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Die Berliner Range VII - Prosit Brautpaar!

Ernst Georgy: Die Berliner Range VII - Prosit Brautpaar! - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Georgy
titleDie Berliner Range VII - Prosit Brautpaar!
publisherVerlag von Rich. Bong
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141203
projectidee54e2fd
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9. Kapitel. Nachts um die zweite Stunde.

Bei Herrn Präsidenten von Rodde ist Tanzgesellschaft. Er bewohnt eine schöne erste Etage in einer der vornehmen Mietskasernen des feinen Westens. Die ganze Front des Hauses ist in diesem Stockwerk erleuchtet. Der Lichtschein fällt in breiten gelben Flecken auf die Straße. Dort, wo man gespeist hat, stehen die Fenster weit offen. In den Nebengemächern sind nur kleine Spalten geöffnet. Man sieht durch die Spitzenstores die kostbaren, elektrischen Kronen, bemalte Decken, glänzende Nahmen von Gemälden. Musik, Klavier und Geigentöne klingen in die stille Nacht des kühlen Märzanfangs hinaus. Ab und zu ein lautes Gelächter – Ausrufe – Stimmengeschwirr. Auch Gläserklingen.

Das übrige Haus liegt in tiefes Dunkel gehüllt, denn vor kurzem ist auch oben im vierten Stock, im Studierzimmer des Professor Oberlehrers, die Lampe erloschen. In der Straße ist es still. Hier und da hottelt ein Fuhrwerk oder sonst eine Equipage hindurch. Heimkehrende, die dicht verpackt aus den Vergnügungen kommen, bringen dann und wann etwas Abwechslung in das Bild. Man hört sie schwatzen oder ungeniert gähnen. Schlüssel klirren drehend in den Schlössern der Hausthore. Diese sperren auf und fallen bald dröhnend zu. – Wieder Ruhe. – Die Straßenreinigung ist auch mit ihrer nützlichen Beschäftigung fertig. Eine nächtliche Schutzmannspatrouille wirft einen Blick hinein und verschwindet zufrieden aus dieser vornehmen, ungefährlichen Gegend. –

Vor dem Roddeschen Hause halten zwei geschlossene Droschken, deren Lenker fest auf dem Bocke schlafen. Daneben, in bescheidener Entfernung steht ein offener Taxameter und zwei Kutschen zweiter Güte. Der eine Kutscher hat sich klug in seinen wärmeren Wagen gesetzt. Der andere starrt müde, in Gedanken verloren, vor sich hin. Der Führer des offenen Gefährtes steht bei seinem Pferde, das sorglich zugedeckt ist, und streichelt es. –

Um die Ecke herum biegt eine weitere erster Klasse-Droschke und hält in der Nähe. Der Kutscher mustert sinnend die Fenster: »Du, Mensch, sind ville da oben?« – fragt er brummig. – »Weeß ick? Radau is jenug!« – – »Kriejt man woll noch 'ne Fuhre?« – – »Man hofft! 'k Hab' ma schonst Eisbeene anjefroren. Et weht kiehl!« – – »Na, mächtig!« – – »Wo kommste denn her in die Jejend, Du Dusel?« – – »'k hab' een Paar von Moabit nach'te Kurfürsten jebracht!« – – »Denn haste doch jenug, Du Jauner –!« – – »Quassele keene Strippen, Mensch!« – –

Die Droschke hält. Er springt von seinem Sitz herunter und tritt zu den Kollegen. Inzwischen ist der eine der Schläfer erwacht und verläßt gleichfalls seinen Bock. Zwei setzen sich auf die hochgelegte Ziegelstein-Einfassung, unter dem eisernen Gitter des Vorgartens. Der dritte stellt sich vor sie hin. Er umklammert mit seiner Hand, die in einem dicken, selbstgestrickten Handschuh (ein Weihnachtsgeschenk seiner Frau) steckt, einen der Eisenstäbe und räkelt sich und gähnt, daß es so schallt. – – »Halt de Schnauze! Laßt eenen doch pennen!« – tönt es knurrig aus dem Munde eines dadurch aus seinem Druseln erweckten Schläfers von dem hohen Kutscherthron herab. –

Gleichzeitig dringt von oben, aus den offenen Fenstern, in schneidiger Weise eine kurze Ansprache. Sie endet in einem donnernden »Hoch«, in das die ganze Gesellschaft einstimmt. Die Musik spielt einen Tusch. Danach wird im Chor ein Lied gesungen. –

»Hört doch die an! Die haben's jut! So ne Bande! Wer et doch och so haben dhäte!« – – »Na eben! Wenchstens 'n Jlas Wein oda 'n Jrok kennten se eenen doch 'runschicken. Unsa eens mechte och mal so'n Zeuchs hinta de Binde jießen!« – – »Ich kloppt' och janz jerne so'ne Mächens uff ihre nacklichten Speckhälser. De Feinen jehen doch imma janz nackicht uff ihre Bälle! Neilich hab 'k ma direkte mächtig vaschrocken, wie eene Dame der Mantel abjerutscht is'. Wat da allens zu sehen wa' und de bloßen Ärmer! Kiebich, so 'ne Fleischausstellung!« – – »Äx!« – – »Janich äx, sehr nett, sach ick Dich!« – – »Du olla Pousseur, haste nich jenuch an Deine Olle? – – »Jott, unse in ihr'n abjearbeiteten Zustande! Und wenn die sich so zeijen thäten, würden wa se doch zusammenhaun! In unsan Stand lieb'n wa solche Menkenken nich!« – – »Zu komisch des, wie de Reichen damit zufrie'n sein könn', wenn ›ihre‹ so rumloofen!? Eichentlich is et doch schkandalös!« – – »Meene kloppt ick, bis se blau wäre!« –

»Ach wat, Ihr Ochsen! – sagte der Damenfreund zornig – Wat wißt Ihr denn? 'k hab bei ein Jeneral Bursche jedient, un' wenn da die Feste wa'n! So wat Scheenes, nee, kalt un' warm könnt ein' wern! So wat schickt sich janich for unsan Stand. Unse Meechen wirden in de unanjezogene Kleidaje aussehen wie – – wie – – – na wie Piffke sein Jaul, der Rippenkicker, vor 'ne kaiserliche Krönungskutsche! Vastanden?« – – »Det muß allens ufhör'n! Alle müssen jleich ville haben!« – – »Ach, Du Quatschkasten mit Deine unjewaschene, rote Redensarten. So wat jiebt et janich! Soll's och janich jeb'n. Wo bleiben wia denn?« – – – – »Kinda Jottes, zankt man nich Polletick in nachtschlafende Zeit! – besänftigte einer – Heit hab ick 'ne jrandiose Fuhre jehatt. Eene Stunde Tierjarten, junge Leute! Er – na – Student? – – Sie – – Kindafräulein? – Bei de beschlagene Fensta konnten se nich jenuch kriejen. Se ha'm nich jemorken in ihr Jeknutsche, wie ick den Schlag uffriß und fragte: »Wohin nu?« – Na, der Schreck, et war zum Langlegen! – »Äch!« – kreischt sie – »Noch 'ne Stunde!« – er. So sind wa drei und 'ne halbe Stunde jejondelt in eine Tour und 'ne March Trinkjeld! Wenn de Liebe nich' war!« – – »Ja, man erlebt wat! Sonne Zicken überhaupt! Det is 'n Betrieb! Und so? – – Heite hat ma 'n Schutzmann jelangt, ick mußt 'n kaputjefallenen Maurer nach't Krankenhaus spedieren! Koddrige Jeschichte!« – – »So wat kann uns erster Jiete nich' passieren. Mensch, vabesser' Dir! Et is doch wat andert! 'k hole jeden Morjen meinen jungen Börsenjreis ab, bring 'n hin nach 'te Börse! Abens imma, seit Jahren, hol' ick mir meine Schauspielerin von de Wohnung und bring se zun Theater und retour. Det sind doch feste Kunden!« – – »Na ob.« – – »Leicht jesacht forn Sechser Käse!« – –

Auf dem Bock des einen Fuhrwerks richtete sich jetzt der Mann auf, sprang in die Höhe, zog seinen zerdrückten Mantel gerade. Dann schlug er wiederholt die Arme auseinander und zusammen. »Hotzdonnerschockschwerebrett nich noch 'mal, eene Hundekälte! – »Ha'm die da oben noch nich jenuch?« – Er holte eine Flasche aus der Tasche und nahm einen tüchtigen Schluck. Dann steckte er sie, sorglich verkorkt, wieder zurück. Die andern sahen seinem Thun traurig zu.

»Nu seh doch, so'n olla Jauna! – meinte einer ärgerlich – Der is och Jroßkaptalist und denkt, selber essen macht fett. So'n Protz!« – Er spie zornig auf das Pflaster – »'ne jute Idee, for de Nacht so'ne jeliebte Pulle uff'n Wej! Det wer' ich meine 'mal unter de Neese reiben!« – sagte der Sitzende sinnend. Der dritte sprang in die Höhe, eilte zu seiner Droschke und kramte in seinem Kasten unter dem Sitz: »Na, ick bin keen Unmensch, sondern hab' 'n Herz for meine Kollejen. Nich' wie annere Leute! Hm! – Hier, Kinda, nehmt jeda n Schluck uff den Schmerz! – – – – – 'k Hab' ma det Flüschken noch vorhin mang de Kneipe an de Haltestelle mit »Luft« füllen lassen!« – Er reichte den Untenstehenden das Gefäß. »Bist 'n Hauptkerl!« – rief der eine anerkennend. Er schneuzte sich, wischte Nase und Mund mit dem Ärmel ab und setzte die Flasche an den Mund: »Ach, det thut wohl! Bessa, als wenn eenen de Halleluja-Meechens oda die frommen Damen mit ihre Predigten bejlücken! Die wärmen nich' so aus!« – – Mit gierigen Augen harrte der andere und sog so lange an der Flasche, daß ihm sein Kamerad dieselbe vom Munde fortriß: »Weeßte, for Stibeke seine Jiete brauchste wahaftich nich ausvaschämt zu sind, Du!« – – »Tausend Dank, Mensch, et jeht doch nischt über 'n ausjewärmten Bauch!« –

In dieser Minute erleuchtete sich die Eintrittshalle des Hauses. Man sah die Gäste, dem voranschreitenden Diener folgend, die Treppen hinuntersteigen. – »Achtung, Dampfwalze! Se kommen!« – schrie einer der Kutscher und knallte mit der Peitsche. – Alle andern sprangen auf ihre Sitze und zogen die Schutzdecken von ihren Pferden, sie hastig zusammenlegend. Der eine wickelte sich selbst die Füße damit ein. – Das eiserne Portal mit den spiegelnden, blanken Glasscheiben wurde geöffnet. Die Herrschaften eilten ins Freie. Jedes Mal, wenn einer der Herren hinausschritt, sah man, wie er dem Diener, welcher die Hand aufhielt, etwas zusteckte. Und bei jeder dieser Bewegungen verbeugte sich der Mann tief. – Einer der Kutscher sah es und dachte neidvoll bei sich: »So eener hat's jut! Freie Wohnung, jutes Essen, Jehalt und Trinkjelder. Warum bin ich nu nich Dienstmensch jeword'n, wo ick doch als Bursche die jute Vorbildung hatte!?«

»Welch wundervolle Nacht! Es wäre ja ein Jammer zu fahren! Oben war es etwas heiß!« – rief ein hoher Offizier. – »Ich bin auch dafür, daß wir den kleinen Weg laufen, lieber Reinhold!« – fügte seine Gattin hinzu. Die Kutscher kränkten sich im Stillen. Aber was konnten sie thun? – – Die schwatzende und lachende Gruppe animierter Gesellschaftsmenschen stand zwischen den Vorgärten. Verschiedene Paare trennten sich bald und wanderten zu Fuße ihrem Daheim zu.

»War nett oben, nicht wahr? Sind herrliche Wirte?!« – – »Seltene Menschen!« – – »Wie schön die Frau des Hauses wieder aussah. Man wußte nicht, sollte man der Mutter oder den Töchtern den Vorzug geben!« – – »Schneidiges Kerlchen der Hans-Fritz, der macht Karriere!« – – »Na, im Gymnasium war er mäßig!« – – »Pah, was macht das aus? Denken Sie nur an Bismarck!« – – »Gewiß, natürlich! – – »Lieber Rat, sehen wir uns nicht morgen bei Excellenz?« – – »Ei, freilich, Excellenz hatte die Liebenswürdigkeit, mich auch zu laden, Herr Direktor!« – – »Also morgen im Bureau! Aus Wiederschauen! Hahaha!« –

»Kutscher!« – – Die ersten Droschken fuhren bereits ihre Fahrgäste durch die Straßen. Die anderen harrten noch dienstbereit. Die Leute konnten sich nicht trennen. Erst nach ungefähr zehn Minuten löste sich der Knäuel unter Schelten auf die kühle Nachtluft. In dem offenen Taxameter nahmen zwei Offiziere und ein Civilist Platz. Sie ließen sich noch in ein Kaffeehaus bringen. Den ganzen Weg über hörte der Lenker des Gefährtes ihre spöttischen, witzigen Urteile über die Gesellschaft und ihren Verlauf, von herzhaftem Gelächter unterbrochen. Der Champagner, auf den sie soviel gescholten, schien doch seine Wirkung nicht verfehlt zu haben. –

Nur eine Droschke stand und stand unbenutzt. Die Übrigbleibenden schienen noch immer nicht einig mit sich, ob sie fahren oder laufen sollten. Nach langem Hin und Her wählten sie das letztere. »Das kann man doch sparen bei dem himmlischen Wetter! Per pedes ist am gesundesten, da verfliegt der Sprit und das Kaffeïn am schnellsten!« – meinte der eine Herr. – – »Und der arme Kerl dort, Doktor?« – sagte ein anderer leise. – – »Ich bitte Sie, Verehrter! In Berlin? Der findet noch hundert Fahrende, wenn er will! Die Leute stehen sich ja glänzend! Darum brauchen Sie sich nicht zu sorgen!«

Und der Menschenfreund trat zu dem Kutscher: »Hier, mein alter Freund, nehmen Sie diese Zigarre. Es ist eine teure Import, Flor de Cuba, rauchen Sie die mit Verstand! Wir wohnen nahe und laufen lieber, nicht wahr, das verstehen Sie doch auch?« – – »Danke!« – Nur sehr zögernd ergriff der Mann die dargebotene Zigarre. Dann richtete er sich auf und Packte die Zügel: »Hü! Hü!« – Langsam setzte sich der müde Gaul in Bewegung. Der Wagen hottelte davon. »So'n dreckiger Glimmstengel! – – – 'ne Fuhre wäre mir lieber! – – – – – Verfluchte Zucht!« – murrte der brave Kutscher vor sich hin. – Was half es??

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