Noch zwei kurze Wochen verstrichen, während derer Lotte häufiger Gast in der Klinik wurde. Dann reiste Doktor Greif auf kurze Zeit fort. Als er zurückkam, gab es kein Halten mehr. Das junge Pärchen verlobte sich erst heimlich und bald darauf öffentlich. – Lotte söhnte sich wieder mit ihrem Bräutigam aus, mit dem sie in den letzten Wochen in einiger Spannung gelebt hatte. Mit dem neugebackenen Bräutigam stand sie bald auf Du und Du. Und Frau Doktor Hutten lachte oft über Lottes überseliges Gebahren: »Ich weiß wirklich nicht, wie es kommt, Lotte; aber manchmal scheint es mir, als hätte nicht ich, sondern Du eine Tochter verlobt!« – meinte sie eines Tages. »Mehr könnte ich mich allerdings bei meinem eigenen Kinde auch nicht freuen!« – bejahte Lotte. Dies hörte Doktor Greif. Und seit jener Minute nannte er Fräulein Bach nicht anders als »Schwiegermutter.« Die Bezeichnung blieb ihr zu ihrer Freude im Huttenschen Kreise. Die Range avancierte zur Schwiegermutter. –

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