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Die Berliner Range - Neue Bekenntnisse. Band I.

Ernst Georgy: Die Berliner Range - Neue Bekenntnisse. Band I. - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Georgy
titleDie Berliner Range - Neue Bekenntnisse. Band I.
publisherVerlag von Rich. Bong.
yearo.J.
firstpub1900
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140611
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4. Kapitel. Wie Lotte zum Engel wird und andere lose Streiche

Lotte befand sich im Stadium schwerster Seelenkämpfe. Sie hatte ihren Aufsatz: »Welche Gedanken bewegen uns beim Betreten einer Burgruine?« schon zum zweitenmale im Stich gelassen. Wie ein gereizter Löwe im Käfig, so schritt sie in ihrem Zimmer unruhig auf und ab. Dabei stieß sie von Zeit zu Zeit tiefe Seufzer aus. Diese drangen selbst durch die geschlossene Thür und veranlaßten Ella, dem Kummer der Range auf die Spur zu kommen: »Um Himmelswillen, Kind, was ächzt du denn so?« – sagte das liebe Mädchen sanft. – »Wirst du mit dem Thema nicht fertig? Soll ich es mit dir noch einmal besprechen?« – – »Mumpitz!« – erwiderte die Kleine. – »Kannst du dir wirklich vorstellen, daß ich mich um einen lumpigen Aufsatz erregen werde? Da müßte ich ja Tinte ge – – – s – – trunken haben! Nee, so was giebt's nich' bei meines Vaters jüngster Tochter! – Den Quatsch mit der zertöpperten Burg säusele ich nachher 'runter, daß es nur so knallt! Und wenn ich die ollen Ritter, das heißt: mir sind Muttas arme Ritter mit Himbeersauce viel interessanter, nachher erst mangs Gemäuer 'rumspuken lasse, dann soll dem Direx Hören und Sehen vergehen! Ein ausgemergelter Geist von einem ausgeplünderten reichsstädtischen Kaufmann muß mindestens im Verließ 'rumstöhnen, und eine Ritterstochter lass' ich sicher mit einem Patrizierssohn durchbrennen!«

»Laß lieber deine Phantasie nicht mit deiner Feder durchgehen, Lotte!« – warnte die Schwester. – »Du weißt, dir ist dein Dichtertalent schon einmal schlecht bekommen! Und dann, sieh, du bist jetzt so ein großes Mädchen, sprich doch ein bißchen netter und nicht immer wie ein Straßenmädel!« – – »Fang' du nur auch noch an, du! Ihr könnt euch ja ruhig weiterzieren, bitte, es hindert euch keiner! Mich aber laßt gefälligst reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist, verstanden?!« – Gegen diese Energie wagte Ella keine weiteren Ermahnungen. Sie schwieg seufzend. Schließlich versuchte sie noch einen Ansturm auf das Vertrauen der Kleinen: »Willst du mir denn nicht mitteilen, was dich so bedrückt, Liebling? Ich hörte dich bis ins Nebenzimmer seufzen!« – fragte sie, ordentlich ängstlich der Antwort harrend.

»Warum denn nich, meinshalben!« – rief Lotte gnädig. – »Ich ärgere mich über die Falle, die ich mir selbst gegraben habe! – – – Du weißt doch, daß wir im Kränzchen Statuten haben. Ich habe sie mit Alice verfaßt. Wir alle haben sie sogar hoch und heilig beschworen, also dürfen wir keinen Schwindel machen, sonst holt uns noch der Deibel. Und ich Kamel habe selbst den wahnsinnigen Paragraphen erfunden und 'rausgequetscht! Das kann ich mir ja nie verzeihen!« »Was enthält er denn für Bestimmungen?« – forschte Ella. – »Hör bloß, jede Bonboniere, die man kriegt, muß man teilen oder mindestens allen anderen 'von abgeben! So 'ne Eselei!« – – »Na, und – – –« – – »Da fragst du noch, Schaf? – Ich hab doch von Onkel Arthur so 'n himmlisches Konfekt mitgebracht gekriegt. Nun kann ich man bloß bei den Resten trauern wie Jeremias auf den Trümmern Jerusalems! Weißt doch, hast mir doch neulich das Bild in der Nationalgalerie gezeigt! – – –«

Ella amüsierte sich innerlich höchlichst. Äußerlich aber bewahrte sie die Fassung: »Wie kannst du so verfressen sein, Lotte? Und denn so schlecht! Wegen ein paar Stückchen – – –« »Paar Stückchen ist gut! – – Ausgezeichnet!« – hohnlacht Lotte im höchsten Diskant. – »Ich muß immer bluten, weil ich am meisten kriege. Neulich eine Tafel Suchard – – bon! – Dann russische Bonbons! – Laß ich mir auch noch gefallen! Was für Dre – – für Zeugs haben die anderen bisher gebracht? Lauter Schlinggewächse: Hustenbonbons, brr! – Abfallschokolade – pfui! Und mal Blockzucker oder Naute! Rechne dir das mal gefälligst aus, liebes Kind! hihi!« – »Du giebst jedem ein Pralinee – und fertig!« –

»Das stimmt, dann bin ich fertig!« – sagte Lotte. – »Es sind nämlich nur ein halbes Pfund, noch dazu mit Nuß- und brauner Füllung, ah, tz, tz! Einmal zu Haus nach dem Mittag-, einmal nach dem Abendbrot 'rumgereicht, sind schon mit Minna – – – fünf, sechs – mal zwei – – zwölf Stück, Donnersachsen! Und nun laß bloß noch Gäste da sein! Und dann noch das Kränzchen? – – – Die Sache wird fein, wird ausgezeichnet! Es ist zum Tollwerden!« – »Du hast dich schon mit zwei Stück daheim vorgemerkt! Dazu kommen die drei, welche du dir vorher genehmigtest, das sind schon fünf. Nein, Kind, ich kann beim besten Willen kein Mitleid mit dir haben! Der Mensch muß sich beherrschen können!« – – »So, Ellaken, dann beherrsch' du dich man, wenn der Herr Amtsrichter Neuwald kommt, und wer' nich' immer rot wie ein Borstdorfer – – ätsch! Mir kann keiner an de Wimpern klimpern! Ich mörke allens! – sagt Kühne.«

Lotte mußte da wohl einen wunden Punkt berührt haben. Ella glich einer Päonie, als sie schleunigst verschwand und die Kleine ihrem Seelengram überließ. Aber die Treffsicherheit ihrer Anspielung hatte das Mädchen etwas getröstet. Sie ging mit pfiffigem Lächeln an die Arbeit zurück. Dabei hoffte sie insgeheim, daß das gütige Schicksal ihr noch einen Gedanken eingeben würde, wie sie den Paragraphen umgehen könne, ohne ihren Eid zu brechen! –

Der Frühling war ins Land gezogen. Der Hausgarten wurde wieder benutzbar. Zu aller Erleichterung verlegte Lotte wieder den Schwerpunkt ihres Thun und Treibens dorthin. Wieviel schöner war doch der Garten und der warme Sommer, verglichen mit dem Winter! In den warmen Jahreszeiten genoß man Lotte nur zu den Mahlzeiten. In der kalten war sie, abgesehen von der Schule und zwei Stunden Eisbahn, immer in der Wohnung. Und dann war es um die köstliche Ruhe geschehen! Sie spielte in den Mußestunden mit ihren Puppen oder las, nein, verschlang jeden bedruckten Zettel. Und doch war sie hinten und vorn zugleich, merkte alles, kritisierte alles und störte immer. – So freuten sich denn alle Erwachsenen, diesmal der Geheimrat mit inbegriffen, als die hoffnungsvolle Jüngste immer seltener sichtbar wurde, je mehr aus dem Frühling sich der Sommer entwickelte. Denn – – –

Um Ostern herum brachte Lotte eine »ganz anständige Censur« nach Hause. »Sieh' mal, Vätachen, im Betragen bloß: ›zu unruhig!‹, ist für mich ein gewaltiger Fortschritt. Das hat Direx selbst zugegeben! Nur hat er noch einen gewaltigen Nachquatsch gehalten: Ich sei auf dem Wege; aber ich müßte natürlich – natürlich, das kennt man schon! – mich noch viel mehr zusammennehmen, dann könnte ich, wenn ich nämlich wollte, die beste Schülerin der Anstalt werden, hahaha!« – – »Das ist absolut nicht so lächerlich, Range. Mir wäre es weit lieber, du wolltest nun wirklich einmal!« – meinte der gute Geheimrat ernst. – Lotte umarmte ihn stürmisch: »Natürlich, Olleken, das kann ich mir vorstellen. Dann könntste noch mehr mit mir prahlen! Fleißig sein und anständig in der Schule, und dann noch dumme Streiche machen, über die ihr euch eckig kugelt, das wäre so was! Nee, nee, entweder ihr laßt mich, wie ich bin, mich weiter in Freiheit dressieren oder ihr kloppt euch eine heuchlerische Tugendnulpe zusammen. Und dann schwindle ich euch den Puckel voll wie 'ne echte Muckersche und Ziernaucke! Das wollt ihr selbst nich – was?« –

»Sollte es nicht zwischen einer verlogenen Heuchlerin und einer berüchtigten Range noch ein brauchbares Mittelding geben? Überlege einmal, Lottchen!« – unterbrach die Mutter den Dialog; denn sie sah den freudigen Stolz auf ihres Gatten Antlitz erstrahlen. – Lotte dachte nach: »Nee, Muttachen, bei euch in der Provinz mag es das vielleicht gegeben haben! Aber hier in Berlin wa – haftig nich!« – – »Nun und deine herrlichen, prächtigen Schwestern, Lotte? Warum waren die anders?« – »Ja?« – meinte Lotte zweifelnd und schelmisch – »das weiß der liebe Gott allein, der schwarze und weiße Schafe, Arbeitsbienen und Drohnen gemacht hat. Er muß es doch wohl so wollen, und was Gott thut, das ist wohlgethan! Und dann, liebes, dickes Muttachen, sieh' mal, du bist doch so abergläubig! Wenn nun alles glatt ginge, würdest du dich vor dem Neide der Götter unnütz ängstigen! Wirklich! Nun haste doch wenigstens durch mich etwas zu opfern!«

»Das weiß der Himmel!« – lachte sie überwunden und schloß den geliebten Wildfang in die Arme. – »Dann haben wir ja auch dein Versprechen, dich bessern zu wollen und hoffen, daß die kommende Vernunft – – – « »Vernunft ist gar nix, Muttachen, laß mir im nächsten Winter Tanzstunde geben und du sollst mal sehen?! Dann bin ich ja auch in der I a, hurra, ja, ja, trallala!«

Damit war sie abgetanzt. Das Strafgericht war wieder einmal abgewendet. Die Eltern lachten hinter ihr drein und wechselten ein paar recht zufriedene Blicke. Sie waren in den letzten Wochen etwas erregt und hatten nicht viel Zeit, an ihre Jüngste zu denken. Amtsrichter Robert Neuwald hatte im Februar bei ihnen den ersten Besuch gemacht. Unverkennbar hatte ihm die hübsche, anmutige Ella sehr gefallen. Er kam immer wieder, beschäftigte sich in auffallend liebenswürdiger Weise mit ihr und wurde schließlich ständiger Gast im Hause, der sich zwanglos zu jeder Stunde und jeder Mahlzeit einstellte. Auch Ella schien ihm nicht abgeneigt, denn sie ging in merkwürdiger Zerstreutheit umher und machte Dummheiten, die sich sonst nicht mit ihrer Klugheit und Gewissenhaftigkeit vereinbaren ließen.

Die Eltern hofften, Klärchen hoffte, Minna und Lotte hofften, diese auf Trinkgelder, jene auf Verlobungsschmaus und Geschenke! – Aber weiß der Himmel, woran es lag? Die Geschichte kam nicht zum Klappen!

Ella, die sonst so sanfte, zeigte sich dem geliebten Manne gegenüber von einer fast abstoßenden Herbheit. Neuwald, sonst ein schneidiger Richter und Redner, bewies sich in dieser Angelegenheit als von einer fast krankhaften Schüchternheit. Er benutzte keine der ihm gebotenen glücklichen Situationen. So schleppte sich denn die Sache von Woche zu Woche bis in den Juni hinein. –

»So ein Stiesel!« – sagte Lotte entrüstet auf eine »Anzapfung« der indiskreten Minna. – »Entweder ich liebe ein Mädel, und dann knutsche ich sie ab und fertig; oder ich liebe sie nicht – – – und komme nicht jeden Tag zum Abendbrot und Sonntags zum Mittagessen! – Überhaupt so ein Knopp! Zu verdreht! Glauben Sie, daß er Ella'n die vielen Blumen bringt? Jawoll ja – sagt Olja! Die kriegt Mutta! Und wenn er schlau wäre, würde er sich doch bei mir als der jüngsten Schwester einschmeicheln? Erst rechte nich! Noch nicht ein Geschenk habe ich von ihm außer dem poplichen großen Osterei aus buntem Zucker, das man nich mal essen durfte, so was?!« – – »Du thust, als ob du nie nich satt gefuttert hättest! Dabei kannste doch mit fünf Butterbroten, dick belegt und zwei Eiern dazu, für 'n Abend bestehen!« – – »Das sagen Sie so leichte hin mit Ihren lumpigen fünf Sinnen!« – entgegnete Lotte und reckelte sich. – »Satt is ein Begriff, den unsereins gar nich mehr kennt. Ich hungere immer!« – – »Das liegt so rein in deine Jahre, Kind, du jedeihst janz jut und bist letzens auch stramm jewachsen. – Na warte man, wenn du erst 'n neuen Schwager hast?!« – – »Minna, wenn ich 'n Schwager habe, nennen Sie mich ›Sie‹. Das geht nich mehr, ich bin doch schon alt genug und bald I a und obendrein Schwägerin! Nich wa –? Das müssen Sie doch selbst zugeben!« – – »Na und ob nich!« – meinte Minna lachend. – »Na, erst laß man den Fisch anbeißen; ich jlaube, der zappelt noch ein paar Monateken bei uns rum!«

»Oho, da kennen Sie aber Aujusten schlecht, meine liebe Minna!« – rief die Range energisch. – »Ich werde ihn bald auf den Drapp bringen! Dieses Beinah – und dann immer Nebenbeiverloben halte ich nich mehr lange aus! Lassen Sie 's gut sein!« Minna blieb mit dem eben gefüllten Wasserkessel dicht vor ihr stehen und blickte sie wohlgefällig prüfend an: »Frech und schlau genug wärste dazu!« – – »Ich, na und ob nich!« – Damit trollte sich unsere Freundin in die vorderen Gemächer.

Ein schöner, sonniger Sonntag war herangekommen. Lotte Bach saß mit ihrer Feodora im Schaukelstuhl und wiegte sich. Dabei sang sie sentimentale Lieder und träumte. Sie erwartete ihren ständigen Sonntagsgast: Gretchen Thronick. Die Eltern und Schwestern machten einen Gratulationsbesuch, so daß unsere Range Herrin der Wohnung war. – Ein starker Klingelzug störte sie aus ihrem Sinnen auf. – Sie sprang empor und horchte, in der Hoffnung, daß es die ersehnte Freundin sei. – Jedoch in dem Durchgang vom Salon zum Wohnzimmer erschien – – – Herr Amtsrichter Neuwald. – Mit dem enttäuschten Ausruf: »Ach Sie – – – mehr nich?« – ließ sich das Mädel wieder in den Stuhl fallen.

»Na, hören Sie mal, das ist ja eine liebenswürdige Begrüßung, Lottchen! Bekomm ich keine Patschhand zum guten Morgen?« – fragte der Herr und streckte ihr die Hand entgegen. – »Meine gediegene Pote und Patschhand ist gut!« – rief die Angeredete. – »Hören Sie mal, aus den Lutschjahren bin ich nun glücklich raus!« – – »Was sind denn das: Lutschjahre?« – – »Na, das wissen Sie auch noch nich? Sie können so bleiben! Lutschjahre sind: teils Amme, teils Milchpulle. Aber beides liegt bei uns ausgewachsenen Menschen immer wie Patschhand in der Vergangenheit!« – – »Sooo? Nun, ich danke Ihnen jedenfalls für die Belehrung! Man lernt wirklich nie aus! Ist es Ihnen recht, wenn ich rauche?« – Dabei zündete er sich bereits seine Cigarre an und setzte sich vergnügt in einen Sessel.

»Wenn's nu mal ohne den Glimmstengel nich geht – – meinswegen! Im übrigen hat man mir immer gesagt, daß man erst um Erlaubnis bittet und dann handelt!« – – »Danke sehr!« – sagte er wieder. – »Ach ja, ich habe Ihnen noch für etwas zu danken, Lottchen!« – – »Ach bitte, sagen Sie Lotte!« – unterbrach sie ihn. – »Lottchen klingt wie Nudelrolle oder altbackenen Tante mit Ohrlöckchen!« – – »Gut, wie Sie wünschen! Also, liebe Lotte, Sie haben sich vorgestern Abend solche Mühe mit dem Zunähen meiner Überziehertaschen gegeben. Meine Wirtin fand die Stiche ordentlich kunstvoll, meinen verbindlichsten Dank – – –«

»Sehen Sie an, warum geht es denn jetzt wie geschmiert? Ich bin doch nicht einmal die richtige Stelle?« – – »Wie meinen Sie das?« – fragte er frappiert. – Sie legte den Kopf auf die Seite und blinzelte vergnügt: »Na, mit dem Sprechanismus! – – Sehen Sie, das ist auch mein Prinzip: nur nich schüchtern und immer von der Leber 'runter! Bei Ihnen muß es doch pfundweise darauf liegen, nich wa – –?« – Neuwald machte ein äußerst verblüfftes Gesicht. Lotte triumphierte: »Nun geht Ihnen wohl ein Ahnimus auf, Herr Amtsrichter? Frisch gewagt ist halb gewonnen!« – – »So, Sie müssen dies ja allerdings erfahren haben. Doch nun gestehen Sie mir auch, was haben Sie mit dem eingenähten Zettel bezweckt. Bin ich wirklich so ein ›Röhlfritze‹?« – Er beäugte sie durch das Pincenez. »Na und ob, platzen kann man inzwischen?« – – »Sie sind ja heute die reine Sphinx, Lottch – – Lotte!« – »Na dann knacken Sie man die Nuß, Herr Baron von Ödipus!« – – »Barmherziger Himmel, ich kann es aber nicht. Ich bin sehr dumm!«

»Ach!« – meinte seine Partnerin. – »Das ist lange nich so schlimm wie Sie aussehen! Ich kenne tollere! Im übrigen werden Sie bald aus unserer Konversation ersehen, was ich meine!« – Neuwald betrachtete dieses urwüchsige, aus der Art geschlagene Familienmitglied mit Unbehagen. Er wollte eine vernünftige Unterhaltung einleiten, überlegte und kam zu dem Resultat: »Wo sitzen Sie eigentlich in der Schule?« – – »O, das ist eine äußerst indiskrete Frage, zu der nur nahe Verwandte berechtigt sind! Um Ihnen aber meine Antwort nicht vorzuenthalten,« – fuhr das unglaubliche Mädchen fort – »benutze ich dazu einen Teil, den die ganze Menschheit dazu braucht!« –

»Hmm!« – Neuwald sprang auf und rannte entsetzt im Zimmer hin und her. »Unglaublicher Backfisch!« – stöhnte er heimlich und ersehnte das Eintreffen der anderen. Um aber das Gespräch nicht einschlafen zu lassen, stieß er verzweifelt hervor: »Was wollen Sie eigentlich späterhin werden?« – – »Späterhin – Braut; jetzt – Schwägerin!« Er blieb baff vor ihr stehen. Eine tiefe Röte stieg in sein Gesicht. Ehe er noch imstande war, etwas zu erwidern, sagte Lotte: »Herr Amtsrichter, haben Sie schon einmal geliebt?« – Schmachtend blickte sie zu ihm auf. »Ich weiß – – wahr – – haftig – – nicht – – – Sie – – –«

»Na eben, so kommt es mir auch vor! Dacht' ich mir gleich! Sie haben eben keine Ahnung von der Sache, und man thut ein gutes Werk, wenn man Ihnen den Seifensieder ansteckt« – bedauerte Lotte, halb verächtlich. »Na, Neuwaldchen, nun hören Sie mal gut zu! Also, wenn ich ein Mann bin und habe ein Mädel lieb, dann nöle ich nicht erst lange und lasse sie zappeln, sondern ich trete vor sie hin, lege ihr die Arme um den Hals, gebe ihr einen festen Kuß und sage: ›Mädchen, du wirst meine Frau! Darum kein langes Gepiesacke! Komm, wir sind verlobt!‹ Nebenbei ist es nämlich nich schön, wenn man eine ganze Familie auf 'm Proppen warten sitzen läßt!« –

Neuwald lachte Thränen: »Wenn das Mädel aber nun anscheinend nicht will?« – »Na, auf den Kohl fällt ein anständiger Hase eben nich 'rein, lieber Freund! Mädels wollen anscheinend immer nich! Das ist zum Geschäft gehörig und so Brauch! Das heißt, ich wäre bestimmt anders!« – – »So denken Sie, daß ich ganz dreist anfragen kann, trotz des Widerstandes?« – – »Mensch, hatten Sie keine Augen im Kopp? Immer fragen Sie feste auf de Weste! Ich bürge dafür, ich Lotte, denn ich höre sie doch immer mit Kläre über Sie rumklöhnen, Sie Schöps!«

Ehe Lotte sich 's versah, hatte der »Schöps« sie in die Höhe gehoben und gab ihr in Küssen eine stattliche Anzahlung auf sein späteres Schwagerrecht. Ihr Ächzen und Strampeln half ihr absolut nicht. – Dann erschien Gretchen, und der hoffnungsvolle, selige Amtsrichter blieb allein mit seiner Cigarre und der Vossischen Zeitung, die jedoch unbeachtet auf dem Tische lag. Die Zeit schien zu fliehen, denn es war bereits zwei Uhr, als der Geheimrat mit den Seinen heimkehrte. –

Die Eltern begrüßten den Gast kurz und eilten zum Auskleiden in ihr Schlafzimmer. Ella und ihre ältere Schwester blieben bis zu ihrer Zurückkunft bei ihm sitzen. Doch rasch trabte Lotte hinein, kriegte Kläre zu packen und rief: »Komm mal schnell, Minna muß dich sprechen!« – Dann zupfte sie Neuwald am Ärmel, blinkte ihm zu und flüsterte: »Nu los!« – Alsdann verschwand sie mit der nichtsahnenden Klara, die sie direkt bis in das Zimmer der Eltern schleppte: »Nu eilt man bloß nich so, sondern laßt die beiden mal 'ne Weile allein, Menschenkinder! Da kommt die Geschichte zum Klappen! Ich habe Robert ein bißchen Dampf untergelegt, er legt jetzt drinne los!« – – »Heiliger – – –!« – schrie die Geheimrätin. – »Sie sagt schon Robert! Range, was hast du bloß wieder angerichtet?« – stöhnte der Vater. – »Ella hängt dich auf!« – rief Klara.

»I bewahre,« – entgegnete Lotte – »das wird sie schön bleiben lassen! Mir verdankt sie es ja, wenn sie sich heute verlobt! Seid nich noch undankbar obendrein!«

Und Ella wurde Braut an diesem merkwürdigen Sonntage! Und Minna mußte zu Lotte noch an diesem Tage »Sie« sagen. Und der ernste Herr Amtsrichter Neuwald war wie ausgetauscht. Er wurde ordentlich übermütig vor Glück und tobte mit seiner neugebackenen jüngsten Schwägerin um die Wette. Die Familie kam aus dem Lachen gar nicht heraus! –

Trotzdem nun Neuwald sehr nahe bei Berlin amtierte und jeden Abend zwar bei seiner Braut erschien, fand er doch die Trennungszeit zu lang bemessen. So kam denn jeden Morgen eine Postkarte und jeden Mittag noch ein Brief. – Lotte aber mußte auf dem Balkon stehen und den Briefträger auflauern, dann raste sie auf die Straße, um die Liebesepistel in Empfang zu nehmen und der jubelnden Ella zu überreichen. – Anfangs machte ihr das Spaß. Bald aber langweilte es sie, und sie empörte sich gegen die Postillon d'amour-Dienste. Überhaupt kam eine leise Enttäuschung bald hinterdrein: Sie sprach das auch zu Gretchen offen aus, weil sich ihr scharf ausgeprägtes Anstandsgefühl bis ins Innerste verletzt fühlte:

»Sobald die beiden sich anglupschen, blinzeln sie vor Wonne mit den Augenlidern und machen mordsdämliche Visagen. Und dann knutschen sie sich, und er küßt ihr jeden Finger ab, wo er doch nich mal weiß, ob sie sich auch richtig und ordentlich gewaschen hat!? Ich sage dir, ich werde jedesmal rot, so schäme ich mich! Kann so 'ne Küsserei nich ausstehen! Ich würde es niemals thun, nee! Wa – – haftig nich! – – Und ewig muß ich rennen und Briefe holen oder in den Kasten stecken. – – – Wo sie sich doch täglich sehen, ist das Gehabe zu verdreht! Ich sage dir, ich werde mich nie verloben, das habe ich mir fest vorgenommen! – – Überhaupt wächst mir die ganze Verloberei nachgerade zum Halse 'raus!« – Und Gretchen entgegnete: »Ich kann auch so 'ne Liebe nich ausstehen! Weißte was? Wir beide werden doch nie heiraten, dann gründen wir später eine Pension für junge Mädchen und ziehen zusammen. Du machst dein Lehrerinnenexamen und unterrichtest sie, und ich lerne kochen und führe die Wirtschaft!« – – »Au feste, das machen wa – –!« versetzte die zum Erziehen anderer Kinder vorläufig noch recht ungeeignete Lotte. –

Nachdem das junge Paar seine Verlobungsvisiten abgestattet hatte und die Gegenbesuche empfangen, gab der Geheimrat ein solennes Souper. Eine Rede jagte die andere, und bei jedem »Hoch« sprach man dem Wein kräftig zu. Lotte hatte sich zur Feier des Tages einen kleinen Spitz angetrunken und richtete in diesem Zustande noch mehr Unheil an als gewöhnlich. – So veranlaßte sie denn auch zwei Vettern ihrer Mutter, die sich gegenseitig unausstehlich waren, sich das freundschaftliche »du« anzubieten und es mit einem kräftigen Kusse zu besiegeln.

Den einen dieser ältlichen Junggesellen, der ihr den »unverschämten« Namen: »Schnauzel« zugelegt hatte, haßte sie damals mit der ganzen Kraft ihres Herzens. Der Arme war das beständige Ziel ihrer Bosheiten. So oft sie ihm ein Glas Wasser holen mußte, und dies kam sehr häufig vor, prüfte sie auf dem Korridor ihre Hände. Alsdann tauchte sie den schwärzesten ihrer Finger in die reine Flüssigkeit. Wenn er darauf das kühle Getränk schlürfte, so jubelte sie heimlich, daß er ihr »Badewasser so arglos in sich 'reinplemperte«. – Ebenso oft ergriff sie eine Bürste und strich über seinen im Entree aufgehängten Hut in der verkehrten Richtung, so daß der glänzend schwarze Cylinder einem – Rauhbein – glich! Und so fort: unerschöpflich in der Erfindung neuer Streiche.

Gegen das Ende des oben erwähnten Soupers erhob sich ein Onkel des Bräutigams, ein würdiger Konsistorialrat. Und dieser geübte Sprecher brachte einen ebenso rührenden, wie poetischen Toast auf die neuvereinigten Liebenden aus. Er gipfelte in den Worten, daß »Verlobungen im Himmel geschlossen würden, zur Freude der Himmlischen und Sterblichen!« – Als sich die Ergriffenheit über dieses rhetorische Meisterstück etwas gelegt hatte, klopfte zu aller Erstaunen der Amtsrichter Neuwald an sein Glas:

»Meine hochverehrten Herrschaften, Verwandte und Freunde!« – sagte er mit lauter Stimme. – »Ich sehe auf all Ihren Gesichtern das unverkennbare Erstaunen, daß ich als Bräutigam mir die ungebräuchliche Freiheit nehme, selbst das Wort zu ergreifen. Wie wahrhaft glücklich und beseligt ich im Besitz meiner innig geliebten Braut bin, das lesen Sie mir ja alle vom Gesicht ab! Ich brauche es also hier nicht zu verkünden! – Wie herzlich dankbar ich meinen teuren, hochverehrten Schwiegereltern bin, in deren treuer Obhut mein Kleinod heranwuchs und zu dem wurde, was sie heute ist, auch das habe ich Ihnen schon oft genug verkündigt! Ich will Sie also nicht langweilen und zur Sache kommen. Dies kann ich nur, wenn ich an den Schlußsatz der Rede anknüpfe, die unser allverehrter Oheim und Freund soeben in so lieber Weise zum besten gab. Er sagte nämlich: ›Nicht nur Ehen, auch Verlobungen werden im Himmel geschlossen.‹ Diese unbestreitbare Wahrheit wage ich nicht anzutasten! Aber ich muß eingestehen, daß ich die Sicherung meines Glückes sicher noch lange hinausgeschoben hätte, wenn nicht ein gütiger, lustiger ›Engel‹ mir durch eine Unterhaltung die Augen geöffnet hätte! Ich schüchterner Jüngling hätte nutzlos noch lange gewartet! Durch die Worte und das Vorbild meines Engels bekam ich Mut und Entschlossenheit. Mich treibt daher die aufrichtige Dankbarkeit, Sie zu bitten: ›Erheben Sie Ihre Gläser und trinken Sie mit mir auf das Wohl des frechsten, lustigsten und gutmütigsten – – – Berliner Engels: Meine kleine Schwägerin Lotte, sie lebe hoch, hoch, hoch!‹«

Alle stimmten freudig ein und stießen mit Lotte an. In ihrem hellblauen Kleide, die blondbraunen Haare aufgelöst und nur mit einer lichtblauen Schleife gehalten, saß sie stolz da. Ihre sonst so munteren Augen schauten aber etwas verglast und schlaftrunken. Sie war nicht mehr ganz klar, der Hauptinhalt von Neuwalds Worten war ihr entgangen. Deshalb sagte sie nur laut und erstaunt: »Nanu, ich soll ein Engel sein? Ich glaube – – – ihm piept's!« –

Der Geheimrat besuchte alle Sommer einen Jugendfreund, der Oberförster in den königlichen Forsten in der Altmark war. Immer hatte er Lottes flehentliche Bitten, sie doch auf die zwei Tage mitzunehmen, von Jahr zu Jahr verschoben. Sie war ihm, wie er sich im engsten Familienkreise ausdrückte, noch nicht genügend »stubenrein«. Damit meinte er natürlich nur ihre Unarten. Die Silberhochzeit des Oberförsters fand nun aber in diesem Jahre statt. Und da flog denn eine Einladung für die gesamte Familie Bach ins Haus, die in den dringendsten Ausdrücken abgefaßt war. – Kläre und Ella waren aber zu sehr mit der Aussteuer beschäftigt und lehnten ab. So bestimmte denn der gute Geheimrat, daß diesmal Lotte mitreisen sollte. Seine Frau war ja dabei und würde die Widerspenstige schon zähmen. Im übrigen freute er sich doppelt auf die kurze Fahrt; denn nun konnte er doch den lieben Hannischs in Klostergut seine berühmte Berliner Range vorführen, von deren Streichen er schon so viel erzählt hatte. –

Lotte war in den letzten Tagen vor ihrer »Weltreise« in fürchterlicher Erregung. Sie fegte nervös durch den Garten, störte die Babys und zankte sich mit den Jungen. »Thu dich man bloß nich', als ob du nach Amerika fährst!« – höhnte Max neidvoll. – »Das wäre wenigstens noch was! Aber die lumpige Mark kann uns Berlinern nich imponieren! Wir haben doch 'n Kreuzberg, und 's Brandenburger Thor, und 'n Tiergarten und 'n Friedrichshain!« – – – »Aber doch keinen so großen Forst mit Hasen und Rehen und schönen Seen! Ätsch, Onkel Hannischs Sohn wird mich 'rumrudern! Vielleicht darf ich 'ne Büchse abdrücken und reiten, da sind Massenbach Pferde. Und denn is da 'n Dorf nich weit von!« »Ach was, wir haben Rixdorf und Wilmersdorf, da is auch 'n See!« – »Red man nich, Mäxeken, du möchst ja gerne mit! All dein Gerede is ja man bloß Neidhammelei!«

»I, was du nich alles weißt! Ich pfeif' auf deinen richtigen Wald mit richtigen Bäumen. Das ist doch alles man bloß dumme Natur! Kunst is ville schöner!« – – »Meinst du? Na, dann laß dich man in Aspick setzen und als verunglückten Rollmops verkaufen! Oder laß dich wachsen und bei Kastan als fleischgewordene Dummheit bekieken. Dann haste doch wenigstens 'nen Zweck! So läufst du nutzlos in der Welt 'rum!« – entgegnete Lotte und wandte ihm zornig und verächtlich den Rücken. Durch die Fixigkeit ihrer Bewegung entging sie einer wohlgezielten Ohrfeige. Diese traf den nichtsahnenden Franz Haffner, der in eine »Lederstrumpf-Erzählung« vertieft war. Eins, zwei, drei sprang er auf. Eine regelrechte Keilerei kam in Gang. Lotte verduftete in der wohlberechneten Voraussicht, daß auch für sie »etwas Kloppe« abfallen würde. Denn wo zwei sich prügeln, pflegt sich nach der ersten abgehauenen Wonne am Schlagen die gemeinsame »Restwut« immer auf den unschuldigen Dritten zu entladen! Dies steht so fest wie der Lehrsatz des Pythagoras!

Sonnabend fiel für Lotte das dramatische Lesekränzchen »Bund der Seele« zum erstenmale aus. Sie saß schon mittags um zwölf Uhr mit glühenden Wangen in einem Abteil der Eisenbahn und sauste neben ihren Eltern in das Land hinaus. – Die ersten Stunden vergingen ihr blitzschnell; denn sie blickte aus dem Fenster und schmauste ununterbrochen von den mitgenommenen Vorräten. Dann begann sie sich zu langweilen. Die Eltern lasen eifrig und liebten dabei keine Störung. So schaute sich unsere Range im Coupé um und entdeckte in der gegenüberliegenden Ecke eine junge Frau, die ein Baby von ungefähr vierzehn bis achtzehn Monden auf dem Schoß hielt. Dieses war eben aufgewacht und rieb sich mit den winzigen Fäustchen die schlaftrunkenen Augen. Als es Lottes Blicke auf sich ruhen spürte, drehte es sich um und sah das große Mädchen an. – Was diese dazu bewog, ein kleines Kind, sonst ihr höchstes Ideal, zu quälen, war ihr selbst unklar. Jedenfalls riß sie ihre großen blauen Augen so weit als möglich auf und starrte das Kleine mit hypnotisierenden Blicken an. –

Erst wurde es unruhig, rutschte zaghaft hin und her. Dann versuchte es fortzusehen.

Magisch angezogen, wandte es sich ihr nach einem Weilchen wieder zu. – Das Spiel wiederholte sich. – Lotte stierte, und Baby fürchtete sich! –

Endlich wurde es dem geplagten, kleinen Wesen zu viel. Es klammerte sich an die Mutter in seiner Furcht und Verzweiflung und erhob ein wahres Zetergebrüll. – Die junge Frau hatte schon mehrmals verlegen zu Lotte hinübergesehen, als ihr Töchterchen sich so unruhig benahm. Jedesmal traf ihr Blick ein freundlich lächelndes, frisches Backfischchen. – Jetzt machte sie leise Beschwichtigungsversuche, ließ das Kleine tanzen und hielt ihm die »Ticketack« ans Ohr. Vergebens, es schrie wie am Spieße und verbarg sein Köpfchen auf der Mutter Schulter! – Der Geheimrat wurde nervös. Er räusperte sich, hustete und machte tadelnde Bewegungen mit dem Haupte. Seine Gattin schien vergessen zu haben, daß auch sie einst kleine und schreiende Kinder besessen hatte. Sie machte ein äußerst entrüstetes Gesicht und murrte halblaut vor sich hin. Der armen jungen Mutter wurde es endlich zu viel. Auf der nächsten Station verließ sie das Coupé und stieg in das leere, daneben liegende. – Bachs waren zufrieden. Auch Baby schien es, nachdem es aus dem grauslichen Bann von Lottes aufgerissenen Augen war. Schon nach wenigen Minuten hörte man es nebenan krahlen und jauchzen. »Jetzt ist es guter Laune!« – konstatierte Herr Geheimrat aufhorchend. – »Wirklich, diese kleinen Schreihälse mit ihrem unmotivierten Weinen und Lachen sind unberechenbar!« – Seine Jüngste schwieg sich aus. Sie wußte, daß dies unglückselige Baby nur zu guten Grund zu Furcht und Thränen gehabt hatte!

Nachdem Lotte dies Quälobjekt entgangen und absolut keine Gelegenheit zu weiteren Streichen vorhanden war, zog sie ein dickes Notizbuch aus ihrer Couriertasche und begann zu schreiben. »Ekelhaftes Geschunkel!« – sagte sie tadelnd. – »Man kriegt nich ein vernünftiges Wort 'raus; nur scheußliches Gekritzle!« – – »Was schreibst du denn jetzt noch? Wir sind ja in einer halben Stunde da!« – fragte der Vater. – »Ich muß mir doch die Stationen und meine Reiseeindrücke aufschreiben! In dem Berliner Rummel vergißt man zu leicht die wichtigsten Thatsachen! – – – Weißte, Vätachen, eigentlich fange ich mich schon furchtbar zu bangen an! Ich weiß kaum, wie ich es ohne die Mädels, Grete und meine Freundinnen, aushalten soll?« – – »Na, bis Montag mittag wirst du es wohl noch ertragen!« – – »Das sagst du so in deinem jugendlichen Leichtsinn! Ich kann dir sagen, mir ist schon ganz flau zu Mute!« – – »Ich glaube, Lotte, das ist Ungeduld und Erwartungsfieber!« – – »Ich – – – Fieber? Eine Berlinerin, die auf lumpiges Land kommt – – – p – – – p!« – – »Du mußt nicht so anmaßend sein, es giebt in der Welt noch größere und schönere Städte als Berlin! Man kann seine Vaterstadt sehr bewundern und lieben, muß aber auch andere Schönheiten anerkennen! Gerade unsere Berliner machen sich überall verhaßt mit ihren absprechenden Urteilen. Ich möchte entschieden nicht, daß meine Tochter sich bei meinen besten Freunden durch solch vorlaute Bemerkungen in schlechtes Licht setzt!« – sagte Herr Bach ernst und blickte sein Töchterlein streng an. – Sie wurde rot: »Na, sei man nich so! Erst muß der Hund die Wurst stehlen, und dann kriegt er seine Wichse!« – murmelte sie halblaut.

Plötzlich hielt der Zug. Das Endziel war erreicht. In unbeschreiblicher Aufregung sprang Lotte aus dem Waggon. Sie zappelte und kam nicht eher zur Ruhe, ehe sie nicht auf dem bequemen Landwagen saß, den der Herr Oberförster zur Station geschickt. – Sein ältester Sohn, ein junger Pastor, erwartete die lieben Gäste und betrachtete Bachs Jüngste mit prüfenden Blicken, in denen sich Wohlgefallen und Mißtrauen mischte. Auf des Geheimrats Frage: »Na, wie gefällt sie Ihnen? Haben Sie sich meine Range so vorgestellt?« – entgegnete der brave Johannes: »Keineswegs, lieber Onkel, ich erwartete einen kleinen Schelm und finde eine niedliche junge Dame!« – »Um Himmelswillen! Mutter, Lotte, habt ihr gehört?« –

Lotte hatte aber nichts gehört und gesehen. Sie saß selig auf dem Bock neben Jochen und hatte nur Augen und Ohren für die beiden kräftigen Gäule und die ländliche, ihr völlig neue Umgebung. Die Eltern nahmen auf dem Vordersitz, Johannes auf dem Rücksitz Platz: »Ich fürchte, unsere kleine Gesellschaft daheim wird sehr enttäuscht sein, wenn ich anstatt mit der erhofften, wilden Spielkameradin mit dieser feinen, kleinen Berlinerin heimkehre!« – meinte der junge Hannisch fast bedauernd. Jedoch Herr Bach lachte ihn aus: »Fürchten Sie nichts, Hannes, die ersten Eindrücke täuschen sehr oft und sind durchaus nicht maßgebend! Sie werden nur zu bald eine Metamorphose erleben, die Sie entsetzen wird! Sie ist tausendmal unartiger und kindlicher als es ihre Jahre erlauben! Wenn ich meinen drei Damen nicht ständig Trost zuspräche, würden sich alle drei aus Verzweiflung über dies mißratene Kind bereits längst aufgehängt haben! Ich aber finde, zur Vernunft hat sie noch Zeit und bin froh, daß sie so und nicht anders ist!« – – »Da haben Sie die Ansichten meines teuren Gatten in ihrer ganzen pädagogischen Größe, lieber Hannes! Und nun versuchen Sie, dies Kind zu erziehen!« – seufzte die Rätin. »Nun ich sehe, verehrte Tante, Sie haben trotzdem sehr viel erreicht! Ich kann Ihnen nur mein Kompliment machen!« – versetzte der junge Herr galant. – – »Man soll den Tag nie vor dem Abend loben!« – warnte der Rat. Ehe er noch seine beabsichtigte Rede zum besten geben konnte, drehte sich Lotte auf ihrem erhöhten Vordersitze um.

»Weißte, Vater, was Jochen mir eben erzählt? Sie haben auf dem Hofe eine Jauchenpumpe, da ist nur Mist und Schmutz drin. Ob ich den Mädeln eine kleine Pulle ›Stink‹parfüm mitbringe? Schade, daß ich nich 'ne richtige Flasche mitgebracht habe. Da hätte man den Schwindel leichter fertig gekriegt! – – – Mit dem Kränzchen mache ich sicher irgend so 'n Scherzchen!« – »Da haben Sie den ersten Kosthappen von ihrer bisher zurückgehaltenen Glorie!« – rief der Geheimrat und blickte lachend den betroffenen Jüngling an. – »Auf mehr werden Sie nun wohl verzichten? – – Du, Lotte, Johannes hält dich für eine höchst feine, junge Dame, benimm dich danach!« – – »Ach was, warum is er so dumm?« – gab sie kurz über die Schulter zurück. – Was ging sie der Pastor an, wo sie so viel zu betrachten und fragen hatte!? –

Nach einer herrlichen Fahrt durch Wald und Feld hält der Wagen vor der Oberförsterei. Wie im Traume läßt Lotte die herzlichen Begrüßungen der Familie und der bereits anwesenden Gäste über sich ergehen. Sie fühlt sich mehrmals umarmt und geküßt, sie knixt, sie reicht einigen Kindern die Hand; aber im großen und ganzen ist sie von den neuen Eindrücken überwältigt: das zahme Reh – die vielen Hunde – die grünen Forstuniformen – die Vögel – das kleine Haus mit den vielen Geweihen, den angenagelten Eulenbälgen – die Stallungen mit richtigen Kühen, Schafen – das umherspazierende Geflügel – – –! Kurz, unser Stadtkind weiß nicht recht, wohin es zuerst schauen soll. – Noch dazu fühlt Lotte, daß man sie beobachtet. –

Erst, als sie an der gedeckten Tafel sitzt und tüchtig zugreift, als große Teller mit selbstgebackenem Kirschkuchen vor ihr auftauchen, gewinnt sie ihre Sicherheit und die ihr sonst in jeder Lage eigene Fassung zurück. Mit geklärten Blicken schaut sie sich jetzt um. Ihre Kritik erwacht zugleich mit ihrer Spottsucht. – Ehe diese sich noch entladen kann, wird die Mahlzeit beendet. – Der Kaffee wird unter den Kastanien, unten am Weiher, gereicht. Die ganze Gesellschaft begiebt sich daher plaudernd nach dem Park: »Dir, lieber Gerd, vertraue ich meine Tochter an. Du bist wohl so freundlich und führst sie ein bißchen im Gehöft herum und stellst sie deinen kleinen Verwandten vor!« – sagt der Geheimrat und klopft dem zweiten Sohn seines Freundes auf die Schulter. – »Wenn die Range Dummheiten redet, so wundere dich nicht! Sie ist ein Stadtkind und hat keine Ahnung von ländlichem Thun und Treiben! Hab also Geduld mit ihr!« – »Zu Befehl, lieber Onkel!« – entgegnet der hübsche junge Forsteleve und sich Lotte zuwendend, fügt er hinzu: »Wollen Sie also mitkommen, Fräulein Bach?« – – »Ihr seid wohl verdreht!« – schilt Herr Bach. – »Auch noch Fräulein und Herr? Das fehlte noch! Dies ist meine Lotte und du! – – Und dies ist Gerhard Hannisch und du! Verstanden?« Gerd ist sehr rot geworden. Er setzt ein paarmal an, ehe ihm das »du« über die Lippen will. Schließlich sagt er: »Dann erlaube, daß ich dir meine Vettern und Cousinen erst noch einmal vorstelle. Dies ist Arthur Klemm, und das sind Hedi und Hanni Damann!« – »Wie alt bist du, Arthur?« – »Elfe!« – »Und ihr?« – fragt Lotte die Zwillinge: »Fünfe!« – – »Na, da seid ihr man noch recht junge Puttchen; aber bis Montag wird's schon gehen. Ich bin nich so!« – meint Lotte herablassend. Ihre Art imponiert den Kindern ungemein. Wie die Hundchen laufen alle drei hinter der Berlinerin her. –

Gerhard ist der Mentor. Er geleitet Lotte von Stall zu Stall und in die Schuppen. Sie ist tief enttäuscht; denn sie hat sich das alles viel sauberer und schöner, von der idealen Seite vorgestellt. So faßt sie denn am Schlusse der Wanderung ihr Gesamturteil in die kurzen Worte zusammen: »Sehr interessant, aber es stinkt wahnwitzig. Und die Fliegen und der Mist sind auch nicht gerade begeisternd!« – – – »Du bist gut!« – lacht ihr Führer. – »Mist ist ja wunderbar! Es giebt nichts Besseres! Was sollte aus dem Getreide, dem Gemüse und Obst werden, wenn wir den nicht hätten!« – Lotte macht große Augen und rümpft die Nase: »Weißte, Jungeken, aus Dummsdorf bin ich nicht, und uzen lasse ich mich auch nicht. Du willst mir bloß die Nahrungsmittel verekeln!« – Gerd versichert das Gegenteil, aber er findet weder Glauben noch Anklang. Die Kleinen staunen, sie wissen nicht, ob sie Lottes Aussprüche nun besonders klug oder himmelschreiend dumm finden sollen? – Das Toben in den Heuhaufen, in den Strohmieten vom vorigen Jahre, gefällt Lotte weit mehr. Sie übertrifft die Knaben noch an Wildheit und Kletterkünsten. Kein Baum ist ihr hoch genug. Selbst auf ein junges Pferd läßt sie sich heben und reitet kerzengerade und vergnügt umher, als ob sie täglich zu Pferde säße. – Der Geheimrat strahlt vor Stolz, als der Oberförster und sein Schwager, der Rittergutsbesitzer, erklären, daß sie noch nie ein so schneidiges Stadtkind gesehen hätten!

Gegen sechs Uhr kommt das Vieh von der Weide heim. Lotte will durchaus beim Melken helfen. Eilig packt sie den kleinen Schemel und den Eimer und placiert sich kühn vor dem großen Bullen. – Hastig holt sie der Kuhhirt fort, denn das Ungetüm ist wild und rasselt mit den Ketten. – Gerd, die Kinder und Mägde, die Herren und Knechte schreien vor Lachen über das verunglückte Vorhaben: »Habt euch man nich!« – ruft Lotte entrüstet – »was is denn nun dabei, wenn ich das Vieh mit 'ner Kuh verwechselt habe? Es wäre viel vernünftiger, man könnte auch Bullen und Ochsen melken, wo sich die Biester schon so ähnlich sehen? Wenn schon – denn schon!« – Alles kreischt vor Vergnügen. Dieser Ausspruch macht noch an demselben Abend die Runde bis in die entfernteste Tagelöhnerkate im Dorfe. – Auch daß Lotte ihrem Vater bei ihrem Spaziergange durch Klostergut erklärte: »Das Dorf ist so klein. Weißte, Vätachen, ich könnte hier nich leben, mir bleibt schon der Atem weg!« erregt allgemeines Entzücken. –

Lotte sitzt mit ihren Begleitern im Hühnerstall und guckt in die Brutkästen. Sie hat alles gethan, um eine phlegmatische Truthahnfamilie durch ein rotes Zopfband in Empörung zu versetzen. Aber sie erreichte nur, daß die Tiere »losbullerten« und sich in ein Rübenfeld retteten. Jetzt bewundert sie die Kücken und versteigt sich zu der unglaublichen Frage, ob denn wirklich schon ein Mensch in den Eiern von den Perlhühnern – Perlen gefunden hätte? Sie könne sich doch so was absolut nicht vorstellen! – Und: ob es viele nachgemachte Eier gäbe? Wieder lacht alles! Lotte kommt aus ihrem Gleichgewicht und fühlt sich unbehaglich. Es ist ihr noch nie passiert, daß sie mit jedem Wort, mit jeder Frage etwas wirklich Dummes gesagt hat! Sie ist daran gewöhnt, daß man über ihre Unarten und Witze lacht, aber nicht über ihre Einfalt. Sie hat den dummen Landjöhren als Berlinerin imponieren wollen, und nun ist sie die Dumme! Es war zu fatal! Und um noch ein wenig von dem verlorenen Nimbus zu retten, beginnt sie von den Berliner Herrlichkeiten zu erzählen. Und die Wunder der Theater, des Zoologischen Gartens, vor allem, daß sie alle drei Kaiser von Angesicht zu Angesicht gesehen, stellen ihre Gloriole wieder her! Lotte ahnt selbst nicht, wie sie, sich an ihren eigenen Worten begeisternd, aufschneidet!

Auch abends ist sie in ihrem Element. Sie eilt mit Arthur vorsichtig und leise von einem der Schlafzimmer zum andern. Unter die Betttücher werden winzige Steinchen und unreife Ebereschen verborgen, die nicht gerade zur Bequemlichkeit des Schläfers beitragen können. – Großmamas weiße Häubchen verschwinden, samt ihrer Unzahl von Tüchern und dem ganzen sonstigen Nachtapparat der alten Dame und werden in der Mansardenstube deponiert, die dem Leutnant Sponnholz eingeräumt ist. Bei ihm schließen die bösen Geister auch ein unglückliches junges Ferkel ein. Arthur hat es geholt, und Lotte steckt es in sein Bett unter die Steppdecke: »Warum läßt er auch deine Cousine nicht in Ruhe und kokettiert mit ihr?« – fragt sie so böse, als sei sie die rächende Nemesis. – »Nun läßte dich noch recht früh wecken und vertauschst die Schuhe, die der Jochen geputzt vor die Thüren gestellt hat! Hörste, Arthurchen? Ich kann ja leider nich raus, denn ich schlafe mit Mutta und deiner Tante zusammen!« – Der kleine Strolch ist selig über den erhaltenen Befehl und gelobt Gehorsam. –

In der Nacht herrscht merkwürdige Unruhe in der Oberförsterei, ehe alle den erquickenden Schlaf finden. Und am Morgen zankt alles über den armen Jochen, der solch heillose Verwechslung mit dem Schuhzeug angerichtet hat! – Lotte sieht und hört nichts. Sie schläft den Schlaf des Gerechten, berauscht von der ozonreichen Landluft. Sie ahnt nicht, daß Leutnant Sponnholz der »frechen Berliner Jöhre« blutige Rache gelobt hat; weil er in ihr mit Recht die Spenderin des Ferkels, welches sich als solches erwiesen, vermutet.

Hedi und Hanni sind zu Ehren des großen Festtages schon am frühen Morgen in weißen Kleidern erschienen. Mit diesen harmonieren ihre blauen Wadenstrümpfchen und die breiten blauen Schärpen vorzüglich. – Auch Lotte besteht darauf, schon morgens ihr »hellblaues« anziehen zu dürfen. Sie verspricht, es möglichst für das Diner am Nachmittag zu schonen. Die ganze Umgegend: Gutsbesitzer, Pfarrer, Administratoren und Lehrer sind geladen. – In der Oberförsterei herrscht solche Unruhe und Arbeitswut, daß man keine Zeit hat, auf die Jugend zu achten. –

Eine Zeitlang hatte diese der Tafeldeckerei im Park zugeschaut. Dann aber schlug sie sich gelangweilt seitwärts in die Büsche. Zuerst störte man betriebsame Ameisenhaufen. Darauf fing man junge Padden mit Schmetterlingsnetzen und hob sie für noch unbekannte Zwecke auf. Schließlich waren alle tierquälerischen Programme erschöpft. – Man wanderte in der Richtung nach dem Dorfe zurück. Und da entdeckte Lotte »heureka« die ortsüblichen Backöfen. – Ihre ständig arbeitende Phantasie fand hier ein willkommenes Beschäftigungsmittel. Sie führte mit den Kindern das bekannte Märchen: Hänsel und Gretel auf. – – Natürlich war sie die Hexe und die armen Würmer, Hedi und Hanni, mußten in den dunklen Backofen kriechen.

Da sich die Kleinen aber graulten, wollte Arthur sein Heldentum beweisen und kroch mit in die schwarze Öffnung hinein. – Als sie endlich, auf Lottes Geheiß, wieder zum Vorschein kamen, war das Drama fertig! – Angst und Weinen, Gelächter und Erstaunen bewegten die vier Kinder. Durch Thränen starrten sie sich gegenseitig an. Hedi und Hanni glichen, trotz ihrer echt deutschen Blondhaare und Blauaugen zwei kleinen Mohren. Sie waren über und über berußt. Kein Mensch konnte herausfinden, daß ihre Kleidchen eine weiße Grundfarbe gehabt hatten! –

Was war zu thun? Je mehr man rieb und pustete, um so öliger wurde die schwarze Sauce. Arthurchen, der nicht so tief in das Innere vorgedrungen war, ließ sich noch am leichtsten reinigen. Lotte wusch ihm Gesicht und Hände ab, bürstete seinen Anzug und befahl ihm, seine geschwärzten Strümpfe umzudrehen und verkehrt anzuziehen. – So ging es allenfalls! – – Mit den kleinen Mädelchen konnte sie, trotz aller Anstrengungen, nichts erreichen. Sie brüllten wie am Spieße, und schmutziggraue Thränenrinnsale rannen über ihre Bäckchen. Schließlich kriegte Lotte jede am Ohr zu packen und führte sie, die Arme weit ausgestreckt, nach Hause. Dort half eine barmherzige Tante, scheltend und jammernd, bei der Reinigung. Um die Freude, Hannischs Silberhochzeit in neuen Kleidern beiwohnen zu können, waren sie jedenfalls gekommen! – Und Lotte bekam, als schlechte Hüterin, von ihrer empörten Mama noch eine tüchtige Ohrfeige. Sie bockte!

An der Mittagstafel hatte sie bereits ihren Trotz vergessen. Sie glänzte in ihrer echt Berlinischen Schlagfertigkeit und wurde von allen geneckt und gefeiert. Die ganz jungen Herren machten ihr schon die Cour und tanzten mit ihr wie mit den Erwachsenen. »Die fesche Krabbe mit ihrer Schnoddrigkeit« war ihnen eine angenehme Abwechslung! – Lotte schwamm in Wonne und spielte geschickt die junge Dame! –

So hätte denn auch dieser vergnügte Abend zu einer schönen Erinnerung werden können; wenn nicht des Schicksals strafende Hand in Gestalt des Leutnants Sponnholz eingegriffen hätte! Er brachte bei einer Kahnpartie auf dem im Abendrot erglänzenden See das Boot so geschickt zum Schaukeln, daß gerade die unruhige Lotte ins Wasser stürzte. – Sie wurde zwar herausgeholt; jedoch eine tüchtige Erkältung war die Folge. –

Nachdem Husten und Schnupfen überwunden und sie längst wieder in Berlin war, verklärte sich aber auch das letzte Ereignis der Reise nach Klostergut sehr. Sie renommierte mit ihrem Abenteuer außerordentlich: »Es ist aber auch keine Kleinigkeit! – – Fallt ihr nur mal ins Wasser! – – – Einfach gräßlich war die Lebensgefahr! Und dann laßt euch von einem bildschönen Pastor und einem himmlischen Offizier 'rausholen!« – prahlte sie im Kränzchen. – »Ich kann euch sagen, das einzige Pech war, daß ich wie eine Verdrehte gebrüllt habe und wie eine triefende Padde aussah! – Verlieben konnten sie sich nicht in mich! – – Schade! – – – Aber fein war's doch – – was?!«

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