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Die Berliner Range - Neue Bekenntnisse. Band IV.

Ernst Georgy: Die Berliner Range - Neue Bekenntnisse. Band IV. - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Georgy
titleDie Berliner Range - Neue Bekenntnisse. Band IV.
publisherVerlag von Rich. Bong.
yearo.J.
firstpub1900
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140619
projectid518b265b
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2. Kapitel. Weitere Schleichwege.

Der verregnete Sonntag war ein Kapitel, von dem Grete Thronick sowohl wie Lotte Bach zu sprechen vermieden. Die Wunde, in welcher der Stachel noch saß, schmerzte denn doch gar zu arg. Abgesehen von den heftigen Auftritten, die sich in beiden Familien wegen der stark angegriffenen Garderobe aufgespielt, kränkte am meisten das verlorengegangene Abenteuer. Jener Hugo mitsamt seinem Franz schienen beleidigt zu sein, denn sie ließen nichts mehr von sich hören. Lotte durchforschte vergeblich zwei Wochen lang die Zeitung nach einem Lebenszeichen von ihnen. Grete war sogar ganz umsonst in der Expedition gewesen. Die Herren schienen es nicht verwinden zu können, daß man sie hatte sitzen lassen. Nun und die Damen waren ihrerseits zu stolz, eine Annonce aufzugeben, um die verlorenen Beziehungen neu zu knüpfen. –

So schien die böse Geschichte äußerlich vergessen! Bis eines Tages die zu Besuch erschienene Alice Hutten von dem Juristenball sprach, den sie mitmachen sollte. Sie ermunterte die beiden andern, sich doch auch irgendwie Zutritt zu verschaffen. Diese beiden blickten sich an und lachten. Sie hatten wie so oft das Gleiche gedacht! Von dem Juristenball hatte der Referendar und der Leutnant ja gesprochen. Dort konnte man ihnen vielleicht begegnen! »Ach was!« meinte Grete daraufhin anzüglich. »Geht ihr beide nur allein! Da amüsiert ihr euch wenigstens. Wenn ich Pechvogel mitkomme, falle ich doch noch im letzten Moment in den Schmutz und verderbe euch das Vergnügen!« – – »Herr, dunkel ist der Rede Sinn,« rief Alice, die von dem interessant begonnenen und im Sande verronnenen Intermezzo nichts ahnte. »Ach, Quatsch, die Grete hat nur wieder pessimistische Anwandlungen!« sagte Lotte abwehrend.

»Ach thue nur nicht so, ich habe dir schon so manches Vergnügen zerstört, worauf du dich freutest!« widersprach Grete. – »Wir haben uns beide nichts vorzuwerfen. Denk' an die Quatschnichtkrause! Im übrigen, wer weiß, wozu es gut war. Man soll nicht auf verbotenen Wegen gehen!« erklärte Lotte. »Möchtest du mir nun endlich klarlegen, was ihr bisher nur in Hieroglyphen geredet habt?« fragte Alice ordentlich beleidigt. – »Gewiß,« entgegnete Lotte, »wir wollen zu einer sehr berühmten Kartenlegerin, kommst du mit?« – – »Nee, sicher nicht! Ich glaube an solch faulen Zauber nicht und würde euch entschieden raten, auch fern zu bleiben. Ihr werft nur euer Geld 'raus!« – – »Na denn nich, mein lieber Mann, dann haben wir eben gescherzt. Aber wir gehen! Und wer nicht will, hat schon!« – – »Nun sei nur nicht gleich beleidigt!« sagte Alice. – »Bin ich garnicht!« – – »Hoffentlich!« fuhr Fräulein Hutten fort, »im übrigen läßt euch Mama bitten, in der nächsten Woche abends gemütlich bei uns zu sein. Ihr wißt ja, Franzens und meine Freunde. So ein richtiger kleiner Familienfetz!« – –

Lotte sprang entzückt auf: »Natürlich machen wir mit Wonne! Über die Huttenschen Fetze geht nichts! So gemütlich ist es nirgends, und so ausgelassen sind wir nirgends. Zum Beispiel sind wir Anfang Januar bei dem reichen Bankier Grumburg eingeladen. So eine steife Abfütterung en gros, scheußlich! Ich graule mich schon heute davor!« – – »Du machst doch eigentlich viel mit, Lotte!« – – »O ja, seitdem ich erwachsen bin, blüht das Geschäft!« – – »Na, amüsiert es dich denn wirklich?« – – »Na ob, entweder man ißt gut oder man unterhält sich gut oder man ruddelt innerlich und moquiert sich. Etwas giebt es immer! Manchmal auch alles vereint. Ich bin noch stets auf meine Kosten gekommen, weil ich immer versuche, mich auf eigene Faust zu amüsieren!« – – »Kinder, ist das spät! Ich muß nach Haus, sonst setzt es 'was!« sagte Alice und sah nach der Uhr – – – »Wir essen jetzt meines Bruders wegen um fünf Uhr. Ich habe meiner Mutter fest versprochen, pünktlich zu sein. Seid einmal nett und bringt mich ein Stückchen!« – Lotte sah Grete fragend an. »Gewiß,« meinte diese bereitwillig, »wir kommen mit. Ein bißchen Bewegung thut uns gut!« – Sie kleideten sich alle drei an und gingen langsam durch die Straßen, bis zu Alices Wohnung. Dort sagten sie dieser liebevoll Lebewohl, und Alice verschwand im Hausthor.

Lotte blieb stehen und sah die Freundin argwöhnisch an: »Spiritus, ich kenne dir! Du hast irgend etwas vor. Umsonst bist du Faulpelz nicht so schnell mit hierhergegangen. Gestehe, was ist los?« – »Wieviel Geld hast du bei dir?« fragte Grete hastig. – »Genau weiß ich es nicht; aber sicher gegen vier Mark. Soll ich dir was borgen?« – »Nein; aber das ist genug! Komm, Lotte, sei kein Frosch! Wir wollen den angebrochenen Abend benutzen und schnell zu der Kartenlegerin gehen. Ich habe ihre Adresse von der Schreiber rausgeknobelt. Sie wohnt in der Steinmetzstraße, also garnicht weit von hier!« überredete Grete die noch etwas schwankende Lotte. Aber schließlich siegte deren eigene Neugier. Sie hatte ein unbestimmtes Angstgefühl und doch das heftige Verlangen, über ihre Zukunft etwas zu erfahren.

»Na bon, ich bin dabei! Aber du, wenn die Kassandra uns gar zu gewaltige Dummheiten aufbinden will und zuviel Blech redet, dann wirst du gefälligst bezahlen. Du bist die Verführerin und für meinen Thaler haftbar.« – – »Gewiß, wenn du nicht zufrieden bist, kriegst du ihn wieder, alter Geizkragen! Nur komm, damit wir die schöne Zeit nicht verplempern!« drängte Fräulein Thronick. Sie hakte sich in Lottes Arm, und munter schwatzend eilten sie nach der bezeichneten Straße, wo sie denn auch bald die richtige Nummer herausfanden. – Eine schmutzige, verwahrlost aussehende Portierfrau lachte laut auf, als sie nach Frau Katerbiers Wohnung fragten. »I du mein Jott, die Leite rennen sich ja heute reen de Beene ab nach de Katerbier ihre Ausbessereien. Da ist keen Wunder, wenn die Olle Reichtiemer sammelt und ihre Tochter uff de hohe Schule schicken kann! Ja woll, unsereins mit de ehrliche Arbeet vadient nich so schnelle. Na, Ihre Katerbier wohnt zweiter Hof, rechtet Querjebäude in ersten Stock. Unsereins muß in dustern Keller hucken!« –

Die Mädchen eilten fort und hörten noch im Weitergehen das Keifen des Weibes: »Natierlich, die tragen det scheene Jeld nu bei die olle Hexe. Ick sag et ja, die Dummen wer'n nich alle! Nächstens steck ick der ihre Ausbesserei aber mal de Polizei!« – »Hast du das gehört, Grete, laß uns lieber gehen. Sonst kriegen wir es noch mit der Polizei zu thun!« sagte Lotte ängstlich. »Und sieh mal, wie dunkel und schmutzig es hier ist. Die reine Räuberhöhle!« – »Schaf, wir sind in Berlin. Eine Post und das Polizeiamt ist ganz nahe. Komm nur, und sei nicht so feige! Die Schreiber hat mir schon erzählt, daß das ganze Haus auf ihre Freundin so neidisch sei! Die Leute gönnen sich nicht das liebe Brot!« erwiderte Grete beschwichtigend und drang mutig vorwärts. Auch ihr war etwas beklommen zu Mute; denn der zweite Hof war fast finster. Sie mußten sich vorsichtig an den Wänden entlang tappen und gelangten schließlich in einen spärlich beleuchteten Treppenflur. Endlich standen sie vor einem Absatz mit mehreren Thüren. Lotte fuhr entsetzt zusammen. Auf den Stufen kauerten zwei Dienstmädchen. Das eine schluchzte furchtbar. Das andere hielt es tröstend umschlungen. »Nein, das is ja jräßlich, wenn der Mensch mir wirklich untreu wird – ick jeh ins Wasser! Und 'n schlechter Brief und 'n Todesfall! – Nischt wie Unjlück, da is doch besser, man stirbt auf de Stelle!« –

»Warte's doch ab, Martha, noch is et ja nich da. Un wer weiß, ob die Karten nich täuschen!« flüsterte die Trösterin leise, augenscheinlich sehr erschreckt durch das plötzliche Auftauchen der beiden jungen Damen. – »Nee, nee, Karten lügen nich. Ick sterb' vor Jram!« heulte die andere. Dann sah auch sie auf und wischte mit dem Schürzenzipfel die Thränen ab. Beide standen auf, drängten sich hastig an Lotte vorbei und eilten die Treppe hinunter. – »Die waren auch drin! Du, Grete, mir wird ganz beklommen zu Mute! Wenn die uns nur nicht zuviel Unglück prophezeit!« – »Besser, wir sind auf alles vorbereitet, als wenn es uns so aus heiterem Himmel kommt!« entgegnete diese. – »Na, das weiß ich nun nicht! Lieber bin ich bis zum letzten Momente vergnügt und weine, wenn ein Unglück da ist. Zum Kummer ist stets Zeit genug, auf den braucht man sich nicht auch noch vorbereiten!« meinte Lotte.

»Wart's ab. Ich klingele!« befahl Grete energisch und zog an der Glocke, die über dem Namensschild befestigt war. Eine Zeitlang herrschte Todesstille. Erst als Grete zum zweitenmale schellte, öffnete eine Nachbarin ihre Thür. Sie sah die Mädchen groß von oben bis unten an und schloß ihre Pforte mit hartem Knall. – »Schon wieder zwei junge Gänse, die gern ihre Moneten los werden wollen!« hörte man sie laut in einen andern Raum hineinsprechen. Eine innere Thür wurde zugeschlagen. Sie schien im Zimmer verschwunden. –

»Sehr verbunden für die junge Gans!« sagte Lotte und knixte ärgerlich nach der Schallrichtung. Aber im Grunde hat die liebenswürdige Dame ganz recht! Das nennt man wissend mit Intelligenz dämlich sein!! Na, mitgefangen, mitgehangen! Raus aus dem Bau, Bierkatze!« – – Sie packte jetzt den Klingelzug und riß daran, daß es dröhnte. »Siehste, mein Kind, das wirkt!« flüsterte sie befriedigt, denn drinnen vernahm man ein Schurren von Schritten, ein Umdrehen eines Schlüssels, das Loshaken einer Sicherheitskette, und endlich – – öffnete sich die Pforte ein wenig. Eine alte, runzliche Frau schaute aus der Öffnung heraus: »Sie wünschen?« – – – »Wohnt hier die Kartenlegerin?« – – fragte Lottes helle Stimme unbefangen. – – »Pscht – – – pscht!« – war die Antwort; aber der Spalt wurde größer. Man blickte in einen spärlich erleuchteten Korridor. »Ob hier Karten gelegt werden, meine ich?« wiederholte Fräulein Bach betroffen.

Die Frau wies mit dem Finger der rechten Hand auf ihre Stirn, schüttelte ihre Linke in der Luft und machte noch einmal energisch: »Pscht!« – Dann sagte sie laut: »Nein – Karten legt hier niemand! Aber ich bessere Gardinen, Tüll und Spitzen aus, wenn Sie sich meine Sachen ansehen wollen, bitte!« – – Damit zog sie die Mädchen am Kleide hinein und verschloß die Thür. – »So'ne Dummheit!« sagte sie leise und grimmig, »Sie wollen mich wohl ins Loch bringen? Solch Geschrei zu machen! Die Bande paßt so schon wie die Schießhunde auf! Für die bin ich Ausbesserin!« – – »Entschuldigen Sie, das wußten wir nicht. Frau Schreiber, die uns herschickt, hätte uns doch das sagen können!« entschuldigte sich Grete, die nicht begriff, warum Lotte sie in den Arm zwickte.

Das grimmige Gesicht der Alten hellte sich auf. Sie musterte die Mädchen hastig und geleitete sie in ein zweifenstriges Gemach, das hübsch mit Plüschmöbeln eingerichtet war. Eine tief verschleierte Dame saß an dem Tische und blätterte, in einer Zeitschrift: »Sie müssen noch einen Augenblick warten. Ich habe gerade Sitzung!« sagte die moderne Pythia und verschwand in einem Nebenraum. – »Du bist ein selbstthätiges Heupferd mit Patentverschluß!« raunte Lotte zornig der Freundin zu. »Wie kannst du der alten Giftmorchel denn sagen, daß wir durch die Schreiber kommen? Meinst du, daß die uns nicht längst gemeldet hat und von den drei Mark mindestens eine abkriegt? So etwas Belämmertes! Nee, die Dienstbolzen sehen mir nicht aus, als ob sie einen harten Thaler berappten! Wir fallen immer 'rein!« – – »Natürlich, du bist die Neunmalweise! Dir wird sie es umsonst thun!« – – »Oh nein; aber ich schwöre dir, daß Katzebiers von mir nicht mehr als eine Mark besehen. Du wirst hoffentlich auch nicht mehr geben?« – – »Oho, ich werde nicht schachern. Die Frau hat ihre Taxe!« – – »Thu, was du nicht lassen kannst!« entgegnete Lotte fidel. Die Situation wirkte nachgerade komisch auf sie. Vergnügt schaute sie sich um und blickte prüfend auf die Fremde. Diese sah sie gleichfalls an.

»Sind Sie zum erstenmale hier, meine Damen?« – – »Ja!« – – »Ich komme jeden Monat. Ich würde nichts mehr unternehmen ohne Frau Katerbiers Karten. Sie hat mir bisher nur Wahres gesagt, jede Kleinigkeit ist eingetroffen. Vor vier Monaten starb auch mein armer Mann, genau wie sie es mir prophezeit hatte.« – – »Kannte Frau Katerbier Sie oder Ihren Gatten vorher?« fragte Lotte teilnehmend. »Gewiß, sie wohnte früher in unserem Hause!« – – »Ihr Herr Gemahl war wohl recht leidend?« – – »Schrecklich, drei Jahre lag er krank!« – – »Ach so! Und Sie glauben wirklich an das Kartenlegen?« – – »Ich?! Ich, ich schwöre darauf! Ich sagte Ihnen ja, daß ich nichts thun würde, ohne mir vorher hier Rat geholt zu haben!« – – »So, so?«

»Frau Sekretär, darf ich bitten?« rief jetzt die Wahrsagerin von der Thür her. »Wir sind gleich soweit, meine Damen. Es dauert nicht lange.« – – Frau Sekretär verschwand. »Du kommst zuerst dran, Grete, ich warte hier auf dich!« sagte Lotte. Grete nickte mit dem Kopf. Sie wurde sehr blaß und schien mächtig erregt zu sein. Um dies zu verbergen, las sie eifrig. Dabei irrten ihre Augen über die Zeilen hin. Fräulein Bach bemerkte es: »Sei kein Frosch, Dicke, und ängstige dich nicht ab! Der liebe Gott wird unser Schicksal absolut nicht so deichseln, wie es die Bierkatze wünscht! Wie kann man nur? Du kriegst doch deinen Paul und eine Unmasse Kinder! Herzliebchen, was willst du noch mehr?« – – »Thu mir bloß den Gefallen, und schwatz' jetzt keine Dummheiten. Mir ist nicht danach zu Mute!« erwiderte Fräulein Thronick heftig und erhob sich, vor ein Bild tretend.

Lotte zuckte die Achseln und begnügte sich damit, seelenvergnügt die Daumen umeinander zu drehen. »Zwölfmal linksrum, zwölfmal rechtsrum!« – – Endlich wurde Grete abberufen. Die Sekretärsfrau hatte sich wohl durch einen andern Ausgang entfernt. Lotte wanderte im Gemach auf und ab. In ihrer übermütigen Anwandelung setzte sie alle Nippes auf einem Vertikow verkehrt hin und versteckte ein Familienbild der Katerbierschen Familie nebst zwei Vasen mit getrockneten Blumen in der Ofenröhre, wo eine Anzahl Bratäpfel schmorten. Diese gruppierte sie zierlich um den Aufbau und wurde gerade mit dem Kunstwerk fertig, als Grete totenbleich mit thränenden Augen und zitternden Lippen heraus kam. Rasch trat sie zu dieser und fragte französisch: »Hast du schon bezahlt?« – – Grete nickte. – »Drei Mark?« – – Grete nickte wieder. – – »Narrliese!« – –

»Darf ich bitten?« – – »Gewiß, Frau Katerbier, aber ich möchte, daß meine Freundin dabei bleibt! Sonst verzichte ich!« – – »Gewiß, meine Dame! – Bleiben Sie nur hier!« entgegnete die Katerbier erstaunt. Auch Grete sah betroffen drein, setzte sich aber, noch ganz mit sich selbst beschäftigt nieder. Das Gemach, in dem die ›Sitzungen‹ stattfanden, war eigentümlich mit schwarzen Kattunvorhängen, hinter denen sich augenscheinlich Betten versteckten ausgeputzt. Die Hängelampe brannte verschleiert. Das Fenster war gleichfalls schwarz verhängt. Aus einem eisernen Leuchter glühten zwei Räucherkerzchen und verbreiteten einen süßlichen Duft, der das Ansehen des Raumes noch feierlicher gestaltete. Alles war auf die Stimmung der Besucher berechnet. Die Katerbier legte sich einen schwarzen Schleier um den Kopf, ordnete die Karten in Reihen und Häufchen und vertiefte sich hinein. »Ich will Ihre Vergangenheit befragen,« hauchte sie vor sich hin. – In Lotte tobten alle alten Dämonen.

»Abscheulich stinken die Räucherkerzen, wir sind doch hier nicht in der Kirche!« konstatierte sie laut. Die Frau zuckte zusammen, sprach aber nichts. – Plötzlich hob sie den Kopf und fixierte Lotte scharf. »Sie sind unverheiratet, meine Dame!« flötete sie dumpf. – »Gewiß, ich bin seit fünfzehn Monaten Witwe. Hat Ihnen die Schreiber das nicht gesagt?« sagte Lotte mit so verblüffender Sicherheit, daß Grete sowohl wie die Kartenlegerin sie fassungslos ansahen. Aber sie blieb ungerührt sitzen, beider Blicke ruhig ernst begegnend. – »Sie sind auch kinderlos!« fuhr die Pythia etwas verwirrt fort. – – »Leider! Mein Iwan und meine kleine Feo ruhen!« antwortete der Galgenstrick traurig, seufzte tief und sah gebeugt zu Boden. – –

Die Katerbier blickte hastig zu Grete hin, deren Gesicht hinter dem Schnupftuch verborgen war. Sie schnaubte fürchterlich. Dann musterte sie kopfschüttelnd Lottes junges, rundes Mädchengesicht, die jugendliche Figur und wußte nicht ein noch aus. Ihre neue Kundin blickte sie ernst an: »Ja, – ich habe mich gut erhalten und sehr früh verheiratet. Darum staunen Sie nicht! Im übrigen: Hat Ihnen denn die Schreiber das nicht alles gesagt?« – – »Nein, sie sprach von zwei jungen Mädchen!« erwiderte die Gefragte auf den antwortheischenden Blick. – – »Ach, so, Grete, wahrscheinlich von Lotte Bach, die wollte ursprünglich mitkommen!« – – »Ja, ja, Lotte Bach, eine Geheimratstochter, so war es!« verplapperte sich Dame Pythia, worauf Lotte lächelnd »Aha!« sagte. »Aber bitte weiter, Sie sehen ja alles aus den Karten? Was verraten Ihnen diese noch von mir?« –

Hilflos versenkte sich die Aufgeforderte in die bunten Pappen: »Sie lieben und Sie werden seit lange wiedergeliebt!« schmetterte sie hervor. »Stimmt!« – – »So!« – die Katerbier glitt erleichtert in ihr Fahrwasser ein. »Noch trennen Sie Hindernisse von dem Geliebten!« – – »Stimmt auch!« – – Die Frau mischte die Karten und ließ Lotte zweimal nach links abheben. Dann legte sie dieselben neu auf in vier Reihen à acht Karten. »Jetzt sehe ich klar. Dies sind Sie! Aha, zwei Männer bewerben sich um Sie, ein blonder und ein brauner oder dunkler. Vielleicht wissen Sie es selbst noch nicht; aber es ist so! Hier liegt die Familie. Man liebt Sie, aber man haßt Sie auch!« – – »Sehr richtig, einige meiner Verwandten können mich nicht ausstehen; aber das beruht ganz auf Gegenseitigkeit!« erklärte Lotte. – – »Sehen Sie, meine Dame, das merke ich aus den Karten. Hüten Sie sich vor den Verwandten! Man will Ihnen nicht wohl. Neider und Feinde umgeben Sie. Man will Sie von diesem Herren trennen. Aber haben Sie Mut! Noch haben Sie nicht Geld genug, aber das wird noch kommen, die Geldkarte liegt ins Haus. Aha, und der Postbote. Sie werden Briefe bekommen, und auch leider, leider böse Nachrichten. Doch regen Sie sich nicht auf!« – – »Oh nein, absolut nicht. Nur fort im Text!« ermunterte Lotte quietschvergnügt. –

»Alles ebnet sich! Aha, der Braune und eine blonde Dame. Sie haben Nebenbuhlerinnen. Auch der Tod liegt ins Haus, ein Todesfall steht Ihnen bevor. Sie werden Erbschaften machen. Noch ein Brief, d. h. den können auch Sie schreiben. Er ist von Bedeutung. Tragen Sie nie ein lila Kleid. Sie werden Bälle besuchen. Man wird Sie feiern. Es ist sogar, als ob viele Sie feiern, als ob Sie berühmt werden könnten. – – – Singen Sie oder spielen Sie?« – – »Ja, ich bin Schauspielerin!« schwindelte die unverbesserliche Lotte und nickte Grete zu, die sehr verdrießlich dreinschaute. »Das heißt, erst seit dem Tode meines seligen Gatten. Sehen Sie, liebe Frau Katerbier, da ist an unserer Bühne ein Mensch, der mich mit seinen Drohungen einängstigt. Es wäre mir lieb, wenn Sie mir über ihn und seine Absichten etwas mitteilen könnten! Wenn man gewarnt ist, trifft man ganz andere Maßregeln!« fuhr Lotte fort. Die Kassandra-Katerbier schüttelte von neuem sehr unschlüssig ihr weises Haupt. »Man kann die Karten nicht zwingen!« entgegnete sie mürrisch.

»So, Ihnen steht etwas sehr Unangenehmes in allernächster Zeit bevor!« meinte sie alsdann sinnend. »Es hängt auch mit irgend einem Herrn zusammen!« Natürlich, sicher!« rief sie dann förmlich befreit. »Das wird Ihr Nebenbuhler sein. Er liebt Sie, und weil Sie seine Gefühle nicht erwidern, verfolgt er Sie mit seinem Haß! Hüten Sie sich vor ihm, er ist gefährlich. Auch Waffen liegen in der Nähe. Aber hier ist der Hafen! Retten Sie sich, meine Dame! Heiraten Sie vielleicht zum zweitenmale, damit Sie seinen Verfolgungen entgehen!« – – »Besten Dank!« rief Lotte und heuchelte ein Aufatmen. »Nun weiß ich doch, woran ich bin und danke Ihnen bestens. Sind Sie fertig?« – – »Ja, meine Dame, doch lege ich Ihnen noch zwei Patiencen. Wünschen Sie sich zwei Dinge. Gehen die Patiencen auf, so gehen auch Ihre Wünsche in Erfüllung!« – –

Lotte dachte nach. Sie hätte kein junges Mädchen sein müssen, wenn diese letzte Operation nicht ein wenig Aufmerksamkeit und Erregung in ihr hervorgezaubert hätte. Überhaupt wurden ihr in dieser Beziehung alle Dinge, die sich zum Orakel eigneten, gefährlich! – Sie entblätterte von den ›Akazien‹ – über ›Flieder‹ fort bis zum ›Gänseblümchen‹ alle Blumen und Blätter. Sie zählte Knöpfe, Laternen, ja sogar Pflastersteine auf »Ja« oder »Nein« hin ab. – Namen wurden in ihre Buchstaben zerlegt. Die gleichen Lettern abgestrichen und die übriggebliebenen auf: »Liebe – Freundschaft – Sehnsucht – Gleichgültigkeit und Haß!« geprüft. – Ein gefundenes vierblättriges Kleeblatt war das höchste der Gefühle! – – So überkam den lustigen Freigeist, den satirischen Spötter Lotte Bach – denn jetzt doch eine etwas feierliche Beklommenheit. – Sie zergrübelte ihr Hirn hastig nach Wünschen. »Ach was! Gesundheit und Glück wünsche ich selbstverständlich für die Meinen und mich! Daher kann ich jetzt wohl egoistisch nur an mich denken. Also Nummer I wünsche ich mir sehr, wahrhaftig furchtbar heiß – Willi Feller zum Mann! Und Nummer II, es ist eine Schande; aber ich kann mir nun einmal nicht helfen, möchte ich den kleinen, frechen Leutnant Hugo von damals bei Telschow wiedersehen!« – – Sie atmete auf und setzte sich zurecht. Ihre blauen Augen hingen mit gespanntestem Ausdrucke an der Katerbier, die mit der ersten Partie fast fertig war. »Sind Sie bereit?« fragte diese. »Ja!« lautete Lottes Antwort. – – »Bube, Dame, König, Aß! Sieben, achte, neune – – bedaure sehr. Die erste Patience geht nicht auf, Ihr Wunsch ist daher – –« Die Katerbier lächelte mitleidig.

»Ach, du Donnerschock, ich kriege Willi nicht!« sagte sich Lotte innerlich ganz zerknirscht und wurde sehr bleich. Sie sah auf ihre Peinigerin mit fürchterlicher Spannung. Aber ach! Auch die zweite Art dieses Orakelspieles ging nicht auf! – Lotte mußte noch einen Schlüssel im Sande drehen, worauf ihr die Dauer eines gewöhnlichen Menschenlebens prophezeit würde. Dann stach sie mit einem Messer in ein bereits fast zerschnittenes Spruchbuch und erhielt als Resultat das geistreiche Wort: ›Alle Menschen müssen sterben, ihre Herrlichkeit vergeht!‹ – Die Nutzanwendung auf ihr eigenes Leben lag klar auf der Hand. Die Wahrsagerin deutelte auch weiter nicht, sondern blickte Fräulein Bach mißtrauisch und mürrisch an. Das Mädchen war ihr unheimlich! – Sie sollte denn auch bald die Bestätigung all ihres Mißtrauens und ihrer Befürchtungen erhalten. Sie stand abwartend da und blickte mit gierig glitzernden Augen auf das Portemonnaie in der neuen Kundin Hand. Für ihre Wünsche blieb es etwas zu lange geschlossen. Lotte zog erst kaltblütig die Uhr und sagte dann: »So, Frau Katerbier, fünf Minuten nach sechs Uhr begann die Sitzung, jetzt ist es halb sieben. Sie hatten also noch kaum eine halbe Stunde mit mir zu thun. Eine Taxe fürs Kartenlegen giebt es nicht. Ich berechne daher nach dem Honorar, das meine Freundin, eine geprüfte Lehrerin, für die ganze Stunde erhält. Dieses beträgt eine Mark fünfzig Pfennig. Also gebe ich Ihnen für die Hälfte der Zeit auch die Hälfte des Preises. Bitte, hier sind fünfundsiebzig Pfennig. Ich danke für Ihre Bemühung!« –

Sehr energisch legte sie das inzwischen abgezählte Geld auf den Tisch, nickte der grünlich schimmernden Katerbier, die wie begossen dastand, zu und sagte zu Grete gemütlich: »Na, komm, mein Herz!« – – Das ›Herz‹ hatte sehr betroffen zugehört – und geschaut. Es erhob sich jetzt. Beide Mädchen gingen zu der Thür, ohne daß Frau Pythia sie wie sonst in kriechender Höflichkeit begleitete. Sie mußten sich den dunklen Korridor entlang tappen, die Entreethür öffnen und selbst schließen. – Hinter ihnen wetterte und fluchte die enttäuschte Alte jetzt mörderisch her. –

Erst auf der Straße löste sich Gretes Zunge zu einem empörten Wortschwall: »Na, das nimm mir nicht übel!« brach sie los, »bist du wahnsinnig oder so bodenlos frech? Erst beschwindelst du die arme Frau und dann kürzst du noch ihren Verdienst. Was soll das bedeuten?« – – »Daß ich mich nicht zum Narren halten und noch obendrein beschupfen lasse!« erwiderte die Gescholtene kühl, »hoffentlich hast du durch mein Manövrieren jetzt den ganzen Mumpitz durchschaut! Hätte ich als Fräulein Bach hier gesessen, so hätte die alte Schwindlerin Dich durch ihr richtiges Erraten ganz gefangen. Dann wärst Du stets in ihren Banden. So hast Du ihre Phrasen, die ganze dumme Mache beobachten können. Sie biß auf jede Angelschnur an, die ich ihr hinwarf. Und für all die Dummheiten, die ich Dir nachher viel hübscher und blendender vormachen will, sollte ich drei Mark bezahlen? Nee, mein Kind, so haben wir nicht gewettet! Im übrigen legen wir Deinen Thaler und meine sieben ein halb zusammen, und jeder berappt die Hälfte. So ist es gerecht und billig! Also kriegst Du von mir noch eine Mark zehn. Den restierenden Sechser büßt du ein, zur Strafe für Deinen Anschrei!« – –

Aber Grete war auch halsstarrig. Sie nahm Lottes ›Almosen‹ nicht an. Beide kabelten noch ein Weilchen über die Berechtigung von Kartenlegen hin und her. Zuguterletzt gab Fräulein Thronick wenigstens zu, daß die Katerbier oder wie Lotte konsequent sagte, die »Bierkatze« eine Schwindlerin sein mochte. Und das war für Lotte schon ein bedeutendes, gewonnenes Terrain. Sie ließ sich von der Freundin getreulich erzählen, was dieser prophezeit war. Durch gehöriges Zerlegen der Einzelheiten schwächte sie die Wirkung erheblich ab. »Da hast Du es, das alte Gestell hat gemerkt, daß Du für alles sehr empfänglich bist, darum hat sie Dir Sachen vorgeschwatzt und das Herz schwer gemacht. Das hat sie bei mir nicht gewagt. Solche Weiber sehen sich ihre Kunden genau an, das kannst Du mir glauben!« – –

Der Besuch bei Frau Katerbier wurde dem Schatze der Erinnerungen einverleibt und ad acta gelegt. – Einige Tage danach holte Lotte Alice Hutten zum Spaziergang ab: »Ich habe einige Einkäufe für Mutter am Dönhofsplatz zu machen, Frau Doktor. So wird es eine ganze Weile dauern, ehe wir zurück sein können. Ängstigen Sie sich also nicht, wenn wir erst zum Abendbrote wieder da sind. Die Schaufenster sind jetzt so verlockend, und man kann sich schon immer Geschenke für Weihnachten ansehen!« – »Ach, am Dönhöfsplatze, nein, Lotte, das kommt mir wie gerufen, das ist ja famos!« rief Frau Doktor Hutten entzückt. »Ich habe mir bei Kriegel dort, Alice kennt das Geschäft, eine neue Façon gekauft. Jetzt paßt die Farbe nicht zu meinem Wintermantel und steht mir gar nicht. Bitte, nehmt sie daher und geht mit heran! Ihr gebt diese einfach ab und nehmt genau dieselbe in schwarz, verstanden?« – –

»Aber, Mama, das kann ich doch morgen bei Tage besorgen, da sieht man auch viel besser!« wandte die Tochter ärgerlich ein. Jedoch die Mutter entgegnete ruhig, indem sie mit dem Finger gegen die Stirn tippte: »Weiß Gott, Du bist doch zu unpraktisch und änderst Dich nie! Heute seid Ihr in der Gegend, seid auf dem Platze! – Das wäre doch mehr als verrückt, wenn Ihr, respektive Du, morgen extra noch einmal hingeben oder fahren wolltet. Der Weg ist kein Katzensprung!« – »Aber die Farbe?« sagte auch Lotte schüchtern und zupfte hinten an der Freundin Rock. – »Schlaukopf, schwarz bleibt schwarz und pflegt abends nicht rot auszusehen!« meinte Frau Doktor lachend. Sie packte ungerührt die unselige Filzfaçon in die Firmentüte und reichte sie der Tochter. Diese drehte sich nach Lotte um, warf die Blicke verzweifelt zur Decke und machte ein wütendes Gesicht. Auch die andere zog ihren roten Mund zur gewaltigen Brummschippe. Jedoch es half den beiden nichts! – Sie zogen sich zum Ausgange gleich nach dem Kaffee an, und Alice ergriff das ganz anständige Paket. Vor dem Hausthor blieb sie stehen und stampfte mit dem Fuße auf: »Ach du Esel, wie kamst du nur gerade unglücklicher Weise auf den Dönhofsplatz?? – Hättest du doch bloß Bellealliancestraße oder Hinterpommern gesagt!« – »Na, weißte! Ich kann auch nicht riechen, daß deine Mutter gerade einen Umtausch bei Kriegel vorhat!« – »Das ist ja richtig; aber was machen wir bloß?« – »Eins ist mir klar, wir gehen auf keinen Fall selbst. Wir schicken irgend jemand hin! Kennst du keinen Menschen, der für fünfzig Pfennige und Pferdebahnvergütung den Weg übernimmt? – Mir fiel in dem Momente absolut nichts Anderes ein. Ich suchte nach einer anständigen Entfernung,« entschuldigte sich Lotte.

»Wie spät ist es schon? – Drüben ist 'ne Uhr! Schon halb sechs! Um sechs kommt dein Willi aus der Klinik, da müssen wir zufällig durch die Karlstraße gehen, und um sieben Uhr wird das Bureau geschlossen, und Franz fährt zu seiner Mutter. Er benutzt dazu die Pferdebahn nach Schöneberg. Der Pfahl ist gerade vor dem Hause. So daß es wirklich der Zufall sein kann, wenn wir just auch da einsteigen!« sagte Alice, die Zeit berechnend. – »Wie hast Du denn das 'rausgeknobelt?« – »Höchst einfach, Franz war doch neulich mein Tischherr. Da hat er mir erzählt, daß er die größte Lust hätte, sein Telephon abzubestellen. Seine Schwestern und Cousinen benutzten es fortwährend, um mit ihm zu plaudern. Sein Kompagnon und seine Schreiber lachten schon immer und meinten, ›die‹ Praxis ginge am besten!« – »War er wieder so nett?« – »Ach, süß? – Du, ich sage Dir, ein himmlischer Mensch! Ich kann es wohl verstehen, daß alle hinter ihm her sind! – – Also ich habe heute früh einfach als Fräulein Julie Ullrich angeklingelt und gefragt, wann der Herr Rechtsanwalt fortginge und ob er nicht zu uns – Ullrichs – abends kommen könnte? Ich würde um Mittag wieder anklingeln. Das habe ich natürlich erst gethan, als er fort war. Da erhielt ich denn den sehr angenehmen Bescheid: ›Der Herr Rechtsanwalt bedauere sehr, aber er hätte sich bei seiner Mutter angesagt. Er käme bestimmt in der nächsten Woche.‹ So weiß ich doch, woran ich bin und kann mit ihm noch das lange Ende zurückfahren. Ich stelle Dich dann vor!« – »Gut,« meinte Lotte, »ich werde Dich schon diskret herausstreichen. Soll ich etwas von deinen Ballerfolgen einfließen lassen?« – »Gewiß; aber vorsichtig und mit Maß, Lotte! Wenn es geht, streue den Namen Heinz von Miller ein. Ein Leutnant imponiert stets. Du verstehst das famos!« – »Ach,« meinte Lotte geschmeichelt, »das ist garnicht so gefährlich! Man muß es nur geschickt anfangen. Also Heinz kommt vor, und wenn ich ihn bei den Haaren herbeiziehen soll! – Doch nun, was machen wir mit dem niederträchtigen Filzdeckel?« – »Weiß der Deibel!« –

Die jungen Damen gingen langsam weiter. Sie überlegten hin und her, was sie thun sollten, um die Besorgung von sich abzuwälzen. – Kühnes Älteste, die sonst für Bachs manchmal Botengänge that, war nicht zu Hause. Ein zweiter Versuch mißglückte auch. »Höre 'mal, Alice, wir verlieren nur Zeit, das ist ein Unsinn!« sagte Lotte endlich. »Ich mache Dir einen Vorschlag. Du fährst zu Kriegel, tauschst den Hut und wartest nachher bei Deska Reichel auf mich. Das sieht auch viel natürlicher aus, wenn wir in der Leipziger Straße mit der firmierten Tüte warten! Die zeigen wir deinem Franz und erzählen ihm, daß wir gerade vom Dönhofsplatz kommen, und da wir müde sind, die Pferdebahn nehmen wollen. Nicht wahr?« – – »Das ist nicht dumm!« bestätigte die Freundin ausatmend. »Aber dann bist Du doch die ganze Zeit in der Karlstraße allein. Und wie ich Dich kenne, läufst Du sofort weg, wenn Du Feller auftauchen siehst!« – – »Das mag schon stimmen, Alice, aber dann habe ich ihn doch wenigstens gesehen!« sagte Lotte glühend. – »Nein, du sollst ihn aber sprechen! Ihr seht und sprecht euch jetzt sowieso selten genug!« widersprach die andere. – – »Leider! Ach, wenn er doch bloß nicht so schüchtern und so sanft wäre. Das Schaf hätte längst wieder bei uns Besuch machen sollen. Das heißt – – – einerseits bin ich ja froh, daß er nicht kommt, sie machen mich rein verrückt mit der Neckerei! – – – Stets fragen alle Verwandten und Bekannten, was der schöne ›Antinous‹, mein sanfter Verehrer, der junge Arzt mache? Manchmal hasse ich ihn rein, so verderben sie mir die Lust an ihm. Er ist auch für einen jungen Mann fast zu ernst und still, zu musterhaft und geleckt!« – – »Neulich soll er als ›alter Herr‹ riesig schneidig eine Fidelitas im Corps kommandiert haben. Seit mein Vetter sein Leibfuchs ist, höre ich viel von ihm, und Heinz sagt: ›Feller würde ein anderer Mensch, wenn er nicht ewig bei seiner Großmutter und der kranken Mutter hockte.‹ Dem fehlte bloß ein bißchen Rauskommen, dann würde er nicht zum wiedererkennen sein. Wenn er sechs Seidel intus habe, sei er garnicht mehr derselbe!« – – »Ach, wa – haftig?« Lotte strahlte. »Warum sehe ich ihn nie beschwipst? Zu schade! Na, bei dem Millerschen Ball lege ich's darauf an, daß er sich einen kleinen Affen kauft! Ich will ihn auch mal forsch sehen. Vielleicht sagt er mir dann wieder etwas Liebes, so wie früher. Aber das Schaf hält sich furchtbar zurück. Früher blieb er in einem Erklären!« – – »Du, das ist jetzt ein Mann. Da weiß er, daß seine Worte eine ganz andere Tragweite haben. Und von seiner Praxis könnt Ihr noch nicht leben!« – – »Ach hör' auf, so weit denke ich garnicht!« – – »Du bist aber alt genug dazu, Lotte! Du bist die alte Range nicht mehr!« – – »Beinah glaube ich es selbst! Wenn nicht ab und zu ganz tolle Anfälle von dem alten Übermute über mich kämen und mich förmlich zu Streichen zwängen, dann würde ich mich verlorengeben! Aber sie tauchen sporadisch auf und sind anscheinend unheilbar!« –

Sie waren am Potsdamer Platz angelangt: »Höre, Lotte, es ist spät genug! Wir beide wollen unsere heutigen Vorhaben nicht aufgeben. Also werde ich deinen Vorschlag annehmen. Ich gehe zu Kriegel und warte auf dich bei Deska Reichel. Inzwischen fahre du schnell bis zur Karl-Ecke Friedrichstraße und gehe langsam an der Klinik vorbei. Dann kommst du schnell mit dem Omnibus nach der Leipziger und gehst das Stückchen 'rauf. Du hast reichlich Zeit und brauchst dich nicht abzuhetzen. Dafür komme ich Montag bestimmt mit dir, und wir warten solange, bis wir ihn treffen! – – »Gut, Kleines, dann stiebele los! Du wirst auch nicht wissen, was du mit der Zeit anfangen sollst! Na, im schlimmsten Falle liest du in der Konditorei die Journale, wenn es die Erwartung und die Ungeduld zuläßt. Glück auf!« – – »Wir sehen uns doch noch vorher, also zuerst wünsche ich dir Glück auf! Hoffentlich siehst und sprichst Du ihn heute einmal gründlich. Dann, ich bitte Dich, Lotte, sei nicht so unausstehlich zu ihm, sondern zeig' ihm einmal ein wenig Deine wahren Gefühle. Wie Du Feller behandelst, muß er ja stutzig und zurückgeschreckt werden. Und meinst Du, es gäbe nicht genug andere Mädchen, die sich seiner willig erbarmen würden?« – – »O ja!« entgegnete Lotte seufzend und starrte in das Wagengetriebe. »Du, Du, sieh, da! da!« – – »Was denn, was denn?« schrie Alice, sich wie eine graziöse Eidechse um sich selbst drehend. »Du, ich wette, nein, ich habe mich sicher nicht getäuscht. In der geschlossenen Droschke fuhren Julia und Hohenthal zusammen. Nein, die treiben es doch zu arg!« – – »Gewiß, so weit würden wir nicht gehen, dabei sind sie noch immer nicht verlobt!« – – »Nein, man sagt sogar, daß der Oberstleutnant nicht mehr die Ehe wünscht, weil Hohenthal jeut und schon jetzt mehr Schulden als Haare auf dem Kopfe hat!« – – »Ein ekelhafter Bengel und so blasiert. Mit uns Bürgerlichen zu sprechen, ist für ihn förmlich eine Herablassung. Kannst Du Julia verstehen? Ein so schönes Mädchen!« – – »Nee, ich habe ihr neulich die Leviten gelesen und mich fast mit ihr verzankt; aber mit ihr ist nichts zu machen. Sie ist in Grund und Boden verdorben! – – »Ja, sie wird wie ihre Mutter, vielleicht noch schlimmer! Es ist gut, daß wir unsern Verkehr jetzt etwas steifer eingerichtet haben. Wir passen nicht zusammen! Doch nun, Lotte, da kommt Dein Wackelkasten. Es ist Zeit, adio!« – –

»Adio, Alix, 'rin ins Vergniegen. Ach hoffentlich – – Mir sind schon wieder die Füße und Hände eiskalt vor Aufregung. Man ist doch ein zu großer Kaffer! Warum kann man nun nicht einfach zu einem Manne sagen: ›Du, ich habe Dich so, so, so maßlos lieb.‹ Dies ewige Versteckspielen und Lügen in der Welt! Äx pfui, ich spucke auf die ganze Verfeinerung der Mensch – –«

Lotte hatte weder Zeit zum Spucken, noch zum Ausreden. Sie mußte schleunigst auf den Omnibus springen, wo sie gerade noch einen Sitzplatz ergatterte. Hastig nickte sie der Freundin zu, die ihr noch mahnend: »Deska Reichel!« zurief. Dann hottelte sie los. Als sie ihr Billet empfangen, lehnte sie sich zurück und schloß die Augen, um den inneren Stimmen besser lauschen zu können. Es wogte in ihr von Gefühlen und Hoffnungen. Ihr zärtliches Herz sehnte sich nach dem Geliebten und nach dem Augenblicke, wo sie ihn wiedersehen, ihn sprechen konnte.

»Heute will ich aber keine Borste sein, heute will ich ihn nicht quälen. Ein einziges Mal werde ich mich ihm wirklich offenbaren, damit er mich nicht für das unausstehliche Ding hält, als das ich mich ihm immer gezeigt habe! Ach Willi!« dachte das junge Mädchen. Sie lächelte vor sich hin und wußte garnicht, wie gut ihrem frischen Schelmenantlitz diese weiche Lieblichkeit stand.

 

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