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Die Berliner Range ? Lotte Bach als Braut. Band V.

Ernst Georgy: Die Berliner Range ? Lotte Bach als Braut. Band V. - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Georgy
titleDie Berliner Range ? Lotte Bach als Braut. Band V.
publisherVerlag von Rich. Bong
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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5. Kapitel. Wurst wider Wurst!

Es war Sonntag. Frau Geheimrat Bach ging wie immer an diesem Tage zu Amtgerichtsrat Neuwalds. Lotte brachte sie hin, tollte mit den Bengeln und verabschiedete sich, als auch Kläre mit ihrem Gatten erschien. »Vielleicht komme ich zum Abendbrot! Wenn ich aber bis acht Uhr nicht hier bin, so bleibe ich bei Seffmanns!« – – »Warum läufst Du schon wieder fort?« – fragte die zärtliche älteste Schwester, die am liebsten alle Familienmitglieder um sich versammelt sah. – – »Ich komme in der Woche einen ganzen Tag zu Dir, Geliebtes!« – versicherte Lotte, sie stürmisch umarmend. – »Nur laßt mich heute aus. Ellas angeheiratete, sehr prächtige und schätzenswerte Verwandtschaft erscheint noch zu einem Familiensimpel. Da streike ich, denn Familie en gros kann ich nur in Minimaldosen zu mir nehmen!« – – »Die böse Lotte! Als ob bei Paul und Grete nicht auch Simpelei wäre!« – – »Selbstverständlich, vielleicht sogar versimpelter noch als hier. Aber da ist die Kleine, da sind meine besten Freunde, vor denen ich von der Leber weg reden kann!« – – »Ich kann nicht, Kläre, laß mich! Ich kann nicht ewig den amüsanten Familienclown abgeben!« rief Lotte bitter. Die Schwester blickte sie ernst forschend an, küßte sie sanft und ließ sie gehen.

Das junge Mädchen flüchtete. Sie war froh, als sie endlich auf der Straße die heitere Maske abwerfen konnte! Seit der kleine Kasten mit dem Schleifchenrestchen sie erreicht hatte, kochte es in ihr. Eine dumpfe, verzehrende Unruhe, die jede laut werdende Hoffnung im Keim erstickte, nagte an ihr. Mit qualvoller Mühe blieb sie nach außen wenigstens unverändert. – Sie hatte Willi im Theater gesehen, ohne daß er sie bemerkte. Das Opernglas brachte ihn ihr körperlich nahe. Und seine Männlichkeit erweckte die alte Liebe in verstärktem Maße! – Sie sehnte sich nach einer Aussprache mit Alice Hutten! Diese war wieder im winterlichen Bummel und nicht zu haben. So wollte sie denn zu Grete und sich mit dieser wenigstens über die schöne Vergangenheit unterhalten! –

Heftig eilte sie vorwärts. An dem Seffmannschen Hause traf sie eine Cousine Gretens: »Ach, gehen Sie gar nicht erst hinauf, Fräulein Bach! Die Vögel sind ausgeflogen!« – – »Wirklich?« – rief Lotte enttäuscht. – »Kommen sie nicht zum Abendbrot nach Haus?« – – »Ich glaube kaum, denn Elise sprach von Theaterbilleten, welche der Onkel geschickt habe!« – – «So! Ist die Kleine oben?« – – »Ja, Fräulein Bach! Das Kind ist goldig. Es ist so ein kleines Herdentierchen, welches sich in der Einsamkeit ohne die Eltern sehr unbehaglich fühlt. Das Ding heulte, als ich fortging!« – entgegnete die Dame. »So? Dann gehe ich noch ein Stündchen hinauf und spiele mit ihr! Auf Wiedersehen, Fräulein Thronick. Ich habe mich gefreut, Sie gesehen zu haben!« – – »Geben Sie der Maus noch einen Kuß von Tante Laura!« – – »Will ich ausrichten. Auf Wiedersehen!«

Sie schüttelten sich die Hände und trennten sich. – Lotte stieg zu der Seffmannschen Wohnung empor. Mit hellem Jauchzen wurde sie von ihrer kleinen Namensschwester empfangen. Sie legte Mantel und Hut ab und begann mit dem Kinde zu spielen. Bald erfüllte beider Schreien und Toben die Räume. Die Zeit verstrich. Die Spielenden überhörten, daß es draußen klingelte. Lotte hatte sich ein Fell, das sonst vor dem Schreibtisch lag, übergeworfen. Sie kroch nun als »Baubau« auf allen Vieren über den Teppich und ließ sich von der Kleinen zausen und mißhandeln. Dabei bellte sie aus Leibeskräften und amüsierte sich über das Lachen und die geheuchelte Furcht des Kindes. –

Elise hatte die Korridorthür geöffnet. Doktor Feller stand mit einem Blumenstrauß vor ihr. »Sind die Herrschaften anwesend?« – fragte er. – »Nein, Herr Doktor! Herr Thronick hat Theaterbillete geschickt. Da sind Herr und Frau Seffmann gleich nach dem Mittagessen 'runtergemacht – bei Thronicks!« – – »So, na dann geben Sie diese Blumen ab und sagen Sie, daß ich außerordentlich bedauert – –« Er unterbrach sich und horchte auf. Das Jubelgeschrei drang bis zu ihm hinaus. – »Ach, die Kleine hat wohl Besuch?« – – »Nee, nur Fräulein Lotte ist bei ihr und spielt, dann ist immer so'n Radau!« – entgegnete Elise vergnügt. –

Bei dieser Namensnennung war der Arzt zurückgetreten. Er merkte, daß das Mädchen ihn erstaunt betrachtete. So war denn der süße Schreck, der ihn durchzuckte, von seinem Gesicht zu lesen? – Hastig unterdrückte er die Bewegung, die ihn zu übermannen drohte und sagte ruhig: »Fräulein Bach ist hier? Ach, das ist ja nett! Warten Sie, Fräulein, der würde ich gern Guten Tag sagen!« – – »Bitte, treten Sie doch näher, Herr Doktor!« – meinte Elise beiseite tretend. Er überlegte eine Sekunde: »Gern!« – erwiderte er dann. – »Aber wissen Sie, ich möchte die beiden Lotten, das Fräulein und das Baby, überraschen. Wie mache ich das?« – – Elise dachte nach: »Gehen der Herr Doktor doch in den Salon. Es ist zwar finster; aber der Straßenschein – die Laternen erleuchten ihn ein wenig. Da können Herr Doktor doch durch die Portieren ins Wohnzimmer schauen und werden nicht gesehen!« – – »Gut!« Feller drückte dem Mädchen eine Mark in die Hand. Er legte den Cylinder auf den Spiegelschrank und schritt auf Zehenspitzen nach Elise in den Salon. Sie schloß vorsichtig und leise die Thür hinter ihm.

Einige Sekunden blieb er in der Ecke mit geschlossenen Augen stehen. – Jetzt kam die Entscheidung. Der Zufall war ihm dabei unerwartet schnell zu Hilfe gekommen. – Es brauste und sauste um ihn. Sein Herz pochte. Ihre silberne, langentbehrte und geliebte Stimme drang an sein Ohr. – Wie gut, daß er allein war und sich fassen konnte, vorbereiten auf das Kommende! Heute wollte er die Widerspenstige zu dauerndem Glück zähmen? Sie sollte windelweich werden unter seinen moralischen Hieben. Ihre eigenen, zu den Freundinnen geäußerten Worte sollten ihm Richtschnur werden. Er wollte sie quälen, wie sie ihn gequält hatte. Ihr Brief an Alice Hutten hatte ihm die Sicherheit gegeben! – Drei Schritte weiter, und er konnte sie sehen! Er zögerte. Das Glück, das Glück!

»Nun ist's genug, Liebling, Tante Loa kann nicht mehr. Tante Loa ist so müde!« – sagte Lotte nebenan. – »Kein Schippchen ziehen, sonst erzählt die Loa dem Kinde nichts von dem Weihnachtsmann!« – – »Weiter Baubau sein!« – murrte Lotte Seffmann. – »Pfui, Du hast Loa gar nicht lieb, böse Lotte, sonst würdest Du nicht quälen. Loa ist müde! So müde und hat Wehweh im Herzen, so furchtbar Wehweh! Sei doch gut, Püppchen! Komm auf Tante Loas Schoß, dann erzählt sie Dir von den goldenen Tüten, mit Schokolade gefüllt, und von den weißen Lämmchen auf der grünen Wiese, ja?« –

Mit einem Satz stand Feller an der Portiere und schaute in das anstoßende Gemach. Seine Pulse klopften. Sein Atem setzte aus, als die Mädchenstimme so süß und klagend von »dem Wehweh im Herzen« sprach. Er wurde weich ihr gegenüber. Jetzt nach der langen Trennung noch weit weicher als früher! – Das durfte nicht sein, durfte nicht! – – Mit sehnsuchtsvollem Blicke schaute er auf die beiden. Lotte, die große, hatte das Fell abgeworfen und sich aufgerichtet. Ihre Brust hob und senkte sich heftig nach der gehabten Anstrengung. Die Hände glätteten die in Unordnung gebrachten Haare. Dabei lächelte der frische, rote Mund unendlich gütig, und die kecken blauen Augen blickten mütterlich zärtlich auf die enttäuschte Kleine nieder. Sie beugte sich zu dieser hinab und hob sie mit festem Griffe zu sich empor, das Kindergesichtchen zärtlich küssend und gegen ihre Wange pressend.

»So, nun ist mein Schelm wieder brav, nich' wa – –? Was bist Du von Tante Loa?« – – »Loas süßes Snukelchen! Loas duter Liebling!« – –

»Ja, das bist Du! Und heute Loas Sonnenschein!« – –

Feller stürzte in den Winkel zurück. Das bekannte Wort: »Landgraf, werde hart« – ging ihm durch den Kopf. Er lachte selig vor sich hin. Noch diese eine Verstellung, diese kurze Härte, und es war überstanden! – Vorsichtig öffnete er die Thür und schlich sich auf den Korridor hinaus. Dort betrachtete er sich in dem hohen Spiegel, richtete den starken Schnurrbart noch martialischer und zog seinen Rock grade. – Wenn die Lotte nicht allzu befangen war, mußte sie zwar von seinem Gesicht, aus seinen schimmernden Augen die Wahrheit sehen! Er lächelte sein Spiegelbild an. Die weißen, gesunden Zähne unter den schwarzen Haaren, das braungebrannte Gesicht mit den lockigen Wellen über der hohen Stirn wurde einer heftigen Musterung unterzogen. Noch gewisser und sicherer reckte sich die stolze Gestalt auf. Dann ging er zu der Thür, die in das Wohnzimmer führte. – – Kurz und energisch pochte er gegen das Holz. Von drinnen klang sehr erstaunt ein: »Herein!«

Schnell riß er die Thür auf und trat ein. – – Er blieb unverändert; aber Lotte Bach, die auf dem Sofa saß, das Kind auf dem Schoße, erstarrte vor Staunen und Entsetzen. Sie war auf sein Erscheinen absolut nicht vorbereitet, denn Alice war noch nicht dazu gekommen, ihr von Fellers Verkehr bei Seffmanns zu sprechen. So saß sie so totenbleich wie versteinert da. – Es war ein Glück, daß Lottchen sich von ihren Knieen gleiten ließ, um den Onkel Doktor freudig zu begrüßen.

»Guten Abend, Fräulein Bach!« – sagte Feller ruhig. – »Ich habe Sie, wie es scheint, in einer Erzählung unterbrochen. Bitte dies freundlichst zu entschuldigen; aber ich wollte doch nicht fortgehen, ohne meine kleine Freundin gesehen zu haben. Guten Tag, Maus!« – Er hob das Kind auf und küßte es, dabei Lotte beobachtend. – Sie saß und starrte ihn noch immer wie ein Gespenst an. Er – hier? Bei Grete? Das war unfaßbar. Zum erstenmale in ihrem Leben fehlten ihr die Worte. –

»Nun, wollen Sie mir keinen Willkommensgruß schenken, mein Fräulein, oder habe ich mich derart verändert, daß Sie mich nicht wiedererkennen? – Feller! – Entsinnen Sie sich meiner nicht mehr?« – – »Guten Abend, Herr Doktor!« – stammelte sie mit schneeweißen Lippen. Er ließ sich mit dem Kinde auf einen Stuhl nieder, hakte seine Uhrkette ab und gab sie mit der Uhr dem Mädelchen, um es zu beschäftigen. »Ja, ja,« – sagte er dann lachend – »wir haben uns eine gute Weile nicht gesehen! Zeit genug, um sich gegenseitig zu vergessen! Aber schön war es da draußen in der Fremde, herrlich! Da gehen einem die Augen und Ohren auf. Donnerwetter, so im Sturm und brandenden Leben wird man selbst größer. All der Quark, all die kleinlichen, lächerlichen Dinge, mit denen man sich in diesem Nest abgegeben und gequält hat ... bah ... einfach über Bord damit, Fräulein Bach! Weg ist es!« – – Sie sah ihn gequält, stumm an.

»Aber, Fräulein Bach, wir haben wohl die Rollen getauscht?« – fuhr er fort. – »Ich bin als ganzer Kerl heimgekommen, der all die Sentimentalität und den Gefühlskrempel abgeworfen hat. Forsch ist die Parole, immer forsch! Was ist denn mit Ihnen los? Sie sind ja so trübetümplig? Machen Sie es wie ich, gehen Sie in andere Weltteile! Das Hocken bei Muttern bekommt Ihnen nicht! Ich habe Sie anders im Kopfe, das heißt so dunkel nur! Aber mir ist es, als wären Sie früher kein ›sanfter Heinrich‹ gewesen und kein ›Waschlappen‹! Flott, mein Fräulein!« – – Eine Eiskälte kroch Lottes Rücken entlang, eine dumpfe Trauer erfaßte sie. Sie sehnte sich fort. Nur nicht hierbleiben. So, wie er jetzt war, konnte sie den heimlich angebeteten Mann nicht ertragen.

»Es ist spät, ich muß gehen!« sagte sie leise. – »Ach, keine Ahnung, bleiben Sie nur noch ein Weilchen sitzen. Wir haben uns doch so lange nicht gesehen!« – rief er – »müssen ein bischen schwatzen! Oder denken Sie vielleicht gar noch an Ihre, pardon; aber es muß heraus, etwas unverschämte Art, mit der Sie mich damals behandelten? Eine freche, kleine Kröte waren Sie, Wetter ja! Na, grämen Sie sich weiter nicht. Ich habe es Ihnen verziehen! – Sehen Sie, damals war ich noch so ein deutscher, sentimentaler Esel mit Gefühl, darum nahm ich's tragisch. Wenn Sie heute so wären, per Dio, ich glaube, ich zerbräche Ihnen ein paar Knöchelchen!« – – »Wie haben Sie sich verändert!« – sagte sie halb im Traume. In ihrem Tone lag ein Schrecken, eine qualvolle Enttäuschung. – »Dachten Sie, ich würde immer so kaffrig bleiben? Nein, Fräulein Bach, die Fremde stählt und wandelt den Menschen! Das Meer, die Einsamkeit, das ungekannte Land ei, und der Egoismus da draußen – – famose Schule! Und die schönen Frauen!« – – Er reichte dem Kinde, das unruhig wurde, sein Portemonnaie, um es still zu halten. Nur jetzt durfte es nicht stören! Die gebeugte Mädchengestalt, das gesenkte Köpfchen da drüben! – – Er krampfte die Hände, um nicht aufzuspringen und sie an sich zu reißen. Jedoch die Lektion war noch nicht genug.

»Sehen Sie, Fräulein Bach, da draußen habe ich im Anfang über Sie nachgedacht. Zuerst mit Schmerz, dann habe ich die Fäuste geballt! Ihre guten Eigenschaften lasse ich Ihnen!« – – »Lassen Sie das Philosophieren über mich, Herr Doktor! Es ist spät, ich muß fort!« – unterbrach sie ihn flehend. – – »Keine Ahnung, nichts ist Ihnen nützlicher, als einmal die Wahrheit zu hören!« – fuhr er ungeniert fort. – »Sehen Sie, bei Ihnen sitzt Verstand und Herz auf dem richtigen Fleck! Sie haben in Ihrer Art unleugbar eine Originalität, die auf viele anziehend, auf viele abstoßend wirken muß! Ich habe mich doch früher sehr für Sie interessiert, darum kann ich Ihnen heute schon die Wahrheit ins Gesicht sagen. Nicht wahr?« – – »Bitte!« – antwortete sie dumpf. In ihr brach etwas zusammen.

Feller erhob sich, trat zu ihr und legte seine Hand fest auf ihre zuckende Schulter. Er biß sich auf die Lippen, um jetzt nicht schon seine ganze Zärtlichkeit auf sie ausströmen zu lassen! Dann sagte er mit seiner stark schwankenden Stimme erregt: »Sie haben mich doch geliebt?« – – »Nein, nein!« – schrie sie auf. – – »Da haben Sie Ihren verfluchten Starrsinn! Lügen Sie nicht, ich weiß, daß Sie mich liebten! Aber Ihre zuwidere Natur ließ es nicht zu, daß Sie dies Gefühl zeigten! Daran zerschellten Sie Ihr eigenes Glück als Ihr eigener Feind!« – – »Oho, ich bin glücklich!« – sagte sie, ihre Kräfte zusammenraffend. – Sie schüttelte seine Hand ab und schnellte auf. Trotzig, Auge in Auge, stand sie ihm als die alte Lotte gegenüber. Feller unterdrückte ein glückliches Lachen, das ihn befiel. –

»Sehen Sie, wie Sie jetzt dastehen, so war es bereits früher! Ganz Bock, ganz die wehrhafte Berliner Range! Nicht nur Herbheit, Keuschheit liegt in Ihnen, sondern ein Stückchen Teufel! Quälen müssen Sie die Menschen gerade dann, wenn Sie am meisten lieben! Wie jetzt! Sie möchten mich am liebsten töten vor lauter Liebe!« – – »Ich Sie? Frechheit!« – Sie ballte die Hände. Er packte alle beide eisern fest. – Das Kind ließ Geld, Uhr und Kette fallen und spielte Fangeball damit. Er achtete es nicht. Lachend schaute er jetzt in ihre wutfunkelnden Augen. »Aha, so sind Sie! Ja; aber ich bin nicht mehr der alte Willi, meine liebe Lotte! Oder höchstens nur in einer Beziehung noch ganz und gar der Alte! Aber die geht Sie momentan noch nichts an! Vorläufig stehe ich der Range als Rüpel gegenüber, und so werden wir beide auch eher miteinander fertig werden. Was? – – Ich werde den Teufel bändigen, denn ich weiß, was für ein wonniges Gesicht hinter dieser Maske steckt!« – – Willi donnerte jetzt auf das ganz bestürzte Mädchen mit lauter Stimme ein, dabei ihre Augen mit den seinen bannend:

»Sie sind eine kleine, unverschämte, borstige Person, die, weil sie recht klug ist, sich zu viel Freiheiten angeeignet hat! Ja, liebe Lotte, total verdreht und kratzbürstig bist Du!« – – »Oh – – – Sie!« – stieß das Mädchen zornig hervor. – – »Ach was, geh mit Deinem dummen Sie! Ich erlaube Dir, mich zu duzen, wie es sich gehört! Du liebst mich mit jeder Faser Deines Herzens, Du liebst mich, nur mich! Das weiß ich! Das freut mich! – – – – – –«

Lotte zitterte und wollte sich losreißen; aber sie konnte nicht. Er hielt sie lachend fest: »Siehst Du, was Du für eine dumme, verdrehte Person bist, Lotte Bach! Anstatt, daß Du es zugiebst, möchtest Du kratzen und beißen! Trotzdem Du weißt, daß Du morgen verzweifelt bist, wenn wir heute in Feindschaft scheiden?! Trotzdem Du weißt, daß es dann für immer zwischen uns aus wäre! Sträube Dich nicht länger, Du Zuwiderwurzen, gieb es zu!« – – Er lachte sie an. »Scheusal!« – war alles, was sie hervorbringen konnte. Aber ihre Stimme hatte nicht mehr die ganze Sicherheit. Seine Blicke verwirrten sie – – seine bebenden Lippen bei dem rauhen, gewollten Lachen. –

»So, also Scheusal? Gut, meine Lotte! Du willst noch immer nicht, dann werde ich mal von der Leber sprechen, ganz frei! Also – – – – – Trotzkopf – – – Range – – – Lotte Bach! – – – – Ich habe mich nun einmal auf Dich versessen, kapriziert, verstehst Du! Ich liebe Dich, und ich brauche einen guten Kameraden im Kampfe ums Dasein! Und weil Du mich so wahr und innig liebst, wirst Du es werden und Dich bessern! Verstanden? Du wirst meine Frau, damit basta! Und die Sache ist erledigt! Lotte!« – – – –

In dem »Lotte« lag seine ganze Liebe. Es klang bebend und bestrickend in seiner Weichheit. – Das Mädchen schloß die Augen und lauschte wie im Traume, als könnte sie das Unerwartete, Bethörende so besser verstehen. Als er geendet, hob sie die Lider und sah ihn eine Sekunde an. Dann schrie sie überselig: »Willi – Willi!« und lag an seinem Herzen. Er umschlang sie.

Willi Feller und Lotte Bach waren Braut und Bräutigam! –

Lotte Seffmann kam das lange Schweigen, das merkwürdige Geräusch komisch vor. Sie warf das Portemonnaie und die Uhr, von der sie schon Deckelblatt und Zeiger glücklich abgerissen hatte, mit großer Kraft in den eisernen Ofenvorsatz. Dann kam sie herbeigeeilt, legte die Händchen auf den Rücken und betrachtete aufmerksam die beiden Leutchen. Der Anblick war ihr nichts Neues, nur der Personenwechsel im Drama interessierte sie. »Wie Papa und Mama!« konstatierte sie richtig. Endlich langweilte es sie. Sie kehrte zum Ofen zurück und vergnügte sich über den klingenden Ton, den das Klopfen der goldenen Uhr auf dem Eisenblech hervorrief. Immer stärker schlug sie beides gegeneinander, bis endlich Willi und Lotte davon aus ihrem Glück geschreckt wurden. »Himmel, Willi, Deine Uhr!« – schrie Lotte und stürzte vorwärts, um sie noch möglichst zu retten. Er holte sie zurück und schloß sie in die Arme: »Ach, laß sein, Lotte, hin ist hin! Dem Glücklichen schlägt keine Stunde!« – – Gerade in diesem Augenblick holte der große Regulator aus und verkündete mit hellem Klang die achte Stunde. Und Elise, die draußen gehorcht und endlich vom Salon aus zugeschaut hatte, erschien mit dunkelrotem Gesichte. Sie wollte Lottchen ins Bett bringen. –

»So, Elise, wir werden uns nun verziehen, damit wir Sie und Ihr Baby da nicht stören!« – rief Willi übermütig. – »Grüßen Sie Frau Seffmann herzlich und sagen Sie ihr: Ich bedauerte außerordentlich; aber die roten Rosen, welche ich ihr mitgebracht, bekäme meine herzige Braut, Fräulein Bach! Verstanden? Na und Herrn Seffmann können Sie mitteilen, daß ich ihm die Uhr, welche mir sein Töchterchen total zerstört hat, nicht auf Rechnung setzen werde! Den Schaden zöge ich meiner Frau, geborenen Bach, vom Wochengelde ab!« – – »Sagen Sie der gnädigen Frau, daß ich morgen bis ein Uhr zu Haus wäre und auf sie warte!« – fügte Lotte hinzu in einer ihr sonst fremden Schüchternheit. – Das Mädchen wollte sie hinausbegleiten und ihnen beim Anlegen der Mantel helfen. Jedoch der Doktor schob sie ins Zimmer zurück. »Die Kleine brüllt, bleiben Sie bei der! Wir beide werden schon allein miteinander fertig!« – befahl er kategorisch und schloß die Thür. Richtig, das Kind brüllte in der That! Müdigkeit, Ärger über die entzogenen Spielereien und Furcht vor dem Alleinsein überkamen sie.

Es war ganz gut, daß ihr Geschrei so laut war. Dadurch konnte Elisa die tausend Tollheiten nicht vernehmen, welche Willi trieb. Er zog Lotte an, setzte ihr den Hut auf und scherzte ununterbrochen. Sie schienen die Rollen getauscht zu haben, denn Lotte war ernst und still. Das Wort »Braut« hatte ihr Ohr getroffen und sie mit einem blitzähnlichen Gefühl der Erkenntnis geschlagen. Sie fühlte das große Maß an Glück und Seligkeit, welches in diesem Begriff lag. Aber sie empfand auch plötzlich den heiligen Ernst, die Weihe, die Verantwortlichkeit, welche sich dahinter verbarg! – Und Lotte, die freche übermütige Lotte, sah schüchtern und scheu selig den geliebten Mann an. Sie war voller Wonne und trotz all ihrer derbrealistischen Modernität und Vernunft ganz erfüllt von Demut. Die Liebe, das Glück gaben ihr eine keusch-mädchenhafte, bräutliche Bescheidenheit. –

Sie war zum Fortgehen bereit. Auch er trug schon den Überzieher, da stellte er sich mit ausgebreiteten Armen vor die Thür: »Nein Lotte, so haben wir nicht gewettet! So kommst Du auch nicht aus dieser Wohnung, in der unser Glück begründet wurde! Bis jetzt hast Du nur Liebe von mir empfangen und noch nicht gegeben! Das geht in einer Kameradschaft nicht! Gleich sagst Du mir, wie lieb Du mich hast und giebst mir einen festen Kuß! Punktum, Streusand drauf!« – Er sah sie an, sie ihn. Eine Sekunde tobte in ihr der alte Adam. Sie wollte mit einem festen, derben Witz antworten. Aber sie konnte nicht! Ganz leise trat sie zu ihm und flüsterte innig:

»Ich kann es nicht fassen, nicht glauben,
Es hat ein Traum mich berückt!
Wie hast Du – doch unter allen –
Mich Arme erwählt und beglückt!«

Feller fiel der Cylinder aus der Hand, als er sie umfaßte: »Lotte!« – sagte er leise und ergriffen. – »Was macht die Liebe aus Euch! Stürzt alles um, alles! O, rätselhaftes Menschenherz!« – –

Arm in Arm wanderten sie über die Straßen in ernstem Geplauder. Was hat sich so ein Brautpaar nicht alles zu sagen!? Ehe sie sich's versahen, standen sie vor dem Hause des Amtsgerichtsrats Neuwald. »Wie kommen wir denn hierher? Wer wohnt hier?« – fragte Willi. – »Meine Schwester Ella, bei der jetzt alle andern sind. Ich habe Dich rein mechanisch hergeführt«, – versicherte Lotte. – »Aber nicht wahr, Willi, Du kommst mit hinauf? Ich muß Dich doch ihnen vorstellen!« – fügte sie bittend hinzu. – – »Wer weiß, ob ich ihnen recht bin, ob sie mich als Verwandten mögen?« – meinte er plötzlich. – – Lotte schüttelte lachend den Kopf: »Warum nicht? Früher mochten sie Dich ja alle! Und im übrigen – – p! Die dicke Wonne wird schon Ja und Amen sagen! Meine Schwestern auch. Und die andern ... pah! Sie können uns alle mit Filzparisern den Rücken – –« Erschreckt hielt sie inne und klopfte sich auf den Mund. »Runterrutschen!« – ergänzte er lachend. – »Gott sei Dank, Lotte, jetzt habe ich Dich erst ganz wieder! Jetzt bist Du wieder die alte! Und so gut Dir auch diese liebliche Bräutlichkeit steht – – offen gesagt, mir war sie bei allem Entzücken etwas unheimlich. Das war wohl Charlotte, nicht Lotte Bach?« – – Neckend sah er sie an. Der Übermut, das Glück brachen bei ihr durch: »Nee, Willi, das kam aus meinem Komparativ, aus Fell – er – – – jetzt vorläufig bin ich ›wieder‹ oder ›noch‹ Positiv in meinem alten Fell: Bach!« – – »Au, Lotte, das war böse, Liebling!« – – »Nee, Schatz, das war Range und bei deren Kalauern muß man au schreien! Du, Willi, muß ich nun als Frau Doktor Feller tugendhaft werden?« – Sie blinzelte ihn schlau an. »Na, das Experiment würde doch wohl nicht glücken!« – meinte er lächelnd. – »Jedenfalls kannst Du es ja versuchen!« – – »Ach Du, hast Du Dich nicht in die Lotte Bach verliebt?« – – »In Lotte Schulze nicht, weshalb?« – – »Na, wenn die schon genügte, Deine Liebe trotz Zeit und Raum festzuhalten, trotzdem sie nicht einmal in persona bei Dir war, dann wird sie so bleiben in Zeit und Ewigkeit! Und der Zauber wird stärker werden durch die Nähe!« Sie legte den Kopf schief und zog ihm ein Gesicht.

»Geliebter, frecher Dachs!« – – »Verhaßtes, gräßliches, scheußliches – – – – – – – –« – – »Na?« – fragte er gespannt. – – »Wonnevieh!« – – Sie zeigte ihm ihre rote Zungenspitze. Trotzdem sie noch immer auf der Straße standen, packte er sie bei beiden Ohren zum Erstaunen der Vorübergehenden. »Das war Dein Glück, Range! Denn gefallen lasse ich mir nichts mehr, das mußt Du doch heute gemerkt haben! Bist Du frech, verlaß Dich drauf, ich werde noch frecher. Keilst Du – – keile ich! Aber ich hab's verschworen, Lotte, unter kriegst Du mich nicht, verstanden?« – – »Ich danke, hast Du Dich verändert, Willi! Ja, aus Kindern werden Leute! Vorhin, als Du so wettertest, na, ich sage Dir, mir war blitzblau und windelweich zu Mute, alter Eisenfresser – – – Bramarbas!« – – »Vorhin, das war noch gar nichts!« – versicherte er tröstend. – Da war ich ja so verliebt, daß ich gar nicht mit aller aufgespeicherten Wut 'rauskonnte. Die lagert noch als Wechsel auf Sicht!« – – »Na, ich kann mir ja gratulieren, hab mir da was Nettes anverlobt! Wirst Du denn nicht immer so verliebt in mich sein?« – Etwas ängstlich schaute sie zu ihm auf. Er nahm ihre Hand und entgegnete lachend:

»Wenn Du artig bist – – – – vielleicht! Aber ich denke mir doch, das wahnsinnige Vergnügen, das man vorher voneinander hat, muß nachlassen! Wenn man sich immer hat, ist doch der Reiz der Neuheit weg!« – – »Ist das Dein Ernst, Willi?« – rief sie außer sich. Da sie schon im Hausflur standen, konnte er sie schlankweg an sich ziehen und herzen: »Nein, es ist nicht mein Ernst, sondern meine Lotte Schafchen!« – – »Au! Pfui Du!« – – Sie riß sich los und eilte die Treppe in die Höhe. Auf dem Absatz stand sie still und drehte sich nach ihm um: »Du, ich habe mir da mit Dir eine nette Grube gegraben, Menschenskind! Ich glaube, bei uns in der Ehe wird es manches Donnerwetter mit Mordskrach geben?« – – »Sicher, aber nachher keine Gebocke, Lotte. Wenn wir uns angeranzt haben, verduftet jeder auf eine halbe Stunde in seinen Trotzwinkel. Dann treffen wir uns auf neutralem Boden, meinetwegen im Eßzimmer. Jeder sagt den Namen: Seffmann! Wir denken an heute und feiern Versöhnung!« – – »Mit einem tüchtigen Knutsch; so habe ich es mir immer gewünscht und ausgemalt!« – jauchzte sie selig. – »Es wird himmlisch! Es giebt ja nichts Schöneres als eine gediegene Versöhnung. Ach, Willi, Liebster, ich wünschte, wir wären erst verheiratet, und hätten den ersten Krach hinter uns!« – – »Ich bin vorläufig so sehr zufrieden!« – meinte er ernster und fuhr lustiger fort: »Sieh mal, zum Küssen brauche ich ja jetzt absolut nicht auf den Krach zu warten. Es geht auch so!« – Er hatte die Arme ausgestreckt; aber sie entfloh: »Hier auf der Treppe, pfui, wenn das einer sieht, schämst Du Dich gar nicht?« – – »Nein!« – – »Hartgesottener Sünder!« – – »Noch ist's Zeit, besinne Dich, ob Du mich auch wirklich willst! Ein Wort von Dir, und ich verschwinde!« – sprach er lächelnd. Sie standen vor Neuwalds Thür. Lotte fiel ihm jubelnd um den Hals: »Wie die Wurst im Spinde!« – ergänzte sie. – »Das könnte Dir so passen, Jungeken! Dir kenne ick doch! – Nee, jetzt hab' ich Dich und Du mich! Jetzt wird fest gehalten, trotzdem wir beide von einem furchtbaren gegenseitigen Reinfall ›überzogen‹ sind!« –

Sie ergriff den Klingelzug, um einem neuen Zärtlichkeitsanfall zu entgehen, und läutete Sturm. –

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