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Die Berliner Range - Neue Bekenntnisse. Band I.

Ernst Georgy: Die Berliner Range - Neue Bekenntnisse. Band I. - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Georgy
titleDie Berliner Range - Neue Bekenntnisse. Band I.
publisherVerlag von Rich. Bong.
yearo.J.
firstpub1900
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140611
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5. Kapitel. Das erste Rendezvous im Tiergarten und die Tanzstunde

»Hab dich man nich, Lotte! Uns imponierste noch lange nich mit den längeren Röcken und dem aufgesteckten Zopp!« sagt Max Helm zornig. – »Eins kann ich dir nur sagen, und das finden alle: du warst ville netter, als du noch mit uns spieltest. Die dämliche Ziererei und das Damengethue könnste noch dreist ein paar Jahre aufsparen. Mit fünfzehn haste dazu noch kein Recht!«

»Und daß du in die obere erste Klasse 'ringerutscht bist, ohne eine Bemerkung im Betragen, das is so ein wunderbarer Zufall, daß die ganze Annenschule Kopp steht!« – fügte Franz Haffner hinzu. – »Ich hab's aber auch Fritzen geschrieben, daß du uns gegenüber jetzt die Stolze 'rausbeißt, na warte man!«

»Mein Oller sagt, wenn ihr Mechens keine Lust mehr habt, mit uns Jungens zu spielen, dann lauft ihr mit euren Freundinnen 'rum, habt Liebesgedanken und werd't sentimental. Dann seid ihr die echten Lullenputen!« – – »Lullenputen is jut!« – griff Franz auf. – »Das Wort kannte ich noch gar nich, aber es stimmt! Siehste, Lotte, is es nich häßlich, daß deine alten Spielkameraden nun zu dir ›dumme Lullenpute‹ sagen müssen?« –

Der schwermütige Klang seiner Stimme, das aufrichtige Bedauern ihres langjährigen treuen Verehrers verfehlte auf Lotte ihre Wirkung nicht. Sie seufzte tief und strich traurig über ihre kleine Schürze. »Mein Gott, kann ich denn dafür, daß ich älter werde und nich mehr so verrückt mit euch 'rumtoben kann?« – entgegnete sie fast weinerlich. – »Ich möchte ja auch viel lieber noch recht ruppig sein! Aber wa – haftig, es geht nich mehr so! Alle Menschen lachen mich aus. In der Schule nennen sie mich ›Baby‹ und ›Puttchen‹, weil ich noch keinen richtigen Liebhaber habe, sondern bloß schwärme! Und empörend finden sie es, wenn ich mit euch 'rumtobe und noch mit Puppen spiele? – Alice hat ihre alle weggepackt, und nächstens thue ich es auch! Man kann sich doch nicht immer auslachen und necken lassen!« – Sie sah traurig zu Boden. – »Schade, gerade jetzt habe ich so niedliche Sachen für Feodora und Iwan geschneidert! Na, was nich geht – geht nich! Aber« – – sie seufzte – »eins kann ich euch im geheimen anvertrauen: es ist scheußlich, erwachsen zu werden, eklich einfach! Seht nur, wie einem die Kleidage um die Beine baumelt! Auf keinen vernünftigen Baum kann man mehr 'rauf, – – und vorhin bin ich, ich!, von der Kletterstange 'runtergerutscht! Und mit meinem Zopf kann ich euch auch nich mehr verwichsen, Mutta – hat ihn mir zum Mozartschwanz aufgebunden – gräßlich! – Und kränken thu' ich mich, weil ich mich noch obendrein anstellen muß, als ob mir diese verdammtigten Bändigungsmittel: ›der Zopp und die längere Kleidage‹ gefielen! Es ist schrecklich, alle mißverstehen einen! Keiner weiß, wie unglücklich ich mich fühle, tief, tief unglücklich! Wenn Grete nich wäre und allenfalls meine anderen vier besten Freundinnen, dann wüßte ich nich aus noch ein! Ich sage euch, es frißt an mir!«

Die Jungen hatten aufmerksam und bedauernd gelauscht. Lotte, ihre lustige, alte Kameradin, sprach mit so gramvoller Stimme, schien so bedrückt. Sie sah ordentlich blaß aus. Nicht einmal Max wagte zu fragen, was denn so Furchtbares an ihr fräße? Sie waren sich in der letzten Zeit etwas entfremdet. Schließlich saß Lotte schon in der obersten Schulklasse! Sie las Romane und mußte sich schon kleine Schäden an ihren Kleidern und Sachen selbst ausbessern! Sie nahm an keinen Streichen gegen Hausbewohner und Haustiere mehr Anteil! Sie mied oft den geliebten Garten und strich mit ihren Freundinnen im Tiergarten herum, unerschöpflich in Gesprächsstoffen! Seit ihrem Geburtstage trug sie sogar eine Uhr. Und diese wurde so oft hervorgezogen, gestellt und untersucht, daß sie bereits zweimal beim Uhrmacher war! Sie hatte die Reparaturen von ihrem eigenen Taschengeld bezahlen müssen! – Das alles vereinte sich zu einer vorläufig noch unsichtbaren, aber schon unüberbrückbaren Kluft, die sie von ihren einst unzertrennlichen Spielkameraden trennte. –

»Das Schlimmste ist, daß du häkelst!« –meinte Max. – »Wenn wir Männer diese niederträchtige Häkelei nur sehen, dreht sich uns das Herz im Leibe 'rum. Häkeln und Abzählen is gut für die Dummen und für alte Tanten; aber du? – – Pfui! Puppenkleiderschneidern war auch schon gräßlich; aber ›die‹ Geschichte is noch doller: 's liegt so 'ne geschwollene Tugend drin!« – »Nee, ich finde am dollsten, daß du jetzt aus allem so 'ne Geheimnisse machst! Ewig wispert und pispert ihr euch in die Ohren und werdet rot! Man geniert sich ordentlich, daß man geboren is, wenn man dabei sitzt und nichts hören darf! Und ewig stoßt ihr euch an, und tretet euch auf die Gebeine und grinst! Pfui Deibel, es giebt nichts Scheußlicheres als so 'ne halbgaren Weiber, es ist wie bei den Semmeln: An einer Stelle könnte es ganz gut schmecken; aber dann, kommt plötzlich der Klietsch: feucht und klabbrig, pfui!« – Franz reckelte sich im erwachenden Bewußtsein seiner männlichen Überlegenheit, nachdem er erst gründlich seine Verachtung durch Ausspeien bekundet.

»Ferkel! Du gewöhnst dir jetzt Schweinereien an, die mir noch lange nich passen!« – rief Lotte plötzlich energisch. – »Glaube nicht, daß ich dir nich noch heute eine latschen kann? So ein Jammergreis bin ich denn doch noch nich! – – – Im übrigen, p – – wozu verschwende ich meine Zeit an dumme Jungen, die mein Innerstes doch nie verstehen und würdigen können! Da stehen mir doch noch ganz andere Herrenkreise offen! Nee, ich bedanke mich!« – Sie erhob sich und verließ den Garten. »Du, wenn du uns dumm kommst, werde ich dir mal aufs Dach steigen und die Futterluke fegen, da scheint mir viel Unsinn festzukleben!« – brüllte Franz hinter ihr her. Mäxchen begnügte sich mit den verächtlich geschrieenen Worten: »Jammerlappen, Schafsnase – – –, dämliches Weibsbild – – – was du dir einbildest! P – – p! Auch ein Mensch!!? Hahaha!«

Lotte kehrte sich nicht daran. Obgleich ihr Kleid noch nicht bis zum Knöchel reichte, nahm sie den Rock hinten auf. Das erweckte den Anschein, als ob er bereits schleppte! Sie zuckte nachlässig mit den Schultern, wiegte sich in den Hüften und schritt damenhaft gravitätisch bis zur Gartenthür. – Dort kam die alte Lotte noch einmal zum Vorschein. Denn: sie drehte sich um, wandte sich nach der Laube zurück und bläkte lang die Zunge heraus, wonach sie: »Affenschwänze!« schrie, und dann im Trab über den Hof raste. Etwas Angst hatte sie denn doch! –

»Minna, is Mutta – – da? Oder hat Fräulein Hutten irgend etwas bestellen lassen?« – fragte das Mädel oben, in der Küchenthür stehen bleibend. – »Ja, Fräulein Lottchen, die gnetche Frau is vorne! Un was Fräulein Alice is, is se man eben mit ihre Spazierfranzösche anjerückt. Jehen Se man jetrost rin!« – – »Minneken!« – sagte Lotte schmeichelnd – »Sie pantschen da wieder Appelmus zusammen, was? Sein Sie jut, und schenken Sie mir einen halben von den großen, sauren, grünen!« – Die Küchenfee reichte dem vernaschten Geschöpf gnädigst eine Apfelhälfte. Das Wasser rann ihr im Munde zusammen, als sie ihren Liebling das ätzende Gewächs so ungestört zerknirschen hörte. Nachdem Lotte fertig war, wischte sie sich mit dem Handrücken über den Mund und eilte in den Salon. Dort begrüßten sich die Freundinnen, als ob sie sich vier Jahre nicht gesehen hätten. –

»Lotte, deine Mama hat's erlaubt!« – – »Was denn, darf ich mitgehen?« »Nee, noch besser! Rate mal!« – – »Gehen wir ins Theater?« – – »Noch feiner!« – jubelte Alice. »Also was? Spanne mich nicht auf die Folter!« – sagte Lotte ungeduldig. – – »Du darfst die Tanzstunde mitnehmen, Maus! Hurra! Julia, du und ich und neun andere Mädels. Zwölf Herren sind auch schon bereit, so daß wir gerade zwölf Paare sind. Der Zirkel ist also geschlossen! Und damit unsere Eltern keine Scherereien haben, findet die Stunde bei Fürich im Saale statt. Er stellt auch den Klavierspieler. Ist das nicht himmlisch?« – Zuerst stand Lotte wie betäubt, dann aber umfaßte sie die Freundin mit einem Jauchzer. Beide tanzten ausgelassen im Zimmer herum. Darauf fielen sie über die Geheimrätin her und streichelten und küßten sie in überströmender Dankbarkeit.

»Na, na, laßt mich nur am Leben!« – rief diese lachend. – »Und nun macht, daß ihr fortkommt und nutzt das schöne Wetter aus. Wie lange soll Mademoiselle denn noch auf euch warten. Eil dich, Kind, die Alice hat dir noch Säcke voll Neuigkeiten zu berichten. Sonst werdet ihr wieder vor Tisch nicht fertig und begleitet euch gegenseitig so oft nach Haus, daß wir wie neulich mit dem Mittagessen warten müssen! Und dann bitte ich mir aus, daß die Unterhaltung in französischer Sprache geführt wird, nicht wahr, Mademoiselle?« – Bachs teilten sich mit Huttens in das Honorar der Stunden, daher die Sorge! Die Französin lobte die jungen Mädchen so sehr, daß Frau Bach fast mißtrauisch wurde. –

Lotte stürzte fort und kam im blauen Matrosenjackett, eine ebensolche Mütze auf dem Kopfe zurück. Sie sah sehr appetitlich und niedlich aus. – Die Mutter sah den beiden Backfischchen vom Balkon aus nach. Sie schritten sehr würdig rechts und links von ihrer »Made« dahin. Nur an den eifrigen Bewegungen, dem heftigen bald »Vor- bald Zurückbiegen« sah die Geheimrätin, daß der »Schwatz« schon in vollem Gange war. Als sie den Spaziergang ihrer Jüngsten mit den Augen nicht weiter verfolgen konnte, kehrte sie an ihren Nähtisch zurück. Sie war so froh: Lotte machte sich jetzt etwas! Sie war nicht mehr so furchtbar wild! Ihr Gatte bedauerte von Tag zu Tag, daß aus seiner schneidigen Range sich solch sentimentaler Tugendengel entwickeln sollte! – Tugend? Mein Himmel! Davon war Lotte Bach allerdings noch weit entfernt!

Die drei Promenierenden waren inzwischen in den Tiergarten gelangt, der in den bunten Herbstfarben von einer ergreifend schwermütigen Schönheit war. Unwillkürlich verstummten die Plappermäulchen hier ein wenig. Man bog über die kleine Brücke zu dem Platz ein, wo das Denkmal unserer edlen Königin Luise prangt. – – Auf dem Plateau um das Bildwerk wanderte ein großer blondbärtiger Herr ungeduldig hin und her. Ab und zu schaute er spähend nach allen Seiten aus. Jetzt erblickte er die Nahenden. Sein gutmütiges Gesicht erstrahlte. Er blieb stehen und grüßte: »Na, Made, nun genieren Sie sich nicht! Da wartet Ihr Bräutigam schon! Gehen Sie ruhig mit ihm spazieren. Wir treffen uns pünktlich in einer Stunde da oben bei den Bänken!« – sagte Alice in mütterlichem Tone. »Gewiß, grüßen Sie Herrn Schulze schön, und thun Sie Ihren Gefühlen keinen Zwang an, Made! Wir können Ihnen das nachfühlen und werden Sie nicht verpetzen!« – setzte Lotte hinzu. –

Die Französin erklärte sie für die »reizendsten barmherzigsten Engel der Welt«, »von einer Güte, wie man sie nur unter den deutschen jungen Damen und niemals in Frankreich fände«. Sie wimmerte ihnen vor, daß sie ihren Bräutigam nur auf kurze Zeit spät am Abend sehen könnte, und daß diese, ihr so gütig verliehene Plauderstunde, der einzige Lichtblick ihres düsteren Lebens sei! – Alsdann eilte sie mit zierlichem Getrippel auf Herrn Schulz (»Ärn Zülz«) zu und verschwand mit ihm in einer einsamen Allee. – »Das arme Ding, was hat sie nun von ihrem Dasein? Kann ihren Bräutigam kaum sehen! Wenn wir ihr nicht ein bißchen hülfen, wäre es trostlos!« – meinte Lotte bedauernd. »Aber treu ist sie doch nicht!« – tadelte Alice. – »Findest du es nicht auch komisch, daß sie jetzt schon den dritten Bräutigam hat, seit wir sie kennen? Erst war es Herr Maier, dann Herr Müller und jetzt Herr Schulz!« – – »Na, wenn es eben Schufte waren, die sie im Stiche ließen? Hoffentlich heiratet sie Schulz wenigstens! Sonst könnte man sich förmlich schämen, daß unsere deutschen Männer so treulose Kerle sind!« – – »Weißt du, Julia hat Blick für so was, und die hat mir gesagt: Made sei ein toller Flick und färbte sich auch!« – – »Is nich wa – –!« – entrüstete sich Lotte. – – »Immer will man ihr was am Zeug flicken! Sie hat so dunkle Augenbrauen und so gelbblonde Haare! Julia soll man still sein, die hat sich neulich mit dem Fähnrich von Hochthal bei Telschow in der Konditorei getroffen! Drei Apfelkuchen mit Sahne hat sie sich von ihm bezahlen lassen! Pfui, ich finde das einfach unanständig! Wie kann man sich das, was man ißt, von einem Herrn bezahlen lassen?« – – »Aber, Lotte, das ist doch selbstverständlich, die Dame kann doch nicht ihr Portemonnaie 'rauskrabbeln und berappen, wie sähe das aus?« –

»O bitte, unsere Minna hat mir erst gestern erzählt, wenn sie mit ihrem – dem Feldwebel, Klein, Sonntags ausgeht, bezahlt sie immer ihre Portion! Neulich hat sie sogar seine auch bezahlt; weil er sein Geld vergessen hatte. Und gerade da hat er acht Seidel getrunken, und drei Bockwürste mit Kartoffelsalat gefuttert, doll – was?« – – »Das sind doch Dienstmädchen, die denken über so was anders!« – widersprach Alice. – »Aber sie denken richtig. Bedenke doch, sie verdienen doch ihr Brot und sind selbständige Menschen, da brauchen sie sich doch um so 'n bißchen Geld nich lumpen lassen. Sonst denken die Männer noch, man liebt sie um der Apfeltorte willen! Nee, wenn ich mal verlobt oder verheiratet bin, dann kann er Pferdebahn und Konditorei auslegen. Dann is es schließlich eine Sache! Aber solange das nicht der Fall ist, zahle ich selbst, basta! Im übrigen werde ich mal die Eltern fragen!« – – »Na eben, wir brauchen uns darum noch nicht den Kopf zu zerbrechen!« – rief Alice zerstreut. – »Was sagst du nur zu meiner Diplomatie, bin ich nicht schlauer als Bismarck? Ich sage dir, es war keine Kleinigkeit, Heinz von Miller mit Willi Feller bekannt zu machen und den zu veranlassen, sich durch Fürich in unsern Tanzstundenzirkel einzuschmuggeln. Alles dir zuliebe, Kornblume!« – – »Lichtnelke, du bist ein Engel!« – rief Lotte dankbar und umarmte Alice und küßte sie.

»Das ist ja beneidenswert!« – sagte plötzlich eine tiefe männliche Stimme dicht neben ihnen. Die Mädchen stoben errötend und verlegen auseinander. Mit einem heißen Entzücken erkannte Lotte ihren angeschwärmten Studenten Willi Feller. Er trug die bunte Mütze seines Korps, das breite Band über der Brust und den Bierzipfel. Auf seiner rechten Wange prangte ein starker roter Schmiß. Wie schön er war!

»Guten Tag, meine Damen, ich freue mich, Sie so unvermutet zu treffen! Sie, gnädiges Fräulein, habe ich erst gestern gesehen; aber Fräulein Bach gehört leider zu den Unsichtbaren!« – – Er sah dabei Lotte tief in die Augen. Sie kniff Alice in den Arm und lachte vor lauter Verlegenheit ganz vergnügt. – »Na, nich flunkern, Herr Feller!« – rief sie. – »Erstens ist so 'ne Dicke wie ich nicht so leicht unsichtbar! Und zweitens haben Sie mich doch erst neulich beim Schokoladenhildebrandt vor der Thür getroffen. Wissen Sie denn nicht, ich holte mir für Papas Krabelsechser gerade gebrannte Mandeln!« »Was ist denn ein Krabelsechser, gnädiges Fräulein?« – – »Das wissen Sie nicht; aber Herr Feller? Ich krable meinen Vata – manchmal abends hinterm Ohre. Das liebt er sehr, und dann schenkt er mir immer 'n Sechser. Nobel – was?« – – »Sehr, da müssen Sie ja reich werden!« – erwiderte er lächelnd. – »Nee, nich sehr, wissen Sie, ich verfuttere ein Vermögen, und in der vorigen Woche habe ich so viel neue Hefte und Puppenhüte gekauft, daß mein Taschengeld hin ist! So was geht durch Mark und Pfennige! Jetzt habe ich nur noch sieb'neinhalb!« – – »Darf ich Ihnen mit meiner Kasse zu Gebote stehen?« – – »Na, erlauben Sie mal! Sie sind doch keine Pumpstation! Und dann, wie kann man so renommieren? Ein Student hat doch für andere kein Geld mehr, wenn schon der fünfundzwanzigste ist?« – neckte sie lachend. – »Für Sie,« – er betonte das Fürwort stark – »habe ich immer alles! – – Und wenn es auch selbst mit den größten Opfern zu erkaufen wäre!« – Sie schwieg und wandte sich etwas fort. Diese Höflichkeiten waren ihr ungewohnt und daher unbehaglich.

Herr stud. med. Feller war klug genug, sich jetzt schleunigst an Alice zu wenden: »Raten Sie einmal, gnädiges Fräulein, mit wem ich mich hier in fünf Minuten verabredet habe?« – – »Ja, wie soll ich denn das wissen?« – – »Verrät es Ihnen Ihr Herz nicht? – – – Denken Sie einmal nach!« – – Alice war jetzt an der Reihe, rot zu werden. Sie wollte aber ihre Gefühle nicht preisgeben und schwieg, anstatt einer Antwort mit den Schultern zuckend. – – »So will ich es Ihnen verraten!« – fuhr er fort. – »Herr Fähnrich von Miller wird hier sogleich eintreffen. Sehen Sie, wenn man vom Wolf spricht, hört man ihn heulen! Dort biegt er gerade um die Ecke!«

Wirklich kam Julias Bruder herbeigeeilt. Er war ein langer hagerer Bursche mit einem faden Offiziersgesicht, aus dem einige weißblonde Härchen oberhalb der Lippe starrten. Sein Teint war noch recht unrein; wie sein ganzer Einfluß und Reiz auf die jungen Mädchen auch hauptsächlich in seinem witzigen und frechen Mundwerk bestand. Er schwärmte beständig von zukünftigem Kriegsruhm und Heldenthaten, prahlte mit seinen »kolossalen Erfolgen bei Damen« und behandelte diese hochmütig von oben herab. Aber damit kam er glänzend vorwärts, wozu auch seine Uniform beitrug. – Jedenfalls fand Lotte bei einem heimlichen Vergleich, daß »ihr« Willi neben »Heinz« ein Ausbund an Schönheit und Vornehmheit war! – Unwillkürlich sonderten sich bald nach der Begrüßung zwei Gruppen. Alice und Heinz schlenderten links um die Rousseau-Insel herum. Lotte und Willi schlugen den rechten Weg ein und ließen sich in der noch ganz ansehnlichen Wärme der letzten Oktobersonne auf einer Bank nieder. Sie sahen sinnend auf das Wasser, auf dessen Oberfläche zahllose Blätter schwammen: »Sehen Sie, Fräulein Bach, so habe ich es mir in meinen kühnsten Träumen ausgemalt! Mit Ihnen allein in Gottes freier Natur zu sitzen – – – Jetzt ist der Traum in Erfüllung gegangen!« – Er seufzte. – – »Ach – Quatsch!« – entgegnete Lotte herb. – »Erst erklären Sie mir bitte, wie Sie beide auf einmal so dicke befreundet sind? Und – wie Sie gerade jetzt beide hier in den Tiergarten kommen? Irgend ein Mumpitz steckt doch dahinter?! Sicher hat Julia geplaudert! So 'ne olle Kuppeltante!« – – »So zürnen Sie, wenn ich jedes Mittel versuche, um mich Ihnen zu nähern, Fräulein Bach? Ich bin ja so glücklich, daß ich endlich – –«

»Nein, ich zürne gar nicht, Herr Feller, ich freue mich sogar wie 'n Mops. Aber nur, weil ich nichts dazu gethan habe! ›Rendetzfüße‹ liebe ich nicht. So 'ne Zicken mache ich auch nicht! Aber wenn Sie mir nachlaufen, kann ich doch nicht dafür – was? Na, nun sehen wir uns ja auch öfter in der Tanzstunde. Ich freue mich mächtig darauf, Sie auch?« – – Er beugte sich so tief über sie, daß ihr ordentlich schwül wurde: »Wie ich mich mit ganzer Seele darauf freue, das müssen Sie doch wissen, das muß Ihnen doch Ihr eigenes Herz sagen, nicht wahr?« – –

Sie strich über die Stirn, als wollte sie einen Gedanken verscheuchen. Dann schüttelte sie den merkwürdigen Bann ab: »Wenn ich bloß wüßte, was Sie an mir finden, Herr Feller? Sie denken viel zu gut von mir!« – – »Was ich an Ihnen finde, Charlotte? Fragen Sie nicht so grausam! Das quält mich! Ich mag Sie seit Jahren! – – – Lernen Sie einmal die Frauen kennen wie ich! Sie sollten nur sehen, wie man mir nachläuft, mich ans Telephon ruft und mir Gedichte ins Haus schickt!« – – »Pfui Deibel!« – – »Nun ja! Ich bin eine einsame lyrische Natur. Das Leben ist mir eigentlich schon über! Gegensätze ziehen sich aber bekanntlich an! So wirken Sie auf mich wie ein sonniger Maientag! Sie sind klug und witzig, urwüchsig natürlich – – –« »Ja, leider! Mutta sagt auch, ich sei 'ne dolle Range!« – – »Behüte, das ist gerade Ihr Reiz, der zu Ihren lachenden Schelmenaugen, Ihrem Borstdorfer Apfelgesichtchen paßt. Gerade, weil Sie nicht wissen, wie entzückend Sie sind, haben Sie mich erobert!«

»Ach wonnig! Nu brat mir einer 'n Storch!« – schrie Lotte begeistert. – »Wenn ich das nur alles so wörtlich behalte, daß ich es Grete wiedersagen kann! Das habe ich wa – haftig nich gewußt! Also ich bin wirklich so nett?« – – »Süß, entzückend, frisch und rein!« – – »Mein Himmel, ich danke, Herr Franke! Sprechen Sie auch ganz im Ernst? Können Sie ›die rechte Hand‹ draufgeben?« – Sie streckte ihm ihre Rechte entgegen. Er ergriff sie mit starkem Drucke und küßte sie ehrfurchtsvoll oberhalb des Handschuhes. Sie saß förmlich überwältigt von dem ersten Handkuß. »Von morgen ab müssen mir die Jungen im Garten die Hand küssen, das ist ja kiebig!« erwog sie. Plötzlich wandte sie sich ihrem Anbeter ganz zu: »Herr Feller, wa – haftig, ich will mich bessern! Ich wollte morgen meine Cousine ärgern; aber ich lasse es und spritze lieber Herrn Doktor Lange voll!«

»Was hören Sie von Fritz Haffner?« – fragte Willi eifersüchtig. – »Korrespondieren Sie mit ihm, Charlotte? Das könnte ich nicht ertragen!« – – Das Mädchen hätte ihm bald gesagt: Sie haben wohl 'n kleinen Piep! – aber sie unterdrückte es: »Gott bewahre, der Ekel! Ich war einmal mit ihm verlobt; aber ich habe das Verhältnis gelöst! Er läßt mich immer durch Franz grüßen. Wissen Sie, er war mir zu fleglig!« – – »So!« – – »Ja, und dann gefielen Sie mir auch viel besser, Herr Feller!« – – »Wollen Sie nicht zu mir Willi sagen. Mein Gefühl leidet unter dieser Anrede! Sie ist so kalt, Lotte! Und Sie sind gar nicht kalt, nur unerweckt. Ihre Psyche ist noch nicht wachgeküßt!« – – »Psyche? Ach ist das die von Amor und Psyche? Ella hat das Buch, von Hamerling geschrieben und von Thumann illustriert, neulich von ihrem Bräutigam bekommen. Es ist wunderschön!« – – »Fräulein Lotte, ich glaube, es ist Ihre Taktik, mir wie ein Aal zu entschlüpfen! Sie sind grausam! Gestatten Sie mir, daß ich Ihnen unter einer Chiffre postlagernd schreibe?«

Lotte horchte gespannt auf. »Gewiß gern! Wie ist denn das?« – – »Nun, Sie gehen morgen auf das Postamt 1000, das ist Ihnen ja das nächstliegende. Dort fordern Sie am Schalter ruhig von dem Beamten einen Brief, der unter der Aufschrift: ›Parcival 100‹ für Sie eingelaufen ist. Er giebt Ihnen das Schreiben und die Sache ist fertig!« – – »Au, ich habe Angst!« – – »Das ist aber nicht nötig! Versuchen Sie es einmal, mir zuliebe, Lotte?« – bat er mit seiner schönen weichen Stimme. »Gut!« – erwiderte sie nachgiebig. – »Sogar gern!« – – »Und seien Sie verschwiegen! Ich werde Ihnen meine heiligsten Gefühle offenbaren! Bitte machen Sie keine Marktware daraus?!« – – »I wo wer ick denn, ich will ja janich! Aber das mache ich! Morgen hole ich mir einen Brief, ja, Herr Willi?« – – »Gewiß, Charlotte, und weil Sie noch ein gar unschuldiges Wesen sind, so wird es meine höchste Aufgabe werden, Sie, den holden Wildling, zur echten Liebe zu erziehen!« – –

Mademoiselle kam aufgeregt und zerzaust hinzugestürzt. Auch Alice eilte erregt herbei. Die »Herren« verabschiedeten sich. Und der Heimweg glich einem Dauerlauf. Wortlos rasten die drei: »Erzieherin und Zöglinge« durch die Straßen Berlins. In Lotte kämpften unterdes neue Gefühle. Sie kam sich erhöht und beglückt vor, und doch hätte sie am liebsten gelacht über all die Dummheiten, und dann wieder geweint über all das Gehörte. »Mir ist so komisch zu Mute, ob ich ihn nun wohl richtig liebe?« fragte sie sich. –

Doktor Lange hatte Lotte Bach vor der ganzen Klasse »'runtergerissen«. Er hatte sie auf verschiedenen Unaufmerksamkeiten ertappt und wütend gesagt: »Reißen Sie nicht alte Wunden wieder auf! Sie haben gerade angefangen, Ihre monströsen Unarten ein wenig vergessen zu machen! Ich verlange Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit, verstanden?« – Trotzig und mit erzwungen gleichgültiger Miene hatte sie dagesessen, als ob die ganze Sache sie nichts anginge. Aber unter dem Tisch ballte sie die Faust und schüttelte sie gegen ihn. – Seit einigen Tagen hatte sie ihn auf dem Strich, weil er ewig etwas an ihrer englischen Aussprache auszusetzen hatte. Sie sprach ihm mit zu deutschem Accente. Aber sie wollte nun einmal nicht anders! Dabei hatte sie ein seltenes Sprachtalent: »Wenn deutsche Menschen französisch so elegant und zusammengezogen 'raushetzen oder das Englische im Munde zerkauen und dann mit 'm ›Avek‹ 'rausspucken, dann sind es Zieraffen und sollen so bleiben! Sprachen fließend sprechen ist sehr richtig; aber man muß immer den Deutschen 'raushören, das ist das einzig Natürliche! Die Ausländer verhunzen ja auch unsere Sprache, und wir thun noch wunder wie begeistert, wenn sie Fehler machen! Ich gönne den andern eben auch mal 'ne Freude!« – erklärte sie und war von dieser Überzeugung absolut nicht abzubringen.

So war denn der Kampf zwischen ihr und Lange von Stunde zu Stunde nörgelnder und erbitterter geworden. Ihr Racheplan war längst in ihr gereift und harrte nur der Ausführung. Diese sollte nun heute erfolgen! – Der Doktor war ein peinlich eigener Herr und sah stets so sauber aus, als »wäre er erst eben aus dem Ei gepellt«. Er stäubte den Kathederstuhl erst ab, ehe er sich setzte. Die Hefte mußte ihm eine der Schülerinnen sauber eingewickelt in seine Wohnung bringen. Nie berührte er die Schultische oder Bänke, und nie sah man auf seinem Anzuge ein Stäubchen oder Fleckchen. – In seiner phänomenalen Sauberkeit wollte ihn nun die böse Lotte treffen. Sie verwaltete gerade das Tafelamt. Das heißt, sie sorgte für gespitzte Kreide und ein stets reines schwarzes Brett.

Heute hatte sie die Kreide schon in der Pause mit fabelhaftem Eifer geschabt. Die Spitze war zu fein und zerbrach nach kurzem Gebrauch. Mehrere Beispiele für den englischen Konjunktiv waren angeschrieben. Lange putzte sich gerade mit dem Schnupftuch seine etwas weiß gewordenen Finger. »Säubern Sie die Tafel, und spitzen Sie die Kreide noch einmal! Wer hat das Amt? Sie, Charlotte? So machen Sie wenigstens diese Sache ordentlich!« – – Er überhörte und erklärte, auf dem Katheder stehend, die Klasse. Hinter ihm »spitzte Lotte« möglichst quietschend und geräuschvoll. Plötzlich ergriff sie den Teller, auf dem schon, von der Pause her, ein stattliches weißes Staubhäufchen prangte. Sie schnitt ein Gesicht, kniff die Augen zusammen und pustete mit Kraftaufwand die ganze Ladung auf des Lehrers Rücken. – Er merkte es nicht. Die Mädel aber hatten ihre Handlung verstanden und lachten. – Lange drehte sich um: »Sie treiben doch hoffentlich keine Allotria?« – – »Nein, ich walte meines Amtes!« – – »So, na dann bitte etwas beschleunigt! Die Tafel ist noch nicht – – –« »Zuerst kam die Kreide!« – – – »Antworten Sie nicht, handeln Sie!« – – »Gut!« – – Und sie handelte. Rasch übergoß sie den Riesenschwamm unter der Wasserleitung mit Wasser. Ohne ihn auszudrücken, raste sie mit dem schweren, vollgesogenen Ding zurück.

Eine kräftige, nach der Seite ausholende Armbewegung – – – eine fürchterliche Ladung von Spritzern ergoß sich über Lange. Knallrot und wutschäumend wandte er sich ihr zu: »Was unter – – – Vorsicht! Vorsicht!« – Damit sprang er vom Pult und flüchtete in die Klasse. – Mit fürchterlicher Vehemenz wischte Lotte die Tafel, und um sie herum ergoß sich der schmutzige Sprühregen. Darauf rieb sie mit dem Trockentuch nach und – – – setzte sich dann ruhig auf ihren Platz. –

Lange ließ sich inzwischen von den Schülerinnen sorglich abtupfen. Er schalt ununterbrochen über Lottes »noch nicht dagewesene Ungeschicklichkeit« und entzog ihr das Amt, in welches eine andere einsprang. – Lotte lachte nachher vergnügt: »Mag er brüllen!« – sagte sie sorglos – »wegen Übereifers wird man mich nicht bestrafen. Ungeschicklichkeit ist angeboren! Und vor allem: Lange sieht wie ein Schmutzfink aus: halb Ferkel, halb Zebra! Ehe die Sauce trocknet und abgebürstet werden kann, soll er sich noch ein Stündchen ärgern. Das regt an!«

Heute brachte Julia Lotte nach Haus und wandelte mit ihr auf der Straße auf und ab: »Na, Kornblume, bist du mir nicht dankbar, daß ich dir gestern die Zusammenkunft verschafft habe?« – fragte sie. »Ach ja!« – erwiderte Lotte. – »Aber weißt du, er ist doch recht übergeschnappt. So 'n dummes Liebesgesäusele habe ich gar nicht verdient. Ich mißtraue ihm immer!« – – »Das ist nur deine Bescheidenheit!« – – »Ich und bescheiden! Nee; aber er that sich so dumm!« – – »Dann liebst du ihn nicht! Sonst würdest du nicht ›so‹ von ihm sprechen!« – meinte Julia überlegen. Lotte dachte nach: »Ich weiß nicht,« – sagte sie dann – »ob wir dummen Griebsche überhaupt schon lieben können? Ich schwärme für Herrn Feller und finde ihn interessant und blendend schön; aber er ist mir zu sehr sanfter Heinrich! Er könnte dreist ein bißchen frecher sein!« – – »Habt ihr euch geküßt?« – – »Pfui, Julia, wie kannst du so etwas nur denken?« – entgegnete Lotte entrüstet. – »Das thun doch anständige Mädchen überhaupt nicht! Gleich die Küsserei – äx, pfui Deibel!« – – »Du nimmst die Sache zu tragisch!« – versetzte die anders geartete Julia verächtlich. – »Ein Küßchen in Ehren, kann niemand verwehren. Denkst du, das thun nicht alle? Pah, ich kenne so viele, die es thun! – – – Unsere Mütter haben es auch gethan!« Sie knipste mit den Fingern. – – »Wer das glaubt! Nee, du, das kann ich mir nicht vorstellen! Gott ja, vielleicht später, wenn mal die Gelegenheit kommt und man älter ist und eingesegnet, dann – – –! Eigentlich ist's ja auch Quatsch, man berührt einen andern mit den Lippen, und dann knallt man, und dann redet man sich ein: es wäre was! Eigentlich ist die ganze Küsserei bloße Einbildung! Alice sagt's auch!« – – »Ihr Babies habt es nur noch nicht versucht, probiert's mal erst!« – trumpfte Julia.

»Na, hast du es denn schon versucht?« – fragte Lotte, maßlos erstaunt.

»Ich, ob nicht? Selbstverständlich, seitdem ich mit Dietrich von Hochthal heimlich verlobt bin! Er ist himmlisch! Du wirst es ja in der Tanzstunde sehen. Schneidiger Mensch! Hat schon viele Schätze gehabt und trinkt oft Champagner, und Schulden hat er auch! Und küssen kann er famos!« – Lotte rümpfte die Nase: »Ist es denn wirklich schön?« – – »Herrlich, warte nur, du kommst noch auf meine Sprünge! Ich werde dich schon alles lehren!« – – »Nee, lieber nich! Weißt du, Julia, du bist doch sehr toll, woher kommt das eigentlich?«

»Bah!« – renommierte die Gefragte verächtlich. – »Sieh mal, ich höre 'ne ganze Masse von dem, was Mama und ihre Gäste sprechen. Da ich nicht dumm bin, sehe ich auch vieles und reime mir dann das meiste zusammen. Jetzt lese ich auch heimlich Mamas Romane aus der Bibliothek mit. Gestern Zola und Paul Lindau. Weißt du, Zola ist langweilig. Ich hatte ihn mir schlimmer und interessanter vorgestellt. Lindau ist famos! Lies bloß mal von ihm!« – – »Nee, du, ich habe jetzt auch einigemale Muttas Bücher heimlich gelesen, aber ich fand sie höchst mopsig. Alles Quatsch! Die Marlitt schreibt viel schöner! Ich lese nur gern, was in hohen Kreisen spielt. Aber noch schöner ist: ›Soll und haben‹ von Gustav Freytag. Ich sage dir – – der Fink, wonnig! So 'nen Mann möchte ich! Schade, daß Feller mehr nach Anton Wohlfahrt geraten ist! Und dann Ebers: ›Schwestern‹ – – – großartig! Lies das mal!« –

»Nee, kenne ich! Ist langstielig! Mama sagt auch, die alten Schmarren sind ihr nicht realistisch genug. Sie liebt nur das Moderne, was ganz wahr ist, und wo viel Elend und sonstige tolle Sachen vorkommen! Wenn sie dann im Salon auf dem Sofa liegt und so elegant aussieht, sagt sie, gruselt sich's so schön!« – – »Ach was!« – rief Lotte verwundert. – »Meine Eltern sagen immer: Es giebt im Leben so viel Gram und Kummer. Sie wollen wenigstens von der Kunst erheitert oder erbaut sein!« – – »Dann gehen sie wohl auch nicht in die Vorstellungen der Freien Bühne und ins Residenztheater!« – – »Ach gelungen! Gestern sagte Väterchen erst zu Robert. Wenn er sich erst in der Freien Bühne totmartern lassen sollte und noch obendrein berappen, dann ginge er lieber in die Armenkommission oder nach Dalldorf und schenkte die paar Mark den Armen. Und französische Schweinigeleien brauchte er nicht, wir hätten in Berlin genug von der Sorte!«

»Sag, Lotte, wie denkst du darüber? Bist du auch so altfränkisch?« – – »Ich weiß noch nicht!« – antwortete Lotte verlegen. – »Ich heule gern und graule mich gern! Und wahr muß es auch sein, das ist mir lieber! Aber wenn die Marlitt so schwindelt, und alles kriegt sich und wird reich, und alle Schlechten gehen unter, macht's auch Spaß! Freytag ist mir am liebsten! Ich denke mir, so ist es wirklich im Leben und stelle es mir vor! Sag', Julia, ich muß dich noch etwas fragen! Aber du mußt mir auch die Wahrheit sagen!?« »Dann schieß los!« – – – »Korrespondierst du mit Hochthal heimlich und trefft ihr euch?« – »Natürlich, du Kindskopf! Postlagernd und treffen: im Museum, im Tiergarten, an den Straßenecken! Wozu sind denn solch öffentliche Geschichten?« – – Lotte trat unwillkürlich etwas von ihr fort. Die so bewunderte, damenhafte Freundin mißfiel ihr heute. »Ich beneide dich um deine Courage! Hast du nicht Angst, in so ein Postamt zu gehen?« – – »I bewahre, da kommen hunderte. Wozu sind denn die Beamten da?« – – –

Lottes Schwestern kamen von einer Besorgung zurück und traten zu den beiden Mädchen. Sie plauderten einige Minuten und verabschiedeten sich dann von Julia, die sich tief verbeugte. Ihre Jüngste nahmen sie mit sich: »Siehst du, Lotte, die Julia von Miller ist ein feines, reizendes Mädchen!« – rief Kläre. – »Die hat Manieren und Bildung! Der solltest du nacheifern!« – – »Ja,« – meinte Ella – »wenn du dich mit der mehr anfreundest, wäre es sehr schön! Besser als der Umgang mit Alice, Grete und den Jungen, mit denen du doch nur wilderst!« – – »Ihr seid Gefühlsathleten und könnt so bleiben! Menschenkenntnis is eine Zier, doch besser lebt man ohne ihr!« – war Lottes einzige Erwiderung. Sie pfiff den Rixdorfer Marsch und nahm immer zwei Stufen auf einmal. –

Am Nachmittag holte sich Lotte das »obligate Heft«. Klopfenden Herzens wagte sie sich nach langem Zögern in das Postamt hinein. Dort trat sie endlich nach nochmaliger Überwindung an den Schalter: »Ist ein Brief unter Parcival Nr. 100 da?« – fragt sie, glühend vor Scham und mit zitternder Stimme. Der Sekretär blickte sie, scharf über seine Brille schauend, an: »Nanu, nächstens fangen auch noch Säuglinge an!« – sagte er unliebenswürdig. – »Sie sollten doch so 'ne Späße noch lassen! Ich wäre mir an Ihrer Stelle viel zu gut zu solchen Heimlichkeiten. Die eignen sich für Schneidermamsells und Fabrikmädel!«

Jedoch suchte er unter den eingelaufenen Stößen und reichte ihr endlich einen Brief. Sie knixte und entfernte sich. Ihr Herz klopfte, ihre Hände zitterten. Als sie endlich auf der Straße war, spähte sie schnell rundum und atmete erleichtert auf: »Pfui Deibel, ich danke, einmal und nie – – nie wieder!« – sagte sie laut. Dies Wort war ein Gelübde. Sie hielt es! –

Daheim in ihrem Zimmer öffnete sie das Schreiben und durchflog es. Dann stützte sie den Kopf in die Hand: »Nett ist er doch! – – – Überspannter Hering! – – – Eigentlich Quatsch! – – – Aber fein ist's doch, so nett bin ich also! – – – Na, aufheben werde ich's!« – murmelte sie und verwahrte den Brief in einem Märchenbuch in ihrer Kommode. Darauf beendete sie ihre Schularbeiten und dann tuschte sie bis zum Abendbrot für ihre Papierpuppen neue Kleider an. Nach dem Essen setzte sie sich auf das Sofa, lehnt den Kopf gegen des Vaters Arm und versenkte sich begeistert in Georg Ebers: »Frau Bürgermeisterin«. Ella hatte ihr das Buch aus dem Schranke hervorgesucht. – Um zehn Uhr mußte sie die Lektüre unterbrechen und ins Bett gehen. Dort las sie heimlich bei Kerzenlicht noch eine halbe Stunde im Schillerschen ›Wallenstein‹.

Lotte hat nichts zum Mittagbrot gegessen! Sie hat sogar Milchhirse und Pflaumenkompott stehen lassen! – Das Sonnabend-Kränzchen: »Der Bund der Seele« ist auf Mittwoch verlegt worden. Frau Bach schalt über die Aufgeregtheit ihrer Jüngsten, die vollständig den Kopf verloren hatte. Die Schwestern mußten die Kleine anputzen, wobei der »Kribbelkopf«, anstatt dankbar zu sein, fortwährend ungeduldig und unliebenswürdig war. – Den ganzen Nachmittag schwebte das Damoklesschwert einer mütterlichen Ohrfeige und eines nahen Thränenstromes über Lotte. Aber dieser letzte durfte absolut nicht zur Entladung kommen, denn mit einem rotverheulten Gesicht konnte man doch – unmöglich – zur – – – ersten Tanzstunde erscheinen!! –

Endlich war sie fertig. Minna mußte das Gas im Salon anstecken und obendrein mit einer hochgehaltenen Lampe hinter den großen Pfeilerspiegel treten: Lotte sollte sich im Glanze ihres neuen weißen Kleides bewundern. Der Onkeldoktor hatte es mit all den Zuthaten an Spitze und blauen Schleifen, an Handschuhen und Fächer geschenkt. Ihre starken Haare waren in einen unheimlich glatten Zopf mit dazu gehörender Riesenschleife geflochten. Die Augen funkelten fiebrig, die Wangen glühten. Lotte fand sich scheußlich aussehend! – »Das sage ich dir, du unausstehliches, undankbares Ding, wenn du uns vor jeder Tanzstunde so piesackst und in Atem erhältst, melde ich dich einfach ab! Diese Wirtschaft allwöchentlich ertragen wir alle nicht. Daß du mir dort im Saale nicht mit diesem Wutgesicht dasitzst! Was sollen denn die Leute sagen? Siehst reizend aus, meine Tochter, wie der fleischgewordene Bock, – – – reizend!« – zankte die Geheimrätin. Heute zupften sie ihre beiden Ältesten beschwichtigend am Ärmel; aber sie merkte es nicht. – – »Warum seid ihr auch so?!« – brummte Lotte in einem unheimlichen Fieber.

Die Tanzstunde fand in dem Saale des Tanzlehrers zwischen sechs und acht Uhr statt. Doch war dem Zirkel die Erlaubnis gegeben worden, nach dem Unterricht noch ein halbes Stündchen ohne den Ballettmeister weiter zu tanzen. Herr Führich verschwand sogar meist schon um halb acht und überließ die noch zu lehrenden Touren seinem Gehilfen. Er selbst stürzte sich in eine Droschke und hetzte nach dem königlichen Opernhaus, wo er fest angestellt war. – Der Saal und die daneben liegenden Garderoben waren groß und geräumig. Guirlanden und deutsche Fahnen, Kaiserbilder und Gruppenphotographien längst verflossener Tanzzirkel schmückten die Wände. Oben über dem Haupteingang befand sich eine nette Gallerie: das Reich der Mütter und sonstigen Anstandsdamen. – Von oben herab verfolgten sie mit kritischem Blick das Gebahren ihrer Kinder. –

Nachdem Lotte, in plötzlich erwachter Schüchternheit, sich nur ungern von ihrer Mutter getrennt hatte und nach verschiedentlichem Zurechtzupfen ihrer Haare und Kleidungsstücke mit Alice im Saal verschwunden war, atmete Frau Bach erleichtert auf. Sie quetschte sich über eine enge Wendeltreppe zu der Loge empor und ließ sich, als mehrere bekannte Damen begrüßt waren, neben Frau Doktor Hutten nieder: »Waren Sie auch den Nachmittag über im Fegefeuer, verehrte Frau?« fragte sie und fächelte sich Luft zu. »O gewiß, Frau Geheimrätin, das ging wohl heute allen beteiligten Müttern so. Ich mußte beständig meine Ohrfeigenlust bezähmen, so unartig war Alice!« – »So dann fällt mir ein Stein vom Herzen!« – lachte Lottes Mama. – »Geteilter Schmerz ist bekanntlich doppelte Freude! Was uns diese Tanzstunde ausgeteilt hat, ist nicht zu sagen! Am Sonntag Vormittag machten die zwölf Herren Antrittsvisite oder wie Lotte sich ausdrückt: ›Beschnupperungsexamen‹. Seither ist das Mädel kaum noch zu bändigen! – Ah! Sehen Sie nur, da sitzen die dummen Dinger alle in einer Reihe und kichern!« – – »Natürlich, die Herren halten sich vorläufig noch in der Garderobe zurück. Schauen Sie nur, Lotte und Alice halten sich krampfhaft fest und machen so feierliche Gesichter, als ob ein Gottesdienst beginne!« – flüsterte die Doktorin. – »Aber es ist wirklich ein gewählter Kreis, lauter feine junge Leute. Es geht nichts über diese geschlossenen Zirkel! – – – Die kleine Bernhard, dort, gnädige Frau, die in rosa mit den offenen blonden Locken ist doch bildschön?« – – »Ja, ein Engelsköpfchen!« – bejahte Frau Bach. – »Aber die beiden Zwillingsschwestern Anni und Käte von Hallisch gefallen mir auch. Solche jungen Mädchen von sechszehn Jahren brauchen doch nicht in langen seidenen Kleidern und hochfrisiert und gebrannt zu gehen?« – »Gewiß nicht, beileibe nicht so früh erwachsen sein, dazu kommt noch Zeit – – – ach, es sind erst zehn Mädchen, zwei fehlen noch!« – – »Ja gewiß, Frau Doktor, ich sehe Julia und ihre Cousine Herta von Wutzleben noch nicht!« – meinte die Angeredete.

»Guten Abend, meine Herrschaften, ich grüße Sie! Teilen Sie auch das Ballfieber unserer Töchter?« – sagte jetzt eine Stimme hinter ihnen. Die Majorin von Miller stand in einer seidenrauschenden, extravaganten Toilette da. Ihr schönes, liebenswürdiges Gesicht war durch künstliche Mittel aufgefrischt. »Ich habe meine beiden Hühnchen, Tochter und Nichte, sowie meinen Hahn eben unten abgeliefert. Heinz schilt, daß er mit solchen Backfischchen ›rumhopsen‹ soll. Jedoch die Wut wird sich legen, ich glaube sogar, er hat eine Faible für Ihr reizendes Töchterchen, Frau Doktor! – – Wie holdselig die beiden Herzchen aussehen, entzückende Geschöpfe!« – So plapperte die Weltdame und nahm gleichfalls neben den andern Platz, durch ihre Stiellorgnette die Scene unter sich überfliegend.

Lotte und Alice hielten sich unerschütterlich an den Händen fest: »Du!« – flüsterte erstere heiser. – »ich habe vor lauter Angst Eisbeine gekriegt. Und mein Magen bellt, haste auch so'n Hunger?« – – »Schweig bloß, vor mir schwimmt der ganze Saal!« – entgegnete Alice. – »Du, Lotte – – – sprich bloß mal mit den andern! Es sieht ja so dämlich aus, wenn wir hier so stillsitzen!« – – »Ich sterbe eher!« – meinte Bachs Jüngste. – »Weißte, ich komme mir, trotzdem ich ein neues Kleid anhabe, neben den anderen so poplich vor. Und häßlich sehe ich aus! Ich könnte vor Wut platzen! Mama hat mir die Haare so lange gebürstet, daß sie wie geleckt sind! Alice, ich fühle mich tief unglücklich, ich möchte sterben!« – – »Ich auch!« – seufzte diese. – »Ob die Herren schon alle da sind? Wenn ich bloß nicht sitzen bleibe, ich schämte mich vor Heinz tot! Der hat so 'ne große Schnauze!« – – »Wenn ich hinfalle oder mich vor Herrn Feller ungeschickt zeige, ich weiß nicht, was ich dann thue! Sieh mal, die Zwillinge glupschen immer zu uns 'rüber! Du, da nickt Eva Langner, nick' wieder. Jetzt werde ich mich mal fächeln, dann sieht man nicht so, was für Angst ich habe!« – »Lotte, da kommt Julia! Donnerwetter, sieht die schön aus! Paß auf, die wird Ballkönigin!« – Julia kam mit lachender Miene, sich ungeniert in den Hüften wiegend, auf die beiden zugeeilt. Sie hatte ihre Cousine untergefaßt und plauderte und lachte mit ihr, wie eine echte, sichere Dame von Welt. Ihr blondes Haar war wie ein Defreggerkranz um das reizende Gesicht gesteckt. Das weiße Florkleid, mit Vergißmeinnicht geschmückt, reichte fast bis zur Erde. Ein eleganter kleiner Fächer hing an silbernen Ketten an einem Gürtel aus gleichem Metall. – »'n Abend, Kinder, freut ihr euch? Na, ihr macht doch solch dumme Gesichter, wie die Katzen, wenn's donnert!« – sagte sie übermütig. – »Meine Cousine Herta kennt ihr doch, also brauche ich sie euch nicht vorzustellen! Reicht euch die Pfoten! So! – – – Lotte, zeig dich mal her! Wie siehst du denn aus? Deine Mama hat wohl deine Haare gewichst? – Pfui – garstig! Du bist viel niedlicher, wenn du ein wenig wild aussiehst!« –

Eins, zwei, drei hatte sie die glatten Haare der Freundin zerzaust und brachte die »Ponnys« in anmutiger Weise in das glühende Gesichtchen. – »So, Puttchen, nun bist du süß!« – rief sie unbefangen. – »Du und Alice, ihr seid mit euren fünfzehn die jüngsten, da muß man euch bemuttern! – 'n Tag, Elly, na, wie steht's? Dein Bruder schon da?« – So wanderte sie von einer zur anderen, mit unnachahmlicher Grazie, für jeden ein passendes Wort findend. – »Ach, wenn ich doch so wäre!« – stöhnte Lotte neidvoll. – »Ich komme mir vor, als ob ich ihre Tochter wäre. Sieh nur, jetzt glotzt mich Mutta durch den Kneifer an. Die wird schön böse sein, daß meine Haare so verwildert sind!« – »Nein, sie nickt sogar lobend!« – tröstete Alice. – »Ob Heinz viel mit mir tanzt? Wo wir doch die Jüngsten sind?« – – »Mein einziger Trost ist, daß Wolf Scheurer erst in Obersekunda ist und Schwertborg, Heine und Trenner gehen auch noch aufs Gymnasium, wenn auch schon in die Prima. Die müssen jedenfalls mit uns tanzen, wenn uns die Studenten, Fähnriche und Kaufleute verachten! Schade, daß ich nicht lieber dreißig bin! Die paar verdammtigten funfzehn Jahre! Man muß sich ordentlich schämen!« – sagte Lotte entmutigt. –

Während die »Damen«, außer Julia, alle in Reih' und Glied an der Wand auf den Stuhlreihen saßen, standen die »Herren« in der Garderobe und kritisierten ihre späteren Tänzerinnen durch die offene Thür: »Sehen Sie nur, Kamerad, Fräulein Schwester sticht doch alle übrigen aus! Ein entzückendes Geschöpf! Rasse drin! Diese schmalen Füßchen, diese Händchen! Einzige Rose unter Veilchen!« – näselte der Fähnrich von Hochthal dem jungen Miller zu. Dieser zog gerade die Handschuhe an: »Na, jeht man sehr!« – entgegnete er. – »Die Krabbe, die Bernhard, ist mir lieber. Madonnchen! Aber mehr zum Anbeißen als zum Verjnüjen! Fräulein Hutten hat kolossales Temperament, etwas demokratisch angelaufen! Leicht verständlich, der Vater ist bloß Arzt, nich mal bei der Truppe jewesen, simpel Civilist! Aber die Tochter ist allerliebst, jerade zur Tanzstunde ausjezeichnet! Wer' mich zwischen die kleine Hutten, die schöne Bernhard und Käte von Hallisch teilen! Man muß immer Jleichjewicht herstellen, sonst bilden die kleinen Mädchen sich was ein und wer'n übermütig!« – »Wenn sich die Uniformen schon jetzt isolieren, so werden wir uns danach richten!« – sagte Ernst von Wutzleben entrüstet. – »Wir Söhne der Alma mater sind dem bunten Tuch doch mindestens ebenbürtig! Nebenbei hatten doch die Herren schon im Kadettenhaus Tanzstunde, was wollen sie hier?« – – »Kommilitonen, dazu gehören auch Sie, Heidenreich, als Kunstakademiker, halten wir geschlossen zusammen. Wahren wir uns energisch gegen Übergriffe der Marsjünger!« – zischte der Student Bernhard, der eben auf der Universität immatrikuliert war. Er war ein durchaus cholerischer Charakter, ganz verschieden von seiner Schwester. Sein höchstes Ideal waren Mensuren und Schmisse. – Sobald er erst im Korps festen Fuß gefaßt, beschloß er sich eine tüchtige Paukerei zuzuziehen, um mit den roten Narben der Mitwelt, und besonders den »kleinen Mädeln« imponieren zu können. – Schon vom Waltersgymnasium her sah er in Willi Feller, seinem »Leibburschen«, ein unerreichbares Vorbild! –

Dieser kümmerte sich aber gar nicht um ihn, sondern lehnte mit nachlässiger Eleganz gegen einen Pfeiler. Er starrte in den Saal und beobachtete seine kleine frische Lotte, die ihm heute ganz eigentümlich vorkam. Dabei kritisierte er mit dem Oberprimaner Schwertborg der Reihe nach die jungen Damen. Erich Feig, Lehrling in einem großen Exportgeschäft, hatte sich bereits bei dem ersten Sehen sterblich und unglücklich in Julia von Miller verliebt. In düsterster Stimmung brütete er über seinen Gedanken und sprach sich innerlich Mut ein, gerade diese schönste Tänzerin einmal zu einer »Polka« aufzufordern. Denn – – – »Walzer« tanzen würde er nie lernen, das fühlte er schon heute! – – Auf einer Stuhlkante schwebend, kauerte schüchtern und wortlos der Obersekundaner Wolf Scheurer. Ihm erging es wie Lotte und Alice! Er hatte Ballfieber und wäre am liebsten in den Erdboden gekrochen vor Angst und Scham. Andererseits fühlte sich das schüchterne Bürschchen außerordentlich gehoben, daß er in solch erlauchtem Kreise zugelassen war! –

Jetzt ging ein Ruck durch alle. Sie richteten sich auf und schwiegen still. Herr Führich trat in die Garderobe: »Guten Abend, meine Herren!« – begrüßte er sie kurz und höflich. – »Ich bitte Sie, mir jetzt in den Saal zu folgen. Achten Sie auf Ihre Haltung! Füße auswärts! Leichter, schwebender Gang! Brust heraus, Schultern zurück, Kopf hoch! – Ich werde Sie den Damen vorstellen, wenn Sie dieselben auch schon kennen sollten. Sobald ich den Namen eines jeden Herrn langsam ausspreche, legt dieser die Arme fest an, daß die Finger die Hosennaht berühren. Alsdann neigt er sich in tiefer Verbeugung vornüber, verharrt so einige Sekunden und richtet sich alsdann elegant auf! Schauen Sie her: soo!« – Er machte die Verbeugung vor. Dann stieß er die Thür weit auf und marschierte voran, die Herren im Gänsemarsch hinterher. –

Die Mädchen flogen wie aufgescheuchte Spatzen empor. Gar manche ließ vor Schreck den Fächer oder das Verlegenheitstaschentuch fallen. – Die Vorstellung begann! – Die Jünglinge verneigten sich mehr oder weniger geschickt. Die Backfischchen knixten zuerst unbeholfen, bis auf wenige Ausnahmen. Auch ihnen wurden hofknixähnliche Verbeugungen vorgemacht, die sie mehrfach wiederholen mußten. – Lotte schwamm wieder obenauf. Die Komik der Situation drang ihr scharf zum Bewußtsein. Sie kicherte vergnügt und kopierte heimlich schon den geschmeidigen Tanzmeister. Er ging so elastisch, bewegte sich so graziös wie ein Kautschukmann und tanzte wie eine Watteflocke. Selbst seine Stimme war von einem merkwürdig gleitenden Timbre. – Dann wurden in aufgereihten Gruppen unermüdlich »Pas« (Schritte) geübt. Zuletzt gab es eine kleine Polka als Zugabe. Die lastende Ungemütlichkeit der bisherigen Steifheit hob sich sofort. Gerade, als Stimmung eintrat, war die erste Tanzstunde vorbei! – –

»Weißte, Vätachen, erst waren wir Damen sehr misepetrig, und die Herren sehr steif, als ob sie alle Lineale verschluckt hätten! Geplaudert haben wir noch gar nicht! Scheurer ist dreimal hingefallen, der Tollpatsch! Lucie Schütt zweimal! Ein bißchen mopsig war's eigentlich; aber doch auch schön! – Feller sah famos aus. Immer sah er mich an, nich wa, – – Mutta? Manche haben schon einen Bart, und bei manchen kommt er noch! Fein – was? Nächstes Mal wird's noch feiner!« sagte Lotte am Abend des ereignisreichen Tages zu dem Geheimrat. – »Na, hast du dich denn schon in einen der ›Jüngelingelinge‹ verliebt? – Oder schwärmst du für Herrn Führich?« fragte der Vater neckend. »P! Der!« – entgegnete sie verächtlich. – »Ein Mann muß doch gehen und Knochen haben; aber Herr Führich besteht aus Gummi und hopst wie ein Floh! Na, und die andern, da wer' ich ja noch sehen. Außer Herrn Feller gefallen mir noch drei! Und Alice hat auch schon zwei fest in ihr Herz geschlossen; aber wen? Das binde ich dir noch nicht auf die Nase!« – – »Ihr seid ja die reinen Massenmörder, Mädchen, mir thun die armen Herren leid!« – lachte Herr Geheimrat. »Hat man dir denn wenigstens tüchtig die Cour gemacht?« – fragte er nach einer Weile. »Nee, leider noch nicht! Aber weißte, ich hoffe stark, daß es noch kommt, sonst lohnt doch die ganze Zappelei nicht!« – meinte Lotte. »Na, Gott sei Dank, den Appetit hat dir die erste Tanzstunde nicht verdorben, Range!« – rief der Vater über ihr »Einhauen« erstaunt. »Na, das fehlte auch noch! Dazu muß es denn doch viel doller kommen! Unberufen, schmecken thut's immer! Du weißt doch, Vätachen, mir kann keiner!« – – »Das weiß der Himmel!« – rief Frau Bach. – »Der größte Lump sitzt obenauf!« –

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