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Die Berliner Range ? Lotte Bach als Braut. Band V.

Ernst Georgy: Die Berliner Range ? Lotte Bach als Braut. Band V. - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Georgy
titleDie Berliner Range ? Lotte Bach als Braut. Band V.
publisherVerlag von Rich. Bong
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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3. Kapitel. Eine Begegnung von Bedeutung

Alice Hutten und Lotte Bach hatten Vortragskurse in der Humboldt-Akademie belegt. Einmal erweiterten sie dadurch ihre Kenntnisse und lernten eine ganze Menge. Und zum andernmale boten die langen Wege hin und zurück so schöne Gelegenheit zum Plaudern. Was gab es nicht immer zu besprechen! – An einem dieser Abende, an denen die Vorlesungen stattfanden, trafen sich die jungen Damen an der Straßenecke. Lotte, wie stets von unheimlicher Pünktlichkeit, wartete ungeduldig, denn sie fror! Heftig trampsend wanderte sie auf und ab. – Wenn die Freundin bloß kommen würde, – dachte sie – denn schon umkreiste sie in immer engerem Bogen ein Herr! – Endlich tauchte die andere auf. Lotte eilte ihr froh entgegen. »Wie gut, daß Du kommst! Ich war schon in der peinlichsten Verlegenheit!« – rief Lotte. – »Dieses alte Scheusal da kann wieder einmal nicht Dame von Dame unterscheiden! Es ist unglaublich, daß in Berlin die alten Herren stets am schlimmsten sind. Wir können doch nicht immer ein Kindermädchen oder eine Dame d'horreur bei uns haben.« – –»Ja, da hast Du ja recht; aber es ist auch nicht nett, wenn junge Mädchen aus guter Familie in der Dunkelheit umherstrolchen!« – entgegnete Alice. – – »I, da sollte doch ein Donner 'reinschlagen!« – wetterte Lotte. – »Die armen Mädels, die keinen Schutz haben, läßt man im Vertrauen auf ihren angeborenen Anstand ruhig allein gehen. Und es stößt ihnen, wenn sie sich nett und wirklich anständig benehmen, nichts zu. Denn auf eine richtige Abweisung und ruhiges Weitergehen hört schließlich jeder Mann. Wetter, wir leben doch in einem Rechtsstaat, in geordneten Verhältnissen! Und da will man uns Töchtern aus guten Familien, die wir zu dem angeborenen Anstand noch die bessere Erziehung voraushaben, unter eine Glasglocke setzen? Das wäre noch besser, gerade wir sollten die unangenehme Herrensorte erziehen!« – – »Es kann Dich aber ein Trunkenbold anrempeln, ein Lümmel Dir etwas nachrufen!« – – »Aber, Klexchen, die Rufe von Lümmeln prallen doch stets wirkungslos ab und vor einem Sinnlosen schützt mich keine weibliche Begleitung, höchstens ein handfester Diener. Da es den nicht so leicht giebt – – – – also! Und dann leben wir doch hier in einem guten Stadtteil und nicht in entlegenen Vorstadtvierteln, wo Felder und Wälder angrenzen und die Straßen nur auf einer Seite bebaut sind?« – –

Alice legte ihren Arm in den der Freundin. Sie schritten weiter. »Ja, aber wenn Du da eine Viertelstunde auf einem Fleck stehst oder Dich um eine Säule bewegst, dann mußt Du auf solche Sachen gefaßt sein!« – meinte sie. – – »Das muß sich aber ändern, zum Teufel! Und nur wir feinen Mädchen können das erreichen. Es kann doch der Zufall verlangen, daß man warten muß oder sonst was? Wenn wir da keinen ermunternd ansehen oder nach rechts und links die Blicke schmeißen, so soll man uns eben in Ruhe lassen! Aber so weit kommt es noch! Und wir erreichen das Ziel um so früher, je eher die Mütter der höheren Töchter zur Besinnung kommen und ihre Kinder an Selbständigkeit in allem Handeln gewöhnen! Erziehen heißt doch fürs Leben brauchbar machen, abhärten, vorbereiten. Dazu hilft aber die unsichtbare Glasglocke nichts! – Es wird ja auch schon besser! Mutter war darin immer vernünftig, und das danke ich ihr von Herzen. Schließlich können die Töchter dies Vertrauen auch beanspruchen. Gegen solche Sachen schützen wir uns dank unserer moralischen Kraft. Und gegen An- und Unfälle kann uns nur die Vorsehung schützen!« – –

Es war spät. Die Mädchen eilten hastig vorwärts. »Ach, heute war es ja zum Totlachen, Klexchen,« – erzählte Lotte – »Du weißt doch, daß ich von Zeit zu Zeit den Wirtschaftsrappel kriege. Dann wird gescheuert, aufgeräumt, geputzt oder gewaschen und geplättet. Momentan habe ich den Koch-Raptus und helfe mächtig in der Küche! macht mir'n Heidenspaß! Also neulich hat mir die ›dicke Wonne‹ gezeigt, wie man Hühner ausnimmt, rupft, kurz, präpariert. Ich paßte wie ein Schießhund auf und war höllisch stolz auf das Gelernte. Nun bringt Mutter heute früh Enten aus der Markthalle mit. Ich nicht faul, will sie überraschen und nehme mir schleunigst die Biester vor. Ritsch, ratsch schneide ich den Hals auf und will den Kropf herausnehmen. So habe ich alle drei schon mit langen Schnitten versehen, da erscheint Mutter. Den Schaden besehen und auf mich zustürzen und mir das Messer entreißen, ist eins! Ich sinke vor Schreck auf einen Stuhl, und mein Altchen schreit, rot vor Wut und Lachen, wohl an zehnmal immer in einer Tour: ›Enten haben keinen Kropf! Enten haben keinen Kropf!‹ Dann schalt sie ununterbrochen, während ich vor Vergnügen kreischte.« –

Das junge Mädchen sprach eifrig und lachte jetzt noch in der Erinnerung lustig. Sie achtete dabei gar nicht auf ihre Umgebung und bemerkte auch nicht, daß die Freundin scharf und aufmerksam ins Weite spähte. – Alice strengte ihre ohnehin falkenartigen Augen an, um einen Herrn, der ihnen entgegenkam, zu erkennen. Dieser war dicht in ihrer Nähe, als er zusammenzuckte, die jungen Damen fest ansah und dann grüßte!

Ein Ruck ging durch Alice, als sie den höflichen Gruß erwiderte. Jetzt erst fiel es Lotte auf. Sie neigte noch hastig den Kopf und wandte sich ein wenig zur Seite. Aber der hochgewachsene, breitschultrige Herr war schon vorüber. »Du wurdest gegrüßt?« – – »Ja!« – antwortete Alice heiser. – – »Wer war es? Du erschrakest doch so furchtbar! War es – – – –« – – »Ach bewahre!« – – »Na wer denn? Dahinter steckt doch etwas, schnell gebeichtet, Kleine!« – drängte Lotte. – – »Wirklich, Du irrst dich! Es war ein Verwandter von uns, den ich ewig nicht gesehen habe! Daher mein Schreck!« – – »Ist das wahr?« – – »Wirklich!« – – Lotte fragte nicht weiter, aber sie beobachtete Fräulein Hutten, die blaß und erregt schien, trotzdem sie lebhaft plauderte.

Das Gymnasium, in welchem die Vorlesungen stattfanden, war erreicht. Sie kletterten in die dritte Etage hinauf und begaben sich in ihr Klassenzimmer. Der Dozent wurde erwartet. Die Hörer waren bereits versammelt. Lotte und Alice grüßten nach rechts und links und plauderten mit verschiedenen Bekannten. Dann begaben sie sich auf ihre Plätze in der hintersten Reihe. – Beide waren heute zerstreut. Lotte bemerkte, daß Alice fortwährend grübelte. Sie brachte dies mit dem Gruß von vorhin in Verbindung und dachte auch ruhig darüber nach. Anstatt nun wie sonst eifrig mitzuschreiben, notierte sie nur einzelne Sätze. Schließlich paßte sie gar nicht mehr auf, sondern bemalte ihr Heft mit Figuren, Arabesken und Buchstaben. Ohne daß sie es selbst gewahr wurde, fügte sich einer an den andern. Zuletzt stand da wie so tausendmal in ihren Büchern verschiedenemale » W F« und sogar ganz ausgeschrieben » Willi Feller.« – Die Stimme des Vortragenden drang wie ein Gemurmel aus weiter Ferne an ihre Ohren. Alice träumte. Lotte orakelte und malte Herzen. Sie schrieb die Namen untereinander.

Wilhelm Feller –
Charlotte Bach.

Dann strich sie die gleichlautenden Buchstaben in beiden fort. Nun zählte sie an den übrig gebliebenen ab: Liebe – Freundschaft – Sehnsucht – Gleichgültigkeit – Haß. Bei ihm kam »Gleichgültigkeit« – bei ihr »Liebe« heraus. Wie gern hätte die Thörin das Umgekehrte gewünscht! Wie unzähligemale, als ob sich diese schwerwiegende Thatsache ändern könnte, hatte sie die Probe gemacht! Immer das Nämliche! Es war gräßlich! – Wie ein Kind machte sie noch einen Versuch:

Wilhelm Feller
Charlotte Bach
.

Jetzt zählte sie einfach folgendermaßen: »Er liebt mich – von Herzen – mit Schmerzen – über alle Maßen – kleinwenig – oder gar nicht!« – Diesmal ergab die Rechnung bei ihm: »Mit Schmerzen!« – Lotte atmete tief und befriedigt. Auch bei ihr war es »mit Schmerzen« verknüpft. Das stimmte bei ihnen beiden. Also war sie zufrieden! – Dies Orakel zog sie dem ersten vor! –

Alice warf einen Blick auf die Kritzelnde. Sie sah Lottes Beschäftigung, wußte, worauf es hinaus sollte, und schüttelte den Kopf. Dann seufzte sie! – Es war beiden eine Erleichterung, als der Vortrag zu Ende war. Der Heimweg im Omnibus war fatal, denn zwei alte Damen hefteten sich an ihre Sohlen. Erst kurz vor ihrem eigenen Ziel stiegen diese beiden aus. Dann verließen Alice und Lotte den Wagen. »Ich habe heute kein Wort gehört!« – sagte Alice. »Es ist ein Skandal; aber mir liegt es auch plötzlich schwer in den Gliedern!« – entgegnete Lotte. Sie faßte die Freundin unter und geleitete sie mit einem kleinen Umweg für sich selbst nach Hause. In der stillen, dunkeln Straße, in der Huttens lebten, sagte Lotte, die Ruhe unterbrechend: »Ich habe Angst für Dich, Kleines, mit Dir ist nicht alles in Ordnung! Wenn ich Dir doch helfen könnte!« – – »Du mir, Lotte?« – Alice machte sich frei, blieb eine Sekunde stehen und sah sie an. – »Ich wollte es Dir mit Absicht erst jetzt sagen, um Dir den Vortrag nicht zu stören oder Dich nicht vor all den andern aus der Fassung zu bringen!« – – »Mich?« – In Lotte stieg eine bange Ahnung auf. Sie krampfte die Hand zusammen. Ihr Herz pochte.

»Ja, Dich! Weißt Du, wer mich ... uns ... heute in der Friedrichstraße gegrüßt hat?« – – In diesem Momente schlug es wie ein Blitzstrahl in Lotte ein. Sie wurde eiskalt. Heiser aber rief sie: »Gegrüßt? Uns? Nein!« – – »Herr Doktor Willi Feller!« – –

»Herr Doktor Willi Feller!«

Lotte wiederholte es flüsternd. Merkwürdig, sie empfand einen starken, heftigen körperlichen Schmerz, und zu gleicher Zeit erstrahlte alles ringsumher in goldenstem Sonnenglanz. Alice packte sie am Arm. »Lotte!« – – »Ja?« – fragte diese, wie aus einem Traume auffahrend. Sie faßte sich energisch. »Er, ... bist Du Deiner Sache gewiß?« – – »Ohne jeden Zweifel, er war es! Ich sah es auch an seinem Gruße. wie er erschrak, als er uns erkannte!« – – »Ich sah nur einen Schimmer; aber mir war es, als ob es ein sehr großer, breiter Herr gewesen wäre!« – – »Doktor Feller ist ein Mann! Ihr seid keine Kinder mehr, Du auch nicht, sieh Dich an!« – rief sie. Lotte fuhr mit der Hand über die Stirn. »Du hast recht.« – Sie lachte. – »Er muß angenehm berührt gewesen sein, Du! Ich lachte gerade so recht quietschmunter, als er vorbeikam!« – –

»Lotte,« – meinte Alice liebevoll; aber energisch – »höre mal zu! Mir ist die ganze Sache furchtbar im Kopfe 'rumgegangen. Ich habe nicht ein Wort von dem Vortrag verstanden! ... Aber eins ist mir klar! Feller ist hier, und Du mußt Dich mit dem Gedanken vertraut machen, daß er sich in der langen Zeit verändert hat. Er mag längst eine andere lieben! Du magst ihm längst gleichgültig geworden sein!« – – »Ich danke Dir, Du hast recht! Und nun gute Nacht, Klexchen! Sorg' Dich nicht um mich, ängstige Dich nicht! Jetzt gehe ich nach Haus, überlege mir alles und schlaf' mich aus. Habe ich so lange ohne Herrn Feller leben können, wird es auch weiter ohne ihn gehen! Wer weiß, wenn ich mir rechte Mühe gebe, wird er mir vielleicht auch noch gleichgültig! Gute Nacht, Alice!« – Ehe sich diese zu einer Entgegnung aufraffen konnte, hatte Lotte sie umarmt und stürzte nun im Sturmschritt die Straße entlang, Ihre Stimme hatte munter geklungen. Auch jetzt winkte sie von weitem ausgelassen mit der Muff.

Alice schüttelte über diesen Galgenhumor traurig den Kopf. Endlich begab sie sich ins Haus. –

Die Geheimrätin wartete mit dem Abendbrot auf die Tochter. Gemütlich speisten sie miteinander. Lottes Augen glänzten. Sie war so ausgelassen und übermütig, daß die Mutter gar nicht aus dem Lachen herauskam und zuletzt rief: »Wenn Du nicht aus dem Vortrag kämst, Du Blitzmädel, würde ich denken, Du habest einen Champagnerrausch! Wo hast Du nur diesen Übermut, diese Einfälle her?« – – »Ach, Wonnchen-Sonnchen, das macht, weil ich so glücklich bin, Du ahnst es eben nicht! Ihr Mütter schaut uns doch durch und durch. Und trotzdem fragst Du noch? O Du! Hier, diesen letzten Schluck Thee ... Kommilitonen, bibite ex! Auf meine Alte! Sie lebe hoch!« – – »Du sollst doch nicht ›Alte‹ sagen. Wer nicht alt werden will, muß sich jung hängen lassen!« – schalt die Geheimrätin. »Dann 'ruf auf den Galgen! Ich hab' es satt! Die Range muß bammeln!« – – »Ja ... Du! Gott erhalte Dir Dein frohes, heiteres Temperament bis in das tiefste Alter! Schon durch dies bist Du ein bevorzugtes Glückskind!« – –

Lotte hatte genug. Sie stand auf. »Gute Nacht, Wonnchen! Schlaf wohl!« – –

Alles schläft schon im Hause. Lotte sitzt längst in ihrem Zimmer. Sie hat geweint, geweint wie nur je ein Mensch weinen kann! Jetzt hat sie einen Briefbogen vor sich liegen. Die Feder fliegt über das Papier. Ohne nachzudenken, schreibt sie folgendes nieder:

»Geliebte Freundin!

Heute, in tiefer Nacht noch eine Bitte, die Du mir nicht abschlagen darfst noch kannst! – Du magst recht haben, eine innere Stimme sagt es mir selbst: Willi Feller hat mich vergessen in der Fremde. Ich bin ihm dort auf den Meeren, in den fremden Ländern gleichgültig geworden. Sonst hätte er einmal geschrieben oder sich durch Freunde nach mir erkundigen lassen! Dies ist nicht geschehen, ergo ist es aus! Bon! Thu mir die Liebe, und erwähne seinen Namen nicht mehr zwischen uns! Sprich nicht mehr von ihm! Er sei nicht für uns in dieser Welt gewesen! –

Du allein weißt, wie ich diesen Mann von ganzem Herzen liebgehabt habe. Immer und immer! Er war mein Ein und Alles! Meine ekelhafte Zuwiderwurzen-Natur, mein gräßliches Ich hat mich dazugebracht, ihm immer das Gegenteil zu zeigen von dem, was ich fühlte. Ich liebte ihn, und wenn ich am allerzärtlichsten sein wollte, war ich am allerunausstehlichsten! Ich glaube, ich wäre es heute wieder so! Ich kann nicht aus meiner Haut, hol's der Deibel! – Ich leide ja am allermeisten unter meinen Teufeleien! Ich Hab' mein Glück verscherzt! O ich Ochse! Na, es ist aus! Reue, heiße Reue bringt ihn mir nicht wieder! –

Lassen wir ihn daher aus dem Spiel, sonst werde ich verrückt! Kein Wort, kein Blick über ihn! Sonst ... Bitte, Alice richte Dich danach, Du kannst am besten ermessen, wie es in mir aussieht. Deine borschtige, mit Recht bestrafte

Lotte.«

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