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Die Berliner Range. Lotte als Mutter! Band XII.

Ernst Georgy: Die Berliner Range. Lotte als Mutter! Band XII. - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Georgy
titleDie Berliner Range. Lotte als Mutter! Band XII.
publisherVerlag von Rich. Bong
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
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Kapitel VII. Strohwitwer

»Nicht übel!« – bemerkte ein Herr laut zu seinem Nachbar, als Frau Rabe und Frau Doktor Feller an die Brüstung des ersten Ranges traten und nach kurzer Umschau ihre Plätze einnahmen. »Russischer Windhund und Seidenspitz« – entgegnete dieser, das Glas sinken lassend. »Poetischer Vergleich für diese schlanke reizende Gestalt und das frische hübsche Mädchen!« – – »Ein rassiger Vergleich. Jede in ihrer Art – – – famos!« – Er knippste mit den Fingern. »Taxier mal, wen wir da vor uns haben. Sind das nun Frauen oder Mädchen? Diese große Sicherheit des Auftretens ließe auf ersteres schließen!« – – »Ach, in Berlin und in der hier herrschenden Frauenbewegung haben die Frauen alle eine unglaubliche Sicherheit. Danach können wir nicht gehen. Die große ist sicher unverheiratet und die kleine? Nun? Sie ist zwar voll, aber – – –« – – »Die mit ihrem lachenden Kindergesichtel ist doch fraglos noch ein ganz junges Dingchen!« – – »Na, der Ausdruck!! Ich weiß doch nicht!« – –

»Heute scheinen nur Fremde hier zu sein! – raunte Lotte Lulu zu und blickte durch ihr Fernglas – Schon unten und auf der Treppe machten mir die verschiedenen Dialekte Spaß. Von Berlinern sind sicher sehr wenige da!« – – »Na eben, die sind noch in den Bädern oder von ihren Reisekosten zu angestrengt, um schon wieder Geld fürs Theater übrig zu haben!« – – »Höchstens sind die hier, welche garnicht verreist waren und etwas Abwechslung verlangen!« – – Sie betrachteten das Parkett und die Ränge durch ihre Gläser und machten ihre Glossen zu den einzelnen auffallenden Gestalten. Lotte bemerkte bald, daß ihre beiden exponiert liegenden Plätze auch stark von dem Publikum aufs Korn genommen wurden. Das Angestarre machte ihr zuerst Spaß, dann empfand sie es unangenehm. Sie sah ihren eigenen Anzug prüfend an. Die hellblauseidene Blouse zu dem lichtgrauen Kostümrock, selbst die weiße Boa wirkten unauffällig. Anders war es mit Lulu, deren auffallend schöne Gestalt in der hellen Foulardtoilette sich sehr bemerkbar machte. – Neben ihnen nahmen zwei russische Herren die Plätze ein und unterhielten sich sofort über ihre Nachbarinnen. Frau Doktor Feller lauschte amüsiert und übersetzte der Freundin vorsichtig leise ihre Äußerungen.

»Sieh mal, wer mag wohl die Dame in dem schwarzen Flittertüllkleide sein? Dort in der Loge, die mit den großen Brillanten!« – – »Wo?« – – »Links, nahe am Eingang. Sieh, Lotte, ein alter dicker Herr steht im Parkett und sieht sie unausgesetzt an. Jetzt lächelt sie ihm zu!« – – Lotte schaute durch ihr Glas. »Aha, ich sehe jetzt. Du meinst die mit dem bernsteingelben Haar?! Lieber Schatz, wer kann alle zweideutigen Größen aus unserm Sündenbabel kennen? – – – – Aber – – aber, Lulu, es ist ja zum Schreien!« – – »Was denn?« – – »Du, der Herr, welcher so anbetend zu ihr emporstarrt, da, sie bandelt an; den kenne ich. Na warte, alter Sünder!« – – »Wer ist es denn?« fragte die Rabe neugierig. »Du wirst lachen! Es ist mein Onkel, der Sanitätsrat Frede. Seine Frau ärgert in Nauheim jetzt Deinen Gatten!« – – »Ach was, die neugierige Dame, welche Emil immer aushorchen will, ist die Frau von jenem Herrn?« – – »Ja! Unsere liebe Tante Jenni, das Familienekel!« – – »Habt Ihr auch solche Gewächse unter Euch?« – – »Na, Sache! Welche Familie hätte die nicht! Unser lieber guter Onkel Frede wagt nicht zu mucksen. Der arme Mann hat seit langer Ehe eigentlich zum ersten Male Ferien. Noch nie ist jemand das Fettherz seiner Ehefrau so gelegen gekommen.« – – »Nun, er nützt seine Freiheit aus. Beobachte nur, die Zeichensprache da unten.« – Lotte lachte. »Erst wollte ich ihn stören und nachher begrüßen; aber ich werde mitleidig sein. Er und sein Sohn Fritz haben zuviel unter dem geizigen Drachen zu leiden. Unbesorgt, Onkel Frede, Du sollst von mir keine Indiskretion zu befürchten haben!«

Eine andere Loge zog jetzt ihre Aufmerksamkeit an. Mehrere junge Mädchen und zwei Herren traten ein. »Sieh, Lulu, das sind auch Großstadttypen. Die Dingerchen da sind aus irgend einem unserer großen Bazare, d. h. dort sind sie Angestellte. Die waren noch nie in einer Loge. Sieh nur, wie sie sich noch fremd fühlen und wichtig tun! Die beiden Herren sind die Verehrer von zweien unter ihnen, haben die Plätze spendiert und die dritte noch als Zugabe eingeladen.« – – »Meinst Du?« – – »Ich wette sogar. Einer hat zwei mächtige Schmisse über der rechten Wange! Also ein Studierter. Der andere sieht auch wie ein Arzt oder Jurist aus.« – – »Der mit den Schmissen könnte mein Vetter Doktor Schanz sein. Der sitzt hier im Osten und ist ein sehr fescher Herr. Schade, daß er uns neulich nicht antraf, als er Besuch machte. Er würde Dir gefallen!« – – »Ich werde ihn noch zu uns bitten, Lulu!« – – »Hast Du garnicht nötig!« – – »Macht mir aber Spaß. Schau doch nur ordentlich hin, vielleicht ist er's. Jetzt eben legt er seinen Arm um die kleine Schwarze.« »Nee Du, mein Vetter hat erst eine junge Praxis, da wird es wohl für Logenplätze und so etwas noch nicht reichen!« – – »Ach, Du hast 'ne Ahnung, wozu es bei den Herren langt, wenn es sich um solche Vergnügungen handelt. Das heißt, es ist hochinteressant heute im Theater! Hier scheinen sich eine Menge Strohwitwer zusammenzufinden. Dort kommt gerade ein Herr ins Parkett. Der mit dem blonden Vollbart!« – – »Der hat doch eine allerliebste Blondine am Arme!« – – »Allerdings; aber das scheint nicht gegen meine Theorie zu sprechen. Seine Gattin, die ich kenne, weilt in Marienbad. Die Dame da unten ist wohl nur eine liebe Cousine!« – – »Es ist ein Skandal, eigentlich!« – – »Auch uneigentlich, liebe Lulu! Du armer Onkel Frede, Deine Chancen schwinden! Eben kommt ein anderer mit älteren Rechten in die Loge.« – – »Das ist ein Agrarier. Einer von unsern notleidenden Landwirten. Die arme Frau ist an der See, und er tröstet sich heimlich einige Tage in der Landeshaupt- und Residenzstadt!« –

Das Stück begann und amüsierte die Damen ungemein. Sie bedauerten, als die tragisch-amüsanten Vorgänge auf der Bühne durch die Pause eine Unterbrechung fanden. Alles strömte in die Foyers. Auch Lulu und Lotte erhoben sich und folgten den andern. Die beiden Herren, welche gleich bei ihrem Hereintreten auf sie geachtet hatten, versuchten in ihre Nähe zu gelangen. Doch erreichten sie dies erst beim Büffet, das von Hungrigen umlagert war. Lulu wollte nichts essen und weigerte sich, über die Menge fort etwas zu bestellen. »Na, denn nicht, Du ungefällige Person, dann muß ich eben ein bißchen drängeln. Durch muß und will ich absolut. Ich komme um vor Hunger!« – – »Wir haben doch erst Schokolade getrunken und Konfekt gegessen.« – – »Das ist nischt Reelles!« – – »Darf ich Ihnen behilflich sein, mein gnädiges Fräulein? Ich stehe viel günstiger. Sie haben nur zu befehlen!« – – Lotte blickte überrascht auf und wurde rot. Einer der beiden Herren aus der Loge neben ihnen stand in der Gruppe vor dem Büffet. Er lächelte liebenswürdig. – »Sie sind sehr freundlich, mein Herr, und ich nehme Ihr Anerbieten mit Dank an. Dürfte ich um zwei Brötchen bitten!« – – Ruhig trat sie mit Frau Rabe zur Seite. »Besser er kriegt einen Tritt auf die Hühneraugen als ich! sagte sie vergnügt – Jetzt kämpft er wie ein Löwe für uns!« – – »Wenn er sich nur nichts herausnimmt?« – meinte Lulu besorgt. – – »Du hast 'n Begriff! Ich bin Manns genug, ihn in seine Schranken zu weisen!« – sagte Lotte seelensruhig. »Und wie willst Du das machen?« – – »Schöps, ich habe Zeit, mir den Kopf zu zerbrechen. Sieh, sein Begleiter wagt sich noch nicht an uns heran. Der ist schüchterner!« – – »Was macht man, wenn er« – – »Liebe Lulu, wenn meine Tante vier Räder hätte, wäre sie sicher ein Omnibus!« – entgegnete Lotte fidel.

Der Herr hatte seinen Zweck erreicht. Er erhielt über die murrenden Wartenden fort seine bestellten zwei Teller und eilte rasch zu seinem Freunde: »Siehst Du, ich bin edel! Gieb dieses Schinkenbrot dem russischen Windhund. Ich werde den Seidenspitz füttern. So haben wir eine ideale Anknüpfung!« – – »Na, ich weiß doch nicht! Es scheinen vornehme Damen!« – zögerte dieser. – – »Lieber Erich, ich habe bisher auch bei Damen mit Frechheit viel mehr Glück gehabt als mit Zartheit. Fix, sonst ist die Pause aus!« – – Mit liebenswürdigem Lächeln, in vollkommener Kavaliershöflichkeit näherte er sich mit dem unsicheren, verlegenen Herrn den beiden jungen Frauen. »Es ist uns geglückt, meine Gnädigste. Darf ich bitten?« – – Lotte und Lulu nahmen die Teller ohne weitere Ziererei. »Herzlichen Dank, mein Herr, Sie retteten uns vor dem Hungertode! Doch nun, Sie sind wohl so gütig, das, was Sie auslegten, abzuziehen!« – Lotte reichte ihm einen Taler hin. »Bitte!« – wiederholte sie in einem Tone, der jeden Widerspruch abschnitt. – »Meine Gnädige, Wohltaten pflegt man sich nicht bezahlen zu lassen!« – – »Sehr richtig; doch hoffe ich, Sie taxieren uns nicht auf Almosenempfängerinnen!« – – »Oh nein meine Gnädigste!« – Er beeilte sich, das Geldstück zu wechseln, während Lotte kräftig in das Brötchen biß. – Lulu tat das gleiche und plauderte mit ihrem Partner über das Stück.

»Es ist ewig schade, mein gnädiges Fräulein, daß man in einer Großstadt auch liebenswürdige Erscheinungen oft gegen seinen Willen aus dem Auge verlieren muß!« – – »Aber das hat man doch garnicht nötig!« – – Seine Augen leuchteten auf. »Sie denken?« – – »Na gewiß, das tue ich gewöhnlich, bevor ich spreche!« – – »Daran zweifeln, wäre ein Verbrechen. Ein Blick auf Ihr geistvolles Gesicht überzeugt vom Gegenteil!« – – »Danke für das Kompliment!« – Sie neigte sich leicht. – »Sie sind auch auf der Durchreise in Berlin, meine Gnädigste?« – – »Sind Sie es denn?« – – »Nein, ich bin Berliner!« – – »So, ich bin von außerhalb!« – erwiderte Lotte ruhig. Lulu, die es hörte, wandte sich erstaunt ihr zu. »Natürlich! – fuhr sie fort – Ich wohne doch auf Charlottenburger Terrain.« – – »Ach so!« – Die Herren lachten. – »Ich hoffe, daß Sie unsere Hauptstadt trotzdem kennen?« – – »Oh ja, ich durchstreife sie zuweilen!« – – »Wagen Sie als Dame das so allein?« – – »Manchmal ja; abends bin ich, je nach der Gegend, für männlichen Schutz!« – – »Sehr richtig! Doch heute sind die Damen allein hier?« – – »Glauben Sie, daß das reizende Neue Theater ein Raubtierhaus ist?« – – »Nein, meine Gnädige!« – er lachte und näherte sich ihr, auch sein Freund sprach lebhaft auf Lulu ein. – Lotte ließ ihn herankommen und lächelte sogar ein wenig kokett. »Jedenfalls werden die Damen doch nachher noch soupieren?« – – »Gewiß, wir wollen noch in den Kaiserkeller!« – – »Ach? Allein?« – – »Wir sind nicht ängstlich!« – – »Trotzdem würde ich abreden. Einmal ist es langweilig!« – – »Richtig!« – unterbrach sie ihn. – – »Und Sie setzen sich eventuellen Unannehmlichkeiten aus!« – – »Sie glauben?« – – »Fraglos! Darum möchte ich wagen, Ihnen einen Vorschlag zu machen!« – – »Der wäre?« – – »Sie gestatteten uns, gemeinsam mit uns zu soupieren!« –

Lulu, immer mit halbem Ohre bei der Sache, drehte sich wieder um und schaute erwartungsvoll auf Lotte, welche freundlich lächelnd nicht eine Miene verzog: »Ich muß dies gütige Anerbieten doch wohl ablehnen.« – – »Weshalb, mein gnädiges Fräulein!« – – »Ja, was sollte wohl Ihre Frau Gemahlin sagen, wenn sie von unserer gemeinsamen Eskapade hören würde, Herr Doktor?« – – Überrascht, unsicher starrte er sie an. »Sie kennen mich – – – – meine Frau?« – – »Ei, wer sollte Sie nicht kennen, Herr Doktor? Strohwitwertum verändert nicht die Physiognomie. Und ihre Frau Gemahlin hat doch eine hiesige Schule besucht?« – – – Er trat von einem Fuße tappend auf den andern. »Allerdings, mein gnädiges Fräulein!« – – »Bitte, ›gnädige Frau!‹ – sagte Lotte, anscheinend harmlos – Sogar Kollegengattin! Sie sehen also, daß unser gemeinsames Erscheinen im öffentlichen Lokal weder Ihr noch mein Wunsch sein kann. Ich bin auch recht bekannt, und vor allem, liebe Lulu, ob mein Sohn wohl eine so lange Abwesenheit seiner Mutter gestatten würde?« – sagte sie zu Lulu. Diese war nahe am Lachen. »Ich denke, wir müssen hinein – entgegnete sie hastig – Ein Glockenzeichen war schon!« – – »So, dann wollen wir eilen! Meine Herren, nochmals verbindlichen Dank für Ihre Freundlichkeit. Und Ihnen, Herr Doktor, eine kleine Lehre!« – – »Welche? Gnädige Frau?« – – »Der Strohwitwer versuche die Strohwitwe nicht! Guten Abend!«

Sie eilte mit Lulu fort und nahm ihr Taschentuch vor den Mund, denn sie lachte. – Die Herren blieben perplex zurück. Der, welcher sich Lulu gewidmet hatte, war dem Gespräch nicht gefolgt. »Was ist los, Du machst ja solch betroffenes Gesicht? Mit dem Windhund ist trotz des feschen Äußeren nichts anzufangen!« – – »Na, und der Seidenspitz hat mich gut abgeführt. Denke nur, sie ist eine Kollegenfrau und kennt mich und Klara!« – – »Heiliger Florian, bitte für uns; wenn sie das Deiner eifersüchtigen Klara einst mitteilt!« – – »Das ist es ja! Ich danke!« – – »Nein, wir mußten aber auch sehen, daß wir Damen gegenüberstanden. Es ist uns ganz recht!« – –

»Lotte, ich lache mir 'n Ast. Kanntest Du denn den Herrn? Warum hast Du ihn erst so spät erkannt?« – – »Ih, keine Idee! Schlage mich tot, und ich kann Dir nicht sagen, wer er ist!« – – »Nanu, Du sagtest doch Herr Doktor und sprachst von seiner Frau?« – – »Ach Unsinn, ich klopfte eben nur auf den Busch. Als wir den Rang verließen, bemerkte ich, daß er seinen Trauring abzog, der Racker! Nun wußte ich, daß er verheiratet war. Dann umwehte ihn ein feiner Hauch von Jodoform und Lysol. Mir, als Arztfrau sehr bekannte Düfte, so daß der Rückschluß auf seinen Beruf nicht weiter schwer war! Nun sitzt er wenigstens da und ist für eine Weile bedrippst, und das ist ihm recht. Diese Männer sind zu große Racker! Himmel, wenn mein Willi oder Dein Emil solche Geschichten machten!« – – »Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß!« – – »Lulu!« – flüsterte Lotte entsetzt. – »Du, ich spreche im Ernst!« – – »Pfui, schäme Dich! Du solltest nur von Deinem Mann solche Abenteuer hören?« – – Die hübsche Frau sah träumerisch vor sich hin: »Natürlich heulte ich mir die Augen rot und machte ihm die Hölle heiß. Aber ich sehe es ja wieder, hier im Theater! Die Herren können noch so treuherzig und gut ausschauen: Verlaß auf die Racker gibt es nicht! Ich schwör auf keinen!« – – »Auch nicht auf Deinen prachtvollen Emil?« – – »Na??« – – »Auf Willi schwöre ich aber!« – behauptete Lotte stolz. »Trau, schau, wem? Gelegenheit macht zu leicht Diebe!« – meinte Lulu elegisch.

Wieder zog die Aufführung sie von ihrer Unterhaltung ab. Sie bemerkten auch nicht, daß die beiden Herren sich jetzt dem Stücke plötzlich mit stürmischer Hingabe widmeten. Sie schauten anscheinend mit ungeteilter Aufmerksamkeit, nur nach der Bühne und nicht, wie in den ersten Akten, unausgesetzt nach ihnen. – Als sie in der Garderobe, nach Schluß der Vorstellung, ihre Sachen verlangten, tauchte plötzlich Herr Harder neben ihnen auf. »Nanu, teurer Schwager, Du? Bist Du auch als edler Strohwitwer wie Onkel Frede und andere auf Jagd?« – – »Nein, Lotte, dann wäre ich wohl nicht zu Euch gekommen. Ich bin ohnehin beleidigt, weder Du, noch Sie, verehrte Frau, gönnten mir einen Blick! Ich saß direkt unter Ihnen im Parkett!« – – »Ja, Harder, Kleinigkeiten übersieht man! Aber ich freue mich, daß Du auch hier bist. Du kannst mir einen großen Wunsch erfüllen und Dir ein Vergnügen bereiten!« – – »Gern, befiehl über mich!« – – »Nun, mich verlangt es stark nach meinem Kurtchen. Ich fahre rasch mit einer Droschke heim. Du aber bist ein zuverlässiger Kunde. Dir vertraue ich mein Rabenvieh an!« – – »Was fällt Dir ein, so über mich zu verfügen?« – »Still, Logiergäste haben zu gehorchen. Also, Kläremann, zieh mit Lulu Leine in den Kaiserkeller. Soupiert, und bring sie mir dann gesund heim. Ich erwirke Dir dafür den Dispens Deiner Frau und ihres Gatten!« – – »Ich komme mit Dir heim!« – erklärte Lulu. »Sei nicht so kleinstädtisch!« – – »Liebe Frau Rabe, Sie werden mir doch nicht erst den Himmel öffnen und mich dann schnöde ausstoßen?« – meinte Harder bittend. – »Gut gebrüllt, Löwe!« –

Am nächsten Morgen beim Frühstückstisch sahen die Freundinnen sich wieder. Frau Rabe war voll von all dem Gesehenen und beteuerte immer wieder, welch liebenswürdiger glänzender Führer Herr Harder gewesen. Er hatte mit ihr eine förmliche Rundreise durch Restaurants und Cafés gemacht. – »Hör nur, Herzel! Bei Kempinski trafen wir die drei Mädelchen und zwei Herren aus der Orchesterloge. Der mit den Schmissen war doch mein teurer Vetter Schanz. So ein Nickel! – Im Kaiserkeller saß Dein Onkel Frede mit einem jungen Manne und einem blonden Käferchen sehr fidel gestimmt. Neben ihnen lugte Sekt aus dem Eiskübel!« – – »Du, das war deutscher! Aber trotzdem! Wenn das meine Tante wüßte, daß es ihm so lustig geht!« – – – »Siehst Du, lustig! Das Wort ist das richtige. Dein Schwager Harder meint auch, so lustig wie jetzt, so zwanglos wie jetzt wäre das Berliner nächtliche Restaurationsleben nie! Meist Fremde, Provinzler, Strohwitwer und ihre tröstende Begleitung. Jede und jeder fühlt sich ungeniert und wohl. Es liegt Zug in der Sache; weit mehr als sonst, wenn man zum Familiensimpel nach dem Theater in die Lokale hetzt!« – – »Darin liegt Wahrheit; aber ich mache mir überhaupt nichts aus den verräucherten Restaurants mehr, seit ich verheiratet bin. Mein Heim ist am gemütlichsten!« – sagte Lotte. – »Da hast Du Recht, süßer Fratz, und darum mußt Du auf meine Idee eingehen. Sie kam mir heute Morgen und ist glänzend! Bitte, bitte!« – schmeichelte Lulu Rabe. – – »Na, 'raus mit der Sprache! Was planst Du?« – ermunterte Lotte.

Auch Frau Feller lauschte aufmerksam. Die beiden Freundinnen berieten hin und her, schlugen vor, verwarfen, zankten sich und kamen endlich zu einem Entschlusse. Dieser aber empörte die Schwiegermutter derart, daß sie, als ihr Abreden und Warnen nichts half, einen schweren Kopfkrampf bekam. Und kaum war dieser vorüber, so erklärte sie, sofort in ihre Villa übersiedeln zu wollen. Lotte und Lulu baten, zu ihrer geheimen Empörung, auch garnicht erst lange, daß sie bleiben möchte. Sie gaben ihr sogleich recht, fanden, daß sie entschieden Ruhe brauchte, und geleiteten sie unter lebhaften Teilnahmebezeugungen selbst in ihr Heim. Lotte küßte sie beim Abschied, dankte ihr herzlich für alle erwiesene Liebe und versprach, Kurtchen täglich zur Großmama zu bringen. »Das heißt, Etepetetchen, ich rechne fest darauf, daß Deine Nerven sich in der gewohnten Umgebung hier sehr schnell erholen, und daß Du zum mindesten täglich zu uns kommen kannst und wirst! Ich sage also nicht erst lang adieu, sondern hoffentlich auf Wiedersehen morgen Abend!« – sagte Lotte beim Abschied. – Doch nun brach sich Frau Fellers Enttäuschung denn doch Bahn. Mit scharfer, vor Entrüstung bebender Stimme erwiderte sie: »Ich bin erstaunt, liebes Kind, daß Du diesen Plan noch einmal vorbringst. Du müßtest endlich wissen, daß ich für frohe Scherze wohl zu haben bin. Jedoch nun und nimmer für Extravaganzen, die ich im höchsten Grade mißbillige!« – – »Aber, Mama, wir sind doch beide derart gestellt, daß ein solcher Scherz uns nicht falsch gedeutet werden kann!« – – »Das ist Ansichtssache! Ich finde ihn für zwei junge Frauen guter Bürgerkreise nicht in der Ordnung. Und es sollte mich wundern, wenn mein Sohn anders darüber dächte!« – –

Sie schieden, ohne daß Frau Feller ihre Ansicht geändert oder Lotte ihren Plan aufgegeben hätte. Dennoch war die Schwiegermutter viel ärgerlicher auf Lulu, die sie für die Verführerin hielt. – Lulu hatte dem Wortgefecht schweigend gelauscht und sich ziemlich steif verabschiedet. Auf der Straße preßte sie Lottes Arm fest an sich und rief jubelnd: » Enfin seules!« Ich kann Dir schriftlich geben, daß Deine Schwiegermama zwar eine feine gute Frau sein mag, daß sie aber nebenbei eine unausstehliche, philiströse Pedantin ist!« – – »Weißt Du, – entgegnete Lotte zweifelnd und schritt langsam neben Lulu – sie hat vielleicht doch Recht! Es ist ein wenig extravagant, wenn wir, zwei fesche Strohwitwen, einen Herrenabend veranstalten?« – –»Affe Du! – ärgerte sich Frau Rabe – Ich denke, daß Herr Frede und Herr Harder als alte Ehekrüppel, die noch dazu zur Verwandtschaft gehören, der Gesellschaft ihren pikanten Reiz ohnehin nehmen!« – – »Aber die anderen fünf Herren sind doch unverheiratet; unter ihnen Hase! Dein Vetter Dr. Schanz und Karl Rabe, von dem Willi mir früher sagte, daß er ein berüchtigter Lebemann sei?! Ist das nicht bedenklich bei Willis Eifersucht?«

»Bedenklich ist, wie Du unter der Fuchtel stehst, was ich Dir nie zugetraut hätte! Das habe ich noch nicht erlebt! Wenn ich heute einen Herrenabend für Verbrecher geben würde, so hätte Emil nichts dreinzureden! Bei Gott!« rief Lulu. – – »Dein Emil ist ein Phlegmatiker! Mein Mann dagegen erregt sich leicht und frißt jeden Ärger so in sich hinein, daß er zum Gram ausartet! Seine einzige Untugend ist diese Eifersucht, die doch auch nur wieder der leidenschaftlichen Liebe zu mir entspringt. Ich verdiente Prügel, wenn ich sie nicht schonte! Die einzigen Schatten in unserer glücklichen Ehe kamen von meiner Rücksichtslosigkeit in dieser Beziehung! Willi sehnt sich nach mir, schreibt täglich mehrmals die zärtlichsten Briefe. Ich bange mich nach ihm. Soll ich da gleich unsere Wiedersehensfreude durch solch eine Dummheit trüben?« – –

Lulu biß sich ärgerlich auf die Lippen. Stumm gingen sie weiter. Endlich sagte sie: »Mein Mann ist mit der Kur fertig. Dein Willi kann auch ein bis zwei Tage eher von seiner Rotte Korah fort. Also ist die Geschichte sehr einfach. Wir laden unsere Gatten zu dem Herrenabend sogleich ein. Die Briefe haben sie morgen früh und können uns sofort per Depesche die Antwort zukommen lassen. Wir wissen dann um elf, zwölf Uhr Bescheid und haben der Schlange die Giftzähne ausgebrochen!« – – »Gut, das könnten wir tun!« – bestätigte Lotte Sie tat es aus Höflichkeit für den Gast, denn innerlich sagte sie sich, daß sie ihrem geliebten Manne noch gern die nächsten Tage auf Bergeshöh gegönnt hätte. –

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