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Die Berliner Range. Lotte als Mutter! Band XII.

Ernst Georgy: Die Berliner Range. Lotte als Mutter! Band XII. - Kapitel 11
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typefiction
authorErnst Georgy
titleDie Berliner Range. Lotte als Mutter! Band XII.
publisherVerlag von Rich. Bong
yearo.J.
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Kapitel IX. Die Hasenfalle

»Olga, Herzchen, Du mußt ja Hunger haben. Komm, drüben ist eine sehr renommierte Konditorei, dort halten wir Einkehr!« – – sagte Frau Doktor Feller zu einem bildhübschen, schlankgewachsenen, jungen Mädchen. Dieses preßte ihren Arm fest an sich: »Aber, Lotte, um Himmelswillen, wenn Du wüßtest, wie Tante Mieze mich gefüttert hat. Nicht als ob ich in Berlin wäre, um mir eine Stellung zu suchen, sondern als ob ich zu Euch auf die Mastkur geschickt wäre!« – erwiderte diese lebhaft. – »Unsinn, Mädel, die Großstadtluft und der Radau greifen die Nerven an, und dagegen gibt es nur einen Schutz – – – – essen! Nicht nur qualitativ gut, sondern auch quantitativ viel. Meine dicke Wonne hat es mit uns ausprobiert. Sieh uns und unsere Nachkommen mal an! Die Muskeln, die Frische und die Nerven! Alle sind wir rund; aber kein Gramm unnützes Fett, lauter schieres Fleisch!« – – »Ja, Ihr seid alle so kernig! Überhaupt habe ich mir die Großstädter ganz anders vorgestellt, viel bleicher und kümmerlicher!« – meinte Olga sinnend. – »Das ist eben Euer Wahn in der Provinz! – entgegnete Lotte – In keiner Hauptstadt der Welt oder in keiner Provinzzentrale gibt es aber auch soviel Eß- und Trinkgelegenheiten wie hier und so gut besuchte. Der Berliner hat immer Hunger und immer die Stätte, wo er ihn stillen kann. Daher ist er kein Schwächling. Nun komm vorsichtig über den Damm, da ist Telschow, da müssen wir 'rin!« – – »Ich kann aber nicht!« – – »Ich kann aber! Sei kein Frosch, Olga! Siehst Du denn nicht, wie ich danach jiepere? Ich geh zu gern hie und da in eine Konditorei. Seit meinem Jungen war ich noch nirgends, darum freue ich mich ja so, daß Du jetzt bei Mama zu Gaste bist! Da komme ich wieder ordentlich in die Museen und lerne Berlin kennen!« – – »Ach so, Du, ich soll also nur Dein Aushängeschild sein, der bequeme Vorwand?« – – »Stimmt! Darum füge Dich! Ein Portiönchen Eis rutscht auch bei Dir noch 'runter. Und ich halte mich an Schokolade, die kommt Kurtchen zu Gute!« – – »Aha, lauter Aufopferung! Lotte, Du bist rührend!« –

Beide Damen überschritten den Damm und traten in die Konditorei ein. Sie machten am Ladentisch ihre Bestellungen und suchten dann in dem Nebenraum ein freies Plätzchen. Bald war ein Ecktischchen gefunden. Sie setzten sich nieder und lachten sich vergnügt an. »Herr Gott, wie ist die Welt schön, und wie gut sind die Menschen!« – sagte Olga leise. – Lotte betrachtete sie forschend. »Sag mal, Kleines, bist Du wirklich ein so vergnügter Hecht oder heuchelst Du uns diesen Humor nur vor? Seit acht Tagen bist Du nun Mamas lieber Gast, und wir haben Dich noch nicht eine Sekunde traurig gesehen! Du bist uns allen ein Rätsel. Erklär Dich mir ein bißchen, damit ich weiß, nach welcher Seite ich Dich bewundern darf?« – Lotte stützte die Arme auf und schaute die reizende Olga durchdringend an. Ihr hübsches Gesichtchen blieb aber so lachend und sorglos wie zuvor. »Ich versteh Euch nicht so recht! – sagte Olga dann doch ernster – Wir haben da auf dem Gute gesessen, tüchtig mithelfen müssen und gearbeitet und von Gott und der Welt nichts gesehen, außer dem winzigen Provinzstädtchen und einigen Nachbargütern. Zweimal war ich zu Einkäufen in Graudenz bei Onkel Krause. Bar Geld gab's nie viel zu sehen, denn Vater wollte mit der Zeit mitgehen und steckte es sofort in die Maschinen und in die Brennerei. Also?? – –– – Nun kam der Leipziger Bankkrach, da ging das Vermögen flöten, Altenbanten ließ sich nicht mehr halten, andere Unglücksfälle kamen hinzu, und der Zusammenbruch war fertig. Ja, wir mußten uns von dem Gute trennen; aber das ließ sich ertragen. Die Eltern sprachen seit Jahren davon, es zu verkaufen, so daß wir nicht allzu fest daran hingen. Im Gegenteil, wir sehnten uns fort aus der weltverlorenen Gegend. – Die Eltern haben die gute Administration gefunden, die entbehren nichts. Na und wir Mädels sind frisch und ans Arbeiten gewöhnt. Der Franz bleibt bei Krauses, die ihn studieren lassen. Lene ist noch ein Jahr bei Onkel Grabs als Stütze und heiratet dann ihren Pastor. Ich bin bei Deiner Wonnemiez untergebracht, bis ich die Handelsschule durchhabe. Eine Stellung findet sich auch, da habe ich keine Sorgen drum! Ihr seid alle so lieb und gut. Ich habe Berlin kennen gelernt und Dich, die ich bisher nur aus der Ferne anschwärmte. Ich darf hierbleiben! Was fehlt mir also? Fidel bin ich, daß ich die ganze Welt umarmen möchte!« –

Lotte lachte: »Ein leichtsinniges Huhn bist Du und weißt, daß Dein reizendes Persönchen doch wirkt, auch ohne goldenen Rahmen! Ich freue mich, denn als die Meinen zurückkamen und von Deines Vaters Malheur erzählten, da herrschte bei uns Karfreitagstimmung. Ein großes Vermögen haben und nicht haben, ist nämlich ein verflixter Unterschied.« – – »Ach bah! Geld?« – – »Schöps, Geld ist Macht; wenn auch kein Glück! Aber sei es, wie es sei. Futsch ist futsch! Ich freue mich, daß Du nicht die Ohren hängen läßt. Ich bin froh, daß Mama in Dir solch muntere Gesellschaft hat, und vorläufig bleibst Du lange bei uns!« – – »Ihr guten Menschen! – sagte Olga gerührt – Ja, ich bleibe immer mit Euch in Verbindung; aber ich brenne darauf, erst selbst Geld zu verdienen. Für's Annehmen allein bin ich nicht! Nie!« – – »Abwarten!« – – Beide versenkten sich in ihre mittlerweile aufgetragenen Leckereien. Lotte schaute nachdenklich umher. Sie kannte keinen von den Umsitzenden und dachte der Zeiten, wo sie hier mit ihren Freundinnen gesessen. Besonders mit Grete! Auch Hase war hier gewesen! –

Wie die Zeit nur rast. Gretes Lotte kam jetzt in die Schule. Alice verheiratet und Mutter. Und sie desgleichen. Ein glückliches Lächeln umspielte ihren Mund. »Was hast Du gerade gedacht, Lotte?« – fragte Olga interessiert. – »Weshalb fragst Du?« – – »Du sahst just so selig aus!« – – »Ich war es auch, weil ich an Willi dachte und an Kurt!« – – »Ihr seid gerad wie ein Brautpaar, zu niedlich!« – – »Ach, Olga, und hier diese Konditorei war der Schauplatz meiner Heldentaten. Ich habe Dir doch schon von Herrn von Hase erzählt? Weißt Du, der Gutsbesitzer, bei dem Willi Sonntag zur Hasenjagd war. Siehst Du, den habe ich auch hier kennen gelernt!« – – »Nanu?« – – »Ja, es war doll! Na, warte, die Geschichte erzähle ich Dir noch einmal ausführlich. Erst mußt Du unsern besten Freund kennen lernen!« – – »Wie kann ein Mann nur Hase heißen? Ich könnte mich über den Namen totlachen! Immer fällt mir Reineke Fuchs von Goethe und Lampe, der Hase, daraus ein!« – – »Du, lach nicht! Unser Häschen ist ein Prachtknopp. Er hat ein Goldherz und ein bestrickendes Talent zum Erben. Erst ein wenig belastetes Rittergut von einem Onkel und jetzt, denke Dir, solch Glück, hat er eine Tante verloren, die mit seinem Vater verfeindet war, aber ihm ein anständiges Vermögen vermacht hat!«

Lotte unterbrach jäh ihr Gespräch und starrte nach der Tür. Olga wandte sich um und sah einen mittelgroßen, schlanken Herrn eintreten, der »eine Bouillon und zwei Pastetchen« bestellte. Dann kam er herein, sah nicht nach rechts und links, sondern schritt geradeswegs auf den Zeitungsständer zu. »Nun schlag einer lang hin! – stieß Lotte hervor – Wenn man vom Fuchs spricht, sieht man den Schwanz! – – – – Hugo!« – rief sie leise. Der Herr zuckte merklich zusammen und wandte sich um. Es war Hase, der jetzt Lotte erkannte und lachend auf sie zueilte. – »Du – – – – hier? Das hätte ich nicht vermutet!« – sagte er und blieb stehen, da die Freundin sich erhoben hatte. – »Ja, ich! In leibhaftiger Engelsgestalt! – antwortete sie – Wir haben eben von Dir gesprochen! So ein Zufall kommt sonst nur im Roman vor! Doch vorerst gestatte, liebes Cousinchen? Dies ist der berühmte Herr von Hase, Oberleutnant der Reserve etc. etc.« – – »Ah, gnädiges Fräulein, sind das so sehnsüchtig erwartete Fräulein Wächter? Ich freue mich, so bald schon den Vorzug zu genießen!« – – »Sehr freundlich, Herr von Lampe!« – sagte Olga und streckte ihm die Hand hin, die er leicht an die Lippen zog. Sie merkte garnicht, daß sie sich versprochen und wurde blutrot, als beide lachten. »Bitte, taufen Sie mich ruhig um! – sagte er – Ob Hase oder Lampe, in beiden Fällen jedenfalls gleich nützlich!« – – »Aber nicht beim Gebrauch zu verwechseln. Ein Hase mit Petroleum gefüllt, wäre nicht wohlschmeckend!« lachte Olga Wächter.

Er sah sie aufmerksam an und nahm auf Lottes Aufforderung am Tische Platz. – »Wo kommst Du jetzt her? Junge, Junge, hast Du nicht auf Deinem Lanken zu tun?« – fragte Lotte und drohte mit den Finger. »Nee, ich habe einen vorzüglichen Inspektor und bin abkömmlich! – entgegnete er – Ich hatte wieder auf dem Gericht und bei der Bank zu tun. Die Erbschaft macht gräßliche Laufereien!« – – »Na, Häschen, die laß Dich nicht gereuen! – meinte Lotte lachend – Die würden Dir manche gern abnehmen! Oder entwickelst Du Dich auch zum Geldverächter wie unsere Olga?« – – »Bin ich garnicht, da kennst Du mich schlecht! – widersprach diese – Ich reiß mir nur kein Haar aus, daß ich keins mehr habe. Nee, ich liebe die Moneten sehr. Irr Dich nur nicht, wenn ich erst selbst tüchtig Geld verdienen könnte, wäre ich froh!« – – »Pfui, so gewinnsüchtig, gnädiges Fräulein, was würden Sie denn mit dem Gelde anfangen?« – fragte Hase. Sie lachte, daß ihre prachtvollen Zähne blitzten. »Ich machte eine Menge Kassen, Herr von Hase! In eine käme das Verschenkgeld. Eine fürs Veramüsieren in Theatern und Konzerten. Eine fürs Verjuchen!« – – »Nanu, wie das, gnädiges Fräulein?« – – »Na, hier bei Telschow und wo anders. Ich nasche gern!« – – »Ach so. Und eine für die Toiletten, nicht wahr?« – – »Toilettengeld kommt in die Amüsierkasse, denn es ist ein Vergnügen, hübsche Sachen zu tragen! Ich habe mich schon erkundigt, was ich in den ersten Jahren so an Gehalt zu erwarten habe. Wie ich hörte, kann ich monatlich auf eine Summe von 75 bis höchstens 100 Mark gefaßt sein. Da male ich mir denn immer abends im Bett aus, wie ich davon leben werde. Zimmermiete – – –«

»Du bleibst bei Mama wohnen, Olga! Wir sind froh, daß sie Dich hat. Und glaubst Du, daß wir Dich hier in Berlin in irgend einem Loche allein Hausen lassen?« – unterbrach sie Lotte. – – »Kommt Zeit, kommt Rat. Ach, ist das Leben hier schön!« – sagte Olga aus tiefster Brust heraus. – »Wißt Ihr was, Kinder? – sagte Lotte – Plaudert ein bißchen zusammen, dann kann ich doch ein paar Zeitungen überfliegen. Das ist nämlich das Schönste von den Konditoreien!« – – »Erst sage, wie geht es zu Haus. Was macht Kurtchen?« – – »Kurtchen gedeiht, alles an Bord ist wohl! Laß Dich sehen, und überzeuge Dich davon!« – – »Ihr glücklichen Leutchen!« – – »Ja, wir sind langweilig, gelt?« – – »Ein bißchen!« – –

Lotte durchblätterte die Zeitungen. Sie war eine glühende Politikerin und eben jetzt über das Für und Wider der Fleischnotfrage sehr erregt. Inzwischen unterhielten sich Olga Wächter und Herr von Hase sehr einträchtig und lustig. Ihre genaue Kenntnis des Landlebens gab Anregungen genug. – Hatten die Erinnerungen an früher und das zufällige Zusammentreffen mit Lotte gerade an dieser Stätte zuerst in Hase manche aufregende Erinnerung wieder wach gerufen, so brachte ihn die lebhafte Unterhaltung jetzt drüber weg. Er sah interessiert in das kluge Gesicht des reizenden Mädchens und erheiterte sich an der harmlos unbefangenen Art ihres Plauderns. Auch er gefiel ihr gut, und in ihrer lustigen Art erklärte Olga ihm frei ins Gesicht: »Zu schade, daß Sie kein alter verheirateter Greis sind, Herr von Hase. Dann könnte ich als Buchhalterin und Oberinspektorin zu Ihnen kommen. Aus Ihrer Geflügelzucht und der Milchwirtschaft ließe sich viel mehr machen. Ihre Zahlen imponieren mir nicht, da haben wir in Altenbanten ganz anders gewirtschaftet!« – – Lotte Feller erlauschte diese Bemerkung und beobachtete die beiden verstohlen. Gar viele Gedanken kreuzten ihren Kopf. – Ihre Güte und ihr Verstand sagten ihr, daß eine Heirat dieser beiden Personen für beide ein Glück wäre. Jedoch, ohne daß sie auch nur eine Sekunde in der Liebe für ihren Gatten geschwankt hatte oder davon beirrt worden wäre, hatte doch das Gefühl, von Hase so jahrelang treu geliebt und bewundert worden zu sein, für sie einen großen Reiz besessen. Wenn alle über ihre Tollheiten den Kopf geschüttelt hatten, wenn ihr Willi selbst versagte, Herr von Hase war von jeder ihrer Launen, jedem ihrer Ausdrücke begeistert gewesen. Das heimliche und anheimelnde Bewußtsein seiner bewundernden Liebe war so erwärmend, so prickelnd gewesen.

Gar viele Verehrer waren im Laufe der Jahre abgesprungen. Gar mancher Begehrer in der Ehe mit einer anderen glücklich geworden. Im Besitz ihres Gatten hatte sie darüber gelacht oder ein paar bittere, boshafte Bemerkungen gemacht. Aber nun, Lotte wurde unsicher, uneins mit sich selbst. Ihr Herz krampfte sich plötzlich zusammen, eine verdüsternde Verstimmung ergriff von ihr Besitz. War sie denn wahnsinnig? Sie, die glückliche Frau, die selige junge Mutter? Sie fühlte förmlich etwas wie Eifersucht in sich aufsteigen. Immer hatte sie Hugo verheiraten wollen. Um Willis willen Hunderte von Malen gewünscht, daß er eine passende Frau finden sollte! Und nun?? – Lotte schämte sich über den Zwiespalt in ihrem Innern. Vor Willi konnte sie darüber nicht sprechen, wenn sie nicht Zweifel säen wollte. Ihre Freundinnen, ihre Mutter, würden sie garnicht verstehen. Und doch mußte sie mit sich ins Klare kommen, diese schlechte, elende, sie selbst beschämende Eifersucht und Verstimmung los werden! – – – Ihr Herz klopfte, eine mächtige Sehnsucht wallte in ihr auf. Ein Ort war da, wo sie verankert war – ein Wesen, das so mit ihr eins war, daß sie in seiner Nähe Ruhe und Frieden fand. Es war ihr Kind, ihr Sohn! War es möglich, daß dieses kleine, holdselig-hilflose Menschenknöspchen, das sie weder verstand noch ihr etwas geben konnte, ihr in diesen Nöten helfen sollte? Dieses Geschöpfchen, das so ganz von ihr abhing? – – – – – – Sie mußte hin zu ihm, hin, so rasch wie möglich! –

Impulsiv, wie es in ihrer Veranlagung lag, erhob sich Lotte plötzlich. – Hase blickte sie überrascht an: »Ist Dir etwas, liebe Lotte, Du bist so bleich?« – fragte er besorgt. Auch Olga erhob sich. »Was hast Du, Lotte?« – Sie beruhigte die beiden. – »Ich muß nach Hause – sagte sie – Ihr wißt doch, daß ich auf Mamas und Willis Wunsch den Jungen mit Bertha geschickt habe. Wenn sie auch brav und zuverlässig scheint, ich bin unruhig. Es ist auch Zeit!« – – »Lotte nervös, ei ei! – meinte der Freund lächelnd – Aber wir wollen fort, mit einer jungen Mutter ist nichts anzufangen! Schade, mein gnädiges Fräulein, wir müssen ein anderes Mal unser interessantes Gespräch fortsetzen!« – – »Gern bereit, Herr von Hase!« – entgegnete sie. – – »Trifft man Sie bei Fellers, gnädiges Fräulein?« – – »Na?« – meinte sie zweifelnd. – »Gewiß, wir werden es verabreden! Vormittags hat Olly mit den Handelskursen, nachmittags mit dem Stenographie- und Schreibmaschinenunterricht viel zu tun; aber die Abende hat sie frei – warf Lotte ein und blickte Hase forschend an – Willst Du heute mit uns essen? Heute ist Olly mein Tischgast!« – – »Ich bedauere außerordentlich!« – sagte er – Aber es wird nicht gehen. Ich wollte bloß hier frühstücken, nachher habe ich noch eine Konferenz mit meinem Rechtsanwalt und muß dann fort, nach Haus!« – – »Schade; aber dann sobald als möglich!« – – »Sicherlich, ich komme, sobald ich abkömmlich bin!« – versprach er. Man verabschiedete sich. Die Damen stiegen in eine elektrische Bahn ein.

Hase blieb in Gedanken verloren. Er sah sich um und schüttelte den Kopf. Ein Seufzer hob seine Brust. Hier hatte er Lotte vor vielen Jahren zum ersten Male gesehen. Hier unzählige Male – vergebens auf den Zufall gewartet, sie wieder zu treffen. Hier hatte er, ach wie oft, gesessen und seine Zähne zusammen gebissen, um gegen diese hoffnungslose Liebe anzukämpfen. Was hatte er hier nicht gefühlt, gelitten. Erst, seitdem sie Mutter geworden, seitdem er bei der Taufe ihres Sohnes sich seine Patenpflichten klargemacht, erst seit diesem Moment hatte sich sein Gefühl gewandelt. Er hegte keine persönlichen Wünsche mehr. Er konnte sie sehen, an sie denken, ohne Leidenschaft. Seine Gefühle wandelten sich in eine warme Freundschaft! – – – –

Hier traf er sie wieder. – Wieder mit einer großen, schlanken, blonden Begleiterin. Grete Seffmann war neben Lotte Bach verblaßt, er hatte nur diese gesehen und gehört. Aber dieses Fräulein Olga Wächter mit der gesunden, kraftvollen Schönheit, der klugen, lachenden Unbefangenheit verblaßte nicht! Er sah sie noch vor sich, hörte ihre dunkle Stimme. – – – – – – – Sie war reizend! – – – – – Und hier bei Telschow mußte er sie sehen – – – merkwürdig! – – Hase ergriff die von Lotte liegen gelassene Zeitung. Er vertiefte sich in den Leitartikel. Jedoch seine Gedanken irrten ab zu den beiden Damen. – – – – Hatte er sich etwa verliebt? Wieder auf den ersten Blick in dieser Konditorei verliebt??? Unsinn! Energisch zwang er sich zur Aufmerksamkeit! –

Herr von Hase war zweimal bei Fellers gewesen, ohne dort Olga Wächter zu treffen. Einmal war sie im Unterricht und das andere Mal – abends – bei Neuwalds gewesen. Lotte, ganz über ihre egoistische Eifersucht fortgekommen, erzählte ihm in wohl abgemessenen Dosen von der Wächterschen Familie und Olga, von all dem Unglück und der Tüchtigkeit dieser Menschen, die sofort den Kampf mit dem Leben aufnahmen, ohne zu klagen und ohne anderer Hilfe zu beanspruchen. Die gleiche Taktik verfolgte sie bei der jungen Dame und lächelte heimlich in sich hinein, als sie Olga in Gedanken verloren vor Herrn von Hases großer Photographie im Album antraf. Sie tat, als ob sie es nicht bemerkt habe! – –

Olga Wächter entwickelte solch glänzenden Ortssinn und solche Selbständigkeit, daß man sie ruhig allein in die Handelsschule und den Nachmittagsunterricht gehen ließ. Die Geheimrätin Bach hatte sie nur die ersten Male begleitet. Sie hatte das hübsche, fröhliche Mädchen recht lieb gewonnen und betrachtete sie nicht mehr als Gast. Olga war ja schon ganz zu Haus, half wo sie nur konnte, zeigte sich von allem entzückt und war für jedes Detail im Hause und in der Stadt begeistert. – Außer Lotte Feller ahnte wohl niemand, daß es im Inneren des armen Dinges ganz anders aussah, daß nur die Dankbarkeit für alle erzeigte Güte sie zur Heuchelei zwang. – Das lärmende Treiben Berlins fiel ihr – dem Landkinde – auf die Nerven. Die Kurse, die Beschäftigung mit all dem theoretischen Krimskrams wurden ihr täglich verhaßter. Sie zitterte vor dem Gleichmaß einer Stellung, die aus ihr, dem lebhaften, an Freiheit gewöhnten Mädchen, eine Maschine machen würde. – Tief verstimmt wanderte sie abends nach Haus. Die Lehrer, die Kollegen in der Stunde, die Methode, alles war ihr bedrückend, und der Straßenlärm, die Unruhe, das Hasten beklemmte sie. – Wie herrlich war es in Altenbanten gewesen! Vor dem Krach! Wie selbstsicher und sorglos hatte sie bei tüchtiger Arbeit gelebt und nicht heucheln, nicht danken müssen! Wie bedrückte sie all das Gute, was ihr hier so warm geboten wurde! – Olga kam mit ihren trüben Gedanken bis zum Potsdamer Platz. Der jetzt, gegen Abend, erschreckend starke Wagenverkehr zwang sie zum Warten. Es war kühl, sehr windig, und der schon lange drohende Regen pladderte plötzlich vom wolkigen Himmel herab. – Sie erschrak, denn sie hatte ihren Schirm nicht mitgebracht. Was tun? Hastig eilte sie in die Königgrätzer Straße, um unter einem Haustor Schutz zu suchen. Trotz des reichlichen Taschengeldes, das die Tante Marie gespendet, wagte sie nicht, sich eine Droschke zu nehmen. Ihre Schuld sollte nicht noch mehr anwachsen! – erwog sie töricht. – Graziös gegen die Wand gelehnt, schaute sie frierend und düster vor sich hin und zuckte zusammen, als sie plötzlich angesprochen wurde. Empört wandte sie sich nach rechts und erkannte errötend Herrn von Hase, der respektvoll vor ihr stand. – »Gnädiges Fräulein, ich traute meinen Augen nicht!« – – »Guten Abend – entgegnete sie sofort heiter – ich bin nämlich ohne Schirm und mußte untertreten!« – – »Oh weh, und mein Spazierstock, den ich kühnlich mitbrachte, wird Ihnen auch nicht helfen, gnädiges Fräulein!« – Sie klagten hin und her. Der Regen wurde heftiger, und endlich bat Herr von Hase in flehenden Tönen, Fräulein Wächter solle ihm bloß die Ehre erweisen und mit ihm zu Telschow fliehen. Hier würde sie sich auf den Tod erkälten. Olga zögerte und – – – – ließ sich erweichen, als er ärgerlich sagte: Zimperlichkeit hätte er ihr nie zugetraut. Da wäre Lotte ein anderer Kerl!

Da saßen sie denn oben in der Konditorei, in einem gemütlichen Eckchen und plauderten. Und ihr Wohlgefallen aneinander stieg. Hase erzählte ihr freimütig von seinem Leben und von seiner großen Liebe zu Frau Doktor Feller, welche jetzt einer innig ergebenen Freundschaft gewichen. Sie lobte Lotte in allen Tonarten, und während sie von der fernen Lotte sprachen, drückte Gott Amor die bereitgehaltenen Pfeile immer tiefer in ihre Herzen. – »So, mein gnädiges Fräulein, nun hat der Regen aufgehört. Nun muß ich leider, leider, zum Aufbruch gemahnen, sonst ängstigt sich Ihre verehrte Frau Tante!« – – Olga sprang erschreckt auf und eilte, von ihm begleitet, heim. – »Kommen Sie zu Fellers?« – – – »Nein, Herr von Hase, wir haben heute Besuch!« – – »Oh, wie schade, ich hatte es sicher gehofft. Ich will noch zum Abendessen hin!« – – »Und wie gelangen Sie auf Ihr Gut?« – – »Heute Abend garnicht mehr, gnädiges Fräulein! Ich habe mir in einer Pension ein Zimmer genommen. Ich muß unbedingt ein Absteigequartier in Berlin haben!« – – Noch einige Phrasen her und hin. Dann trennten sie sich. Bei Bachs war Besuch, und Olga wollte vor all den Fremden nichts von dem gemeinsamen Konditoreibesuch erzählen. Am nächsten Morgen aber schämte sie sich, fand keine rechte Einleitung und mußte fort, ohne gebeichtet zu haben. – – Hugo von Hase traf auf der Treppe zwei Kollegen von Willi und überfiel mit ihnen gemeinsam das junge Ehepaar. Sie fanden Lotte, ihren schlafenden Sohn im Wagen neben sich, wie sie Strümpfe stopfte und aufmerksam dem Gatten lauschte, der ihr eine wichtige medizinische Entdeckung vorlas und erklärte. – Freudig begrüßte das gastliche Paar die Ankommenden. Die Hausfrau verschwand sofort, um den Abendbrottisch herzurichten. Natürlich erst, nachdem sie Kurtchen hatte bewundern lassen. – Wie es kam, wußte Hase selbst nicht. Aber auch er hatte nichts von der Begegnung mit Fräulein Wächter verlauten lassen.

Er half dem Zufall geschickt nach und traf sie, »höchst überrascht«, am nächsten Vormittag, als sie von der Buchführungsstunde kam. Beide gestanden sich errötend, daß sie geschwiegen, und so hatten sie das erste Geheimnis miteinander. Es bedrückte sie nicht weiter, sondern freute sie sogar. – Herr von Hase verließ sich in jüngster Zeit recht oft auf seines Inspektors Tüchtigkeit. Er war eigentlich beständig in Berlin und fast täglich bei Fellers, Bachs oder in den ihnen nächst stehenden Familien Neuwald und Harder. Dabei war er ein zerstreuter und ziemlich schweigsamer Gast. In Willi erwachte aufs neue das schon geschwundene Mißtrauen. Lottes Schwestern raunten sich besorgt zu, daß der arme Hase doch absolut von seiner Leidenschaft nicht los käme. Nur Lotte lächelte, beobachtete und schwieg. Sie sah, daß Olgas forcierte Heiterkeit nachließ und einer nachdenklich träumerischen Stimmung wich. Als sie mit Kurtchen im Tiergarten war – Bertha schob den Wagen, aber Lotte war stets bei den Ausfahrten dabei – traf sie ihren Freund, der sinnend vor sich hinstarrend die Wege des Parkes durchstreifte.

»Ei sieh da! – lachte sie vergnügt, er kam ihr gerade gelegen – Häschen, Du? Guten Tag! Ja, solch ein reiches Knöppchen kann sich Rentierspaziergänge leisten! Oder nach Schiller: Da faßt ein namenloses Sehnen des Jünglings Herz, er irrt allein!« – – Hase blickte sie erschreckt an. Er schämte sich, daß sie ihn ertappt. – »'n Tag, Lotte! Ich verdampfe mein Kopfweh und weiß nicht recht, worauf Du anspielst!« – – »Na, Hugo, nicht auf früher, das kann ich Dich versichern! Nun, schau Dir erst Deinen Paten an, und dann wollen wir ein bißchen auf und ab wandern. Ich möchte mit Dir etwas besprechen!« – sagte sie. Er beugte sich gehorsam und schaute auf die kleine Menschenknospe, die wieder gedeihlich schlief. – »So, Bertha, nun gehen Sie langsam voran. Immer die Charlottenburger Chaussee 'lang. Ich komme unmittelbar hinterher!« – – Lotte schritt langsam neben Hase und blickte ihn an. »Na, Häschen, nun sind wir solo. Hast Du mir nichts zu sagen?« – – »Ich? Aber, liebe Lotte, ich wüßte nicht, was!« – entgegnete er zurückhaltend. – »Also wirklich nicht?« – fragte sie wieder. – – »Aber, liebe Freundin, worauf spielst Du denn immerfort an?« – meinte er.

Sie wurde ungeduldig und sagte ärgerlich: »Weißt Du, lieber Hugo, ich habe Dich viel zu hoch taxiert, um Dir solch albernes Getue zuzutrauen! – – – Schließlich ist es doch absolut keine Kleinigkeit, wenn ein liebender Verehrer, auf den man seit Jahren eingeschworen, einem untreu wird!« – – »Aber Lotte!« – – »Aber, Häschen! Ja, ja, red noch! oller Heuchler! Ihr seid doch unverbesserlich! Wenn Du ein Mann nach meinem Herzen wärst, kämst Du frank und frei zu mir und – – –« – – »Na, mehr kann ich wohl nicht kommen?« – – »Nee, allerdings nicht! Aber Du müßtest sagen: Lotte, ich habe die Olga Wächter lieb. Sei kein Frosch und hilf mir, sie zu sehen. Anstatt dessen schweigst Du, und Ihr verfehlt Euch beinah täglich!« – – Sie packte ihn eifrig am Arm und redete auf ihn ein: »Wenn Du kein Schwachmatikus bist und nicht wieder zu spät kommen willst, so greifst Du zu. Du bist in der Lage, ein armes Mädchen zu heiraten, und eine bessere findest Du nicht!« – – »Du hast gut reden, teure Lotte! Erstens weiß ich ja noch garnicht, ob sie mich überhaupt will und dann – – –« »Ach, was! – unterbrach sie ihn ungeduldig – Das kommt auf eine Frage an. Nur kein langes Gezoddele! Überhaupt ich warne Dich! – fügte sie ernst hinzu – Doktor Schanz scheint sehr entzückt von Olly, und er hat auch nicht nötig, nach Geld zu sehen!« – – Sie biß sich auf die Lippen. Dieser Einfall, ihn zu reizen, war ihr eben erst gekommen. Ein kleiner Schwindel war wohl erlaubt, und daß er wirkte, sah sie an seiner Miene. Lotte fühlte ein Lachen aufsteigen, bändigte es aber. »Sieh mal, gestern hat sie wieder sehr nett mit Schanz geplaudert; aber ich glaube, daß Du ihr vorläufig doch noch besser gefällst. Laß ihn nicht zu sehr ins Vordertreffen kommen. Es wäre doch reizend, wenn Du schon Weihnachten eine so hübsche, gute und tüchtige Frau in Dein Gutshaus führen könntest. Du bist Waise, hast wenig Verwandte und pendelst immer haltlos hin und her. – Ich habe Dich herzlich lieb, kann Dir aber beim besten Willen nicht mehr sein, als Deine beste Freundin. Und als diese rate ich Dir: Greif zu!« – – Ernst schritt er neben ihr und dachte nach. Plötzlich hob er den Kopf und sah sie an. »Lotte, – sagte er ergriffen – Du kleine, kecke, reizende Lotte, hast alle Register meines Gefühles gespielt. Alle Saiten angeschlagen! Sollte mir jetzt, wo ich mühsam verzichten gelernt, doch noch von Dir mein Glück kommen?« – – »Sicher, lieber alter Freund!« – erwiderte sie innig. – »Ach, Lotte, ich will offen sein. Ja, diese Olga gefällt mir über alle Maßen gut. Ich hätte mich sofort Hals über Kopf in sie verliebt, wenn Du eben nicht wärst! Alles in mir ist in Aufruhr. Sieh mal, die Olga soll mir ihr junges, köstliches unberührtes Ich schenken, und was gebe ich ihr dafür?« – – »Das Gleiche!« – – »Nein, Lotte, nein! – widersprach er – Ich war Offizier und ein flotter obendrein. Jedes Abenteuer war mir recht. Ich suchte ein neues, als ich Dich bei Telschow sah, und ich verlor mich ganz – – – – – in Dir! Als ich Dich nicht erringen konnte – – – Lotte, Du bist heute Frau, heute kann ich es sagen – Da habe ich mich in das Leben gestürzt und es bis zur Neige genossen, um Dich zu vergessen. Und als mir das nicht gelang, und ich Dich in Oberhof wiederfand, hast Du mich von neuem emporgezogen und aus dem Sumpf gerissen. Dann erbte ich das Gut, arbeitete und wurde Euer Freund. Unbewußt hast Du immer und immer wieder in mein Dasein eingegriffen. Wo ich hinsehe, warst Du, bist Du! Ich bin ohne Dich nur halb! Und jetzt, wo ich wieder ein Mädchen kennen gelernt, das ich lieben könnte – – – Wer steht an der Schwelle zu meinem Glücke? Du! Und ich glaube, ich werde ich über Dich nicht wegkommen!« – – Er sprach tief erschüttert. Sie lauschte ernst und sagte jetzt hastig:

»Im Gegenteil, Hugo! Du wirst durch mich darüber fortkommen. Ich stehe an der Schwelle und mache die Tür zu dem Glücke auf und rufe Dir zu: Tritt ein! – – – Liebes, treues Häschen, greif zu. Sobald als möglich! – – – Olly ist einundzwanzig. Sie müßte nicht das heißblütige Mädchen sein, das sie ist, wenn sie nicht auch schon ihre Erfahrung gemacht hätte! Ich weiß, sie hat einen Nachbarssohn sehr gern gemocht. Sie wäre vielleicht seine Braut geworden, wenn – – –« – – »Was? Wenn?« – fragte Hase atemlos. – »Wenn er nicht, um schneller Karriere zu machen, in den Tropendienst übergegangen wäre und dort dem Fieber erlegen! – fuhr Lotte fort – Ich darf diese Indiskretion begehen, um Dich zu beruhigen. Olly war nie verlobt. Es ist nie zu einer Aussprache zwischen den beiden gekommen; aber sie hat ihn herzlich lieb gehabt und tief betrauert. Siehst Du, Häschen, so hat auch sie schon das erste Gefühl vergeben. Aber Ihr beide habt soviel Reichtum noch in Euch übrig, daß er für eine glückliche Ehe ausreicht. Alter lieber Kerl, bei Telschow habe ich Dir als kokettes junges Ding meine Schlingen gelegt und die Falle zurecht gelegt. Dort haben wir uns wiedergesehen, und dort soll die Falle zugemacht werden durch mich. Und drinnen sitzen Häschen und Olga Wächter. Ja, Hugo?« – Sie reichte ihm die Hand. Er drückte sie fest. »Durch Dich! Durch Lotte Bach!« – murmelte er nur.

Sie gingen ein Weilchen schweigend nebeneinander. »Weißte was? – sagte sie plötzlich – Geh heute Abend so von sechs Uhr ab in die Konditorei. Ich bugsiere Olly auf irgend eine Weise hin. Dann erklärst Du Dich und kommst mit ihr zu Mama. Wir sind ja alle heute Abend bei ihr, dann feiern wir gleich los! – – – Es ist zwar ein bißchen schnell; aber – – –« – – »Aber ich habe sie schon neulich ein Stündchen dort gehabt, und seitdem dreimal mit beabsichtigter Zufälligkeit getroffen!« – gestand er kleinlaut zu. Lotte war starr: »Na, da hört die Weltgeschichte aber denn doch auf! – rief sie lachend – Solch eine Bande! Trifft sich und sagt keinen Ton. Ich wollte Amor ein wenig ins Handwerk pfuschen und komme zu spät!« – – »Nein, nein, im Gegenteil! – versicherte er eifrig – Ich schwöre Dir zu, Lotte, ich hätte noch den Winter verstreichen lassen und mich abgequält und doch nicht gewagt, zuzugreifen. Der Zwiespalt in mir war zu groß.« – – »Quatsch! Zwiespalt! Ich verstehe Euch Männer oft nicht, auch meinen Willi nicht. Aber ich werde daraus lernen. Mein Junge wird von vornherein angehalten werden, zuzugreifen und sich nicht die Butter vom Brot nehmen zu lassen. Einen ganzen Mann werde ich aus ihm machen! – Mein Bengelchen soll sich nicht quälen, wie Willi es getan hat und Du jetzt auch. Himmeldonnerwetter, ein ›Nein‹, wenn man sich geirrt hat, ist doch noch keine Ehrenkränkung. Na, warte nur, wenn Du mal 'ne Tochter haben solltest, und mein Kurt liebt sie? Dann wird er nicht lange fackeln! Der wird Dir zeigen, was 'n Sohn von Lotte Bach ist!« – –»Also abgemacht! Im Namen meiner etwaigen Tochter kann ich eine eventuelle Liebe von ihr und meinem Paten nur wünschen. Erstens geht ihm dann nicht meine Erbschaft verloren! Und Dich zur Schwiegermutter? Das wünsche ich meinem Kinde!« – entgegnete Hase jetzt auch lachend. Er fühlte sich plötzlich leicht und frei und bereit, das Mädchen zu erobern, welches ihm seit Tagen schon die schwer erkämpfte Ruhe genommen. –

Zwei Stunden später trat Lotte ihrem Gatten entgegen. Sie hielt den Knaben im Steckkissen auf den Arm und hob ihn zu Willis stattlicher Höhe empor: »Guten Tag, Vater! – sagte sie für ihn – Gib Mutter mal schnell einen festen Kuß. Die hat wieder 'ne feine Sache gedeichselt! Eine Kiste mit 'nem Schiebedeckel. Vor Jahren geöffnet; aber erst heute schnappt sie zu!« – – »Nanu, Katz, Du sprichst in Rätseln! – sagte Willi, nachdem er das Kind geküßt und ihr vorsichtig abgenommen – Was hast Du schon wieder gemacht?« Lotte wirbelte auf dem Absatz herum und erwiderte atemlos – »Ich? Nix! d. h. doch! – Wir sind doch heute alle abends bei der dicken Wonne zu Tisch. Da habe ich Olly gebeten, sie möchte für uns von Telschow Apfeltörtchen mitbringen! Mehr nicht! Es ist Dir doch recht?« – – »Gewiß Liebstes, – sagte er erstaunt – warum denn nicht? Warum muß das arme Mädchen dazu aber so weit gehen? Wir haben doch so gute Konditoren in der Nähe!« – – »Ach, Schöps! – Olga kommt dort vorbei, und Du weißt doch, unsere Mieze ist auf ein paar alte Firmen eingeschworen. Sie wird den Apfelkuchen besonders goutieren, wenn er von Telschow ist!« – – »Ach so! Und darum Räuber und Mörder, Liebstes?« – – »Nanu, ist das noch nicht wichtig?« – – »Nein, davon hängt doch absolut nichts ab!« – – »So, meinst Du – – Diese Männer! Ich kann Dir sagen, seit Adam und Eva haben die Äpfel ihre folgenschwersten Bedeutungen gehabt. Wir wollen erst einmal sehen, ob diese Törtchen nicht auch noch ihre Wirkungen haben?« – – »Frau Gemahlin belieben wieder geheime Untertexte!« – sagte er neckend – Erkläre Dich deutlicher!« – – »Abwarten und Thee trinken, Willi! Aber ehe der Morgen graut, wird man Deinem Weibe die Treue brechen!« – – »Ich? Sag, Katz, Du phantasierst! Hast Du etwas getrunken?« – – »Ja, Malzbier! Dein Sohn hält mich direkt zum Suff an. Nun reiche ihn mir aber her!« – – »Erst wirst Du mir anständig guten Tag sagen, Du geliebte Sphinx!« – sagte Willi. – Pardauz, legte er Feller junior mitten auf den Tisch und umfing die sich sträubende Lotte. – »Um Himmelswillen, Rabenvater, mein Junge!« – – »Mein Junge liegt gut, und wenn Du nicht gleich liebenswürdig bist, placiere ich Kurt oben auf den Schrank!« – – »Willi, Du bist es imstande!« – schrie sie entsetzt. – »Sicher!« – Er streckte schon die Hand aus, da packte sie seinen Arm. »Barbar, Unmensch! Wenn es sein muß, na, denn los; aber es ist ein Skandal! Benimmt sich so ein Mann, der über ein Jahr verheiratet ist?« – – »Warum soll er sich anders benehmen? Dank Gott, daß ein – Dein Mann dann noch so verliebt sein kann wie ein waschechter Bräutigam!« – –

»Uff!« – Lotte sank in einen Stuhl und fächelte sich Luft zu, nachdem er sie freigegeben. »Verdrehter Knopp! Schämst Du Dich nicht vor Deinem Sohne?« – – »Mein Sohn schläft mitten auf dem Tisch den Schlaf des Gerechten!« – – »Um Himmelswillen, Willi komm zu Tisch, die Suppe wird kalt! Ich habe ganz das Mittagbrot vergessen!« – – »Weiß der Himmel, ich auch!« – – Sie nahm ihr Söhnchen, legte es in den Wagen und rollte diesen in das Speisezimmer, wo er neben dem Eßtisch stehen bleiben sollte. Dann tat sie die Suppe auf. »Lulu hat geschrieben. Sie dankt noch einmal für unsere Gastfreundschaft und gratuliert. – – »Gratuliert, wozu?« – – »Rabenvater, was ist heute für ein Tag?« – – Willi schaute nach dem Kalender: »Montag??« – – »Na ja!« – – »Und und?« – – »Nun und? Heute ist unser Kurt acht Wochen alt!« – – »Richtig, wie die Zeit fliegt! Gratuliere, kleine Mutter Lotte!« – – »Danke, Väterchen! Weißt Du, Schatz, der Tag muß gefeiert werden! – – Eigentlich hast Du Recht! Aber wir sind doch bei Mama?« – – Lotte lächelte. Ihr Mann ging unbewußt auf ihre Intentionen ein. – »Das schadet ja nichts, dort feiern wir im größeren Kreise. Dein Patient hat Dir doch als Dank für seine schnelle Genesung drei Flaschen Champagner geschickt! Die kann Bertha zu Mama bringen! Ja?« – – »Verschwenderin, heute Sekt?« – – »Hugo ist auch da!« – – »An Hugo denkst Du doch stets!« – meinte Willi leicht verstimmt. – – »Warum nicht?« – – »Ich wünschte, er würde sich verheiraten!« – – »Ich auch, dann hörte Deine Eifersucht auf, Schatz!« – sagte sie. – »Dann könnte er nicht beständig in Berlin umherflanieren, sondern hielte es mal ein paar Wochen auf Lanken aus!« – erwiderte er so übellaunig, daß sie ihm die Zunge zeigte und lachend: »Unverbesserlicher Othello!« rief. –

Willi war direkt nach der Sprechstunde zu einem Kranken gefahren. Seine Gattin hatte ihn in der Droschke bis zum Potsdamer Platz begleitet. Sie behauptete, dort noch eine wichtige Besorgung zu haben. Ihre Stimmung war heute eine recht wechselnde. Entweder zappelte sie vor Lebhaftigkeit und plauderte ohne Punkt und Komma oder sie versank in ein dumpfes Brüten. Schon eine ganze Weile hatte ihr Gatte dieses auffällige Wesen beobachtet. So sehr er auch dagegen ankämpfte, die alte mißtrauische Eifersucht kam wieder. Tausend Zweifel nagten an ihm. Mühsam versuchte er, sich aus der Vergangenheit Momente zu rekonstruieren, welche ihm Anlaß zu Verdachtsgründen hätte geben können. Wer sucht – findet! – Auch Herr Doktor Feller fand Bemerkungen – Blicke – Bewegungen an seiner kleinen Frau, die ihn ängstigten. Aber mit wem? Mit Hase? – – Hase war ein Ehrenmann und zeigte stets unverhohlen, daß aus seiner Liebe Freundschaft geworden! Hase war sein Freund geworden! Der kam nicht in Betracht! – – – Aber wer sonst? – – – Lotte war absolut keine Frau, die sich rasch verliebte. Bei ihr konnte es sich nur um alte Gefühle handeln! – – – – Franz Haffner war fort. – – – – Wer also? – – – –

Als sie den Platz erreichten, fuhr er aus diesen Grübeleien empor. »Also, bei Mama, Liebster? Versuche, pünktlich zu sein!« – – »Warum begleitest Du mich nicht ganz! Deine Besorgungen laufen doch nicht fort?« – fragte er mürrisch. Sie war jedoch nicht zu halten. »Ich kann nicht, Schatz, ich kann nicht!« – – »Du bist so erregt, als ob Du zum Rendezvous fährst, Katz!« – – »Na, wer weiß!? Es wäre doch eine Abwechslung!« – – »Nettes Bekenntnis!« – – »Mit Offenheit kommt man am weitesten! – sagte sie übermütig lachend – Denn die Treue ist eigentlich ein leerer Wahn bei allen Menschen! Kommt erst der richtige Zweite, so schnappt man einfach ab!« – – »Das wäre ja recht nett, liebe Frau! Recht ethische Grundsätze!« – – Lotte stand schon auf der Bordschwelle und schaute in den Wagen. Sie sah, daß Willis Gesicht in dem Zwielicht blaß und verzogen war. Sollte er schon wieder eifersüchtig sein? War sein alter Fehler noch nicht ausgerottet? Sie fühlte Gram und Ärger zugleich über diese Furcht. »Lebewohl, alter Othello! Noch ist kein richtiger Zweiter nach Dir für mich aufgetaucht. Du bist noch immer Nummer Eins!« – Damit warf sie die Droschkentür zu und eilte fort. Das Menschengewühl nahm sie sofort in sich ans. –

Lotte schaute nach der Bahnhofsuhr. Es war sechs Uhr. Um ein viertel sieben Uhr konnte Olly Wächter von der Handelsschule bis hierher gelangt sein! Hase saß sicher schon bei Telschow bereit. – Lotte hatte es daheim nicht ausgehalten. Sie war zu erregt, ob ihr Plan gelingen und die Beiden bereits als Brautpaar bei Mutter Bach antreten würden? – – Vielleicht waren sie zu ungewandt zum Verloben, und ihre tatkräftige Hilfe nötig? – – So wanderte sie vor der Konditorei auf und ab und behielt den Eingang im Auge. Die Minuten krochen. Immer von neuem schritt sie die sechs Häuser ab. Schon fiel ihr Hinundherpendeln auf. Eine Blumenverkäuferin, welche auf dem Damme, dicht am Trottoir, ihren Posten hatte, beobachtete sie schon geraume Zeit. »Kaufen Sie mir doch was ab, Fräuleinchen, er kommt ja doch noch nicht!« – meinte sie endlich. – »Ein Skandal, wie kann er auch nur so unpünktlich sein, nicht?« – erwiderte die junge Frau lachend und trat an den Korb heran. Sie wählte zwei Sträuße von roten Rosen. »Etwas zerrupft sehen sie ja aus; aber es schad't nischt. Es sind doch rote Rosen, und da ist die Bedeutung ja die Hauptsache! – sagte sie. Die Händlerin verteidigte ihre Ware. Plötzlich schreckte Lotte auf und eilte einige Schritte weiter. »Ich zahle gleich – – – gleich!« – rief sie, denn sie erblickte Olga Wächter.

Gemächlich, harmlos und müde, ernst aussehend, näherte sich die junge Dame dem Geschäft und trat ruhig ein. Lotte fieberte. Sie gab der Frau rasch das verlangte Geld. »Nanu, Fräuleinken, det war doch 'ne ›Sie‹!« – – »Na ja, ›Er‹ ist schon drinn!« – antwortete Lotte zerstreut. Sie bemerkte nicht, daß die Alte sie ganz erstaunt anglotzte. – Wäre ein schneidiger Herr erschienen, so hätte sie sich aus dem Gebahren der jungen Dame, aus ihrem Schreck, ihrem Beiseitespringen wohl einen Vers machen können. Jetzt aber fand sie keine rechte Erklärung. So sah man denn doch nicht aus, wenn man seinen Schatz mit einer andern ertappte! – –

Wieder schritt Lotte hin und her. Ihre Wangen glühten. Ihr Herz klopfte. – Hase saß in der Falle und Olly auch! – – Komisches Gefühl, wenn man weiß, daß das Schicksal zweier Leben entschieden wird! – – – – Olly kam nicht wieder. Er hatte sie also festgehalten! – Sie blickte nach der Uhr. – Himmel, dreiviertel Sieben durch. Um einviertel Acht war spätestens Kurtchens Waschzeit. Noch drei, fünf Minuten, dann ging sie hinein und holte die beiden heraus. Waren sie dann noch nicht verlobt, so würde sie ihnen schon zu einem schnellen Abschluß verhelfen! So nahm sie es sich vor. – Sie zögerte vor dem erleuchteten Schaufenster und bemerkte plötzlich mit heimlicher Schadenfreude, daß zehn Schritte von ihr – – – – – – – – ihr eigener Gatte stand und mit zusammengebissenen Zähnen auf sie schaute. – Mit raschem, erneutem Blick nach dem Bahnhofe trat sie endlich ein und sah sofort in das Gastzimmer. – Aha! Da oben in der Ecke saßen die beiden mit heißen Wangen und strahlenden Augen! – – – – Hase sprach flüsternd auf das reizende Mädchen ein – – – Beide hatten Zeit und Ort vergessen. – Hastig kletterte Lotte die paar Stufen in die Höhe und näherte sich dem Tisch. Das Pärchen merkte nichts und schaute erst erschreckt auf, als die Rosen auf die Platte fielen. »Guten Abend, meine Lieben, nun, darf ich gratulieren?« – – »Lotte!« – rief Olga entsetzt. – »Wovon habt Ihr denn bloß geredet?« – fragte Lotte leise. – – »Ich war ja erst beim Beichten und gerade bei Dir angelangt!? – erwiderte Hase verzweifelt und zornig. – – »Heiliger Bimbam, dann wärst Du erst um elf Uhr mit mir fertig. Das geht nicht, Menschenkinder, das geht nicht! Ich stehe wie auf glühenden Kohlen, denn mein Junge muß besorgt werden! Ehe ich aber nichts Positives weiß, kann ich auch nicht nach Haus!« – – »Lotte, Du bist schrecklich!« – flüsterte Olga gepeinigt. – »Was willst Du eigentlich?« – murrte Hase und strich seinen schönen Schnurrbart aus. –

Lotte setzte sich zu ihnen, denn sie fühlte, daß Verschiedene sich nach ihnen umschauten. »Was ich will? Affe!« – raunte sie grimmig – »die erste will ich sein, die Euch Glück und Segen wünscht! Ich habe aber keine Zeit zu verlieren, und ich finde, hier ist wohl der richtige Ort, um sich zu versprechen, aber nicht um sich zu verloben! – – – – – Gieb mir mal Deine kleine Patsche, Olly! So! – – – Und nun bitte um Deine liebe Vorderflosse, Häschen. So!« – –

Lotte nahm die beiden Hände und legte sie nach raschem Umherblicken ineinander, sie mit ihrer Hand vereinigt haltend. »Olly, er hat Dich innig lieb, und nach meinem Willi ist er der beste Mensch auf der Welt! Nimm ihn, er wird Dich glücklich machen!« – – – »Lotte!« murmelte die Überrumpelte totenbleich. – »Hugo, Du weißt, daß Du eine Frau bekommst, gegen die ich mich verstecken kann! Sie kann sogar melken, buttern, alle Getreide und Pflanzen unterscheiden. So weit habe ich es nie gebracht! – – – – Red 'nen Ton, Mensch! Ich habe keine Zeit!« – – Ihre Füße stampften ungeduldig den Boden. »Himmel, mein Junge wird schreien!« – stieß sie außer sich hervor, als das Pärchen noch immer keinen Laut hervorbrachte. »Ich platze reinweg!« – erklärte sie – Hört mal, verloben werdet Ihr Euch bei mir! Das Wohnzimmer steht Euch zur Verfügung. Aber erst muß das entscheidende Wort gefallen sein. Ihr sitzt ja schlimmer als zwei Ölgötzen da! – – – – Menschenkinder, ich zähle jetzt bis drei, wenn ihr bis dahin nicht beide vernehmlich ›Ja und Amen‹ gesagt habe, dann rufe ich wahrhaftig – laut – um Hilfe!«

Entschlossen blickte sie von einem zum andern. »Eins – – – zwei – – –«

»Ja! Ja! Ja!« – sagte Olly jauchzend und verhalten.

»Amen!« fügte Hase tief und befreit aufatmend hinzu.

»Na, Jott sei Dank und Lob! – erkannte Lotte hochbefriedigt an – Meine innigsten Glückwünsche! Ihr Lieben! Und nun kommt flink! Erstens mein Junge! – – – Und zweitens schwant mir was von einem Tantalus!« – –

Sie sprang auf und eilte zur Kasse, um rasch die Rechnung der beiden glücklichen Leutchen zu begleichen. Benommen und verwirrt folgten diese ihr langsamer nach. Lotte trat aus der Konditorei und schaute scharf in der Runde umher. »Aha! – rief sie befriedigt, als sie ihren Gatten entdeckte – weiß der Himmel, ich hab es mir gedacht! Willi!« – – Langsam kam er heran. »Lotte?« – – »Na, man nicht den aufs hohe C gestimmten Mollton, geliebter Knopp! – sagte sie lachend – Hier hast Du das neueste Brautpaar: Hugo und Olga! Gib eine Patschhand und sag Deinen Glückwunsch her!« – – »Also darum? So so!« – entgegnete Willi, nun befreit und freudestrahlend. Er gratulierte dem Pärchen herzlich. Sie ließen es über sich ergehen, denn sie waren noch vollkommen traumbefangen. »Kurtchen, Kurtchen schreit! Kommst Du mit nach Haus, Liebster? Die beiden da haben auch noch viel miteinander abzumachen! Und nachzuholen, mtz, mtz!« – imitierte sie Kußlaute! »Lotte, Du bist außer Rand und Band!« – sagte Hase entrüstet. Willi packte ihr Ohr. »Nein, Katz, ich muß noch drei Besuche machen. Euch würde ich ja stören! Aber Deine Strafe bekommst Du noch! Ich habe wieder Höllenqualen ausgehalten!« – – »Was auch noch Strafe? – sagte sie lachend – Dein höchstes Lob habe ich mir verdient! Ich selbst räume meinen letzten treusten Liebhaber beiseite, damit Du ruhig schlafen kannst! Aber nun marsch, Herr Doktor! Sonst kommen Sie zu spät zu Frau Geheimrat Bach. Da wird heute Olga Wächters lebenslängliche Anstellung bei Herrn Hugo von Hase auf Lanken gefeiert!« – – Willi verabschiedete sich hastig. Lotte winkte eine Droschke heran. Sie nannte dem Kutscher ihre Adresse.

»So, Männeken, und nu lassen Se Ihren Jaul stramm ausholen! – rief sie übermütig. Solch eine ereignisreiche Fuhre erlebt so leicht kein anderer Taxameterich!« – – – »Nanu, meine Dame?« – sagte der Dicke auf dem Bock erstaunt.– – –»Na, Sache, – fuhr Lotte lustig fort, während das Brautpaar einstieg – Haben Sie mal etwas von einer Hasenfalle gehört? Von einer in die Falle geratenen Korrespondentin, die Rittergutsbesitzerin wird?« – – »Nee!« – – »Na, sehen Se! Und nun noch von einer Mutter, die ihr Kind hungern läßt, um einen Verehrer los zu werden? Auch noch nicht? – – »Nee, meine Dame!« – – »Hab ich's nich' gesagt? – rief Lotte – Das Unzulängliche, hier wird's Ereignis!« – – »Nanu?« – Er verlor auf seinem hohen Kutschersitz die Geduld. Frau Doktor Feller lachte und kletterte in den Wagen. – »Na, denn man jüh, Kutscher! Und vorsichtig! Sie fahren die Berliner Range!« – – »Hm!« – – »Nich brummen, Mann, was 'n echter Berliner is, verliert nie seinen Humor! Ich behalte ihn auch bis in die Mummeljahre! Nu, los, 'rin ins Verjnügen« – – – – – – – – –

 

Ende.

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