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Die Berliner Range - Neue Bekenntnisse. Band IV.

Ernst Georgy: Die Berliner Range - Neue Bekenntnisse. Band IV. - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Georgy
titleDie Berliner Range - Neue Bekenntnisse. Band IV.
publisherVerlag von Rich. Bong.
yearo.J.
firstpub1900
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140619
projectid518b265b
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6. Kapitel. Lotte in Wolle und Lotte in Seide!

Von ihrem Freitag-Empfang bei der liebenswürdigen Familie Hauf hatte sich Lotte damals auf den Weg zu ihren Freunden Huttens gemacht. Die prächtige Frau Doktor, deren leitendes Prinzip es war, die Jugend ihrer beiden Kinder selbst im beschränkten Rahmen zu einer sonnigen zu gestalten, hatte wieder einmal Alices und Franzens Bekannte geladen. Da nun sowohl die vorzüglichen Roastbeefs, die sonstigen Leckereien und besonders der ausgelassen harmlose Ton der ›Huttenschen gemütlichen Fetze‹ in all ihren Kreisen berühmt waren, so gab es da fast nie Absagen. Alle kamen, und alle kamen gern! – Lotte war absichtlich die erst Erscheinende. Sie konnte sich dann mit Fräulein Hutten immer noch ein Weilchen ausschwatzen. Geheimnisse oder verschwiegene Philosophieen gab es stets in Hülle und Fülle!

Alice saß im Salon und stickte: »Entschuldige, wenn ich Dir nicht entgegenkomme, Lotte!« rief sie der Freundin zu. »Aber das Kissen muß bis morgen Abend fertig sein. Denn bis nächsten Donnerstag muß ich unter allen Umständen noch den Tischläufer beenden. Tante Amalie hat Geburtstag! Weißt Du! Und dann muß ich noch vierhundert Adressen für den Verein schreiben und zwei Couplets für die Vortragsabende machen und lernen!« – – »Natürlich, Klexel, bei Deinen viertausend Tanten und Onkels und bei Deinem Herz für Euern Verein bist Du wieder flott nebenbeschäftigt!« lachte Lotte. »Bei Dir das ewig alte Lied! Als ob Du nicht einen Beruf und gern mal freie Zeit hättest! Natürlich, Opfer für die große Familie – – für die All – – – Gemeinheit!« – – Alice widersprach heftig. Sie gehörte zu den opferbereiten, seelensguten Menschen, die sich beständig für andere aufreiben und dies mit Freude thun. Sie war in einer steten Hetzjagd, arbeitete und vergnügte sich ununterbrochen, jagte sich immer ab, leistete enorm und behauptete, doch zu nichts zu kommen! Und das war in der That so! – Entweder im ernsten Berufe oder für die Verwandtschaft beschäftigt, that Alice schon das Ihre. Nun kamen noch ihre gesellschaftlichen Talente: Dichten – Vortragen – Musizieren – hinzu. Alle Welt erfreute sich daran und bewunderte diese Künste. Und alle Welt beutete die stets liebenswürdig einspringende junge Dame in dieser Beziehung aus. Das Schlimmste an der Sache war, daß sie es nicht einmal bemerkte und auch nie bemerken wollte! Alice war ein Wirbelwind, wobei ihr ihre angeborene behende Grazie sehr zu statten kam.

Lotte begrüßte Frau Doktor Hutten mit einem herzlichen Kusse: »Guten Abend, Mutter Kläre, schönen Gruß von zu Haus!« – Sie plauderten einige Sätze, während Alice und Lotte ungeduldige Blicke austauschten. Endlich erhob sich die Hausfrau. Mit ironischem Lächeln wandte sie sich an die beiden Mädchen: »Ja, Kinder, so leid es mir thut, und so sehr Ihr es gewiß selbst bedauert, ich kann mir leider nicht helfen, ich muß nach meinem Braten sehen. Entschuldigt nur, wenn ich Euch allein lasse!« – – Sie lachte, denn die beiden atmeten befreit auf. Dennoch sagte Lotte augenzwinkernd und heuchlerisch: »Das ist aber furchtbar schade! Man hat nie etwas von Ihnen, Mutter Kläre. Warum bleiben Sie nicht noch?« – – »Altes Krokodil, so zu heucheln! ... Na, ich werde mich sehr eilen. Vielleicht kann ich recht bald wieder bei Euch sein!? Alice, der Tisch ist doch gedeckt?« – – »Ja, Mama!« – – »Also auf Wiedersehen!« – Die Wirtin verschwand lächelnd.

»Rate, wer sich verlobt hat?« – – Rate, was los ist?« – – Beide Mädchen riefen es zu gleicher Zeit und sahen sich erwartungsvoll an. »Na??« – – »Los!« – – »Nee, fang' Du an!« – – »Nein, Du bist Gast!« – – »Na bon, um der Sache ein Ende zu machen. Also Grete hat sich mit Paul verlobt, endlich!« – – »Ist sie glücklich?« – – »Na ob. Sie fressen sich rein auf! Natürlich, wir beide würden es vielleicht etwas anders machen. Aber meine Grete ist nun 'mal ein Phlegmatikus, und das paßt sehr gut zu ihm. Denn er ist nervös! – Himmel Donnerwetter, Klex, wenn wir einmal verlobt wären ... So 'was jiebt's ja jarnicht! Aber wir würden – – – ach was!« – Lotte seufzte und ließ die erhobenen Hände sinken. Auch die andere beugte sich tiefer auf ihre Handarbeit nieder. – – »Wo kommst Du eigentlich her?« fragte sie. »Vom Jourfix bei Haufs. Es war sehr nett! Aber Du wolltest mir doch auch etwas so Wichtiges erzählen?« – – »Ach so! Weißt Du, Lotte, wenn man so von einem glücklichen Paar reden hört, dann vergißt man alles andere! Aber Du wirst stumm und starr sein!« – – »Ich, was ist denn los, rede doch?« – – »Komm 'mal ganz dicht heran, denn ein anständiges Mädchen schämt sich, so etwas laut sagen zu müssen! Hast Du lange nichts von Julia von Miller gehört?« – – Lotte dachte nach »Warte 'mal, der Dachs, der Leutnant von Hase, erzählte mir am Montag, daß sie zu Verwandten aufs Land gereist sei. Drollig, jetzt wo die Saison gerade ihren Dollpunkt erreichen wird! Der Hase übrigens – –« – – »Du, was hat er denn dabei für ein Gesicht gemacht?« – –Lotte überlegte erstaunt. – »Komische Frage! Nee, Du hast sogar links, nicht nur Recht. Er hat eine furchtbare verkniffene Visage aufgesetzt und zwischen seinen üblichen zehntausend Komplimenten gesagt: ›Die Männer waren froh, wenn sie zwischen all den schimmernden Sumpf- und Giftpflanzen noch solch recht gesunde, einheitliche und vergnügte Kornblume sähen!‹ Ich habe ihn noch geneckt, daß er mich mit einem Unkraut vergliche!« – – »Aha, also höre nur, wie entsetzlich! Julia ist Knall und Fall zu einem Pfarrer aufs Land geschickt worden, der sich mit der Besserung verdorbener Mädchen abgießt.« – –»Quatsch! Da kennst Du Millers schlecht! Und weshalb, wegen der dummen Liebelei mit Hohenthal?« – – »Entschuldige!« trumpfte Alice ärgerlich. »Es ist kein Quatsch!« – – »Woher weißt Du?« – – »Von der Friseurin!« – – »Aha, diese Klatschverbreiter! Die Polizei sollte – –« – »Reg' Dich nicht auf, Lotte, sondern höre gefälligst zu, und Du wirst sehen, daß der Klatsch auf Wahrheit beruht! Also Julia hat trotz ihres Vaters strengem Verbot die Liebschaft mit dem gräßlichen Kerl fortgesetzt. Sie ist überall mit ihm gesehen worden, in Droschken – bitte denke neulich an den Potsdamerplatz! – in Restaurants, sogar auf einem öffentlichen Maskenball. Das wäre noch zu ertragen! Aber das Dollste kommt noch – – – –«

Lotte wurde sehr bleich und beugte sich entsetzt vor: »Was noch?« – – »Sie ist zu ihm gegangen, hat bei ihm Rollen gelernt und sich drei Tage nach dem Ball von ihm nach dem Rhein entführen lassen, wo er ihr an einer Bühne ein Engagement versprochen hatte. Ihr Vater hat sie in Köln abgefaßt und heimgebracht. Hohenthal ist vorläufig auf Urlaub. Der alte Miller schäumt und hat sie sofort da aufs Land gebracht. Die gnädige Frau läßt niemand vor und hat Weinkrämpfe, denn er hat um seine Entlassung oder um seine Versetzung in eine entfernte Provinz gebeten! Mehr wußte die nicht, die Lehmann! Aber ist das nicht schrecklich?«

Lotte dachte nach. Sie war sehr blaß und zitterte. Endlich richtete sie sich energisch auf: »Hör' mal, Alice! Jede Sache hat zwei Seiten, auch diese! Wenn die Eltern und die Welt ein Mädchen hindern wollen, sich den Platz zu erobern, nach dem ihr ganzes Herz, ihr tiefster Drang strebt; dann soll sie und wenn es Kopf und Kragen kostet, ihrem Gefühl folgen!! Sie soll alle Hindernisse überwinden und durch zu ihrem Ziele!« – »So, und wenn sie sich nun überschätzt hat, wenn die Sehnsucht nach dem Ziel nur eingeredet war? –« – »Unsinn, dann kämpft man sich eben nicht durch, sondern läßt sich von den Hindernissen abschrecken! Nein, wer alles wagt, nichts scheut und durch Kampf und Angst weiter geht, der ist eben berufen! Der soll vorwärts!« – »Und die Familie, die tausend Rücksichten? He?« fragte Alice. – »Oho, Rücksichten, wenn es sich um Glück, Leben und Streben handelt, giebt es nicht! Und die Familie – – ja, mein Gott – – mit ernstem Wollen, eisernem Fleiß und endlichem Erfolge hat man noch immer die Seinen versöhnt, erkämpft.« – – »So, wenn man bei allem ernsten Wollen aber an oder vor dem Ziel scheitert? Giebt es das nicht?« – »Vielleicht!« gab Lotte ernst zu. »Dann geht man an der Tragik unseres Menschenloses zu Grunde! Aber der Berufene scheitert wohl nicht!« – »So fändest Du Julia entschuldbar, Julia? So würdest Du auch die Hilfe eines jungen Offiziers annehmen, Du – Lotte?« – »Ja, Alice! Und vielleicht ist Julia – – nein, leider kann ich sie nicht verteidigen, weil ich bei ihr nicht die Überzeugung habe, daß sie aus einem heißen, inneren Drang heraus handelt. Die Sehnsucht nach der Bühne ist bei ihr Extravaganz, Blasiertheit! Die Liebe zu Dietrich –« – »Nenne es ruhig deutsch! Du bist doch sonst nicht so schonend: sie ist verdorben!« – »Ja, leider!« – »Würdest Du zu einem Herren in die Wohnung gehen?« – »Pfui Teufel, nein!« Lotte sprang auf. »Wer thut das aber auch, wer?« – »Na, Du siehst ja – unsere Schulfreundin Julia!« –

Lotte weinte fast, als sie empört hervorstieß: »Nenne sie nicht mehr so, Alice! Wenn es mehr solche Mädchen geben sollte – – pfui! Doch nein, Gott sei Dank, es sind nur Ausnahmen, schreckliche Ausnahmen! Schämen muß man sich ja, schämen, mit solchen womöglich in einen Topf geworfen zu werden! Ich bin wahrhaftig nicht etepetete!« – »Oh nein! Du bist sogar viel zu sehr mit dem Munde vorweg, sprichst viel zu frei, was Du denkst, Lotte! Nimm es mir nicht übel! Aber Du kennst und liest zu viel! Du sprichst zu ungeniert von vielem! Es giebt manche, die Dich verkennen!« –

»P!« meinte Lotte stolz und verächtlich, »Mögen sie! Die Verurteilung dieser ›Mancher‹ ehrt mich sogar! Ich kann mir keine Scheuklappen vor Augen und Hirn garnieren lassen. Ich sehe, höre, richte eben nach meinem klaren Verstande. Jeder hat seine Eigenart. Ich habe die meine, fühle mich dabei nicht fehlerfrei, oh nee, mein Kind, so haben wir nicht gewettet! Aber trotz all meiner Untugenden und Ruppigkeiten, Alice, ich fühle mich stolz – so rein und so frei, so erhaben über derartige niedrige Angriffe oder nur Vermutungen wie der artigste, tugendhafteste, kirchenlaufendste Zierpropfen! So, da hast du es, und nun sag' es den ›Manchen‹!«

»Ich kenne Dich, Lotte, und verteidige Dich stets!« – – »Verteidigen?« rief Lotte empört. »Auch noch?! Diesen Freundschaftsdienst verbitte ich mir sogar, Du! Ich bin ich! Da rührt keiner dran! Da sollen meine Freunde mich gar nicht verteidigen! Ich bin zufrieden mit einer kleinen Gemeinde! Ich, Lotte Bach, die Berliner Range! Verstanden?« – – »Ja, ja! Aber was sagst Du nur zu Julia?« fragte Alice ablenkend. »Schrecklich!« – – »Bedauerst Du nun auch das arme, verführte Geschöpf wie Mama?« – »Nein, gar nicht! Denn meiner Ansicht nach läßt sich nur der verführen, der es selbst will! Für einen Menschen mit fünf Sinnen giebt es keine Verführung, basta!« – – Die jungen Mädchen konnten das interessante Thema nicht mehr lange beackern. Es klingelte, und die Gäste erschienen allgemach. Die jungen Damen wie die Herren kamen vergnügt und lachend in das warme, behagliche Zimmer. Man kannte sich ja seit Jahren. So rieben sie sich ungeniert die kalten Hände, lagerten sich behaglich in den Fauteuils oder gingen an den heißen Ofen: »Eujenchen, nehmen Sie die Poten von den Kacheln, sonst erfrieren Sie sich die Finger, und die ganze Schönheit, die mir zwar noch nicht ausgegangen ist, geht in die Binsen!« sagte Lotte neckend zu einem als hübsch bekannten Freunde des jungen Hutten. – – »Es macht nichts! Du liebst mich auch so, Lotte!« entgegnete er frisch und frech; denn er neckte sich stets mit Fräulein Bach herum. – »Seit wann duzen wir uns eigentlich, schöner Eujen?« – – »Na, siehst Du, Berliner Range, bist schon alterschwach in der Gedankenfabrik, eben seit wir uns lieben!« – – »Ach so, heimliche Liebe, von der niemand nichts weiß? Nicht einmal ich selbst! Ja, ja, man wird alt wie 'ne Kuh und lernt immer was zu!«

»Wo ist Franz?« riefen einige. »Der kommt erst um halb neun oder noch später!« antwortete die Schwester. – – »Au weh, unsere Magen! Wir verhungern!« – – »Bier her, Bier her ober wir fallen um!« sangen zwei Herren. »Mutter Kläre, Mutter Kläre, wir suchen, wir suchen – – – Kuchen!« brüllten die jungen Mädchen. Die Hausfrau steckte lachend den Kopf durch die Thür. »Ei, das duftet fein nach Braten! Tante, was brauest Du uns Schmackhaftes?« fragte Georg, ein Lieblingsneffe. – –

»Guten Abend, meine Lieben! Sie sind alle zu früh gekommen, vorläufig giebt es nichts, wenn Alice nicht ihr Konfekt 'rausrückt. Um neun Uhr wird gegessen, da kommt mein Bruder mit seiner Frau – – – Franz und Ernst und Mariechen. Bis dahin haltet Ihr es wohl noch aus?« – – »Nein, nein!!« – – »Ja, wollt Ihr etwa jetzt schon den Sandkuchen, den es erst um Mitternacht geben soll?« – – »Natürlich!« – – »Gewiß!« – – »Na aber?« – – »Nee, was Ordentliches, nicht den Appetit verlegen!« riefen zwei. »Obst!« – –

Frau Doktor brachte halb im Scherz einen Korb mit Semmeln und die Fruchtschale herangeschleppt. Sie erwartete aber nicht, daß man daran gehen würde. Aber sie kannte ihre Gäste schlecht. Im Nu hatte jeder ein Stück Gebäck und einen Apfel oder eine Birne ergriffen. Man lagerte sich mit seinem Raube auf der Erde, auf dem Sofa und den wenigen Stühlen, die vorhanden waren. Die meisten Stühle waren schon um die Tafel gestellt. – Der musikalische ›Rumpert‹ spielte rasch einen Tusch. Man ließ die gastfreie Wirtin leben. – – Lachend, ärgerlich, überrumpelt schaute diese umher: »So, meine Lieben, mir kann es recht sein! Aber wenn Ihr nachher Weißbrot zum Käse und Obst zum Nachtisch wollt, dann bitte kauft es allein!« – Und damit entschwand sie in die Küche. – –

»Meine Damen und Herren!« schrie Lotte. »Ich verzichte nicht, ich will mein Pfund Fleisch – [»Pfui, Vielfraß!« – – »Mehr nicht?« – »Das genügt!«] Ruhe im Saale – und meinen Holländer mit Knüppelchen essen. Dito Obst! [»Bravo!« – – »Glänzende Rednergabe!« – – »Hört, hört!« – – »Der reine Cicero!«] Das Büdget der Hausfrau darf nicht mehr belastet werden, so schlage ich vor, [»Wir schlagen nach!«] daß wir, Ruhe, nicht dazwischen quatschen! daß wir zu Gunsten der abgebrannten, abgegessenen vielmehr, Schalen eine Kollekte veranstalten, neue Zufuhr holen und diese der Hausfrau im Fackelzug überreichen. Zum Zeichen, daß ich es ernst meine, werfe ich diese drei, sage drei Sechser in den Hut!« [»Protz!« – – »Rothschild!« – – »Lumpig!«] – Sie zog einen Hut hinter dem Rücken hervor und that nach ihren Worten. Alles jubelte. Sechser und Groschen flogen hinein. Der Plan wurde entworfen. Alle rasten in den Korridor, zogen sich im Sturm an. Schirme und Stöcke wurden ergriffen. Man verließ leise die Wohnung. Einige eilten zum Fruchtgeschäft. – Andere zum Bäcker. – Wieder andere zum Drogisten. Alice und Lotte immer voran. Im Hausflur versammelte man sich. Die Früchte und Semmeln wurden in die Schalen geordnet, die gleichfalls geholten Wachsstreichhölzer auf Schirmen und Stöcken befestigt und entzündet. Nun trat man zur Polonaise an. Alice und Sophie mit den frisch gefüllten Schalen voran, dann die andern mit den improvisierten Fackeln, zogen über den Hof, kletterten über die Treppe, streiften an dem entsetzt zurückprallenden, öffnenden Dienstboten vorbei in die Küche. Dort hielten Lotte und Eugen der lachenden Hausfrau eine Ansprache. Die Aushülfefrau lauschte baff und betroffen, ehe sie auch von dem allgemeinen Gekreisch angesteckt, sich mitfreute.

Da Frau Doktor Hutten die liebenswürdige Eigenschaft hatte, auf alle Ulkereien ihrer Gäste einzugehen, so erwiderte sie diesen Speech. Sie duldete es auch, daß man überall das Gas ausdrehte, sich versteckte und mäuschenstill verhielt, als ihr Sohn mit seinem Freund und dessen Schwester kam. Ja, sie trat ihm sogar scheinbar entsetzt und zornig entgegen mit den Scheltworten: »Aber Franz, Du hast wieder eine heillose Verwirrung angerichtet!« – – »Ich wieso?« fragte er ahnungslos. – »Nun, Du mußt ein falsches Datum auf die Karten geschrieben haben. Kein Mensch ist da. Und Georg hat zu Alice gesagt, er dachte, es sei erst zu übermorgen! Nette Bescherung, Du bist daran schuld mit Deiner ewigen Zerstreutheit!« – – Franz Hutten und die beiden Gäste standen stumm und starr. »Darum ist es auch noch so dunkel!« sagte er nur kleinlaut. – – »Na eben! Nun geh' nur hinein, und mach' immer Licht! Ich werde für Euch paar rasch einige Eier kochen lassen!« – – Damit enteilte sie der Komödie. »Donnerschlag! So ein Heupferd wie ich giebt es nicht wieder!« murmelte Franz. »Na, kommt nur 'rin! Wir müssen uns eben auf eigene Faust amüsieren. Ich muß vom Kaffee berauscht gewesen sein, als ich die Karten 'runterklaute!« – – Er trat mit den verdutzten Gästen in das stockdunkele Gemach und stolperte. Fräulein Mariechen schrie! »Au!« Sie fühlte sich gekniffen. Ihr Bruder schrie auch auf. »Alice, Alice, wo ist denn die Person? Wahrhaftig, sie konnte doch wenigstens Licht anstecken!« brummte Franz. Ehe er noch sein Streichbolz entzünden konnte, flammten rote und blaue bengalische Flammen auf. Ein Konzert von Miauen und Bellen erhob sich. Das Gas wurde angesteckt, und große Freude über den gelungenen Streich herrschte!

Beim Abendbrot stieg die berühmte Huttensche Feststimmung noch höher. Ein witziger Toast jagte den andern. Als sich der Sohn vom Hause zum fünften Trinkspruch erhob, konnte man vor Lachen schon kaum mehr weiter. Er beschwor höchst drollig die Geister der vierten Dimension und ließ sich durch selbst hervorgebrachte, sehr geschickte Klopftöne verraten, wieviel jeder gegessen und getrunken. Auch später, nach Tisch blieb man heiter und fröhlich. Man amüsierte sich über die harmlosesten Dinge auf das Köstlichste und geriet bei der Kaffeetafel in den tollsten Übermut.

Alle vergaßen, daß die Welt auch ernste Seiten aufzuweisen hat! Lotte saß schwach vor Lachen und Toben in einer Ecke, als Alice erhitzt zu ihr trat: »Kinder, bei Euch amüsiert man sich stets am besten! So 'was von Angeben!« meinte sie. – »Na, Du trägst aber auch Dein gut gemessenes Teil dazu bei!« erwiderte die Freundin. – »Ach ich?« Lotte seufzte und blickte sich um, als ob sie erwachte. »Wir kreischen hier! – – Und Julie dort in der Verbannung mit der Reue, dem Trotz, den Gewissensqualen, armes Ding! Es ist schrecklich!« – »Denkst Du noch neulich an den glanzvollen Ball bei Millers?« – »Ja, für mich war er nicht glanzvoll! Im Gegenteil!« – Lotte starrte plötzlich blaß und ernst vor sich hin. Sie dachte an all ihr heimliches Leid und grübelte über die komischen Menschenkinder, die mit einem so tiefen, herben Kummer im Herzen so ausgelassen sein können!

Auch Alice hatte einen philosophischen Gedankengang: »Wahrhaftig, man kann sich auf so bescheidene Weise amüsieren. Man braucht gar keinen französischen Koch, keine Lohnkellner und üppigen Salons. So, wie heute bei uns, hat damals keiner gelacht! Dabei trägst Du heute nur Dein Cheviotkleid und gingst neulich in Seide!« – »Das ist bei mir immer so, Du! Wenn ich mich aufdonnere und wunder was erwarte, kommt garnichts! Wenn ich aber so recht einfach gekleidet bin, nicht ewig zu schonen und an die Sachen zu denken habe, dann bin ich ein freier Mensch und amüsiere mich wie Gott in Frankreich. – Nur keinen Zwang! Ich hasse ihn, und sobald ich ihn fühle, sträuben sich meine Borsten, und ich werde wild. Dann kommen mir Gedanken, auf die ich sonst garnicht komme, so boshaft und ironisch! Vor Grumburgs, zum Beispiel und vor dem Mädchenkaffee bei der Putzlotte, der Frieda in der Viktoriastraße, habe ich wahrhaftig Angst.« – »Was ziehst Du an, Dein neues Tuchkleid?« – »Am liebsten ginge ich in meinem ältesten Stundenkleid, um die Zieraffen gerade damit zu kränken. Aber Du kennst ja Mutter. Sie besteht darauf, daß ich mich in Gala schmeiße. – Sicher mache ich mir wieder einen Fleck oder sonst einen Schaden, ich habe mit neuen Sachen immer Pech. Doch nun adio, Kleines, vielen Dank für den famosen Abend! Es war wieder 'mal echt Huttensch!«

Lotte eilte, von einigen Bekannten begleitet, heim. »Drin ist etwas für Dich gekommen!« sagte die gute Geheimrätin, die schon behaglich im Bett gelegen und nur auf die Tochter gewartet und den Schlaf verscheucht hatte. – – »Wo denn?« Was denn?« fragte diese neugierig. – »Geh' nur, und sieh es Dir selbst an, mein Kind! Aber im übrigen, weißt Du, die neueste Errungenschaft gefällt mir nicht recht! Da ist uns zum Beispiel Heinrich Wegner –« – »Pfui, Mutta, dieser Waschlappen!« – »Die Sache ist aber doch reeller als so ein leichtsinniger Windhund, so ein junger Leutnant!« beharrte die Mutter. »Natürlich!« rief Lotte empört. »Ihr denkt nur immer ans Heiraten! Sobald einen ein Jüngling nur beschnuppert, seid Ihr Mütter schon auf dem Quivive. Wir modernen Mädel sind aber garnicht so jieprig. Wir sitzen nicht mehr als Schmachtlappen da und warten auf den Retter. Dazu sind wir zu selbständig –« – »Leider!« – »Nein, Gott sei Dank!« – »Und viele alte Jungfern mehr in der Welt, das ist die Folge!« – »So, aber dafür nicht mehr so 'ne verbitterten einsamen, sondern ganz quietschvergnügte. Und das ist tausendmal besser als die Heerscharen unglücklicher Frauen! Im übrigen gute Nacht, ich bin müde, Du auch, und wir stören mit unserm Gerede nur Väterchen, der so ruhig schläft. Gute Nacht, Mutta!« – »'n Nacht, Lotte!« –

In ihrem kleinen Zimmer duftete es nach Veilchen. Lotte machte Licht und fand auf dem Tisch einen nachgemachten Hasen, der in seiner Kiepe Veilchen trug und ein Schild mit den Worten: »Ich grüß! Vielliebchen!« – »Nette Idee von dem kleinen Hase!« schmunzelte Lotte und begab sich zur Ruhe. Die Verehrung des jungen Offiziers that ihrem wunden Herzen wohl; aber mehr auch nicht. – –

»Leider kann ich nur ein bis zwei Stündchen bleiben, liebe Frieda! Ich wollte aber Deine freundliche Aufforderung nicht schon wieder ablehnen!« sagte Lotte zu der elegant einher rauschenden jungen Dame. »Oh, wie schade! Warum denn das?« – »Weil ich noch heim muß und mich für den Ball bei Grumburgs umziehen. Und das Gehetze liebe ich nicht!« – »Du gehst zu den reichen Grumburgs, wie kommst Du denn dahin?« fragte die andere erstaunt und betrachtete Fräulein Bach, sie neugierig und neidisch von oben bis unten musternd. – »Mit der Droschke, natürlich zweiter Güte, dann durch das Hausthor und eine Treppe hinauf! Bist Du nun zufrieden?« entgegnete Lotte scharf. – »Du giebst wohl da Stunden?« – Ungerührt von der neuen Spitze, die in diesen Worten lag, meinte Lotte lustig: »Leider nein!«

Dann wandte sie sich den andern jungen Damen zu, welche in den Zimmern in Gruppen beisammen saßen. Sie begrüßte die ihr bekannten, ließ sich den andern vorstellen und setzte sich dann mit der ihr eigenen Sicherheit nieder. Die Anwesenden in ihren kostbaren Blusen, ihren aus rauschenden Seidenstoffen gearbeiteten Toiletten, repräsentierten die jungen Berlinerinnen der reichen Kreise. Es waren Mädchen, die viel gelernt hatten und durch Gouvernanten an den Gebrauch fremder Sprachen gewöhnt waren. Sie gehörten zu denen, welche jede litterarische Neuerscheinung gelesen, jede Premiere gesehen, jedes große Konzert gehört und jeden Kunstsalon besucht hatten. – Mit tadellosen Formen der jungen Weltdamen verbanden sie die schillernde Gewandtheit der geistreichen Salonkonversation, prahlten mit modernen Schlagworten, daß dem Zuhörer vor Bewunderung dieser vielseitigen Bildung die Haare zu Berg standen. Und doch waren die meisten gut abgerichtete, hohle Puppen, oberflächlich, voller Hochmut und Gelddünkel, ohne jede wahre Gemütstiefe und Herzensbildung.

Der Diener und zwei hellgekleidete Dienstmädchen mit Häubchen auf dem Kopfe reichten Getränke und Kuchen herum. Lotte langte zu. Lächelnd beobachtete sie, wie genau die Gäste die Aufwartung musterten, um bei ihren eigenen Einladungen nur ja nicht weniger geben zu lassen! In der Gruppe, der sich unsere Range zugesellt, sprach man eifrigst von Schneidern, Pariser oder Londoner Modellen. Sie hörte ruhig zu, bis sich ihr eine junge Dame zuwandte: »Ihr Kleidchen sitzt sehr nett, Fräulein Bach, wo lassen Sie arbeiten?« – – »Mein Kleidchen ist gut!« wiederholte Lotte ironisch. »Drücken Sie mit dieser Bezeichnung ›meine‹ Kindlichkeit oder ›seine‹ Einfachheit aus, Fräulein Lisa? Jedenfalls freut es mich, daß Ihnen mein neustes Bekleidungsstück gefällt. Ich werde es unserer Hausschneiderin verkünden. Es wird das arme Mädel auch freuen!« – – »Hausschneiderin?!« – – Man sah sich an. Man lächelte ein wenig. Die erste Fragerin, welche wohl gut machen wollte, sagte: »Ja, dann kommt es doch aber auch sehr teuer, und man hat obendrein die Unbequemlichkeit und die Wirtschaft im Hause!« – – Alle blickten Lotte gespannt an. – »Das ist Auffassungssache,« meinte sie kaltblütig. »Ich finde es viel unbequemer, immer fortzulaufen, um anzuprobieren und dann auf die Gnade des Schneiders zu warten, ob er das fertige Kleid schicken will oder nicht! Und was die Teuerung anbetrifft, so hält sie sich; denn die neun Mark, welche das Fräulein für ihre Leistung außer der freien Station bekommt, lassen sich noch erschwingen, nich' wa'?« – »Neun Mark?« – Man wiederholte die für diese jungen Mädchen fabelhafte Summe einige Male und sah sich verwundert, entrüstet, ungläubig an. – – »Herr Gott, und Mama ist froh, daß unser Schneider für mich nur fünfzig Mark Façon nimmt!« rief eine. – »Unter zweihundert Mark giebt es doch kaum ein anständiges Winterkleid!« meinte eine andere.

Lotte hörte sarkastisch lächelnd zu. »So, denken Sie wirklich? Dann muß ich Ihnen doch sehr unanständig gekleidet vorkommen?« fragte sie. Die andere widersprach lebhaft. »Und nicht einmal auf Seide gearbeitet ist mein Kleid, das reine etwas vergrößerte Feigenblatt an Einfachheit in Ihren Augen, nicht wahr?« fuhr Lotte fort. »Dabei kam ich mir darin wie eine Prinzessin vor! Da haben Sie es wieder: Dem einen sein Uhl ist dem andern sein Nachtigall!« – Sie erhob sich und ging quer durch den Salon in eine andere Ecke, wo vier junge Damen beisammen saßen. Gespräche über Kleider und Schneider waren ihr ein Greul. Hier sprach man über die Badesaison, die Tennispartieen und Blumenkorso in Baden-Baden, Ostende, Nizza. Man versuchte Lotte freundlich ins Gespräch zu verwickeln. Jedoch sie bekannte offen, daß sie mit ihren Reisen nach der Ostsee, Thüringen und dem Harz vorläufig noch nicht mithalten könne und spazierte weiter. Zwei blasiert aussehende, trotz aller Jugend schon abgetanzte Mädchen schwatzten über den vielbestrittenen Ruf einer Schauspielerin der Residenz mit auffallender Sachkenntnis und den richtigen Fachausdrücken. – Im Nebenzimmer wurde heftig über Sudermann, Hauptmann und Tovote gestritten. Eine der Verfechterinnen der naturalistischen Schule bekannte ganz offen ihre Begeisterung für den absoluten Verismus und erzählte dabei gar naiv, daß sie Goethes Faust erst nach ihrer Verheiratung lesen dürfe. »Und halten Sie das denn noch so lange aus? Nehmen Sie sich das Wunderwerk nicht heimlich vor und versuchen, es zu ergründen?« fragte Lotte Bach erstaunt. »Ich werde doch nicht das Vertrauen meiner Mutter mißbrauchen?« gegenfragte die Angeredete moralisch. »Da habe ich ja mein Fett weg!« meinte Lotte ungerührt. »Ich wollte Sie zu nichts Schlechtem verführen. Jedoch ich hörte, wie Sie Tovote und den Katzensteg besprachen. Dürfen Sie diese Bücher denn lesen?« – – »Aber, Fräulein Bach, ich bin zwanzig Jahre alt!« erwiderte die Gefragte errötend und etwas verlegen. »Ich weiß, daß mir die Lektüre nicht schadet! Die Bücher werden aus der Leihbibliothek gesandt, treiben sich tagelang auf allen Tischen herum, und so lese ich sie eben mit. Ich weiß nicht einmal, ob meine Eltern es wissen. Jedoch sie müßten es eigentlich ahnen, so selbstverständlich ist dies doch – – in meinem Alter!« – – »Das kann ich nicht begreifen!« rief Lotte und alle Teufel des Spottes kämpften auf ihrem Gesichte. »Sie fühlen, daß Ihnen solche Lektüre nichts schadet, und Sie greifen nicht zum Faust, sondern – –« – – »Mein Himmel, mit der Klassik sind wir in Schule und Selekta genug getrietzt worden. Schließlich ist man doch ein moderner Mensch – –« – – »Zuweilen sogar ein Gemütsathlet!« rief Lotte und wandte sich einer letzten Gruppe zu. Hier wurde ganz schlicht über bekannte Mitbürger geruddelt, d. h. moquiert. Daran beteiligte sich Bachs Jüngste ein Weilchen, nahm tüchtig Eis, Petits-Fours und Konfekt und verabschiedete sich dann schleunigst.

»Brr!« murmelte sie auf der Straße und setzte in Gedanken ihr Urteil fort. »Das war bitter, steif und langweilig, das ist nichts für meiner Mutter Tochter! Aufgezogene Drahtgestelle, hübsch behangen; aber kein Fleisch und Blut. Da sind wir Wilden doch bessere Menschen!« Sie trabte die Potsdamerstraße entlang und stieß auf die ehemalige Schulfreundin Lene König, die durch gute Verbindungen längst wohlbestallte Telephonistin war. Die beiden Kameradinnen begrüßten sich herzlich. »Na, und was macht er? Seid Ihr einen Schritt weiter?« Lene war mit einem jungen Geistlichen verlobt. Sie lachte etwas bitter: »Da frag' 'mal in acht oder zehn Jahren an. Vorläufig ist mein Bräutigam noch Hauslehrer und bereitet sich auf das letzte Examen vor. Und wenn er das gemacht hat, lieber Vater, bei der Überfüllung in dem Berufe werden noch Jahre vergehen, ehe er eine feste Anstellung kriegt!« sagte Lene seufzend. »Kann denn Dein Onkel nichts für ihn thun, ebenso wie für Dich?« – – »Leider nein, der hat wohl bei meiner Behörde etwas ausrichten können; aber sonst ist er als zu rot bekannt!« – – »Lene, hältst Du es so ruhig aus?« – – »Ich habe doch meinen Beruf, und was soll ich thun? Vielleicht wird Gottfried Missionar, dann gehe ich mit ihm in irgend einen anderen Erdteil!« sagte sie resigniert. – »Heiliger Bimbam, ich danke für Obst und Süd –« fuhr es Lotte heraus; aber sie unterbrach sich selbst und meinte, »Du mußt wohl dafür veranlagt sein, Lene! Aber weiß der Deibel, schade ist es doch um Dich, was warst Du für ein ausgelassener Käber!« – – »Aber, liebe Lotte, Du bist zu sehr Weltkind, um die Größe einer solchen Aufgabe zu begreifen. Gottfried meint immer, es wäre eine Wonne, armen Heidenkindern das christliche Heil zu bringen und ihre Blößen zu decken!« – – »Aber Menschenskinder, Wohlthätigkeit soll daheim beginnen! Vorläufig dächte ich, gäbe es in unserem geliebten Deutschland noch genug Armut und Seelenhunger. Fangt doch erst hier an, zum Donnerwetter! Und zieht hinaus, wenn hier alle satt sind! Deibel noch eins! Aber das ist Geschmacksache, Lene!« – – »Na eben, Lotte, und so etwas Hohes Ideales verstehst Du auch gar nicht!« sagte diese milde. – »Das scheint so, denn ich würde unbedingt erst in Berlin anfangen und nicht bei kleinen schwarzen Rotznasen und Klapperschlangen. Aber über so 'ne Dinge soll man nicht streiten, meint Väterchen. Adieu, olle milde Lene, schade, früher im ›Bund der Seele‹ warste viel netter! Grüß' Deine liebe alte Mama herzlich von der Range!« – – »Adieu, Lotte, empfiehl mich den Deinen!«

Sie eilten in entgegengesetzter Richtung auseinander. Lotte kam mit noch fortdauerndem, inneren Kopfschütteln daheim an. Sie begab sich an das Toilettemachen. Scheltend, wetternd ging das von statten. Die Frisur wollte nicht sitzen. Die unzähligen Kleiderhaken mußten mit mütterlicher Hilfe geduldig geschlossen werden, um den Sitz der Robe nicht zu entstellen. Geduld war aber weder Lottes noch der Frau Geheimrat Bach Sache. So gab es zorniges Hin und Her. Endlich, als die Mutter nach tausend Kleinigkeiten fragte, kam es sogar zu einem herzhaften kleinen Krach. »Du bist von früh auf ein Piesack gewesen!« schalt die Mutter. – – »So, meinst Du?« fragte Lotte. »Als ob Du mich nicht piesacktest mit all den ekelhaften Geschichten!« – – »Wenn ich nicht so hinterher wäre, gingst Du zu Grumburg in Deinem ältesten Kleide und wie ein Ferkel, meine liebe Lotte!« meinte Frau Bach scharf. » Noblesse oblige! Um in einem solchen Hause Stellung zu erlangen, gehört nun einmal die Dir so verhaßte Kleiderfrage dazu!« – – »Ja woll ja, das ist eben der Unsinn! Darum hasse ich den widerwärtigen Plunder! Nicht Kleider machen Leute, sondern umgekehrt wird ein Schuh draus! Du siehst doch, wie sie mich alle einladen! Dabei bin ich doch immer die Einfachste, denn mit den Protzen und ihren Garderoben kann ich ja sowieso nicht mithalten! Darum hasse ich es, in anderen Sphären zu verkehren. Man lernt nur vergleichen und wird unzufrieden. In dem Kreise aber, dem man zugehört, fühlt man sich wohl und wird nicht über die Achsel angesehen! – Ich bin ein so vergnügter Knopp und ein so fideles Element, daß Grumburgs froh sein müssen, wenn ich zu ihnen komme, siehste!« – – »An Selbstschätzung hat es Dir nie gefehlt, liebe Tochter!« – – »Gott sei Dank, nein! Nur Lumpe sind bescheiden! Die bringen es auch zu nichts!« – –

Frau Bach schwieg; aber sie und die andern atmeten erleichtert auf, als Lotte wohlverpackt Abschied nahm: »Sei nur nicht gar zu borstig, sondern ein bißchen liebenswürdig! Du bist heute nicht bei Stimmung!« warnte die Mutter noch an der Wohnungsthür. – –»Oho, ich bin sehr bei Laune, halb Stachelschwein und halb Kratzbürste, nebenbei habe ich Hunger! Aus der Mischung entwickelt sich bei mir immer nach ordentlicher Fütterung die richtige Sektstimmung! Gute Nacht, dicke Wonne, geliebter Piesack!« – – »Amüsier' Dich gut, Karnickel!« – – »Machen wir mit Wonne, sonst sogar Sonntags sehr sauber!« – – Damit entschwand die Balldame. Die Droschke fuhr in die Einfahrt der Villa. Ein Schweizer riß die Thür auf. Ein Diener half Lotte heraussteigen. Etwas herablassend, wenn auch stumm schaute er auf das junge Mädchen. »Na, Männeken, meine zweiter Jüte imponiert Ihnen wohl mächtig? Der Schwung von dem Gaul verkündete Ihnen wohl gleich, daß Besonderes einfuhr? Stimmt auch! Vernehmen Sie, ich bin Lotte Bach, ist das noch nischt?« – – Starr, nicht wissend, ob er lachen dürfte oder nicht, blickte sie der Angeredete an. Dann schaute er auf den Portier, der auch mit sich nicht ganz im reinen war. Inzwischen eilte Lotte fidel treppauf. Sie kam in die Stimmung, die sie selbst ›vergnügt borschtige Teufelei‹ nannte. Ein anderer Diener riß die Glasthüren auf und geleitete sie in die Damengarderobe, wo zwei Frauen bereit standen. – »Hier sind die Überschuhe, Frauchen, ich hatte nichts gegen eine gediegene Verwechslung. Diese sind nämlich ererbt!« – – »Na, ich will sehen, was sich machen läßt!« entgegnete ihre Helferin amüsiert. »Hören Sie mal, Frauchen, hier in der Tasche knistert eine leere Tüte. Lassen Sie sich das nicht wundern! Ich komme nachher und fülle sie mit den Stücken und Knallbonbons, die ich vom Dessert erbeute. Sorgen Sie dafür, bitte, daß man mir meinen Raub nicht im letzten Moment mopst. Ich habe einen Mann und hungernde Kinder zu Haus!« – – Die Garderobiere lachte herzlich: »Haben Sie keine Angst, gnädiges Fräulein, ich werde mir alle Mühe geben!« – – Lotte stand vor dem riesigen dreiteiligen Spiegel, kämmte ihre Haare auf und schaute erst sich und dann die andern Sachen in dem Raum an. Die Kostbarkeit der vielen Abendmäntel und Spitzentücher imponierte ihr. – »Donnerwetter, immer nobel sagt Knobel! Na, ich werde trotz meines seidenen nicht gerade Furore machen!« – – »Aber, gnädiges Fräulein, sind ja so niedlich!« – – »Das ist es ja!« seufzte Lotte. »Niedlich! Reizender Ausdruck für junge Hunde und Kätzchen. Ach was, mir kann keiner!« – – »Ist Ihnen vielleicht etwas Puder oder der Stift gefällig?« fragte die Frau und wies auf den Toilettentisch mit seinen zahlreichen Döschen und Büchschen. – – »Nein, danke für jegliche Schmiererei. Wasser, Seife und gehörig abgerubbelt, das genügt mir!« – – »Das glaube ich wohl bei Ihren frischen Farben!« – – »Na, auf Wiedersehen!« – – »Viel Vergnügen, gnädiges Fräulein! – – – In der steckt doch noch Leben, und die hat Herz für Unsereinen. Die andern lassen sich helfen und gucken einem durch und durch, als ob kein Mensch, sondern Luft um sie wäre!« hörte Lotte noch hinter sich sprechen.

Sie war eine der letzten. Sicher aber bescheiden durcheilte sie die lichtstrahlenden, prunkvollen Salons und begrüßte die Hausfrau mit einer tiefen Verbeugung. Dann mischte sie sich unter die jungen Mädchen und ließ ruhig ihre einfache, aber geschmackvolle Toilette einer vergleichenden Prüfung unterziehen. Sie plauderte mit einer Nachbarin, einem Fräulein Frank und deren liebenswürdigem Bruder Hans, die sie durch eine junge Freundin kennen gelernt hatte. Bald erscholl ihr fröhliches, silbernhelles Lachen und lockte den Hausherrn in ihre Nähe. Der kleine, dicke Herr Grumburg hatte ein besonderes Faible für das lustige Mädchen. »Kommen Sie, Fräulein Lottchen, und schenken Sie mir noch ein paar Minuten. Ich möchte Ihnen gern etwas Neues zeigen! Sie haben so ein urwüchsiges, gesundes Urteil!« – – »Sehr schmeichelhaft, Herr Rat, was ist es denn?« – – »Meine Gemäldegalerie, wie ich Ihnen ja neulich sagte, bin ich jetzt auch unter die Sammler gegangen. Wir hatten einen hübschen Bestand guter Bilder –« – – »Gewiß, Herr Rat, die kannte ich ja alle! Es waren herrliche Sachen!« unterbrach ihn Lotte. Er seufzte: »Ja, das fand ich auch! Nun haben sich jetzt leider, ach nein, ›leider‹ darf ich wohl nicht sagen, also unser Verkehr hat sich etwas geändert. Es verkehren jetzt eine Reihe ganz moderner und ganz junger Maler und Dichter bei uns, die eine völlig neue Zeit verkünden, wie sie meinen! Lauter Genies, lauter neue Leuchten – – –« – – »Na, es werden wohl mehr Streichhölzchen sein!« sagte Lotte trocken. »Aber schadt nischt, wenn es ganz dunkel ist, leuchten die auch ein bißchen!« – – Der Millionär drückte ihren Arm: »Ach, Fräulein Lotte, mit Ihnen kann man doch deutsch reden! Mir fällt ein Stein vom Herzen! Aber leise, leise, damit uns bloß niemand hört! Die andern, besonders meine arme Frau, sind ja alle – –« – – »Etwas mehr oder weniger littiti!« ergänzte Fräulein Bach freundlich. – Grumburg schmunzelte, sich dabei ängstlich umschauend. »Da ist denn auf Rat meiner Frau ein Kunsthändler genommen worden, der meinen zurückgebliebenen Geschmack modernisieren soll. Der Mann schluckt mein schönes Geld, kauft für mich – – – na, Sie werden ja sehen! Kommen Sie nur mal mit! Rin ins Vergnügen, wie der Berliner sagt!«

Sie hielten vor einem länglichen Saal, der Oberlicht hatte und durch elektrische Bogenlampen erhellt war. Kostbare Portieren hielten den Lärm ab. Kleine Springbrunnen plätscherten, Kühlung verbreitend. »Ach, diese Galerie war ja immer mein Ideal in ihrer Vornehmheit!« – – Grumburg seufzte: »Meins früher auch; aber jetzt – – – « – – »Ihr, die Ihr eintretet, lasset jedes Hoffen!« rezitierte Lotte und fuhr auf sein ängstliches: ›Um Gotteswillen, Fräulein Lottchen‹ noch lauter fort: »Ih was, Herr Rat, man nicht so schüchtern. Schließlich berappen Sie doch den ganzen Klimbim. Und wenn keine Käufer sich fänden, würden die sogenannten Herren Künstler aufhören, wahnwitzige Bilder zu malen und verrückte Bücher zu schreiben! Im Gegenteil, ich wünschte, alle Welt wäre hier, dann würde ich wie die ›Rita‹ in dem reizenden Fuldaschen ›Talisman‹, dem Kaiser seine Unterhosen zeigen. Was heißt denn das, Potzwetter? Gesunder Menschenverstand bleibt doch immer und ewig gesunder Menschenverstand! Ich bin ein durch und durch modernes, vernünftiges Mädel! Mir war die graue Atelierschmiere, der Oblatenlack auch keine Wonne; aber das ist doch der helle Wahnsinn und Dalldorfreif – –« sie trat vor ein Riesenbild – »Himmel Donnerwetter, soviel ich mich erinnere, hing doch hier der köstliche Knaus und die beiden Hildebrandts. Und was soll denn jetzt dieser Schmierakel hier? Pfui Deibel, lila Bäume, rotes Wasser, chokoladfarbene, noch dazu total verzeichnete, nackte Weiber, wo giebt's denn das? Und keine Linien, keine Umrisse, eine Schmiere fingerdick an die andere gesetzt! – – – Nehmen Sie mir das nicht übel, Herr Rat, aber dafür Geld 'rauszuschmeißen, das nenne ich – – – doll! Und die Meister zu verbannen, um diesen – – diesen – – Schweinigel – – herzuhängen; pfui, diese Frivolität hätte ich von Ihnen nicht erwartet!« – – Lotte entrüstete sich. Grumburg hopste vergnügt von einem Bein aus das andere und klopfte seinen Magen: »Ganz meine Meinung, Sie Prachtkind!« – – »Na, dann weg mit dem Dreck!« – – »Geht leider nicht!« – – »Na, und was ist denn das? Sind das – – – nee, das ist ja alles verpunktet! Sollen das Menschen oder 'ne Landschaft sein. Der Kerl scheint die Welt durch einen beständigen Hagelschauer zu malen! Und da haben sie die prachtvolle Meyerheimsche Menagerie dort in die dunkle Ecke verbannt?« – – »Ja meine Fran und der Kunst – –« – – »Wie können Sie sich Ihren Geschmack so unterdrücken lassen? Sehen Sie nur her! Hier, der hat einfach seine Palette gegen die Leinewand gepreßt, und hier,« sie lachte laut auf, »hat ja jeder Vogel, außer der Stilisierung noch eine schwarze Umrandung – – – einen Leisten. Gott, dieser Böcklin ist einzig; aber der Meister kann ja seine ruhige Stunde haben, wenn er sich in ›der Gesellschaft weiß‹!« – – »Pscht, Fräulein Lottchen, meine Frau!«

Lotte wandte sich um. Die Kommerzienrätin rauschte mit zwei Herren hinein. Sie grüßte freundlich zu den andern hinüber. Dann blieb sie vor dem Riesenbild, einer paradiesischen Landschaft, stehen: »Ist es nicht herrlich? Diese Farbenglut, diese ergreifende Schwüle. Sehen Sie, junger Meister, hier träume ich stundenlang!« – – »Det Du die Nese ins Jesichte behälst!« murmelte Lotte fidel; aber der Hausherr verharrte in seiner devot zuwartenden Stellung. – – »Nun und Sie, mein liebster Herr, Sie müssen mir ein paar schöne, neue Bilder auftreiben, von Looschen oder Leistikow oder vielleicht von einem ganz jungen Künstler. Mein lieber Gatte und ich, wir fördern gern junge Talente und davon abgesehen, rein pro Domo gesprochen, wir lieben die symbolistisch secessionistisch moderne Richtung!« – Sie schritt plaudernd mit ihren Begleitern von Bild zu Bild. – »Kommen Sie, Herr Rat,« meinte Lotte, »hier gehören wir Ketzer jetzt nicht her! Ihre Frau Gemahlin behauptet das Feld. Na, wenn ich – Sie – wäre! – – Im übrigen würde ich von all den Dingen wie symbolistisch etc., besonders eins bevorzugen, das ist mystisch; aber mit einem ›i‹ geschrieben!« – – »Sie gottloses Mädchen!« lachte er. – »Ja, verehrter Herr Rat, ick gebe es zu: selbstladende Revolverschnauze! Mehr können Sie doch nicht verlangen? – – Dann ganz im Vertrauen, wann wird gespeist?« Wieder seufzte Grumburg: »Ach Himmel, eine Neuerung, die Sie entsetzen wird! Meine liebe Frau liebt das Originelle. Daher werden uns unsere Künstler erst mit einigen deklamatorischen und musikalischen Genüssen – –« »Verfreuen, zerstreuen und aushungern!« – – »Nein, Herzchen, es werden Champagner und Petitfours gereicht. Um halb zwölf wird soupiert!« – – »Gott sei Dank!« – – »Doch nun rufen mich meine Hausherrnpflichten. Ich darf Sie wohl zu den jungen Mädchen führen, Fräulein Lottchen?« – – »Bitte, Herr Rat; aber junge Mädchen giebt es ja bei Ihnen garnicht, die sind alle viel zu gebildet und formensicher. Von denen steche ich zu sehr ab!« – – »Gottlob, mein kleiner, kecker Liebling, hoffentlich noch recht lange!«

Der große Musiksaal war wie zu einem Konzert hergerichtet. Programme wurden verteilt. Lotte nahm in einer Ecke auf den letzten Reihen Platz, wo mehrere junge Damen saßen: »Haben Sie schon bemerkt, Fräulein Bach, den musikalischen Teil füllt Peter Peters wieder ganz aus? Er spielt, seine Lieder und seine Kompositionen für Geige, Klavier und Cello. Unsere Hausfrau drückt ihren Findling mit aller Macht durch. Ein Heer von berühmten Kritikern und Journalisten ist eigens dafür geladen. Es gelingt ihr auch, die ganze grande Monde Berlins hält Peters bereits für den kommenden Mann. Er ist ja auch bedeutend!« – – »Schade nur, daß die andere Welt ihn nicht kennt!« entgegnete Lotte. »Wer ist denn Harry Karsten, der uns seine ›Stimmungen‹ vorführen will?« – – »Sie kennen Karsten nicht, aber ich bitte Sie, den berühmten jungen Dichter! Der gilt für ein Genie in unsern Kreisen!« Die Sprecherin blickte Lotte spöttisch herablassend an. »Aha, ich sehe, wie es Kreisinspektor, Kreisarzt, Kreisrichter giebt, so haben wir es hier mit ›Kreisgenies‹ zu thun! Besten Dank, Fräulein Börn, ich sehe, daß ich heute viel lernen werde!« – – »Nicht wahr, Sie besuchten die Annenschule, Fräulein Bach?« – – »Gewiß!« – – »Sind solche öffentlichen Schulen nicht sehr gemischt und verderblich? Ich bin nur zu Haus unterrichtet worden!« – – »So! Nun, Fräulein Börn, verderblich sind die städtischen höheren Mädchenschulen nur für die Verdorbenen. Vielleicht, daß Sie sich eine Kinderkrankheit mehr holen, das kann sein! Aber sonst kann die Mischung eher nützen. Wir hatten gerade aus den unteren Schichten, unter den Freischülerinnen vorzügliche Mädchen!« – – »Sie sollen sehr ausgelassen gewesen sein?« – – »Sie drücken sich sehr milde aus, ich war eine entsetzliche, beinah verrufene Range! Meine armen Lehrer! Allerdings wußte man mich nicht zu nehmen! Und im großen ganzen war ich besser als mein Ruf!« – – »Wie offen Sie sind?« – – »Mein Himmel, ich habe ehrlich an mir gearbeitet und genau soviel wie andere Musterkinder erreicht. Soll ich da etwa über vergangene Rüpeleien klagen oder mich ihrer schämen, pah, was ich mir dafür koofe – sagt der Berliner!« – – »Hatten Sie nicht eine Freundin Julia von Miller, eine schöne Blondine? Die soll doch mit einem Liebhaber durchgebrannt sein. Ist das wahr?« – – Lotte wurde sehr blaß. Ihr Herz klopfte stark: »Die Sache verhält sich ganz anders! Julia wollte Schauspielerin werden und ergriff die Hilfe eines Vetters, unbesonnener Weise. Die Geschichte ist wieder gräßlich übertrieben! Und im übrigen lassen wir die Sache wohl jetzt fallen?« – – »Bitte, ich wollte Sie nicht verletzen, Fräulein Bach! Aber ganz Berlin spricht davon!« – – »I bewahre, Fräulein Börn! Ganz Berlin hat viel zu viel zu thun, um sich um einen dummen Streich zu kümmern. Das thun nur die unbeschäftigten Klatschliesen! – Im übrigen spricht ›man‹ doch auch nur von den Unglückswürmern, von denen gerade ein Streich herauskommt. Von all den heimlichen Sünderinnen, welche so schlau nach außen hin die Form zu wahren wissen, spricht ›man‹ nicht! Von denen erzählen sich nur die Herren vertraulich und mit Augenzwinkern. Und unter diesen abscheulichen Wesen leiden wir anständigen dann mit. Man kann dann auch unsere Außenseite verkennen! Wenn Sie wüßten, wie mich das schmerzt und entrüstet, Fräulein Börn! Denn in diesen Heimlichthuern liegt eine viel größere Gefahr, als wenn ein dummes, unerfahrenes Ding 'mal danebenhaut, basta!«

Andere kamen hinzu. Das Thema konnte nicht ausgeführt werden. Ein Glockenzeichen ertönte. Die Gäste strömten in den Saal. Das Konzert begann. Lotte saß zuerst in Gedanken versunken. Dann richtete sie sich energisch auf und blickte umher. Das strahlende Bild des höchsten Luxus, die wunderbaren Gewänder, das Schillern der Brillanten und Juwelen, die zarten Parfümdufte entzückten ihre schönheitsdurstigen Augen. Sie konnte sich nicht satt sehen an all dem Schönen! – Weit weniger entzückten sie des blonden Peter Peters Leistungen, die alle über ein angenehmes Durchschnittsmaß nicht hinausgingen. Dennoch saßen zwei sehr bekannte Damen der Berliner Gesellschaft in auffallendster Stellung dicht neben dem Podium und riefen alle paar Minuten laut: »Herrlich! – – – Himmlisch! – – – Das ist doch ganz Schumann! – – – Wie Chopin!« – Sogar Beethovens geheiligter Name wurde herangezogen, um ein niedliches Peterssches Nichtschen zu bezeichnen.

Und nach diesen Ausrufen und Winken der beiden ›Löwinnen‹ richteten sich wenigstens äußerlich die andern. Man applaudierte wie rasend, man raste wirklich. Und mit stolzer Bescheidenheit verneigte sich der junge Musiker. Von Jahr zu Jahr fühlte er sich mehr. Der Beifall dieser Kreise, die guten Diners und Soupers, die Einladungen benebelten seine gesunden Gefühle, lullten allgemach sein Können ein. – Nur einer hörte später Lottes Urteil über ihn: »Ganz niedlich; aber sonst mäßig bewegt!« mit Wonne an. Das war der Kommerzienrat Grumburg. Er rieb sich die Hände und freute sich diebisch über ihre offene Meinung, die so ganz der seinen entsprach. Aber schließlich, was war zu machen? Die ganze Gesellschaft, seine eigene Frau waren gegen ihn. Harry Karsten, der Vielgenannte, Vielangefehdete, betrat das Podium, sank in einen Sessel, fuhr sich durch seine halblangen, schwarzen Dichterlocken, trank etwas Champagner und – – – schwieg. – – Totenstille herrschte ringsum. Ehrfurcht vor dem Genius!! – Dieser schien zu träumen. Sein verlebtes, gelbgrünliches Gesicht, seine berühmten geisterhaft blassen Hände waren regungslos. Plötzlich fuhr er empor. Halb sitzend, halb stehend, sprach er zuerst flüsternd, dann lauter werdend, seine ›Stimmung‹. Die erste hieß: »Ich empfinde Dich!« Er improvisierte heute nur. Lotte paßte wie ein Jagdhund auf, und ihrem vorzüglichen Gedächtnis gelang es, die Dichtungen festzuhalten, die sie später oft rezitierte. Die erste lautete:

»Graue Wand – gelber Himmel – fahler Dunst!
Schmutz'ge Scheibe, roter Diwan, Glüheglut.
Hingeschmiegt ein schwarzes Weib.
Stammerstammernd, Wehe – Wonne, dunkle Triebe.
Kohlenreflexe. – – – Grünblau aufdämmerde Wonne,
Fieberheiße, zitternde Stachel, rot, rot, rot?
– – – – – – – Pause – – – – – – –
Ein Mann niest auf der Straße! Wehe, zerrissen!«

Die tiefe Ergriffenheit hinderte lauten Beifall, den Harry Karsten auch nicht liebte. Er schien benommen und matt. Wieder schwang er sich rasend auf die Armlehne, fuchtelte mit der Rechten. Lotte las schnell: ›Sturmwonne‹ auf dem Programm, dann horchte sie erheitert und gespannt.

»Hei hei hei – – ho ho ho –
Wu – wu, hollo!
Stürme? Graublau giftiges Schwefelgelb!
Sonneverkleidet. – Krach! – Puff!
Klatsch – Braus – Saus! Gutzregenplansch!
Eine Ameise!
Noch eine Ameise! Du armer Vogel!
Ru – Ahu – Ahu!
Blitzwellen zerstieben! Dunkeler Äther
Spieß! Blitz! Vernichtung!
Die Spatzin spatzt!
Die Lerche lercht! – Lindet, Ihre Linden! – –
Eine Kuh hat ein Kalb geboren!«

Ein helles, unaufhaltsames, silbernes Gelächter unterbrach die Stille. Karsten erstarrte auf seinem Sitz zur Niobidengruppe. Alle wandten sich entrüstet nach der Sünderin um. Ihre Nachbarinnen rückten weit von ihr ab; aber es gab kein Halten mehr! Lotte Bach saß und jauchzte vor Vergnügen. Sie zitterte und quietschte in ihr Taschentuch. Erst war man wütend, betroffen, dann lachten einzelne, schließlich mehrere. Zuletzt kreischten verschiedene ganz ungeniert und vergnügt. Dieses quellende Gelächter duldete keinen Widerspruch, es steckte einfach an. – Dem Kommerzienrat rannten die Thränen in den Bart. Er quiekte, als er Lotte den Arm bot und sie hinausführte. An dreißig Personen folgten. Und nebenan schrie Lotte nur: »Ameise – du armer Vogel!« – und »Die Lerche lercht!« Und das Toben begann von neuem!

Fassungslos und bleich stand die Hausfrau zwischen der Thür. Gewandt und klug hatte sie die unselige ›kleine Bach‹ mit einem Nervenzufall entschuldigen wollen! Aber diese ganze Gesellschaft für unzurechnungsfähig hinzustellen, das ging denn doch nicht! So kehrte sie in den Musiksaal zurück. Ihre Stimme zitterte wirklich, als sie den Dichter ›für den unqualifizierbaren, unfaßlichen Vorfall‹ um Entschuldigung bat. Er behauptete, seinen Kopfkrampf zu haben und verschwand. Natürlich, nachdem er vorher seiner einflußreichen ›Gönnerin und Freundin‹ versprochen, wiederzukommen; aber ›nur, wenn sie mit ihm und einigen Auserwählten au coin du feu plaudern‹ wollte. Frau Grumberg hatte allein dreihundert Bände seiner Gedichte gekauft, mit ihr konnte er nicht so leicht brechen. Bei ihr verkehrten alle Tonangebenden der Presse.

Das Programm wurde zu Ende geführt. Noch einige neue Größen gaben aus ihren noch ungedruckten Werken zum besten; aber es war das Richtige nicht mehr. Der halbgeleerte Saal, die nervösen Zuhörer hatten keine Fühlung mehr mit den Vortragenden. Von den Nebengemächern tönten, trotz Portieren und Wänden immer erneute Lachsalven herein. Ein Herr von der Börse und ein bekannter Lustspieldichter überboten sich in geistvollen Parodieen auf die moderne Richtung, das heißt auf ihre Auswüchse!

Endlich vereinigten sich die beleidigten, verstummten Anhänger dieser neuen Schule mit den ›Ketzern‹. Es gab hier und da kleine Reibungen. Auch Lottes Entschuldigung bei der Kommerzienrätin fiel auf steinigen Boden. »Ihre Frau Gemahlin war der reine Eiszapfen, Herr Rat, schade, nun werde ich mir wohl den Zutritt hier verscherzt haben!« klagte Lotte. – – »O nein, Fräulein Lottchen, da seien Sie unbesorgt. – Um meine Galerie habe ich es versäumt, richtig zu kämpfen; aber Sie lasse ich mir nicht nehmen! Sie wissen garnicht, wie segensreich Sie hier mit Ihrem ›Talisman‹ wirken können! Ich merkte es gleich, damals bei Excellenz, wo ich Sie kennen lernte, was Sie mir werden konnten! Sie lasse ich nicht mehr los, kleiner Liebling!«

Grumberg küßte der Errötenden herzlich die Hand. Gerade in dem Augenblick erschien der Assessor von Monthe, um sie zur Tafel zu führen. – Die Wände rollten wie durch Zauberei auseinander. Der fürstliche Speisesaal, an den rechts die Gemäldegalerie, links der Wintergarten grenzte, öffnete sich. Ganze Lauben von Flieder und Maiglöckchen umzogen die Tafel. Die trennenden Glasscheiben zu dem Palmenhaus versanken in den Erdboden. Rauschende Musik erklang. Weiche, blumengeschwängerte, kühle Luft verbreitete sich. – Die Gesellschaft nahm Platz. Lotte war von dem Glanz und Geschmack begeistert. Mit naiver Sehensfreude schaute sie umher und wandte sich erst ziemlich spät ihrem Tischherrn zu. Sie hatte schon oft von seiner diplomatischen Laufbahn, seiner Klugheit und Energie sprechen hören. Jetzt sah sie ihn genauer an. Sein fades, blasiertes Gesicht enttäuschte sie sehr. Er machte auch keine Miene, eine Unterhaltung aufzunehmen. So ergriff sie die Initiative und begann mit ihm zu plaudern. – Halb erstaunt, halb gekränkt betrachtete Monthe die kleine, lustige Person in dem einfachen Seidenkleidchen, die so ungeniert von ihrem Lehrerinberufe sprach – Langsam und flüsternd kamen seine Antworten mit gewisser Herablassung. – Dies reizte und amüsierte Lotte köstlich. Sie ließ nicht ab. Er mußte heran.

»Sagen Sie 'mal, Herr Assessor, tanzen thun Sie wohl nicht?« – – »Wenig, mein gnädiges Fräulein, nur die Pflichttänze mit den Damen der Vorgesetzten!« – »Sehen Sie!« meinte Lotte kopfnickend. »So habe ich Sie auch taxiert!« – – »Soll das ein Kompliment sein oder das Gegenteil davon, meine Gnädigste?« – – »Na, wie Sie es nun auffassen wollen, Herr Assessor!« sagte sie ungeniert. »Aber ich denke mir immer so mein Teil über die Menschen!« – – »So?« erwiderte er gespannter. »Dürfte ich wohl erfahren, was gnädiges Fräulein über mich denken?« – – »Wenn Sie Wahrheit vertragen, gewiß! Ich dachte mir gleich, o weh, der Herr von Monthe paßt nicht zu Dir. Der muß solch blutlose Musterdame haben, so die Gattin oder Tochter eines hohen Vorgesetzten oder eine sehr berühmte Künstlerin. Mit denen giebt er sich allenfalls Mühe! Der ißt wenig und nur Auserlesenes, tanzt nicht, spricht nicht, bleibt im Herrenzimmer oder lehnt sich im Tanzsaal gegen einen Pfeiler. Der gehört zu den zähen Arbeitsmaschinen, die nur in ihrem Berufe und bei dessen Ausübung erwachen, sonst – – na, lassen wir das übrige!« schloß sie. Er hatte ganz amüsiert zugehört. »Das Übrige heißt doch: sonst aber ein langweiliger Geselle ist! Stimmt es so, mein gnädiges Fräulein?« – – Lotte lachte: »Offengesagt, so ähnlich wäre es wohl geworden. Nur, daß ich mir noch heimlich vornahm, den überlasse ich seinem geistreichen Brüten und widme mich dem guten Essen, basta!« – Jetzt lachte der Assessor hell auf. Und von dieser Minute an wurden sie die besten Freunde! Ja, als der Ball begann, flüchteten sie in einen stillen Seiten-Salon und philosophierten und politisierten weiter. Lotte erklärte, daß das Tanzen ganz schön sein könnte, wenn das dumme Gedrehe nicht wäre. Sie hopse wie eine bleierne Ente und sei froh, sich bei ihm belehren zu können.

Das Wunder geschah! Der geistreiche, hochangesehene Assessor von Monthe erklärte der überraschten Hausfrau, wie vorzüglich er sich amüsiere und daß er ihr für diese unterhaltende Tischdame ganz besonders zu danken habe. Ja, er ging noch weiter. Er half Lotte Konfekt stibitzen und trug es mit ihren Blumen und sonstigen Trophäen in die Garderobe. Zu ihrer größten Überraschung fand sie in ihrer Tasche bereits eine Tüte mit auserlesenen Herrlichkeiten vor. – Mit schnellem Instinkt erriet sie den Kommerzienrat sogleich und fand ihre Annahme bestätigt. Er stand im Tanzsaal, als sie sich bei ihm bedankte: »Warum tanzen Sie nun nicht, Fräulein Lottchen?« – – »Ach, erstens ist es doch im Grunde sehr mopsig! Zweitens sehen Sie sich doch Ihre Berliner Herren an! Da stehen sie an den Wänden herum, gähnen oder moquieren sich. Oder sie widmen sich verheirateten, pikanten Damen. Meist aber sitzen sie doch im Rauchzimmer und spielen Karten. Und mit den paar frischen und willigen ›Tanzbeinen‹ lohnt es mir nicht. Die lasse ich gern den tanzlustigen Damen!« – – »Hu, wie Sie übertreiben, Fräulein Lottchen!« scherzte der Rat. – – »Das sind ja nur Spitzen gegen mich, Herr Kommerzienrat, merken Sie das nicht?« fragte Monthe. – – »Oh nein, Herr Assessor, aus Ihnen Paulus habe ich ja Gott sei Dank wieder einen Saulus gemacht. Sie sind jetzt ein brauchbares Mitglied der Gesellschaft geworden!« – – »Und das habe ich Ihnen zu danken, gnädigste Kulturträgerin!« – – »Ja, mich mopsen, das halte ich nicht aus, Herr Assessor, ich schaffe mir stets meine Plaisiervergnügen, wo ich auch bin! Was hatte ich vor heute, – vor der Steifheit für ein Grauen, und nun ist es doch so famos geworden?« – –

»Ja!« meinte Monthe, »das ganze Leben ist ja nur ein Reflex unseres eigenen Temperamentes! Und Sie mit dem Ihren werden stets eine Lebenskünstlerin sein!« – –

»Künstlerin? Ach Unsinn! Pardon, ich meine, es ist keine Kunst, wenn man ein fideler Knopp ist, der sich an allem freuen kann. Ich freue mich an Bouletten und Fasan, an Palme und Eiche, an Wintergemütlichkeit und Sommerlust. Das habe ich von meinen Eltern geerbt und gelernt: Sich freuen mit wenig und sich freuen mit viel! Das Leben und die Menschen sind auch absolut nicht so schlecht, wie alle immer thun!« – »Sie glückliches Menschenkind!« – – »Bin ich auch!« – – »Sie haben sich wohl noch nie gelangweilt, noch nie einen tiefen Schmerz kennen gelernt?« – – »Langweile, nein, die giebt es ja auch gar nicht, Herr Großinquisitor. Dazu bin ich zu satirisch veranlagt. Und wenn ein Satiriker allein auf einer Sandbank hockt, dann macht er eben seine Glossen, zieht seine Vergleiche und amüsiert sich dabei, nur nicht unbeschäftigt darf der Mensch sein!« – – »Haben Sie auch heute Glossen gemacht? Ja? Na, dann bitte, legen Sie mal los!« – –

»I wo wer' ick denn, ich will ja janich! Gedanken sind zollfrei, und dann wissen Sie: ›Wehe, wenn ich losgelassen!‹ Aber eben ›darum‹ und ›deswegen‹ und gerade ›deshalb‹ war es ja famos!«

Und das war die Hauptsache!

 

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