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Die Berliner Range. Lotte als Mutter! Band XII.

Ernst Georgy: Die Berliner Range. Lotte als Mutter! Band XII. - Kapitel 8
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typefiction
authorErnst Georgy
titleDie Berliner Range. Lotte als Mutter! Band XII.
publisherVerlag von Rich. Bong
yearo.J.
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Kapitel VI. Strohwitwen

Lotte Fellers kraftvolle Konstitution hatte die Folgen von Kurtchens Geburt überraschend schnell überwunden. Sie ging ihren Pflichten eifrig nach, machte schon mit dem Sohne ganz anständige Promenaden und blühte wie eine Rose. Zuerst hatte die sorgsame Wärterin jeden ihrer Schritte überwacht und ihren Pflegling vor jeder Anstrengung, jedem Luftzuge bewahren wollen. Bald jedoch erkannte sie, daß Frau Doktor selbst so vernünftig war und sich nicht mehr zumutete, als sie vertrug. So kam die vielbeschäftigte Frau, die schon wieder mit einer neuen Pflege betraut war, eines Morgens von selbst zu Lotte und bat sie, eine Woche früher gehen zu dürfen, als sie mit Herrn Doktor abgemacht habe. »Gnä' Frau sind ja ganz auf dem Posten und so kräftig wie ein Gardedragoner. Was soll ich noch hier? Man möchte doch auch nicht den Herrschaften das Geld aus der Tasche ziehen! Bei der schwachen Frau Leutnant werde ich schon sehnsüchtig erwartet! Na und wenn Frau Doktor mit dem Kleinen spazieren gehen, so schiebt die Bertha, das neue Mädchen, den Wagen!« – – »Gewiß, das kann sie. Wenigstens ihn mit Agnes heruntertragen. Unten karre ich mir meinen Bengel allein nach dem Tiergarten oder dem Zoologischen!« – meinte Lotte vergnügt. – »Allein? Eine Dame? Ach nee, Frau Doktor, das geht doch wohl nicht!« – – »Ach so, Sie denken, es könnte mir eine Perle aus der Krone fallen? Nee, Müllerchen, haben Sie keine Angst, die sitzen fest! Der Wagen ist leicht, federt vorzüglich, und ich habe Kraft. Keiner Bertha auf der Welt traue ich die Umsicht und Sorgfalt zu, meinen Ältesten gesund über unsere Berliner Dämme zu bringen. Nun ziehen Sie keine Schnute, ich werde das alles schon deichseln!« –

Am andern Morgen, als Frau Feller einen notwendigen Weg zur Bank machen mußte, benutzte Frau Müller die Gelegenheit und verschwand. Sie hatte das mit der Hausfrau so verabredet; denn die überängstliche Großmama hätte sie noch lange nicht gehen lassen. – Frau Geheimrat Bach war mit Neuwalds nach Rügen gereist, wohin ihnen Klara Harder folgte. Fast alle verwandten und befreundeten Familien des Fellerschen Hauses weilten noch in der Sommerfrische. Daher hatte Willis Mutter sich bereit erklärt, ihre Reise noch zu verschieben und bei der Schwiegertochter zu wohnen, bis der Doktor aus Bergeshöh zurückkehrte. – Willi dankte gerührt und entzückt und nahm das gütige Anerbieten an. So siedelte Frau Feller aus ihrer stillen kleinen Villa in das Heim ihrer Kinder über. – Lottes Haushalt war groß, der fremde Vertreter, Willis ansehnliche Praxis und jetzt der Kleine machten ihr genügend Arbeit. So sehr sie auch das Opfer der Schwiegermama anerkannte, so lieb sie die vornehme Frau gerade in der letzten Zeit gewonnen – – – – – Sie seufzte insgeheim und hatte Mühe, sich nicht dagegen aufzulehnen! Frau Feller hatte einen leisen Schlaf, der durch Kurtchens Bedürfnisse um halb elf und um sechs Uhr gestört werden mußte. Ihre Blässe und Nervosität verstärkte sich schon am zweiten Tage. Sie war auch magenleidend gewesen und hatte sich eine Diät angewöhnt, die ungefähr das Gegenteil von dem war, was Lotte liebte, vertrug und kochen ließ. – So störte die gute Dame denn gründlich, und je mehr Mühe sie sich gab, nicht lästig zu werden, um so mehr wurde sie es. Dabei überhäufte sie Lotte und Enkel mit Geschenken und rührenden Zärtlichkeitsbeweisen. So konnte diese nichts tun, sondern mußte die vermehrte Arbeitslast ruhig hinnehmen und für die ewige nörgelnde Ängstlichkeit für sich und ihr Kind noch danken. »Hören Sie, Agnes, die Wärterin ist ganz weg. Sie kommt nicht mehr wieder!« – sagte sie in der Küche zu ihrem treuen Mädchen, als die Müller in einer Droschke fortgefahren war.

»Na, Gott sei Dank, Frau Doktor! – antwortete Agnes – Was wir die bedienen und futtern mußten, war doll. Sie haben uns nie beansprucht; aber für Frau Feller und die Müller haben wir von früh morgens bis zum späten Abend zu rennen!« – – Lotte seufzte. – »Herr Doktor kennt doch die gnädige Frau! Der hätte es verhindern müssen, daß sie zu uns zog!« – – »Aber, Agnes, die gnädige Frau bringt uns damit ein Opfer. Denken Sie, wie verwöhnt sie ist!« – – »Na eben! Wenn ich Frau Doktor wäre, ich wüßte, was ich täte! – – – – So ein kleines Kind macht genug Arbeit, und Frau Feller muß beinah noch mehr bedient werden als unser Kurt. Bertha stöhnt immer!« – – »Ach, Unsinn! Sie übertreiben!« – –

Aber Lotte mußte dem Mädchen dennoch Recht geben. Zuerst war Frau Feller einer Ohnmacht nahe, als sie von der listigen Entfernung der Pflegerin hörte. Dann als Lotte entschieden auf ihrem Fernbleiben bestand, fügte sie sich. Aber nun fühlte sie sich noch verantwortlicher. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend schleppte sie sich hinter der Schwiegertochter her und paßte auf. »Liebes Kind, schone Dich! – – – Singe doch noch nicht! – – – – Darfst Du das auch essen? – – – Wird es Dir bekommen? – – – Kurtchen sieht blaß aus! – – – Frag doch Herrn Doktor. – – Ach, mein Kopf! Kind, bitte, etwas leiser! – – – Oh, mein Sodbrennen! Was habe ich bloß gegessen?« – – So ging es den ganzen Tag Lotte mußte die Zähne zusammenbeißen, um nicht grob zu werden. Sie fühlte sich wie ein Riese und wurde wie eine Schwerkranke behandelt, und ihre beiden Dienstboten drohten auch aufsässig zu werden. – Was sollte sie tun? Willi oder ihre eigene Mutter zurückrufen? Das ging nicht, die brauchten ihre Erholung zu nötig. Egoistisch wollte sie nicht sein! Am vierten Morgen – schon fühlte sie, wie ihre Nerven lebendig wurden – kam ihr ein erleuchtender Gedanke. Sie erhielt aus Bad Nauheim eine Ansichtspostkarte mit Grüßen von Herrn Emil Rabe und von Frau Sanitätsrat Frede. Beide weilten zur Kur da und hatten sich zufällig kennen gelernt. »Meine Lulu blieb daheim und leitete die baulichen Veränderungen in unserm Hause.« – hatte Herr Rabe noch bemerkt. – Hurra! – Lotte rief es um ein Haar laut. Ihr kam eine glänzende Idee. Sofort setzte sie sich nieder und schrieb folgenden Brief: »Geliebte Lulu! Du bist Strohwitwe. Ich bin es. Furchtbarer Zustand, wenn man wie Du Handwerker oder wie ich eine Schwiegermutter im Hause hat. Besagte Dame ist zwar engelsgut und verwöhnt meinen Jungen und mich; aber sie – – – – Lerne leiden, ohne zu klagen! Wenn Du einen Funken von Mitgefühl in der Brust hast, so meldest Du Dich bei mir per Depesche an und kommst als mein ersehnter, lieber Logiergast. Das Wort: Man soll den Teufel mit dem Teufel vertreiben, paßt in diesem Falle nicht, daher zitiere ich es nicht. – Machst Du faule Ausreden und suchst mir zu entschlüpfen, so kommen alle Folgen auf Dein Haupt! Tausend Küsse von meinem herzigen Baby und Deiner windelweichen, um Erbarmen flehenden Freundin Lotte.« –

Dies Schreiben ging per Eilboten nach der Rabeschen Residenz. Ungeduldig wartete Lotte auf seine Folgen. Sie verbarg mühsam ihren Triumph, als am nächsten Morgen eine Depesche eintraf. Sehr überrascht tuend, ging sie rasch zur Frau Feller, die gerade von Bertha frisiert wurde. »Denke, Mama, soeben erhalte ich von Lulu Rabe folgendes Telegramm: – »Umbau vollendet. Absicht nach Berlin zu kommen. Ist Dir als Logiergast angenehm Deine Lulu? Erbitte sofortige Drahtantwort. Wenn bejahend eintreffe sieben Uhr Anhalter Bahn. – Was sagst Du nun?« – – Frau Feller wandte sich entsetzt um: »Eine ähnliche Rücksichtslosigkeit habe ich noch nicht erlebt. Nein, was es für Menschen gibt! Da sieht man aber, daß Frau Rabe kinderlos ist, sonst würde sie Dir solche Unmöglichkeiten nicht zumuten!« – – »Unmöglichkeiten? Aber, Etepetetchen, ich bin ja selig. Agnes ist schon mit der Antwort fort, daß ich sie erwarte. Ich bin gesund, der Junge ist heute drei Wochen und vier Tage alt, also ein ganzer Mann.« – – »Was wird Willi nur sagen?« – – »Freuen wird er sich! Er tobt da oben mit seiner Rotte auf Bergeshöh und amüsiert sich. Er kann mir die kleine Freude wohl gönnen. Ich habe stille Zeit genug hinter mir!« – In dem nun folgenden, ziemlich erregten Zwiegespräch zog Frau Feller, zur Freude von Agnes und Bertha, den Kürzeren. Sie mußte sich bescheiden und zusehen, wie Lotte das jetzige Fremden- und spätere Kinderzimmer gemütlich machte und mit Blumen schmückte. »Wie gut es ist, daß die Müller hier das Feld geräumt hat! Lulu kennt mein Heim ja noch garnicht. Die soll Augen machen!« – sagte Lotte und sang, daß es schallte. – »Pßt, Kind, der Junge!« – warnte Frau Feller. – »Ih was, der muß an Geräusche gewöhnt werden. Um seinetwillen werden wir nicht alle auf Filzparisern 'rumlaufen!« – – »Himmel, wenn das gut abläuft, so will ich auf Knieen dankbar sein!« – seufzte die Feller und hielt ihre Schläfen. Sie fühlte jetzt schon ein Stechen dahinter. Was würde erst werden, wenn die ausgelassene junge Frau hier eintraf? Lottchen war so still und ernst geworden, seitdem das Kind da war. Sie hatte stets ihre helle Freude an der Veränderung gehabt. Wer weiß, ob diese selige, ruhige Anmut dem lustigen Ansturm einer Lulu Rabe standhalten würde? – »Nun werde ich Dir nicht mehr aus Fritz Reuter vorlesen können!« – klagte sie. – »Nein, Mamachen, aber ich bin egoistisch genug gewesen, daß ich es erlaubte. Es hat Dich immer angestrengt!« – – »Oh, ich tat es gern!« – – »Ja, Du warst rührend, Mamachen! Aber mir war es schrecklich, Deine Opfer annehmen zu müssen!« – entgegnete Lotte aufrichtig. Sie konnte nie gut zuhören, wenn man vorlas. Ihre Gedanken irrten zu leicht ab, wenn nicht ihre Augen auch beschäftigt waren. Und nun gar Reuter, bei dessen Platt sie sich ohnehin Mühe geben mußte, um es zu verstehen! Frau Feller las so monoton und leise, daß ihr diese Stunden allabendlich zur Qual geworden waren. –

Um sieben Uhr war die Zeit da, wo Kurtchen gewaschen und getränkt wurde. Die junge Mama konnte daher nicht selbst zum Bahnhof. Sie lächelte, während sie ihren Jungen besorgte, nochmals in sich hinein. Es war wirklich eine Ironie des Schicksals, daß Frau Feller ihrer Opferwilligkeit die Krone aufgesetzt hatte und Lulu in eigner Person einholte. – Der Zug lief in die Halle. Frau Rabe gab einem Gepäckträger ihren Schein und blickte umher. Sie war enttäuscht, Lotte nicht zu sehen. Erst nachdem sie den Ausgang erreicht, stieß sie auf Frau Feller, die ängstlich durch ihr Lorgnon jede ankommende Dame beäugte. Sie erkannten sich nun und eilten nach kurzer Begrüßung zur Droschke, auf welcher der Koffer schon verladen war. »Ich kann Ihnen nicht genug für Ihre Liebenswürdigkeit danken, meine liebe gnädige Frau; aber ich bin etwas ängstlich. Es hat doch hoffentlich nichts zu bedeuten, daß Lotte nicht selbst hier ist?« – – Ängstlich schaute sie Frau Feller an, deren schmales blasses Gesicht den Ausdruck annahm, den man unwillkürlich zeigt, wenn man Todesbotschaften übermitteln muß. – – »Oh nein, zu bedeuten? Nein! Aber, meine verehrte Frau, Sie vergessen, daß meine Schwiegertochter noch Patientin ist. Sie muß aufs äußerste geschont werden!« – – »Herr und Heiland, ich denke, es ging alles so schnell und gut! – sagte Lulu niedergeschlagen – Sie schrieb doch so vergnügt.« – – »Lottchen nimmt alles zu leicht. Sie weiß eben garnicht, was so etwas bedeutet!« – – »Aber, gnädige Frau, ich habe eine Schwägerin mit fünf und eine mit vier Kindern – meinte Lulu, – Da habe ich doch gesehen, was es ist! Wenn solch eine Geschichte normal verläuft, werden die jungen Frauen stärker als zuvor!« – – »Nun, das ist eben verschieden! Sie werden Lottchen recht verändert finden!« – – »Wie, was? – Lulu wurde bleich – Das haben wir nicht geahnt! So komme ich wohl ungelegen?« – – »Oh nein! – entgegnete Frau Feller achselzuckend – Sie freut sich sehr auf Sie, meine liebe Frau Rabe; aber Sie werden mich nicht mißverstehen, wenn ich Sie, um Lottchens willen, dringend bitte, mit ihr noch recht schonend umzugehen!« – – »Gewiß! Selbstredend! Ist Lotte sehr auseinander gegangen?« – – »Nein, im Gegenteil! Sie ist viel schlanker geworden.« – – »Ach um Gott!« – Lulu ängstigte sich wirklich um die Freundin. – »Nur – setzte Frau Feller hinzu – nur oben sind die Kleider etwas zu eng, weil sie Kurtchen selbst nährt!« – – »Wie ist denn der kleine Rangerich?« – – Ah, Frau Fellers Gesicht verklärte sich plötzlich. Sie begann, Lulu mit dem unleugbaren Genie des jungen Erdenbürgers zu unterhalten, bis sie vor dem Hause vorfuhren. Fellers wohnten in einer der Prachtstraßen des neuen Westens. Ihre Wohnung lag in einem wahren Palast. Lulu, die aus einer kleinen Residenz kam, war überrascht und begeistert über das Treppenhaus und die echten Smyrnaläufer, welche die Stufen bedeckten. Sie kam nicht recht zur Bewunderung, denn im ersten Stock wurde die Tür aufgerissen.

Lotte erschien oben und rief jubelnd: »Willkommen, geliebtes Rabenvieh!« – Die beiden Freundinnen lagen sich in den Armen und küßten sich herzlich. Dann zog Lulu die junge Frau in das hellerleuchtete Entree und musterte sie: »Gott sei Dank – rief sie froh – Du siehst ja blühend frisch aus, und bildhübsch bist Du geworden, Du herziges Geschöpf Du!« – – »Ich bin auch quietschfidel und so gesund, wie noch nie zuvor! Ach, Lulu, Du weißt gar nicht, wie ich mich freue!« – – »Karnickel, ich soll Dir wohl beim Räuchern helfen?« – flüsterte Lulu. Die Freundin verstand den Sinn ihrer Worte und lachte. »Oach, wenn auch das nicht gerade! Aber mein Blitzableiter sollst Du werden, das Gegengewicht! – – »Ich danke, angenehme Aufgabe! Wie gut, daß ich so unverwüstliche Nerven habe. Doch nun zeig mir den Jungen. Ich brenne darauf. Deine Fortsetzung auf Erden zu bewundern!« – – »Das soll Dir auch werden. Kurt und ich sind Dir zu gleichem Dank verpflichtet« – rief Lotte. Sie führte den Gast in das Schlafzimmer. Zwar stand das weiße Gitterbett schon an der Wand bereit; aber sein glücklicher Besitzer ruhte vorläufig noch in seinem Wagen. Neben diesem wartete Großmama Feller. Trotz allen geheimen Ingrimms gegen den Logierbesuch brannte sie doch auf sein Urteil. Na, und Lulus Begeisterung über »den herzigen Riesenjungen, der wie ein Halbjahrkind aussähe« war so echt, so aufrichtig, daß sie mit liebenswürdigstem Lächeln quittierte und Lotte zuraunte, während sich Lulu im Fremdenzimmer restaurierte: »Sieh, Lottchen, Deine Freundin hat Blick für Kinder. Sie ist doch eine hübsche und kluge Frau!« – – »Aha! Altchen, da hast Du es. Sage mir, mit wem Du umgehst, und ich werde Dir sagen, wer Du bist. Wie nett bin ich demgemäß, nach meinen Freunden beurteilt!« –

Die nun folgende Stunde verbrachten Lulu und Lotte echt weiblich. Die ganze Wohnung wurde beäugt, und jedes Stück von der Hausfrau erklärt. Mit einem bis in das kleinste Detail gehenden Interesse betrachtete der Besuch den Inhalt des Wäscheschrankes und des Büffets, der Speisekammer und des Bücherschrankes. Ihr Gesamturteil: »Aber jedes noch so kleine Stück in Deinem Haushalte ist gediegen und schön!« – befriedigte Lotte Feller durchaus. Ihr: »Ich bin wirklich erstaunt, was Du für eine musterhafte Hausfrau zu sein scheinst!« – erweckte jedoch durch den Ausdruck »scheinst« lebhafte Gegenrede. Bertha rief die Damen endlich aus dieser interessanten Unterhaltung fort und bat in das Speisezimmer. Das Abendbrot vereinigte sie wieder mit Frau Feller. –

Schon seit Lulus Ankunft war der jungen Hausfrau aufgefallen, daß die großen dunklen Augen des Gastes ihr beständig mit einem spürenden Ausdruck folgten, in dem unbedingt eine gewisse Angst lauerte. Jetzt, während des Speisens fühlte sie diesen Blick wieder. Zuerst äußerte sie nichts, als Lulu aber jede Portion, die sie auf ihren Teller legte, mit Spannung verfolgte, fragte sie endlich: »Um Himmelswillen, Schatz, wie komisch siehst Du mich immer an? Sage mal, bist Du eigentlich Detektiv geworden?« – – »Das nun gerade nicht! – entgegnete die andere lachend – Aber – – –« – – »Na?« – – »Aber Deine verehrte Frau Schwiegermama stellte Dich doch noch so als Patientin dar. Da paßte ich halt auf, und, gnädige Frau, ich muß bekennen, ich finde Lotte weit frischer und viel weniger nervös als im letzten Jahre vor ihrer Hochzeit. Sie sieht nicht nur blühend aus, sondern sie ist es Gott sei Dank auch! Man merkt es an jeder Bewegung, an ihrem Appetit. Alle Achtung!« – – Frau Feller wurde rot und hielt ihre Ansicht, daß Lotte noch Rekonvaleszentin sei, trotzdem aufrecht. Diese bestritt es entschieden und behauptete, noch nie so gesund und kräftig gewesen zu sein wie gerade jetzt. Zuletzt ärgerte sie sich über »Etepetetchens Pimpelei«, und die Folge war, daß Frau Feller sich sofort nach Tisch mit Kopfschmerzen entschuldigte und zurückzog. – »Dieses war der erste Streich, und der andere folgt zugleich!« – meinte Lulu grausam. – – »Sie ist lieb und fein und gut!« – verteidigte Lotte. – »Gewiß; aber nur in kleinen Dosen zu genießen. Dein dickes Wonnchen ist mir lieber!« – – »Na aber!? Selbstredend!« – –

Der erste Abend gab den beiden Damen, die sich seit Fellers Hochzeit nicht gesehen hatten, gar viel zu besprechen. Lotte berichtete von ihrem ersten Ehejahre und ihrer russischen Reise. Sie antwortete auf alle Fragen Lulus, und das offene Endbekenntnis ihrer Beichte war: »Ich bin unendlich glücklich mit meinem geliebten Manne und mit meinem Kinde.« – – »So bist Du jetzt also auf dem Höhepunkt Deines Lebens angelangt?« – – »Ich hoffe nein! Sieh, wenn ich so mit meinem Jungen im Arme dasitze, dann male ich mir schon immer aus, wie schön es erst wird, wenn so eine ganze kleine Herde uns umgeben wird!« – – »Lotte, Du bist verdreht, schrie Lulu entsetzt – denke doch an die Schmerzen, die hinter Dir liegen!« – – »Ach was, ich denke ans ›haben‹, nicht ans kriegen!« – »An die Arbeiten, die Sorgen und Mühen!« – – »Ach Unsinn! Ich denke an die Freuden und an das Ausgefülltsein, die schöne Herzenserfüllung, die Kinder bringen. Wir leben in geordneten Verhältnissen und können alle jungen Fellerchen einst gut erziehen. Na, da gibt es doch nichts Schöneres, als viele Kinder zu besitzen!« – – »Pfui, Du bist doch ein entsetzlicher Philister, Lotte, und gräßlich unmodern!« – sagte Lulu kopfschüttelnd. – – »I wo, danke! Ich bin sehr modern sogar und praktische Nationalökonomin dazu. Unser Staat braucht doch gesunde Bürger des Mittelstandes: Arbeiter, Soldaten, Gelehrte, oder als Dessert des Lebens Künstler. Und gesunde, pflichttreue Mütter! Warte nur, wir werden ihm dazu einen anständigen Beitrag liefern!« – – »Brrr! – – stritt Lulu entsetzt – Ich sehe es schon kommen: Werthers Lotte ihren Geschwistern das Brot zuteilend. Für mich die Inkarnation alles pastoralen Philistertums. Und als Fortsetzung: Fellers Lotte ihren Kindern die Stullen schneidend. En gros die Stullen, en gros die Gören! Entsetzlich!« – – »Ach was, entsetzlich! – widersprach Lotte und erhob sich – Die Perspektive hat für mich absolut nichts Entsetzliches, im Gegenteil! Herrlich ist sie, da mein Mann wie ich denkt!« – – Auch Lulu sprang auf. »Vaterrr Mikosch, wie hast Du Dir verrränderrt!« – – »Im Gegenteil, ich bin mir auch darin treu geblieben!« – – »So? Aber ›das‹ wirst Du als dicke Engrosmama doch nicht mehr können?« –

Lulu raffte ihre Röcke und schlug einen regelrechten Purzelbaum. Lotte blickte lachend auf die schlanke, geschmeidige Gestalt. »Na – meinte sie – so lange es geht, purzelbaumele ich mit meinen Nachkommen um die Wette. Und später sehe ich als Preisrichter zu! Bums und basta! Aber nun gehst Du in die Klappe, Du siehst müde aus. Morgen ist auch noch ein Tag!« – –

Frau Feller war entsetzt, aufgeregt, wutentbrannt. Lotte hatte ihre stille Anmut abgestreift und war wieder in ihrer alten Koboldstimmung, seitdem ›diese zappelige Freundin‹ ins Haus gekommen. Das gab vom frühen Morgen bis zur sinkenden Nacht ein Lachen – Singen – Necken und Musizieren! Ihre Nerven zuckten, ihre neuralgischen Schmerzen stellten sich sogar schon wieder sporadisch ein. Denn selbst die Mädchen in der Küche sangen, was sie haßte! – Kurtchen wurde auf die Sekunde besorgt und gedieh unbegreiflicherweise. Trotzdem ihn diese beiden unverständigen Frauen sogar bei Regen und kühlem Wetter mit ins Freie schleppten, wenn auch allerdings – wohlverpackt! Sie schonten die Heiligkeit der hilflosen Babyjahre absolut nicht. Jeden Tag wurden an Kurts blonder Tolle Frisurversuche gemacht. Bald wurde sie gescheitelt, bald hochgestellt oder nach hinten gekämmt, bald mit winzigen Schleifchen abgebunden. – Lulu hatte Fellers einen photographischen Apparat mitgebracht. Nun wurden sofort Ausnahmen hergestellt: Kurtchen mit seines Vaters Studentenmützchen, das trotz seiner kommentmäßigen Winzigkeit wie ein Riesenpilz auf seinem Köpfchen thronte. – Postkarten mit seinen mehr oder weniger gelungenen Bildern flogen nach Bergeshöh, nach Rügen, Nauheim und nach Lanken zu Hase, der nichts von sich hören ließ. Und drollige Scherzkarten aller Art kamen zurück. Frau Feller staunte: Was war aus ihrem Sohne geworden? –

Zuweilen erschien die kleine Frau Doktor Greif bei Lotte. Sehr interessiert betrachtete sie Kurt und stellte dabei Vergleiche zwischen ihm und Güntherchen an. Die jungen Frauen kamen dann in eingehende Fachgespräche über ›Soxhlet oder natürliche Ernährung – Wickeln – nicht wickeln – Mellin oder Nestle‹. – Die beiden Väter, resp. Gatten dieser Damen waren Ärzte. So konnte Frau Feller gegen diese modernen Freilicht- und Freiluftprinzipien nicht ankämpfen, sondern wurde stets sofort überstimmt. Trotzdem ihr eigener Sohn in diesem hohen Rate saß, hatte sie das Gefühl, daß ihr kleines hilfloses Enkelchen wie ein Opfertier dem Henker ausgeliefert würde! Und Lotte sprach von »austoben, tüchtig futtern und Hosen stramm ziehen!« – Da riß ihre Geduld denn doch: »Ich begreife Dich nicht, mein Kind! – sagte sie energisch – Du liebst und schätzt doch Deinen Gatten wie alle, die ihn kennen; aber ich habe ihn nie geschlagen, sondern wohl behütet! Er ist nicht in Sturm und Wetter auf die Straße gekommen und stets diät gehalten worden, und was für ein starker, gesunder Mann ist er geworden! Nicht trotzdem, sondern gerade deswegen!« – – Was sagte Lotte? Sie lachte hell auf, die Barbarin, – und die Freundinnen stimmten ihr zu: »Na, Mamachen, da mußt Du nun die Sachlage nicht verkennen. Dein, nein, mein Willi wäre ein verpimpelter, schlapper Mensch geworden, wenn er mich nicht geliebt hätte! Die Liebe für mich in Freiheit dressiertes Geschöpf hat ihn sich – mühsam genug – losreißen lassen. Auf seinen großen Seereisen hat er sich Wind um die Nase gehen lassen, abgehärtet und auch innerlich gefestigt. So habe ich jetzt nicht nur einen ›feinen zarten Gatten‹, sondern einen feinen Prachtknopp erhalten, der zu mir paßt! Nur so!« – – »Ja, das sagte Willi mir wiederholt selbst!« – fügte Lulu hinzu.–

Ein Kollege von Willi hatte auf Lottes Bitten Kurtchen untersucht und ihn »über alles Erwarten kräftig« befunden. Da er ein bekannter Kinderarzt war, verließ sich Lotte blindlings auf ihn und stellte verschiedene Fragen. Nachdem er auch diese zu ihrer Zufriedenheit beantwortet hatte, erklärte Frau Doktor Feller beim Mittagessen: »So, geliebtes Rabenvieh, bis jetzt hast Du mit rührender Geduld die Klein-Kinderatmosphäre ertragen. Sogar ohne Murren! Dazu bist Du aber nicht in Berlin. Ich habe heute Doktor Reßler konsultiert. Zu Deiner Beruhigung, Etepetetchen! – Er hat mir erlaubt, Kurtchens letzte Mahlzeit ruhig auf halb zwölf Uhr hinauszuschieben. So werden wir armen Strohwitwen uns jetzt ein bißchen amüsieren. Bestimmt, Mamachen!« – – »Aber, Lotte, ich entbehre nichts und fühle mich sehr behaglich!« – – »Das tust Du auch daheim. Willi schrieb mir heute ganz energisch, daß Mama oder ich mit Dir in die Theater und sonstigen hauptstädtischen Genüsse gehen sollen. Die Siegesallee mit Otto dem Faulen kennst Du nun, den Zoologischen auch. Wir werden also die Kunstausstellungen und Theater ansehen.« – – »Wozu denn aber?« – – »Um Dich zu amüsieren! Unser ganzer Kreis ist noch verreist, so daß ich Dir zu meinem Bedauern unsere gemütliche Geselligkeit garnicht vorführen kann!« – – »Unsinn, ich kam zu Dir!« – – »Dafür bin ich Dir auch dankbar; aber »Abwechslung muß sind«, sagt der Berliner. Ich bin auch Strohwitwe und mopse mich ohne meinen Herzliebsten – – –« – – »Sehr liebenswürdig für mich!« – warf Frau Feller gereizt ein. »Nun, Mamachen, Deine Liebe erkenne ich tausendfach an; aber ich sehe, daß Dir Deine Aufopferung garnicht bekommt. Du hast wieder Schmerzen und siehst blaß und elend aus!« – – »Wirklich, Frau Feller, Lotte hat recht. Sie sind an Ihre Stille gewöhnt und – – –« – – »Ich bitte auf mich für Ihre Vergnügungsexkursionen nicht zu rechnen. Dazu fühle ich mich auch zu schlecht!« – – »Aha!« – – »Und ich würde meinen Enkel den beiden Dienstboten nicht überlassen. Solch kleines Kind braucht Bedienung. – – »Ich werde Dir sehr dankbar sein, wenn Du bei meinem Bengelchen aushältst, Mamachen! Dennoch bin ich so leichtsinnig und gestehe Dir, daß ich Agnes, die sich schon bei meiner Mutter als treu und zuverlässig erwies, das Kind ruhig anvertraut hätte. Bertha kenne ich noch nicht genug. Sie scheint auch brav!« – – »Du, liebes Lottchen, siehst alles in rosigem Licht! Ich bewundere das oft!« – – »Hoffentlich bleibt mir dieser holde Leichtsinn, liebe Schwiegermama!« –

Die Situation wurde etwas kritisch. Lulu lenkte in ein anderes Gespräch über. Am Abend aber verabschiedeten sich beide Damen von Frau Feller, als wenn nichts geschehen sei. Ja, Lotte umarmte Frau Feller, welche bleich, von Kopfkrampf geplagt, auf dem Divan lag. »Geh ruhig zu Bett, Mama! Agnes hat mir versprochen, nach dem Jungen zu sehen. Gute Besserung und auf Wiedersehen!« – – Tief verstimmt und beleidigt blieb die ›lautlose Dame‹ liegen. Zum ersten Male kam ihr der Gedanke, in ihr Heim zu übersiedeln, noch ehe Willi aus seiner Sommerfrische heimkehrte. Oder sollte sie gleich in das Wiesbadener Sanatorium fahren, wo sie sich schon einmal so wohlgefühlt? –

Seelenvergnügt saßen Lulu und Lotte in der Droschke, welche sie nach dem Neuen Theater bringen sollte, wo das vorzügliche Sittenstück eines Wiener Autors aufgeführt wurde. »Wer Dich heute sieht, in der hellen, festen Bluse mit der großen weißen Boa, der hält Dich nicht für die Mutter eines fünf Wochen alten Sohnes! Du siehst aus, wie ein ganz junges Mädchen!« – meinte Frau Rabe und betrachtete die Freundin. – »Etwas Netteres kannst Du mir nicht sagen! – rief Lotte – Bist Du aber auch ehrlich?« – – »Glaubst Du, ich werde Dir Komplimente machen? Ich fürchtete, Dich als leibhaftige Kugel wiederzusehen. Aber Du bist schlanker und hübscher als je zuvor. Bei Gott! Andere werden stark. Du verdrehter Stiebel, mußt auch darin originell sein. Du wirst schlanker!« – – »Himmlisch, wenn man es auf so natürliche Weise wird und sich dabei so wohl fühlt! Dann habe ich die Hoffnung, vielleicht nach dem neunten kleinen Feller auf Deine Reiterinnengestalt zu kommen. Ein Grund mehr, meinem Ideal vom vollständigen Dutzend nachzustreben!« – – »Brr, hör bloß auf!« – – »Ach, Lulu, Glück muß ja verschönen. Jetzt bange ich mich nur schon mächtig nach meinem Mann. Sonst, ach Du, sonst bin ich ja so selig, so übermütig froh, ich möchte die tollsten Streiche machen, wenn ich nur welche wüßte! Denn auf die Bäume klettern, kobolzschlagen, boxen, tanzen etc. verbietet sich ja von selbst. Und mich irgendwie in jemand zu verlieben, das ist mir leider unmöglich! Seit siebenhundert Jahren liebe ich nur diesen Willi Feller, und umkrempeln kann und mag ich mich nicht! – Wenn bloß mein Jungchen erst so weit wäre, daß ich mit ihm toben könnte!« – – »Was willst Du, Range? Tobe mit mir! – sagte Lulu lachend – ich bin just in Tob-iasstimmung. Schade, daß mein dickes gemütliches Rabenvieh nicht dabei sein kann! Zu komisch; daß man seinen angetrauten Ehegespons zu sehr liebt, um sich an Abenteuern erquicken zu können! Schade, daß wir so verliebte, brave Frauen sind!« – – »Na eben!« – – Lotte lachte.

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