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Die Berliner Range - Neue Bekenntnisse. Band IV.

Ernst Georgy: Die Berliner Range - Neue Bekenntnisse. Band IV. - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Georgy
titleDie Berliner Range - Neue Bekenntnisse. Band IV.
publisherVerlag von Rich. Bong.
yearo.J.
firstpub1900
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140619
projectid518b265b
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4. Kapitel. Lotte Bachs Kemenate.

»Himmel, wer das Strümpfestopfen erfunden hat, den möchte ich mal unter meine Finger kriegen! Der kriegte sein Teil; aber nich' zu knapp!« ächzte Lotte Bach und tauchte mit beiden Händen in den kleinen Waschkorb, die dort aufgestapelten, schadhaften Fußbekleidungen durcheinander werfend.

»Na, so schlimm wie Du es machst, ist es nun wirklich nicht!« entgegnete Gretchen Thronik phlegmatisch. »Es plaudert sich ganz gut beim Stopfen!« – – »Eigenartiger Geschmack von Dir! Weißte, wenn Mutta nich' so'ne Argusaugen hätte und gerade immer meine Ausbessereien und Stopfereien nachnuschterte, dann ginge es ja! Aber die dicke Wonne hat es nun mal auf mich abgesehen! Erst mußte ich das Examen machen und meiner geistigen Ausbildung die richtige Unterlage verleihen! Das waren schon zwei verlorene Jahre. Da waren wenigstens die Pausen im Seminar, wo man mit den Freundinnen schwatzen konnte! Da war ein gemütliches Zusammenleben, das einen für all den trockenen Kram entschädigte, den man in sich reinproppte! Du, Grete, ich kann noch alle Kaiser von Karl dem Großen an nach der Reihe mit Zahlen und Daten hersagen. Soll ich mal?« – – »Danke bestens!« – – »Darf ich Dir mit den deutschen Flüssen und Nebenflüssen aufwarten?« – – »Auch dafür danke ich! Ich bin absolut nicht vergnügungssüchtig und von deinem Wissen durchdrungen!« meinte Grete lachend. –

»Siehste, da haste es! Wozu hat man nun gelernt, wenn man mit seinen schönen, innerlichen Kenntnissen dasitzt und sie nicht an den Mann bringen kann!?« rief Lotte seufzend. – – »Tröste Dich mit dem erhebenden Bewußtsein, daß sie bei Dir wenigstens vorhanden sind! Und an den Mann wirst Du sie auch noch bringen! Apropos, Mann! Erzähle mir lieber von dem letzten Ball bei Wegners und von deinem neusten Verehrer, vom ›sanften Heinrich›!« – –

»Fängst Du auch schon an?« brummte Lotte. »Ihr habt es alle darauf abgesehen, mir den Mann zu verekeln! Wahr ist's ja, er ist ein gräßlicher Schmachtlappen! So, aber jetzt habe ich ihn!« – – »Wen, Heinrich?« – – »Ach Quatsch, den schwarzen Strumpf, den ich suchte!« erwiderte Lotte und zog besagten Gegenstand triumphierend ans Licht. »Siehste, bei dem kann ich meine erprobte Methode anwenden, und Mutter merkt es nicht!« – – »Was merkt sie nicht?« fragte die andere und sah neugierig auf.

Ihre Freundin fädelte einen schwarzen Faden in eine Nähnadel. Geschickt streifte sie den Strumpf auf die Faust und begann zu arbeiten. »Guck' mal her, Grete! Siehst Du, diese kleinen Löcher, wo die Maschen bloß liegen, ziehe ich einfach zusammen und nähe sie zu. Das macht nicht soviel Gesumms und wird auch gehen. Äx, von allen Wirtschaftssachen hasse ich stopfen am meisten! Manchmal male ich mir so aus, wie schön es wäre, wenn ich 'ne Prinzessin wäre! Die stopfen sicher nicht!« – –»Na, wer weiß?« – – »Ach Du, mach' mir keine Wippchen vor! 'Ne richtige Prinzeß wird gerade stopfen und flicken! Ich wenigstens würde dies huldvollst und gnädigst meinen Hofdamen überlassen!« – – »Was würdest Du den ganzen Tag thun, wenn Du zum Hofe gehörtest? Glaubst Du nicht, daß das ewige Repräsentieren langweilig ist?« fragte Grete interessiert. »Keine Spur! Schon all die guten Mahlzeiten und Bücher, die einem zur Verfügung stehen! Und die Equipagen! Wenn man so in die Polster geschmiegt durch die Straßen fährt, und die Wachen rufen ›raus‹. Die Trommler trommeln. Die Leute grüßen! Es ist schon nicht ohne! Denke bloß mal, wenn Haffners, die sich auf ihre Uniform soviel einbilden, vor mir, dem, wie sie sagen, ›mißglückten Lehrmädchen‹ salutieren müßten! Oder Willi Feller zöge den Hut – – –«

Sinnend hatte Fräulein Bach in die Luft gestarrt, wie so oft, wenn ihre Phantasie mit ihr durchging. Jetzt zuckte sie zusammen und blickte erschreckt und errötend auf die Jugendgespielin, welche laut auflachte: »Natürlich, wirf Lotte, wie Du willst, – – sie fällt immer auf Doktor Feller!« – – »Keine Ahnung, ich meinte man bloß – – – ich hätte eben so gut Heinz von Miller nennen können!« stotterte sie. »Ja, Kuchen! Das mach' einem andern weis! Überhaupt, Lotte, ich finde es garnicht freundschaftlich von Dir, daß Du Dich über Willi'n so ausschweigst! Denkst Du denn, daß ich blind bin? Du bubberst ja noch heute, wenn man nur von ihm spricht!« –

»Ist nicht wahr!«

»Is doch wahr!« beharrte Grete.

»Unsinn!« stritt Lotte mit erkaltenden Händen vor innerer Erregung. »Herr Doktor Feller geht mich garnichts an. Und ich ihn auch nicht! Wir kümmern uns eben nicht so einen Deut mehr um einander, seitdem wir Schuß sind! – – Piepe is er mir! – – Höchst pipe! Mit ›wurscht‹ vermischt! So, da hast Du es! Soll ich es Dir schwarz auf weiß geben?« – – »Ja bitte!« antwortete Grete. »Damit ich Dir den Zettel später 'mal vor Augen halte, wenn Ihr euch aussöhnt, denn das kommt noch!« – Sie sah in der Freundin erblaßtes Gesicht, in dem die roten Lippen leicht bebten, während die Augen leuchteten. – »Guck nur in den Spiegel, wie Du aussiehst, Affe! Aber nein, Du machst Dir garnichts aus ihm, garnichts! – – Ich sah den Krach kommen! Er war ein erwachsener Mensch und erst Kandidat und dann fertiger Doktor und Assistent, als wir noch dumme Jöhren waren. Anstatt daß Du froh warst, daß ein wirklicher Herr sich um Dich kümmerte und Dir den Hof machte, Dir – dummem Backfisch! – hast Du ihn wie einen Jungen behandelt. Der reine Igel warst Du! Ewig ihm die Borsten gezeigt! Nur nicht liebenswürdig sein, nur recht abstoßend! – – Damit zieht man die Männer nicht an!«

»Sollte ich ihm vielleicht meine Liebe auf dem Präsentierbrett entgegenbringen oder ihm zeigen, daß mich seine Kurschneiderei beglücke? Nein! Nie! Eher sterben als solche Demütigung!« trumpfte Lotte. – »Das Sterben laß nur gemütlich sein und heirate lieber Heinrich Wegner!«

Lotte fuhr wie von der Tarantel gestochen empor. Mit kühnem Wurf flog der Strumpf samt Nadel und Faden in den Korb. »Ich soll Heinrich Wegner heiraten? Den sanften Heinrich, den Lulatsch, den Schmachtlappen? Ich? Nich' in de Tüte! Bloß als Altersversorgungsanstalt ist mir die Ehe zu heilig! Lieber bleib' ich Lehrerin mein Leben lang! Einen blonden Jüngling mit piepsender Stimme, der mich mit seinen blaßblauen Augen in eins weg anschmachtet, mit seiner Bewunderung ödet? Den kriegte ich ja so unter, daß er nach einer Woche seine Wichse bekäme?! Sicher! Alles, was ich thue, findet er himmlisch. Neulich habe ich himmelsträubendstes Blech gequatscht, da wollte ich ihn nämlich auf seine Widerstandsfähigkeit prüfen. Resultat? – Rate mal!? – – Na also! ›Ihr Geist blendet so, Fräulein Lotte, gestatten Sie mir, daß ich Ihre Argumente erst überlege!‹ – – Und so einen Nöhlpeter soll ich heiraten? Soll all die Neckereien ertragen? Hihihi! Der ist nischt für meiner Mutter jüngste Tochter! Obendrein von Berlin weg, ich Lotte Bach aus meinem himmlischen Berlin? Undenkbar! Nie! Jamais mit ne beim Verb!«

»Wie ›der‹ aussieht, der ›Dich‹ mal heimführt, das möchte ich sehen!« sagte Grete sinnend. »Zu Dir Berliner Range, denn das biste noch heute, trotz Deiner bald zwanzig Jahr, gehört entschieden ein Löwenbändiger, sonst wird er ein Pantoffelheld!«

»Das ist ja meine Angst, wa – haftig! Bloß nichts so Sanftes! So'ne ewige Haferschleimehe: gesund, geschmacklos; aber bekömmlich! – Nee, frisch, frei, froh und frech, wie echte Berliner! Ordentlich Sturm und ordentlich Sonnenschein! Mordskrach, wenn's notthut und doll zärtlich, wenn's vorüber! So möchte ich es haben! Mitarbeiten, Sorgen tragen, jeden Pfennig in seiner Tasche, jede Idee in seinem geliebten Kopfe kennen. Alles teilen als gute Kameradin dem guten Kameraden! Auf ewige Liebesduselei und so 'ne Backfischvorstellungen pfeife ich längst. Ich bin zu modern, zu vernünftig! Darum sträuben sich meine Borsten, wenn einer mir so flötenhold, so maiensüß kommt: Charlotte – Engel hinten – – und Engel – – Charlotte vorn! – – Nee, Grete, wer Bachs Range haben will, der muß kommen und Folgendes sagen: ›Lotte, ich weiß, Du bist eine unbändige, ganz verrückte Nudel, Dir steht noch dein Kamm gewaltig hoch! Aber warte man, mein Döchting? Du gefällst mir! Ich werde Dir schon die Lafittchen beibringen und Dich Mores lehren, Karnickel! Ich hab' Dich lieb! Gieb mir 'n Kuß, Du bist ohne Widerrede meine Braut!‹ Bums, basta, und die Sache is erledigt! Wir heiraten uns, fertig!«

»Also genau solch forschen Rangerich, wie Du 'ne forsche Range bist, willst Du haben? Warum hast Du denn bei Deinen Ansichten nicht die Courage und gehst als modernes Mädel hin und sagst zu dem Mann, den Du liebst: Hören Sie, Sie gefallen mir! Wir heiraten uns! Fertig!« – –

»Du, Grete, wenn ich das nötige Kleingeld und ordentlich Moos in der Pinke hätte; – – wenn ich ein sehr hübsches Mädchen wäre – – bei Gott, ich thäte es, denn ich wüßte, was ich zu bieten hätte! Aber so als vermögensloser Durchschnittseuropäer muß ich die Zähne zusammenkneifen und den Schnabel halten. Mein Stolz könnte einen Korb nicht vertragen. Wem könnte ich denn nach solcher Demütigung noch in die Augen sehen? – – Und davon abgesehen: Ich bin ein junges Mädchen und würde meine Liebe nicht zu Markte tragen, ich glaube, selbst wenn ich reich wäre. Das ist so was Heiliges, so was ganz, ganz Tiefinneres, daß man es nicht aussprechen kann, kaum vor sich selbst! – – Ach was, Quatsch mit Sauce, Unsinn ist alles, was wir hier faseln! Ich will man lieber wieder meine Strümpfe stopfen, das beruhigt die Nerven!« – –

Sie nahm ihre Arbeit wieder in Angriff. Grete häkelte ihre Küchenkante. Beide schwiegen nachdenklich. Fräulein Thronik begann das Gespräch nach einem Weilchen von neuem: »Sage mal, Lotte, glaubst du, daß Doktor Feller der Mann wäre, der in Deiner feschen Form um Dich werben würde? Ist er nicht viel zu ernst und vornehm dazu?« – – »Möglich! Ja, sogar wahrscheinlich!« – – »Und Du würdest ihn doch nehmen, wenn er Dich wollte!« – –

»Wir sind ›schuß‹ und werden uns wohl nicht wiedersehen. Wie oft ist schon so ein Schiff mit Mann und Maus und Doktor auf den verrückten Oceanen untergegangen!« sagte Lotte, anscheinend gleichgültig. »Im übrigen kann sich ein Mensch sehr ändern, wenn er ein und ein halbes Jahr unterwegs ist!« – – »Seine Natur krempelt man nicht um!« widersprach Grete. – »Ach was, nu' laß schon den Willi Feller in Ruh, und denk' lieber an Deinen süßen Paul, an den ja, Deiner Meinung nach, doch keiner 'ranreicht!« meinte Lotte gereizt. Jetzt wurde Gretchen rot und verstummte. Die Unterhaltung kam nicht mehr recht in Gang. Es war gut, daß Frau Geheimrat die jungen Mädchen zum Abendbrot rief. Bald nach der Mahlzeit verabschiedete sich die Jugendfreundin.

Lotte, die jetzt die einzige war, denn auch Klara, die älteste Schwester, hatte sich verheiratet, leistete den Eltern noch ein Weilchen Gesellschaft. Sie kraute dem Vater die Ohren, plauderte mit ihm und der Mutter und zog sich dann in ihr Zimmer zurück. Das einfache, freundliche Gemach hatte einen recht behaglichen Anstrich. Blumen, ein Kanarienvogel und kunstvoll an den Wänden angebrachte Photographieen und Dekorationsshawle gaben ihm einen traulichen Schmuck. – Lotte zündete ihr Lämpchen an, ordnete den Nähtisch und präparierte sich für den Unterricht, den sie am folgenden Morgen zu erteilen hatte. Dann schrieb sie einen Brief an die noch immer schwärmerisch geliebte Schauspielerin Jucza Beerbu, die inzwischen ihre Freundin geworden war. – Sinnend blickte sie in die Luft und erhob sich mit einem tiefen Seufzer. Sie trat an die Wand neben dem Fenster, wo ein großer Ständer mit Photographieen befestigt war. Sorgfältig entfernte sie das Mittelbild, welches Jucza in einer Glanzrolle darstellte. Und siehe da! Unter diesem erschien die Visitenkarten-Photographie des einstigen Couleurstudenten Willi Feller in vollem Wichs. Vorsichtig ergriff Lotte das Bild, trug es zur Lampe und betrachtete es lange. Darauf las sie die kurze Widmung: ›Fräulein Charlotte Bach zur Erinnerung an die gemeinsame Tanzstunde in ewig unveränderter Gesinnung überreicht von ihrem sehr ergebenen Willi Feller, cand. med.

Lotte wischte mit dem Handrücken über beide feuchten Augen. »Ja woll ja, sagt Olga!« murmelte sie halblaut, »ewig? Das hast Du Dir verscherzt mit Deiner nichtswürdigen Revolverschnauze!« Sie küßte die kleine, bunte Pappe und trug sie in ihr kunstvolles Versteck zurück, das bisher allen Späheraugen der Eltern und Besucherinnen entgangen war.

Von einer neuen Idee getrieben, nahm sie plötzlich die Glocke von der Lampe ab. Sie trug das unbeschützte, sehr helle Licht bis zum Spiegel. Dort hob sie das Gefäß so hoch, daß der volle Schein auf ihr frisches Gesicht fiel. Mit ernstem Ausdruck studierte sie ihr gut beleuchtetes Spiegelbild lange – lange.

Das Resultat schien kein befriedigendes. Sie blickte sich an, flüsterte vernehmlich: »Durchschnittsekel! ... Nichts wie beauté du diable!« schnitt sich eine fürchterliche Fratze, bläkte sich ihre gesunde, rote Zunge ganz gehörig aus – – – – und begab sich endlich zur Ruhe. – Bald verkündeten tiefe, schwere Atemzüge den Schlaf einer Gerechten.

Die Morgenpflichten sind gethan. Lotte Bachs Zimmer prangt in Sauberkeit und Ordnung. Sie steht vor dem Spiegel und drückt das Pelzbarett in die blondbraunen Haare. Agnes, das ›neue‹ Mädchen der geheimrätlichen Familie, welches erst zehn Monate im Hause weilt, kniet vor dem Ofen und heizt ihn: »Nu, Frailein Lottel, kann ich Ihn' heut nich wieder irgendwo abholen? Ich thu Sie's ock so gerne!« – – »Nein, Agnesia, heute bin ich bloß nachmittags fort zu einem Jourfix. Abends bin ich nur bei Fräulein Hutten, und Sie wissen, von dort bringt mich der Bruder meiner Freundin heim!« – – »Nee ock, nee ock, Fräulein Lottel haben doch aber mächtiges Glück bei die Herren. Wo unser Fräulein sitzt, wird immer am meisten gelacht. Das sagen alle Mädchen, wo ich hinkomme und Sie abhole! Die Bertha von Wegners ...«

»'is ein oller Quatschkopp!« unterbrach Lotte den Redefluß, denn sie fürchtete irgend eine philosophische Prognose besagter Bertha. »Lassen Sie sich von der nichts vorreden!« – – »Ich sag' garnix; aber ich komm' doch noch auf der Fräulein Lottel ihre Hochzeit. Ich hab' geträumt, daß ich Ihn' in der Kirche im Kranz und Schleier gesehen habe. Na, und dann is es doch sicher! Und was der Herr Gutsbesitzer Wagner is, is es doch ein schöner – – – – –«

»Donnerwetter, nun fangen Sie bloß auch noch an! Als ob es keinen andern Mann in der Welt gäbe, als Euern dösigen Herrn Wegner. Kocht ihn Euch sauer und setzt ihn in Aspick, verstanden?« – – Stürmisch war Lotte in ihr Jackett gefahren, packte Handschuhe, Muff und Notizbuch und stürmte davon, geradenwegs die Treppe hinunter. – – »Na, na, Lotte, tritt mich man nich tot! Hier wohnen auch Leute!« rief Max Helm, der auf dem untersten Absatz stand und der Freundin wartete. – »So' ne kleinen Pinscher zählen nich'!« entgegnete die Angerufene lachend und reichte dem Jugendfreunde die Hand. Er hatte inzwischen sein Einjährigen-Freiwilligen Zeugnis errungen, seine Lehrzeit in einem großen Exportgeschäft hinter sich, und war zum wohlbestallten Kommis in der gleichen Firma emporgerückt.

Sein Verhältnis zu der erwachsenen Lotte Bach bestand fast unverändert fort. Zwar keilte und schimpfte man sich nicht mehr. Aber die neunzehnjährige Dame, die den ›zwanzig‹ recht nahe war, und der fast achtzehnjährige Jüngling neckten sich noch weidlich. Seit die Haffnersche Familie aus dem Hause fort und in eine Festung gezogen war, hatte Max Helm Oberwasser. Das ›Mädel‹ war ja auf ihn angewiesen! Es kam sogar zuweilen vor, daß sie den Neckton aus dem Spiele ließen und ernst miteinander plauderten. Höflich ließ er Lotte aus der Hausthür zuerst ins Freie treten. –

Ein eisiger Wind schlug ihnen entgegen. Es war recht kalt: »Donner und Doria, heute pustet es nich ohne!« – meinte Lotte. – »Det Du man bloß die Neese ins Jesichte behältst!« antwortete er und stampfte tüchtig mit den Füßen auf den Boden. »Sage mal, nimmst Du den Pferdebus?« – – »Ich ringe eben mit mir, ob oder ob nich'; aber ich denke, bei der Kälte fahre ich hin. Meine Schülerinnen haben es gut. Sie können zu Hause bleiben und im Warmen hucken. Ich aber muß bei Nacht und Nebel heraus, um sie mit dem Überflusse meiner Weisheit zu füttern!« – – »Arme Nattern, dann werden sie nicht an Übermaß von diesem Zeug zu Grunde gehen!« – – »Du, sag' das nich' so leichthin. Ich bin entschieden so gut wie eine!« – – »Mußt mir schon meine Zweifel verzeihen, Lotte; aber wir beide haben doch an demselben Kalmus gepiept – – – in unserer Jugend! Und wenn ich dann an all die Streiche und Ruppigkeiten denke, die wir zusammen ausgefressen? Verzeih'; aber als Erzieherin der Jugend kann ich mir Lotte Bach, die ›berühmt berüchtigte Berliner Range‹ absolut nicht recht vorstellen!« – –

Die Angezweifelte lächelte vergnügt und ungekränkt: »Kann ich glauben! Nehme es Dir auch nicht weiter übel, Mäxchen! Ich muß auch lachen, wenn ich mir Dich als ehrsamen Kaufmann ausmale. Aber tempora mutantur! – Die Zeiten ändern sich! Und sieh mal, ich bin gerade überzeugt, daß meine Streiche mich zur Lehrerin geeignet machen! Erstens habe ich selbst alle Dummheiten verübt. Mir kann also kein Jöhr ›Summs‹ vormachen. Ich durchschaue jede Absicht! – Zweitens habe ich aus eigener Erfahrung Verständnis für diese jugendlichen Rüdigkeiten. Ich weiß aus meiner Praxis, wie ich die Kinder behandeln muß, um sie auf den rechten Weg zu führen! Herr des Himmels, so ein Wurm is doch nur einmal jung! Da drücke ich x mal ein, und x mal beide Augen zu! Und wenn absolut gestraft werden muß, dann versuche ich es mit gutem Zureden! Hilft das auch nicht, na, dann giebt es ein höllisches Donnerwetter gleich nach der That! Aber nachtragen oder nörgeln und an vergangenen Sünden herumgneddern liebe ich nicht! ›Vergeben‹ – heißt bei Unarten, die nicht bösartig sind, in meinem Unterricht ›vergessen!‹ – Daher ist es mir auch bisher stets geglückt! Ne, an mir ist in meiner frühen Jugend von unklugen Lehrern zuviel gesündigt worden! Ich hätte bei vernünftiger Leitung ganz anders sein müssen. Selbst mit allen Streichen habe ich meine Examina so gut bestanden wie nur eine! Also – – – –«

»Was machst Du aber, wenn Deine Schülerinnen mal hören, was Du für 'ne Bolle warst?« – – »Ja woll, so dumm werde ich sein! So weit lasse ich es gar nicht kommen. Ich erzähle ihnen gleich von vornherein, was für ein Früchtel ich war! Wie ich an mir arbeiten mußte, und was ich innerlich gekämpft habe, um mich durchzuringen. Dadurch, daß ich mich selbst stets als schlechtes Beispiel aufstelle, habe ich den Kindern bisher durch meine Offenheit imponiert und freundlichen Nachreden die Spitze abgebrochen!« – – »Ausgezeichnete Taktik!« lobte Herr Helm.

»Nee, Jungeken, von Taktik is bei mir impulsivem Knopp nie die Rede. Die Logik meines ganz unbewußten Handelns ist mir soeben erst klar geworden, als Du fragtest. Wir Berliner brauchen uns nur auf unser gesundes Gefühl zu verlassen, dann geht es schon! Du Max?« – – »Na, was ist los?« gegenfragte er.

»Früher hätte ich freundlich erwidert: was nicht angebunden ist! Jetzt wollte ich Dich nur fragen: Was macht ›sie‹?« – »Unsinn!« – »I was, mir machst Du keine Wippchen vor, Jüngeling bummbumm! Als ich neulich mit meinen Freundinnen bei dem Regentratsch in die Konditorei flüchtete, schlich mein edler Max Helm mit einem niedlichen Fratz als Drückeberger schleunigst mit ihr hintenrum ins Rauchzimmer.« – »Nicht wahr, niedlich ist sie?« schmunzelte er vergnügt. – »Na, es geht! Nettes, kleines Krabbchen, wenn auch nicht gerade aufregend! Wer ist es? Los, beichte.«

Max hatte sich geärgert abgewandt: »Dort kommt meine Bahn! Tchö, Dicke! Was ich Dir übrigens in aller Eile mitteilen wollte: So schön wie Du is sie noch lange!« Er wollte fort. Lotte hielt den Fliehenden neckend am Überzieher fest. »Na na, das ist Geschmacksache! Ich finde mich weit schöner!« – »Affenkopp!« – »Danke, mein Name ist Bach! Im übrigen, Mäxchen, weißt Du noch? Früher – schweig'! – Schweig' Du!« Er mußte bei der Rückerinnerung der gemeinsam verbrachten Vergangenheit lachen. Versöhnt schwenkte er den Hut, sprang auf seine Bahn und verschwand. Auch Lotte fuhr zu ihren Schülerinnen. Sie stand mit ihnen vortrefflich; Fränzchen, Dorchen und Lieschen waren ihre besonderen Lieblinge. Während des Unterrichtes war sie sehr frisch bei der Sache; aber mit geheimer Freude und Erleichterung kehrte sie doch gegen Mittag in ihr Stübchen zurück.

Hier war sie allein, ungestört und daheim. Hier war sie vom wilden, übermütigen Jöhr zur frischen, erwachsenen Dame herangereift. Ihr Blick glitt oft sinnend in die Schmollwinkel und Trotzecken, über die Puppenplätze aller ihrer geliebten Spielsachen. Iwan und Feodora lagen wohlvermottet auf dem Boden. – Würden sie für ihre Kinder dermaleinst zu neuem Leben erstehen – – – die wohlgehüteten Lieblinge?

 

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