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Die Berliner Range. Lotte als Mutter! Band XII.

Ernst Georgy: Die Berliner Range. Lotte als Mutter! Band XII. - Kapitel 4
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typefiction
authorErnst Georgy
titleDie Berliner Range. Lotte als Mutter! Band XII.
publisherVerlag von Rich. Bong
yearo.J.
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Kapitel II. Der erste Hochzeitstag

Montag, der 4. August, war da. Bei Fellers stand die Klingel nicht still. Alle nahen Verwandten und Freunde kamen, um dem jungen Paar zu dem wichtigen Tage zu gratulieren. Man bewunderte den Gabentisch für Lotte, den Willi im Salon aufgebaut hatte. Und man betrachtete die Geschenke, welche die junge Frau im Herrenzimmer für ihren Gatten bereitgelegt. – Lotte war in bester Laune, nur sehr erregt. Ihre Gäste bemerkten das auch und rieten ihr, sich zu schonen, besonders, da sie den ganzen Ansturm allein aushalten mußte. Willi war in der Praxis beschäftigt, und Frau Geheimrat hatte plötzlich Logierbesuch erhalten. Gegen Mittag ebbte der Besuch etwas ab. Zuletzt saßen nur noch Frau Doktor Greif und Fräulein Else Heinrich da. – Frau Seffmann war mit ihrer Lotte heimgegangen.

»Schon ein Jahr?! Wie ist die Zeit vergangen! Aber es war doch eine wundervolle Zeit, wenn auch manchmal ein kleines eheliches Gewitter tobte! – erklärte Lotte. – So als Kind, als junges Mädchen, als Braut, ja selbst in den ersten Ehejahren erlebt man noch etwas! Kommt aber erst so ein kleines Baby und dann noch mehr kleine Babies, dann ist es eigentlich aus!« – – »Nanu, das wäre schlimm!« – widersprach Else. – »Warum so melancholisch?« – fragte Alice. – – »Nee, maulhenkolisch wollte ich absolut nicht werden! – entgegnete Lotte – Aber seht 'mal, ich meine es so: In unsern Kreisen, besonders bei einem Arzt, bleiben die Verhältnisse doch meist unverändert. Höchstens bessern sie sich noch. Da hat er seinen Pflichtenkreis. In der Ehe, namentlich in unsern Kreisen zumeist, hat sich ein Pärchen harmonisch ineinander eingelebt und ist eins geworden. Die Kinder sind da und füllen auf Jahre – Jahrzehnte sogar – ein normales Mutterherz aus. – So tritt mit der Mutterschaft die wirklich glückliche Gattin und Mutter von der Schaubühne ab. Sie ist keine Heldin mehr, sondern ein Pflichtgeschöpf!« – – »Aha, wir haben also, wenn Du erst Mama bist, keine Rangenstreiche mehr zu erwarten?« – sagte Else lachend. – »Das will ich nicht einmal verschwören; aber was dann das Schicksal so an Leid und Freud für uns Fellers aufbewahrt, das gehört nur uns und hat nur für uns Interesse. Und mache ich noch ›dolle Kisten‹, wie wir in Berlin sagen, so darf ich sie nicht mehr der Öffentlichkeit übergeben. Man muß doch vor seinen Nachkommen um der Hochachtung und des Respektes willen den Anstand wahren! Daher lange Zeit gesittetes Schweigen, damit sich vor den Kindern der Ruf restauriert. – Während dieser Pause werden alle Mütter und Väter Tugendspiegel. Sie reden es sich, den Kindern und der Welt ein. Die Vergangenheit ist vergangen. Schließlich glaubt man selbst daran, daß man früher brav war! – Später, wenn die Kleinen groß und selbständig, dann kann man wieder seine Borsten 'rauskehren, wie mein herzliebes Tantulein in Meiningen. Ich sage euch, die ist jetzt mit ihrem bildhübschen Weißkopf eine so dolle Range, wie ich einst als Lotte Bach. Jetzt kann sie es sich eben wieder leisten!« – –

»Na, Lotte, ich und mein Georg, wir satteln noch nicht ab. Wir wollen mit Euch noch manchen Ulk vollführen!« – rief Frau Doktor Greif. – »Na ob, Alice, wir auch; aber wir wollen unsere Rangerei mit dem Schleier des tiefsten Geheimnisses bedecken! – antwortete die Doktor Feller. – Wie es Paul und Grete machen, die sind schon längst im hausbackenen Gleise drin! Wenigstens vor der Welt!« – »Ich kann Dich, Lotte, mir auch noch nicht als Musterprobe vorstellen. Ich glaube. Du bleibst in dieser Beziehung immer ›ohne Wert‹« – warf Else lachend ein. – »Unverschämter Frosch! Ach, Menschenskinder, ich bin ja so glücklich mit meinem Willi und mit allem, allem! Wenn ich bloß am Leben bleibe. Ich denke immerfort ans Sterben und habe meinem Manne heute einen langen Abschiedsbrief geschrieben, damit er mich in gutem Angedenken behält, wenn ich erst tot bin!« – –

»So denken wir alle! Ich habe mich auch stets mit dem Gedanken beschäftigt!« – sagte Alice. – –

»Alle Schränke und Schubladen habe ich in musterhafte Ordnung gebracht, wenn ich heute abschrumme, hat man einfach Hochachtung vor mir! Mein Haushalt geht wie geölt!« – sagte Lotte. – – »Habe ich auch getan! Natürlich!« – – »Ach, Gott sei Dank, dann bin ich doch nicht allein töricht, wie Willi es bezeichnet. Kinder, was ich den armen Mann jetzt mit meiner Angst piesacke! Und immer abergläubischer werde ich! Jeden Tag bringt er mir vierblättrigen Klee und Schweinchen und Glückspilze nach Haus und kleine Amulette. Überall habe ich sie angebracht. Heute habe ich das Goldherzchen mit »Gott schütze Dich« drauf an den Waschkorb angenäht, in den der Junge zuerst gelegt wird!« – – »Waschkorb? – fragte Else Heinrich erstaunt – Habt Ihr kein Bettchen oder keinen Wagen?« – – – – –

»Na ob, ein entzückendes modernes Gitterbett steht bei Mama Feller. Das darf mir noch nicht ins Haus! Ein Kind muß nach der Geburt in den Waschkorb, das bringt Glück! Und bei der dicken Wonne steht eine prachtvolle Equipage für Herrn Feller junior bereit. Sobald Miez die Nachricht erhält, daß er da ist, karrt sie mit dem Wagen los! Kurz, der ganze Apparat ist geschmiert. Sobald das Telephon ruft, funktioniert er nach Bedarf. Wozu lebt man auch in Berlin? So bequem hat man es doch nirgends!« – – Lotte erhob sich: »Da, man braucht die Quasselstrippe bloß zu erwähnen, so bimmelt sie los!« – – Sie verschwand, um das Telephon selbst zu besorgen.

»Lotte sieht heute komisch aus und ist sehr erregt. Sie wechselt soviel die Farbe!« – flüsterte Else der jungen Frau besorgt zu. – »Kenn' wir! Ist nun 'mal nicht anders!« – – »Ich habe furchtbare Angst!« – – »Natürlich, liebes Fräulein Heinrich, es ist schöner, wie Sie eine Tiroler Reise zu machen!« – erwiderte Alice lachend und atmete auf, weil sie den Berg überschritten. Sie dachte plötzlich an ihr Jungchen daheim und fing an, strahlend von seinen Heldentaten zu berichten. Else wußte, daß junge Mütter, wenn sie von ihren Babies sprechen, wilden, uneindämmbaren Wasserfällen gleichen. So ließ sie sich Klein-Günthers Chronik berichten. – Nach einem Weilchen kam Lotte zurück. »Also – – – begann sie vergnügt – schönen Gruß von meiner Schwester Neuwald. Sie erwartet Euch bestimmt. Und, wenn Du, Kleckschen, Deiner Nährpflichten wegen absolut nicht kommen kannst, so muß eben Georg antreten. Er darf nicht fehlen, wenn wir das letzte Mal vor meiner Hinrichtung fröhlich beisammen sind! Du, Else – Schatz, sollst doch bitte Noten bringen und uns mit Deinem herrlichen Gesang erfreuen! Einmal wollen wir noch fidel sein, ehe Kurt antritt!« – –

»Aha, Kurt! Du sprichst mit einer Bestimmtheit von Kurt, die zum schießen ist!« – – »Ja, ich rechne fest auf ihn. So fest, daß ich als tüchtige Frau schon alle Dispositionen getroffen habe. Ich will Willi die Sache leicht machen!« – – »Wie meinst Du?« – – »Womit?« – fragten beide zugleich. – Lotte sann nach: »Na, Euch kann ich es ja anvertrauen und zeigen! – rief sie dann etwas verlegen – Kommt mit; aber ich rechne auf Eure Verschwiegenheit!« – – »Ich gelobe Schweigen!« – – »Du kennst mich doch nachgerade!« – – Frau Lotte führte ihre Freundinnen in den Salon an ihren Schreibtisch und zog ein Schubfach auf. Zwei große Stöße adressierter und mit Marken versehener Couverts lagen bereit. – »Seht Ihr – sagte Lotte – in dem Wirrwarr hat mein Mann und Mutter doch nicht den Sinn dafür. Da werden Menschen vergessen, denen man so ein Ereignis auch trotz der Zeitungsannonce noch besonders mitgeteilt hätte. Darum habe ich vorgesorgt, alles drucken lassen und zum Absenden fertig gemacht. Geht alles gut und nach Wunsch, so nimmt Agnes diese einhundert und vierundsechzig Anzeigen, wirft sie in den Briefkasten und damit basta!« – –

»Wie denn? Wie stimmt das mit dem Datum? Dem Geschlecht?« – warf Else verwundert ein. – – »Ach, was, wenn es Ilse ist, hat die Sache nicht solche Eile. Dann teilt man dem Drucker bloß den veränderten Namen mit. Er hält den Satz noch bereit und liefert in zwei Stunden. Alles besprochen! Seht her!« – Sie nahm ein Couvert und zog geschickt ein Pappkärtchen daraus hervor. »Bitte!« – – Beide Gäste beugten sich darüber, und Else las laut vor:

»Mein glückliches Eintreffen gestatte ich mir allen
lieben Verwandten und Freunden ergebenst anzuzeigen.

Kurt Otto Ernst Feller.

Berlin W. – Adresse.
Datum des Poststempels.«

Die Damen lachten laut und herzlich. »Du bist doch zu verdreht!« – rief eine. »Ideen wie ein altes Haus! – Aber, Lotte, ich hätte es nicht getan. Man soll dem Schicksal nicht vorgreifen!« – tadelte Else. – – »I was; wer nicht wagt, gewinnt nicht!« – erwiderte die Angegriffene seelenvergnügt.

Frau Alice verabschiedete sich. Sehnsucht und Pflichtgefühl trieben sie nach Hause. Else wollte Willi guten Tag sagen und blieb noch da. Der Arzt kam nach einem halben Stündchen auch wirklich an. Er küßte Lotte, musterte sie und begrüßte die Freundin. Dann ging er an den Schreibtisch und machte sich berufliche Notizen. In diesem Augenblick wurde die Hausfrau abberufen. Die Waschfrau begehrte sie zu sprechen. Fräulein Heinrich begab sich zu Willi. »Lassen Sie sich nicht stören, Willi!« – – »Ich bin schon fertig!« – – Er plauderte mit ihr. Da fiel sein Blick auf ein Packet. Lächelnd sagte er: »Na, Else, können Sie reinen Mund halten? Soll ich Ihnen ein Geheimnis, eine Überraschung anvertrauen?« – – »Versuchen Sie es nur!« – ermunterte sie gespannt. – – »Ja, Sie wissen doch, daß Lotte sich durchaus einen Jungen wünscht? Ich habe aber so meine besonderen Anzeichen und glaube, es wird ein Mädel. Was ich mir, nebenbei gesagt, auch wünsche! Das heißt, was kommt, ist gleich willkommen und erwünscht, ob Sohn oder Tochter! Selbstredend! – – – Nur wird mein Frauchen etwas enttäuscht sein, und ich möchte sie gleich auf andere, lustige Gedanken bringen. Darum habe ich diese Visitenkarten machen lassen, die werden meine Lotte belustigen und erfreuen. Hier – – –« – – Er nahm ein Pappchen aus dem Packet und zeigte es Else. Sie wurde brennend rot vor Vergnügen und verhaltenem Lachen.

»Ilse Käte Annemarie Feller«

stand fein darauf lithographiert. – – – »Woher die Namen? Sind Sie sich denn schon so einig über jeden einzelnen?« – – »Oh gewiß, die stehen seit mehreren Monaten fest. Unser Mädel soll nach den kleinen Bachs genannt werden, unsern kleinen Cousinchen, die Lottes besondere Lieblinge sind!« – – »Aha! Also ich habe mich nur zu fügen und gar keinen Namen zu geben, da ich ja in jedem Falle Patin sein soll?« – fragte Else schelmisch. Jetzt lachte er: »Wir hoffen, Sie werden uns die Ehre geben und uns trotzdem nicht die Kreise zertreten – – – frei nach Archimedes!« – – »Nein, ich füge mich blindlings!« – – »Worein?« rief die wiederkehrende Lotte. –

Willi schloß schnell den Schreibtisch. –

»In Kurt Otto Ernst oder Ilse Käte Annemarie! – sagte der Gast – Hannemann, nu red Du! Die Entscheidung liegt bei Dir!« – – »Ach je – – – – uff! – – – Nur vier Wochen älter sein!« – – »Ach ja!« – – Das Ehepaar seufzte. – »Courage! Haltung!« – – »Na aber! Uns kann keiner!« – – Willi nahm Lottes heiße, nervös zuckende Hand und küßte sie lange: »Mein armer, tapferer, kleiner Kamerad!« – flüsterte er herzlich. –

Es war Abend geworden. Den ganzen Nachmittag hatte es in Strömen gegossen. Auf kurze Regenschauer waren schwüle Pausen mit wäßrigem Sonnenschein gefolgt. Abscheuliche Treibhausluft herrschte, und Berlin empfand es als Wohltat, daß sich um die Dämmerstunde ein tüchtiges Gewitter einstellte. – Weniger entzückt davon waren die Gäste des Amtsgerichtsrat Neuwald. Wenigstens fanden sie sich alle gegen acht Uhr zornig scheltend ein. »Dieser kalte Sommer! Dieser ewige Regen! Von allen Bädern kommen die Klagen. – ›Die‹ hatten sich Gummischuhe und Wintermäntel nachschicken lassen. ›Jene‹ lagen an Influenza und hatten Reißen in allen Gliedern. Kurz – ›man‹ war überklug gewesen, daß ›man‹ in Berlin in seiner behaglichen Häuslichkeit geblieben war! Da hatte ›man‹ Theater und gute Restaurants und seine volle Bequemlichkeit.« –

Die Gäste waren vollzählig versammelt. Frau Feller präsidierte mit der ihr angeborenen stillen Würde. Das Gespräch über den verregneten Sommer wurde mit einer gewissen leisen Schadenfreude in den behaglichen Räumen ausgesponnen, während draußen die Blitze zuckten und die Donner grollten. Unruhig waren nur zwei Personen in dem schwatzenden Kreise. Das waren Frau Anna Neuwald und die Geheimrätin Bach. – Sie traten immer wieder an das Fenster und schauten auf die Straße hinab, bei jeder heranrollenden Droschke scharf hinausspähend. – »Verstehst Du, wo Fellers bleiben? Acht Uhr durch, es ist ein Skandal!« – schalt die erstere. – »Sie werden Besuch bekommen haben, Gratulanten, die nicht das Aufstehen zur rechten Zeit gelernt haben!« – verteidigte die Mutter. – – »Aber Lotte ist doch sonst so resolut und versteht es, solche Dauersitzer los zu werden!« – – »Weißt Du, Änne, man kann jetzt doch nicht so mit ihr rechnen. Sie ist schwerfälliger! Dazu das Gewitter! Willi wird sie zurückgehalten haben!« – – »Und mir verbruzzelt alles, und der schöne Rehbraten wird hart!« – zürnte die Hausfrau weiter. – »Änne, ich höre verschiedene Magen grollen! Giebt's bald was?« – fragte der Amtsgerichtsrat leise und trat heran. – »Ja, ich kann nichts dafür!« – – »Nein, mein Engel, ich mache Dir ja auch keine Vorwürfe!« – –

Frau Feller, welche die Gruppe durch ihre Lorgnette beobachtet hatte, fühlte sich für ihren Sohn verantwortlich und rauschte in ihrem starren, schwarzen Seidenkleide heran: »Liebes Ännchen, ich bitte dringend, lassen Sie ruhig anrichten! Warten Sie auf die Kinder nicht! Es ist unerklärlich, daß Willi, sonst die Pünktlichkeit selbst – – –« – – »Lotte kommt stets eher zu früh als zu spät! – rief Frau Bach dazwischen – Aber es ist wahr! Gehen wir zu Tisch, und Du wirst sehen, sie kommen!« – – »Aber, meine Lieben, das widerstrebt mir entschieden. Schließlich geben wir die Gesellschaft doch dem jungen Paar zu Ehren!« – entgegnete Anna zögernd. Sie blickte nach der Tür, wo das Kinderfräulein ihrer Jungchen erschien und ihr einen Wink gab. Rasch eilte sie hin: »Lene weint draußen beinah, gnädige Frau! Es wird alles schlecht; sie läßt fragen, ob sie 'reinbringen darf?« – – »Noch fünf Minuten, Fräuleinchen, meine Geschwister müssen gleich – – – jede Sekunde kommen!« – –

»Eine Droschke! Da – – – nein, wieder nichts! Wenn das Gewitter nicht wäre, würde ich anfangen, mich zu ängstigen, nicht wahr, liebe Feller?« – sagte Frau Bach.

»Unbegreiflich! – erwiderte diese – Jammerschade, daß Neuwalds kein Telephon haben, sonst könnte man anfragen, ob sie schon fortgefahren sind?« – – »Das ist eine vorzügliche Idee! Verehrte Frau Feller, Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen! – rief der Wirt erleichtert – Meine Änne bittet zu Tisch. Alle nehmen Platz, und ich gehe rasch hinunter zu unserm Kaufmann, wo ich den Fernsprecher zuweilen benutze, und rufe die Bummeligen an. Nette Ehrengäste! Den nächsten Hochzeitstag können sie sich allein ausrichten. Verehrte Frau, ich habe die Ehre, Sie zu Tisch führen zu dürfen, geben Sie mich für zehn Minuten frei?« – – »Gewiß, selbstredend! Lassen Sie sich ja nicht hindern, lieber Rat!« – entgegnete Willis Mutter lächelnd. –

Anna Neuwald bat die Anwesenden, sich in das Speisezimmer zu bemühen. Erlöst aufatmend folgten ihr alle und schalten auf die säumigen Fellers. Man setzte sich hungrig hin. – Es wurden Bouillon in Tassen und dazu Pastetchen gereicht. Die eintretende Stille und die Hingabe an den ersten Gang zeugte von dem Hunger der Gäste. Erst später begann das Schwatzen von neuem. – Nur die Geheimrätin Bach rutschte mißvergnügt auf ihrem Stuhle hin und her. Sie behielt die Uhr im Auge und fühlte eine immer stärker werdende Unruhe und Angst in sich emporsteigen. Was war mit ihrer Lotte geschehen? – – – – – – Wo blieb ihr Schwiegersohn, der nun schon über zwanzig Minuten fort war? Diese verflixte Telephoniererei ärgerte sie stets. Bald war die Leitung besetzt. Bald falscher Anschluß oder – – – natürlich! Das Gewitter störte den Betrieb. Doch nein! Das war schon seit einer halben Stunde vorbei! – – – – – – Endlich, noch weitere zehn Minuten waren vorüber – – – wurde an der Entreeglocke Sturm geläutet. »Gott sei gelobt!« – sagte sie laut und inbrünstig.

»Das ist Lottes Zug!« – –

»Solch eine Unpünktlichkeit! Man muß sie schelten!« – –

»Mit Ärzten läßt sich nie rechnen!« – – »Und mit Lotte jetzt auch nicht!« – –

Die Hausfrau war hinausgeeilt, um die neuen Gäste zu begrüßen. Man hörte sprechen und einen Aufschrei. Schon erhob sich Frau Bach, – – – – – – da ging die Thür auf. Der Amtsgerichtsrat erschien im Rahmen.

Verschiedene »Ahs« und »Ohs« der Enttäuschung und die Fragen: »Nun?« – – »Was ist los?« – –

Feierlich, aber mit strahlendem, erhitztem Gesicht eilte er an seinen Platz und ergriff das schon vollgeschenkte Weinglas. »Meine Herrschaften – schrie er laut mit erregter Stimme – meine Herrschaften, bitte erheben Sie mit mir Ihre Gläser und stoßen Sie mit mir an auf das Wohl des glücklich eingetroffenen Erdenbürgers: Kurt Otto Ernst Feller. Er und seine lieben jungen Eltern sollen leben! Hoch!« – – –

Das gab einen Sturm! Tränen der Rührung und Freude. Jubel. Staunen und Durcheinandergeschrei. Neuwald mußte dem Anprall Stand halten, während die beiden Schwestern sich in den Armen lagen und schluchzten. – Als man etwas zu sich kam und den beiden Großmüttern gratulieren wollte, da waren diese verschwunden.

Lachend und weinend waren sie hinaus gestürzt. Von den Mänteln und Hüten in dem Korridor hatten sie die erstbesten gepackt und eilten nun die Treppe hinab und kamen, sie wußten selbst nicht wie, in eine Droschke. Dort setzten sie sich und sahen sich erst einmal an. »Himmel, wie sehen wir aus!« – stöhnte Frau Feller. – »Ein Junge! Ein Junge! Wie mag's meiner Lotte gehen? Alles Andere ist mir ja so egal!« – rief Frau Bach, und dicke Tränen strömten über ihre festen Wangen. – – – Sie boten jedoch in der Tat einen mehr als komischen Anblick. Die starke Geheimrätin hatte in der Hast Else Heinrichs schmuckes Matrosenhütchen auf die glatten Scheitel gepreßt und das Lodencape von Kläre Harder, das ihr viel zu eng war, umgehängt. Die feine Frau Feiler aber hatte einen grauen Herrenhut auf und eine weiße Federboa umgeschlungen, welche eigentlich Lottes Cousine Molli gehörte. –

Bei dem jungen Arzte war die ganze Etage erleuchtet. Zwei Kollegen, eine Gehülfin und die Wärterin wirtschafteten um die verheulte Agnes herum, die vor Aufregung total konfus war. – Vater Willi kam den Müttern freudestrahlend, aber auch völlig benommen entgegen. »Wie geht es? Wie war es?« – – »Nicht leicht; aber dem Himmel sei Dank, es ging sehr schnell! Mein geliebtes Frauchen ist recht schwach und müde, aber überselig mit dem Kinde!« – – »Und der Junge?« – – »Bildschön, ein Prachtstück. Er wiegt neun Pfund und brüllt mit wahrer Stentorstimme!« – – Willis Augen glitzerten verdächtig. »Sie will Euch sehen; aber bitte, nicht lange bleiben!« – bat er, seine Stimme schwankte. – Beide Damen folgten ihm auf Zehenspitzen nach bis zu Lottes Bett. Beide beugten sich über die junge Mutter, und küßten sie, unfähig, auch nur ein Wort zu sprechen.

Sehr bleich, aber wahrhaft verklärt und bildhübsch lag Lotte in den Kissen und murmelte immer nur wie im wachen Traume: »Ein kleiner Junge, Mama, ein Junge,!« Und ihre sonst so lachenden Augen zeigten einen fast überirdischen Glanz, als sie erst überglücklich den geliebten Gatten anschaute und dann den Blick weiter in die Ecke gehen ließ, wo der Waschkorb mit dem Neugeborenen auf zwei Stühlen stand. Sie war die Verkörperung holdseligsten Mutterglückes. Willi ließ sich auf dem Bettrand nieder, nahm die weiße Linke der geliebten Frau und küßte sie andachtsvoll: »Mein Ein und Alles! Mein Weib! Mein tapferer, guter, kleiner Kamerad!« – flüsterte er ihr zu. »Zeig ihnen doch Kurtchen!« – bat Lotte lächelnd. Gehorsam erhob er sich und führte die seligen Großmütter an den Korb und hob den Mullschleier. Die Wärterin nahm das eingebündelte kleine Wesen mit dem faltigen Gesichtchen heraus und hielt es zur Besichtigung empor: »Hier ist unser junger Herr Doktor! – sagte sie stolz – Sehen Sie nur die hohe Stirn und den dicken blonden Schopf!«

»Ein geliebtes Kind! Wirklich bildschön und so weiß! Sehen Sie, liebe Feller, wie verständig er guckt! Ganz wie Lotte! wie meine Lotte! – Gott segne Dich, mein Herzblatt!« – sagte Großmama Bach aus tiefstem Herzen heraus. – »Es ist in der Tat ein seltenes kleines Geschöpf! – erkannte Frau Feiler an – Ich habe doch schon manches neugeborene Knäbchen gesehen, aber noch kein so niedliches. Jedoch von Lottchen hat er keinen Zug! Ganz so sah mein Willi aus!« – –

»Willi mit seinen dunklen Haaren und Augen? Lotte war als Kind so goldblond! Lotte hatte so blaue Augen und schaute so umher! Der kleine Bengel ist wie meine Tochter; aber aus dem Gesicht geschnitten!« – behauptete Frau Bach entschieden. – »Na, wenn er beiden Eltern ähnlich wird, ist er später bildschön, unser Erbprinz! – meinte die Wärterin und blickte nach ihrer Patientin – Aber nun bitte ich, daß die gnädigen Damen mit Herrn Doktor sich nach vorn bemühen. Unsere kleine Mama muß Ruhe haben!« – –

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