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Die Berliner Range. Lotte als Mutter! Band XII.

Ernst Georgy: Die Berliner Range. Lotte als Mutter! Band XII. - Kapitel 6
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typefiction
authorErnst Georgy
titleDie Berliner Range. Lotte als Mutter! Band XII.
publisherVerlag von Rich. Bong
yearo.J.
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Kapitel IV. Lotte empfängt wieder Besuche. –

Frau Doktor Feller saß in einer überaus kleidsamen, hellblauseidenen Matinee bereits in ihrem Wohnzimmer. Sie war recht munter, wenn auch immer noch etwas blaß. Heute durfte sie die ersten Gratulanten empfangen. Damit sie nicht zuviel zu sprechen brauchte und die Kosten der Unterhaltung allein tragen mußte, hatten sich sowohl Frau Feller als Frau Geheimrätin Bach eingefunden. Beide waren in ihrer neuen Großmutterwürde gleich beglückt. Beide vergötterten Kurtchen und brachten ihn und seiner jungen Mama täglich neue Überraschungen. All die Kleidchen und Jäckchen und sonstigen schönen Gebrauchsgegenstände gingen schon garnicht mehr in die Wickelkommode, sondern wurden im Wäscheschrank untergebracht: »Das kann er ja garnicht auftragen, liebste Altchen, Ihr schenkt wohl gleich für meine nächsten Babies Vorrat!« – lachte Lotte und drohte täglich, daß sie nichts mehr annähme. »Warte Etepetetchen, bei Dir hat sich plötzlich eine neue Goldader gefunden! Du hast wohl um Kurtchens willen einen kleinen Mord vollführt? Mir werden diese ewigen kostbaren Geschenke unheimlich. Wir müssen Dich noch unter Kuratel stellen lassen?« – –

»Gönne mir doch die kleine Freude, mein geliebtes Schwiegertöchterchen! Er ist doch meines Einzigen Sohn! Deine liebe Mama kennt das Glück schon! Aber Kurt ist doch mein erstes Enkelchen!« – – Die feine, etwas steife Frau war nun mit Willis Ehe vollkommen ausgesöhnt. Sie liebte Lotte jetzt in ihrer Weise zärtlich. Hatte die Schwiegertochter sie früher doch noch zuweilen durch ihre übermütige, fast burschikose Art etwas zurückgestoßen, so war das jetzt vergessen. Umso mehr als Lotte seit des Kleinen Geburt noch in einer sanften Stimmung war und in ihrer jungen, glückseligen Mutterwonne wirklich liebreizend aussah. – Trotzdem hatte ein vormals herzliches Freundschaftsverhältnis eine kleine Trübung erfahren. Frau Bach und Frau Feller kamen jetzt zuweilen in einen leicht bissigen, ironischen Ton. Beide erklärten Feller junior zwar für den artigsten, verständigsten und wirklich schönsten Säugling der Welt. Darin waren sie einig! – – Aber?? Die Ähnlichkeit des Kindes und noch eine andere Sache entzweiten sie. Lottes ›dicke Wonne‹ beeidete, daß ihre Tochter als Zweiwochenkind absolut ›so‹ ausgesehen und nicht eine Spur anders. Und Willis ›Etepetetchen‹ beschwor, daß ihr Sohn als Vierzehntagkind dem Kleinen ähnlich gesehen, wie ein Ei dem andern!! – Das war ein täglich neugeschleuderter Erisapfel! – Der zweite fiel in ein anderes Gebiet. –

Frau Geheimrat legte den Jungen trocken, wickelte ihn und trug ihn umher mit einer so lachenden Sicherheit, wie eine diplomierte, englische Nurse, die nie aus der Übung gekommen! – Frau Feller dagegen begann zu zittern, sobald sie das Kind nehmen sollte, und war einer Ohnmacht nahe, als er einst, im Steckkissen auf ihrem Schoße ruhend, zu brüllen begann. – – – Sie fühlte in richtiger Selbsterkenntnis, daß sie Kurtchen besser nicht aufnahm, ja daß Lotte, Frau Müller, selbst ihr Willi ihr mißtrauten. Alle traten vorsichtigerweise sofort neben sie, wenn sie nur die Hand nach dem Enkelsohne ausstreckte. – – – – – Die Großmutter mütterlicherseits dagegen durfte ihn selbst baden! Sie kam sogar zu dieser Prozedur alle Morgen pünktlich neun Uhr jubelnd und kernfrisch angerückt. – – – Sie, sonst Spätaufsteherin – war zu dem Bade auch stets da; aber sie stand daneben und – – – – – – – – und langsam sproßten in ihr der Neid, die Eifersucht auf. Wenn Kurt, ihres Sohnes Kind, nun dermaleinst Frau Bach mehr liebte? – – – Qualvoller Gedanke! –

Erst gestern hatte ›die Bach‹ wieder einen moralischen Sieg errungen. Sie kam gerade dazu, als Kurtchen auf dem Wickelkissen lag, wie ein Wahnsinniger strampelte und entsetzlich schrie. »Das müssen Schmerzen sein, so brüllt er sonst nie!« – behauptete die Geheimrätin. – – »Was soll ihm fehlen?« – brummte die Müller. – Lotte lag noch im Bett und weinte voller Verzweiflung mit, während sie, die Feller, und sogar die Pflegerin ratlos und etwas verängstigt dabeistanden und den Schreihals beobachteten. Risch rasch war die energische Frau noch in Hut und Umhang hinzugestürzt. Wupp, das Pincenez auf das kleine Näschen gedrückt! – – – – Dann beugte sie sich über den Enkel und betrachtete ihn sachgemäß. Ein Lachen: »Aha!« – – Alle atmeten erlöst auf. Die Geheimrätin packte Kurts Händchen, manövrierte damit und erklärte vergnügt: »Wißt Ihr, was ihm gefehlt hat? – – – – – Der Schlingel hat sich mit seinen eigenen Fingerchen in der Tolle gesessen und sich mörderlich an den Haaren geziept!« – –

Natürlich war der befreite Auto-Absalom sofort ruhig geworden. Alle hatten gelacht, sie mußte sauer-süß einstimmen. Warum hatte ›sie‹ aber den Schaden nicht erkannt, trotz Liebe und Lorgnette? – – – – – – – – –

Kurt Feller stand in seiner weißen Equipage in einer Ecke zur Besichtigung der Gäste da. Er lag in seinem elegantesten Staat in den mit Spitzen und Schleifen verzierten Kissen und war mit einer seidenen, schön gestickten Decke noch sorglich bedeckt. Lottes frohe Laune war entschieden wiedergekehrt. Denn – – – – an den Vorhängen des hochgeklappten Verdecks steckten zwei Zettel. Auf dem einen stand: »Kunstausstellung – Meister- und Originalwerk der Familie Feller-Bach. Keine Kopie. Alter gerichtlich beglaubigt. Entree heute gratis. – Garderobe bitte im Vorsaal abzugeben. Katalog unnötig!« – Auf der anderen Seite prangte folgende Warnung: »Das Necken und Füttern des ausgestellten Raubtierchens ist bei Strafe verboten. Dito das Zerknautschen der Wagendecke, das Betasten des Bildchens. Amtsvorstand – Achtung! Sonst beißt Mutter!!« – –

»Lottchen, das kannst Du doch nicht stehen lassen?« – meinte Frau Feller. – – »Doch, Mamachen. Warum nicht? Erstens werden die Leute lachen! Lachen ist Sonnenschein! Ich will, daß mein Sohn von Anfang an an Lachen und Sonnenschein gewöhnt wird. – Zweitens möchte ich in der Tat, daß Kurt nur von ferne wie ein Bild angeschaut wird! Ich hasse es, wenn sämtliche Besucher ihn betatschen und küssen. Kleine Kinder sind nur zum Ansehen da. Darum kann man sie doch liebhaben! – Seht mal, vorläufig muß ich ihn ja zeigen. Sonst verbreiten mir die Leute noch, er wäre häßlich! Das ist er doch wahrhaftig nicht, im Gegenteil!!! – – – – Später wird er nur auf Wunsch hereingebracht und nur für eine Minute! Kleine Gören gehören nur in die Kinderstube, nicht zu den Gästen! Denen darf man nicht unsere Liebe und unser Interesse zumuten, das wir für die Krabben haben. Sie werden durch das ewige im Zimmer sein nur verwöhnt und stören die Unterhaltung.«

– »Das sind Theorieen! Ob Du die durchführst, Lotte? Du wirst ihn auch verwöhnen!« – – »Ich, Wonnchen? Da kennst Du mich schlecht! Jetzt in den ersten Monaten fange ich schon mit der Erziehung an. Etwas ist doch vom Lehrerinnenexamen sitzen geblieben, es war keine verlorene Zeit! Solange der Kleine gesund ist, giebt es keine Schonung!« – – entgegnete sie ernst. – – »Na?« – klang es ungläubig zurück. – – »Nee, nee, Frau Geheimrat, die Frau Doktor führt es durch. Sie ist energisch! Wenn der Junge um halb elf Uhr getrunken hat, giebt sie ihm erst um sechs Uhr wieder. Vier Nächte hat sie ihn erbarmungslos schreien lassen. Jetzt ist er still und schläft durch, und es bekommt ihm ausgezeichnet. Frau Doktor meint, er muß an Nachtruhe gewöhnt sein, bis Herr Doktor wieder hinten schläft. Der Herr muß vor allem seine ungestörte Ruhe haben, wenn er wieder umquartiert! Sie hat recht!« – rief Frau Müller. Beide Mütter waren nicht einverstanden.

»Mit solch winzigem Kinde experimentiert man noch nicht!« – sagte Frau Bach. Und: »Du bist ja eine grausame Tyrannin!« – stöhnte Frau Feller.

»Er ist gesund und normal, darum werde ich Tyrannin bleiben! Und das merkt Euch, Ihr beiden geliebten Knöppchen, verwöhnen mit Liebe sollt Ihr mir meine Kinder, darum bitte ich Euch sogar! Aber ein Dreinsprechen in unsere Erziehung giebt es nicht! Ich liebe unser süßes Kind, ich werde ihm viele Freiheiten lassen, die Euch vielleicht entsetzen; aber Gehorsam verlange ich von ihm, unbedingten!« – – In das lachende Gesichtchen der sonst so zärtlichen, kleinen Mama trat ein Zug von eiserner Energie. Sie hatte ihn nicht oft. Kam er aber, so hatte sie noch stets ihren Willen zur Geltung gebracht. – Ihre Mutter wußte das; darum stritt sie nicht weiter, sondern sagte nur: »Na, warten wir's ab! Erst erziehen die Kinder uns, und dann wir sie. Ich wünschte, Du würdest Deine Vorsätze ausführen!«

»Ich werde, Mama, ich werde!« – entgegnete Lotte. Sie horchte auf. Es klingelte. Ihr neues Stubenmädchen ging, um zu öffnen. Lotte hatte sie nach Hamburger Art in rosa Kattunkleid, mit weißer Schürze und weißem Häubchen eingekleidet. Vorläufig ›kehrte der neue Besen‹ noch ideal. – Nach zwei Minuten kam Bertha mit strahlendem Gesicht zurück. Sie trug ein Rosenbouquet in der Linken und schob mit der Rechten ein wahrhaft riesiges Schaukelpferd hinein. »Himmel, seht nur!« – schrie Lotte. – »Von wem kommt denn das?« – – »Der Bote weiß den Namen nicht, gnä' Frau, er soll nur bestellen: Häschen ließe grüßen und käme gleich nach!« – – »Natürlich, Herr von Hase, auf diese Idee kommt gar kein anderer. Dies Untier kann der Junge erst in Jahren benutzen!« – sagte Frau Bach lachend. – – »I wo, Wonnchen, wo denkst Du hin, da reite ich mit ihm darauf, wenn er erst ein bißchen verständiger ist. Oder Willi – – –« – – »Du bist es imstande!« – – »Ob und öbse, soll ich 'mal probieren?« – –

»Um Himmelswillen?!!« – – Alle drei anwesenden Damen, inklusive Wärterin schrieen auf. Lotte lachte und sandte ein Trinkgeld für den Überbringer hinaus. – »Seht nur, diese Blumenfülle! Ich weiß schon garnicht mehr, wo ich all die Blumen unterbringe? Alle Zimmer sind voll. Und Geschenke hat mein Junge schon, Spielsachen, Spazierstock, sogar einen Regenschirm en miniature von Harders. Die ganzen Sachen verpacke ich sorgfältig. Sie ersparen uns auf Jahre hinaus Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke. Es ist wirklich ein Übermut und ein Unfug, der jetzt mit solchen Gaben getrieben wird. Denkt nur! Kurt ist reich und wird eine Glanzpartie. Er ist noch nicht einmal getauft und besitzt schon drei vollständige silberne Bestecks, Becher mit Monogramm, Eß- und Trinkservice, zwei Kammgarnituren, einen verstellbaren Stuhl, Sportwagen und außer den Spielsachen noch Garderobe in Massen! Wo soll das hinaus? Nun kommt noch die Taufe!?« – – »Beruhige Dich Kind, solche Geschichten giebt es nur beim ersten Kinde! Später hört das auf!« – – »Hoffentlich, es bedrückt mich!« – – »Aber bei unserm großen Kreise ist es kein Wunder!« – – »Allerdings nicht, Mama, besonders wo Du und Willi keinen Tag vergehen laßt, ohne unserm Kinde und mir etwas mitzubringen!« – erwiderte Lotte mit dem Finger drohend.

Etwas befangen trat einige Minuten später Herr von Hase als erster nicht zur Verwandtschaft gehöriger Gratulant ins Zimmer. Förmlich ängstlich blickte er umher und atmete erleichtert auf, als Lotte ihm gesund und munter entgegentrat. »Herzlichsten Glückwunsch, liebe hochverehrte Frau Doktor – – Frau Lotte! Gott sei Dank, daß Sie wieder auf zwei Beinen sind!« – – »Ach, Häschen, Sie dachten wohl, ich wäre halb tot?« – – »Na, ungefähr so! – seufzte er – Ich habe mich um Sie geängstigt; aber Sie sehen ja blühend aus! So anders! Ich weiß nicht! was und wie? Doch verändert sind Sie; polizeiwidrig hübsch geworden!« – – Er musterte die Errötende. »Ach Sie Schmeichler! Ich danke übrigens für die reizenden Rosen und das Überschaukelpferd!« – – »Bitte, gern geschehen! Nur beim Gebrauch nicht zu verwechseln! Das Hottehüh ist für meinen Paten. Die Blumen für Sie! –«

»Vermuten Sie, daß eine Verwechslung möglich gewesen?« – fragte Frau Bach amüsiert. – – »Ach, das Reich der Großmütter! Meine Gnädigsten, gestatten Sie, daß ich Ihnen meine verbindlichsten Wünsche zu Füßen lege?« – – »Wir geruhen, sie huldvollst aufzunehmen!«– – Nachdem der Gast mit den Damen geplaudert, wandte er sich um. »Das hohe Bewußtsein der von mir zu übernehmenden Pflicht, mein moralisches Verantwortlichkeitsgefühl wühlen in mir. Meine verehrten Herrschaften, wo ist mein Patensohn? Wenn er mir noch weiterhin schnöde vorenthalten wird, so erkläre ich, daß er eine Mißgeburt ist!« – – Ein Schrei der Entrüstung antwortete. Lotte stieß ihn aus und eilte in die Ecke. Gleich darauf rollte sie den Wagen an das Fenster. »Um Gotteswillen! Wie kann man so etwas aussprechen? Alle sagen, daß der Junge ausnahmsweise süß ist. Ein Körperchen wie eine Putte! Bitte, überzeugen Sie sich sofort selbst, Häschen! Bei meiner Ungnade!« – – Er las die Zettel, lachte und schob die Vorhänge beiseite. Dann beugte er sich tief herüber.

»Ich sehe nichts! Absolut nichts!« – erklärte er den vier weiblichen Wesen, welche ihn mit gespanntestem Interesse beobachteten. – »Scheusal!« – stieß Lotte hervor und klappte das Verdeck herunter. Jetzt lag der schlummernde Kleine so da, daß man ihn bequemer sehen konnte. Er hielt die Fäustchen geballt und lag mit dem Köpfchen halb im Profil. – »Ich sehe noch nichts! – behauptete Herr von Hase neckend, beugte sich noch tiefer und rief – ah, doch, da liegt etwas! Soll das ein Mensch sein?« – – »Und was für einer?« – sagte Lotte begeistert. – »Sehen Sie die weiße Hautfarbe, die rosigen Bäckchen, die geschweiften Lippen, die blonde Mähne – – – das schön geformte Näschen, Herr von Hase!« – begeisterte sich Frau Feller, in die Betrachtung des Enkels vertieft. – – »Wie, gnädigste Frau, Nase meinen Sie? Die Bezeichnung ist kühn! Ich halte das winzige Instrument da in der Mitte entschieden für einen elektrischen Knopf!« – – »Empörend! – sagte Lotte lachend – Laß Dir das nicht gefallen, mein Kerlchen, der Onkel verdient garnicht, Dich schönes Geschöpfchen anzusehen! Sie sollten nur seine Augen sehen! Kornblumenblau und so groß!« – Sie zeigte den Umfang mit den Fingern. »Na, na, mütterliche Übertreibung!« – – »Oh, nein, Herr von Hase, in der Tat!« – – »Gnädigste Geheimrätin, Sie sind mir nicht kompetent! Selbst sehen überzeugt!« – »Zweifler!« – – »Na ja, bis jetzt sehe ich nur einen rosigen Gummiball mit einem elektrischen Druckknopf und einer hellblonden Mähne!« – – »So? Und die anliegenden, kleinen Öhrchen und die Händchen?« – – »Ach ja, sowas wie Öhrchen und Händchen scheint da zu sein. Das ist alles gut und schön! Jetzt bitte ich mir aber Kurt Otto Ernst Feller vorzuführen, der mir seine Geburt anzeigte!« –

»Mit Ihnen ist nichts anzufangen!« – murrte Lotte enttäuscht. Er bemerkte es: »Aber liebe teure Freundin, – meinte er lachend – ist denn die süße Puppe da wirklich und wahrhaftig ein Mensch?« – – »Alter Necker Sie! Nein, bis jetzt ist es allerdings nur eine Kaulquabbe; aber später wird es einer! Sie werden noch Ihre Freude an ihm haben!« – – »Das hoffe ich! Dann bitte den Bengel in Ehrfurcht und Liebe zu mir zu erziehen! Ich bin Pate und Erbonkel. Er soll die Freude und der Trost meines Alters werden!« – – »Wenn ich Sie nicht doch noch unter einen niedlichen kleinen Pantoffel bringe! – drohte Lotte – Gehen Sie mir um den Mund 'rum! Wer weiß, ob nicht mein Sohn später noch Ihre Tochter heiratet! Das heißt, vorderhand ist er so halb und halb versprochen! – – – – – Im übrigen, Häschen, da kommen noch mehr Gäste. Darum will ich Sie nur schnell darauf aufmerksam machen, daß wir Sie zu Tisch nicht fortlassen. Willi hat es mir auf die Seele gebunden! Gönnen Sie ihm ein bißchen die Zerstreuung. Er ist sehr nervös! Aus Rücksicht für mich geht er leider nie mit den Verwandten aus. Heute hat er mir zum ersten Male zugeschworen, daß er, wenn es geht auch Sie, die Dampfertour nach Treptow mitmachen. Wollen Sie?« – – »Mach ich mit Wonne! Und Sie, Frau Lotte?«

»Ich habe Ersatz genug in dem da! Komm, mein Sohn, meine »Abtei«, wir schieben Dich wieder in die Ecke. – Sie gab der Müller einen Wink. – Du bist eben mein Glück im Winkel!« – »Ah, Onkel Frede und Sie, Exzellenz, wie außerordentlich gütig von Ihnen, auch nach mir zu sehen?« – »Aber, meine gnädigste Frau, wer würde nicht eilen, wenn er zu unserem Liebling, unserer kleinen lieben Range, dürfte? Meine innigste Gratulation zum Thronfolger. Ein Sohn natürlich, tüchtige Frau in allem!« –

»Herr und Frau Geheimrat Grumburg? – – Onkel Admiralitätsrat? Nein, es ist zu liebenswürdig!« – – Lotte blieb in einem Begrüßen. Immer wieder wurde der Kleine gezeigt. Alle überboten sich in Komplimenten über »das Prachtkerlchen.« Viele fanden, er sei »die ganze Mama.« Viele, daß er unbedingt »der ganze Papa« sei. – Je nach dem Ausfall des Urteils triumphierte Frau Feller oder Frau Bach. Bald hieß es: »Sie sehen, liebe Bach!« – – Bald: »Aha, liebe Feller!« – – Jedenfalls strahlten alle drei Damen. Sie glaubten nur zu gern, was die Gäste beteuerten. Wie denn überhaupt die Menschen viel mehr geneigt sind, angenehme Schmeicheleien zu glauben als unangenehme Wahrheiten. – Als der Strom der Gratulanten sich verzogen hatte, atmeten alle auf. – – »Wie gut, daß mein Jungchen im Sommer geboren ist, wo alles verreist ist. So sind nur die Hälfte unserer Bekannten hier, sonst wäre das Sturmlaufen wochenlang gegangen! – Ist es nicht reizend von Grumburgs und Exzellenz, daß sie kamen. Erstere kommen von der Schweiz und gehen nach Scheveningen, sie sind nur auf drei Tage hier. Und das alte Herrchen ist extra von Potsdam 'reingekommen.«

»Sie sehen eben, daß alle Sie lieben!« – wandte Hase ein. – »Mich? Ich danke, Herr Franke! Ah, da kommt aber das Beste, das Schönste!« – – »Wo, wer?« – –

Doktor Feller trat ein. Er nahm die ihm entgegeneilende Lotte in die Arme und küßte sie.

»Mein Liebstes, nun, Du bist so heiß und erregt! War es auch nicht zuviel?« – – »I bewahre, Willi! Aber nun unterhalte unsern lieben Gast. Ich ziehe mich mit unserm Sohn eine halbe Stunde zurück!« – – – »Was hast Du denn da für ein Packet?« – – »Ich?« – Willi, der nach kurzer Begrüßung der anderen an den Wagen getreten war und Kurtchen glücklich anschaute, lachte etwas verlegen – »Es ist etwas« für später. Ich sah ein so niedliches Spielzeug im Schaufenster und brachte es mit, damit man es mir nicht wegkauft!« – – Er spielte mit dem Kinde. Seine Gattin entknotete die Schnur, wickelte aus und las die Aufschrift auf der Pappschachtel. – Sie lachte hell auf:

»Willi, Schatz, Du bist ein Hauptkerl! Wißt Ihr, was er Kurt mitgebracht hat? Eine kleine Feuerspritze mit richtiger Dampferzeugung und Benzinmotor! – Vor fünfzehn Jahren spielt mein Junge aber damit sicher nicht. Willi, Willi!« – – Alle lachten. Er aber sagte errötend und zürnend: »Es ist ja auch für später!« – – »Und dafür giebt der Mann zehn Mark aus! Unsere Praxis scheint zu gut zu gehen! Ja, ja, Müllerchen, machen Sie nicht solch böses Gesicht. Ich komme schon!« – – Lotte eilte hinter der Wärterin her, welche mit dem Wagen abzog.

Frau Feller blieb zum Mittagessen da, während Lottes Mutter sich von den Herren verabschiedete. Sie hatte häusliche Pflichten und war für den Nachmittag und Abend durch die Verabredung in Treptow auch bereits gebunden. So überließ sie ihrer Rivalin nur ungern das Feld und gab ihr vorerst noch eine ganze Anzahl von Ermahnungen und Verhaltungsmaßregeln. Willis Mama, die heute den Tag über bei der Schwiegertochter blieb, ließ alles über sich ergehen. – Ihre stille, fein lächelnde Art ärgerte, ja kränkte die feurige Geheimrätin bitter. Sie eilte noch einmal in das Schlafgemach, wo Lotte dem Kleinen sein Mahl verabreichte. Hier nahm sie sich die Pflegerin vor: »Also, meine beste Frau Müller, Sie achten streng darauf, daß Frau Doktor nach Tisch schläft und dann hier auf dem Divan liegen bleibt. Besuch wird nicht mehr angenommen! Es war heut genug Trubel! Ich werde Agnes noch instruieren, damit sie alle abweist, wenn Sie mit Kurtchen an die Luft gehen! – – – – – Und sei vernünftig, Lotte! Laß nicht wieder die Suppe stehen! Geh um acht Uhr ins Bett. Du brauchst ja nicht zu schlafen, sondern kannst auch liegend mit Mama plaudern. Schwatz Du nicht soviel, Du warst heute schon ohnehin zu lebhaft!« – – »Schon gut, Wonnchen! Wird alles befolgt! Sieh nur, wie artig mein Sohn trinkt!« – – »Ich werde aufpassen, gnädige Frau! Amüsieren Sie sich nur unbesorgt. Ich bin energisch und zuverlässig. Alle Doktoren empfehlen mich!« – versicherte die Pflegerin gekränkt. – – »Gewiß, liebe Frau Müller, das weiß ich! Ich schwöre auf Sie. Ich bin nur wegen der Frau Feller ein wenig ängstlich. Die prächtige Frau hat immer so von der Welt zurückgezogen gelebt. Sie ist so außer Übung, weiß mit kleinen Kindern so wenig Bescheid – – – –« – – »Aber, Muttchen, – wandte Lotte ein – Mama liebt das Kind und mich so sehr. Die – – – fügt uns gewiß keinen Schaden zu!« – – »Natürlich! – rief nun Frau Bach – So lebt denn wohl! Adieu, mein geliebtes Kind! Adieu, mein herziger Sonnenschein! Morgen früh kommt Großmama und badet Dich! Gott schütze Dich!« – – »Kommen sollst Du, Wonnchen, selbstverständlich! – entgegnete Lotte wieder energisch – Aber von morgen an bade ich mir meinen Jungen allein. Ich bin jetzt so wohl und stark, daß ich ohne Angst ruhig um halb neun Uhr aufstehen werde. Willi hat es erlaubt!« – –

Etwas bedrückt empfahl sich Großmama Bach. Sie fühlte, als hätte sie ein kleines Fiasko erlitten. – Kaum hatte sie sich verzogen, so erschien Großmama Feller. Etwas eingeschüchtert setzte sie sich neben ihr Enkelchen und meinte zärtlich und bittend: »Laß Dich nicht stören, Herzenslottchen! Betrachte mich als garnicht vorhanden. Ich will ja nur Dich und den Kleinen sehen!« – – Ihre weiche Art rührte die junge Frau tief. »Wir beide sind glücklich, daß Du vorhanden bist, Mamachen, Du gehörst doch zu uns!« – – Lotte löste vorsichtig ihre rechte Hand und reichte sie schnell der Schwiegermutter. – Jetzt war diese so erschüttert, daß sie um ein Haar die kleine, weiße Patsche geküßt hätte. »Brauchst Du nichts, garnichts, meine Lotte? Wünsch Dir doch irgend etwas! Was es auch sei?« – –

»Gut, Mamachen, so wünsch ich, daß Du uns Deine Liebe bewahrst, und vor allem mit dem Geschenke aufhörst! Es bedrückt mich nachgerade, wie Du uns verwöhnst! Und dann noch eins: Hilf mir meinen Willi überreden, daß er noch auf zehn bis vierzehn Tage fortreist und sich gründlich erholt. Ich finde ihn sehr nervös und abgespannt!« – – »Aber jetzt gerade?« – zweifelte Frau Feller. – »Grade jetzt! In der Praxis kommt er jetzt, in den Ferien, am leichtesten ab. Das Wetter hier ist grauenvoll, und er läßt mich doch nicht gerne auf ein paar Stunden allein! – – – – – Kurt und ich sind gut im Gange. Frau Müller ist noch eine Woche da, und Du kannst zur Beaufsichtigung zu uns ziehen!« – – »Aber?« – – »Kein Aber, Mama! Ein Mann muß auch einmal fort von der Familie! Jetzt die Kleinkinderwirtschaft ist auch nichts für einen Arzt, der todmüde und abgehetzt nach Hause kommt, und Ruhe haben soll! Bis jetzt ist mein Alter noch begeistert. Wenn er aber weiter im Joche und nervös bleibt, dann wird er, ohne daß er es will, ins Gneddern kommen! Ist er dagegen ein Weilchen 'raus gewesen, und kehrt frisch und erholt heim, so findet er uns noch tausendmal schöner, nicht, mein Kurtchen?«

Lotte beugte sich über ihr Söhnchen und küßte es leise. Aber auch Frau Feller erhob sich, und küßte Lotte auf die Stirn: »Wie glücklich können wir mit Dir sein, mein Sohn und ich!« – murmelte sie tiefbewegt. – – »So wirst Du mir helfen, ihn zu überreden?« – – »Ich werde es tun!« – –

Willi und Herr von Hase hatten sich, jeder mit einer Zigarre, in den Erker gesetzt, der an das Sprechzimmer grenzte. Beide schauten in den strömenden Regen hinaus und hingen ihren Gedanken nach. »Das ist ein Wetter! – sagte Feller endlich. – Wir haben keinen kalten Sommer, sondern eher einen warmen Winter!« – – »Recht geistvoll bemerkt!« – – »Na, hören Sie mal, lieber Hase, verlangen Sie etwa von mir noch Geist?« – – »Aber ganz entschieden! Wozu habe ich Sie eigentlich studieren lassen? Ihr Söhne der alma mater seid doch darauf patentiert! Wir armen Kommißstiebel und Krautjunker haben ihn nicht nötig. Wir bauen unsern Kohl, schimpfen über die schlechten Zeiten und holla!« – entgegnete Hase bitter. – »Zu beneiden sind Sie gegen uns!« – meinte jetzt Willi geärgert. – »Ich tausche gern mit Ihnen, das heißt beruflich! Unser Leben ist kaum ein Leben mehr! Nur ein Pflichtenkreislauf! So lange die Herren Patienten um ihr süßes Ich zittern, sind wir die Guten. Spüren sie keine Schmerzen mehr, werden wir abgelohnt und vergessen! Und hört unser Wissen und Können auf, weil die Natur anders will, so sind wir die Stümper und werden verwünscht!« – – In heller Bitterkeit warf der junge Arzt seine Zigarre in die Aschenschale. – –

»Nette Stimmung haben Sie, armer Freund! Gerade jetzt sollte Ihnen die Welt wie ein Paradies sein! Und sie wäre es, wenn ich nicht eben Arzt wäre! Mein Weib und mein Kind sind das Höchste! Wenn man so um beide zu zittern hat in den schweren Stunden, dann weiß man erst intensiv, was einem eine solche Frau ist!!« – – Hase unterdrückte einen schweren Seufzer. Das weiß man erst, wenn sie einem ein Andrer wegheiratet – dachte er, und sagte laut: »Mumpitz! Ärger giebt es in jedem Berufe. Hätten Sie als Offizier oder Beamter von Ihrem Vorgesetzten eine Nase bekommen, so würden Sie auch verwütet sein!« – – »Gewiß, Ärger hätte ich wohl, aber nicht solche Schmerzen, solch Leid!« – – »Ja, ja, allzu menschenfreundlich soll man als Arzt nicht mehr sein, sonst nutzt man sich zu früh ab. Und andererseits: nehmen wir die Kehrseite der Medaille! Wenn Sie einen Patienten gerettet haben, he? Durch Ihr Wissen, Ihr Können von Schmerzen befreit?« – – »Wunderbar!« – sagte Willi tiefatmend. – – »Aha! Und wenn Sie einem Bengel wie meinem Paten zum Leben verholfen haben, der Welt eine solche Mutter, solchen Sohn geschenkt? Ist das noch nischt?« – –

Fellers schönes Gesicht verklärte sich plötzlich. Er strahlte vor Freude. »Ich sage Ihnen!« – fuhr der Besucher fort – »Mutterglück ist kein leerer Wahn! Donner ja! Als ich so heute kam, und ich kam mit einem gewissen Schauder. Sie wissen: Kleinkinderluft etc. etc.! Aber als ich das blühende, holde, glücksstrahlende Weib, das rosige Kind sah – – – – – Alle Wetter! – – – – – Ja, ja, lieber Feller! Ich erwartete Sie strahlend und selig, und meine alte Flamme: Frau Lotte, bleich und abgezehrt, wenn auch glücklich zu finden! Gerade umgekehrt ist es! Ihre Gattin – – – das strotzende Leben! Und doch so – – – so – – gehoben, so von innen durchleuchtet von geheimer idealer Lust! Und Sie – – – der blasse Wöchner! Schämen Sie sich!« – – »Sie haben recht, ich tue es auch! Mein Kurt! Meine Lotte!« – – »Aha, nun sehen Sie anders aus! Sie haben sich schon vorher zu sehr innerlich abgeängstigt – kann es mir denken! – Nun kommt die Reaktion! Wissen Sie was, Sie müßten ein paar Tage raus, reisen! Fahren Sie an die See, baden Sie! Oder gehen Sie ins Gebirge, lüften Sie sich aus! Na, wie das Rezept? – – Wie Nathan der Weise komme ich mir vor!« –

»Beinah sind Sie es, lieber Freund! Ich fühle mich in der Tat entsetzlich herunter! Aber wo kann ich jetzt ans Reisen denken? Lotte wäre zu gut und zart, um ihre Enttäuschung zu zeigen, im Gegenteil! Sie könnte mit Recht beleidigt sein. Sie, die Ärmste, hatte die Leiden, hat die Arbeit mit dem Jungen, ist durchs Nähren ans Haus gefesselt! Und ich, der nur die Freude an allem hat, ohne die Lasten – – – ich soll mich amüsieren? Nie, nie! Das wäre Unbescheidenheit und krassester Egoismus!« – – »Quatsch« – entgegnete Hase gemütlich – verdammte Pflicht wäre es. Selbsterhaltungstrieb für sich und dadurch für Ihre Familie. Sie beherrschen sich, spielen Komödie, um sich nicht zu verraten, und kommen immer mehr ab, werden zum Tyrannen! Lassen Sie nur gut sein, ein paar Wochen weiter, wenn Frau Doktor nicht mehr so gänzlich von der Neuheit der Mutterschaft ausgefüllt ist, wird sie schon Lunte riechen, und Sie an die Luft setzen!« – –

»Hören Sie, Hase, ich drehe Ihnen den Hals um, wenn Sie meine Frau auf meinen Zustand aufmerksam machen. Sie braucht selbst die größte Schonung. Wenn Sie hetzen, so können Sie ihr und dem Kinde schaden!« – warnte Willi erregt. – »Ich rede keinen Ton! Das fehlte noch!« – meinte dieser. Dann bewegte sich das Gespräch auf unpersönlichen Bahnen, bis Lotte, Arm in Arm mit der Schwiegermutter, wieder in das Zimmer kam. – »So, nun kann ich mich wieder Ihnen widmen. Unser Sohn schläft und beschäftigt sich mit Gedeihen. Hoffentlich essen wir bald! Und gut?! Häschen, Sie als Intimus müssen heute vorlieb nehmen. Umstände haben wir nicht machen können. Mein Muttchen hat die ganze Zeit noch Hausfrau gespielt. Ich setze mich heute zum ersten Male wieder als Gast mit an meinen Tisch!« – – »Das ist ja also heute demnach ein Familienfest? Verehrte Frau Lotte, dann kann ich mir ja was darauf einbilden, zugelassen zu sein!« – »Natürlich, das können Sie auch!« – »Sie rechnen eben wirklich zu unsern Intimen!« – sagte Willi. –

»Ich danke Ihnen für dies Wort, Feller!« – – »Ich bitte Sie, wenn dies nicht der Fall wäre, so hätten wir Sie doch nicht zur Gevatterschaft gebeten. Wir wollten Sie und Ihre Freundschaft damit fest an unser Haus binden!« – – »Verlassen Sie sich auf mich! – entgegnete Hase ernst – Und nun habe ich eine Bitte?« – – »'raus damit!« – – »Hm!« – meinte er plötzlich verlegen. – – »Na, Häschen, sprechen Sie, sonst bin ich beleidigt!« – – »Es war Unsinn« – stotterte er. »Wollten Sie uns das Du anbieten? – fragte Lotte – Dann würden Sie uns nur zuvorkommen. Sonntag, wenn unser Kurtchen getauft wird, wollten wir, Willi und ich, Sie beim Champagner darum bitten. Es soll ein Freundschaftsfest sein, daher haben wir nur die Paten und die allernächsten Verwandten und Freunde gebeten!«

»Hm! – räusperte sich der Gast ergriffen – Tun Sie mir einen Gefallen! Ich weiß, daß Sie einen gut assortierten Weinkeller haben. Und von meiner Offizierszeit her bin ich daran gewöhnt, alle feierlichen Gefühle mit Sekt zu begießen – – – – – – Heute ist auch ein Festtag. Unsere Hausfrau präsidiert wieder, und ich darf dabei sein. Mir ist heute schon so feierlich, als stände ich am Altar. Schmeißen Sie eine Pulle, Feller, lassen Sie uns heute Brüderschaft trinken, damit ich Sonntag schon dazugehöre!?« – – »Großartige Idee! Mich gelüstet es auch nach einem guten Trunk! Man kann nicht früh genug, mit etwas Gutem auf Kurt anstoßen!« – rief Willi und eilte hinaus.

Sie saßen eine halbe Stunde später am Tisch im Speisezimmer. Nach dem Braten schenkte der Hausherr den Sekt ein, und er wie seine Lotte tranken auf »Du und Du« mit dem treu ergebenen Gaste. Dann küßten sie sich. Hase war auf das Tiefste erschüttert. Er hatte seine langjährige, leidenschaftliche Liebe für Lotte endlich nach heißen Kämpfen unterjocht. Heute wandelte er sie mit stillem Gelübde in treue Freundschaft um. Darum durfte er es wagen, den blühenden, roten Mund, der sich ihm unbefangen bot, zu küssen! Trotzdem wurde er bleich. Mit gehobenem Haupte schaute er ernst in Willis Augen. Beide sahen sich eine Sekunde prüfend an. Dann küßten sie sich. »Ich bin Dein Freund!« – sagte Hase. – »Ich der Deine!« – erwiderte Willi. Sie hatten sich verstanden. – Alle waren zu Frau Fellers Verwunderung nicht in der übermütigen Laune, welche der Champagner verleiht, sondern plauderten ernst. – Draußen goß es vom Himmel. Es wurde so dunkel, daß Willi das Gas ansteckte. Jetzt betrachteten sie sich alle im hellen Scheine des Kronleuchters.

»Mamachen und Hugo, Ihr müßt mir einen Liebesdienst erweisen! – bat Lotte. Seht Euch nur meinen Liebsten an, wie blaß und schmal der aussieht!« – – »Ich? Welche Idee!« – – »Ja, Du, Willi! Denkst Du, ich bin blind? Ich, die jeden Atemzug, jeden Laut der Stimme an Dir kennt? Vor Kurtchen warst Du schon erschreckend nervös und hast Dich vor mir immer als Held aufgespielt! Und jetzt mußt Du auch Unannehmlichkeiten haben! Ich habe es wohl gemerkt; und wenn ich trotzdem nicht fragte, so geschah es um des Kindes willen! Ich darf mich nicht aufregen!« – – Beide Herren wechselten einen raschen Blick. – »Aha!« – rief Hase. – »Darum bestehe ich darauf, daß Du ein bißchen herauskommst! Sonntag bei der Taufe mußt Du natürlich dabei sein; aber Montag reist Du fort. Ja, liebster Herzensschatz? Bitte, helft mir ihn überreden, bitte!!« – –

Natürlich boten die beiden andern ihre Beredsamkeit auf. Willi wurde überstimmt und gab nach. Er versprach, auf einige Wochen Erholung und Zerstreuung zu suchen. Leise küßte er Lottes Haare in aufrichtigem Dankgefühl. »Dann bleibst Du aber allein. Deine Mama reist. Die Geschwister wollen fort. Deine Freunde sind fort!« – – »Ach, dummer Schatz, mir bleiben mein Sohn, unsere Mutter Etepetetchen, Greifs und Seffmanns. Deine Lotte wird es daheim schon aushalten!«

Bald nach der Mahlzeit klärte sich das Wetter auf. Die Sonne brach durch. Lotte trieb die Herren, schleunigst nach Treptow zu fahren. »Man muß die guten Pausen benutzen! – sagte sie weise – Ich bin überzeugt, die andern warten schon in der Abtei auf Euch! Und ich brauche Ruhe! Du, Mama, schläfst in Willis Zimmer ein bißchen; ich gehe zu meinem Trost- und Ersatzkinde, versorge meine kleine ›Abtei‹ und schlafe dann auch! Ganzes Bataillon kehrt! Marsch, marsch! Addio, mein Willi! Lebe wohl, Hugo, also am Sonntag. Sei pünktlich, der Pastor will Punkt halb vier Uhr hier sein und die Taufe vornehmen. Er soll noch zum Diner dableiben und muß von uns aus wieder in die Kirche, um den Abend-Gottesdienst abzuhalten!« – – »Ich werde zur Zeit da sein. Auf Wiedersehen, Lotte, grüß mein Patchen! – – – – – Meine gnädigste Frau, ich habe die Ehre!«

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