Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ernst Georgy >

Die Berliner Range VII - Prosit Brautpaar!

Ernst Georgy: Die Berliner Range VII - Prosit Brautpaar! - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Georgy
titleDie Berliner Range VII - Prosit Brautpaar!
publisherVerlag von Rich. Bong
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141203
projectidee54e2fd
Schließen

Navigation:

10. Kapitel. Im Lumpensammler.

Doktor Greif und seine Alice, Doktor Feller und seine Lotte waren im fernsten Osten der Stadt zu einer Gesellschaft geladen worden. Sie kannten die Gastgeber erst kurze Zeit und konnten, aus den verschiedensten Gründen, der zu wiederholten Malen und dringend erfolgten Einladung nicht aus dem Wege gehen. »Mein einziger Trost ist, daß Ihr mitleidet! – meinte Lotte – So haben wir doch wenigstens die Fahrten zusammen!« – – »Ach, weißt Du – erwiderte Alice – daran liegt mir garnicht so viel, offengestanden!« – – »Du bist ja ein angenehmer Mitbürger in Deinem Freimut! Passen wir Euch nicht? Dann – –« – »Versteh' mich nicht falsch, Lotte! Eure Begleitung ist ja famos! Aber Du krankst doch sicher an der gleichen Quälerei wie ich. Wir Brautpaare haben es zu scheußlich! Immer bewacht man uns. Überall muß ein Anstandsbaubau dabei sein! Sitzt man irgendwo mit seinem Bräutigam auch nur zwei Minuten in einer Ecke – – sofort wird man hervorgeholt: ›Es schickt sich nicht, sich so von den andern abzusondern!‹ – Giebt man sich einen Kuß, gleich wird man geneckt oder sämtliche ältliche, unverheiratete Damen oder die wie Schießhunde aufpassenden Backfische erröten! Küßt man sich nicht, dann vermuten die Menschen das Tollste. Man hätte sich nicht aus Liebe geheiratet, ich meine verlobt. Oder man hätte sich gezankt! – Will man mit seinem Zukünftigen ernst plaudern, so heißt es: »Kinder, wartet, bis Ihr verheiratet seid, dann habt Ihr noch immer Zeit genug zum Philosophieren! – – – – Geht es Euch nicht auch so?« – –

Lotte knippste mit den Fingern und verzog den Mund. »Du kennst doch meinen gesunden Kehrmichnichdran. Ich thue, was ich für richtig halte, und Pfeife auf Tratschen und Klatschen der Welt!« – – »Du sprichst ein kühnes Wort aus!« – – »Möglich; aber ich habe mich stets durchgesetzt! Du weißt doch, Klexchen, Mama sagt: Der größte Lump sitzt obenauf. Ich scher' mich den Deibel um meine Feinde!« – – »Leicht gesagt!« – – »Ach, Ihr seid alle so zag! Ich weiß garnicht, traut dem Menschen nur mehr zu! Laßt nur Eure Persönlichkeit mehr wirken, und seid mit den Formen nicht so ängstlich! Ich habe es doch an Etepetetchen gesehen! Selbst die dollsten Tugendbonzen und Regelhüter sind garnicht so doll, wenn man ihnen nur richtig kommt! Ich bin zum Beispiel so felsenfest davon überzeugt, daß mir kein anständiger Mensch etwas wirklich Häßliches zutrauen kann, daß ich eben alles wage und thue, was mir erlaubt und richtig scheint! Denn Schlechtes oder Unerlaubtes thue ich eben nicht! Ich bin ich! Ein gebildetes Mädel mit fünf gesunden Sinnen und Lebenskenntnis aus guter Familie! Einen besseren Schutzwall um mich giebt es doch absolut nicht! Dies Gefühl und die Liebe meiner wahren Freunde genügen mir! Alles andere ist ›schnuppe‹ mit ›Wurst‹ vermischt!«

»Das ist ja das Komische bei Dir! – versetzte Alice nun – Was Du so im Sprechen und Handeln wagst, ist ja einfach unglaublich. Und doch. Du darfst es, das heißt, – ich kenne eine Menge Leute, die Dich sehr angreifen und bekritteln!« –

Lotte drehte sich wirbelnd auf ihrem Absatz herum: »P! – rief sie lachend – Es sind die schlechtesten Früchte nicht, woran die Wespen nagen!« – – »Georg sagt auch – – – –« – – »Was? – fragte Lotte aufs äußerste gespannt – Das mußt Du mir sagen, denn von meinen guten Freunden will ich nicht falsch beurteilt werden! Los!« – – »Ach, es ist kein direktes Urteil über Dich, sondern mehr allgemein gehalten, Lotte! Er meint nur, daß Ihr Mädel, die Ihr solch große Lippe riskiert, am allerwenigsten gefährlich seid! Ihr thätet, wenn es dazu kommt, gewiß nichts Unerlaubtes oder Unkluges!« – Beide lachten. – »Sehr richtig von Deinem kleinen Schatz!« – – »Erlaube, Georg ist absolut nicht so klein und stark. Er ist gute Mittelgröße und bei seiner Nase und seinen Augen, seinen frischen Farben – – – – –« »Hör' auf, Klex, ich weiß alles! – unterbrach Lotte sie sehr vergnügt – Ich strecke ja schon längst die Waffen! Dein Prachtknopp ist seit der Verlobung sehr gewachsen und« – – – – »Bitte, ich spreche im Ernst! Alle finden ihn hübsch!« – betonte Alice gereizt. – – »Ach, Du kleines Schaf, als ob es darauf ankäme! Sei froh, daß er so ein braver, kluger Mann ist!« – – »Das heißt auf deutsch: er ist häßlich? – – »Quatsch, er ist garnicht häßlich; aber auch nicht schön! Er ist sehr, sehr sympathisch!«

Die Freundin war mit diesem Ausspruch absolut nicht einverstanden; aber sie schwieg über diesen oft besprochenen Gegenstand. »Ich meinte vorhin folgendes! – sagte sie – Die einzige Zeit, wo sich Brautleute wirklich gut aussprechen können, sind doch die Wege. Küssen kann man sich da nicht, also unterhält man sich!« – – »Darin liegt viel Wahres, – antwortete Lotte nachdenklich – Obgleich Willi und ich uns sehr freigemacht und von unsern Müttern und Verwandten unbedingtes Vertrauen in all unsere Handlungen durchgesetzt haben. Wir sind eigentlich am liebsten zu Hause oder bei den Nächsten, weil man sich doch dann einmal küssen darf! In Gesellschaft, vor fremderen Menschen, erlaubt er sich keine Zärtlichkeiten. Einmal ist es sein Prinzip, und dann würde ich es nie gestatten! Es gehört sich nicht, man stößt entschieden an; denn was interessiert Fernerstehende unsere Liebe! Ich hasse Schauturnen!« – – »Lächerlich, Du bist doch sonst nicht zimperlich!« – – »Nein; aber ich kann mir nicht helfen, es ist nun einmal so meine Empfindung! Liebesbeweise und Küsse sind etwas so – – – so – – – – einem ganz allein Gehörendes und Zustehendes, daß man sie nicht dem Gerede Dritter preisgeben darf!« – – »So?« – – »Ja, so!« – –

»Übrigens, Klexchen, hast Du recht, offen zu sein! Wir fahren also jeder für sich, d. h. jedes Brautpaar allein hin. Es ist besser so, denn unsere Knöppe sind Ärzte. Und mit denen muß man ganz besonders vorsichtig sein! Wenn die so direkt nach der Praxis aufeinanderstoßen, dann simpeln sie doch nur Fach und besprechen ihre Fälle. Dann haben wir nichts von ihnen. Nachher, nachts, nach dem Klimbim, sind sie eher losgeeist und widmen sich uns! Also hin – getrennt! – Zurück – – vereint! Willst Du?« – fragte Lotte die zierliche Freundin. »Gut; aber wenn es Euch lieber ist, nehmen wir zusammen einen Wagen!« – Lotte umarmte Alice: »Du bist doch ein zu guter Mops, Klexlein! Nein, nein! Bleibt nur allein und genießt Euer schönes, junges Glück! Wir sind ja gegen Euch Mummelgreise!« – –

Der Abend der Gesellschaft war da. Die beiden Pärchen saßen bei Tisch einander gegenüber. Sie wechselten gar oft Blicke miteinander, denn sie langweilten sich sträflich. Das Essen war mäßig und dauerte eine Ewigkeit. Die Tafelreden waren noch öder. Und als die Esserei endlich erledigt war, lockte der Wirt sämtliche Herren zum Rauchen in sein Gemach. Die Damen blieben mit der Hausfrau zusammen. Diese gehörte aber zu denen, welche ihren Gästen keine ruhige Unterhaltung gönnen. Fortwährend mußten mäßige Dilettanten gute Kompositionen schlecht spielen oder singen. Zuletzt deklamierte eine dazu gereizte Besucherin noch verschiedene Gedichte moderner Autoren. Sie begeisterte sich an ihrem eigenen Vortrag derart, daß sie das Aufhören vergaß.

Alice und Lotte saßen Hand in Hand auf einem Ecksofa. »Du, ich halte es nicht mehr aus! Ich hier – mein Willischatz nebenan! Noch dazu hinter einer geschlossenen Thür und noch Portiere drüber, so daß man ihn nicht einmal sehen kann! Tz! Es ist zum Platzen!« – – »Na, und was wird sich Georg abwüten, Du? – Der sitzt wie auf Kohlen, und ich wie auf Nadeln! Wozu die Absperrung bloß?« – – »Ach, die hat Angst für ihre neuen Tüllgardinen und ihren Salon! Und zu dieser Trennung noch diese Quiekerei und Deklamiererei! Ich sticke!« – – »Unsere Männer haben uns vergessen, wie es scheint!« – – »So'ne Ekels – – – ah!« – – Die Bräute erstrahlten, denn in diesem Augenblick öffnete sich die Thür, die Portiere wurde beiseite geschoben. Herr Dr. Greif und Willi Feller erschienen. Sie hatten ihre Zigaretten beendet und hielten es nicht mehr aus, so nahe bei einander und doch so ferne zu sein! –

»Benutzen Sie auch den Lumpensammler?« – fragte eine Dame Alicens Bräutigam. Da er noch nicht lange in Berlin war, sondern aus Pommern stammte, sah er sie etwas verdutzt an: »Ob ich was benutze, meine gnädige Frau?« – – »Den Lumpensammler –, er kommt nach halb zwei hier unten vorbei!« – – »Du, süßes Hundchen, hilf mir 'mal, bitte, – wandte er sich an seine Braut – hier liegt entschieden wieder ein Berlinismus vor, den ich nicht verstehe!« – Alice lachte herzlich. »Ich hörte schon mit Vergnügen zu! Bist Du wieder ungebildet, Schatz! Und Du heiratest eine Berlinerin, pfui! Also – Lumpensammler – nennt man hier zu Lande die letzte Pferdebahn, welche in der Nacht von der Endstation zum Depot abgelassen wird. Sie sammelt die ›Lumpen‹, welche umherbummeln, und bringt sie heim!« – – »Aha, nun verstehe ich!« »Oh Du, – mischte sich Lotte ein – früher, als es noch keine Nachtomnibümse gab, da konnte man im letzten Wagen was erleben! Was da 'rumgeulkt wurde! Als ob alle Fahrgäste eine fidele Familie wären! Da lag noch ein Stück Berliner Volksleben drin! Jetzt bei den elektrischen Straßenbahnen – – – – überhaupt Pferdebahnen sind stets feiner. Da halten sich die Leute doch mehr zurück!« – – »Oh nein, Fräulein Bach, da irren Sie! Wir kommen durch unsere häufigen Skatabende sehr oft gerade in die letzten Nachtwagen! Es hängt ja vom Zufall ab; aber wir haben Alle doch schon recht gemütliche Scenen erlebt!« – – »So, gnädige Frau?« – – »Ja, so spät giebt man den braven Kondukteuren doch auch stets anständigere Trinkgelder, und da sind sie sehr duldsam!« – –

»Sagt, Kinder, wollen wir nicht einmal diesen ›Nachtwandler‹, ach nein, ›Lumpensammler‹ benutzen?« – fragte Georg Greif. Die andern waren sofort bereit, und man verabschiedete sich in fast beleidigender Eile von den Wirten und Gästen. Eine Viertelstunde später standen die Pärchen unten an der Ecke, neben der Haltestelle, und warteten auf den letzten Wagen. Feller hatte mit Lotte einen kleinen Streit ausgefochten. Ihre Meinungen waren tüchtig aufeinandergeplatzt. Das Resultat war, daß er beleidigt schwieg und sie sehr verknurrt war. Das andere Pärchen versuchte erst, zu schlichten. Dann aber widmete es sich in seliger Lust sich selbst. Denn – Lotte war wieder einmal ein entsetzlicher Bock!

Endlich nahte sich, schon durch sekundenlanges, vorheriges Sausen erkenntlich, die elektrische Bahn. »Na, welch Unfall wird heute sein? Überfahren, Zusammenstoß, Stehenbleiben oder Kurzschluß? Mir schwant immer etwas!« – rief Alice und sprang die unbequemen Stufen mit graziösem Ansatz empor. Ihr folgte Greif. »Bitte!« – sagte Willi, denn Lotte zögerte, rasch versöhnend seine Hand zu drücken. Aber fein kurzer Ton ärgerte sie, »Nach Dir!« – brauste sie eigensinnig hervor. Die Zeit drängte. Der Kondukteur hatte schon die Hand an der Glocke zum Lenkersignal. Also schwang sich Feller auch hinauf. Hinter ihm Lotte. Sie stand noch auf den Stufen, so sauste es weiter. Als sie durch die berüchtigte, viel zu enge Eingangsthür sich mit ihrem dicken Abendmantel in das Innere drücken wollte, ging die Fahrt über eine Kurve um die Ecke. Lotte flog erst nach vorn, dann schwankte sie zurück und taumelte einem dicken, gemütlichen Manne auf den Schoß. Alles lachte. Nur er umfaßte sie schleunigst und sagte gemütlich: »Jut jemacht, Fräuleinchen, da bleiben Se man sitzen, da ist's schöne weich! Und mir jeniert et weiter nich'! Bei sone süße Last bin ick och mal janz jerne 'n Lehnstuhl!« – – Das Gelächter verstärkte sich, als Lotte erwiderte: »Gegen die Polsterung hätte ich nichts; aber ich liebe keine Lehnstühle mit Armstützen! Danke jedenfalls für sie erwiesene Gastfreundschaft!« – Und mit freundlicher Energie löste sie sich aus seiner gutgemeinten Umschlingung und setzte sich ihm vis-à-vis nieder. Willis hohe Gestalt stand noch etwas gebückt, damit er sich nicht den Cylinder beschädigte. Er wartete auf seine Braut. Der Zwischenfall war ihm nicht gerade angenehm. Jetzt ließ er den Lederhänger los und setzte sich auf den freien Sitz neben ihr. Sein schönes Gesicht zeigte eine undurchdringliche Miene. – »Is des Ihr Herr Bruder?« – fragte der Mann. Lotte schüttelte verneinend den Kopf. »Also woll schonst der Herr Gemahl?« – – »Antworten Se nich, Fräuleinchen, – rief jetzt seine nette, dralle Frau, die einen schlafenden Knaben auf dem Schöße hielt – Maxe is immer so fürchterlich neujierig! Det jeht ihn doch jarnischt an; aber er muß mit alle anbandeln!« – – »Laß mir doch, Beehrta! Ich kann mir doch intaressieren, wenn ich schon 'mal so een hübschet, frischet Meechen an mein ollet Ehekrüppelherz jedrückt habe. Und wär' doch mächtig schade, wenn sich det Fräuleinchen och als vajeben rausstellen thäte!«

Lotte lachte: »Ja, das ist mein Mann; aber er ist fuchtig auf seine Olle, denkt an Scheidung, weil ich nicht zahm genug war! Das heißt, diesmal ist er ausnahmsweise 'mal in seinem Recht! Nicht, Männchen?« – Der Racker stahl ihre Hand aus dem Abendmantel hervor und hielt sie ihm hin. Er seufzte und faßte sie dann heftig mit solch pressendem Druck, daß es schmerzte. »Lotte, Lotte!« – – flüsterte er verhalten. – »Jeben Se doch nich' nach, Frauchen, imma kurz halten, sonst wachsen se ein' übern Kopp!« – – »Du, Beertha, red' noch! Hetz' nich in fremde Ehen!« – belehrte sie ihr Gatte. – »Liebster, mach' nicht solch trauriges Gesicht! – bettelte Lotte. – Ich kann das nicht aushalten!« – – Er lächelte. – Alice und ihr Georg waren durch die Platzverteilung bis ganz nach vorn gedrängt worden. Neben ihm schlief ein Herr fest mit offenem Munde, den Kneifer auf der Nase. Diesem gegenüber schwankte eine Dame im Halbschlaf hin und her, der Hut war ihr nach der Seite gerutscht. Sie merkte es nicht, sondern wippte so lange auf und ab, bis sie an der Schulter eines Nachbars Ruhe fand. Sie lehnte sich fest gegen ihn an und schlief. Er ließ es gutmütig geschehen. – Dieser Herr und seine Nachbarin hatten sich in die Abendzeitung geteilt und lasen. Nur einmal schaute er nach der Uhr und sagte: »Ist ja der blödeste Unsinn, sich für solche Menschen die Nacht am die Ohren zu hauen!« – – »Ja, es war scheußlich! Noch dazu muß ich morgen schon so früh aufstehen! Fritz geht schon um acht Uhr zur Schule!« – Neben Alice saßen zwei reizende Mädchen, ihre Kavaliere ihnen gegenüber. Alle vier kamen von einem Tanzkränzchen und schwelgten noch in der Erinnerung. Das Brautpaar horchte amüsiert auf die Kritik der Mittänzer, auf die jugendlich begeisterten Ausrufe. Den Platz neben dem Messingriegel auf ihrer Seite hatte ein sehr feudal dreinschauender Jüngling eingenommen. Er hatte einen Habyschnurrbart, ein Monokle und machte ein hochmütiges Gesicht, weil sich zwei übernächtigt aussehende Gymnasiasten fortwährend anstießen und über ihn mokierten. Alle Minuten platzte der eine oder der andere in einem hellen Lachen heraus. – Das war die vordere Hälfte des Wagens, die vollständig besetzt war und blieb! In der nach dem Ausgang zu liegenden dagegen wechselte das Publikum von Zeit zu Zeit. Durch den schwatzhaften, gemütlichen Mann in der Ecke wurde die Stimmung aufrecht erhalten. Er und Lotte Bach blieben, zu Willis geheimem Entsetzen, in einer ewigen, launigen Plänkelei. Zuletzt beteiligten sich noch andere daran. An einem wichtigen Kreuzungspunkte der Stadt stieg eine nett gekleidete Kleinbürger-Familie ein. Die Frau, blaß und überwacht, schleppte ein in Tücher gepacktes Steckkissen-Baby. Er hielt ein einjähriges, schnarchendes Wurm auf dem Arm. Dazu gehörten noch zwei kleine, vermummelte Orgelpfeifchen von zwei und drei Jahren, die auch vor Müdigkeit kaum mehr stehen konnten. – »Herrjeh, Kinda, wo kommt Ihr denn in dem Lumpensammler?« – meinte der Dicke, als sie Platz gefunden. »Von Großmuttern ihr Geburtstag!« – antwortete der Vater. – »Un da müßt Ihr so lange bleiben?« – – »Jott, mal ins Jahr kann man sich det leisten! Wenn die Kleenen nich' wären!« – – »Willi, nimm doch den kleinen Jungen auf den Schoß! Wenn ich den Abendmantel nicht hätte, thäte ich es!« – befahl Lotte. Feller beugte sich vor und ergriff das Kerlchen, welches sofort fest einschlief.

»Det Meechen setzt doch den Dejenschlucker uff seine freien Knie'!« – schlug der Dicke vor und wies auf den feudalen Jüngling. Alles lachte. Er rümpfte die Nase, schwieg aber stolz. – »Bei mich an' Ausjang zieht es so, sonst thäte icks! – fuhr der Spießer fort – Meine Olle schleppt ihre eijene Bolle. Dem seine Beine sind abast frei. Und et is een Jamma mit des Wurm. Los, Jungen, nehmt ihm und hebt ihm 'ruff, der Herr thuts jerne, man sieht es ihm an!« – Der Feudale schwieg beharrlich. Die Jungens kicherten und zögerten. Schließlich erhoben sie sich, der eine packte die kleine Krabbe. Hopp! saß sie auf dem Schoße des stolzen Jünglings, der, um sie nicht fallen zu lassen, unwillkürlich zugriff. Aber sein Ausdruck verriet nichts Gutes! – »Das finde ich reizend von Ihnen, mein Herr!« – erkannte Lotte laut an, während sie bei dem unbeschreiblich komischen Anblick vor Lachen stickte. Jedoch der »reizende Herr« sah nach der Uhr, lugte durch die Scheiben und erhob sich an der nächsten Haltestelle. »Na, Männeken, is Ihn nu 'ne Perle aus de Krone jefallen?« – fragte der Dicke fidel, als der Jüngling, nachdem er das Kind niedergesetzt, an ihm vorbeikam. Eine Dame stieg ein. Es blieb Willi nach Lottes Bitten garnichts weiter übrig, als sich noch Nummer Zwei aufzuladen. Beide schliefen jetzt sanft auf seinem Schoße. – Am Potsdamer Platz sprang jemand hinten auf den Perron auf. Die Thür wurde aufgestoßen. Ein Herr schaute hinein, ob Platz vorhanden. Sofort erklangen vier »Ahs!« Denn der Betreffende war Ernst Georgy, der von seinen Freunden erkannt wurde und sie selbst freudigst begrüßte. Sehr überrascht blickte er auf den jungen Arzt und dessen sonderbare Gäste. Er fand keinen freien Sitz mehr und verlockte seine vier Freunde, mit ihm abzusteigen und den Rest des Weges zu Fuß zurückzulegen. Sie thaten es, nachdem Willi die kleinen Schläfer sorglich niedergesetzt hatte.

Auf der ruhigen Straße wurde es laut. Die beiden Pärchen umringten ihren »Verewiger« und sprachen auf ihn ein. Er gebot lachend Ruhe. »Kommt, jetzt trinken wir noch irgendwo eine Tasse Kaffee, Kinder meiner Muse, die ich mir aus dem – Lumpensammler – auflesen mußte. Willi sieht überhaupt nach seiner menschenfreundlichen That etwas be- und zerdrückt aus. Er muß sich erst fassen!« – Kurz darauf saßen sie alle um einen Marmortisch in einem Café. – – – »Denkt Euch, Quartett, man glaubt, meine Rangenbibliothek wäre erschöpft. Heute befragte man mich, ob ich nicht nun am Ende mit meinen Kenntnissen wäre? Ich lachte einfach Hohn, denn ich dachte an Euch, meine Versuchskaninchen, malte mir Eure Ehen etc. etc. aus. Als ob die Lotte je mit Streichen oder verdrehten Ansichten erschöpft sein könnte! Nicht, mein Hühnchen?« – – »Ich, erschöpft? P! Ich hab' der Welt noch viel zu sagen, nich wa', Willischatz? Wartet man ab!« – – »Na eben! – bestätigte Georgy triumphierend – das sagte ich den Zweiflern auch. – Was – meinte ich – wir sollen jetzt, mitten im Besten aufhören? Wir? Pah, da kennt Ihr Lotte Bach und Ernst Georgy schlecht! Wir sind und bleiben: »Hie alleweg gut Range! Gelt?« – –

»Na ob!« jubelten die andern. »Prosit, Brautpaar!« – sagte Georgy. Da stieß er mit Willi und Lotte an. Dann hob er noch einmal seine Tasse und trank Georg und Alice zu: »Prosit Brautpaar!« – Und nun tranken sie alle auf gute Zukunft und gute Freundschaft!

 

»Ende.«

 << Kapitel 10 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.