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Die Berliner Range ? Lotte Bach als Braut. Band V.

Ernst Georgy: Die Berliner Range ? Lotte Bach als Braut. Band V. - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Georgy
titleDie Berliner Range ? Lotte Bach als Braut. Band V.
publisherVerlag von Rich. Bong
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
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6. Kapitel. Die Verlobung und ihre Wirkung

Man war bei Neuwalds sehr überrascht gewesen, als Lotte mit einem schönen, jungen Herrn in dem Empfangszimmer erschien. Merkwürdig strahlend und rot sah sie, äußerst blaß und verlegen er aus, als die Thüre sich geöffnet hatte. – Frau Geheimrat Bach und ihre Töchter kamen ihm sehr liebenswürdig entgegen. Sie erkannten ihn freudigst und verbargen ihr Erstaunen über diesen formlosen Besuch geschickt.

»Herr Doktor Feller!« – rief die Mutter. – »Sie? Das ist ja eine reizende Überraschung!« – Sie streckte ihm die Hand hin, welche er ergriff und küßte. Er wurde noch bleicher dabei. Auch ihm wurde sein einfach unerhörtes Eindringen, die Formlosigkeit, mit der er hier Besitz ergreifen würde, plötzlich klar. – »Verzeihen Sie, meine hochverehrte, gnädigste Frau« – – – – sagte er stotternd. – Lotte sah all die fragenden, verwunderten Blicke der Verwandten, die verdutzten Gesichter. Erglühend trat sie neben ihn und packte seine Hand: »Mutta, fall nicht in Ohnmacht! Aber es ging nicht anders, es hat uns selbst überrumpelt! Na, und nun hab Dich bitte nicht lange, sondern sei lieb zu ihm! Wir haben uns ja eben verlobt!« – –

Das gab eine Sensation! Zur Besinnung kam keiner! Es wurde gelacht und geweint. Immer bunt durcheinander. Und des Fragens und Staunens gab es kein Ende. Das Wunderbarste war, daß Lotte nach ihrem Aufschwung gänzlich die Fassung verlor. Sie schluchzte herzbrechend an der Mutter Hals. Sie drückte der Schwestern Hände. Alle schwiegen. In diesem Momente höchster Freude fühlten sie alle einen bitteren Schmerz. Einer fehlte! Ein Herz hatte aufgehört zu schlagen, das ihnen allen ein Mittelpunkt gewesen! – Willi verstand sie. Schweigend und innig umfaßte er die Geliebte in einem stummen Versprechen! –

Später war die Rührung überwunden! Der Amtsgerichtsrat hatte aus einer nahen Weinstube höchst eigenhändig ein paar Flaschen Sekt geholt. »Denn eine Verlobung ohne Champagner war wie eine Armee ohne Uniformen!« – – Man trank und stieß an. Ein paar kleine Reden wurden vom Stapel gelassen. Lotte blieb trotzdem sehr ernst. Hand in Hand, aber träumerisch saß sie neben dem Bräutigam. »Wann holst Du mich zu Deiner Mutter?« – hatte sie ihm zugeflüstert, in der Sehnsucht und dem Bestreben, ihm und seinem Kreise ganz nahe zu treten. – – »Morgen früh, Herzlieb! Erst muß ich der kränklichen, weltfremden und einsamen Frau alles erläutert haben. Vorläufig giebt es für sie nur eins auf der Welt, das bin ich! Sie wird sich an den Gedanken erst gewöhnen müssen, daß sie mich mit einer andern zu teilen hat! Aber Du brauchst nicht blaß zu werden, Lotte, ich bin überzeugt, Ihr werdet Euch verstehen!« – –

Trotz dieser beruhigenden Zusicherung waren ihr seine Worte wie ein Alpdruck, der sich auf sie wälzte. Sie kannte die vornehme, leidende Frau Feller kaum vom Sehen. Diese hatte stets ihre inzwischen hingegangene Mutter zu pflegen gehabt und war fast nie über die Schwelle des Gartens gekommen, der die kleine Villa umschloß, die die Familie bewohnte. Fern von jedem Verkehr, lebten Fellers nur für sich. Der ewige Einfluß von kranken Frauen hatte lastend auf dem Sohne geruht. Gymnasium, Tanzstunde und Studentenzeit konnten ihm seine eigene sanfte Vornehmheit nicht rauben. Erst die langjährige Abwesenheit von zu Haus hatte ihn gewandelt und ihm die frischfrohe Männlichkeit gegeben, welche seiner Gesundheit, seinem Alter und seinen guten pekuniären Verhältnissen zukam. –

Dies alles sagte sich Lotte jetzt in geheimem Bangen. Wie würde es werden, wie würde sie sich mit der Mutter stellen, wie diese mit ihr? – Willi erriet ihre Gedanken. Sorglos, er war ein Mann, der sich sein Schicksal nach seinem Willen fügte, gedachte er der Zukunft. Nach seiner Meinung mußte das über alles geliebte Mädchen auch seine Mutter spielend gewinnen! Und wenn nicht? So traurig es war, aber die Natur wollte es selbst nicht anders! Er gehörte von nun an zu seinem Weibe, wie sie zu ihm! Und beruhigend streichelte er die kleine kalte Hand, die in der seinen ruhte. –

»Sage mir, um des Himmels willen, Lotte, was wirst Du mit Deinem Temperament bloß für eine Frau werden?« – fragte eine Cousine, mit der die Gefragte nicht gerade auf dem besten Fuß lebte. – »Ich? Eine famose!« – entgegnete Lotte. – »Man wird in ganz Berlin keine bessere finden. Oder meinst Du etwa nee?« – – »Oh, ich maße mir gar kein Urteil zu, Menschen können sich ja ändern! Aber mit Deinen ewigen Tollheiten wirst Du doch nun aufhören müssen!« – – »Ich, im Geigenteel, die fangen doch jetzt erst an. Ich sage Dir, ich bin nach wie vor zu allen Schandthaten bereit!« – Ihre Stimme klang sehr kampflustig. – »Was meinst Du dazu, Willi, neuer Vetter?« – wandte sich die Fragerin an diesen. – »Oder glaubst Du, daß Lotte auch später noch alle Möbel im Zimmer verrücken, alle Nippes umstellen kann wie neulich, als sie mich nicht daheim fand?« – – »Mir, verehrte Cousine, ist sie gerade so wie sie ist, recht! Ich möchte nicht, daß sie ihre frische Urwüchsigkeit verlieren sollte!« – sagte er vergnügt. – »Aber sie kann doch keine Rangenstreiche mehr verüben?« – – »Warum denn nicht, Frieda? Wenn Du denkst, daß die aufhören, kennst Du Aujusten schlecht! Ich habe gerade für Dich wieder etwas sehr Nettes in petto!« – erklärte Lotte gereizt, wenn auch lachend.

»Nun, der Ernst des Lebens wird Dir schon die Flügel beschneiden; denn der kommt in jeder Ehe doch sicher!« – sagte die freundliche Prophezeiherin. – »Wenn Du denkst, Du hast'n, springt er aus dem – – – – und so weiter. Du kennst ja den Text, nich' wa'?« – – »Warum wollen Sie denn durchaus Unheil heraufbeschwören, liebe Frieda?« – sagte Willi auch etwas geärgert. – »Hoffentlich bleibt uns Frau Fortuna hold gesinnt, und meine kleine Range kann sich ihren goldenen Humor bis in späteste Zeiten bewahren!« – – »Ach, Du mußt es nicht tragisch nehmen, Schatz!« – rief Lotte lachend. – »Frieda hat immer 'ne Pieke auf mich gehabt. Haffners, Max Helm und ich haben sie frühermal im Zoologischen Garten bei einem – Rendezvous mit mündlichem Druckverfahren – ertappt. Natürlich haben wir dumme Jöhren das nicht schweigend nachgefühlt, sondern die arme Frieda verpetzt. Seitdem hat sie mich mächtig auf dem Strich!« – –

Frieda wurde rot. »Lotte, warum berlinerst Du bloß so entsetzlich?« – rief sie ablenkend. – »Weil ich nicht aus London stamme?« – erwiderte diese schlagfertig. Die andere hatte genug und erhob sich. – »Fortgegrault, Gott sei Dank!« – flüsterte Lotte fidel. – – »Du, hast Du mich lieb? Schnell, sag's, ehe wieder jemand kommt!« – – »Nich' für'n Sechser – – – –« – – »Du! Fängst Du schon wieder an?« – schalt er neckend. – – »Sondern für eine Million Thaler, laß einen doch ausreden, Affenschwanz!« – antwortete sie lachend. Auch er amüsierte sich. »Aha,« – meinte er zufrieden, – »Dich kriege ich schon klein! Wenigstens giebst Du es doch schon zu, daß Du mich liebst! Wart' nur, Du lernst noch viel mehr! Du wirst noch zu zärtlich!« – – »Irren ist menschlich, verehrter zukünftiger Herr – – hm hm – und Gebieter – – – humhum!« – – «Hast Du Husten?« – – »Ja, stets bei stolzen Phrasen, denn hinter denen steckt nie etwas!« – – »Lotte!« – Er hob die Stimme – »Du bist schon wieder zu frech!« – – Das hörte Frau Geheimrat und eilte herbei: »Gott sei Dank, Willi, also Du findest es auch? Hoffentlich werde ich doch wenigstens von jetzt ab an Dir eine Stütze haben?« – – »Sicher, Mamachen!« – erwiderte er und küßte die herabhängende Hand der Schwiegermutter. – – »Natürlich thut Euch nur zusammen!« – sagte Lotte und sprang auf. – »Ein neues Schutz- und Trutzbündnis: – ›Verein geplagter, notleidender Familienmitglieder zur Abwehr gegen die Range und zur Wahrung schwiegermütterlicher und ehelicher Sonderinteressen.‹ – Nee, ängstigt Euch man nicht. Mit Euch werde ich noch fertig, mit allen beiden! Ihr wißt doch die Geschichte mit dem berühmten, ausgestreckten kleinen Finger?« – –

Sie zog ihnen ein Gesicht und lief davon. Feller sah ihr glückstrahlend nach. »Willi, thu mir den einzigen Gefallen und verwöhne Du sie nicht auch noch. Sonst ist Hopfen und Malz verloren! Es ist schrecklich mit dem Mädchen und ihrem Übermut!« – – »Ach,« rief er verliebt und leidenschaftlich – »wenn ich bloß die Macht hätte, ihr dieses Quellende zu erhalten! Das Mädel wirkt wie ein goldklarer, übermütiger Gebirgsbach, der überschäumend und unbekümmert über Felsen und Bäume davonbraust, erfrischend, herzerquickend!« – – »Heiliger Vater, Du auch? Na, da bin ich ja mit meiner Klage an den Richtigen gekommen! Fang Du mir auch noch an! Dann ist sie ganz außer Rand und Band!« – behauptete die Geheimrätin lachend. –

Spät in der Nacht brachte Doktor Feller seine Braut und Schwiegermutter nach ihrer Wohnung. Frau Bach konnte nur beständig den Kopf schütteln über die Ausgelassenheit des jungen Paares! – »Komm noch eine Minute mit 'rauf. Ich will bloß Alice noch die Sache mitteilen. Sonst ist sie mit Recht beleidigt! Du kannst dann den Brief gleich zur Post befördern!« – bat Lotte. – – »Nein, Lotte, das geht keinesfalls!« – erklärte die Mutter. – »Bon!« – erwiderte die Tochter nach einigem Nachdenken – »denn nicht, mein lieber Mann, dann haben wir gescherzt! Jedenfalls bitte ich Dich von Herzen, Schatz, gehe zwei Minuten hier auf und ab. Ich werde bloß eine Karte schreiben, die werfe ich Dir dann zur Beförderung aus dem Fenster!« – – Willi stimmte dem Vorschlag bei. – Der Abschied würde ohne Frau Bachs Schelten und Dazwischentreten noch viel länger gedauert haben. Endlich, nach vielen Schwierigkeiten, vollzog er sich. –

Dann wartete der verliebte Bräutigam nicht nur zwei, sondern fast zehn Minuten, ehe die Postkarte zu ihm hinabflatterte. Er las sie unter der nächsten Laterne und ein überzeugtes: »Racker« entfuhr ihm. Lotte hatte der Freundin nur in aller Eile mit Bleistift folgende Zeilen aufs Papier geworfen:

»Herzensklex!

»Um all den Weiterungen und Geschichten mit dem gräßlichen W. F. ein Ende zu bereiten, habe ich einen klugen Streich gemacht. Wenigstens denke ich so! Ich habe mich einfach verlobt! Es ist auf Ehre wahr! Fall nicht auf den Rücken! Was sollte ich sonst thun? Es giebt Schlimmeres! – Komme sofort nach Empfang zu mir! ›Er ist ganz nett!‹ Mir ist etwas ›soso‹ zu Mute und vorläufig noch absolut dreherig. Das bewußte Mühlrad geht herum! In Eile und – – – – – –

Deine verlobte Lotte.«

Feller konnte nicht anders. Er preßte die Unterschrift an die Lippen. Zuerst beschloß er, selbst noch einige Worte beizufügen. Dann aber unterließ er es. Einmal wollte er seiner Braut nicht den Spaß verderben! Und zum andernmale wollte er die gutherzige Freundin selbst strafen für ihre Verschwörung mit Grete Seffmann. Morgen aber wollte er ihr danken, von ganzer Seele danken! – Lächelnd warf er die Karte in den Briefkasten. Dann aber überkam ihn erst in der nächtlichen Stille die ganze Bedeutung des so überraschend schnell Gekommenen. Er konnte mit diesem inneren Jubel noch nicht nach Haus! In tiefe Gedanken versunken, wanderte er stundenlang bis zum Morgengrauen durch die einsamen Straßen! –

Auch Lotte kam in ihrem traulichen Zimmer nicht zur Ruhe. Sie erhob sich noch einmal aus dem Bette und entzündete die Lampe. Dann schrieb sie dem geliebten Verlobten einen langen, langen Brief, wohl an zwanzig Seiten. Hier offenbarte sie ihm ihr ganzes Herz, ihren innersten, ernsten Gefühls- und Gedankengang. In diesem Schreiben war keine Spur von tollen Schelmereien oder übermütigen Neckereien. Unverhüllt, innig und treu, wahr und überzeugend wandte sich die Braut an den Bräutigam. Aus diesem Brief, den er mit tiefer Rührung las, den er als Heiligtum bewahrte, lernte Willi Feller seine Lotte erst ganz kennen! Kein dritter Mensch erfuhr je von diesem Herzenserguß. Und was er enthielt, was Willi darauf geantwortet?? – Wir konnten es leider nie herausbekommen! –

Mit offenen Augen träumte dann Lotte schlaflos vor sich sin. Um halb sechs Uhr machte sie Toilette, beförderte darauf selbst ihren Brief an Willi und wartete dann um halb acht Uhr an der Korridorthür. – Max Helm, der doch ins Geschäft mußte, sollte die Neuigkeit aus ihrem eigenen Munde erfahren. Richtig kam er pünktlich die Treppe hinunter. Erstaunt sah er auf Lotte: »Was ist denn mit Dir passiert, Dicke, hast Du das große Los gewonnen? Du grinst ja so vergnügt?« – rief er schon von oben herunter. »Ach, Du Schöps, so ein faules großes Los! P! Viel mehr!« – – »Nanu, was denn?« – – »Rate mal?!« – – »Hast Du – – – – – Dich etwa, ach ne – – verlobt?« – – »Na ob nich'! Aber feste!« – – »Unsinn!« – – »Nee, mein Jungeken, gar kein Unsinn! Feste verlobt! Sogar mächtig!« – – Max Helm brannte vor Neugier: »Quack nicht so lange und spanne mich auf die Folter, Du? Sag' mit wem!?« – – »Rate mal!« – Lotte zappelte vor Wonne. – – »Mit Wegner!« – – »Pfui Deibel!« – – »Mit Hase!« – – »Erst recht nicht!« – – »Mit Franz Haffner!« – – »Ja!« – – »Wahrhaftig? Du bist wahnsinnig!« – – »Warum?« – that sie empört. – »Na, der ist doch für Dich zu jung und hat doch nix! Wovon wollt Ihr leben?« – – »Bah, wir lieben uns und leben von Liebe und Schokoladenplätzchen! Ist das noch nichts?« – – – »Ach, Lotte, red' keinen Unsinn, sondern sag die Wahrheit!« – drängte Max. –

»Aber sperr' doch mal deinen Grützkasten auf, geliebtes Lammeskotelett! Mit wem habt Ihr mich immer und ewig geneckt?« – – »Ach richtig, Lotte, doch nicht?« – – »Doch, jrade wat Schönes! Erlaube, daß ich Dir in mir die zukünftige Frau Doktor Charlotte Feller, geborene Bach, vorstelle!« – Sie knixte und wirbelte auf dem Absatz herum. – – »Wahrhaftig?« – – »Auf Ehre!« – – »Wo ist der Ring?« – fragte er noch immer ungläubig. – »Hoffe stark, ihn Dir heute abend vorstellen zu können! Selbstverständlich ist mein Willi heute hier, des Abends! Du, oller Knopp, kommst als alter Jugendfreund 'runter, Dich mitfreuen! Thuste doch, was?« – – Sie streckte ihm die Hand hin, die er kräftig schüttelte: »Na aber, also recht viel Vergnügen, das heißt, ich meine: Glückauf, Lotte! – – Haste Worte, so ein Racker, schnappt sich da den schönsten Tanzstundenherrn zum Manne!« – rief er lachend. – – » Suum cuique, Jedem das Seine oder das Schwein quiekt! Für mich war der beste gerade gut genug!« – sagte sie selig. – – »Beste?« – – »Selbstverständlich, etwas Schöneres und Besseres als meinen Willi giebt es doch auf der ganzen Welt nicht mehr!«

Max machte noch einmal Kehrt. »Wo willst Du denn hin?« – fragte Lotte erstaunt. – »Na, 'rauf! – Die Botschaft muß ich doch oben verkünden! Die werden ja paff sein! Lotte Bach, die Range, Braut, vielleicht bald Frau Doktor? Der Kerl muß ja einen kleinen Spleen haben!« – fügte er neckend hinzu. – »Ich werde Dir helfen!« – – Mit einem Sprunge war sie neben ihm. Sie holte zum Schlage aus, und in ihrer Herzensseligkeit fiel sie dem langen Jüngling um den Hals und gab ihm einen schallenden Kuß. – Er stand wie vom Blitz getroffen da. Sie aber stürzte treppab in ihren Korridor: »Ach entschuldige tausendmal. Du, der galt ja eigentlich nur meinem Willi. Ich hatte mich leider nur in der Person geirrt! – Aber so was stört die Freundschaft nicht, also auf heute Abend!« – – Bumms, war die Thür zu. –

Alice Hutten saß gerade beim ersten Frühstück, als ihr Lottes Karte gebracht wurde. Sie erhob sich und trat zum Fenster, um sie besser zu entziffern. Frau Doktor zuckte zusammen und sah auf, denn ihre Tochter schrie und wurde totenblaß. »Was ist los?« – – »Was denn?« – – Alice war wie gelähmt. Langsam sagte sie: »Lotte Bach hat – – sich – verlobt!« – – »Wer, wann, wie? Lotte? So plötzlich? Das ist ja herrlich! Und da thust Du, als sei es ein Unglück, Schaf! – Schnell, zieh Dich an, wir rennen hin und gratulieren!« – schlug die prachtvolle Frau hocherfreut vor. – –

Alice schüttelte den Kopf: »Ich werde hin! Bleib' Du nur noch hier, Mama! Vielleicht kann ich da noch gutmachen oder helfen. Die Ärmste hat, meiner Ansicht nach, einen entsetzlich dummen und gewagten Streich gemacht!« – – »Ach was, sich verloben gehört doch nicht zu den dummen Streichen!« – erklärte Mutter Kläre kategorisch, mit vielen andern Müttern übereinstimmend. – – »Doch, in diesem Falle doch!« – – »Wer ist es denn?« – – »Das ist es ja eben, die Unglückliche schreibt keinen Namen, und wie es scheint, in einer ganz verzweifelten Stimmung! Dir kann ich es ja im Vertrauen sagen, Mama! Sie verlobt sich nur aus Trotz, aus Haß und Verzweiflung! Sie – – –« – Alice weinte. – – »Aber, liebes Kind, Lotte ist viel zu vernünftig, um sich wissentlich ins Unglück zu stürzen. Wenn sich ihr eine gute Heiratsgelegenheit geboten hat, und sie hat sie angenommen, so fände ich das bewundernswert! – Die Zeit heilt alle Schmerzen, auch Eure kleinen Liebesleiden. Jetzt, wo Ihr noch jung seid, scheinen sie Euch riesengroß. Je mehr Ihr im Alter vorrückt, um so weiter treten sie zurück, um so ruhiger werdet Ihr! Zum Kuckuck, was sollten denn da wir Witwen sagen? Wir müssen auch unsere geliebten Gatten, Ernährer, Stützen – die Väter unserer Kinder hergeben und – – wir leben weiter! Dabei ist uns doch ein solcher Mann wahrhaftig näher getreten, als Euch Mädeln der Betreffende, dem Ihr Euer Herz geschenkt habt! – Nur Eurer stürmischen Jugend scheint ein solcher Schmerz unüberwindlich. Wenn Ihr nun um solcher Sache willen ein anderes Glück verscherzt, verstockt und verbittert als alte Jungfern herumsitzt, so faßt Euch an Eure eigenen Nasen! denn nur Ihr selbst seid schuld! – – Wenn aber ein Mädchen ehrlich und vernünftig sagt: Ich greife zu und will überwinden, will versuchen, mein Glück anders auszubauen, als ich ursprünglich dachte! Siehst Du, so etwas imponiert mir! Darum gehe zu Lotte und stimme ihr zu, gratuliere ihr zu ihrer Vernunft! Verstanden? Setz Dich aber nicht hin und heule, damit sie an Deinen roten Augen sofort Deine Mißbilligung sieht und Dummheiten macht!« –

Alice stand auf: »Ihr redet immer außerordentlich weise!« – sagte sie geärgert. Die Mutter nahm ihre Hand: »Darum laßt Euch beizeiten raten! Wir sind nicht weise, o nein! Aber, mein liebes Kind, wir waren auch einmal jung. Wir haben das Gleiche durchgemacht und überwunden! Uns steht die Erfahrung zur Seite! Ihr, wir selbst, jeder, der etwas Schweres durchmacht, fragt immer bang: ›Warum mir das?‹ – Jeder bildet sich ein, der oder die Einzige zu sein, dem so etwas passiert! Wenn aber Freuden und Glückstreffer kommen, da fragt keiner mehr: ›Warum mir das?‹ Alles Gute wird als selbstverständlich hingenommen!« – –

»Du hast recht, Mama!« – erwiderte Alice ungeduldig. – »Aber ich kenne doch Lotte! Ich mache mich sofort fertig und laufe hin. Wie gut, daß ich gerade heute bis elf Uhr frei bin!« – – »Grüße und gratuliere von mir herzlichst und bestelle, daß ich nachmittags hinkomme. Sage Lotte, sie sei vernünftiger als ich ihr zugetraut habe!« – –

Fräulein Hutten setzte den Hut auf, schlüpfte hastig in das Jackett und streifte die Handschuhe über. Dann jagte sie wie gehetzt davon. In ihrem Kopfe wirbelten die Gedanken. Ihr Herz war ihr bitter schwer. In wenigen Minuten stand sie vor dem Bachschen Hause. Oben am Fenster erspähte sie Lotte, die ihr zunickte und verschwand. Eins, zwei, drei war sie empor gestürmt. Die Thür flog auf! – Beide Mädchen lagen sich in den Armen und schluchzten. – Die eine vor Unruhe und Mitgefühl. Die andere vor Glück und Erregung. Wortlos zog Lotte die andere in den Salon. »Wer ist es, wer? Hase?« – – »Nein!« – Der Schelm heuchelte schon wieder. – »Also wer denn?« – – »Auf den kommst Du doch nicht!« – – »Lotte, Lotte, hast Du bedacht, was Du thust? Was hast Du angerichtet?« – – Lotte senkte den Kopf. »Was sollte ich thun? Da gab es nichts zu bedenken! Ich kann doch eine Glanzpartie nicht leichtsinnig abweisen!« – – »Du?« – Unglaube, Staunen, ja sogar Verachtung lag in dem Tone. – – »Ja, manchmal kann man eben nicht umhin! Nebenbei gefiel er mir!« – »So red' doch 'n Ton. Wer ist es denn?« – »Laß mich in Ruhe erzählen!« Alice stampfte mit dem Fuße auf den Boden. »Das ist ja zum Platzen! Erst muß ich doch wissen, wer es ist, Lotte!« – –

Diese biß sich auf die Lippen vor Wonne: »Geliebte Alice, Du kannst Dir doch denken, wie mir zu Mute ist. Habe doch Mitleid mit mir, und quäle mich nicht auch noch!« – – »Aber wer?« – – »Erst läßt Du mich der Reihe nach erzählen, Du! Den Namen sage ich Dir sofort, der ist doch Nebensache!« – – »Ich danke!« – – »Na, man heiratet doch den Mann!« – Lotte zappelte wieder vor Vergnügen. Es kostete sie die größte Mühe, den dumpfen, ernsten Ton beizubehalten. – »Also es ist ein entfernter Freund von Paul Seffmann, den ich gestern nachmittag dort traf!« – – »Von Seffmanns?« – Alice knickte zusammen. All ihre schöne, gut gemeinte Thätigkeit war umsonst gewesen. – – »Ja! Grete wollte es schon seit ewigen Zeiten, daß ich ihn heiraten soll! Weißt Du, nein, unterbrich mich nicht schon wieder, es ist nach jeder Richtung so passend für mich.« – – »Passend? Und was sagt Dein Herz dazu?« – – »Mein Herz schweigt und klopft!« – –

Lotte konnte nicht mehr sitzen bleiben. Sie lachte kurz auf und eilte dann im Zimmer hin und her. »Kurz und gut, länger wollte ich mich nicht auf dem Trockenen sitzen sehen. Der Geschichte mußte ein Ende gemacht werden! Ich war ja schon innerlich ganz mürbe. Darum – – – also ich war Nachmittags bei Seffmanns. Er kam zufällig hin. Er hielt mir einen donnernden Sermon. Ich wurde immer kleinlauter und paffer. Schließlich warf ich mich ihm einfach an den Hals!« – –

»Du – – – ihm?« – – Alice blieb der Atem fort.

»Ja, was sollte ich sonst thun? Ich wollte doch eben durchaus einen Mann haben!« – – »Lotte, ich kenne Dich nicht mehr!« – – »Ich mich auch nicht, hahaha!« – sie lachte so glückselig und ausgelassen, daß Alices Gereiztheit sich immer mehr steigerte. »Nun, kenne ich ihn?« – »Ich denke doch!« – – – »Wie heißt er?« – – Lotte sah sie an und lachte: »Herr Doktor!« – – – – – »Doktor?!« – – »W – –, Schaf geliebtes, merkst Du denn noch nichts? – – Willi Feller! Ich bin ja so glücklich, so – – –« – – »Pfui, Lotte!« – Damit stürzte auch Alice auf die Freundin zu, und von neuem umarmten sich beide. Beide im siebenten Himmel vor Wonne. Bei Alice mischte sich noch Triumph über das gelungene Komplott, inniges Behagen in die reine Mitfreude. –

Dann sollte Lotte erzählen. Sie setzten sich beide strahlend auf das Sofa. Als die junge Braut gerade beim Interessantesten war, trat die Geheimrätin in das Zimmer. Sie trug einen riesigen Strauß dunkelroter Rosen, an dem ein großes dickes Couvert befestigt war. »Hier, sein Morgengruß, Lotte!« – Diese packte die Blumen und öffnete den Umschlag, während Alice der Mutter ihre Glückwünsche darbrachte. – »Kinder, ich verstehe dies absolut nicht!« – rief Lotte. – »Also Willi schreibt nur: ›Guten Morgen, geliebte Braut! Auf Wiedersehen um halb elf Uhr!‹ – Und dabei schickt er mir diese kleine hellblaue Schleife von meinem Kleide, das ich am Tanzstundenball anhatte. Ich schenkte es ihm damals!« – – »Was, schon damals wart Ihr so intim?« – Frau Bach spielte die Empörte. – »Ja, wenn ich mir wüßte! Ich kann es mir gar nicht erklären!« – meinte Lotte. – »Hier, aus diesem Schleifenendchen steht in Bleistiftschrift das Datum, welches ich selbst heraufschrieb. Und auf dem andern Band hat er heute mit Tinte: – J'y pense! – gemalt. Es ist ganz deutlich. Dabei offen gesagt!« – Lotte lachte verlegen. – »Euch kann ich es ja anvertrauen, ich habe es furchtbar geheim gehalten. Vor einigen Tagen hat mir mein Willi schon ein Kästchen Vergißmeinnicht anonym zugesandt. Und obenauf lag ein Ende der Schleife. Dabei hat die heutige, also diese, doch ganz richtig beide Enden!« – – »Anonym? Davon hast Du doch gar nichts erzählt, Du Karnickel!« – schrie Frau Geheimrat. Alice hob ihr Taschentuch auf, welches ihr höchst unbegründet zu Boden gefallen war. Sie hatte sehr rote Wangen, und ihre Augen lachten. Zum Glück hatten die andern Damen nicht gehört, daß ihr ein lautes: »Ach, herrje!« – entfahren war. Ihr und Gretes Intriguenspiel hatte seine Schuldigkeit gethan! –

»Um halb elf Uhr kommt er schon? Das ist etwas früh!« – – »Früh und noch über ein und eine halbe Stunde? Ich danke, das ist sehr spät und noch ewig bis dahin!« – sagte Lotte überzeugt. Die andern lachten. »Gewiß doch!« – meinte sie gereizt. – »Übrigens holt er mich zu seiner Mutter ab!« – Lotte verzog den Mund. Alice und sie sahen sich verständnisinnig an. »Schade, daß Bräutigämer Mütters haben müssen! Ist das unbedingt nötig?« – fragte Alice. »Kinder, versündigt Euch nicht! Schämt Euch, besonders Du! Deine Mutter wird auch später Bräutigamsmutter!« – schalt Frau Bach. – »Ach, meine Mutter Kläre ist darin auch ganz besonders!« – entgegnete Alice. – »Erstens überläßt sie die Sache ganz Franz und wird sich in nichts mischen. Zweitens wird sie keinen solchen Flunsch ziehen und raisonnieren, wenn Franz mal eine reine Neigungsheirat schließt. Und so kommt es auch bei uns. Er ist ideal gesinnt und kein Mitgiftsjäger, und meine Mutter denkt ebenso ideal. Sonst wäre es ja auch Quatsch! Töchter ohne Vermögen will man loswerden; aber von Söhnen verlangen unbesonnene Eltern, daß sie Geld einbringen. Nebenbei ist Mama gar nicht etepetete!« – –

»Das stimmt bei der Kläre! Siehst Du, Klex, und davor ist mir so bange. Ich habe ja meines Willis Mutter nur einmal gesprochen. Aber da schien sie mir, ich weiß, es ist sündig, es auszusprechen, so sanft, so – – – ölig! Die reine Tugend! Gott, was wird die bloß zu mir sagen? Vor ihr kann ich mich ja nie loslassen! – Nebenbei wird sie doch auch auf mich eifersüchtig sein? Na, die Geschichte wird jut!« – – »Warte das einmal ab, liebe Lotte! Du bist wieder vorschnell! Du wirst ja sehen, wie Frau Feller Dich empfängt. Übrigens, wie ist die Sache? Lade ich sie oder sie mich heute zum Mittagbrot ein? Ich hatte nur einmal das Vergnügen, die zarte kränkliche Frau zu sehen!« –

In diese wichtige Beratung über den Punkt der Einladung schneite Frau Seffmann. Sie glänzte über das ganze Gesicht: »Gratuliere, gratuliere! Na, wie stehe ich nun da? In meinem Hause!« – – Wieder umarmten und küßten sich alle. Wieder begann das Hin und her der Erzählung. Alice und Grete tauschten als Verschworene gar manchen Blick aus. Besonders amüsierte sie die »Schleifengeschichte« und Willis Rauheit beim »Anhalten«. – Sie sahen daraus, wie sehr ihre Worte gewirkt, wie klug er jeden Fingerzeig benutzt hatte. – – »Nee, Kinder, es war zum Schießen! Mein Mädchen, die Elise, ist ganz rapplig im Kopfe,« – meinte Frau Seffmann. – »Als ich gestern nach dem Theater und Restaurant, also gegen ein Uhr, mit meinem Manne nach Hause komme, sitzt Elise noch auf und sieht wie eine Betrunkene aus, glühend rot und ganz funkelnde Augen. – Pauls erster Blick war nach dem Weinschrank, der zweite nach dem Kasten mit Kannenbier; aber alles stimmte! Na, und da erzählte sie denn sofort die ganze Geschichte und war aufgeregter als wir. Zuerst habe sie geglaubt, der Herr Doktor habe einen fürchterlichen Krach mit Fräulein Lotte gehabt. Er hätte so furchtbar geschrieen und so heftig gesprochen. Da hat sie vom Salon aus durch die Portieren gesehen und war paff, wie ruhig Lotte sich das gefallen ließe. Sie meinte: Lotte wäre doch sonst so ruppig! Aber sie hätte totenblaß und schrecklich zitternd dagesessen und den Doktor nur immer angesehen. – Als es am tollsten wurde, hat Elise schon geglaubt, er wolle Lotte morden oder schlagen! – – – Sie wollte gerade aus Leibeskräften um Hilfe schreien. Bums! Da hätten sich die Beiden plötzlich in den Armen gelegen und geküßt! – – – – – Dann hat sie in ihrer Erregung uns die ganze Scene vorgespielt. Man hat Feller und Lotte rein vor sich gesehen. Das Mädel war ganz toll! Mein Mann sagte noch heute früh, ihm sei gerade, als sei er gestern zweimal im Theater gewesen! Übrigens kommt er noch heute, um Dir zu gratulieren. Ach so, ja! Was ich noch sagen wollte! Unsere Kleine hat Willis Uhr zerbrochen!« – – »Aber wie, kurz und klein gehauen!« – – »So, das ist Euch recht! Und wenigstens verdienen die Uhrmacher etwas. Warum gebt Ihr auch einem so jungen Kinde eine Uhr als Spielzeug? Um sie zu reparieren doch sicher nicht? Aber Ihr schämtet Euch und wolltet nicht gestört sein, um Euch besser verloben zu können! Aber so was kommt von so was! Im übrigen sind wir wett, im Gegenteil, Ihr müßt mir noch etwas 'rauszahlen. Ihr habt meiner Elise so den Kopf verdreht, daß sie heute das ganze Tablett mit dem Frühstücksgeschirr und Lottes Waschschüssel zertöppert hat!« – – »Ei, Scherben bringen Glück!« – rief Alice. – »Ich danke, das Glück fällt auf die so schon beklemmte Wirtschaftskasse!« – entgegnete Grete ärgerlich. Aber auch Lotte meinte: »Ach, was, verdient doch wenigstens der Porzellanfritze! Ihr reichen Knöppe könnt Euch zu Ehren meiner Verlobung schon etwas Neues leisten!« – –

Frau Bach steckte den Kopf herein: »Lotte, willst Du Willi in dem alten Kleid empfangen und so zu seiner Mutter gehen? Du kriegst es fertig!« – – Lotte sprang auf: »Au verflixt, die eklige Kleidage habe ich ganz vergessen! Es ist doch auch schnuppe. Was soll ich eigentlich anziehen?« – – »Dein Tuchkostüm, Du gräßliches Ding! Kleider machen Leute! Aber Du – – –« – – »Kinder, ein Augenblick, ich bin sofort fertig!« – – »Nein, bitte, liebe Tochter, ordentlich! Brauche lieber eine Viertelstunde. Auch Deine Haare sitzen wieder nicht. Bummelliese!« – – »Du Wonnchen, wenn Du am Verlobungstage Skandal machst, sag ich es meinem Bräutigam. Der ist ein großer Junge, kommt hier lang und spukt!« – rief Lotte drohend. Die Freundinnen lachten bei dieser Erinnerung an die Kinderzeit. Frau Geheimrat schüttelte den Kopf und rief ärgerlich: »Ewig die Range, Du bist doch unverbesserlich!« – – »Es bildet ein Talent sich in der Stille! Sich eine Range in dem Strom Berlins, alte Dame! So nun weißt Du es! Kommt Ihr mit in meine Kemenate?« – – »Danke! Wir warten hier!«

»Mich entschuldigt Ihr wohl, ich habe rasend zu thun! Mir dreht sich vorläufig noch alles im Kopfe!« – sagte Frau Bach. – »Aber bitte, lassen Sie sich bloß nicht stören, Frau Wonnemiez,« antwortete Alice. – »Ich werd' Dir bewonnemiezen!« – rief die Geheimrätin lachend und ein neues Wort bildend. Dann eilte sie hinaus. – Grete und Alice sahen sich an und reichten sich die Hände. »Das haben wir aber famos gemacht!« – – »Na, ob nicht!« – – »Aber so ein Heuchler, wie er sich noch am Donnerstag verstellt hat und den Gleichgültigen gespielt?« – – »Eben und – – – Du, Grete, ob er den Brief von Lotte an mich nicht doch gelesen hat?« – – »Keine Ahnung, er war so entrüstet über die Zumutung allein. Und dann sah er so harmlos aus, nein, keinesfalls!« – »Wer weiß?« – – »Nee Du! Ich bin doch nicht blind und paßte wie ein Schießhund auf. Er war viel zu ruhig und unbefangen, als ich eintrat. Und an dem Brief sah man, daß er nicht angerührt worden war! Ich bin doch nicht aus Dummsdorf, mir macht so leicht keiner etwas vor!« – erklärte Frau Seffmann. – – »Gelungen, wie er unsern Unterricht benutzte und Lotte durch Grobheit bändigte! – – – Du, wenn wir beide nicht so ins Zeug gegangen wären, die hätten sich nie gekriegt! Er ist ein Eigensinn und sie ein Bock!« – – »Sie passen jedoch famos zusammen!« – – »Na ob! Kinder, wer hätte das damals in der Tanzstunde geahnt?« – –

In ihrem eifrigen Gespräch hatten beide nichts vernommen von dem, was draußen vorging. Lotte, fertig angekleidet, befestigte gerade zwei seiner Rosen an ihrem blauen Tuchkleide, als Willi Feller kam. Er stand noch unter der Wirkung ihres Briefes. So war denn die Begrüßung leidenschaftlich zärtlich, aber ernster. Sie zog ihn rasch in ihr kleines Mädchenstübchen, und dort sprachen sie sich eiligst über einige Hauptpunkte aus. Dann gingen sie Arm in Arm in das Empfangszimmer. Lottes Haare waren trotz der neuen Frisur merkwürdig zerdrückt. Ihre Augen strahlten, ihre Wangen glühten. Am Arme des schönen, hochgewachsenen Mannes sah die nur mittelgroße, aber jugendfrische Mädchengestalt mit dem glücklichen, blühenden Gesichtchen, den blondbraunen Haaren doppelt niedlich und sympathisch aus. Er erdrückte sie nicht mit seiner Schönheit, er hob, gerade durch den auffallenden Gegensatz, ihre Erscheinung! –

»Guten Morgen, Grete, guten Morgen, Alice! Nicht wahr, jetzt kann ich doch ›Du‹ sagen?« – fragte er lachend und gab jeder Gratulantin einen festen Kuß. Die Damen erröteten. »Du, Willi, das verbitte ich mir!« – rief Lotte eifersüchtig. Feller gab ihr einen Nasenstüber: »Ach, Du hast Dir gar nichts zu verbitten, Dachsel! Die beiden sind jetzt meine besten Freundinnen geworden. Nebenbei scheinst Du noch gar nicht zu wissen, daß sie höchst interessante Persönlichkeiten sind!« – – »Nanu, allerdings nicht, wieso denn?« schrie die neugebackene Braut. Auch die andern blickten ihn begierig an. – – »Nun, gegen sie ist Fieskos und Verrinas Verschwörung einfach ein harmloses Kinderspiel! Von diesen Intrigantinnen ahnst Du noch gar nichts! Du hast mich, Dich selbst, ihnen einfach ausgeliefert!« – – »Grete, er weiß!« – –

»Was weiß er, was habe ich? Was haben sie?« sagte Lotte erstaunt. »Um Gottes willen, verraten Sie, nein Du, also verrate uns nicht, Willi. Das verzeiht uns Lotte sonst nie!« – unterbrach Frau Seffmann die Spannung. – – »Wie?« – entgegnete er. »Daß Ihr wie zwei echte, wahre Freundinnen Euch zusammenthatet und alles aufbotet, um zwei sich liebende Menschen zu vereinen? Das soll sie nicht verzeihen? Ihr seid merkwürdig! Sie kann es Euch nie genug danken, ebenso wenig wie ich!« – – Ach, der Trotzkopf!« – –

»Mir geht eine Petroleumlampe auf!« – sagte Lotte nachdenkend. – »Dein komischer Besuch bei Grete? ...« – – »Ja, ja, Herzlieb, Du weißt eben noch gar nichts! Ich hatte mit Alice ein Rendezvous im Museum, mit ihr und Seffmanns verschiedene in einem Restaurant. Dann mußte ich nolens volens dort Besuch machen. Übrigens, liebste Freundinnen, wenn Ihr mir wieder von Lotte einen Brief in die Hand spielen wollt, dann seht ihn Euch erst genau an. Denn wenn Alices Name darin vorkommt und er liegt in Gretes Schlüsselkorb – – so merkt doch ein Blinder die Absicht!« –

»O, ich Schaf!« – Alice und Grete lachten und sprachen immer durcheinander. Lotte durchschaute jetzt das ganze Spiel. Ihre Arme sanken herab. Man hatte ihren verzweifelten Brief an Alice ihm auf so plumpe Weise in die Hand gespielt? Wie stand sie vor ihm da? Was mußte er von ihr denken? Glaubte er etwa, daß sie es veranlaßt hatte? – Sie wurde tödlich bleich. Feller beobachtete sie heimlich. Er sah, wie sie sich quälte, wie ihr Stolz sich aufbäumte.

Leise trat er hinter sie, legte den linken Arm um ihre Taille und hob mit der rechten Hand ihr Köpfchen zu sich empor. In ihren Augen funkelten Thränen. »Wird es Dir denn so schwer, geliebte, süße Lotte, zuzugeben, daß Du mich liebst? Ist es denn eine Sache, die Deine Ehre schädigt? Warum diesen falschen Stolz, diesen unrichtigen Trotz, mein Herzlieb? – – Ich gebe Dir mein Wort, daß ich ohne Einsicht in diesen Brief niemals mich Dir genähert hätte! Keine Überredung, nichts, nichts hätte mich überzeugt, nur der Brief!« – Er küßte sie sanft auf den Mund. – »Wenn Du mir folgst, meinem Empfinden – – dann gehst Du zu den beiden Verschwörerinnen, giebst ihnen etliche Küsse und dankst ihnen von Herzen!« – – Einen Augenblick nur kämpfte der Eigensinn in Lotte, dann that sie, wie er ihr geraten. – Die Freundinnen umschlangen sich alle drei wortlos und gerührt.

Plötzlich sprang Lotte zur Seite. Lange, stille Rührung war nicht ihre Sache. Ein neuer Gedanke war ihr gekommen. Sie stürzte auf ihn zu, der von einem Stuhl aus die Scene beobachtet hatte: »Du – Du Willi – Schatz – hast Du mir in der vorigen Woche anonym Vergißmeinnicht geschickt?« – – »Ich; aber keine Ahnung! Da war ich noch viel zu gekränkt!« – erwiderte er erstaunt. »O, Ihr Halunken, Ihr Spitzbuben!« – schrie Lotte, den beiden mit der Faust drohend. – Und nun wurde der ganze Hergang der Verschwörung bis auf die kleinste Einzelheit erzählt. – Später kam Frau Geheimrat und lud alle Freunde zum Abendbrot ein. Sie nahm den neuen Schwiegersohn zu einer Unterredung mit in ihr Zimmer. Erst nach einer Stunde kehrte er zurück. Es war inzwischen hohe Zeit geworden, daß er sein »Liebstes« der Mutter zuführte, die schon ungeduldig des neuen Töchterchens harrte, wie er sagte. – Alle brachen auf. –

Mit welcher Wonne schritt Lotte an seinem Arm über die Straßen! Wie stolz nahm sie die bewundernden Blicke gewahr, die ihm folgten. Und mit welchem Triumph grüßte sie die Bekannten, welche vorübergingen und ihnen erstaunt nachsahen. Trotzdem sie ununterbrochen schwatzte, bemerkte sie alles ringsumher. Nur als die kleine Fellersche Villa hinter den hohen, kahlen Baumgruppen des Vorgartens auftauchte, wurde sie stiller. Eine ihr selbst ungeahnte Befangenheit legte sich über ihr ganzes Wesen. – Ihr Bräutigam nahm ihre Hand in die seine und drückte sie zärtlich.

»Du kommst zu Deiner Mutter, in Dein Heim, Herzlieb!« – sagte er mit starker Betonung. Beklommen schaute sie ihn an und lächelte.

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