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Die Berliner Range. Lotte als Mutter! Band XII.

Ernst Georgy: Die Berliner Range. Lotte als Mutter! Band XII. - Kapitel 10
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typefiction
authorErnst Georgy
titleDie Berliner Range. Lotte als Mutter! Band XII.
publisherVerlag von Rich. Bong
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
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Kapitel VIII. Lottes Herrenabend

Hugo von Hase traf auf der Chaussee den Landbriefträger, welcher gerade die verschlossene Posttasche nach dem Gutshause bringen sollte. Er nahm ihm diese ab, öffnete sie mit dem Schlüssel, welchen er an der Uhrkette trug und nahm die eingelaufenen Briefe und Zeitungen heraus. »Na, es freut mich, daß ich Ihnen den Weg ersparen konnte« – sagte er und sprengte mit kurzem Gruße davon. Sein erster Inspektionsritt war beendet. Er übergab sein Pferd einem Knechte und begab sich in sein Arbeitszimmer, der sogenannten »Amtsstube«. Dort warf er sich in den Stuhl, der vor dem Schreibtisch stand und sortierte die Postsachen. Für ihn waren mehrere Briefe und eine Karte angekommen. Er las diese zuletzt und drehte sie unschlüssig zwischen den Fingern. Dann pfiff er einen Marsch und las die Karte noch einmal durch. Hase schüttelte nun sorgenvoll den Kopf. – ›Sie ist doch ein tolles Ding! – dachte er – Und die kecke Freundin bestärkt sie noch in ihrem Übermut! Aber das geht nicht! Geht absolut nicht! Wie ich Willi kenne, nimmt er diesen neusten Streich verflixt krumm! Bei seiner Eifersucht? Nee – – – – nee! Ich muß sie warnen!‹ – – Auf der Karte stand: »Herzlieber Patenonkel! Da ich zum Strohwitwentrost noch ein klein bißchen zu klein, zu jung und zu dumm bin, habe ich meiner Mama und unserm Gaste: Tante Lulu Rabe für heute Abend um sieben Uhr eine sehr anregende Herrengesellschaft eingeladen. Du mußt auch dabei sein, eine Absage nehme ich nicht an. Es kommen Strohgatten und sonstige Strohmänner, nur keine Strohköpfe. Lustig wird es auch! Vielleicht spendiert meine Mama eine Pfirsichbowle? Also komm nur! Du mußt ja auch sehen, wie ich jetzt wieder verständiger und niedlicher bin; sonst kümmerst Du Dich ohnehin schon viel zu wenig um mich. Seit seiner Taufe warst Du nicht bei Deinem armen Patensohne Kurtchen.«

Hase steckte sich eine Zigarre an und dampfte flott drauf zu, während er nachsann. – Er wußte, daß er Lotte durch Warnungen noch mehr in eine einmal gewollte Absicht hineindrängen konnte. Sie war zu naiv und unbefangen und ein kleiner Eigensinn. Man mußte mit ihr also vorsichtig verfahren. Das Einfachste war wirklich, daß er zur Stadt fuhr und mit ihr telephonierte. Er mußte ohnehin verschiedene Besorgungen erledigen. Rasch entschlossen machte er sich fertig, instruierte seinen Inspektor und saß eine Stunde später in der Eisenbahn.

In Berlin angekommen, begab er sich auf seine geschäftlichen Wege, machte seine Einkäufe und eilte dann in ein kleines Weinrestaurant, wo er schon viele Jahre Stammgast war. Ehe er noch seine Wünsche äußerte, begab er sich in die Fernsprechzelle und klingelte bei den Freunden an. Das Stubenmädchen antwortete zuerst und rief dann auf seine Bitte ihre Herrin an den Apparat. Folgendes Gespräch entwickelte sich nun:

»Guten Tag, Häschen, Du kommst doch? Natürlich! Also sei pünktlich um sieben Uhr da!«

»Tag, Lotte! Ja, ich werde kommen; aber erst möchte ich wissen, was bei Euch los ist?«

»Los? Na – Sache! Lulu und ich, wir geben einen Herrenabend. Nur sieben Gäste; aber gemütlich, zwanglos!«

»Ach so, Dein Mann ist zurückgekommen?«

»Willi? – – – I bewahre! Er amüsiert sich. Wir wollen es auch! Strohwitwentum ist ein trostloser Zustand!«

»Deine Schwiegermutter als Präsidentin eines Herrenabends ohne Willi, das ist ein Witz!« –

»Etepetetchen – lachte Lotte ins Telephon – hat energisch abgesagt. Sie wohnt nicht mehr bei uns!«

»Das ist aber schade!«

»So? Lulu findet das Gegenteil! Die alte Dame würde stören!«

»Du, Lotte, aber – – – – hm – – – aber sag' mal, sind viele verheiratete Herren da?«

»Hugo, seit wann bist Du Untersuchungsrichter?«

»Ich meine – – – ich dachte – – –«

»Denken mußte nich! Komme; alles andere ist unsere Sache. Schluß!« – –

Hase hatte Zwischenrufe einer anderen Stimme nicht gut verstanden; aber er hatte deutlich vernommen, daß gelacht wurde. Sehr niedergeschlagen begab er sich in das Lokal. – Lotte machte da wieder eine Dummheit! Er kannte doch Willi?! Mit dem war nicht allzuviel anzufangen, wenn seine Eifersucht gereizt wurde. –

Frau Doktor Feller warf sich in einen Stuhl und lachte Tränen. »Hast Du die Angst nicht herausgehört? Aber da siehst Du es, was dieser Mann für ein guter Freund ist! Er ist in einer Unruhe, daß mein Willi unser Fest übelnehmen könnte, besonders, wenn Mama nicht dabei ist. Nun sehe ich erst, wie klug Hase ist, und wie er meinen Tyrannen durchschaut.« – – »Ich sehe daraus, daß Dein Willi Dich doch mehr unter dem Pantoffel hat, als Du zugeben willst oder vielleicht selbst ahnst? – meinte Lulu geärgert – Du gingst ja in einer Angst umher, bis Du seine Depesche in Händen hattest! Jetzt, wo Du weißt, daß er kommt, jetzt bist Du erst fidel geworden! – – – – – Himmel, Du ziehst ihn Dir schlecht, sage ich Dir! Ich würde ihn!« – – Sie ballte ihre kleine Rechte und schüttelte sie, daß die Brillanten ihrer Ringe nur so funkelten.

»Frau Doktor, Herr Sanitätsrat Frede wünscht Sie zu sprechen!« – meldete Bertha.

Die beiden Damen machten halb erschreckte, halb belustigte Gesichter und tauschten Blicke aus: »Ich lasse bitten! – – – – – Guten Tag, Onkelchen, Du willst doch nicht etwa absagen? Für Dich habe ich zwei so nette Partner zu einem kleinen Skat bereit!« – – Lotte eilte dem Onkel entgegen, den sie – ohne seine bessere Hälfte – sehr gern mochte. – »Nein, kleine Frau! – antwortete er und tätschelte behaglich ihre rosige Wange – Im Gegenteil! Ich möchte Dir noch einen ungeladenen Gast in meinem Sohne mitbringen!« – – »Das ist ja famos! Ist Fritz, Euer Referendar, denn hier?« – – »Freilich, liebes Kind, Du weißt – – –« – – Herr Frede entdeckte jetzt erst Frau Rabe. Lotte machte ihn bekannt, und die gemeinsame Badekur ihrer Angehörigen gab genügenden Gesprächsstoff. Der Sanitätsrat setzte sich gemütlich in einen Stuhl: »Ja, ja, liebes Lottchen, – sagte er – Fritz hat die Abwesenheit meiner lieben strengen Jenni benutzt und ist auf acht Tage nach Berlin gerutscht. Mama wollte zwar, daß er die Gerichtsferien zur Vorbereitung für das Assessorexamen benutzt; aber – – – –« – – »Aber Jugend hat keine Tugend!« – ergänzte Lulu. – – »Nein, Du! – widersprach Lotte – Aber mein guter Onkel weiß, daß das Tier der Wüste sogar Freiheit liebt! Und da er jetzt selbst die Strohwitwerfreiheit begeistert genießt, ließ er seinen Abgott kommen und – – –« – – »Pscht! – machte Frede – Man sagt nicht alles, was man denkt! Genießen und schweigen! Wie lange noch, und die gute Zeit ist aus!« – – »Ei, ei, Herr Rat! Das schreibe ich meinem Alten zum Weitersagen!« – – »Laß Dir nicht bange machen, Onkelchen! Sie klatscht nicht. Im übrigen, wie lange hast Du noch Ferien?« – – »Böses Kind! – sagt er, mit dem Finger drohend – Jenni ist mit der Kur fertig; aber sie bleibt noch vier oder fünf Tage zur Nachkur. Bis dahin muß Fritz über alle Berge sein. Übermorgen reist er in sein Nest zurück. Darum mußte ich mich noch persönlich informieren, wer heute alles herkommt?« – – »Außer Harder, meinem Schwager, wüßte ich keinen, der petzen könnte, Onkel. Den nehmen wir vor und verpflichten ihn zum Schweigen. Die andern verkehren nicht bei Euch und kennen Tante Jenni nicht oder nur flüchtig. Sorg Dich nicht weiter! Kommt her, und ich verspreche Euch, daß es gemütlich wird!« – – »Das ist es bei Bachs stets!« – erkannte er an. –

»Ich bin übrigens gekränkt, Onkelchen!« – – »Ei weshalb, liebes Kind?« – rief er erschreckt. – – »Du hast Dich noch garnicht nach meinem Sohne erkundigt!« – – »Potztausend, ja, wo ist er denn?« – – »Dort auf dem Balkon. Er schläft!« – – »Ei, warum hast Du mir das nicht vorher gesagt? – meinte Frede – Doch nun zeig ihn mal, den Kleinen!« –

Sie gingen auf den Balkon, und der erfahrene Arzt betrachtete den winzigen Schläfer ganz genau und befühlte und betastete ihn von allen Seiten: »Ein Staatskerl, zu dem gratuliere ich Dir! So etwas Kerniges bekommt man selten zu sehen!« – lobte Frede. – – »Siehst Du, Onkelchen! – erwiderte Lotte – das sagen aber alle! Die ältesten Großmütter entsinnen sich nicht, ein so starkes, gutes und verständiges Kind gesehen zu haben. Er folgt schon mit dem Blick.«

Herr Sanitätsrat machte ein etwas ungläubiges Gesicht, sagte jedoch nichts, während Frau Lulu Lotte lachend umarmte: »Du und Deine Freundin, die kleine Doktor Greif, Ihr seid zwei Schäfchen! Ihr, die Ihr früher mit vernünftigen Aussprüchen nur so um Euch warfet, seid jetzt in Eure Ableger so verliebt und blind wie die naivsten jungen Mütter! Ihr habt ein paar normale, gesunde Durchschnittsbabies, aber keine Wunderkinder! Verstanden? Und die gleichen entzückten Phrasen, welche Eure Gäste vor Günther und Kurt machen, wiederholen sie vor jedem Säugling. Einmal, weil jedes appetitliche, kleine Wesen uns große entzückt, und zum andern Male, weil man die jungen Mütter kennt!« – – »Oh, ich bin garnicht verblendet!« – verteidigte sich Lotte. »Was wollen Sie, gnädige Frau! – meinte Frede – das war, so lange die Welt steht, und wird immer so bleiben! Jede Mutter hält ihr Kind für besonders begabt. Die Schöpfung war sehr weise, als sie dem Menschen die Zufluchtstätte gab, wo er zu jeder Zeit ungeteilte Liebe und Bewunderung fand, nämlich das Mutterherz. Es ist etwas Köstliches um die mütterliche Kraft, zu lieben und zu entschuldigen!« »Ja! – rief Lotte innig – Da muß ich an meine Wonnemieze denken; die ist auch ein so köstliches Asyl. Und so eins will ich meinem Bengel werden!« – –

Der Gast verabschiedete sich jetzt. Lulu und Lotte begaben sich an ihre Vorbereitungen für den Abend. Mit Frede war nun auch die letzte Antwort eingelaufen. – – – »Du Lulu, weißt Du vielleicht, ob die Guirlanden schon da sind?« – – »Ja, der Gärtner hat sie schon hinten angebracht, da Dein Willi doch über die Hintertreppe kommen soll, um Dir zu gehorchen! Und für den Wagen von Kurt hat er ein Herz aus Blumen geflochten, in der Mitte ist das »Herzlich willkommen« angebracht!« – – »Das ist schön! Ach, Lulu, Du ahnst nicht, wie ich mich auf meinen Willi freue. Es scheint mir nur schlecht, daß ich ihn nicht selbst von der Bahn holen kann. Und Mama mit ihren ewigen Kopfkrämpfen kann ich es auch nicht zumuten. – »Willi wird den Weg finden! Emil auch!« entgegnete Lulu trocken.

Der Nachmittag verging schnell mit all den Vorbereitungen. Dann las Frau Rabe Lotte aus »Jörn Uhl« vor. Diese hielt ihr Kindchen im Arme und beobachtete seinen ruhigen Schlaf.

Draußen dämmerte es schon stark. Beide Damen konstatierten mit Bedauern, daß die Tage schon viel schneller zu Ende gingen. »Es ist ein viertel acht; – sagte Lotte – wenn die Herren so spät kommen, so besorge ich erst meinen Jungen. Dann habe ich bis nach dem Abendbrot Ruhe und kann ihn gerade wecken, wenn Willi kommt. Tu mir den Gefallen, und entschuldige mich bei unsern Gästen; aber erst die Pflicht und dann das Vergnügen!« – – Die junge Mutter war kaum hinaus, so trat Herr von Hase mit schönen Blumensträußen für die Damen ein. Die Begrüßung zwischen ihm und Lulu war sehr herzlich, da sie sich vom Sommer im Harz und Thüringen her kannten. Gemütlich setzten sich beide auf den Erker, während Bertha rasch die ganzen Räume erleuchtete. »Sehen Sie, Herr von Hase, das haben wir nicht vermutet, daß wir uns einmal bei Fellers so behaglich gegenübersitzen würden?! Gewöhnlich kommt man mit den flüchtigen Badebekanntschaften doch kaum mehr zusammen!« – – »Ich preise meinen guten Stern, meine gnädige Frau, daß er es so fügte!« – – »Herrjeh, stürzen Sie sich bloß in keine Unkosten!« – – »Wahrhaftig nicht, gnädige Frau! Aber einmal sind les amis de mes amis – mes amis. Und zum andern Male« – er seufzte. – »Na? Nicht stecken bleiben!« – – ermunterte sie. – – »Ich hatte immer ein Faible für die frischen, fröhlichen Frauen, die sich um Gott und die Welt nicht kümmern und reden – – –« – – »Wie ihnen der Schnabel gewachsen!« – ergänzte sie vergnügt. »Pardon, gnädigste Frau, das war zwar so ungefähr der Sinn meiner Gedanken, wenn ich mich auch nicht ganz so drastisch ausgedrückt hätte!« – – »Nanu, Sie – der intimste Intimus von Lotte Bach und schüchtern? Seit wann das?« – – »Ach, gnädige Frau, ich bin ein alter, verbauerter Hagestolz, der resigniert eingesehen, daß er immer einige Posttage zu spät in seinem Leben gekommen ist. Das macht bescheiden!« – – »Hu, wie das klingt! – sagte sie lachend – Also Sie haben schon eingepackt? Das wäre etwas früh!« – – »Weshalb?« – – »Denken Sie doch an die lange Zukunft, die noch vor Ihnen liegt. Wem soll die gehören?« – – »Meinen Patenkindern, ich fühle ein merkwürdiges Talent zum Erbonkel in mir allmächtig werden!« – – »Na – zweifeln Frau Rabe?« – »Noch sehen Sie mir nicht danach aus. Ein Gutsherr braucht erst recht eine Gutsfrau. Kommt Zeit – – – kommt Rat!« – – »Was macht Lotte? Ist es nicht erlaubt, den Kleinen anzusehen?« – fragte Hase, von dem persönlichen Thema ablenkend.

Lulu machte eine abwehrende Handbewegung. »Noch nicht! Aber wenn der Junge fertig ist und wieder in seinen Wagen gelegt wird, dürfen Sie sich in die hinteren Gemächer begeben. Momentan wird er wohl gerade gewaschen. Am liebsten sähe ich der Prozedur auch zu; aber ich bin stellvertretende Wirtin und erwarte unsere Herren!« – – »Warum haben Sie das herrliche Geschlecht so merkwürdig bevorzugt? – meinte Hase – Gab es in Berlin keine Strohwitwen außer Ihnen, gnädige Frau?« – Lulu las den besorgten Ausdruck Von seinem Antlitz und erriet seinen Grund. Sie amüsierte sich insgeheim darüber und entgegnete mit gemachter Gleichgültigkeit: »Bah, ich liebe keine Damengesellschaften! Wir wollten eben etwas Extravagantes in Szene setzen! Ich hoffe, daß es höchst gemütlich wird. Lauter männliche Wesen, ledig aller Pflicht! Wir zwei verheirateten Madames Sans Gêne dazu – – –« – – »Ich wollte, Frau Feller wäre dabei!« – – »Ich bin so gottlos, mich ihrer Migräne zu freuen!« – – »Aber – – – – aber, gnädige Frau!?« »Ach – was! Car tel est mon plaisir!« – – »Gewiß, gnädige Frau, die Idee ist ganz allerliebst; aber – – – –« – – »Aber?« – – »Aber eine Strohwitwe, die sie inszeniert, muß einen vorurteils- und eifersuchtslosen Gatten haben, der für Humor ein Verständnis hat. Tausende haben ihn. Ich wäre begeistert, wenn meine Frau solchen Herrenabend veranstaltete – – – –« – – »Mein Mann wird auch begeistert sein!« – – – »Das glaube ich, meine gnädigste Frau! Ich kenne Ihren Herrn Gemahl zu wenig, um mich über Ihre Sorglosigkeit zu verwundern! – – – Aber unsere gemeinsame Freundin Lotte hätten Sie nicht überreden sollen!« – – »Pah, Sie Angsthase! Lotte ist beglückt und in ihrer echten Tobelaune!« – – »Das glaube ich schon! – – – – Leider! – – – Was wird aber Doktor Feller dazu sagen?« – – »Herrjeh, lachen wird er. Willi ist doch kein Esel, von Lotte an Streiche gewöhnt und – – –« – – »Und leider ein großer Othello! Sie kennen ihn nicht so wie ich!« – sagte Herr von Hase seufzend.

Sein hübsches Gegenüber hatte nur noch Zeit, ihm etwas Gleichgültiges über Willis Untugend vorzuheucheln, da ließ Bertha schon neue Gäste eintreten. Alle kamen in gehobener Stimmung, und bald war man vollständig beisammen. Die Fremden waren einander vorgestellt. Die Unterhaltung im Gange. Herr Harder übernahm die Honneurs für den abwesenden Hausherrn und reichte Zigarren und Zigaretten umher. Lulu verkündete unausgesetzt in sprühender Lustigkeit: »Nur recht zwanglos, meine Herren! Tun Sie, als wenn Sie bei sich zu Hause wären! Wir Junggesellen müssen uns heute amüsieren! Wie ist es mit einem Schlückchen Bier schon vor Tisch? Es wird etwas spät werden, ehe wir zum Speisen kommen!« – – »Angenommen, gnädigste Frau! Wer würde zu widersprechen wagen, wenn ein solcher Vorschlag aus solchem Munde kommt?« – –

Bertha kredenzte eiligst den kühlen Trunk. »Lohnt ein Partiechen noch vor Tisch, gnädige Frau?« – rief der alte Frede, der in gar fröhlicher Laune erschienen war. Auf Lulus tröstende Versicherung, daß er mindestens noch ein paar Runden machen könne, schleppte er sofort Herrn Harder und Herrn Doktor Schanz zum Kartentisch. – Franz Hutten, der glückliche Bräutigam, verspürte so kurz vor seiner Hochzeit absolut nicht mehr die Lust zu langen, gleichgültigen Unterhaltungen in sich. Er begab sich ans Klavier und spielte die neuesten Schlager, die Referendar Frede mit dem richtigen Texte singend begleitete. Er hatte nicht umsonst mit seinem Vater jeden Abend die Überbrettlbühnen, das Apollotheater, den Wintergarten und die Schwänke des Tages besucht. – Doktor Alfred Steinau und Karl Rabe erzählten Witze, denen Herr von Hase zerstreut lauschte, während Lulu über jede Pointe in fröhliche Lachsalven ausbrach. – –

Lottes elegante Räume boten ein Bild behaglichster Gastlichkeit, als sie endlich auf der Bildfläche erschien und von der Türe aus die Situation vergnügt überblickte. Keiner bemerkte ihren Eintritt, bis sie laut sang: »Grüß Euch Gott alle mit'einander!« – – Sofort flogen die Gruppen auseinander. Alle eilten, sie zu begrüßen. Nur die Herren am Skattisch konnten sich nicht zum Aufstehen entschließen, bis auf Schanz. »Um des Himmelswillen, Herr Doktor, sitzen bleiben! – rief Lotte und eilte hin – Ich begrüße Sie auch so und möchte nicht, daß mein Onkel Frede ärgerlich wird. Eine gestörte Partie ist aber seine Achillesferse, nicht wahr, Onkelchen?« – Sie umarmte den alten Herrn – »Richtig, Kind, aber das darf auch nicht sein! Man hat doch seine Kombinationen!« – – »Habt Ihr bald fertig kombiniert, Onkelchen? – entgegnete Lotte – Es ist spät, und meine Köchin hat mir soeben verkündet, daß sie anrichten möchte!« – – »Noch zehn Minuten, bitte!« – rief Frede. Jedoch die anderen Gäste protestierten lebhaft und ungeniert! »Anrichten lassen, Lotte!« – – »Ich falle um vor Hunger!« – – »In meiner Stammkneipe wird man viel schneller bedient. Kellner, eine andere Wirtin!« – – »Stürmen wir den Skattisch, schrien alle lachend durcheinander.«

Lotte knixte tief vor dem Sanitätsrat: »Vergieb, lieber Onkel; aber die Majorität entscheidet. Nach Tisch soll Dich keiner mehr stören, dafür werde ich sorgen. Doch nun – – – ergib Dich drein. Meine Herrschaften, ich bitte mir zu folgen. Gemütlich, aber frugal!« – –

Sehr fidel ließ sich die kleine Runde an der Tafel nieder. Lotte präsidierte an dem einen, Lulu an dem anderen Ende. Die beiden Mädchen servierten sehr appetitanreizende Fisch- und Hummermajonnaisen und schenkten gleich, je nach Wunsch, Wodka oder Kognak in die dazu gehörigen Gläschen. Mit größtem Appetit kam man Lottes Aufforderung, tüchtig zuzulangen, nach. Dabei stockte bei allem Essenseifer nie das Gespräch, und als die duftenden, saftigen Braten aufgetragen wurden, jubelten alle der Hausfrau zu. »So etwas kann kein Restaurationskoch liefern! Hoch die Wirtin!« – – »Hoch die Köchin!« Lotte nickte vergnügt und freute sich, wie ihre Gäste dreinhieben. Dann erhoben sich die beiden Damen und unterhielten sich in einem witzigen Dialog in Versen über die Gatten – lose, die schreckliche Zeit. Während Strohwitwer und Junggesellen in Restaurants, am Stammtisch, in Theatern und Tingeltangeln noch Trost und Zerstreuung fänden, säßen sie allein daheim. Wirtschaftssorgen, Kinderwarten und Sehnsucht hätten sie daher auf den Gedanken gebracht, aus gemeinsamem Leid – doppelte Freude zu machen! Daher hätten sie einen Herrenabend veranstaltet und bäten nun ihre lieben Gäste alles aufzubieten, um ihnen die Stunden zu vertreiben. –

Ihre Verse wurden jubelnd aufgenommen. Herr Sanitätsrat Frede antwortete als der Älteste sehr nett und Herr Rabe sehr geistvoll. – Lotte horchte nicht recht hin, sie behielt die riesige altdeutsche Standuhr im Auge und verfolgte den Zeiger. Eigentlich mußte Herr Rabe, Lulus Mann, schon da sein oder jede Minute kommen. Willi würde wahrscheinlich, wenn der Zug keine Verspätung hatte, just auf dem Bahnhofe anlangen. Wie schade, daß nicht die beiden zusammen hier hereinschneiten! Ihr Willi stieg aus dem Zuge, und sie war nicht da, um ihn zu empfangen? Ihr Herz begann zu klopfen. Sie freute sich schon unmenschlich auf ihn, und nun mußte sie ihn in diesem lauten, lärmenden Kreise empfangen? Eigentlich war es recht schade! Die Zeit rückte vor. Schon wurde Obst gereicht. Gleich war man mit den Speisen fertig. Aber wo blieb Rabe? –

Frau Doktor Feller hob die Tafel auf. Alles eilte in die Vorderzimmer. Die drei Skatspieler sofort wieder zu ihrer Partie. »Verstehst Du, wo mein Mann bleibt? – raunte Lulu Lotte zu – Willi wird noch eher kommen als er.« – – »Wahrscheinlich Zugverspätung!« – flüsterte diese zurück. »Was gibt es da zu flüstern? Dürfen wir die Geheimnisse nicht erfahren?« – sagte Hase. – »Nein! Du hast sowieso heute kaum den Mund aufgemacht! So langweilig habe ich Dich noch nie gesehen! Das petze ich Willi!« – – »Schade, daß er nicht hier ist! – klagte Hase – Es wäre entschieden noch gemütlicher!« – – »Mir nicht! Ich fühle mich sehr wohl, auch so!« – entgegnete Lotte und wandte sich fort, um nicht zu lachen. – – »Kann ich Kurtchen nicht sehen? – fragte ihr treuer Freund wieder. – »Gewiß! In zwanzig Minuten nehme ich ihn auf, da lasse ich Dich rufen, Onkel Pate!«

Referendar Rabe tanzte und sang dabei eine der Programmnummern des Überbrettls und riß die Zuhörer zu stürmischem Applaus hin, als Bertha ihrer Herrin einen Wink gab. Keiner bemerkte, daß die junge Hausfrau sich vorsichtig entfernte und dann den langen Hinterkorridor entlang stürzte. »Willi, Willi!« – jubelte sie und flog in die ausgestreckten Arme des Gatten, der just angekommen war. Nach langer Umarmung gab er sie frei, und beide betrachteten sich erst.

»Wie verbrannt und erholt Du aussiehst, Herzallerliebster!« – –

»Wie schön und prächtig ist meine kleine Frau, mein Sonnenschein, mein Glück!« – sagte er und trat mit ihr zu dem Kinderwagen. Gerührt beugte er sich über den Sohn und küßte ihn vorsichtig. »Jetzt sieht er schon wieder anders aus, und ganz wie Du, Lotte! Der Junge wird Gott sei Dank wie Du!« – – »I bewahre, Dir sieht er ähnlich!« Die Mutter nahm Kurtchen aus den Kissen. Seine Zeit war gekommen. Lulu Rabe schneite in das Familienidyll. Sie begrüßte Willi herzlich, sagte dann aber sehr unruhig: »Kinder, versteht Ihr, warum mein Mann noch nicht da ist? Er sollte eine halbe Stunde vor Willi hier sein! Ich fange an, mich zu ängstigen!« – – »Dazu ist kein Grund! Die süddeutschen Züge haben oft Verspätung!« – – Die hübsche Frau blieb unruhig und beherrschte sich mühsam. »Lulu, Du mußt nach vorn! Ich komme gleich! – warnte Lotte – Sieh, ich bin entschuldigt, und komme in Arm und Arm mit meinem Herzensschatz, so gibt es einen Knalleffekt. Wenn wir aber beide fehlen – – –« – – »Ach was! Die sind außer Rand und Band. Dein Vetter Frede, der kleine, hat sich von mir Mäntel, Hüte und Röcke geben lassen und sich verkleidet. Er tanzt mit Karl den »lustigen Ehemann« nach Huttens Begleitung. Sein Vater hat sogar den Skattisch verlassen. Wenn sie damit fertig sind, soll die berühmte ›Haselnuß‹ drankommen. Chik haben die beiden! Ich konnte nur nicht mehr stillsitzen.« – – »Und Hugo?« – – »Herr von Hase fängt eben an, aufzutauen. Bis jetzt behielt er seine vorwurfsvoll resignierte Miene bei!« – – Willi erzählte von Bergeshöh, Lotte lauschte. Lulu sah ununterbrochen nach der Uhr. »Ich bin fertig! Nun schläft unser Süßes schon! – sagte die junge Mutter leise – Ich bette ihn jetzt. Tu mir die Liebe und geh, Lulu!« – – Diese verharrte trotzdem. Lotte schloß ihre Taille: »Lulu, zu Angst ist kein Grund!« – – »Oho, bei unsern D-Zügen! Ich fahre zur Bahn! – – »Wissen Sie, liebe Lulu, ich begrüße bloß die Gäste und fahre dann sogleich mit Ihnen – erklärte Feller – in dieser Angst dürfen wir Sie nicht lassen. Doch wollen Sie nicht noch mitkommen?« – – »Meinetwegen!« – sagte sie beherrscht. –

Da wurde plötzlich die Nachtglocke, die unten am Tor befestigt war, scharf geläutet. »Das ist Emil Rabe! Siehst Du, Dein Mann ist da!« – jubelte Lotte – Bertha eilte an ihnen vorbei, den Hausschlüssel in der Hand. »Ich glaube auch, daß es Emil ist! – meinte Lulu erleichtert aufatmend – Ich werde hier warten, geht Ihr immer hinein!« – – »I wo, zusammenbleiben, dann wirkt die Überraschung weit mehr!« – –

»Willi – – – Du! Unser Wirt angekommen! – Hurra, Doktor Feller ist da!« – schrie Hase, der den Kopf durch die Tür gesteckt hatte. Er achtete nicht auf das »Pscht!« – oder auf die Zeichen, welche ihm gemacht wurden, sondern alarmierte weiter. Nun war es auch zu spät! – Die Musik brach ab, dito der Gesang. Alle Herren versammelten sich im Salon, wo Willi sie lachend begrüßte und allen die Hände schüttelte. Selbst die Skatspieler hatten sich notgedrungen erhoben und umringten mit den andern den Hausherrn. Referendar Frede in seiner Maskierung als Dame warf sich mit einem gezierten Aufschrei an Willis Brust und umarmte ihn mit den Worten: »Geliebter meiner Seele, so hat Deine Lotte Dich wieder?« – –

Alle lachten, während die wirkliche Lotte sich ärgerlich an ihren alten Verehrer Hase wandte und sagte: »Hugo, Du bist ein Rhinoceröschen! Mit Deinem voreiligen Gequieke hast Du uns die netteste Überraschung verdorben!« – – »Aber weshalb denn bloß? Ich war so erstaunt und erfreut – – –« – – »Ach was? Red noch! Wir warteten auf Herrn Rabe und wollten alle zusammen – –« – – »Wie? – sagte er starr – Herr Rabe? So war Willis Ankunft auch abgekartet?« – – »Natürlich, kleiner Schöps! – entgegnete sie – Wir haben doch die Feier unseres Herrenabends; unsere Herren sind jedoch unsere Gatten. Na, mach nur kein so bedrippstes Gesicht! Es wird auch so ganz nett werden! Wo bleibt Lulu mit ihrem Mann nur?« – – Sie schaute sich suchend um, wurde aber von Referendar Fredes Ulkereien so angezogen, daß sie lachend stehen blieb. – Er hatte sich jetzt vor Willi auf die Knie niedergelassen und deklamierte ihn in höchsten Fisteltönen an. Dieser blickte halb verlegen, halb lachend auf ihn hinunter.

Inzwischen war Frau Rabe ihrem Gatten entgegengeeilt. An der Eingangstür empfing sie ihn mit solchem Gefühlsüberschwang, daß er nicht zu Worte kam. »Ja, ja, mein Dicker, mein geliebter Alter, sorg Dich nicht, die Bertha besorgt Dein Gepäck schon herauf, und der Kutscher hilft ihr – – – Ich bin ja so froh, daß kein Eisenbahnunglück passiert ist! Ich habe mich schon tot geängstigt!« – – Mit Kraft und Energie zog sie den verblüfften, sich sträubenden Mann in das jetzt leere Sprechzimmer. – »Da nebenan sind sie alle! Willi hat seinen Tusch weg, nun kommst Du dran! Flink, Dicker! – – – – Meine Herren! – rief sie mit durchdringender Stimme – Meine Herren! Dort begrüßten Sie Lottes herrischen Gebieter! – Hier stelle ich Ihnen meinen gebieterischen Herrn vor. Unsere Ehemänner sollen leben!« –

Sie schob Rabe, der noch verwirrt in Hut und Mantel, das Reiseplaid über dem Arm, dastand, unter die Portieren. Von Willi fort wandte sich der Jubel dem neuen Ankömmling zu. Referendar Frede machte knieend eine Wendung nach rechts und rief sentimental: »Wehe, noch einer? Schmerz, zuviel!« – – Sein übermütiges, schnurrbärtiges Gesicht erstarrte plötzlich, unter Lulus weißem, mit Straußenfedern garnierten Florentinerhut. Mit aufgerissenen Augen starrte er erblassend in das Nebenzimmer. Alle folgten seinem Blick. Sanitätsrat Frede wurde zuerst den Gegenstand seines Entsetzens gewahr, und auch er veränderte sich jäh. Er räusperte sich und ein vernehmliches »Au – – – – verflucht!« – brach sich wider Willen Bahn. –

Auch Lotte bemerkte jetzt, daß aus dem Korridor eine Dame in das Gemach getreten war und hinter Herrn Rabes breitem Rücken auftauchte. Sie war auch noch im Reisekostüm und schnappte vom raschen Treppensteigen noch nach Luft. Überrascht trat sie einige Schritte näher und erkannte erschreckend den neuen Gast. »Don – – – Tante Frede Du?« – rief sie starr vor Staunen. Dies unangenehme Zusammenprallen der unausstehlichen Frau mit Gatten und Sohn gerade in ihrem Hause war ihr sehr peinlich. – – »Ja, mein Kind, ich! Ich – – – leibhaftig! – antwortete die Sanitätsrätin schrill– Herr Rabe hatte die Liebenswürdigkeit, mich nach Hause zu geleiten, nachdem wir die anstrengende Reise zusammen gemacht hatten. Tödlich erschöpft langen wir bei uns an; aber das Nest ist leer! Mein Herr Gemahl, wie jetzt so oft, ausgeflogen. Die Dienstboten desgleichen. Zum Glück konnte ich die Koffer beim Portier lassen, der mir denn auch mitzuteilen in der Lage war, wo sich mein Gatte und – – – – sie hob die Stimme noch mehr – und mein – – – Herr – – – Sohn – – – befanden! Herr Rabe war mir behilflich und nahm mich hierher mit; denn auf der Straße kann ich ja nun, nach der schweren erschöpfenden Kur, nicht bleiben??« – – »Das ist wahrhaftig eine reizende Überraschung, meine liebe Jenni!« – sagte der Sanitätsrat gefaßt und umarmte seine Frau mit süßsaurem Lächeln. – – »Aber, liebe Mama, wer konnte ahnen?« – stieß der Referendar hervor, erhob sich und eilte auf sie zu. Ein vernichtender Blick traf ihn. »Natürlich!? Ich kürze meine kärgliche Reisezeit ab, um dem armen Papa die Einsamkeit erträglich zu machen; weil auch ich nicht ahnen konnte, daß Du so kurz vor dem Assessorexamen – – –«

»Liebe Tante Frede, – donnerte Lotte los und zerknitterte ihr Taschentuch, um einen Lachkrampf zu verhindern – Deine Strafpredigten und Familienszenen sind nicht am Platze. Die sparst Du Dir besser bis morgen auf. Im Grunde mußt Du Dich ja freuen, Deinen Einzigen so unverhofft wiederzusehen! – Du bist nun mit unsern Liebsten als drittes Ehegespenst mit hier hineingeschneit. Wir ertragen es mit freudiger Fassung. Kommt, Du und Herr Rabe, zieht Euch die Übersachen ab, und folgt mir in das Speisezimmer. Ihr müßt ja mordshungrig sein?« – – »Oh nein, liebe Nichte! – erwiderte die Frede zornbebend – Ich habe im Speisewagen gegessen und fühlte mich so todmüde, daß ich sogleich heimfahren muß. Die Droschke wartet unten. Ich nehme an, daß mein Mann und mein Sohn mich heimgeleiten werden!« – – Ihre Blicke trafen die beiden gleich Peitschenhieben. »Selbstredend kommen wir mit, teure Jenni!« – sagte der Rat schnell. – – »Wenn der Onkel durchaus mit will, so kann ich das nicht ändern – meinte Lotte – Laßt uns wenigstens Fritz hier. Bitte?« – –

Auch Willi, Lulu Rabe und ihr Gatte verwandten sich für den niedergeschlagen dreinschauenden Referendar. Frau Sanitätsrat setzte jedoch ihren Willen durch. Sie verabschiedete sich kurz von Fellers, neigte sich stumm nach den andern und rauschte majestätisch hinaus, jeder Zoll die beleidigte Königin. Herr Frede und Sohn reichten allen die Hand und zogen kleinlaut hinterdrein. Kaum waren sie verschwunden, so brach ein allgemeines Gelächter unaufhaltsam los. – »Die beste Illustration zum ›Kampf mit dem Drachen‹ – verkündete Lotte, sich jubelnd in einen Stuhl werfend – Oh, Emil, Sie Unglücksrabe, was haben Sie angerichtet?« – – »Ich bin tatsächlich unschuldig! Wie konnte ich denn ahnen?« – verteidigte sich Rabe. – – »Der arme Sanitätsrat war so guter Stimmung und so im Gewinnen!« – meinte Harder, sich die Lachtränen aus den Augen wischend. – »Zwischen Lipp und Kelchesrand schwebt der finstern Mächte Hand!« – zitierte Schanz. – »Schade, daß uns der Herr Referendar entführt wurde! Der ist ja ein ganz genialer Komiker. Wenn der durch den Assessor rasselt, müßte er aufs Überbrettl!« – – »Oh weh! Da gibt es jetzt Gardinenpredigten. Die Frau Sanitätsrat sah ja furchtbar erbittert aus!« – –

»Überlassen wir die Unglücklichen ihrem Schicksale, denn wir können ihnen doch nicht helfen! – schlug die unbarmherzige Lotte vor – Mein Herzallerliebster und Herr Rabe müssen doch endlich Abendbrot erhalten. Wie wäre es, wenn Sie sich alle ganz gemütlich mit um den Tisch gruppierten. Rauchen und trinken können Sie dort ja auch, und wir leisten unsern Nachzüglern gleich Gesellschaft?« – – Alle zogen jubelnd ins Speisezimmer. Willi und Rabe ließen sich nicht nötigen, sondern langten tapfer zu. Ihre unvermutete Ankunft tat der bisherigen Gemütlichkeit keinen Abbruch, sondern erhöhte im Gegenteil noch die frohe Stimmung.

Um vier Uhr früh trennten sich die Gäste erst von ihren Wirten.

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