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Die Berliner Range ? Lotte Bach als Braut. Band V.

Ernst Georgy: Die Berliner Range ? Lotte Bach als Braut. Band V. - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Georgy
titleDie Berliner Range ? Lotte Bach als Braut. Band V.
publisherVerlag von Rich. Bong
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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2. Kapitel. Menschen ändern sich

Lotte stand an der geöffneten Wohnungsthür und verabschiedete sich von Alice Hutten. Das dauerte immer eine Ewigkeit, denn, wenn sich die beiden Verschworenen schon Adieu gesagt hatten, dann fiel ihnen im letzten Moment immer noch etwas besonders Wichtiges ein. Sie mußten es sich unweigerlich noch schnell mitteilen. Und da jeder Gedankenaustausch Für und Wider hervorrufen kann, so verging immer noch ein Weilchen, ehe der neue Streitpunkt erledigt war. –

»Nun aber zum letztenmal? adieu, Lotte, komme recht bald zu uns!« – – »Gewiß, Klexchen, in diesen Tagen! Du, hast Du übrigens schon das Neueste gehört?« – – »Nee, was denn?« – – »Ich habe immerfort gewußt, daß ich Dir noch etwas Wichtiges zu sagen hätte. Aber im Eifer des Gefechtes vergißt man alles!« – – »Schnell, Lotte, ich muß ja fort. Wir essen Punkt halb. Du kennst ja Franzens Wut, wenn ich zu spät komme!« – – Alice stand bereits zehn Stufen tiefer. – – Lotte stützte sich auf das Geländer und rief hinunter: »Denke nur, heute habe ich eine gedruckte Verlobungsanzeige von Fritz Haffner erhalten. Du weißt doch, der lange Schlacks war mein erster Verehrer. Jetzt hat er sich mit einem Fräulein Erna Rollert verlobt. Max Helm meint, das würde wohl die Tochter von dem steinreichen früheren Gärtner Rollert sein. Fritz sei furchtbar nach Geld gewesen. Er soll viel Schulden haben.« – – Alice kam wieder die Stufen emporgeeilt. »Du, Lotte, Du kommst mir verstimmt vor. Sollte Dir diese Sache näher gehen?« – Forschend blickte sie die Freundin an.

»Keine Spur!« – lachte diese – da kennst Du Aujusten schlecht! Mein Wort darauf. Mir ist Fritz im höchsten Grad piepe. Ich hänge an ihm nur wie an allen alten Jugenderinnerungen. Im übrigen denke ich, wird er wohl Mutter Besuch machen. Er ist zur Turnanstalt herkommandiert.« – – »Ach nett, dann lernst Du seine Braut doch sicher kennen, das ist doch interessant!« – – Na ob! Du, Alice, was sagst Du dazu, Lene Königs Bräutigam geht als Missionar nach Indien?« – – »Ja, das weiß ich! Armes Wurm! Nun aber, addio, Lotte, au revoir!« – – »Au reservoir!« – – »Lotte, Lotte!« – – »Ja, Klexchen, gestern – – – –« – – »Grüß deine Schwestern und Schwäger, ich gehe zu ihnen, sobald ich irgend kann! Wenn ich nur Zeit hätte!« – – »Weiß schon! Die hast Du ja nie! Wieviel neue Einladungen hast Du denn?« – – Alices Antwort klang dumpf von unten herauf. Sie war schon einige Absätze tiefer: »Himmel, es ist halb! Na, der Franz wird angeben! Addio!«

»Wenn Weiber auseinander gehen, dann bleiben sie noch 'ne Weile stehen!« – rezitierte jetzt lachend eine Stimme – »Du und Fräulein Hutten, Euch muß man nur einmal beobachten oder photographieren. Nächstens pumpe ich mir den Phonographen aus dem Postmuseum!« – – Max Helm stand vor Lotte. Er war die Treppen mit Windeseile hinaufstolziert. – – »Ach red' nicht, Ihr Männer seid genau so. Wenn Du Deine Freunde oben hast, dann klingt es durch die Decke, als wenn – – na gerade wie damals auf dem Kapitol, als es in Gefahr war!« – – »P, Du, das sind Retourkutschen, die fahren heute nicht!« – rief er – »Hast Du etwas von der Rollert, dem Rollmops von Fritzen, gehört?« – fragte Lotte neugierig. – – »Ja, es ist die einzige Tochter von dem ollen Millionär, die bei Euch in der Schule war. Der Fritz hat Schwein, der Mensch! Ein hübsches Mädel und in lauter Tausendmarkscheine eingewickelt. Die nähme ich auch!« – – »Ach, Du Idealist, Du red' nicht! Du heiratest ein armes kleines Ding und wirst mit ihr glücklicher, als unser verflossener Spielkamerad mit seinem Goldfasan. Dich kenne ich doch und Deine niedliche, kleine ›Sie‹ auch. Aber gerade das gefällt mir an Dir, Maxeken! Du hast Dich doch famos rausgemacht, seitdem Du die Piccolomini losgeworden bist. Auch die Schnurrhaare machen sich schon mächtig, Du düngst wohl auch nicht schlecht?« – – Herr Helm lachte halb geschmeichelt, halb verlegen. Dann meinte er seufzend: »Ja, Du wirst schon recht behalten. Ich hab nicht das Zeug zu etwas Großem in mir, keinen Wagemut, keinen Unternehmungsgeist! Ich bin Vaters Sohn! werde wohl mein Lebtag ein gut bezahlter Angestellter sein, arm, aber aus Liebe heiraten! Die alte Geschichte in unserer Familie, diese kleinen, eng begrenzten Lebensschicksale!« – – »Ach, kohl nicht und mach Dir nicht den Kopf schwer, Junge! Solch glückliches Familienleben wie in Euren Kreisen giebt es wohl selten. Ihr seid alle Lebenskünstler, die aus Pfennigen Markstücke machen. Auf Euch, Ihr soliden, anspruchslosen, arbeitsamen Menschen, ruht die Moral der Familie, die hohe, deutsche Volkskraft. Laß gut sein!« –

Der junge Helm, ein schlanker netter Mensch, schaute trübe vor sich hin: »Du kommst mir manchmal wie der Prediger in der Wüste vor, Lotte! Donnerwetter, Du weißt die Worte zu setzen! Wenn mir zuweilen flau ist, und ich mich dann mit Dir so recht ausgequatscht habe, ist mir leichter! Du bist mir ein treuer Kamerad, altes Schaf!« – – Lotte stocherte ihn zuweilen aus den Zweifeln und der Melancholie auf, die in seinem Alter und in seinem Charakter lag. »Ja, alter Knopp, wir halten treu zusammen. So ändern sich die menschlichen Läuse, pardon Lose! Erst haben wir uns gekeilt, daß die Stücke flogen. Jetzt haben wir uns lieb und sind Freunde!« – sagte sie herzlich. – »Bei Dir ist wieder etwas nicht ganz in Ordnung, Max! Heute Abend sind wir daheim; da wirst Du also nach dem Geschäfte gefälligst mit reinen Händen, Kragen und Manschetten zu einem Butterbrot antreten und Dich erleichtern. Verstanden?« – – »Gewiß, wird mit Dank angenommen! Adieu, Lotte!« – – »Letzten Du!« – – Sie gab ihm wie in frühster Kinderzeit einen kräftigen Stoß, raste in die Wohnung und warf hinter sich kraftvoll die Thür ins Schloß. Das ganze Haus dröhnte. Er stand eine Sekunde sinnend. Dann raffte er sich auf und stieg in seine höher belegene Wohnung.

Als die Zeitungsfrau das Abendblatt durch die Thür schob, stand Lotte bereits auf der Lauer. Bei der Mutter im Wohnzimmer waren Kläre und Ella, die geliebten Schwestern, zu Besuch und plauderten. So hatte sie denn Muße zur Lektüre und zog sich mit dieser in ihr trauliches Zimmer zurück. – Ihre scharfen Augen überflogen die Seiten nur flüchtig und blieben endlich an einer Spalte haften. Das war die, auf der die »Hamburg-Amerika-Linie« und der »Norddeutsche Lloyd« ihre Nachrichten veröffentlichten. – Lotte las und wurde abwechselnd rot und blaß. Da stand das Heißersehnte, das Langerwartete schwarz auf weiß. Die »Volta« war, aus China und Japan endlich heimkehrend, in Southampton eingetroffen und wurde am folgenden Tage in Hamburg erwartet. –

»Er kommt, Gott im Himmel sei Dank, er kommt endlich heim!« – flüsterte das junge Mädchen ergriffen. Eine Stimmung, wie in der Kirche kam über sie. – –

Erst nach einigen Sekunden erwachte sie aus dieser eigenartigen Befangenheit. Sie schüttelte den Bann von sich, unterdrückte die quellende, jubelnde Glückseligkeit, die ihr ganzes Herz erfüllte und faltete die Zeitung wieder sorgsam. Dann erschien sie in dem Wohngemach bei den andern. Frau Amtsgerichtsrat Neuwald erzählte den andächtig Lauschenden beseligt von den Streichen ihrer beiden Bengels. Sie war eine unglaublich zärtliche Mutter. Es passierte ihr fast immer, daß sie mitten im Satze das Taschentuch zog und sich mit Vehemenz schnäuzte. Hinter diesem lauten Handeln konnte sie nämlich am besten die freudige Gerührtheit und die Thränen verbergen, welche ihr die Streiche ihrer Söhne entlockten. – Lotte hatte den mütterlichen Kniff längst durchschaut und neckte die Schwester weidlich mit ihrer Schwäche. – Gerade, als sie eintrat, sagte Frau Ella:

»Walter ist nicht mehr zu bändigen, was diese dreijährige Rübe uns austeilt, ist unbeschreiblich! Von uns hat er die Tollheiten nicht, die muß er entschieden von seiner Tante Lotte übernommen haben. Wir finden, daß er mit ihr auch äußerlich Ähnlichkeit hat!« – – »Die hat er sicher! Was nun aber besagte Rüpeleien des Knöppchens anbetrifft, so sind die nicht etwa ererbt. Der Walter macht, genial wie ich, alles aus sich selbst, von innen heraus. Er ist durch und durch Selfmademan! Und daß die Unarten sich so blühend entwickeln, liegt an Euch!« – meinte Lotte. »An uns?« – rief die junge Frau mehr erstaunt als empört. – – »Na an wem denn sonst? Ihr seid doch die Erzieher! Zieht dem Pfiffikus öfter die Hosen stramm und legt ihn über!« – – »Ach Du, mit der ewigen Keilerei! Bei einem so kleinen Kinde, das Schläge noch gar nicht versteht!« – – »Der und nicht verstehen!« – entgegnete Lotte. – »Als er mir neulich nach dreimaligem Verbot wieder die Zunge rausbleckte, habe ich ihn auf mein Knie gelegt und ein gewisses Teilchen so feste versohlt, daß mir noch abends der Arm wehthat!« –

»Du hast ihn geschlagen, und er hat es sich gefallen lassen? Er ist doch an Prügel gar nicht gewöhnt! Was hat er gesagt?« – fragte die junge Mutter und riß, starr vor Staunen, die Augen auf. Ihre Schwester lächelte stolz. »Er erwies sich, dem Himmel sei Dank, als mein Neffe! Erst brüllte er wie am Spieß, dann rieb er die schmerzende Stelle und versuchte, mir die rote Zunge noch einmal zu zeigen. Als ich die Hand drohend erhob, fügte er sich der brutalen Gewalt und flüsterte grimmig: »Du kannst aber hauen, Tante Lotte! Wenn's nicht mehr weh thut, bleke ich doch wieder!« »Diese Redensart begeisterte mich zwar innerlich. Äußerlich gab ich ihm aber noch zwei, wegen unerlaubter Frechheit!« – – »Nun und seitdem?« – – »Seitdem sind wir die dicksten Freunde. Er hat kolossalen Respekt vor mir und zeigt mir nur noch seine kleine, rote Zunge, wenn ich mich umdrehe, wie ich neulich im Spiegel befriedigt konstatierte. So muß es sein! Er weicht der Gewalt und wahrt sich dennoch seine Eigenart!« – – »Nun, ich danke! Ich werde es versuchen, ihn durch Geduld und liebevolle Nachsicht zu zähmen!« – – »Mit dieser Methode tanzen Euch die Jungen jetzt schon auf der Nase rum und sind als die Neuwaldschen Rangen in der ganzen Straße angenehm verrufen. Wie ich früher!«

Frau Amtsgerichtsrat Neuwald war außer sich. Sie verteidigte ihre Erziehungsprinzipien und ihre Kinder heldenhaft. Zuletzt schloß sie ihren Sermon entrüstet folgendermaßen: »Das ist eben Auffassungssache! Wenn die Kinder unartig sind, so liegt das in ihrer Jugend, ihrer Gesundheit und überschäumenden Kraft. Dennoch hoffe ich, sie in spätestens zwei Jahren zu prächtigen Menschen zu erziehen! Und zwar nur durch Güte!« – – »Warten wir's ab!« – äußerte sich Lotte skeptisch. – »Ohne Wichse bekommt Ihr es doch nicht fertig, sie zu zähmen. Im übrigen laßt sie austoben! Sie geraten dann ganz nach mir, und bringen es ohne die gräßliche Musterhaftigkeit doch zu etwas! So seid Ihr Mütter aber alle! Du, Wonnchen, und Du und Du! Bei Euren eignen Gewächsen seid Ihr blind vernarrt und entschuldigt alles! Bei andern Würmern – Sittenrichter! ... Himmel, was habt ihr beide mit Mutta um meinetwillen 'rumraisonniert! Am liebsten hättet Ihr mich in ein Korrektionshaus gesperrt. Wasser – Brot – Wichse! Woll ja. – – Und Prinzipien hattet Ihr, wie alle Pädagogen von Sokrates zu Fröbel zusammen nicht hatten! Alles Theorie! Jetzt, wo Ihr selbst Mütter seid ... was helfen da das Lehrerinnenexamen, die Erfahrungen, die Prinzipien? Gerade Eure Jöhren werden gottlob die tollsten Rangen! Und meine Freundin Grete, die keine Pädagogik studierte, keine Prinzipien hatte, sogar selbst ein entsetzlicher Racker war? Seht Ihr, die kloppt und küßt ihre Lotte je nach Bedarf! Und wenn sie das Wurm, die Lotte, nicht zu Haus so scheußlich gekleidet herumrennen ließe, wäre es trotz aller Munterkeit ein wahres Musterkind! – So kommt es! Alles andere ist Theorie! Ich will später keine Tugendproppen, sondern gesunde, begabte Ruppsäcke haben. Die kriegen zur Zeit ihr Futter, zur Zeit je nach Bedarf Keile oder Küsse! Aber die werden brave, handfeste Berliner Bürger! Ich wette darauf!« –

»Auch Theorie, liebe Tochter!« – rief Frau Bach. – »Einmal braucht jedes Kind eine andere Erziehungsmethode und erzieht sich selbst. Zum andernmal ändern sich nach den Kindern die Eltern und werden umerzogen! Seht mich an, bei meinen ältesten braven Mädeln eine strenge, gewissenhafte Frau. Durch Lotte wie umgewandelt, schwach und – – – und viel genießbarer und duldsamer jetzt als früher! Bei den Großen hattest Du Dich abgekeilt und warst eine herbe Zitrone, Altes! – Jetzt durch meinen heilsamen Einfluß ein brauchbares liebenswürdiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft! Stimmt's, Wonnchen? Bedank Dich bei Deiner Jüngsten!« –

Alle mußten über Lottes Frechheit lachen. Sie fiel über die geliebte Mutter her und küßte sie herzhaft ab. Gerade in diesem Augenblick zog es an der Klingel. Agnes meldete nach einigen Minuten Herrn Helm an. Sehr befangen trat dieser in das Wohnzimmer. Er war höchst akurat angezogen und verneigte sich, wahrhaft mustergültig, den Damen die Hand küssend. Sein kleiner Schnurrbart war sorgsam gewirbelt, die blonden Haare mit Pomade glatt und glänzend gegen den Kopf gebürstet. »Donnerwetter, Maxe, siehst Du aus! Halb zwischen Friseur und Unterkellner!« – rief Lotte paff. Dadurch erhöhte sie seine Schüchternheit noch mehr.

»Sei nicht so albern, Lotte!« – tadelte Frau Kläre gutherzig. – »Sie haben sich kolossal verändert, Herr Helm! Sie sind ja gar nicht wiederzuerkennen. Darf ich fragen, wie alt Sie jetzt sind?« – Max dienerte, setzte sich auf die Stuhlecke und erwiderte: »Nahe zwanzig, gnädige Frau.« – – »I, Piepenbrink, was quaselst Du denn?« – sagte seine Freundin nachdenklich. – »Ich bin jetzt zweiundzwanzig. Du warst seit Olim fast drei Jahre jünger, also bist Du neunzehn vorbei!« – – Herr Helm errötete tief. – »Was haben Sie bloß zu Leutnant Haffners Verlobung gesagt?« – fragte die Geheimrätin ablenkend. – – »Ach, Fritz Haffner hat sich verlobt?« – fragte Kläre interessiert. – »Der ist doch auch noch sehr jung!« – – »Gewiß, der ist fünfundzwanzig! So ein junges Gemüse verlobt sich? Hätte auch noch warten können!« – »Aber, Lotte, Ihr seid keine Kinder mehr! Leutnant Schenk erzählte doch, daß der älteste Haffner einer der elegantesten Kavaliere im Regiment sei!« – mischte sich Frau Amtsgerichtsrat ins Gespräch. – – »Ach, das kann mir keiner vorschwindeln!« meinte Lotte. – »Glaubst Du es, Max? Unser langer Flegel, unser Fritz mit seiner Revolverschnauze, seinen schmutzigen Pfoten und sonstigen Ruppigkeiten wird doch nicht solch gelockter Parkettaffe geworden sein! Das wäre zu doll!« – – »Na, er konnte doch nicht ewig eine Range bleiben?« – – »Das ist auch nicht nötig; aber hoffentlich ist er keine Modepuppe, kein Gelenk-Knicker und Parfüm-Tier geworden. Er wird sich doch seine Urwüchsigkeit gewahrt haben?« – – Die Schwestern wechselten Blicke und lächelten.

»Haben Sie Ihren Jugendfreund lange nicht gesehen, Herr Helm?« – – »Mindestens vier Jahre nicht. Wir tauschen auch nur sehr selten Briefe aus, gnädige Frau!« – – »Na eben, auf Max hat Fritz auch stets sehr herunter gesehen. Du warst mehr mit Franz befreundet, nicht wahr?« – – »Gewiß Lotte! Fritz hielt sich immer an Dich, und eine Zeit lang schlug er mich, wenn ich über Dich etwas zu sagen wagte!« – antwortete der junge Helm. Lotte errötete. »Ja, er schwärmte mich damals an. Ich war seine heimliche Braut!« – – »Aber später war er sehr verbissen auf Dich und furchtbar eifersüchtig auf Herrn Feller!« – sagte der Unselige harmlos. – Seine Freundin erglühte: »Du wolltest mir doch noch erzählen, Quaselkopp! Komm mit in mein Zimmer bis zum Abendbrot! Du, Wonnchen, ich nehme den Obstkorb als Tröster mit. Ihr habt genug gefuttert. Auf Wiedersehen!« – Lotte packte Max am Arm und stürzte mit ihm aus der Thür.

»Der Doktor Feller hat es ihr doch angethan! Von dem scheint sie nicht loszukommen! Habt Ihr gesehen, wie sie errötete?« – fragte eine der Schwestern. »Leider! Dabei ist sie nicht zum Sprechen zu bekommen. Sobald ich die Rede auf den schönen Arzt bringe, weicht sie geschickt aus!« – sagte die Mutter. – »Grete gab mir einmal so halb und halb zu, daß sich die beiden verzankt hätten. Aber sie glaubte, daß eine Versöhnung sicher wieder zu stände käme!« – – »Ja, wenn er nur erst hier wäre! Denn korrespondieren thun sie bestimmt nicht! Ich halte die Augen zu gut offen!« – klagte die Geheimrätin. – »Ach, Mutter, die kannst Du ruhig schließen. Robert sagt auch, wenn ein kluges Mädel und ein liebender Jüngling Geheimnisse wollen, dann betrügen sie Argus und Cerberus zusammen!« – rief Ella. – – »Nein, ich glaube auch nicht, daß sie von ihm hört!« – versetzte Frau Klara. – »Wann meinst Du denn, daß sie sich verzankten?« – »Ein paar Monate vor Väterchens Tod, als Lotte krank wurde. Erinnert Ihr Euch noch? Papa sagte damals sofort, das ist nichts anderes als eine Liebessache. Er wollte sie sich vornehmen, aber ich hinderte ihn daran!« – – »Sag', Muttchen, willst Du nicht einmal mit Grete Seffmann sprechen, wenn er erst wieder da ist? Das ist eine verständige Frau, die Dir raten kann!« – – »Nein, Kläre, damit fange ich gar nichts an. Lotte ist zu gefährlich. Wenn sie das nur ahnte oder an eine Beeinflussung glaubt, ist es mit ihr aus. Dann verbockt sie sich wie ein kleines Kind und nimmt ihn gar nicht!« – –

»Gewiß! Überhaupt sind diese drei oder beinah' drei Jahre eine zu lange Zeit, um sich noch hineinmischen zu dürfen!« – warnte Frau Neuwald. – »Feller war im Auslande, mag sich verändert haben und an unsern Übermut gar nicht denken! Nun und einem Refüs werden wir uns oder unsere Lotte mit ihrem Stolze doch nicht aussetzen?« – »Selbstverständlich nicht! Es ist auch keine Angst um sie!« – – »Dem Himmel sei Dank, nein!« – –

Lotte hatte sich mit Max auf ihrem Sofa gemütlich niedergelassen. Hier, in diesem ihm so wohlbekannten Raume taute er auf. Er gab ihr, die ihm eine Birne schälte, einen Nasenstüber und sagte: »Du, weißte noch, in diesem Zimmer haben wir Krieg gespielt und uns furchtbar gehauen? Und dies Sofa haben wir mit Tinte begossen. Donnerschock, was hatten wir für Angst!« – – »Na ob, nachher wurde auch nicht schlecht gepatscht. Da warst Du schon in Sicherheit. Und wie Väterchen Dich am nächsten Tage ganz ernst auf der Treppe anhielt und behauptete, er wolle von Dir Schadenersatz haben. Ich sehe es noch heute, wie Du vor Schreck blaß wurdest!« – – »Na, es war auch keine Kleinigkeit! Herr Geheimrat wollte fünfzig Mark haben, und ich hatte nur fünfunddreißig Pfennige für Weihnachtsgeschenke von meinem Taschengelde erspart!« – –

Max Helm versank in eine Träumerei. Er sah ernst vor sich hin. Lotte beobachtete ihn von der Seite. Er fuhr zusammen, als sie plötzlich seine Hand nahm: »Du, Maxe, nu' leg los und beichte, wo Dich der Schuh drückt! Los! Ich habe schon seit einer Woche gemerkt, daß bei Dir nicht alles in Ordnung ist!« – – Helm schwieg sich aus. – – »Du, hast Du Dich mit Mariechen verzankt?« – – »Nee!« – – Lotte dachte nach. »Ist Dir die Stellung gekündigt?« – – »Ach, Quatsch!« – – »Na, zum Donner, etwas muß es doch sein? ... Hallo, ich hab's! Du hast Schulden gemacht!?« – – Der Jüngling seufzte tief und knickte ein. »Ja!« – – Lotte schüttelte den Kopf: »Wieviel Gehalt hast Du?« – – »Hundert Mark im Monat!« – – »Wieviel giebst Du Deiner Mutter ab?« – – »Sechzig Mark!« – »Da bleiben Dir ja vierzig für Dich! Das ist hochanständig für Deine neunzehn Jahre! Und da machst Du Bengel noch Schulden? Pfui, Deibel!« – Lotte pausierte – »Da sind wir Mädels doch anders. Trotzdem Ihr Euch immer über unsere Garderobe aufregt! Wir kleiden uns besser als Ihr, und wir behalten doch noch genug zum Sparen und Verreisen übrig! Natürlich, wir saufen nicht und paffen kein Geld in die Luft!« – – Er schwieg noch immer. – – »Wofür hast Du das schöne Geld ausgegeben? Vor allem, wieviel Schulden hast Du, infamer Bengel!« – – »Spiel nicht die Moralische!« – – »Thue ich gar nicht, aber ich ärgere mich und schäme mich für Dich! Wer hat Dir gepumpt?« – –

»Der Oberkellner im ... Restaurant!« – entgegnete er. – – »Äx – – äx, schäme Dich! Nun mahnt er wohl feste?« – – »Ja, er will, daß ich ihm morgen einen Schein unterschreibe, daß ich es in zwei Raten von meinem Gehalt abzahle. Und nun brauche ich gerade einen Anzug, einen Winterüberzieher und etwas für Mariechens Geburtstag. Mein Schneider arbeitet aber nur gegen bar!« – – »Sprich doch noch einmal mit dem Manne!« – – »Das hilft nichts! Wenn ich nicht unterschreibe, geht er zu meinem Chef!« – – »Au Wetter! Du, wieviel sind es denn?« – – »Fünfzig Mark!« – – »Donner und Doria! Und die hast Du verfuttert, ganz einfach verfuttert? Prasser!« – Lotte spielte die Entrüstete, trotzdem sie innerlich erleichtert aufatmete. – »Du hast gut reden, aber man hat doch Freunde! Und wenn die in ein Restaurant gehen, dann kann man auch nicht wie ein Schaf sanft nach Haus gehen und sich auslachen lassen, nicht wahr? Man ist doch Mann!« – – »Ach was, mit neunzehn ist man noch nicht Mann! Wenn Ihr aber den unstillbaren Drang nun einmal in Euch spürt, in ein Restaurant zu laufen, so geht man nicht in solch feines, sondern in ein einfaches Bräu! Potz Wetter! Und dort trinkt man ein Seidel und ißt eine Bockwurst mit Salat. Meinethalben trinkt man noch ein Seidel, zahlt seine Mark gleich bar, kriegt 'raus, giebt 'nen Groschen Trinkgeld und hat genug verschlemmt! Verstanden?« –

Lotte kniete vor ihrer Kommode, schloß diverse Kästen auf und holte zuletzt aus einem kleinen Sparbüchschen fünf Zehnmarkstücke hervor. Diese legte sie vor den erstaunten, beseligten Jugendfreund: »So, Du Schuldenmacher! Hier ist die Summe, die giebst Du dem Servierfatzke gegen eine Quittung! Und dann giebst Du mir Dein Ehrenwort, daß Du mein Rezept befolgst und solider wirst. Du brauchst kein Tugendlamm zu werden und zu Haus zu hocken! Aber Du zahlst bar und streckst Dich nach Deiner Decke! – – – Was das Wiedergeben anbetrifft, so sorg' Dich nicht! Weihnachten kriegst Du doch Deine Gratifikation im Geschäft, da fängst Du mit dem Abzahlen an. Immer thalerweise. Es hat keine Eile!« – –

Max Helm fiel Lotte um den Hals vor Freude. Trotz ihres Sträubens bekam sie einen Kuß auf die Stirn. Dann tollte er umher, und der große Mensch schoß einen Purzelbaum vor Wonne. Lotte lachte und schalt in einem Atem. Sie war froh, daß er nicht ihren Mund ergattern konnte. Den ließ sie nie küssen mit der halb ernsten, halb scherzhaften Bemerkung: »Mund nicht, das ist reservierter Sperrsitz.« – Später befragte sie Mäxchen ganz gründlich über seine Schwärmerei für das arme, blonde Mariechen Kühn aus. Das Mädchen war erst fünfzehn Jahr und die Tochter einer braven, ganz besitzlosen Lehrerswitwe, die sich mit Schneidern durchbrachte. Die Angebetete besuchte eine Mittelschule und half der Mutter in der freien Zeit schon gründlich mit. Sie ahnte wohl die Leidenschaft des jungen Helm; aber über diesen so wichtigen Punkt war unter den Leutchen noch kein Wort gefallen. Dennoch sahen sie sich viel bei Tante Malchen, der Erbtante, welche beide Lieblinge um sich versammelte, so oft es nur ging! Malchen stiftete so gern Ehen und zwar speziell Liebesheiraten. Sie hatte Maxens Eltern zusammengeführt. Sie war ihrer Sache auch bei diesem Pärchen sicher. – Jahrzehnte lange Verlobungen, bescheidene Verhältnisse waren in der Helmschen Familie chronisch. –

Max versuchte einige Monate hindurch, sich gegen die erbliche Belastung einer zu großen Bescheidenheit aufzulehnen. Er verehrte das Töchterchen eines reichen Butterhändlers, traf sich mit ihr in der Konditorei und wollte sich gerade mit dem Backfisch auf ewig binden – da kam das Verhängnis in Gestalt ihrer Mutter. Hertha bekam einige Ohrfeigen auf ihre roten Wangen. Max wurden sie bloß liebenswürdig angeboten. Er dankte! Die Liebe erlosch. Das Verhältnis war aus. So ergab er sich Tante Malchen und Mariechen Kühn auf Gnade und Ungnade. Nur in Lotte Bachs Herz ergoß sich noch zuweilen seine Abneigung gegen das Spießertum, sein Hang nach höheren Idealen in einem üppigen phantastischen Redefluß. Sie hielt stand, tröstete, predigte Zufriedenheit! – – Kurz bevor die beiden zum Abendbrot gerufen wurden, sagte Max noch schwärmerisch: »Siehst Du, Lotte, eine Villa im Tiergarten, ein Rittergut, eine Besitzung an der Ostsee, eine in Italien! Dazu eine blendendschöne, seidenrauschende Frau, – Equipagen, Diener, Köche! Das male ich mir immer abends im Bette aus. Davon träume ich, so möchte ich es haben! Und wie wird es kommen? Haha! An Mariechens siebzehntem Geburtstag Verlobung! Wenn ich fünfundzwanzig Jahre alt bin, werde ich wohl achthundert oder neunhundert Thaler Gehalt haben. Tante Malchen giebt jährlich so viel zu, daß es gerade dreitausend Mark jährlich sind. Dann wird geheiratet, jeder Pfennig umgedreht, gespart, gegaunert! Äx!« Wieder mußte Lotte sich beruhigen. In strahlendsten Farben malte sie die Reize des Familienlebens aus. Zuletzt meinte sie tröstend: »Im übrigen reich' mir die Pfote, Kamerad! Mir wird es ebenso gehen! Ich träume auch immer von Eisbombe und sonstigem Lukullischen und strande immer nur in Apfelkuchen mit Sahne!« – – »Da klagst Du noch und hast die Sahne, Du? Ich strande nur in einfachem, hundsgemeinem Zwieback!« – – entgegnete Herr Helm junior resigniert.

Dann gingen sie zum Abendbrot. –

Am Sonntag darauf eilte das Dienstmädchen der Geheimrätin Bach, besagte Agnes, pfeilschnell über den Damm. Lotte war bei ihren Lieblingsverwandten: Frau Luni, Alfred und Else, zum Eierfrühstück geladen. Zum Glück war die opulente Mahlzeit gerade beendet. Fräulein Lotte sollte nämlich schleunigst 'rüberkommen, aber schnell! – Zwei Offiziere waren zu Besuch erschienen. Dies verriet die böse Agnes ohne Erlaubnis, denn die Enthüllung des Geheimnisses sollte für das Fräulein eine Überraschung werden! »Da muß ich wirklich schleunigst davonstürzen! Seid mir nicht böse, daß ich die Noblesse nicht absitze; aber das sind Haffners! Diese beiden infamen Knöppe! Ach, ich freue mich zu sehr. Pinchen! –«

Dies war ihr Vetter Alfred, ein würdiger junger Mann, der sehr zu seinem Ärger mit diesem gräßlichen Rufnamen durch die Welt ging, selbstverständlich nur in engstem Familienkreise.

»Komm mit, Du kennst Fritz und Franz doch von früher!« – – Pinchen wollte nicht, und so raste Lotte allein davon.

Den Hut hastig schief in das Haar gedrückt, die Handschuhe in der Rechten, die Jacke mit schlecht geschlossenen Knöpfen, so stürzte Lotte die Treppenstufen empor. Atemlos hielt sie im Korridor einige Sekunden an. Dann riß sie die Thür zum Salon auf, wo die Stimme ihrer Mutter erklang. Nicht gerade sehr salonfähig und ordentlich, aber ein Bild kerniger, gesunder Jugend und unverfälschtester Freude, stand sie in dem Rahmen. Ihre glänzenden Augen überflogen den Raum. Die Geheimrätin, Max Helm und die beiden Leutnants waren da versammelt, »Fritz! Franz! Willkommen, herzlich willkommen!« – jauchzte Lotte. Die Herren, welche bereits aufgesprungen waren, eilten ihr entgegen. Am liebsten wäre sie ihnen um den Hals geflogen. Jedoch der Ausdruck ihres Gesichtes veränderte sich blitzschnell. Der ältere Haffner kam steif auf sie zu, verneigte sich fast bis zur Erde und zog die ihm gebotene Hand galant an die Lippen: »Wie freue ich mich, Sie wiederzusehen, mein gnädiges Fräulein!« – Lotte blickte ihn starr an. Er lächelte fade. Sie spürte ein Würgen in ihrer Kehle aufsteigen, als müsse sie in tiefer Enttäuschung laut aufheulen. Mit Energie zwang sie jedoch die Thränen nieder und wandte sich dem zweiten zu: »Guten Tag!« – – Er sah sie mit den alten treuen, braunen Augen an. Ein kurzes Überlegen, dann ergriff er ihre Hand und schüttelte sie herzhaft: »Guten Tag, Lotte! So darf ich doch noch sagen?« – – »Na aber! Selbstverständlich, Franz, wir kennen uns doch von klein auf!« – erwiderte sie. –

Die Mutter hatte die ganze Scene genau beobachtet. Sie wollte der Tochter Zeit geben, um mit sich ins Reine zu kommen. Daher sagte sie freundlich: »Geh, Lotte, und zieh Dich erst aus! Du bist ja noch in Hut und Mantel!« – – Das junge Mädchen verschwand und kam nach wenigen Minuten in tadelloser Verfassung zurück. Die tiefe Enttäuschung war von Lotte gewichen. Dagegen verkündete ein ironisches Zucken um den Mund, ein spöttisch funkelndes Glitzern der blauen Augen Unheil. Sie setzte sich steif auf einen Stuhl und wendete sich an Fritz: »Ich habe übrigens in der Freude des Wiedersehens vergessen, Ihnen meine aufrichtigen Wünsche zu Ihrer Verlobung auszusprechen, Herr Leutnant!« – – »Verbindlichsten Dank, mein gnädiges Fräulein!« – Er dienerte von neuem. »Bitte! Keine Ursache! Meine Teilnahme ist doch eigentlich nur natürlich! Wo befindet sich Ihr Fräulein Braut jetzt?« – – »Besten Dank für gütige Nachfrage! Meine Verlobte ist zur Zeit in Berlin, mein gnädiges Fräulein!« – – »Seien Sie meiner Gnade auch fernerhin versichert, Herr Leutnant, und schonen Sie Ihr Rückgrat für unser Vaterland. Ich habe beständig Angst, daß Sie in der Taille abknicken, wenn Sie sich so verneigen. Und da dies schade wäre, so schenke ich Ihnen die Bücklinge!« – – Franz und Max lachten harmlos. Fritz ließ mit plötzlichem Ruck das Monocle fallen. Frau Bach konnte eine heimliche Schadenfreude nicht ganz unterdrücken. Die Geziertheit und Gespreiztheit des jungen Offiziers war ihr gräßlich.

»Sie belieben noch immer zu necken, mein gn – – – Fräulein Bach!« – stieß er hervor. »Sehen Sie, das ist schon ein ganz Teil natürlicher, Herr Haffner!« – ermunterte Lotte. – »Schließlich haben wir doch zusammen als echte, rechte Berliner Rangen getobt. Hoffentlich ist Ihnen auch nicht entfallen, daß wir mal 'ne ganze Weile verlobt waren?« – – »Aber, Lotte, Kinderstreiche!« – Fritz Haffner wurde unruhig. »Wirklich, mein Fräulein? Man ist so lange Jahre getrennt gewesen – – – man hat so viele Wechsel durchgemacht – –« – – »Ich hoffe aber keine Wechsel durchgebracht!?« – rief Lotte dazwischen. – »Nach Ihren früheren Tollheiten wäre das schon möglich! Also, so schwaches Gedächtnis haben Sie, Ärmster, bekommen? Früher war das anders! – – – – Das kommt sicher von dem Helmtragen bei der Sonnenglut im Manöver! Da leidet bei vielen das Gehirn! – Nicht, Franz, Du hast unsere Streiche nicht vergessen?« – – »O nein, Lotte! Es war doch zu schön in unserm Garten!« – entgegnete dieser.

»Wissen Sie, Herr Leutnant, ich muß Ihrem Gedächtnis doch noch ein wenig zu Hilfe eilen« – rief Lotte. – »Wenn ich Sie so ansehe, so nobel chaussiert und gantiert, die Haare so gedrechselt und die verdrehte Fensterscheibe im Auge, dann fällt mir just eine fürchterliche Eifersuchtsszene ein, die Sie mir einmal, vor jenen grauen Jahren, gemacht haben! Sie waren wütend, daß ich meine Gunst einem andern zugewandt hatte. Und dieser andere war Ihnen höchst verächtlich, weil er reine Nägel und seidene Taschentücher besaß! Damals haßten Sie das Kadettenhaus und die gesellschaftlichen Manieren! Ihre höchste Wonne war, sich so recht nach Herzenslust auszuflegeln! Ist das noch der Fall?« – – Der junge Leutnant saß unnahbar und zog die Luft verächtlich durch die Nase ein. »Ich bitte Sie, warum all diese alten Geschichten, gnädiges Fräulein?« – bat er müde. – »Menschen ändern sich doch!« – – »Kaum!« – stritt Lotte kampfbereit. – »Ein rechter, gesund veranlagter Mensch entwickelt sich vernunftgemäß! Das heißt, ein Apfelbaum bleibt Apfelbaum. Die Nuß – Nuß! Die Rose – Rose! Wenn aber aus dem Apfelbaum durch Hochkultur und tausend Mätzchen eine Orange wird, so ist das zum mindesten erstaunlich, vielleicht sogar bedauerlich. Verbesserte und umgeworfene Natur erfüllt mich mit Mißtrauen! Jedoch Sie wollen nichts mehr von unserer lustigen Jugend hören? Wie Sie wünschen! Bitte erzählen Sie mir von Ihrer Braut!« – –

»Von Elise ist wenig zu berichten« – sagte er verlegen. – »Ich werde mir gestatten, meine Braut Ihrer gnädigsten Frau Mutter zuzuführen! Sie ist ein feines, liebenswürdiges Mädchen!« – – »Soo?« – dehnte Lotte – »da hat sie sich auch geändert. Sie besuchte doch wie ich die Annenschule und war wie ich ruppig und faul. Ich kannte sie zwar nur vom Sehen; aber immer wurde sie mir als der ›freche Rollmops‹ bezeichnet. Deshalb fand ich es famos, daß Sie beide sich gefunden! Zwei so vergnügte Knöppe, das giebt eine fidele Ehe, dachte ich. Na, da Sie sich nun beide so verändert haben, so giebt es eine tadellose Ehe, das ist auch etwas wert!« – – Sie blinzelte ihn spöttisch an. Er hatte für heute genug. Langsam erhob er sich, bedauerte in wohlgesetzter Rede, daß seine Zeit abgelaufen sei und verabschiedete sich gemessen elegant. Lotte plauderte noch fröhlich mit Max Helm und Franz Haffner und bat diese beiden, doch recht bald und gemütlich zu ihr zu kommen, damit man sich gründlich über die alten Zeiten ausplaudern könne. Beide versprachen es bereitwilligst. –

Fritz Haffner küßte den Damen die Hände, verneigte sich schweigend und tänzelte mit vollendeter Grazie über den Teppich zum Ausgang. Lotte war so ärgerlich, daß sie eine Bosheit nicht unterdrücken konnte: »Schade, Herr Leutnant, Sie waren früher so hübsch und hatten eine so famose Figur. Jetzt haben Sie kolossal eingepackt, und das Einschnüren in der Taille sollten Sie doch lieber den Modedamen überlassen!« – – »Ich bedaure, Ihnen nicht mehr zu gefallen, mein gnädiges Fräulein!« – erwiderte er verbissen. – – »Mir thut es auch leid; aber denken Sie sich mal in Ihre Kindheit zurück! Glauben Sie, daß Sie sich früher gefallen hätten? Ich nicht, Ihr auch nicht, Franz und Max, nicht wahr? Fritz, Pardon, der Herr Leutnant, war doch furchtbar fürs Natürliche immer! Darum keine Feindschaft nicht, Herr Leutnant, bitte grüßen Sie Ihre Braut von mir! Der ›freche Rollmops‹ wird sich der ›frechen Range‹ doch noch erinnern. Wir waren ja beide in dieser Beziehung die Sterne der Annenschule!«

Die Gäste waren verschwunden. »Nimm es mir nicht übel, Lotte; aber Du warst unglaublich zu Fritz! Das ging denn doch zu weit!« – tadelte die Mutter. – – »Ach was!« – rief Lotte zornig. – »Ich wäre erstickt, wenn ich dem Fatzke das nicht ins Gesicht geschleudert hätte! Was hatte ich mich nicht auf die Jungen gefreut!« – – Sie verschwand in ihr Zimmer. Dort saß sie traurig vor ihrem Nähtischchen und starrte, in Gedanken versunken, vor sich hin. Ihr war nach dieser Enttäuschung unbeschreiblich weh zu Mute. Warum ändern sich die Menschen? – – – – – – Warum habe ich mich so wenig geändert? Wäre es nicht besser für mich, für alle andern? – Diese Fragen beschäftigten sie längere Zeit. Plötzlich erhob sie sich wie befreit und atmete auf: »Ach was, man kann nicht über seinen Schatten springen! Der Mensch muß so verbraucht werden wie er ist!« – sagte sie laut. –

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