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Die Berliner Range - Neue Bekenntnisse. Band I.

Ernst Georgy: Die Berliner Range - Neue Bekenntnisse. Band I. - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Georgy
titleDie Berliner Range - Neue Bekenntnisse. Band I.
publisherVerlag von Rich. Bong.
yearo.J.
firstpub1900
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140611
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2. Kapitel. Die untere erste Klasse und ihr Ideal

Die große Schulglocke hatte durch ihr Läuten den Anfang der Rechenstunde verkündet. – Auf dem riesigen Hofe genossen die Schülerinnen aller Klassen die freie und gute Luft. Das Hinundherwogen der schwatzenden und lachenden Gruppen brachte eine Bewegung und ein Gebrause hervor, das von weitem wohl den Eindruck eines tosenden brandenden Meeres wachrufen konnte! – – Zwischen den Kindern ergingen sich ernster die weiblichen und männlichen Pädagogen, hochaufgerichtet, mit dem Stolz und der Würde, welche die Verantwortlichkeit ihres nicht beneidenswerten Berufes kennzeichnet.

Bei dem grellen Ton schwenkten die Spaziergänger plötzlich nach rechts und links ab. In zwei Strömen ergossen sich die Scharen über die beiden Treppenhäuser in die verschiedenen Korridore, an denen an einer Seite die Klassen lagen. In wenigen Minuten war der Hof leer. Nur drei Mädchen eilten hastig über den Kies und sammelten die »Stullenpapiere« auf. Eine Vierte stand ruhig neben dem riesigen Korb, der diese und alle sonstigen Abfälle in sich aufnahm.

»Ich verstehe das Vergnügen nicht, hier den Lumpensammler zu spielen. Bedanke mich für die Wonne, das aufzulesen, was andere wegschmeißen!« – sagte sie zornig zu Lotte Bach, die eben ihre volle Schürze ausschüttete, wobei ihr die beiden langen Zöpfe über die Schultern fielen. – »Nimm mir das nicht übel, Julia!« – entgegnete diese ebenso heftig. – »Aber das beweist, daß dir das Verständnis für die Geschichte fehlt. Erstens ist ›Papierauflesen‹ ein Ehrenamt! Zweitens schmeichelt man sich bei den Tierquälern ein, und drittens versäumt man, wenn's Glück gut ist, den Anfang der Stunde!« – – »Jawoll, Hirz kommt immer erst zehn Minuten später!« – – »Das ist es ja eben!« – seufzte Lotte. – »Bei dem nutzt es nichts! Kinder, wieviel Exempel habt ihr raus?« – – »Ich nur vier!« – meinte Julia, und die hinzueilenden Freundinnen Alice Hutten und Lene König hatten auch nicht mehr Lösungen gefunden. – »Ich habe alle acht raus!« – triumphierte Bachs Jüngste.

»Wunder! Wenn dein Papa sie mit dir macht!« – rief Lene.

»Mein Papa wird sich was husten!« – erwiderte Lotte. – »Hat sich was! Nee; aber wozu hat man Freunde? – – – Franz Haffner hat sie mir ausgerechnet! Fein, – – – was?« – – Neidische Blicke trafen die Glückliche. – »Eigentlich ist es ja ein Betrug!« – – »Dir piept es! Es giebt keine anständige Person in der Welt, die sich nicht bei den Arbeiten helfen läßt, wenn es möglich ist!« – – »Na, na!« – – »Oho!« – – »Ich nie!« – erscholl es.

»Da hört doch die Gemütlichkeit auf! Ihr Schwindler!« – zankte Lotte, – »dir sieht deine Mama alles nach! – – Bei dir, Julia, sitzt der ausgemergelte englische Anstandsbaubau, pfui Deibel, so'n Beefsteak, immer daneben, und dir, Alice, macht dein Bruder doch die halben Aufsätze, also thut euch nicht!« – Sie holte aus, versetze Alice einen Stoß und flog mit dem Ausruf: »Letzten du!« wie ein Pfeil davon. Die anderen jagten hinter ihr her. – Erst vor der Klassenthür ruhten sie sich von dem Wettlauf aus. – »Hirz schreibt doch nur während der Stunde sein Buch über den Rechenunterricht und läßt Marta Brand mit uns die Legierungen 'rausrechnen. Was macht man da?« – sagte Alice, Rat heischend. – »Ich habe mir von Lydia ›Magdalenens Briefe‹ gepumpt; vielleicht lese ich!« – entgegnete Lene. – »Ich habe Modepuppen im ›Plötz‹, Donnerwetter, ich muß ja noch das englische Gedicht lernen. Das hätte ich bald vergessen!« – murmelte Julia.

»Ach was, das sehe ich mir in der zweiten Pause einmal durch, dann geht's!« – erwiderte die leichtsinnige Lotte. – »Eins weiß ich, aufpassen thue ich nicht! Und irgend etwas knoble ich mir noch aus, um die Zeit hinzubringen!« – Sie stieß die Klassenthür auf und trat mit den Freundinnen ein. – Kaum hatte sie ihren Platz auf der vierten Bank erreicht, so begann sie mit den Nachbarn hinten und vorn, rechts und links zu schwatzen. Die erste stand auf dem Katheder und suchte »Ordnung und Ruhe!« aufrecht zu erhalten. Das laute Gespräch ärgerte sie: »Bach, sei still oder sprich leiser!« – tadelte sie daher.

Lotte machte eine schnippische Bewegung und schnitt eine Fratze: »Tugendspiegel will sich beliebt machen und Theekind (Liebling) werden!« sagte sie hörbar. Einige lachten. »Bach, ich schreibe dich an die Tafel, wenn du nicht ruhig bist!« – – »Meinswegen!« Mit dicken Strichen wurde sie als laut und ungehorsam notiert. Sorglos knippste sie mit den Fingern und pfiff. Sie wußte, daß der feuchte Schwamm beim Eintritt des Lehrers doch über das schwarze Brett glitt und alle Namen löschte. – Es war den Schülerinnen verboten, den einmal eingenommenen Platz nach dem Läuten zu verlassen. Fräulein Bach wußte das genau. Da sie aber »das Tugendweib« ärgern wollte, erhob sie sich und schritt in die Fensterecke neben dem erhöhten Tritt. – »Bach, wo willst du hin?« – – »Verzeih', liebe Marta, aber dieses Haar auf meinem Ärmel lenkt meine Aufmerksamkeit ab. Daher will ich es hiermit feierlichst begraben, wozu ich um deine gütige Erlaubnis gehorsamst flehe!« – war die heuchlerische Antwort. Marta biß sich auf die Lippen. Die »andern« der »unteren Regionen« amüsierten sich köstlich. Nur die beiden ersten Bänke entrüsteten sich über »Bach, die immer frecher wurde!« – – »Lotte, du scheinst ganz zu vergessen, daß wir jetzt in der ersten Klasse sind!« – schrie Erna Müller aufgeregt. – »Mal müssen deine Tollheiten doch aufhören!« –

»Gewiß,« – versetzte Lotte – »ich bin schon an mir selber irre und werde allem Schlimmen sofort ein Ende machen.« – Sie hob die Hände über den Kopf, als ob sie einen Kopfsprung machen wollte und beugte sich weit über den ungeheuren Holzkasten, der als Papierkorb diente. – Ihr Ulk wurde belacht. – Plötzlich richtete sie sich jubelnd auf und tanzte von einem Fuß auf den andern.

»Haltet mal eure geehrten« – – befahl sie, – »ich habe eine großartige Idee!« Es wurde ziemlich still. »Also: Seht her: Der Klassenschrank ist genau so breit wie der Papierkasten und deckt ihn vollständig gegen den Katheder! Da ich nun nicht Lust habe, der dämlichen Rechnerei beizuwohnen, werde ich hier hereinkriechen. Und Ihr deckt mich mit Löschblättern und Frühstückspapier zu, ja?« –

Allgemeine Unruhe entstand. Die Klassenrowdies jubelten zustimmend. Die warnenden Stimmen der besseren Elemente wurden übertönt. Lene und Alice halfen der Freundin beim Einsteigen in den Kasten und deckten sie so sorglich zu, daß nicht ein Härchen von ihr zu sehen war. »Um Gotteswillen, Lotte, du hältst ja die Bückerei nicht aus! Du wirst ja steif!« – bat Frieda Scholz. – »Laß doch den Unsinn sein!« – – »Die ganze Klasse wird bestraft! Bach, komm 'raus!« – beschwor Hedwig Lantz. – »Ach, was! Ihr wißt von nichts! Ich nehme alle Schuld auf mich! – Euer Name ist Hase, und ihr wißt von nix!« – trällerte die pflichtvergessene Lotte, uneingedenk ihrer Versprechungen.

Ehe noch eine Änderung der Situation möglich war, trat Herr Hirz ein und begab sich auf seinen Sitz auf dem Katheder. Die Klasse hatte sich erhoben und setzte sich wieder. Alle sahen sich ratlos an. Der Unterricht begann. Die Arbeiten, das heißt die Lösungen, wurden verlesen. – Der Lehrer saß inzwischen auf dem Pult und machte in den soeben gelieferten Druckbogen seines bald erscheinenden Werkes Korrekturen: »Was ist denn das heute für ein Gewisper?« – fragte er zerstreut und sah empor. – »Nun, Sie sind ja alle so nervös, ist irgend etwas vorgefallen?« – – Man schüttelte verneinend den Kopf. – – »Gut, dann machen Sie den Böhme auf. Seite 16, Exempel Nr. 56. Berta Radtke, kommen Sie hierher an die Tafel, und lassen Sie die Nummer laut vorrechnen! Passen Sie gut dabei auf! – – – Doch es ist ja so merkwürdig ruhig heute, fehlt Lotte Bach oder Alice Hutten?« – fragte er dann. – Maria Brand erhob sich kreidebleich: »Alice ist da!« – murmelte sie scheu.

»So! Sooo – – –« er schrieb bereits wieder. – Die Rechnung begann.

Vorsichtig und leise erhob sich Lotte in ihrem Käfig. Sie schüttelte die Schutzvorrichtungen ab und sah über den Holzrand fort. Die Blicke der meisten waren auf sie gewendet. Sie verdrehte die Augen und schnitt ein Gesicht. Die gespannten Gesichter der Genossinnen ermutigten sie zu mehr Heldenthaten. Nachdem sie das Repertoir der Fratzen erledigt hatte, sprach sie mit ihren Freundinnen Zeichensprache. Ein lautes: »Falsch, Berta, was lassen Sie für himmelsträubenden Unsinn durchgehen?« – des Lehrers erschreckte sie. Schnell tauchte sie unter und verschwand. – Kaum dünkte ihr alles im alten Geleise zu sein, da erschien sie von neuem und imitierte mit überwältigender Komik einen Affen, der sich kratzt.

Leises Kichern, verhaltenes Gelächter riefen hervor, daß Herr Hirz sich erhob. »Sie sind heute durchgehend entsetzlich zerstreut und albern!« – sprach er, grollend über die Störung. – »Weiß Gott, was mit Ihnen los ist? Habe ich etwas Komisches an mir?« – Er sah an sich nieder. – Ein Lachsturm brach aus, legte sich aber schnell, als er ernstlich böse mit dem Fuße aufstampfte. Einige Exempel nahm er nun selbst mit der Klasse durch, fortwährend über die Unaufmerksamkeit scheltend. Er bemerkte nicht, daß Lotte hinter ihm jede seiner Bewegungen nachahmte. –

Endlich setzte er sich wieder an seine Privatarbeit und überließ die Klasse den von ihm erwählten Helferinnen. Die Stunde rückte vor und wäre wahrscheinlich glatt abgelaufen, wenn nicht die Rache des Schicksals eingegriffen hätte. Lotte war immer kühner in ihren Tänzen und Aufführungen geworden. Sie hatte alle Vorsicht außer acht gelassen. Während einige »Tugendkälber« mit verzweifelter Anstrengung versuchten, der Gold- und Silberlegierung ihre Aufmerksamkeit zu schenken – – – gab es einen furchtbaren Krach, dem ein Schreckensruf und tobendes Gelächter folgten. Der Papierkorb, nach einer Seite hin zu sehr belastet, war vornübergekippt. Wie aus einer Hundehütte, mit Papier, Fruchtschalen und alten Federn bestreut, blickte Lotte, halb bestürzt, halb lachend auf allen Vieren liegend, daraus hervor. Traurig hatte sie das krebsrote Gesicht zu Boden gesenkt. –

Hirz war erschreckt aufgesprungen. Staunend sah er den Vorgang mit an. Als er aus dem Ganzen klug wurde, überflog ein satanisches Lächeln sein vor Wut erblaßtes Gesicht: »Sieh da! – – – Habe die Ehre, ›Fräulein Bach!‹ Sie haben sich ja einen angenehmen Platz erwählt. – Ich dächte, gerade Sie hätten Grund, Ihr belastetes Konto möglichst zu schonen! Doch gehen Sie jetzt auf Ihren Platz, um elf Uhr wollen wir uns im Konferenzzimmer weiter über die Geheimnisse des Papierkastens unterhalten! – – – Wir fahren fort: – – –«

Herr Rat wollte lachen, als er aus dem Ordnungsbuch seiner Tochter ihre neueste Heldenthat vernahm. Aber ein kleiner Fußtritt seiner Gattin brachte ihn zur Besinnung: »Zum Schlagen bist du zu alt, mein Kind!« – sagte er ernst. – »Aber Strafe muß sein: Du wirst vier Tage das Mittagessen in der Küche einnehmen! Eine Wortbrüchige liebe ich nicht an meinem Tische!« – – Lotte fühlte sich in der Verbannung höchst wohl. Sie ließ sich von Minna mit den besten Bissen stopfen und alberte derartig, daß der Küchenfee fröhliche Lachausbräche bis in das Speisezimmer drangen. – Dort ging es sehr still und langweilig her. Vater und Mutter waren äußerst mißgestimmt. Bei jedem neuen Quiekslaut von Lotte oder Minna, erklärte der Rat neidvoll, wenn auch leise:

»Hätte ich mich bloß nicht 'rumkriegen lassen von dem Weibsvolk im Hause! Das nennt man sich selbst bestrafen!«

Alle atmeten auf, als die Jüngste bereits am vierten Tage beim Mittagessen im Speisezimmer erschien und schon nach der Suppe ihre frohe Laune wiedergewann. »Von ihr kann man sagen: Der größte Lump sitzt obenauf!« – rief die gute Rätin, zwischen Entrüstung und geheimem Mutterstolz schwankend. –

Wochen waren vergangen. Alles schien vergeben und vergessen zu sein. Lotte und ihre natürlichen Erbfeinde, die Unterrichtenden, waren ausgesöhnt. Die Turnlehrerin hatte mit feiner Klugheit übersehen, daß eine Hälfte der Klasse ununterbrochen nieste und mit geröteten Augen und geschwollenen Nasenspitzen dastand. – Auch sie war jung gewesen und hatte zu ihrer Zeit selbst die Wirkung von Niespulver erprobt. – Nur unauffällig behielt sie Lotte Bach im Auge, um weiteren Tollheiten innerhalb der Turnstunde vorzubeugen. – – – Um so mehr erstaunte das gute Fräulein, als bei einem kühnen Sprunge aus Alice Huttens Tasche ein Holzbüchschen rollte und zu ihren Füßen liegen blieb. Schnell hob sie es auf, las die Aufschrift: »Schneebergers Niespulver« und steckte es in die Tasche.

In der Pause traf sie die beiden Rangen, wie sie gerade Arm in Arm hinter der ersten Oberlehrerin, Fräulein Polkmann, herzogen. Dieser schaute ein Taschentuchzipfel harmlos und gemütlich aus der Kleidertasche hervor, die sich wiederum ganz hinten am Kleide befand. – Nun gelang es Lottes geschickten Griffen das weiße Tüchelchen so weit herauszuziehen, daß es dem Zipfel eines sonst verborgenen Wäschestückes verdächtig ähnlich glich.

Die beiden Mädchen bekamen einen fürchterlichen Schreck, als sie sich beobachtet sahen. Unwillkürlich blieben sie stehen und ließen die Dame an sich herantreten: »Ich muß Ihnen gestehen, daß ich Sie denn doch für diese Witzchen ein bißchen zu alt finde« – sagte sie tadelnd. – »Besonders, da Sie erst vor einer Stunde eine andere Thorheit vollführt haben! – – – Im übrigen hätte ich die Dummheit mit dem Nießpulver weit eher Charlotte Bach als Ihnen zugetraut!« – Zürnend blickte sie Alice an. – Lotte machte ihre gewohnte Schippe: »Natürlich,« – meinte sie trotzig – »ich soll immer alles gewesen sein. Es ist zu ungerecht! Ich bin der Sündenbock für die ganze Klasse!« – Sie ließ den Kopf traurig wie eine Schauspielerin sinken. – »So werden Sie wohl selbst Ursache gegeben haben, daß man zu diesem Glauben gekommen ist. Überzeugen Sie uns vom Gegenteil! Wir ändern unsere Ansichten gern!« – erwiderte die Tadlerin ungerührt und wandte sich ab.

»Bäh – – äh!« – machte Lotte hinter ihr her. »So 'n Schöps, als ob ich nicht den andern Sechser für den Schneeberger gegeben hätte! – – – Das könnte denen so passen, wenn wir alle – Tugendspiegel wären. Dann brauchten sie uns den ganzen ollen Bildungskrimskrams nur so einzuproppen und ihrer Wege ziehen! Nee, so haben wir nicht gewettet! Onkel Franz sagt immer: ›Es ist gut, wenn das Blut ein bißchen in Wallung gerät!‹ – – – Das heißt,« – fügte sie gerechterweise hinzu, – »ich möchte lieber Steine kloppen, als mich unterrichten!« – –

»Ich auch!« – rief Alice heiter. – »Aber weißt du, Papa war der Tollste von allen in der Schule und Bismarck auch. Geschadet hat es ihnen nichts. Sie sind doch was Tüchtiges geworden. Du, Lotte, was möchtest du werden?« – – »Ich? – – – Braut!« – »Ach, weshalb?« – fragte die andere interessiert. – Lotte dachte nach, ehe sie ihren nicht unbegreiflichen Wunsch erklärte. »Erstens hat man einen, der an einem alles gut und schön findet! Dann fährt man viel Droschke und kriegt viel Geschenke und Konfekt! Dann freuen sich die Eltern so, daß sie einen los werden, daß sie einem massig viel schenken und neue Kleider machen. Und dann wird man viel eingeladen!« –

»Machst du dir viel aus Einladungen?« –

»Na, und ob, mächtig! Meist giebt's gut zu futtern, und dann Nachtisch! Ach Nachtisch!« – ihr Gesicht verklärte sich. – »Bedenke doch bloß, die Schokolade und Torten! Wenn ich mich doch bloß einmal an Konfekt sattessen könnte!« – – »Freßliese!« – – »Du liebst es ja auch, Alice, redst bloß nicht davon! Ihr habt euch immer nur, und ich falle stets 'rein, weil ich alles frei 'rausquatsche! Ich verbrenne mir ständig die Schnauze!« – – »Schad't nichts, meine Eltern mögen dich gerade deshalb, weil du alles sagst! Aber Lotte, nimm mir nicht übel, hübschere Worte könntest du dir beim Sprechen aussuchen!«

Die also Ermahnte überlegte. »I was!« – versetzte sie alsdann. – »Ich bin 'ne echte mit Spreewasser aufgezogene Berlinerin! Unsere Ausdrücke treffen wenigstens immer das richtige. Und wenn sie auch nicht schön sind, so sind sie doch vorhanden! Und was vorhanden ist, kann man doch gebrauchen? Nich wa – – –?« – »Aber weißt du, so gewöhnlich spricht doch eigentlich nur das Volk!« – meinte die blonde Alice kopfschüttelnd. Jedoch ihre Freundin gab nicht nach. »Was heißt denn Volk? – – – Geh mir mit solchen Phrasen oder besser gesagt, mit dem Blech – – – na, sag selbst, ist das nicht ein famoses Wort?: Blech ist Quatsch und Quatsch is Blech! – – – Siehste, also! – – Ich bin auch Volk! – – – Dann verwechselt das Volk ›mir‹ und ›mich‹ und kolkst an jedem Satze 'ne Stunde 'rum. Ich aber spreche richtig und kann, was ich meine, ohne viel Gesums rasch sagen. Dann bin ich auch immer Lotte Bach und nich' unteres Volk! Siehste, da haste die Kieste!«

Alice schwieg überwältigt. Sie bewunderte und vergötterte Lotte Bach und wich meist ihrer gesunden Logik. Die Liebe ging sogar, abgesehen von den zahllosen Eidschwüren, so weit, daß Alice ihr Frühstück nur dann aß, wenn Lotte eine ihrer Stullen, zum mindesten, mit ihr ausgetauscht. Dabei war Lotte entschieden im Vorteil. – Frau Rätin hatte strengstens angeordnet, daß ihre Jüngste unbelegte Butterbrote in die Schule mitbekam. So war es bei den älteren Schwestern der Brauch gewesen. So sollte es bleiben, um die Principien durchzuführen und keine Ungerechtigkeiten aufkommen zu lassen. –

Da nun aber ihre kluge Tochter stets mit den Dienstboten eng befreundet und die Speisekammer unverschlossen war – – – – – – genug! Eine Wurstscheibe oder ein Stück Schinken prangte immer auf jeder Stulle! – – Gesetze sind vorhanden, um umgangen zu werden! – Alice Huttens »Frühstückknüppel« waren aber, nach Lottens Begriffen, einfach: »gottvoll ideal, dickgeschmiert und dickbelegt und Obst mit und Milch! Siehst du, Mutta! Herr Doktor meint, die Schule sei anstrengend, und da müßte man gepflegt werden!« – – »Nun, mein Kind,« – entgegnete die Rätin ungerührt auf diesen moralischen Hieb – »das ist für deine Freundin auch durchaus angebracht! Dir bekommt aber, wie ich befriedigt konstatieren kann, meine Kost bisher ausgezeichnet! Ich denke, wir bleiben bei unserer gewohnten alten Ernährungsweise!« – –

Lottes Erzfeind war Herr Kuhn, der Religionslehrer. Er war einer der Menschen, die als Greise geboren werden, und die daher keine Jugend kennen. An Stelle einer gesunden Frische besaß besagter Philologe eine unerschütterliche Sanftmut, die mit seiner sprichwörtlichen Zerstreutheit herrlich zusammenpaßte. Sein Unterricht war für jeden Erwachsenen interessant; für diese jugendlichen Gemüter aber bei weitem zu gelehrt und unverdaulich. Mit lieblich zur Seite geneigtem Köpfchen betrat er die Klasse, blinzelte über seine stets schmutzige Brille fort und begann die Stunde mit der Auslegung irgend eines Gleichnisses. Sich an seinen kühnen Folgerungen begeisternd, wuchsen diese denn auch bald zu einer gediegenen Predigt aus. – Kuhn war, außer ein oder zwei Musterexemplaren, wohl der einzige, der sich aufmerksam lauschte. Ließ er wirklich einmal die Hauptstücke, die Artikel, Gebote oder Kirchenlieder von seinen Schülerinnen hersagen, so – – – versenkte er sich in die Erforschung seiner Nasenlöcher, bis es zum Niesen kam. Darauf atmete er stets befreit auf, zog ein unglaublich schmutziges Taschentuch und schnäuzte sich bedächtig diverse Male. –

Blind und taub, wie es einem Lehrer eigentlich nicht zukommt, gegen seine Umgebung, hörte er weder Lottes verekeltes Grunzen und Ächzen, noch ihr häufiges, vernehmliches: »Ferkel« oder »Pfui Deibel – – – Schweinzeugs!« – Jedes gesunde Gefühl empörte sich in Lotte Bach gegen diesen Mann. – Und in diesem Falle war fast die ganze Klasse auf ihrer Seite. – Man schüttelte sich, wenn von Kuhn nur die Rede war. – In neuerer Zeit war dieser nun durch eine in die Welt zu schleudernde Broschüre total ungenießbar geworden. – Selbst eine anonyme Zusendung von Seife, Zahnbürste und zwei reinen Taschentüchern fruchtete nichts. Abwesend, vor sich hinstarrend und grübelnd, verbrachte er die Stunden. Die Klagen von Eltern und Schülerinnen häuften sich auf dem Tische des Direktors. Ein Ungewitter zog sich über »dem öligen Schmierfinken« zusammen. Aber noch vor diesem entlud sich Lottes Abneigung in einigen harmlosen Streichen.

Kuhn konnte keinen Namen behalten. Er wies auf die Mädel mit dem hageren Finger und sagte kurz: »Nun Sie, bitte!« – So war denn schon mindestens achtmal Paul Gerhards: »Befiehl dem Herrn deine Wege etc.« mehr oder minder schön deklamiert worden. Da zeigte der Finger auf Lotte. Sie schnellte bereitwilligst empor. Eine kurze Bewegung sagte den andern: »Paßt auf, jetzt kommt was!« Dann legte sie warnend die Hand vor den Mund und begann endlich in getragenem, langsam ernstem Tone folgende Improvisation:

»Wir alle, die vor dir hier sitzen,
Und in deinen Stunden schwitzen,
Grauen uns vor deinen Haaren,
Vor dem In die-Nase-fahren.
Raten dir, dich mal zu waschen
Samt dem Inhalt deiner Taschen;
Denn wir alle sahen noch nie
So ein ölig Borstenvieh!
Kaum trittst du in unser Zimmer,
So erhebt sich ein Gewimmer,
Über deiner Füße Latschen,
Und dem Schmutz an deinen Patschen –
Oder deines Mundes Quatschen.«

Hier ging ihr Reimtalent und ihre Frechheit aus. – Sprachlos hatten ihr die Mitschülerinnen gelauscht. Solche Kühnheit war unerhört! – Allgemach kam man zur Besinnung. Angstvolle Blicke richteten sich nach dem Katheder: Kuhn träumte! – Verhaltenes Kichern. Lotte verlor den Text. – Der Lehrer sagte sanft und gedankenvoll: »Brav, mein Kind!« – Da brach unaufhaltsam ein Gelächter aus, welches in ein förmliches Gekreisch überging.

»Was ist geschehen?« fragte Kuhn betroffen.

»Entschuldigen Sie, aber ich hatte mich versprochen, Herr Kuhn! Aber der Inhalt war ganz richtig!« – erwiderte die unglaubliche Lotte. Dann quiekte sie selbst mit. – –

Ein anderes Mal gab Kuhn der Klasse die letzte Stunde vor dem Schulschluß. Bevor er antrat, stellte sich Lotte auf den Katheder und hob eine Flasche in die Höhe: »Was habe ich hier?« – fragte sie. Es wurde still. »Nun, ich will es euch sagen! Ich habe eine entzückende Idee und werde sie ausführen; aber erst muß jede von euch mir die rechte Hand darauf geben, mich nicht zu verpetzen, Wenn es 'rauskommt, war es niemand! Strafe erleiden wir alle gemeinsam. Ihr wißt ja selbst, daß Klassentadel sogar eine Ehre sind! Im übrigen kommt es ebenso wenig raus wie neulich mein Gedicht. – – – Ich denke, ich habe uns fein genug 'rausgeschwindelt, als die Pollmann 'reinkam! – – – Wollt ihr also?« – –

Ob sie wollten! Die Rüpel aus Freude an der Tollheit. Die Braven in dem sicheren Gefühl, daß »Bach« ja doch immer diejenige war, welche hereinfiel, wenn etwas an das Tageslicht kam. Man versprach unbedingte Verschwiegenheit, leistete den Handschlag und harrte der Dinge, welche Lotte versprochen. Kuhn kam. Der Unterricht begann. –

Aus den Tiefen ihrer in dieser Beziehung unerschöpflichen Schulmappe holte das unverbesserliche Mädchen mehrere rätselhafte bunte Wollfäden und einen kleinen Pinsel aus dem Tuschkasten. – Alsdann heuchelte sie ein bewährtes Mittel, um die Stunde in kritischen Momenten zu verlassen, nämlich Nasenbluten, und verschwand. Zurückkehrend hob sie naserümpfend mit zwei Fingern des Lehrers speckigen Cylinder vom Nagel. Unter der Schürze verborgen brachte sie ihn auf ihren Platz mit. – – Und nun kam ihre neue Greuelthat an den Tag!

Eins, zwei, drei war die Leimflasche entkorkt. Der Pinsel tauchte hinein und befeuchtete darauf die innere Kante des Hutes, welche durch einen dicken Fettrand die hintere Seite verriet. Geschickt klebten alsdann Lottes Finger die bunten Wollfäden an die »Angströhre«. Eine Schere regulierte die Unebenheiten. Eine sonderbare, ungefähr bis zur Schulter fallende Perrücke war fertig! – Nun galt es noch, sie dem Lehrer auf das Haupt zu schmuggeln.

Auch dieses gelang! – Die Heuchlerin trat nach Schluß des Unterrichtes zu Herrn Kuhn. Sie half ihm diensteifrig in den Überzieher hinein und verwickelte ihn durch geschickte Fragen in ein Gespräch. Während ihre blauen Augen aufmerksam in die seinen blickten, reichte sie ihm den Hut derart, daß er die Fäden nicht bemerkte und ihn zerstreut aufstülpte. – Ihr frisches Gesichtchen blieb bei dem unschilderbar komischen Anblick ernst und unverändert. – Die Klasse kreischte. – Kuhn entfernte sich mit den Worten: »Ich freue mich an Ihrem regen Interesse, mein Kind! Fahren Sie so fort!« – – Mehr kann kein Mensch verlangen.

Der unglückliche Kuhn trat seinen Marterweg an. In der Annenschule wurde er nie mehr gesehen. Eine Untersuchung des Schabernacks ist wohlweislich nie eingeleitet worden. Die Hölle siegte!

Noch einen andern der unseligen Lehrer hatte Bachs Range auf dem Strich. Der schlanke, elegante Mann war Prinzessinnen-Erzieher gewesen. Und die ihn am Hofe umgebende, bläulich durchhauchte Luft war auch ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Die Sinekure an der Annenschule behagte Herrn Professor Boran wenig. Die gemischte Gesellschaft einfach bürgerlicher Mädchen schien ihm zu unbedeutend, um sich wirklich Mühe zu geben. Er gewöhnte sich im Laufe der Zeit bis auf die notwendigsten Worte das Sprechen ab. Vornehm in sich zurückgezogen, lauschte er notgedrungen den Vorlesungen der Schülerinnen, – und man las beständig, – eine vereinfachte Methode – aus dem Lesebuche vor. Elegante Bewegungen der weißen, gepflegten Hand drückten bei Boran Lob oder Tadel aus. Seine Mimik vervollkommnete sich täglich mehr. Eifrige Sklavenseelen verstanden ihn immer, wenn er die Fenster offen oder geschlossen wünschte oder sonst ein Anliegen hatte.

Lotte blieb blind oder taub gegen all seine beschwörenden Pantomimen. Sie zwang ihn zum Sprechen. Jede Stunde beinah hatte sie eine neue Unart ersonnen, um »die langstielige Pagode«, kurzweg von ihr »Stiezmatz« bezeichnet, zu kränken. »Ich halte die Feinheit nicht aus!« – stöhnte sie. – »So 'ne Langeweile! Donnerwetter, weil er vor dreißig Jahren bei Hofe war, brauche ich mich doch nicht zu mopsen! Dieser alte, verzierte Knopp steht da, als ob er nicht nur ein Lineal, sondern sogar einen kaiserlichen Besenstiel verschluckt habe. – – Warte man, Männeken, du wirst mir noch kirre und munter werden!« –

Am Dienstag schielte sie den Professor so grausenvoll an, daß er über die Verunstaltung des frischen Gesichtchens ordentlich entsetzt war. Am Freitag stotterte sie auf einmal und hielt den Sprachfehler wochenlang meisterlich aufrecht. Dann wurde es ihr langweilig und sie begann, fortwährend Nasenbluten zu haben und hinauszulaufen. – Nichts verfing! Boran blieb der Alte! – Schließlich riß ihr die Geduld: »Zier' dich man weiter! Ich werde mich auf eigene Faust amüsieren!« – meinte sie.

Die Zettel zwischen ihr und den Freundinnen flogen während des Professors Unterricht hin und her. Nebenbei spielte sie mit Alice Hutten, die ihre Nachbarin war, ein kunstvolles Punktierspiel mit Abstreichen. Oder sie stachen mit einer Nadel im »Gesenius« nach Oblaten, ein viel betriebenes und sehr beliebtes Hazardspiel. Oder sie warfen geschickt mit Federn von der Handfläche aus nach dem Tisch, wobei denn: »Breit oder Spitze!« – für Gewinn oder Verlust entscheidend war. – Dazwischen zeigte man sich die neugesammelten Monogramm- und Siegelausschnitte, seltene Briefmarken, unterhielt sich wispernd über gelesene Bücher und neue Puppenkleider. Dabei wurde natürlich gekichert und – – – gestört.

Lange Zeit hatte der Herr Professor Boran, Ritter mehrerer Orden etc., diesen Unfug echt plebejischen Ursprungs hochfahrend übersehen. Dann wurde es ihm doch zu arg! In leisem Flüstertone hauchte er durch die Klasse: »A. H. – L. B. – r.!« Dabei eine nicht mißzuverstehende Bewegung nach der Thür machend.

Alle verstanden, nur Lotte spielte die Dumme. Bis er dicht vor ihre Bank trat und mit einem unbegreiflich energischen Aufschwung von Stimme erklärte: »Immer, wenn ich fürderhin sage: ›A. H. – – L. B. – – r.‹, so bedeutet das: Alice Hutten – und Lotte Bach 'raus! Ergehen Sie sich, bis Sie wohlerzogener sein werden, auf dem Korridor. Ich – – dulde – – hier keine – – – ä! – – ähnlichen Elemente!«

Begeistert erhoben sich die schimpflich Gemaßregelten. Man hörte ihr fröhliches Flüstern und Lachen von draußen hereindringen. Und so ging es viele Stunden hindurch. Gleich anfangs riefen die beiden des Lehrers Unwillen hervor. »A. H. – – L. B. r.!« erscholl, und die Verschworenen verschwanden. – Sie besorgten in einer benachbarten Bäckerei Kuchen oder Süßigkeiten oder holten aus einem Keller neben der Schule auf Bestellung Himbeersaft und Selter. –

Harmlos fröhlich kehrten sie einst von solch einem Ausflug zurück. Alice trug eine Tüte verzuckerte Mandeln, Lotte eine Flasche mit Fruchtsaft, woran sich der gesamte Freundinnenkreis in der Pause gütlich thun wollte. Schon waren sie glücklicherweise in ihrem Korridor angelangt, als plötzlich der Direktor auftauchte. – Blitzschnell verschwanden die eingeholten Gegenstände in den Kleidertaschen. – Vom Schreck errötet, von Furcht gelähmt, standen die Sünderinnen zerknirscht da.

»Nun, was treiben Sie denn hier draußen?« – fragte der »Direx«, oder auch »Alte« genannt, erstaunt.

»Wir, wir – – – werden – – – immer – – – heraus – – – gewor – – – geschickt, weil wir ge – – geplaudert haben!« – stammelte Alice.

»Kommt das oft vor?« – meinte der Direktor kopfschüttelnd.

»Ungefähr zu neuntenmale, Herr Direktor!« – sagte Lotte, ihre Chancen wahrnehmend, – »Herr Professor läßt immer von der Ersten abwärts aus dem Lesebuch vorlesen. Wir kommen nie dran, denn es geht immer nur bis zur dritten Bank. Und es ist wahr, wir haben geplaudert, weil wir uns, wa – haftig, immer so langweilen!« »Ja, das ist wahr!« – bestätigte Alice.

Der Direktor öffnete die Thür. Er sah ärgerlich aus: »Hier versäumen zwei Schülerinnen schon zum neuntenmale den Unterricht, weil sie geschwatzt haben. Ich denke, ein guter Pädagoge hat aber für Mädchen aus der ersten Klasse andere Strafen in Bereitschaft als diese! Die Eltern bezahlen doch Schulgeld. Was soll ich ihnen aber antworten, wenn sie sich beklagen, daß ihre Töchter im Deutschen nichts profitieren – – Verehrter Herr Kollege? – Was? – – Im übrigen sind diese Mädchen gerade in meinen Stunden durchaus aufmerksam und brauchbar!« – – Er rief diese niederschmetternde Rede von der Thür aus zum Katheder hin. – – »Versuchen Sie, die Kinder mehr zu interessieren, und Sie werden sich nicht mehr zu beklagen haben!« – –

Die Pforte wurde unsanft geschlossen. Die Klasse saß baff vor Beklommenheit da. Boran war in eine Atmosphäre von Unnahbarkeit gehüllt. Nur seine Nasenflügel verrieten, daß es in ihm tobte. – Lotte und Alice nahmen Triumph geschwellt Platz. Sie kannten die Kabalen und Gehässigkeiten im Lehrerkollegium genau aus den verschiedensten Beobachtungen. – Diese Geschichte würde noch lange weiterkeimen. Dunkle Gerüchte von verschiedenen »Wischern«, die Boran bereits von »oben« erhalten, kursierten schon längst. Er stand sich nicht mit dem »Direx«. Vielleicht brachte der heutige Zwischenfall die Sache zum Klappen. – Und es geschah so! –

Lene Königs Schwester war Lehrerin an der Gemeindeschule. Sie hatte dort eine Kollegin, welche mit der Frau eines anderen städtischen Schuldirektors befreundet war. Und der Bruder des Direktors war Schulrat. Dieses »hohe Tier«, wie Lotte ihn bezeichnete, hatte seiner Schwägerin erzählt, daß die Annenschule einen neuen deutschen Oberlehrer für die ersten Klassen erhalten sollte. Über Frau Direktor – die Kollegin – Fräulein König war das Gerücht zu Lene gedrungen. Diese verkündete es strahlend vor stolzer Wonne der begierig lauschenden Klasse in der großen Pause. Sie wußte sogar schon den Namen; »Lohn« sollte er heißen: Doktor Ottomar Lohn. – Vermutungen wurden ausgetauscht, Hypothesen aufgestellt. – Die Schülerinnen glichen einem aufgescheuchten Bienenschwarm.

Die Erregung steigerte sich am nächsten Morgen; denn: Lottes Schwester Ella – kannte einen Doktor dieses Namens und hatte mit ihm auf mehreren Bällen getanzt. Sie hatte erzählt, daß der neue Lehrer vom Rhein käme, wo ihn seine Schülerinnen vergötterten, weil er »blendend schön« sei und eine »berauschende Stimme« habe! – Nun war die Brandfackel ins Pulverfaß geschleudert! Die erhitzte Phantasie der Kinder malte sich den »Neuen« in allen Farben aus. Schon jetzt wurden Streitigkeiten, ob er blond oder schwarz – groß oder klein – sei zu den wichtigsten Tagesfragen. Lotte Bach mußte durch ihre Schwester Auskunft geben! Lotte Bach stand groß da! – Am Sonnabend bemerkte der Direktor am Schlusse des Geschichtsunterrichts, daß am Montag ein neuer Lehrer der Klasse vorgestellt werden würde. »Der betreffende Herr ist ein rühmlichst bekannter Litterarhistoriker. Es ist eine große Ehre für Sie, daß ich Sie als untere erste Klasse schon von einer so berühmten und bewährten Lehrkraft unterrichten lasse! – Herr Doktor Lohn ist nur an den Verkehr mit jungen Damen der Seminare und Selektakurse gewöhnt. Sehen Sie also darin den Beweis meines unbedingten Vertrauens, und benehmen Sie sich, wie es fast erwachsenen jungen Mädchen zukommt!« – sagte er nachdrücklich und fixierte Lotte. Sie wurde rot und ärgerlich. Eine geheime Abneigung gegen den »Neuen« stieg schon jetzt in ihr auf.

»Direx piept es ein bißchen im Kopp!« – zankte sie nachher. – »Wir sind meist vierzehn oder fünfzehn, also dumme Jöhren und keine jungen Damen. Er soll sich den ›Lohn‹ einpökeln und mir mit Filzparisern den Puckel lang rutschen!« – »Hab' dich nich', Lotte, du freust dich doch auch auf ihn!« – entgegnete Julia. »Ich – – – ph – – ph! Nich' für 'n Sechser, ich hasse ihn, überhaupt sogenannte schöne Männer!« – – »Ach, weshalb?« – – »Na, 'ne schöne Frau hat sich schon immer genügend! Und ein männlicher Venusserich ist noch doller! Der thut sich nicht nur dick, sondern sogar schon: fett! Habt ihr das noch nie bemerkt?«

»Ne! Ich – – – nie!« – rief Alice. – »Du thust auch nur so; denn du schwärmst doch auch für den schönen Feller!« – – »Feller ist mir pipe!« – zeterte Lottchen. – »Kann ich dafür, wenn er mir nachläuft? Im übrigen ist Willi nicht schön, sondern interessant!« Ihr Herz klopfte. – »Meine Mutter sagt: Künstler und interessante Herren seien die dollsten!« – warf Julia von Miller ein. Vor dieser Zeugin verstummten die andern. –

»Lotte, was ziehst du am Montag an?« – fragte Ilse Bertens, ihre Nachbarin zur Rechten. »Ich, wieso?« – – »Na, ich ziehe mein neues Blaues an! Einen neuen Lehrer bekommt man nicht alle Tage!« – – »Wenn einer verrückt wird, fängt's immer im Kopf an!« – erwiderte Lotte verächtlich. – »Putzt euch nur aus wie die Pfingstochsen! Ich nehme mein schlechtestes, geflicktes Kleid, damit der nicht denkt, ich bin nach ihm auf dem Männerfang. Ihr seid doch nur so toll, weil er unverheiratet ist! Jetzt wünschte ich euch nur, daß er zehn Kinder und zwanzig Frauen auf einmal kriegte! – – – Ich mag ihn nicht! – – – Ich schwärme für mein gutes, liebes Fräulein Kachius! Die ist die einzige, welche hier gerecht ist!« – – »Weil sie dich vorzieht!« – – »Nee, du Affenschwanz, aber weil sie nich' ewig an mir 'rummäkelt. Die weiß, daß ich nicht so schlecht bin, wie ich mich immer thue!«

So pünktlich wie an diesem Montage war die Klasse noch nie versammelt. Eine feiertägliche Stimmung lag über den Schülerinnen. Alle waren festlich gekleidet, trugen hellseidene »Amibänder« um den Hals und waren fein frisiert. Wie ein verkörperter Oppositionsgeist saß Lotte unter ihnen, die braunblonden Haare wild zerzaust, ein abgetragenes schottisches Kleid an, im Gegensatz zu den anderen – eine schwarze Schürze umgethan. Selbst ihre geliebte, kleine, goldene Halskette hatte sie heute absichtlich nicht umgebunden. Sie wollte von den Mitschülerinnen abstechen! – Kaltblütig verzehrte sie die große »Musschrippe«, welche sie der zögernden Minna von deren eigenem Deputat abgekämpft hatte. Unbekümmert ließ sie die blauen Spuren auf der Wange ungetilgt. Ein Blick in Frieda Spechts kleinen Taschenspiegel zeigte ihr, daß sie in der That so »scheußlich« aussah, wie sie beabsichtigte. Vor allem: »entzückend dreckig und verrupt!« –

Die Freundinnen, selbst Alice, verleugneten sie heute. So thronte sie denn in stolzer Einsamkeit als dritte auf der zweiten Bank, wohin sie in der französischen Stunde ein holdgesinnter Zufall verschlagen. – – Es wurde endlich elf Uhr. Der Termin war da! Regungslos harrten die Backfische. Sämtliche Wangen färbten sich purpurn, als die Thür aufging. Der Direktor trat neben dem neuen Lehrer ein. Wenn je ein Mann, so war er angethan, junge Mädchenherzen in Aufruhr zu versetzen. Obgleich groß und blondbärtig zeigten seine Züge doch eine weibisch zarte Schönheit, die mit dem weichen Blick seiner Augen und der sanften, dunkelgefärbten Stimme vorzüglich harmonierten. – Die jungen Dinger sahen einander begeistert an. Lotte war mit ihrem Urteile fertig und wisperte es ihrer Nachbarin zu. Diese rückte entrüstet noch weiter fort. Sie fand mit ihrem Ausspruch: »Ein sanfter Heinrich!« heute entschieden keinen Anklang.

Man war einfach futsch!

Doktor Lohn hatte seine erste Unterrichtsstunde mit der Auslegung von Schillers:

»Ehret die Frauen, sie flechten und weben – – –
Himmlische Rosen ins irdische Leben – –«

zugebracht. Sein Appell an die Mädchen fand in ihnen stürmischen Widerhall. Er koste sich mit Blicken und Organ, mit edlem Phrasenbombast und graziösen Handbewegungen in die empfänglichen Gemüter. – – Lohn hatte auf der ganzen Linie gesiegt! – – Man war hingerissen! – – – – Nur ein Ketzer saß auf der zweiten Bank, der die neue Gottheit nicht anbetete. Das war selbstverständlich Lotte Bach: »Mich kriegt der kokette Lulatsch nicht 'rum! Der muß ins Panoptikum und sich für Augenklappern ausstellen lassen!«

Die Wut der anderen war groß. Aber so blieb's. Gegen die ganze Klasse behauptete das Mädel ihre Abneigung mit Charakterstärke. Selbst als Doktor Lohn sie einst in der Pause nach ihrem »verehrten Fräulein Schwester« fragte und um eine Empfehlung an diese bat, blieb sie kalt: »Platzt man nich' vor Neid, ich lasse ihn euch!« – rief sie den Freundinnen zu. Aus ehrfurchtsvoller Entfernung hatten sie neidvoll das Herantreten »Lohngrins« an Lotte belauert. –

Der Name »Lohngrin« war von der sentimentalen Julia von Miller erfunden und sofort aufgegriffen worden. Sie – der Klassenliebling – eröffnete den echt backfischmäßigen Kultus die ans Fabelhafte grenzende Schwärmerei für den neuen Lehrer. – Sie schrieb die Worte: »Ottomar Lohn« auf weißes Papier mit ihrer schönsten Handschrift. Das Blatt legte sie zwischen ihre zusammengelegte Schnitte Brot und verspeiste es heldenmäßig! – Diese »That« fand Nachahmung. – Die tapfere Alice Hutten kratzte die Initialen – O–L – mit einem Federmesser in ihren hageren Arm. – Auf allen Bänken, in allen Federkästen, sogar in den Uhrdeckeln konnte man das Monogramm eingeritzt oder eingeschnitten finden. – Gedichte wurden gemacht – und nur nach gräßlichen Eidschwüren zur Durchsicht den Mitschülerinnen gereicht. – Blumensträuße und kleine Handarbeiten wurden bei Lohns Wirtschafterin anonym abgegeben. – Der Verbrauch an »Amibändern« und »Zopfschleifen« stieg ins Verschwenderische!

Und der »schöne Lohngrin« schürte das Feuer mit raffiniertem Geschick. Das Hilfsmittel, welches ihm unsere herrliche Litteratur und unsere Dichterfürsten nichtsahnend überliefert, verfehlte bei seiner fein angebrachten Methode nie die Wirkung. Mit seinen »himmlischen, veilchenblauen Augen« kokettierte er mit jeder, von der Ersten abwärts bis zur Letzten. »Seine süße Stimme« modulierte bei jeder besonders innig!

Jede glaubte sich geliebt und hoffte – – – die thörichten anderen bemitleidend. Lotte wurde verachtet, weil sie »sein albriges Gethue – kaffrig« fand.

Die Monate verstrichen blitzschnell, weil man jetzt reges Interesse für die Schule hatte. »Lohngrin« hatte sich fest in den Sattel gesetzt: Er war das Ideal der Klasse. – – – Da trat plötzlich ein Umschwung ein, der die Hälfte seiner Schülerinnen von ihm abschwenken ließ und glühende Liebe in Haß verwandelte.

Ottomar Lohn erschien eines Tages mit einem leuchtenden breiten Verlobungsring am vierten Finger!!! Der Undankbare hatte sich verlobt! Und noch dazu mit einer dicken, häßlichen, aber schwer reichen Bauerntochter aus der Umgegend! – Man staunte. Man war empört und gebrochen!

Julia leckte vier Streichhölzchen ab, ließ es dann aber bleiben.

Lili Bernau wollte sich in der Badewanne ertränken, stand aber davon ab. Else Scholz beschloß, sich von der Siegessäule zu stürzen. Doch diese war glücklicherweise durch Gitter zu gut geschützt.

Thränenströme flossen. Kissen und Taschentücher wurden benetzt. Gedichte wieder und in anderer Art verfaßt.

Lotte tröstete die Niedergebeugten nach Kräften. Innerlich triumphierte sie: »Habe ich es euch nicht immer gesagt? Aber ihr glaubt ja nie! Ich kenne doch die Menschen! Jetzt seht ihr es ein! Beinah' zu spät! – – So ein alberner, koketter Süßmichel – – – ph! Wir den lieben? Jawoll ja, sagt Olja! Und dann überhaupt – – –«

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