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Die Berliner Range. Lotte als Mutter! Band XII.

Ernst Georgy: Die Berliner Range. Lotte als Mutter! Band XII. - Kapitel 5
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typefiction
authorErnst Georgy
titleDie Berliner Range. Lotte als Mutter! Band XII.
publisherVerlag von Rich. Bong
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
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Kapitel III. Kurt Otto Ernst Feller

Alles nahm in den nächsten Tagen seinen normalen Verlauf. Mutter und Sohn gediehen prächtig. Es gab für Doktor Feller kein heiligeres und schöneres Bild, als wenn seine Lotte mit ihrem Sohne im Arme dalag und mit ihm plauderte. – Ihr übersprudelnder Übermut, ihr stark ausgeprägter Widerspruchsgeist war einer innigen, beinah feierlichen Anmut gewichen. Als er sie eines Tages fragte, ob sie nun immer so sanft und so ernst sein würde, blitzte etwas von dem alten Schelm in ihr auf: »Ich weiß es nicht, Liebster! Leider kann ich in dieser Beziehung auch für mich gar keine Garantie leisten! Aber jetzt sprossen in mir noch so neue wonnige Gefühle. Mir ist, als ob alles, alles, was ich je gedacht und gefühlt, sich in mir bis zur Unendlichkeit vertiefe! Die Liebe zu Dir ist anders geworden – – – – edler, dankbarer! Und die Welt scheint mir anders, vielleicht weil ich meiner Bestimmung Ausdruck gegeben. – Neues Leben durch mich! Ach, Willi, wenn der Junge so trinkt, dann zieht solch heiliger dankbarer Frieden in mich ein. Alles wird zum Gebet, zur Bitte und gleichzeitig zum Dank.« – – »Meine Lotte!« – – »Mein Willi, sieh 'mal, vielleicht ist es noch so komisch in mir, weil der Junge noch so hilflos ist! So ganz von mir abhängig! Später, wenn er selbständiger wird, habe ich ihn doch nicht mehr so. Da hat er seinen eigenen Willen! Darum will ich diese von mir so ganz abhängige Zeit unseres Kindes auskosten. Für mich als Mutter ist es die schönste! – So lange ich ihn nähre und bis zum ersten Jahre besorge ich den Jungen allein! Ganz allein! Ich habe schon mit Mama gesprochen, und sie stimmt mir zu. Darum wird sie kein Kindermädchen, sondern ein tüchtiges, erfahrenes Stubenmädchen zum ersten besorgen. Die kann die Praxis beachten und die Stauberei etc. verrichten. – – – – Aber einer fremden bezahlten Person vertraue ich diese erste Kindheit nicht an. Diese Atmosphäre von Liebe, Geduld und Fürsorge, die solch kleines Wesen braucht, kann nur die Mutter geben. Und die lasse ich mir auch nicht rauben!«

Lotte sah den Gatten zweifelnd und forschend an. Er neigte sich zu ihr: »Was soll dieser Blick und dieser angstvolle Ausdruck auf Deinem Gesicht bedeuten, Geliebtes? Sprich Dich aus, bitte!?« – – Sie betrachtete etwas verlegen ihr Kind und strich zart seine seidenweiche, lichtblonde Haarmähne aus der Stirn: »Aach!« – – »Na? Lotte, sprich. Du kannst es ja doch nicht für Dich behalten! Bei Dir muß alles ans Tageslicht, also los! Katz, bitte??« – – – »Sieh, Herzensmann, – sagte sie nach einer kleinen Pause – die Mama hat mich da vor einem Zuviel gewarnt. Vielleicht hat sie recht!« – – »Was für einem Zuviel?« – – »Na, ich soll 'mich nicht zu sehr dem Jungen widmen. Dieses Übermaß von Liebe nähme meine ganze Zeit und mich selbst ganz in Anspruch, da kämest Du vielleicht etwas zu kurz! Du bist jung, gehst einem schweren Berufe nach und brauchst Zerstreuung. Wenn ich aber nicht immer so mit Dir in die Theater, Konzerte und Gesellschaften gehen kann, so riskiere ich entweder, daß Du Dich langweilst oder – – – daß Du Dich vom Hause fort gewöhnst, kurz Deine Liebe!« – –

Willi lachte hellauf und konnte sich kaum beruhigen: »Jetzt möchte ich einmal Deinen Lieblingsausdruck gebrauchen, Lotte, und zu Dir – Schöps – sagen!« – – »Bitte, genieren Sie sich nicht, mein Herr und Gebieter!« – – »Du gestattest also? Ja, Du dummer, dummer kleiner Schöps, der Kasus macht mich wirklich lachen! Es giebt für mich kein größeres Ideal, als den Gedanken an eine so bedingte Häuslichkeit! Du, Kurt, ich, immer gemütlich daheim, ein paar liebe Gäste dazu – – – einfach herrlich! – – – Du weißt garnicht, wie ich darunter oft innerlich gelitten habe, wenn ich Dich immer teilen mußte. Von allen habe ich stets am wenigsten von Dir gehabt! Ja, ja, Du!« – – »Aber, Willi?« – – »Bist Du nun beruhigt? Es wird ideal im Herbst und Winter, wenn wir in unserm gemütlichen Wohnzimmer sitzen, uns etwas vorlesen, und unser Bengel steht im Wagen daneben!« – – »Ja, das wird schön!« entgegnen sie träumerisch.

Die Pflegerin kam in das Zimmer. Sie hatte das Badewasser des Kindchens hinausgebracht und überschaute nun das Gemach. »So, der Junge kommt jetzt in den Wagen – sagte sie und trat an das Bett der jungen Frau – »Na, Frau Doktor, so ein ernstes Gesichtchen? Das paßt für Sie garnicht! Haben Sie wieder mit dem Herrn Gemahl philosophiert? – – – – Da wollen wir Sie auf andere Gedanken bringen! Ich denke, Herr Doktor, unsere kleine Mama ist jetzt schon so weit und kann die Briefe hören, welche zu des Erbprinzen Geburt eingetroffen sind!?« – – »Sie haben Recht, Frau Müller!« – meinte Willi – »Es sind wirklich so drollige dabei, daß meine Frau sich sehr amüsieren wird! Ich muß leider gleich in die Klinik; aber meine Schwiegermutter hatte versprochen, um zehn Uhr hier zu sein!« – – »Frau Geheimrat ist gerade gekommen und spricht mit Agnes wegen des Mittagessens.« – – »So? Dann werde ich Sie begrüßen und ihr die ganze Schale mit Gratulationen herbringen. Sie wollte sie auch noch einmal hören! Lebewohl, mein Herzenslieb, bleib mir gesund! – Ich telephoniere ein paarmal an und bin, wenn es irgend geht, um halb drei Uhr wieder hier!«

Der glückliche Gatte beugte sich über Lotte und küßte sie. Dann ging er zu dem Wagen und betrachtete seinen schlafenden Sohn. – »Er ist schon ganz weiß geworden! – konstatierte er – wirklich, ein bildhübscher Kerl. Du solltest nur sehen, wie graziös er die geballten Fäustchen an den Blondkopf preßt.« – – »Ja! – bestätigte Frau Müller – Ich komme doch soviel rum und sah in meinem Leben schon hunderte von so kleinen Kindern; aber dieser ist wirklich ganz besonders kräftig entwickelt!« – Sie versicherte das Gleiche zwar in jeder Familie; aber die stolzen Eltern glaubten ihr nur gar zu gern.

»Unberufen!« – sagte Lotte aus tiefster Seele und faltete unwillkürlich die Hände.

Und – »Unberufen!« – wiederholte die eintretende Großmutter Bach. Sie ging auch zuerst zu dem Kinde und dann zu ihrer Tochter. »Muttchen – sagte diese – ich wollte, Du wärst dabei gewesen, sonst glaubst Du es am Ende nicht! Ich schwöre Dir, wenn ich es nicht gesehen hätte, mit eigenen Augen gesehen, ich würde es keinem glauben!« – – »Was denn, Kind?« – – »Nicht wahr, Frau Müller, als Sie mir heute den Jungen brachten, damit er trinken sollte, da hat er mich ganz verständig angesehen und ein bißchen gelacht! Wa-haftig, Muttchen!« – – Frau Bach und die Pflegerin blickten sich an und lachten beide. – – »Ich glaube, er wird ein bißchen Leibschneiden gehabt haben! Sei kein Närrchen, Lotte!« – – »Natürlich, Ihr glaubt es mir nicht; aber ich weiß, was ich weiß! Kurt ist doch auch schon neun Tage alt, so klein ist er garnicht mehr!« – –»Na eben, wenn wir aufstehen in drei vier Tagen und uns auf den Divan legen und ein paar Gäste empfangen, dann begrüßt unser Erbprinz sie auf englisch!« – scherzte die Müller.

Willi kam noch einmal im Hut herein und brachte der Schwiegermutter eine große, tiefe, silberne Schale mit Briefen: »Hier, Mama, wir haben Lotte noch keinen Glückwunsch vorgelesen. Sie sollte erst frischer werden; aber es geht ihr ja Gottlob so gut, daß wir es wagen können. Nicht wahr, Frau Müller, ein bißchen Lachen kann ihr doch nicht schaden?« – – »I bewahre, Herr Doktor! Ihr Frauchen ist ja so gesund und vernünftig!« – meinte diese – »Beinah aufstehen könnte sie! Solch leichte Pflege habe ich überhaupt noch nicht gehabt!« – – »Dann also nochmals: auf Wiedersehen, meine Herzlieben! Auf Wiedersehen, Katz!« – – »Leb Wohl, Liebster!« – –

Frau Geheimrat setzte sich in den bequemen Stuhl, den man an Lottes Bett gestellt hatte.

»Herrlich!« – sagte sie freudestrahlend – Das ist wie ein Traum vorübergegangen, nicht wahr, Kind, die paar Stunden Schmerzen vergißt man schnell genug, wenn man dann so ein Kleines hat!« – – »Na ob!« – – »Und Du bist viel zu vernünftig, um Dich nach dem Trubel zu sehnen, den wir jetzt haben. Alfreds Braut gefällt allgemein ausgezeichnet. Wegen des schlechten Sommers sind doch schon eine ganze Menge zurückgekommen, so daß wir jetzt wie im Winter mit dem Brautpaar bummeln.« – – »Wo seid Ihr heute?« – – »Heute gehen sie alle erst in das Metropoltheater und dann in den Kaiserkeller. Es ist schade, daß Ihr nicht mit von der Partie sein könnt!« – »Ja, Muttchen, einerseits ist es furchtbar schade; aber andererseits bietet mir mein Kleines, mein Kurtchen, doch reichsten Ersatz. So muß er mir heute den Kaiserkeller ersetzen!« – – »Er wird sich Mühe geben! Hör nur, wie er im Schlafe schmatzt! Kleiner Fresser!« – – Lotte lauschte: »Zu süße Tönchen giebt er von sich! Mein geliebter Kaiserkeller!« – –

»Soll ich jetzt die Briefe vorlesen?« – fragte die Großmama und nahm einige, die obenauf lagen. Auf Lottes bejahendes Kopfnicken ergriff sie den ersten und begann:

»Oberleutnant Friedrich Haffner und Frau sprechen ihre verbindlichsten Glückwünsche zur Geburt des ersten Sohnes aus.«

»Verbindlich? Zu dumm und steif für einen Jugendgespielen, mit dem man sich braun und blau gehauen hat! Das schmeckt mehr nach Rollmops als nach Fritz! Das heißt, er war auch ein steifer Bock geworden!« – sagte Lotte entrüstet. –

»Hier, der Brief ist an Kurt selbst adressiert!« – – »Von wem?« – – »Lulu Rabe!« – – »Ach, den lies vor, Wonnchen, der ist sicher nett!« – rief die junge Frau und rückte sich in eine bequemere Lage. – »Brauchst Du irgend etwas?« – – »Nein, danke!« – – »Also, höre: Hochgeehrter Herr!

Beide lachten herzlich, auch Frau Müller stimmte ein. Sie dachten des kleinen Blondkopfes mit der starken Tolle, der da so süß schlummerte und schon als hochgeehrter Herr bezeichnet wurde.

Hochgeehrter Herr! – Nehmen Sie unsern herzlichsten Dank für Ihre überaus liebenswürdige Benachrichtigung von Ihrem Eintreffen in diese Welt. Wir hoffen, daß Sie dazu einen Expreßzug benutzten und ohne irgend eine Entgleisung oder sonst den geringsten Unfall glatt zu erwarteten Stunde einpassierten! – Zu diesem vernünftigen Entschluß gestatten wir uns, Ihnen unsere innigsten Glückwünsche auszusprechen. Sie haben nicht nur Geist und Energie bewiesen, wie aus Ihrer so richtigen Anzeige hervorgeht, sondern Sie zeigten eine nicht genug zu schätzende, nachahmenswerte Vorsicht in der Wahl des Hotels: ›Elternhaus‹, welches Sie sich erwählten! Wir bitten Sie, diese Adresse der Firma Storch für noch mindestens drei bis vier weitere Reisende zu empfehlen. Wenn wir auch überzeugt sind, daß Ihnen als einzigem vorläufigen Gaste nichts abgehen wird, so ist es immer ratsam, sowohl was Verpflegung, als was geselligen Verkehr anbelangt, daß der Mensch nicht allein bleibe! –

Ihre lieben Wirte stehen in dem besten Rufe. Herrn Willi-Vater wird als einzige, allerdings nicht zu unterschätzende Schwäche allzu große Verliebtheit in eine frühere Lotte Bach nachgesagt. Einem Manne, der von seinem fünfzehnten Jahr an bis heute ohne Unterbrechung der gleichen Leidenschaft fröhnt, ist mit Vorsicht zu begegnen. Eine einzige unvorsichtige Äußerung Ihrerseits zu besagter Dame könnte in Ihrem Wirte Zornausbrüche hervorrufen. Eine unbedachte Handlung vielleicht sogar spätere tätliche, eigenhändige Klatschprozesse, die Ihrem unteren Rückenteile gefährlich werden dürften. Also hüten Sie sich, geehrter Herr Feller! – Sonst konnten wir von dem Äußern, dem Charakter und der Lebensführung Ihres jetzigen Majordomus nur das Beste erfahren. Er soll sogar als Primus durch das Gymnasium gewandelt sein, was für den Herrn Gemahl seiner Frau Schwiegermutter Tochter nicht glaublich zu sein schien!

Was nun Ihre momentane Brotgeberin und Verweserin anbetrifft, so können wir eigentlich als nahe Freunde belastende Aussagen verweigern. Wir sind jedoch der Ansicht, daß ein so makelloses Nachleben das sündigste Vorleben wettmacht! Daher können wir offen mit der Sprache heraus. Frau Lotte Mutter zeichnete sich stets durch das tadelloseste, bescheidenste Benehmen aus, wenn – – – – sie schlief! – – Die unseligen Schullehrer der Dame, besonders die der unteren und mittleren Klassen, waren sich stets einig über ihre Begabung, ihre Ordnung und musterhafte Stille in den Lehrstunden, die immer eintrat, wenn sie fehlte! Ihr Drang nach losen Streichen, ihr wahrhafter Heißhunger nach Zwischenpausen, Näschereien und besonderen Rüpeleien sollen noch heute an der Annenschule vorbildlich sein! Die überraschende Umwandlung, welche nach dem energisch vollzogenen Schulwechsel benehmend zum Guten eintrat, erregt noch bis zur Stunde staunendes Kopfschütteln. Sie soll auf plötzlicher und dann chronisch gewordener Lähmung der Faulheitsnerven beruhen! – – – – – – Alle sonstigen schlechten Eigenschaften der Dame, wie Güte, Schelmerei, Treue, Geist und Mitgefühl für alles und jedes, erwarben ihr die aufrichtige Liebe aller, welche sie kennen. – Wir können Sie, verehrter Mitbruder, daher trotz allem vertrauensvoll dieser Frau von »Berliner Range« und Würden an die Brust legen! –

Möge Ihnen Hôtel Elternhaus zum Paradies, mögen Sie den Wirten zur Quelle aller Freude und allen Segens werden. Dies wünschen Ihnen innigst die treusten Thüringer Freunde des Fellerschen Hauses.

Ihre Ihnen in ausgezeichneter Wertschätzung

ergebenen
Raben.«

»Nein, der Brief ist entzückend! – jubelte Lotte – Den heben wir auf, und ich antworte in Kurtchens Namen!« – – »Ja, reizend! Doch nun höre weiter! Hier ist auch ein Schreiben an unser Kind von Hugo von Hase, Leutnant der Reserve, Gutsbesitzer auf Lanken.« – – »Von Häschen, meinem Getreuen, lies vor!« – bat Lotte errötend.

»Lieber Kurt! Gottes Segen mit Dir und Deinen verehrten Eltern! Mensch, Du bist zu beneiden! Solche Mutter, Du kannst Dir gratulieren! Werde ihr ganz ähnlich, und wir können uns gratulieren. Dies letztere ist pro domo Welt, also unegoistisch gedacht, mein innigster Wunsch für Dich! – Gleichzeitig erlaube ich mir, ein Rehchen, selbstgeschossen, und ein Schock frisch gelegter Eier an Deine Adresse abgehen zu lassen. Nimm sie, wie sie geboten werden, gern entgegen! Die Aufforderung Deines lieben Vaters, bei Deiner Taufe die Patenschaft zu Übernehmen, wird mir zu einem köstlichen Geschenk! Ich komme ihr mit Wonne nach! Also, lieber Pate, sei geküßt, empfiehl mich der entzückenden Frau Mama und dem wertgeschätzten Papa.

Immer Dein Patenonkel, Hagestolz und Kohlbauer auf Lanken!

Übrigens die Schulferien verbringst Du später bei mir! Abgemacht!« –

»Ein rührend guter Mensch! – sagte Lotte ergriffen – Wie freue ich mich, daß Willi bei ihm zur Jagd war, und daß die beiden sich so warm angefreundet haben. Die Eifersucht war ganz unangebracht! Er ist lauter wie Gold und treu. Willi schätzt ihn jetzt besonders, denn die Bitte, daß er Kurtchens Pate werden sollte, ist nicht von mir inspiriert. Er kam von selbst darauf und schrieb gleich am ersten Tage nach der Geburt unseres Jungen an ihn. Die Geschwister nehmen es nicht übel, daß sie nur Freßgevatter werden!« – – »Übel? Unsinn! Im Gegenteil! Alfred und Else und Hase und Else Heinrich geben ein ausgezeichnetes Quartett. Wenn Franz Haffner nicht zur Schutztruppe gegangen wäre, hättest Du ihn doch auch gebeten?« – – »Sicher! Aber der Korb, den er sich geholt, hat den armen Jungen ganz kopfscheu gemacht. Kaum hatte er sein Nein fort, so kam ihm die Idee des Tropendienstes. Seine Konnexionen halfen ihm, und fort ist er – – – – schade! Ein lieber treuer Mensch ist auch er!« – – Frau Geheimrätin nahm schnell ein anderes Couvert, um die Tochter von diesen trüben Gedanken abzulenken. Richtig, Lottes Gesicht erstrahlte, als Frau Bach den Namen der von ihr noch immer vergötterten und mit ihr engbefreundeten Schauspielerin nannte. »Von Deiner Jucsa Beerbu! Höre!«

»Dem kleinen Rangen meiner geliebten großen Range und dem glücklichen Vater senden die treuinnigsten Glückwünsche in Freundschaft – – – Jucsa und Georg.«

»Meine geliebte, geniale Jucsa!« – murmelte Lotte. – »Nun noch diese zwei, die andern liest Du dann selbst! Da hast Du mehr Vergnügen davon. Es sind so viele lustige, herzliche Glückwünsche, daß man sie mit Freude gedruckt sähe! Dieser ist von unsern Kleinen: Käte, Ilse und Annemarie:

»Lieber neuer Vetter! Wir drei modernen Mädchen sind eigentlich für die Frauenbewegung. Aber geheiratet werden wollen wir doch. Käte hat schon einen Bräutigam. Er ist in Quinta. Ilsen ihrer kann schon große Buchstaben schreiben, und Annemariechens hat sich schon seit zwei Jahren nicht mehr naßgemacht! – – – – Wir freuen uns, daß Du ein Junge bist, dann kannst Du später noch ein Frauenbewegungsmädchen unschädlich machen und wegheiraten. Der Storch bringt sie noch. Vielleicht zu uns!? Wir sind ja erst drei Mädchen und der russische Kaiser hat schon vier! Vier sind jetzt feiner. Wir gratulieren Onkel Willi und Tante Lotte herzlich und kommen bald, um Dich anzusehen! Hast Du schon Zähne oder bist Du nicht bissig? Später bemuttern wir Großen Dich, und Annemi wichst Dich durch; aber wenn Du Tante Lottes Sohn bist, so haust Du wieder oder spuckst! Du darfst Dir nichts gefallen lassen! Verstehste!? Viele Grüße und Glückwünsche von unsern Eltern. Die Tanten und Onkels schreiben selbst. Wir küssen Dich und sind

Deine treuen kleinen Cousinen!«

»Das hat Richard der Käte diktiert, er ist so ein ulkiger Mensch! – – – – Die Orthographie mußt Du Dir später ansehen. Das arme Dingchen hat sicher ein paar Stunden daran gesessen. So etwas von Klecksen?« – – Lotte lachte immer noch; aber die Pflegerin fand sie matter aussehend. – – »Bitte, jetzt den letzten, gnädige Frau! – bat sie die Geheimrätin – Dann soll Frau Doktor nähren, es ist Zeit, und danach bis zum Essen schlafen. Wir müssen doch alle munter sein, wenn der Herr Papa nach Hause kommt!« – – »Gut! – erwiderte die Mutter – Dann nur noch den von Günther Greif. Ich wollte sowieso aufhören. Bist Du müde?« – – »Aber nicht die Spur! Mein Drache, die liebe Frau Müller, sieht Gespenster. Aber ich will lieber parieren, damit ich recht schnell wieder in Ordnung bin!« – – »Sehr brav, Frau Doktor, Sie sind eine Prachtfrau!« – – »Sehen Sie, das habe ich immer gewußt! – entgegnete Lotte. – Aber nun lies, Wonnchen! Was schreibt Günther an meinen Herrn Sohn?« – – Die Mutter setzte ihr Pincenez zurecht und nahm den Bogen:

»Lieber Kurt! Eigentlich bist Du mir zu jung! Etsch, ich bin bald fünf Wochen und lache schon. Dann habe ich schon ein Steckenpferd, auf dem mein Papa jetzt für mich zuweilen herumreitet. Aber unsere Mütter sind so eng befreundet, und da wollen wir uns auch anfreunden. Ja? – – – Später können wir uns auch keilen! Aber wenn wir Krieg spielen, so mußt Du Franzose sein, denn ich bin älter als Du! – – – – Wenn ich später eine kleine Schwester kriege, darfst Du sie heiraten! Ich heirate auch Eure Ilse! – – –

Weil Du mein Schwager werden sollst, wünsche ich Dir, daß Du ein großer, gesunder, kluger und glücklicher Mann werden sollst! Auch Deinen lieben Eltern viele Glückwünsche! Es schüttelt Dir die Freundesrechte

Dein Freund Günther.«

»Gott, wie goldig! – rief Lotte – Sicher müssen unsere Kinder Freunde werden, damit der Kreis zusammen bleibt. Mein Junge wird heute schon umworben!« – – »Aha, er meldet sich! Der Erbprinz wünscht seine Mahlzeit zu haben!« – sagte die Müller. – – »Eine Lunge hat der Junge, die reine Posaune!« – – »Bitte, nimm den ›Kaiserkeller‹ aus dem Wagen, Muttchen, und gieb ihn mir!«

Frau Bach holte ihr Enkelchen und bettete es in Lottes Arm. »Komm, mein Kurt, und hör mit dem Gebrüll auf! Geh, sei brav, bist ja mein Ersatz! Siehst Du, wenn Du nicht wärst, könnte Deine Mama heute mit der ganzen Familie bummeln und lustig sein!« – – Lotte schnitt dem Säugling ein Gesicht und zeigte ihm die Zunge, dann aber küßte sie seine winzigen Händchen – »Aber nein, mein Kaiserkeller, sorge Dich nicht! Du bist mir lieber und mehr als alle Theater und Restaurants der Welt! Du, Geliebtes, und Dein Vater – – – – – und Deine dicke Großmama!«

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