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Die Berliner Range. Lotte als Mutter! Band XII.

Ernst Georgy: Die Berliner Range. Lotte als Mutter! Band XII. - Kapitel 7
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typefiction
authorErnst Georgy
titleDie Berliner Range. Lotte als Mutter! Band XII.
publisherVerlag von Rich. Bong
yearo.J.
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Kapitel V. Doktor Feller im Exil

»Meine geliebte, einzige Frau, mein Glück, mein Sonnenschein!

Der Zug rüttelt und springt derart, daß an Schreiben garnicht zu denken ist. Meist lehne ich in meiner Ecke, schaue in die Landschaft hinaus oder versuche zu lesen. Um die Mitreisenden kümmere ich mich nicht. Fremde Menschen stören mich nur. Ich benutze die Stationen, um diesen Brief zu beginnen. In Schloß Bergeshöh werde ich ihn wohl erst vollenden. Hoffentlich geht noch abends die Post oder ein Bote zur nächsten Stadt, damit Du mein Schreiben bereits morgen früh empfängst. Es kann Dir ja nur ein schwaches, unvollständiges Zeichen sein, einen winzigen Bruchteil von dem Gefühl enthalten, das ich heute empfinde! Du kennst mich genau, mein süßer Liebling! Ich kann nicht so gut wiedergeben, was ich fühle. Steif muß ich Dir ja erscheinen oder kalt und ungelenk. – Dennoch glaube mir, meine Lotte! Dich habe ich bewundert, angeschwärmt, seit ich denken kann. Dich geliebt, seitdem ich zu empfinden verstehe. In unserer Ehe ist meine Liebe tiefer und stärker geworden! Sie ist mir keine liebe Gewohnheit, wie so vielen Ehemännern, sondern auch heute ist sie, trotz ihrer Tiefe, noch von der gleichen Leidenschaft wie am Tage unserer Hochzeit! – Mein Ein und Alles, wie muß ich Dir danken für das Glück, welches Du mir täglich bereitest, für den herzigen Sohn, den Du mir geschenkt! –

Wenn ich so an gestern denke, wenn ich Dich in unserm Heim sitzen sehe, das Kind im Arme und mit feuchten Augen der Predigt lauschen – – – – Wenn ich den Blick fühle, den Du mir sandtest, als die heilige Handlung vollzogen wurde, da habe ich ein Gefühl so unaussprechlichen Glücks, so unausdenkbaren Reichtums, daß ich ihm nicht genügend Ausdruck zu geben vermag! – Als wir das erste Mal zusammen vor Gottes Tisch standen, da haben wir beide uns vermählt. Gestern haben wir uns aufs neue verbunden in dem holden Knaben, der uns beiden gehört! – – – Lotte mein, man soll nicht den Neid der Götter herausfordern! Ist es nicht ein großes Opfer, das sie schon heute von uns verlangen!? – Warum mußte ich jetzt gerade so abgespannt sein, daß ich selbst vom ärztlichen Standpunkt meine Verbannung von Weib und Kind für angebracht hielt? – – – Ich zürne diesem Zustande meiner Nerven. Fast könnte ich vor Zorn und Nervenschwäche heulen! – – – Jetzt muß ich von Dir fort, von Kurt! Ich, der Vater, gehe von meinem Sohne, der morgen drei Wochen alt ist, weg und will mich zerstreuen?! Du aber hast soviel gelitten und soviel Arbeit mit dem Kleinen, Du opferst Dich, während ich – – – – – – – –

Es ist gräßlich! Dennoch werde ich alles aufbieten, um recht schnell wieder zu meiner alten Spannkraft zu kommen. Ich habe Dir versprochen, auch von Dir entfernt fröhlich zu sein! Ich werde es versuchen, an alle Deine Ermahnungen zu denken und ihnen gehorsamst nachzukommen. Wer könnte Dir widerstehen?

Leb wohl, mein Glück! Küß unsern Sohn, und sei viel tausendmal umarmt von Deinem seligen Gatten: Willi im Exil. –«

Doktor Feller gelang es, sein Schreiben an die Gattin schon zu vollenden, ehe er sein Ziel erreicht hatte. Er couvertierte und frankierte es auf der Endstation und warf es in den Briefkasten. Eine Anfrage bei einem Bahnbeamten vergewisserte ihn, daß sein Herzenserguß Lotte am nächsten Morgen überreicht werden würde. Er seufzte. Früh am Morgen hatte er sich erst von ihr getrennt, und jetzt am Abend schien es ihm, als wäre er schon wochenlang von ihr entfernt. Außer ihm war an dieser kleinen Station nur noch ein Herr ausgestiegen: der Typus des schneidigen Offiziers. Während Willi noch wegen des Postabganges unterhandelte, hörte er den Fremden mit lauter, ans Kommandieren gewohnter Stimme rufen: »Na, der Teufel, ist denn kein Wagen nach Bergeshöh da? Ich hatte ihn doch telegraphisch bestellt?!« Die Antwort schien keine befriedigende zu sein, denn der Frager schüttelte ungeduldig den Kopf und ging augenscheinlich unwillig auf dem kleinen Perron hin und her.

Willi, der von den Beförderungsmitteln der Gegend und der Entfernung nach dem Schlosse keine Ahnung hatte, trat auf den Wartenden zu. Er zog den Hut: »Ich glaube, wir haben das gleiche Ziel und weiß, daß wir bereits Reisegefährten waren. Ich komme zum ersten Male nach hier und weiß absolut nicht Bescheid. Könnten Sie mir vielleicht Auskunft geben? Mein Name ist Feller – – – Dr. Feller!« – – »Angenehm, Herr Doktor! – – – – Major Frietrich. Gewiß kann ich Ihnen Rat erteilen. Wollen Sie nach dem Schlosse 'nauf?« – – »Ja, Herr Major!« – – »Da sitzen wir nett in der Patsche! – meinte der Angeredete und setzte seine Kopfbedeckung wieder auf. – Dort in der Ecke steht ein tüchtiges Gewitter, wenn der Schloßwirt uns nicht bald den Rumpelkasten mit der alten Mähre schickt, bekommen wir das Unwetter noch unterwegs, und meine liebe Alte, die mich oben erwartet, ängstigt sich dreiviertel tot!« – – »Das wäre allerdings fatal! – sagte Willi lächelnd – Ich wußte so garnichts von dem Vorhandensein eines Fuhrwerkes dort oben. Wie weit ist es denn?« – – »Nun, zu Fuß gut eine und eine halbe Stunde. Der Weg steigt stark an, und bei dem Wetter der letzten Tage wird das Waten durch den Lehm nicht gerade angenehm sein!« – – »Dann verzichtet man notgedrungen auf die Kletterpartie. Ich werde versuchen, mir durch den Gepäckträger irgend ein Gefährt requirieren zu lassen. Vielleicht darf ich Ihnen dann einen Platz anbieten?«

»Ich würde es mit Dank annehmen! – entgegnete Frietrich – Unterwegs treffen wir sicher meinen bestellten Wagen!« – – Willi sandte einen der herumlungernden Männer in das Örtchen. Während dieser seinen Auftrag ausführte, plauderten die beiden Herren miteinander. Der Major machte Feller mit den Verhältnissen auf dem Schlosse und seinen Einwohnern und Gästen, die seit vielen Jahren die gleichen waren, bekannt. Nach einer Viertelstunde erschien der ausgesandte Bote wieder. »Nee, Herr! – – sagte er gemütlich – Wagen habe ich nicht bekommen. Fischer ist mit den Pferden im Felde. Jungfritz muß Bier von der Brauerei holen.« – – »Das ist ja nett!« – rief Willi lachend. – – »Und weiter haben Sie keine Gespanne in der Stadt?« – – »Nee, Herr, sind alle heuer draußen. Der Spengler hätt' wohl ein Pferdle, aber es lahmt, und da will er den weiten Weg nit machen!« – – »Recht angenehme Aussichten, Himmeldonnerwetter!« schrie der Major und wußte nicht, ob er lachen oder sich ärgern sollte. – »Wir können ja noch eine Viertelstunde warten – schlug Willi vor – Vielleicht kommt inzwischen Ihr Wagen. Ich muß Sie jetzt höflichst bitten, mich mitzunehmen. Wir tragen dann die Kosten gemeinsam!« – – »Abgemacht, Herr Doktor! Wenn bloß der Kerl schon käme. Die Wand da wird immer dunkler. Setzen wir uns mittlerweile wieder in den Wartesaal und trinken noch einen Schoppen oder zwei. Das Bier ist ausgezeichnet. Ich kenne es vom letzten Sommer her!« – –

Gesagt getan. Die beiden Herren hatten ihre Gläser noch nicht geleert, da stürzte schon der Gepäckträger in den Saal und rief vergnügt: »Herr, die Liese is hoalt doa! Die Liese!« – – »Das ist ja sehr schön! – erwiderte der Major – Die Liese ist das Roß, welches uns hinaufschleppen soll! – erklärte er dem Leidensgefährten – So! Darf ich bitten, ein wenig zu eilen. Der Donner grollt bereits in der Ferne!« – –

Willi trank seinen Rest aus und zahlte schnell: »Ich stehe bereits zu ihrer Verfügung!« – Er erhob sich rasch und bestieg mit dem Major das kleine Break, welches durch einen Wachstuchplan und gleiche Vorhänge gegen den Regen geschützt werden konnte. Der Träger und der Kutscher luden das Gepäck auf. Dann ging es von dem Stationsgebäude fort. Zuerst holperten sie durch die kleine Stadt. Das Geräusch der Räder und Bremse machte ein Gespräch unmöglich. – Sie rauchten schweigend vor sich hin. – Dann kamen sie auf die Landstraße. Schon rollte der Donner näher, und die ersten schwefelfarbenen Blitze zuckten. »Kutscher, wollen wir nicht lieber unterstellen?« – – »Vielleicht in Horsten, Herr Major! So weit kommen wir noch, die Liese ist sicher!«

Das Gewitter tobte. Die Herren schlossen die Vorhänge und banden sie fest, trotzdem flatterten sie noch gar bedenklich, und oberhalb des Wagenschlages regnete es durch den herabgelassenen Vorhang. – Sie saßen im Dunkel und sahen nur das zeitweise Aufblitzen ihrer Cigarren.

»Angenehme Situation! Meine arme Frau und meine Tochter da oben werden heulen und zähneklappern!« – schalt der Major. – »Oh, wie freue ich mich, daß meine kleine Gattin nichts von dem Unwetter ahnt!« – – »Ach, Sie sind verheiratet, Herr Doktor? Tragen Sie einen Ring?« – – »Selbstredend, Herr Major!« – »Pardon, ich hatte garnicht darauf geachtet. Sie legten die Handschuhe wohl erst vor kurzem ab?« – – »Allerdings! Doch haben Sie mir nicht angesehen, daß ich bereits ein würdiger Vater bin?« – – »Sie? Nee, weiß Gott, das hätte ich nicht vermutet. Sie sehen ja noch so jung aus, so gänzlich unverheiratet!« – – »Na na, Herr Major!« – – »Aber sicher, Herr Doktor! Allzu lange wird Sie die Ehefessel wohl auch noch nicht drücken! Darf ich fragen, wie lange Sie schon verheiratet sind?« – – »Gewiß, ganze ein Jahr und drei Wochen!« – – »Und wie alt ist Ihr Kind?« – – »Drei Wochen, er wurde am vierten geboren. Unser Sohn überfiel uns am ersten Hochzeitstage, den wir noch in Gesellschaft verleben sollten.« – – »Soso! Na, dann ist es ja begreiflich, daß Sie während der ganzen Reise entweder vor sich hinträumten oder korrespondierten. Ich taxierte Sie auf jung verlobt!« – – »Das ist lange her! Seien Sie nicht ungläubig, Herr Major! Meine Frau war noch in den Mittelklassen, als ich mir zuschwor, keine andere zu heiraten als sie!« – – »Das war allerdings früh! In welcher Klasse saßen Sie dazumals?« – – »Ich, einen Moment! – Willi rechnete nach – Ich bin etwas über vier Jahre älter als meine Frau. Sie war dreizehn, ich siebzehn – Oberprimaner –, als ich sie nach langem Aus der Ferne-Bewundern durch einen Freund persönlich kennen lernte. Dann hatten wir Tanzstunde zusammen!« – – »Aha! – Und darf ich fragen, wodurch Sie so früh schon gefesselt wurden? Ihre Frau Gemahlin ist wohl sehr schön?«

»Oh nein, sie ist jetzt nach dem Kinde sehr hübsch geworden. Vorher war sie stets nur sehr frisch und niedlich! Aber sie war in allem das Gegenteil von mir. Ich war schüchtern, fleißig, still! Sie ausgelassen, keck, nachlässig. Und sie quälte mich mit ihrem keuschen Mädchentrotz. Doch entschuldigen Sie, daß ich Sie mit all diesem langweile. Ich bin ein zu begeisterter Ehemann, da geht mir mein Herz zuweilen mit dem Munde durch!« – – »Im Gegenteil, es interessiert mich außerordentlich! – versicherte der Major – Ich bedauere nur, daß wir Ihre Frau Gemahlin nicht kennen lernen werden! Wir sind eine sehr ausgelassene Gesellschaft auf Bergeshöh!« – – »Ich bedauere es auch tief! – seufzte Willi – Leider ist sie vorläufig noch unabkömmlich! Lange werde ich es wohl auch nicht aushalten. Wenn es wo lustig ist, gehört meine Frau unbedingt dazu. Sie ist dann sicher die tollste! Und fehlt sie, so scheint mir jede Lustigkeit schal!« – –

Der Major amüsierte sich insgeheim über den schönen jungen Arzt, der einen so bedachten, männlich ernsten Eindruck machte. Sein Gegenüber sprach, weil er von innen heraus absolut sprechen mußte, und fühlte garnicht, wie verliebt er noch war. »Gottlob, daß es noch so ein echtes, wahres Eheglück giebt, Herr Doktor! Hoffentlich bleibt es Ihnen immerdar treu! – sagte er gutherzig. – Doch sehen Sie, die brave Liese, hat selbst Angst gekriegt und tüchtig angezogen. Wir sind in Horsten. Hier macht sie zehn Minuten Halt, da können wir im Krug wieder ein Glas trinken. Es ist die nämliche Brauerei, wir mischen also nicht! Inzwischen hört hoffentlich das Gewitter auf. Die Hauptkraft scheint verpufft!« – – »Mir ist alles recht! – sagte Willi zerstreut – Sie übernehmen als Besitzer des Wagens ja die Direktion der Fahrt!« – – Eine Stunde später, als sie erwartet wurde, hottelte Liese mit dem Wagen durch das wunderschöne, monumentale Portal in den prächtigen Schloßhof. Ein wahres Indianergeheul empfing die Ankommenden.

Aus einem Tor des Seitenflügels stürmte eine ganze Anzahl, mit Schirmen bewaffneter Menschen in den noch immer tropfenden Regen: »Hurra, Schorsche!« – – »Vater, Vater!« – – »Willkommen!« – – »Alter Nöhlpeter!« – – Kurz, die verschiedensten Rufe tönten durcheinander. Etwas weiter hinten hatten sich ein paar Damen mit großen Sträußen von Kohlköpfen, Mohrrüben und Gurken aufgestellt. Augenscheinlich sollten diese eine ganz besondere Ovation darstellen. – Jugendlich gewandt sprang der Major vom Wagen. Willi beobachtete vergnügt, wie herzlich oder übermütig der Empfang vor sich ging. Er sah, daß diese Gesellschaft schon durch langjährige Freundschaftsbande miteinander verknüpft war. – – »Menschenskinder, laßt los! – – Weg, Göre!« – schrie der Offizier endlich über die Schreier fort. Seine Stentorstimme drang durch. Und seine kleine dicke Tochter flog, so jäh abgeschüttelt, gegen eine ältere Dame, die sofort den Fuß wegzog und aufschrie. »Au, meine Zehe! Du bist ja schwerer als eine Kanonenkugel! Die gegen den Fuß zu kriegen, muß eine wahre Wohltat sein, verglichen mit Dir!« – – Die kleine Range lachte übermütig, anstatt zu bedauern. – »Hoch, der Löwe von Bergeshöh! Hoch, der Star! Hoch, unser Gatte, Vater, Freund und Beschützer!« – – Und der Chor brüllte sein »Hoch« nach.

Frietrich wandte sich jetzt nach dem Wagen, in dem Willi noch immer unbemerkt verharrte. »Was sagen Sie zu dieser Begrüßung? Sie werden einen netten Begriff von uns bekommen! Aber es giebt im Menschenleben Augenblicke, Herr Doktor, wo Weiber zu Hyänen werden!« – – »Da sitzt noch jemand!« – – »Das ist Nulpe! Hoch, Nulpe!« – – »Hinterm Ofen sitzt 'ne Maus, die muß raus!« – jubelten einige singend. – – »Oh weh, man hält Sie für meinen Vetter, einen sehr feschen Oberleutnant – sagte der Major lachend – Danken Sie Gott, daß Sie es nicht sind, sonst würde man Sie zerreißen! Aber nun kommen Sie, Herr Doktor, ich möchte Sie mit der Rotte Korah bekannt machen!« – –

Willi kletterte schleunigst heraus. Betreten wichen alle Damen und Kinder zurück, als der hochgewachsene, fremde Herr plötzlich vor ihnen stand. Im Nu verwandelten sich die Gesichter. Aus den ausgelassenen Ulkmachern wurde eine zurückhaltende, vornehme Gesellschaft. Der Major lachte herzhaft: »Na, jetzt tut man nicht so, Ihr seid erkannt! Der Herr Doktor kennt Eure wahre Natur doch. Und er ist ein glücklicher Gatte und Vater! Mit verheirateten Herren pflegt Ihr doch sonst keine Umstände zu machen?!« – – »Nee, die können sich doch nicht mehr einreden, daß wir Jagd machen!« – – »Bravo, Fritzle! – lobte Herr Frietrich – Also dies ist Herr Doktor Feller aus Berlin! – Hier meine liebe Alte, mein hoffnungsvoller Sprößling Rena, aus dem man zwei kräftige Bengel machen könnte!« – – Willi begrüßte die feine, hübsche Majorin und das zehnjährige Töchterchen. – – »Meine liebe Tante: Frau Hauptmann Böhm, eine außerordentlich ernste und stille Dame, wie Sie ja vorhin bemerkt haben. Hüten Sie sich vor ihr. Sie hat den Charakterfehler, harmlosen Mitmenschen möglichst viel Schabernack anzutun!«

– – »Aber, lieber Schorsche, bitte mich nicht zu verleumden! Herr Doktor. Sie werden sich selbst bald vom Gegenteil überzeugen!« – – »Das hoffe ich nicht, meine gnädigste Frau, meine eigene Gattin hat mich an Schelmereien aller Art gewöhnt, die mir fehlen würden, wenn – – –« – – »Hier, unsere allverehrte Patriarchin, Frau Justizrat Geldning!« –

Kurz, die Vorstellung ging weiter. Als Willi endlich vom Stubenmädchen auf sein Zimmer geführt wurde, schwirrte ihm der Kopf. Durch seine gemeinsame Ankunft mit dem Major war er mitten in einen Gesellschaftskreis hineingeraten, der sich gegen Fremde eigentlich recht reserviert verhielt. Er lachte noch in der Rückerinnerung an all den gehörten Unsinn. Plötzlich fiel sein Blick auf den Tisch. Da lag eine bunte Karte. Rasch nahm er sie auf, und seine Stimmung schlug um. – Eine illustrierte Postkarte mit dem Köpfchen eines dicken, blonden Babys. Darunter stand: »Guten Morgen auf Bergeshöh, geliebter Vater! Erhol Dich recht, und sei sehr vergnügt, damit Du ganz erholt und fröhlich zu Mama heimkehrst und zu Deinem kleinen Sohn Kurt Feller.« – – Seine Lotte, sein Kind sandten ihm diesen Willkommengruß. Gestern hatte sie die Karte schon heimlich fortgeschickt, damit er sie vorfand. Wie rührend! An alles dachte seine kleine Frau! – – – – – Sie saß daheim und mußte sich plagen. Und er sollte hier ausgelassen sein? Nein, das war zu ungerecht verteilt! Das war er nicht gewillt! Erholen wollte er sich, dazu fühlte er sich sogar verpflichtet! – – – – – – – Aber nicht sich glänzend amüsieren und toben!! – – Er, der von Natur ernst veranlagt war, während seine Lotte, die ausgelassene lustige Range, sich abplagte! – In dieser Beziehung war der brave Doktor Feller ein Pedant. So beschloß er denn, sich von der übermütigen Gesellschaft unten fern zu halten, so sehr sie ihm auch gefiel. –

Er packte seinen Koffer aus, legte die Wäsche in die Kommode und hängte die Anzüge ordentlich auf die Bügel in den Schrank. – Auf seinen Tisch legte er seine Schreibmappe, die Bücher, und stellte Lottes große Photographie auf. Ohne diese wäre er nicht gereist! Dann zog er sich um und verließ das Gemach. Der Schlüssel kam in einen dafür bestimmten Schrank. – In den riesigen Korridoren hörte man jeden Schritt schallen. Über ihm im zweiten Stockwerk vernahm er lautes Lachen und Laufen. »Um sieben Uhr wird zur Nacht gespeist. Bitte, bemühen sich Herr Doktor dann in das Gastzimmer!« – sagte das Stubenmädchen.

Willi ging durch den Schloßhof, betrachtete das imposante Hauptgebäude, die zwischen seinen zwei Querflügeln eingebaute schöne Kirche, und trat dann auf die berühmte ›große Terrasse‹. Von hier hatte man prachtvolle Fernblicke auf die nahen Mittelgebirge, schaute in das lachende, weithin sich erstreckende Tal, welches von einem silbernen vielgewundenen Flußlaufe durchzogen war. Kleine Dorfschaften lagen zwischen Wald und Feld friedlich eingebettet. Die liebliche Landschaft wirkte beruhigend und anmutend. Die Luft war so rein und würzig nach dem Gewitter, daß Willi sich nur ungern von dem Anblick losriß. – Ein Knecht zeigte ihm den Durchgang durch einen Seitenflügel, der in eine große, überdeckte Glashalle führte. Vor dieser befand sich die ›kleine Terrasse‹, auf der die Stammgäste Frühstück und Vesperbrot einnahmen.

Mehrere Parteien saßen hier auf den Bänken und Stühlen, in Gruppen gesondert. Das Ganze gewährte einen äußerst gemütlichen Anblick. – Höflich grüßend ging Feiler durch und über einen Seitenpfad am vorderen kleinen Querflügel herum wieder durch das Portal in den Hof. Er fühlte, daß alle ihn betrachteten und über ihn gesprochen hatten. »Ein neuer Pensionär, ein Arzt!« – hatte er sogar aufgefangen. – Vor dem Schlosse auf dem Plateau waren gärtnerische Anlagen, ein schmucker ›Kurplatz‹ geschaffen. Rechts und links führten die Fahr- und Fußsteige durch den Wald bergab in die unten gelegenen Ortschaften. Nach vorn zog sich eine Straße für Wagen und ein sich schlängelnder Pfad durch Feld und blumige Wiesen in den nahen prachtvollen Forst, hinter dem just purpurn die Sonne versank. Die Wolkenbildungen, das leuchtende Licht des scheidenden Himmelskörpers über den bewaldeten, einzelnen Hügeln, dem in leichtem Abenddunst liegenden Talgrunde bot ein so prachtvolles Schauspiel, daß sich eine Reihe Zuschauer eingefunden hatten.

»Ewig – – – herrlich schön! – sagte ein riesiger, weißbärtiger Herr begeistert. Komm, Klärchen, hier siehst Du es am besten!« – – »Das ist etwas für Ihre Maleraugen, Herr Professor!« – rief jemand. – »Dazu könnte Ihr Herr Schwiegersohn etwas komponieren? Solch Bild giebt allen Künstlern Stimmung, es regt uns ja schon auf, nicht wahr, gnädige Frau?« – – Eine reizvolle, bildhübsche Dame mit sonnigem Tizianhaar antwortete. – Willi verstand nicht mehr, was sie sagte. – Die Gäste von Bergeshöh und dieses selbst gefielen ihm nach dem ersten Eindruck ausgezeichnet. Wieder seufzte er, weil seine Lotte dies alles nicht mit ihm genießen konnte! – – Die riesige Schloßuhr schlug siebenmal. Die Uhr der Kirche folgte mit hellerem Klange nach. Die Leute kamen von allen Seiten und eilten durch die Restauration in das für die Pensionäre reservierte Gastzimmer. Dieses war mit seinen gewölbten Decken, der massiven altdeutschen Eicheneinrichtung, Jagdtrophäen und Bildern an der Wand und den zwei vergitterten Fenstern, auf deren Brettern blühende Blumentöpfe standen, höchst behaglich.

Major Frietrich und seine Familie saßen bereits an einem der festen Tische, als Willi eintrat. Suchend sah er sich nach der niedlichen Wirtstochter oder der Kellnerin um, damit ihm diese einen Platz anweisen sollten. Herr Frietrich erhob sich und kam ihm entgegen. »Bei uns ist noch ein Sitz frei. Wir würden uns freuen, wenn Sie zu uns kämen, Herr Doktor!?« – – Eine so liebenswürdige Aufforderung konnte Willi unmöglich ablehnen. Er dankte und trat an den Tisch, wo ihn auch die andern mit großer Herzlichkeit begrüßten. Die liebenswürdige Justizrätin, die schelmische Frau Böhm, Fräulein Elson, einfach als »Fritzle« vorgestellt, Klein-Rena und das Frietrichsche Ehepaar bildeten nun mit Feller die Runde. – »Dürfte ich Sie bitten, mich nachher den übrigen Herrschaften vorzustellen?« – bat Willi. Der Major folgte seinem Ersuchen bereitwilligst, und so lernte der junge Arzt noch am gleichen Abende eine Reihe ihm bisher unbekannter Leute kennen. Die »Bergeshöher Künstlerkolonie«, ein lustiges Malervölkchen, – eine liebenswürdige Schuldirektorenfamilie mit einem jungen Leutnantssohn – eine chike Dame aus Speier mit ihrem übermütigen Backfisch bildeten die Abendgesellschaft. – »Dort nebenan sitzen unsere Kunststars, und hier fehlen noch – – – – Mutter, wo ist Familie Hilze?« – – »Suchen Pilze!« war die kurze Antwort.

Der Major lachte und sagte: »Ja, Baurat Hilze, seine liebe Gattin und seine drei Sprößlinge grasen nämlich ganz Bergeshöh und Umgegend ab und sammeln Pilze. Sie zeichnen sich außer durch prächtige Laune, Liebenswürdigkeit und Rundgesänge, zu denen sie allzeit bereit sind, besonders durch Pilzjagd aus. Wenn sie noch ein paar Jahre herkommen, ist hier kein Schwamm mehr zu finden!« – – »Was für eine harmonische Gesellschaft ist hier beisammen. So etwas giebt es doch selten! Und einer spricht immer so freundlich vom andern!« – meinte Willi und fügte, als ihm ein wahres Hohngelächter antwortete, hinzu: »Wenigstens so scheint es mir!« – – »Gewiß, Herr Doktor! – entgegnete Fräulein Fritzle: »Hier liebt man seine Fehler und kann gegenseitig nicht ohne einander bestehen. Wir haben aber auch noch Schloßkuriositäten, die lernen Sie später kennen!« – – Nach dem Abendbrot machte man noch eine kleine Promenade und traf sich dann in und vor der Glashalle. Willi entzog sich dem dortigen lustigen Treiben sehr bald unter dem Vorwande der Reisemüdigkeit. – Er hatte gefallen, und man beschloß, ihn in Gnaden aufzunehmen. Der Major erzählte, wie verliebt der junge Herr Doktor noch in seine Gattin sei und wie er von ihr schwärme. –

»Ha! – rief die bildhübsche Frau Böhm, und in ihr Gesicht trat, trotz der weißen Haare, solch schelmisch-spitzbübischer Ausdruck, daß alle lachten – Es ist gut, daß wir seine Achillesferse kennen. Morgen hole ich ihn aus, und dann geht das Genecke los. Er ist mir zu ernst und zu steif! Solch schöner Mann muß lustiger, flotter sein!« – – »Er bangt sich nach Weib und Sohn!« – – »Wir werden sie ihm ersetzen!« – – Alles schrie: »Tante, bitte bloß nicht den Säugling zu imitieren!« – – »Au!« – – »Na ja, Du sagtest doch!« – – »Oh weh, armer Doktor, wenn Tantulein ihn vornehmen will, melde ich ihn zuerst im Tierschutzverein an!« – sagte die Elson. – »Gott sei Dank, ein Blitzableiter, nun könnt Ihr mich doch nicht allein totquälen!« – rief der Major. – »Oho!« – – »Nana?« – – »Nee, Schorsche, für Dich soll noch genug übrig bleiben, das verspreche ich Dir. Wir haben Dich ja zum Fressen lieb!« – –

Ahnungslos, daß eine Verschwörung gegen ihn im Gange war, erschien Willi am nächsten Morgen auf der kleinen Terrasse. Das Wetter war ausnahmsweise gut und die Aussicht prachtvoll. In einer entfernten, sonnenbeschienenen Ecke saß der Malerprofessor und las emsig seine Zeitung. Gleich neben dem Ausgang, an den langen festen Tafeln hatte Frau Hauptmann Böhm Posto gefaßt. »Na, guten Morgen, Herr Doktor! Wohl geruht? Was haben Sie geträumt? Sie wissen doch, der Traum der ersten Nacht ist bedeutungsvoll!« – – Er mußte antworten und saß plötzlich an ihrer Seite, er wußte selbst nicht – wie! – Dabei hatte ihm die allerliebste, kluge Posthalterin, auch eine Tochter des Wirtes, just einen Brief seiner Lotte überreicht. Er hatte sich auf die Lektüre in schöner Morgenstille gefreut und bändigte jetzt nur schwer seine Ungeduld. »Herr Doktor, wir sind hier alle aus der Familie Sans-Gêne. Wenn Sie Post haben, bitte lesen Sie! – – – – Ungeniert! – – – Ich habe einen Brief von meinem Jüngle, den muß ich auch noch zum zweiten Male studieren. Zwang giebt es nicht auf Bergeshöh! Genießen Sie die schöne Stille!«

Willi wußte nicht, daß der liebenswürdige Schalk längst den Brief in seiner Rechten entdeckt hatte und als Hebel für die ausgeheckten Pläne seiner bedurfte. Er entschuldigte sich, schlitzte sorgfältig den Umschlag auf und vertiefte sich in die Lektüre. Frau Böhm las anscheinend die Zeilen ihres Sohnes, beobachtete aber scharf und amüsiert sein wechselndes Mienenspiel. – Lotte schrieb: »Mein einziger Herzensmann, unser Väterchen! – – – –

Mama sitzt an Kurtchens Equipage, stickt ihm ein Lätzchen und bewacht seinen festen Schlaf. Da bin ich frei und sitze an Deinem Schreibtisch, schreibe auf Deinen Bogen, mit Deiner Feder, weil ich mich Dir dann näher fühle. Glaube nicht, daß wir uns nach Dir bangen! Nein, Schatz, ich bin ja innig froh, daß Du diese Erholungszeit hast. Sie ist nur allzu kurz bemessen; darum bitte ich Dich, benutze jede Sekunde. Sei quietschfidel, erhole Dich, und sehne Dich nicht etwa nach uns! – Wenn Du bloß nette Gesellschaft vorfändest?!

Na, Mann, Du hast doch eine brave Frau. Das Zeugnis kann ich ihr schriftlich ausstellen! Was die so zusammenfuttert, wie sie gut schläft und dankbar glücklich ist, ahnst Du garnicht. Heute zog ich ihr ein festes Kleid an, und siehe, sie ist nicht stärker geworden! Gesund und fidel ist sie, also sorg Dich nicht! Du hast keine Patientin mehr daheim! – Willi, Herzliebster, heute ist unser Sohn drei Wochen alt. So ein Wurm füllt doch ein Leben, eine Ehe ganz anders aus. Es fehlt jetzt bei uns so garnichts mehr! Oder doch! Noch ein kleines Mädel! – Zu schade, daß die Ilse nicht gleich mitkam. – – – – – – – Mama versteht nicht, daß ich mir solche Vermehrung meiner Pflichten und Arbeitslasten wünschen kann! – – Du, mein Einziger, bist mit mir auch in diesem Punkte einer Meinung! Und ich versichere Dir, daß ich absolut nicht verstehe, daß man davon soviel Summs macht! Pflichten, die man mit solcher Wonne, solcher Herzensseligkeit erfüllt, sind doch Freuden, nicht? – – Und heute, Liebster, muß ich Dir noch ein Geständnis machen! Sagen kann ich so etwas ja leider nie! Bin nun 'mal ein gräßlich herbes Borstenvieh! – Geschrieben ist's ja auch viel besser! – Weißt Du, zuweilen, ehe der Junge kam, da erfaßte mich solch unbeschreibliche Sehnsucht nach meinem Kinde, solch namenlose Wonne! Da dachte ich manchmal: ›Oh weh, wer weiß, ob Du es nicht lieber haben wirst, als Deinen Willi?‹ Es war ein frevelhafter Gedanke; aber er kam immer wieder und ließ mich erzittern! – – – Jetzt ist das Kind da und in mir eine so heitere Stille, so die ganze Erfüllung des Sehnens! Das vollkommenste Glück! Und nun sehe ich mit seliger Freude das ein, was ich Dir jetzt schreiben will! –

Mutter und Kind sind eins; aber die Liebe zum Gatten, zum Vater des Kindes ist doch etwas anderes, ein zweites! Kurt ist nur ein Teil von mir. Die Liebe für ihn selbstverständlich! – – – Du aber bist mir noch heute etwas Zweites! Etwas, das ich – mit Seligkeit gestehe ich es Dir ein – doch noch mehr liebe, anbete, als das Kind und mich zusammen! – – – – Wie mich das froh macht, daß der Junge Dir nichts entzogen hat! – Schreibe mir doch offen, wie es in dieser Beziehung mit Dir steht? Aber die volle Wahrheit bitte ich mir aus! – Ich werde nicht eifersüchtig sein, wenn Du ›mein Teil‹ mehr liebst als mich; aber wissen möchte ich es doch! – Lachst Du Deine Lotte aus? –

Heute habe ich Kurt ganz allein gebadet. Die Müller fragte mich, wo ich denn, zum Donnerwetter, das alles gelernt hätte? Ich wäre vom ersten Tage an, als hätte ich nicht das erste, sondern das fünfte Kind! Sie ist eifersüchtig! – Siehste Du, wie gut, daß Du kein so junges, anspruchsvolles, reiches Ding geheiratet, sondern ein modernes, vernünftiges Mädchen, das aus den Kinderschuhen 'raus war und Erfahrungen hatte! – – – – Ich bin keine alberne Mutter und absolut objektiv, nicht wahr? Ein Venusserich ist unser Kleines noch nicht, wird es vielleicht nie werden!? Vorläufig hat er mehr von einem rosigen Marzipanschwein an sich. Aber, was ich selbst zugeben muß, sein Körperchen ist entzückend geformt, und die Züge des süßen Blondkopfs sind reizend regelmäßig. Er wird Dir sehr ähnlich! Wenn bloß alle Kinder Dir ähnlich würden, besonders die Mädels. Für Mädchen ist es zu wichtig, schön zu sein! – – Kurt verändert sich jetzt täglich. Er macht schon Anstrengungen um zu lachen. Wahrhaftig, Willi! Und er ist das verständigste, gutherzigste Kerlchen der Welt. Wie er durchschläft, wie er trinkt! Einfach doll! Verschluckt hat er sich noch nie und käst garnicht! Andere Kinder dagegen? Ein ›Wunder‹ ist er ja nicht, ich bin nicht so dumm, das zu glauben oder zu wünschen! Aber – – – – – Väterchen, wir können mit unserm Ältesten ganz zufrieden sein! Unberufen! – – –

Doch nun, Herzensschatz, Schluß! Erhol Dich! Amüsier Dich! Freu Dich! Und vergiß nicht, wie Dich lieben, und Dir allzeit das Beste wünschen – Dein Sohn, Deine Mutter und die, welche trotzdem stets die Erste bleiben will in Deinem Herzen! Deine allertreueste, mit Dir glückselige, kleine Lotte!«

Doktor Feller vergaß seine Umgebung, und las das Schreiben dreimal hintereinander. Dann starrte er vor sich hin. Welche Frage sie da anschnitt! Wie sie sich sorgte! Lachhaft! Gewiß er liebte sein Kind; aber gab es überhaupt einen Vergleich zwischen diesen Gefühlen? Gab es überhaupt etwas so Großes, Tiefes, Leidenschaftliches, wie seine Liebe zu dieser Frau??? Eine atemraubende Sehnsucht überkam ihn, und seufzend blickte er empor. –

Auf diesen Moment hatte Frau Böhm gewartet: »Schlechte Nachrichten, Herr Doktor?« – Mit diesen Worten leitete sie das Gespräch ein und erwies sich als gewandteste Diplomatin. Nach Verlauf einer halben Stunde wußte sie alles, was sie interessierte. Ja, sie hatte sogar das Portefeuille in Händen, und beäugte die vier darin enthaltenen Photographien: Lotte als Backfisch – Lotte in Balltoilette – Lotte als Braut und Lotte als junge Frau. – Als sie just noch in die Betrachtung vertieft war erschien Fräulein Elson. Gleich darauf Familie Frietrich. – Die Tische ringsum wurden allmählich von den Gästen eingenommen und Willi liebenswürdigst begrüßt. Dann aber wandte sich der Major an seine Tante Böhm und die Elson, welche Hand in Hand dasaßen und ihn schon einige Minuten erwartungsvoll anblickten. »Na, Tante und Fritzle, Ihr wollt wohl wieder die Wirkung hören von dem, was Ihr ausgefressen? Es ist ja bloß ein Glück, daß Ihr nicht satisfaktionsfähig seid!« – – »Wir? Schorsche, Du hast wohl schlecht geschlafen?« – sagte die Tante unschuldig. – – »Herr Major, Sie leiden an Hallucinationen, glaube ich! Seien Sie vorsichtig, sonst artet das noch in Verfolgungswahn aus!« – meinte die mit Fritzle Angeredete klagend. – – »Nee, nee, ich kenne meine Pappenheimer! erwiderte er lachend. – Ich sage Ihnen, Herr Doktor, diese beiden Frauensleute scheinen nur zu meiner Plage erfunden zu sein!« – – »Was ist denn bloß geschehen?« – – »Na ja, tut nur nicht so!« – rief er, und schwenkte seinen Kirschstock durch die Luft, daß es sauste. – »Nicht genug, daß ich mich mit Fritzle jeden Morgen politisch häkeln und dabei krakehlen muß, daß mir die Puste vergeht, um ihre verflixten freisinnigen Anschauungen niederzubrüllen! Nein, selbst abends brütet sie noch Unheil; immer Hand in Hand mit meiner vieledlen Frau Tante!« – – »Was ist denn bloß los? Fritzle, verstehen Sie das?« – – »Ich? Nein! Der Ärmste fiebert!«

»Ich werde Euch Mores lehren! Kommen meine Alte und ich auf unser Zimmer, ist ein Qualm, nicht auszuhalten. Wir sehen nach – – brennen in allen Ecken Räucherkerzchen!« – – »Ach, sieh mal, Schorsche, ich dachte, Du wärst schon in der Kirche gewesen, weil Du so nach Weihrauch duftetest!« – meinte Frau Böhm ernsthaft. – »Red nur noch! Heute ist der Gestank noch in den Zimmern und wird nicht 'raus zu kriegen sein. Der Qualm sitzt so fest an den Wänden!« – – »Ich bin neugierig, Vetter, wer Dich in so guten Geruch setzen wollte?« – – »Unsere Steppdecken sind mit so kleinen Stichen fest aneinandergenäht, daß meine Änne eine Ewigkeit zu trennen hatte!« – – »Und so weiter!« – unterbrach die Gattin, wie um weiteren Bekenntnissen vorzubeugen. »Na ja, und die übrigen Schandtaten wißt Ihr ja selbst. Ich kann Euch nur das Eine sagen: es war schade um die vielen Brausepulver!« – – »Sie sehen, Verehrtester, wir sind nicht gnietschig!« – verriet und bekannte sich Fritzle.

Willi hatte sein Frühstück beendet, und wollte sich erheben. »Wohin? Herr Doktor?« – – »Ich möchte einen Brief schreiben!« – – »Nee, das wird nicht gestattet! – rief Frietrich. – Jetzt ist es auf Bergeshöh Sitte, in den Wald zu gehen! Um zwölf Uhr ist Mittag. Von eins bis halb vier ist Zeit genug zum Korrespondieren. Die Mittags- und Nachmittagspost kommt doch zu gleicher Zeit in Berlin an.« – »Aber, meine Frau – – –« – – »Georg, Du kannst doch den Herrn Doktor nicht so in Beschlag nehmen!« – wandte die Majorin ein. – »Kann ich doch! Warum ist mir der Unglückliche gesandt? Nur, um mich zu entlasten! Auf die Dauer hielte ich das nicht aus. Nun habe ich Sie als zweites Opfertier, und ich lasse Sie nicht! Sie sehen bleich aus und müssen tüchtig marschieren. Ich handle im Sinne Ihrer Frau Gemahlin, wenn ich Sie für die Rotte Korah reklamiere!« – – »Herr Doktor ist ein besserer Gatte! Er will seiner Frau schreiben!« – – »Quatsch, sie hat die Nachricht erst morgen früh. Um aber sein Herz zu beruhigen, senden wir jetzt eine unserer üblichen Sammelkarten!« – – »Mann, das können wir nicht!« – – »Herr Doktor, nach allem, was Sie mir von Ihrer Frau Gemahlin erzählt haben, dürfen wir es wagen, gelt?« – fragte Frau Böhm. – Feller lachte: »Ich glaube, meine kleine Frau wird begeistert sein. Es war ihr großer Wunsch, daß ich hier Anschluß finden sollte. Ich bin etwas steif, und sie war außer sich, daß sie mich nicht selbst persönlich irgend jemandem anvertrauen konnte. – Meine Frau ist gleich mit allen Leuten bekannt. Wenn ich ihr schreibe, welch liebenswürdige Gesellschaft ich hier vorgefunden, so wird sie glücklich sein!« – –

»Hier ist eine Karte! Wer fängt an?« – – »Immer die Fragende! Du, Tante, bist unsere beste Stilistin!« – befahl der Major. – Wir unterschreiben alle mit unsern Spitznamen. An Ihnen, Herr Doktor, ist es, die gnädige Frau über unser wahres Gesicht aufzuklären!« – – »Ich werde nicht verfehlen!« – – Willi war beglückt, denn er wußte, wie Lotte sich freuen würde, wenn sie ihn in einem recht fidelen Kreise wußte. Alle schrieben hernach etwas hinzu, und folgende Karte flog am nächsten Tage, zugleich mit einem erklärenden, zärtlich glühenden Schreiben ihres Gatten zu Frau Doktor Feller:

»Verehrte gnädige Frau!

Die – Rotte Korah von Bergeshöh – ist hoch erfreut, in Ihrem Herrn Gemahl ein zweites Opfertier gefunden zu haben. Sie ernennt ihn zum zweiten Rottenführer und reklamiert ihn für die Zeit seines Aufenthaltes für Spaziergänge – Mahlzeiten – und gemütliche Plauder- und Kegelabende. Die Rotte bittet Sie um Ihre Zustimmung und gütige Unterstützung. Als Gegenleistung verspricht sie, den neuen Führer gesund und fidel am letzten Tage abzuliefern! Mit herzlichen Grüßen für Sie, gnädigste Frau, und Ihren Herrn Sohn – verbleiben wir ergebenst – ›Rotte Korah von und auf Bergeshöh‹ – »Schorsche, Major und Opfertier I«, mit tiefem Bedauern für den Reklamierten. – »Mayonnaise-Anna« – »Tante Böhm«, Quälgeist I. – »Fritzle Elson«, Quälgeist II. – Zigeunerchen, Opferflamme – Fräulein Bulow, »Verzieherin« – – »Rena, welche nicht dicht halten kann!« – –

»Ich danke, Frau Doktor Feller wird einen netten Begriff von uns bekommen!« – hatte Frau Majorin gesagt. – – »Sie wird begeistert sein! Das ist etwas für Lotte!« – versicherte der Gatte. – – »Wenn sie so schlau und nett ist, wie sie auf den Bildern aussieht, geht sie auf unsern Ulk ein« – rief Fritzle. – »Tut sie das, so erhält sie oft Grüße und Zeugnisse über ihres Herrn Gemahls Betragen. Und ich schicke ihr – – –« – – »Ihre Bergeshöher Kommentare, das wäre köstlich!« – schlug jemand vor. »Wollen mal sehen, was sich tun läßt!« – sagte sie gemütlich. – »Gnädiges Fräulein sind Schriftstellerin?« – fragte Willi. – »Na ob!« – – »Ach was – entgegnete die Elson – chronische Klauenseuche, weiter nix! Aber hier kommt man ja zu nichts! Glauben Sie, die Leute lassen mich schreiben?« – – – »Nee, Fritzle, wäre Tintenvergeudung! Gönnen Sie Ihren Lesern Zeit zum Luft holen! Und sich Ruhe für Ihr Hirn!« – – »Da haben Sie es, Herr Doktor! Ich, sonst die Unabhängigkeit in Person, muß mich hier fügen. Der Major ist mein Kerkermeister, auch genannt: »Schorsche als Erzieher«.

Lachend trieb dieser jetzt seine Schar in den wunderschönen, sich weithin hügelauf, hügelab erstreckenden Wald hinein. Willi wanderte mit. Er plauderte mit den Damen, zuerst ernst und würdig. Dann jedoch kam es zum Vorschein, daß er der Gatte von Lotte Bach war. Einmal hingerissen, neckte er sich flott mit Frau Böhm, der ein entzückend schalkhaftes Teufelchen im Nacken saß, und mit Fritzle, die in ihrer kurzen, lustigen Art an Lotte erinnerte. »Jetzt gefallen Sie mir erst ganz, Herr Doktor! Ich, der Pygmaleon, habe Sie Galathea zum Leben erweckt. Nun kann ich verstehen, daß sich eine so niedliche Dame in Ihre schöne Person auf die Dauer vergaffte!« – – »Sehr schmeichelhaft, gnädiges Fräulein! Konnten Sie es vorher nicht?« – – »Nein!« – erwiderte sie ungerührt. – »Vorher erschienen Sie mir wie ein Kunstwerk im Museum: Schön; aber nur ansehen, nicht berühren! Jetzt sind Sie Galathea, und so nenne ich Sie fortan!« – Der Neckname blieb ihm in der Tat.

Am nächstfolgenden Morgen traf aus Berlin die Antwort ein. Sie war adressiert an »Die Rotte Korah auf Bergeshöh, zu Händen der Frau Hauptmann Böhm« und lautete: »Meine hochverehrte, gnädige Frau! – In vollkommener Übereinstimmung mit meinem Sohne vertrauen wir: er und ich – unsern teuren Vater und Gatten: den praktischen Arzt, Dr. Willi Feller, genannt Galathea – der Rotte Korah an. Wir bitten nur ganz ergebenst um schonende Behandlung, da wir zur Verteidigung doch etwas zu weit entfernt sind! – Jedwede Verführung der ›Galathea‹ zu einem lustigen, gesunden Leben werden wir neidlos mit innigstem Danke quittieren. Jede Beschädigung unseres Kunstwerkes wird mein Sohn Kurt rächen. Er fordert schon heute jeden böswilligen Beleidiger seines Vaters vor die Windel! – Indem ich Sie bitte, uns den ›Opfertieren‹, ›Quälgeistern‹, ›Zigeunern‹ und sonstigen, zur Rotte gehörigen Lebewesen zu empfehlen, zeichnen wir mit Hochachtung und voll dankbarer Ergebenheit

Lotte Feller-Bach.
Kurt Feller.

»Nun sind Sie uns rettungslos überliefert!« – rief Frau Hauptmann Böhm lachend und schwenkte den Brief in der Luft. »Hat meine Gattin geschrieben?« – fragte Willi, der in angeregter Stimmung am Frühstückstisch erschien. – »Freilich, Herr Doktor! Vernehmen Sie, daß Sie von Weib und Kind der Rotte Korah mit Haut und Haaren überliefert sind!« – – »Ich erkläre mich für besiegt!« – – »Ohne Kampf?« – – »Allerdings! In mir ist keine Anlage zum Don Quixote. So klugen, liebenswürdigen Damen gegenüber wäre jede Anstrengung doch vergebens. So kapituliere ich feige!« – – »Er kapituliert, Hurra! Schorsche und Galathea unsere Sklaven! Vae victis!« – jauchzte Fräulein Elson, und warf ihm eine tüchtige Handvoll Kletten zu. – – »Das lasse ich mir denn doch nicht gefallen!« – antwortete Feller und löste die kleinen Geschosse, welche an seinen Haaren und an seinem Anzuge hafteten. –

Das Bombardement begann. –

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