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Die Berliner Range - Neue Bekenntnisse. Band IV.

Ernst Georgy: Die Berliner Range - Neue Bekenntnisse. Band IV. - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Georgy
titleDie Berliner Range - Neue Bekenntnisse. Band IV.
publisherVerlag von Rich. Bong.
yearo.J.
firstpub1900
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140619
projectid518b265b
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5. Kapitel. Ein Theater-Abend und ein Nachmittagsthee.

Als Lotte Bach zu ihrem zwölften Geburtstag von ihrem lieben, guten Vater ein Theaterbillet als Geschenk erhielt, bemächtigte sich des Kindes eine tiefe Enttäuschung. Unschlüssig drehte sie das schmale, braune Pappstückchen mit dem schwarzen Druck in der Hand hin und her. Bald schaute sie darauf nieder und bald auf den Spender, ehe sich ihrem roten Munde ein tiefgefühltes: »Mumpitz! Du willst mich bloß zum besten haben!« entrang. In ihrer kindlichen Phantasie hatte sie sich eingebildet, schon das Billet müsse all die zauberhaften Wunder offenbaren, welche sie sich von der »Reise um die Welt in achtzig Tagen« versprach. Zum mindesten mußte doch dieses ›Sesam‹ zu den abendlichen Herrlichkeiten golden oder silbern sein? Nur schwer hatte sie sich mit der Wirklichkeit abgefunden! Von dem Theaterschweizer, über Logendiener und Garderobenfrau fort, bis zu dem Augenblicke, wo der Vorhang emporrauschte, war für sie stets eine ganze Skala von Empfindungen zu durchleben gewesen. Alles, was mit dem Theater zusammenhing, war für sie ein wonnevolles, geheimnisvolles Rätsel. – Jede Vorstellung hallte in ihr dauernd nach, gab ihrer Phantasie neuen Spielraum. Die Welt der Bretter war ihre Sehnsucht, ihr Traum geblieben durch ihr ganzes Leben!

Ihre Begeisterung für Jucsa Beerbu hatte die Fäden noch fester geknüpft. Zwar hatte sie sich längst mit den einfachen Pappkarten, mit den tausend Schattenseiten, den ›Wenns und Abers‹ des Bühnendaseins abgefunden. Der fremdartige Reiz blieb wirksam, steigerte sich vielleicht sogar noch, wenn sie die geliebte, große Schauspielerin auf der Bühne sah. – Dabei war Lotte durchaus keine kritiklose Natur, die alles hinnahm. Im Gegenteil, ihr entging kein Fehler der Inscenesetzung, kein versprochenes Wort. Mit offenen Augen sah, hörte, und mit ebenso offenem Urteil krittelte sie, wenn ihr etwas nicht paßte. Sie hatte den Mut der Meinung, ohne feige Zurückhaltung, ohne Rechts- und Linksblicken behalten.

Selbstverständlich führte Lotte ihre Freundschaft mit Jucsa meist in das gleiche Theater, dessen Repertoir zum Glück ihrer Jugend entsprach. Sie gehörte zu dem Bestand und war bald mit allen Beamten gut Freund.

»Guten Tag, Herr Pieper! Ist Fräulein Beerbu schon hinten?« Mit dieser Frage begrüßte sie gewöhnlich den als brummig und zurückhaltend bekannten Portier. »Na, früher konnten Sie woll och nich kommen?« gab er zurück und sah erstaunt auf das kecke Mädel, welches sich in dem noch halbverschlossenen Vestibül vor ihm aufstellte. »Nee, teuerstes Pieperchen, früher ging es absolut nich'. Ich komme nämlich direkt vom Kaffee her; aber wenn Roller die Kasse aufmacht, will ich da sein. Sie wissen doch, die unnumerierten Galeriesitzplätze sind bald vergriffen. Wer da zuerst kommt, mahlt zuerst! Und die beiden ollen Schreckschrauben aus dem Stift stehen immer Posten, um mir den besten Platz wegzuschnappen. Kaum reißen sie Roller das Billet aus der Hand, so stürmen sie schon die Treppen in die Höhe und ›Hastenichgesehen!‹ is der Sitz nach der Mitte weg. Ich muß nehmen, was bleibt! Nee, das ist nischt. Daher komme ich jetzt immer schon vor sechs!«

»Wenn Sie sich nich mopsen; mir kann es ja wurscht sind!« – – »Na eben, Pieperchen! Es ist Ihnen aber garnicht wurscht, denn Sie plaudern ja doch sehr gern mit mir!« meinte sie. – »Woher wissen Sie denn det? Fällt mir nich' im Traum ein, 'k hab' meine Arbeit!« – – »Ach, machen Sie mir keine Wippchen vor, alter Freund!« entgegnete Lotte keck. »Ich sehe es Ihnen an Ihrer verkniebelten Nasenspitze an, daß Sie mich gern mögen. Und wenn Sie noch so brummen, ich glaube es Ihnen ja doch nicht! Sie thun bloß immer so unfreundlich! Was is denn nun Ihre große Arbeit? Hier stehen und die Kasse überwachen? Nachher den Leuten aus den Wagen helfen? Nich' wahr? Na, sagen Sie selbst, da ist es doch viel netter, wenn wir ein bißchen schwatzen. Hier schickt Ihnen mein Vater übrigens 'ne Cigarre; aber Primaware, Pieperchen! Rauchen Sie die mit Verstand.«

Das bärtige Gesicht des Mannes verklärte sich etwas. Er kannte und schätzte die Marke des Geheimrats. ›Der Ziehjarn‹ verschwand in seiner Tasche. Lotte war ihrer Sache sicher. Piepers Älteste würde für sie zur Galerie hinaufrasen und den besten Platz belegen, bis sie das Backfischchen ablöste und mit einem Sechser oder etwas Obst und Konfekt belohnte. – – Sie konnte sich dann an den Eingang der Schauspieler zu ihren Garderoben stellen, der Jucsa guten Tag sagen und sich dann den Bühnenarbeitern und den interessanten Hinterräumen widmen.

»Also meine Beerbu ist noch nicht da?« – – »Nee, die kommt doch immer erst nach halb! Und dann wären doch die anneren Schwarmjeister schon da!« sagte Pieper, über seinen geistvollen Ausdruck lachend. Mit ›Schwarmgeister‹ bezeichnete er die Jünglinge und Jungfrauen, welche die Stars seiner Bühne beim Kommen und Gehen ehrfurchtsvoll erwarteten. – »Na, die beiden Primaner stehen sicher schon hinter dem Zaun!« – – »Kann sind, die sein noch varrikter als Sie!« lautete die entgegenkommende Antwort, der Lotte unbeleidigt lauschte. »Wer ist denn schon hinten von den Künstlern?« – – »Nur die Lorch-Glaue und der Wasberg und der Regisseur!« – – »Nanu, die Glaue ist da. Was will die denn so früh?« – – »Die braucht heute lange mits Schminken. Ihr Mann hat ihr wieder die Theekanne nach 'n Kopp geworfen und da muß se so lange de blauen Flecke von ihrer rechten Backe wegtuschen!« sagte der Portier giftig. – »Muß ein angenehmes Männchen sein, der Lorch!« rief Lotte. »Dabei hatte er neulich wieder scheußlich gespielt. Er überschreit sich immer!« – – »Der Mann hat keene Ahnung von Kunst,« bestätigte Pieper. »Ick wundere mir, daß der Direktor ihn hält!« – – »Was macht denn der Olle? Krakehlt er wieder?« – – »Ob nicht, da is 's Ende von wech, was der Mann nerveees ist! Immer kriegt Roller seine Schimpfe, als ob der schuld wäre, wenn das Haus nich' vollgenug wäre!« – – »Ob der Torfenberg die Strehla heiratet?« forschte Lotte, die für ihr Leben gern die Kehrseite der Medaille erfuhr und deshalb mit den kleinen Beamten auch den Verkehr aufrecht erhielt.

Sie plauderte noch eine ganze Weile mit Pieper, der ihr trotz seiner Menschenfeindlichkeit auf die Dauer nicht widerstehen konnte. Plötzlich sprang sie von den Stufen auf, die ihr als Sitzgelegenheit gedient hatten. »Natürlich, in sechs Minuten erst wird die Kasse aufgemacht, und da kommen die beiden Giftnudeln schon an. Ihre Male ist doch in der Nähe?« – – »Die steht schon bei Frau Wollmus und wartet. Punkt halb is se da!« – – »Na denn los!« rief Fräulein Bach und stellte sich direkt vor das Schiebefenster der Kasse. Mit spitzbübischem Ausdruck beobachtete sie die Gesichter der beiden Damen, welche in das halbdunkele Vestibül des Hauses tretend gewahrten, daß schon ein anderer vor ihnen da war. Als sie in diesem anderen gar noch ihre alte Rivalin Lotte Bach erkannten, war ihr Ärger um so größer. Es half ihnen nichts! Sie mußten sich etwas seitlich nach hinten aufstellen.

»Guten Abend, meine Damen!« rief Lotte höflich und liebenswürdig. Trotzdem die Antwort nicht gerade sehr ermutigend zurückklang, sagte sie ungeniert: »Wir scheinen den gleichen Geschmack zu haben, denn wir treffen uns merkwürdiger Weise fast stets bei den gleichen Stücken. Kommen Sie vielleicht auch, um die Beerbu in der neueinstudierten Rolle zu sehen?«

»Oh nein, wir kommen, um den ›Uriel Akosta‹ zu hören!« erwiderte die eine scharf. Ihre Schwester fragte: »Wer ist die junge Dame, kennst Du sie, Mariechen?« – – »Nein, Adelchen, das ist das Fräulein, welches immer so sehr begeistert Bravo ruft und in die Hände klatscht, so laut schluchzt und so fröhlich lacht, daß man kaum die Worte auf der Bühne versteht!« sagte Mariechen sehr nachdrücklich und schielte wütend zu Lotte hin. Diese blieb ungerührt. ›Na warte, die Spitze bekommt Ihr wieder!‹ dachte sie und sagte: »Ja, meine Damen, wenn ich ein bißchen lebhaft bin, so müssen Sie das schon in den Kauf nehmen! Das ist Enthusiasmus der Jugend. Vor langen Jahren waren Sie sicher auch so, nicht wahr?«

Die beiden ältlichen Geschöpfe hatten noch nicht die Würde ihrer Jahre gefunden. Anstatt durch mildes Lächeln Lottes niederträchtiger Bemerkung die Spitze abzubrechen, zuckten sie zusammen und schwiegen beleidigt. – Zum Glück zog der Kassierer in diesem Augenblick das Fenster auf: »Guten Abend, Fräulein Bach! Nicht wahr, Sie befehlen wieder Königsloge?« fragte er neckend. »Gewiß, Herr Roller, bitte für siebeneinhalb das gewohnte Fauteuil. Ich bin sehr weitsichtig und sitze daher gern in einer gewissen Entfernung!« – »Natürlich, ich weiß, ich weiß!« lachte er. »Bitte, hier!«

Er reichte dem jungen Mädchen das Billet und nickte ihr zu. Sie eilte zum Aufgang vom Amphitheater und übergab Piepers Male den Schein. Das Kind jagte treppauf, um den Platz zu belegen und zu halten, bis Lotte kam. »Gestatten Sie eine Frage, Herr Kassierer?« meinte Lottes Feindin, »ist es eigentlich erlaubt, Plätze von fremden Personen belegen zu lassen?« – – Roller blinzelte der erblassenden Lotte beruhigend zu. »Gewiß nicht, meine Gnädige! Jedoch Fräulein Bach steht in so enger Beziehung zur Direktion, daß mit ihr eine Ausnahme gemacht wird!« – – »So, das ist eigentlich mehr als merkwürdig und sollte nicht gestattet sein!« sagte die eine spitz. Roller zuckte gleichmütig die Schultern. »Wenn ich mit der Direktion in Beziehung stände, suchte ich mir auch einen andern Platz aus!« flüsterte die zweite sehr hörbar.

Lotte hatte befreit aufgeatmet: »Oh, das könnte ich auch, meine Dame; aber ich liebe die Logen in ihrer Einsamkeit nicht, sondern mische mich gern unter das große Publikum. Ich schreibe nämlich ein Werk: ›Über die Liebenswürdigkeit von Deutschlands Frauen‹. Da mache ich meine Studien aus nächster Nähe!« – Sie verneigte sich, nickte dem das Lachen verbeißenden Roller zu und verschwand. – Draußen wartete sie mit vielen Gesinnungsgenossen auf die gefeierte Jucsa. Beglückt empfing sie den von dieser nur ihr gegebenen herzlichen Kuß, sah mit schnellem Blick die Wirkung auf die weniger ausgezeichneten. Dann eilte sie durch einen Seitenweg und stattete ein paar Freunden: dem Requisitenmeister und einigen Arbeitern, kurze Besuche ab. Sie nahm die für den ersten Akt hergerichtete Bühne in Augenschein und verduftete heimlich und schleunigst durch eine Soffite, als der gestrenge Direktor und sein Oberregisseur auf der andern Seite erschienen.

Bei Beginn der Vorstellung saß sie erwartungsvoll hoch oben auf ihrem Platze. Sie litt, jubelte; schluchzte und jauchzte mit den Darstellern, zerklatschte begeistert beinah ihre Handschuhe, brüllte unbekümmert die Namen ihrer Lieblingskünstler und schlich endlich mit dickverheulten Augen zur Pferdebahn. Auf dem Hinterperron stehend, blickte sie in die Dunkelheit hinein. Die Wirkung des Stückes lastete wieder unabgeschwächt auf ihrem eigenen starken Temperament.

»Frau Luise Hauf – at home: jeden Freitag von fünf bis acht Uhr.« Diese Karte war Lotte Bach mit einigen liebenswürdigen Worten zugegangen, als sie bei Huttens die Bekanntschaft der Frau Hauf gemacht hatte. Die alte, sehr kluge und freimütige Dame hatte an der jungen, ebenso offenherzigen Gefallen gefunden und sie eingeladen, ihren bekannten Wochenempfängen doch recht häufig beizuwohnen. – Da Lotte eine solche Massenansammlung von Gästen in einer Privatfamilie, gerade in den Nachmittagstunden, nur von Geburtstagen her kannte, verband sie eine ganz bestimmte Vorstellung damit. Ohne ›Kaffee, Kuchen, Schlagsahne, Torten und Wein, womöglich Obst‹ würde es in einer so wohlhabenden Familie kaum abgehen! Nebenbei die vielen Künstler, die interessanten Leute, welche sich zu solch einem Jourfix drängten! – – Die Sache war hoch interessant! – Lotte putzte sich, frisierte sich zweimal am Tage. Alles Anzeichen einer inneren Erregung. Denn ans Toilettemachen und »Aufdonnern«, wie sie sagte, ging sie nur sehr ungern!

Um dreiviertel fünf Uhr wanderte Fräulein Bach schon in der Straße vor dem Hause auf und ab und blickte ehrfurchtsvoll auf die lange Reihe bereits hell erleuchteter Fenster. Zwei Equipagen hielten vor der Thür. Damen entstiegen ihnen und eilten die Vortreppe hinauf. »Das muß ja furchtbar nobel sein!« erwog Lotte und musterte in Gedanken ängstlich ihr hellblaues Cheviotkleid. Ein Konditorjunge verließ das Haus mit zwei Körben. »Aha, die Torten!« schmunzelte die Harrende. Sie wollte nicht so pünktlich sein. Das war nicht vornehm, wenn man nicht gerade zum Diner oder Souper geladen war! So beherrschte sie ihre wachsende Ungeduld bis einviertel auf sechs Uhr. Länger hielt sie es nicht mehr aus, sondern eilte die Stufen empor, als würde sie verfolgt. Atemlos mußte sie vor der Korridorthür pausieren. Sie horchte. Drinnen wurde gesprochen. Schritte erklangen.

»Wenn die Limonade nicht reicht, so verdünnen Sie dieselbe ordentlich mit Wasser, Emma! Bei der Hitze und in dem Trubel merkt es doch keiner. Wer nach sieben kommt, dem brauchen Sie keinen Thee mehr anzubieten. Verstanden?« – – »Sehr wohl, gnädige Frau!« – – Lotte schüttelte den Kopf. Sie zögerte, bis drinnen alles still wurde. Dann klingelte sie. – Eine kleine Weile. Endlich öffnete ein Mädchen in hellrosa mit einem weißen Häubchen auf dem Kopfe. Erstaunt blickte sie Fräulein Bach an, die ganz blaugefroren war. Sie half ihr beim Ablegen des Mantels und Kopftuches und hängte die Sachen an den Riegel. – Vorläufig war ihre Garderobe in dem ziemlich langen Korridore noch die einzige. Sie vermutete daher, daß die ganz besonders eleganten Sachen wahrscheinlich schonender Weise in irgend einem Nebenraum aufbewahrt wurden. – Hastig glättete Lotte noch vor dem Spiegel ihre Haare, beäugte sich prüfend und schritt in den Salon, dessen Thür das Mädchen öffnete.

Sie trat in ein großes Gemach, an das sich rechts und links je ein anderes anschloß. Alle drei schienen ihren ursprünglichen Charakter verändert zu haben. Sie waren sichtlich für den »Freitags Empfang« hergerichtet. Zum Beispiel waren in diesem Zimmer die Teppiche entfernt und Rohrstühle an den Wänden aufgepflanzt. Ein großer Konzertflügel, ein Harmonium und zwei Notenständer erweckten in Lotte ein dumpfes Unbehagen. – – – Wo aber waren die Wirte – – die Gäste? –

Aus einiger Entfernung ertönten Stimmen. Sie spitzte die Ohren und erkannte wieder das helle Organ der Hausfrau: »Also thu' mir den Gefallen, Jean, und halte Dich etwas zurück! Sprich auch nicht bei den Gesangs- oder musikalischen Vorträgen! – – – Ja, ja, ich kenne dich! – – – Das ›junge Gemüse‹ bleibt im Theezimmer. Dort kann es schwatzen und flirten nach Herzenslust!« – – – ›Also darin, na, los!‹ simulierte die Lauschende und schielte in das Nebenzimmer, wo eine gedeckte Tafel und zwei Theemaschinen standen. – – »Hör' mal, lieber Jean, Deine Cousine Thekla kommt mir nicht in den Musiksaal, wo die Stars sitzen. Das Scheusal bildet sich sonst noch etwas ein. Also arrangiere das, bitte! Und dann sieh, daß Olga ihr Gedichte vorträgt. Wenn sie sich ziert, sage, ich wünschte es! Wozu hat man eine begabte Tochter? Auch Gert soll singen und seine Aphorismen rezitieren. Die Verwandtschaft ärgert sich, wenn unsere Kinder sich so auszeichnen! Mein ästhetischer Jour ist ihnen ein Dorn im Auge. Hoffentlich wird es recht voll! Jean, Jean! – – – – – Die Mädchen sollen die Kommenden zählen! Wenn es wieder über siebzig sind, gehe ich morgen extra zu Julie und erzähle es ihr. Sie teilt mir auch stets Spitzen aus!« – –

Es wurde still. ›Wenn es lange dauert, warte ich noch ein Weilchen!‹ meinte Lotte und setzte sich entschlossen nieder. ›Eröffnen wir den Jour, Lotte Bach, wenn wir junges Gemüse auch nachher ins Theezimmer verbannt werden! Wo sind nur die Equipagen-Damen geblieben? Und die Torten? Na, die werden später herumgereicht!‹ tröstete sie sich. – Nach einigen Minuten wurde die Thür aufgerissen. Frau Hauf erschien in einem schwarzen Sammetkleide. Ihr schönes, altes Gesicht war sehr erhitzt. Die Hände befeuchtend, glättete sie wiederholt die schon ganz glatten Scheitel. – Schnell kam sie auf Lotte zu, die sich zu einer tiefen Verbeugung erhob. Ihre scharfen, blauen Augen schauten den Gast durchdringend an. Mit leichtem Lispeln sagte sie:

»Guten Abend, mein liebes Fräulein! Das ist ja sehr nett, daß Sie gekommen sind. Heute wird der Jour sehr interessant. Ich vermute auch sehr voll! Außer meinen gewohnten Künstlern, kommt eine sehr berühmte Sängerin aus Wien. Ferner zwei Professoren aus Budapest, die Konzerte geben. Sehr bekannte Leute, wahre Genies. Man nennt den einen in Österreich: den jungen Liszt! Inhaber vieler Medaillen! Auch Maler werden Sie ken – – – –« Plötzlich hielt sie inne, blickte Lotte lächelnd an und fragte mit dem ihr eigenen angenehmen Freimut: »Wo hatte ich doch das Vergnügen, Sie gesehen zu haben? Nicht wahr, bei Seffbergs?« – – – »Pardon, gnädige Frau, bei Herrn Doktor Hutten!« – – – »Hutten – – – Hutten? Ach ja, natürlich Doktor Hutten! Jetzt bin ich vollständig im Geleise! Selbstverständlich, Sie sind doch die junge Sängerin: Fräulein Wunsch?« – – – »Ich muß leider bekennen, daß ich nur die ›Wacht am Rhein‹ wirklich rein singe! Mein Name –« – – »Bitte, lassen Sie, Kind! Ich weiß, weiß – – – mein Gedächtnis ist schrecklich! – – – Fräulein Berg!« – – »Nein, Bach, gnädige Frau!« – – »Sehen Sie, Berg – – Bach – – – Barth – – – so etwas war es! Ich warte auf eine Depesche, bin etwas nervös! Ich habe nämlich an die beiden ungarischen Phänomene der Sicherheit wegen noch einmal telegra – – – Da klingelt es!« – Sie zuckte zusammen. – »Das sind Gäste! So früh kommen meine Freundinnen aus dem Haus hier, oben in der zweiten E – – – Richtig, da seid Ihr ja! Guten Abend, Dorchen! Guten Abend, Hedelchen! Gestattet, daß ich Euch einen lieben jungen Gast, der zum erstenmal hier ist, vorstelle: Meine Freundinnen Frau und Fräulein Ressel – – – Fräulein Barth, eine talentvolle Sängerin! – – Guten Abend, Frau Rat!«

Damit stürzte sie neuen eintretenden Gästen entgegen, die jetzt scharenweise herbeikamen. Die zuerst gekommenen Damen Ressel, zwei selten liebenswürdige Wesen, unterhielten sich mit Lotte sofort auf das Herzlichste. Diese hatte alle Mühe, erst einmal ihre Personalien sicherzustellen. Frau Nessel lachte. »Ja,« meinte sie in ihrem etwas hamburgisch gefärbten Dialekt, »meine liebe Louise ist immer ein büschen fahrig! Wenn der Empfangstag ist, igitigit igit, was stellt die Frau da bloß all auf!« – – »Sehen Sie, Fräulein Bach, das sind zwei Schriftstellerinnen, die beiden da. Sie sitzen stets auf dem Sofa. Der Platz heißt daher schon die ›Rauchecke‹ – Jetzt kommt – Tante, Tante, das ist doch Frau Kewiczs, die Schülerin von der Marchesi? Ja?! Dort steht Gert und Olga, die werden Sie nachher sehen, vielmehr hören. Na, Olgachen, was macht Friedchen?«

Lotte schaute in die sich immer mehr füllenden Räume. In der Mehrzahl war die Damenwelt aller Altersstufen. Von der würdigen Matrone bis herunter zu ein paar niedlichen Backfischen, die in einer entfernten Ecke kicherten und schwatzten. – Das männliche Geschlecht war nur sehr spärlich vertreten. Einige Tapergreise, zwei Väter junger Künstlerkinder, eine Uniform, junge kraftgenialische Musiker, Maler, Dichter. Ein paar Vettern aus der Jura und Medizin, und wenige mitgeschleifte Gatten, die neugierig in das Gewoge des Jours lugten. – Im Nebenzimmer, welches die Wirtin dem ›jungen Gemüse‹ zugewiesen, wurde von jungen Mädchen und den Herren der Alma Mater oder ihr gerade entsprungen, ein starkes Flirten in Scene gesetzt. – Zwischen durch wanden sich geschickt die Dienstboten und reichten Thee herum.

Auch Lotte Bach ergatterte eine Tasse und den ihr angenehmen Zucker. Betrübt blickte sie auf die über die Tische verteilten silbernen Schalen mit Cakes und winzigen Schnitten von Weißbrot und Pumpernickel, zwischen die Butter und schmierbarer Käse (Hannoveraner Nationalgericht) gestrichen war. – Sie konnte an keinen dieser Körbe heran und wagte als Neuling nicht, sich zu erheben. So schlürfte sie, sehr enttäuscht, das kochende Gebräu. Um so mehr erschrak sie, als ihr plötzlich ein gefüllter Cakeskorb unter die Nase gehalten wurde. Hastig blickte sie auf: »Ernst Georgy, haste Worte?« rief sie vergnügt. »In leibhaftiger Engelsgestalt, Lotte, nun heißt es, das Unvermeidliche mit Würde tragen! Platz gemacht, hier muß ich auch noch her und meine Hedel Ressel. Wir arrangieren eine Rudelecke, bis Frau Hauf uns alle drei 'rausschmeißt!« – »Nee, Ernst, ich bin zum erstenmale hier und 'rauswerfen laß ich mich nicht!« – »Unsinn, man keinen faulen Zauber und Etigkeit, Lotte! Wer hier bei den Vorträgen lacht, spricht oder hustet, wird von der Jourmama anstandslos in die Nebenräume gesandt, da nutzt nicht Alter und Verstand!« – »Natürlich, er muß 'raus aus dem Lokal!« bestätigte Fräulein Steffel, die herbeigeeilt war.

»Na bitte, Lotte, langen Sie zu! Wie lange soll ich den Futterkorb noch halten?« ermunterte Georgy. – Das junge Mädchen nahm drei kleine Cakes. – »Tüchtig; ehe die andern zugreifen. Wenn die Meute erst auf die Aufwartung losgelassen ist, bleiben bloß noch die Respektkakes liegen!« sagte die Zuschauende. – »Was sind denn ›Respektkakes‹« fragte Lotte amüsiert.

»O heilige Einfalt!« spottete Georgy. »Man sieht, daß Sie auf die Berliner Fünfuhrthees noch nicht geaicht sind, sonst würden Sie nicht so naiv fragen! Überall auf jeden Fall giebt es Cakes. Die unterste Lage in allen Schüsseln sind immer diejenigen, welche so trocken sind, daß keiner sich heranwagt. Diese bleiben daher übrig und werden unter den Neuanschaffungen als Füller oder Dekoration wieder mit arrangiert. So spricht man auch von ›Saisonkakes oder Theekuchen‹, die halten nur ein Semester. Es soll aber auch ›Generationskakes‹ geben. Natürlich nimmt die kein Wissender aus Respekt vor ihrer Würde! Und das Meisterwerk des augentäuschenden Arrangements der Aufwartung fällt in jeglichem Hause der ältesten Tochter zu. Und das wußten Sie nicht? Pinsel!« – – »Oho, Inscenesetzung angejahrter lukullischer Genüsse versteht unsere Kläre auch!« – – »Na also!« – – »Ich verkolkse mir aber nicht den Magen, sondern warte lieber auf die Torten!« widersprach Lotte. »Auf was?« rief Fräulein Nessel und beugte sich vor, als ob sie nicht recht höre. – – »Torten? Sie leiden wohl an Hallucinationen?« meinte der Schriftsteller.– – »Nein, denn ich sah den Konditorjungen!« – – »Ach so! Nein, liebes Fräulein, der ging wohl zu Generals in der dritten Etage, da ist Geburtstag!« – – »Sooo!« dehnte die Belehrte. – – »Torten giebt es nur am letzten Jour bei Haufs. Der ist aber auch immer am vollsten!« – – »Sooo!« – – »Hier wird Gesang, Poesie und Geist aufgewartet. Aha, es geht schon los! Heute kommen die Professoren als Dessert! –«

»Pscht – – Pßt – – Pst! Ein Vortrag! Pscht! Setzen! Setzen!« erscholl es. Die Hausfrau erhob sich und schwang eine Glocke: »Bitte nehmen Sie Platz, meine Herrschaften! Auf allgemeines Bitten – – das Ave Maria für Harmonium, Geige und Klavier. Frau Jewicz übernimmt die Gesangspartie! Bitte!« verkündete Frau Hauf.

Vereinzelte Zurufe der Begeisterung. Meist indifferente, einige lange Gesichter. »Schnell ins Nebenzimmer!« rief Fräulein Ressel. »Schade, wir hätten einen Kranz bestellen sollen, um das Jubiläum zu feiern: Funfzigste Aufführung des Ave Maria. Besser in diesem Falle: Au weh, Maria! genannt!« flüsterte Georgy boshaft. – Ehe Lotte zur Besinnung kam, saß sie mit den beiden Verschworenen in einem Erker des Nebenzimmers, wo die Laute der Musik nur sehr gedämpft herüberklangen. – Ein Wall von zuhörenden Menschen verbarrikadierte die Thür, und hinter dieser Mauer ging es vergnügt her. Man schwatzte, lachte verhalten, plünderte die Schüsseln und ließ die Rufe: »Ruhe dahinten« ziemlich unbeachtet.

Von diesem Momente ab war Zug in die Vorträge gekommen. Die Gäste kamen kaum mehr zur Besinnung. Alle fünf Minuten nach einer Leistung erklang die Glocke. Erst produzierten sich die Wunderkinder auf Flügel und Geige. Eins trug gut gemeinte und schlecht nachempfundene eigene Dichtungen vor. – Sopran und Altstimmen – Recitationen von klassischen und modernen Dingen wechselten in beschaulich gedrängter Folge. – Das Herumreichen von Selter und selbst bereiteter Limonade brachte endlich eine kleine Pause. Alles trank, denn es war sehr heiß geworden! Lotte und ihr Freund Georgy mit Fräulein Ressel saßen längst wieder im Salon und versperrten die Thüre nach dem Korridor.

Plötzlich schlug draußen anhaltend die elektrische Glocke an. Gleich darauf stürzte das Hausmädchen zu der Wirtin und überreichte ihr auf einem silbernen Tablett zwei Visitenkarten. Frau Hauf erstrahlte und richtete sich triumphierend auf. Sie nickte den im Kreise Sitzenden zu: »Sie sind es!« Damit erhob sie sich, um den kommenden Größen gebührend entgegenzugeben.

Mit Wucht wurde die Thür aufgedrückt, so daß Lotte fast von ihrem Stuhl gedrängt, hastig aufspringen mußte. Sie hielt sich an der Klinke noch fest und blickte starr vor Staunen und Entsetzen auf die Eintretenden. So hatte sich ihre kühne Phantasie zwei berühmte Musikgrößen und bekannte Professoren denn doch nicht vorgestellt. Auch auf die übrigen Gäste war die Wirkung frappierend. – – Hinein schritten, nein stelzten zwei bartlose, noch sehr knabenhafte Jünglinge. Der Eine ein schmaler lang aufgeschossener Mensch mit Formen, die wie aus Holz geschnitzt waren. Das Mächtigste an ihm waren ungeheure Manschetten und ein riesiger Vatermörder, über dem ein winziger Kopf schwebte. Vorwiegend in dem Gesichtchen waren die runden Brillengläser und eine ans Fabelhafte grenzende Tolle. – Hinter ihm in sich zusammengeknickt ein Menschlein, dessen äußere Erscheinung Lotte Bach treffend charakterisierte, als sie ihrer Nachbarin zuraunte: »Wie ein Moccatäßchen mit Milchkaffee!«

Beide knickten vor Frau Hauf in eine automatische Verbeugung ein. Sie reichte ihnen strahlend beide Hände, vergaß im Momente natürlich ihre Namen und begrüßte sie in der Eile mit den ihr einfallenden, unglaublichen ähnlichklingenden. Unter diesen stellte sie die Herren auch der Gesellschaft vor. – »Meine Herrschaften, ich gestatte mir, Ihnen Herrn Professor Biberini und Herrn Professor Barbarossa vorzustellen. Beide Herren haben mir in liebenswürdigster Weise versprochen, uns heute mit ihren Vorträgen zu erfreuen!« – – Alsdann stockte sie, wußte nicht, was sie mit den beiden anfangen sollte und sah sich hilflos um. Ihr Blick fiel auf Georgy. Sie atmete erleichtert auf, packte die beiden Verdutzten an den Händen und führte sie zu dem ebenso verdutzt dastehenden Georgy.

»Hier, der Schriftsteller: Herr Georgy. Verfasser der – Erlöserin? Sie wissen doch schon! Der Herr spricht perfekt ungarisch und wird sich Ihrer annehmen!«

Lotte Bach platzte vor Lachen. Auch andere griffen zu den Taschentüchern. Denn die Hausfrau hatte ihres Freundes russische Studien mit der edlen Magyarensprache verwechselt. Dieser sagte denn auch gleichfalls lachend: »Ich stelle mich den Herren gern zur Verfügung. Allerdings finde ich es auf ungarisch noch nicht weiter als bis zu › Teremtete‹ gebracht!« – – So ödete man sich noch ein Weilchen mit den Fremden herum, die bocksteif und ganz verstört erschienen. Schließlich schleppte die ›Jourmutter‹ sie an den Flügel und die Geige.

Na, und nun begann mit zwar blendender Technik eine wahre Höllenmusik. Frau Haufs Antlitz wurde immer länger, denn der Professor griff in die Tasten ihres schon sehr gebrechlichen Instrumentes, als wollte er es totschlagen und ihm noch heute den Garaus machen. – Aber es gab Leute, die auch diese Kraftleistung bewunderten. Besonders, da die Künstler aus der Fremde kamen, und einen exotischen Nimbus mit sich brachten.

Jedenfalls waren sie der Glanzpunkt des Abends. Nach ihrem Spiel flaute der Jour langsam ab. Jedoch je leerer die Räume wurden, je gemütlicher wurde es auch! Lotte fühlte sich ganz heimisch. Nur ihr Magen bellte. – Zum Schluß verteilte Frau Hauf Billete zu diversen Vortragsabenden und Konzerten, – ›Ihre Künstler‹ sandten ihrer liebenswürdigen Protektorin immer ganze Stöße. Und die gütige Frau mußte damit bei wohlhabenden Freunden hausieren gehen oder sie selbst bezahlen, wenn sie keine Abnehmer fand.

Lotte war obenauf. Sie befreundete sich mit allen, besonders mit dem prächtigen alten Herrn Hauf.

Am nächsten Morgen traf sie Lotte Bach auf der Straße. Sie erkannte das junge Mädchen sogleich: »Guten Tag, liebes Fräulein Barth! Nun, wie hat Ihnen der gestrige Jour gefallen? Leider war es sehr voll und schon genügend Vorträge vorgemerkt. Wir konnten Sie nicht bitten, ein kleines Liedchen einzulegen. Aber das nächste Mal sollen Sie bestimmt mehrere Sachen singen! Verlassen Sie sich auf mich! Junge Talente müssen gehört werden und die angeborene Schüchternheit verlieren!«

Lotte mußte sie erst wieder über sich aufklären. Dann wurde sie nach den beiden Professoren befragt und hielt mit ihrem Urteil nicht hinter dem Berge. »Ja, Sie haben recht!« entgegnete Frau Hauf kleinlaut. »Es war nicht soviel an ihnen dran. Sie sollen auch erst siebzehn und zwanzig Jahre alt sein. Dafür haben sie mir zwei Tasten beschädigt und heute noch obendrein fünfundzwanzig Billete à vier Mark geschickt, mit der Bitte, sie bis übermorgen unterzubringen! Damit ihr Konzert recht besucht ist – – – nämlich!« – – »Und was werden Sie thun, gnädige Frau?« – – »Sechs Billete habe ich behalten und ihnen die übrigen gleich mit dem Gelde zugesandt! Das war denn doch etwas zu viel des Guten!«

»Na ob nicht! Was zu doll ist, ist zu doll! Das ist der unangenehme Teil Ihrer Jourfix mit Kunstprotektion, gnädige Frau!« entgegnete Lotte sinnend. »Gewiß, Fräulein Barth – pardon Bach, aber ich teile wenigstens diese üble Wirkung meiner Empfänge mit all denen, die sich ähnliche Veranstaltungen eingerichtet haben. Umsonst ist der Tod! Zeit, Mühe und Geld darf in Berlin nicht gespart werden, wenn man viele Menschen in sein Haus ziehen will! – – – Also es hat Ihnen gefallen, und Sie werden wiederkommen?« – – »Na aber – – – sicher! Mach' ich mit Wonne, gnädige Frau!«

»Das freut mich sehr! Adieu, Fräuleinchen!«

»Auf Wiedersehen, gnädige Frau!«

 

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