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Die Berliner Range. Hochzeitsvorbereitungen. Band IX.

Ernst Georgy: Die Berliner Range. Hochzeitsvorbereitungen. Band IX. - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Georgy
titleDie Berliner Range. Hochzeitsvorbereitungen. Band IX.
publisherVerlag von Rich. Bong
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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5. Kapitel. Lotte im Harz

Nach der Koburger Partie war Lotte Bach sehr fidel zu ihren Geschwistern zurückgekehrt. Sie war viel liebenswürdiger und garnicht mehr nervös. In der Dankbarkeit ihres Herzens schloß sie sich viel fester noch als je zuvor an Frau Rabe an. Bald verband beider Freundschaft noch das trauliche Du. – Die Thüringer Zeit war jedoch abgelaufen. Frau Anna Neuwald rüstete auch zur Heimkehr und sandte ihren Liebling unter die Obhut der älteren Schwester. Und am letzten Tage harrte Lottes noch eine angenehme Überraschung. Frau Rabe hatte kein Wörtchen über in ihr keimende Pläne verlauten lassen. In aller Heimlichkeit hatte sie ihre Rechnungen bezahlt, ihr Gepäck zur Bahn schaffen lassen. –

Ruhig brachte sie Lotte mit den übrigen Begleitern zur Station und überreichte ihr den üblichen Abschiedsstrauß. Erst als die Abfahrzeit da war, und Lotte bereits im Coupé saß, nahm sie hastig von Neuwalds und anderen Bekannten Abschied. Sie sprang zu Lotte und umhalste sie, die ein betroffenes Gesicht machte. Dann winkte sie einem Hoteldiener, der schleunigst noch ihr Handgepäck in den Netzen unterbrachte. »Addio, meine Herrschaften! Auf Wiedersehen in Berlin!« – – »Nanu?« – – »Ich reise natürlich mit Lotte nach dem Harz. Man kann doch solch eine Range nicht unbeaufsichtigt durch die Welt gondeln lassen!« – – Der Jubel war größer als das Erstaunen, besonders auf Lottes Seite. –

Beide kamen fröhlich im Harz an ihrem Bestimmungsorte, Thale, an. Herr und Frau Direktor Harter empfingen die Damen mit erfreulichem Entzücken. Frau Lulu fand bald in unmittelbarer Nähe von Lotte ein nettes Unterkommen. Sie blieb auch hier ihre unzertrennliche Begleiterin. Die stille, vornehme Kläre Harter wurde von dem übermütigen Frohsinn der beiden mit fortgerissen. – Die Vormittage verbrachten sie im Walde in ihren Hängematten. Sie hingen dann friedlich nebeneinander, lachten, schwatzten oder lasen vor. Das waren schöne stille Erholungsstunden nach den weiten Morgenpromenaden und den Nachmittagen im Bekanntenkreise! – Lotte blühte auf und ließ sich von den kinderlosen Geschwistern und Lulu verwöhnen. Die nur noch kurze Trennung von ihrem Bräutigam ertrug sie ohne Murren und erbaute sich an seinen langen Briefen. – An einem herrlichen Morgen lagen sie wieder in ihren Hängematten, als Direktor Harter sich ihnen nahte und schon von weitem einen Brief schwenkte. »Von Willi?« – Mit dieser Frage sprang Lotte auf die Erde und eilte ihm entgegen: »Natürlich, wie könnte es anders sein? Ich werde für Euch Postprämien beantragen!« – – »Das ist heute schon Nummer Zwei! – meinte Kläre – Geht Euch denn nie der Stoff aus?« – Lotte lachte nur und entfernte sich ein wenig, um ungestört lesen zu können. Die Zurückbleibenden, daran gewöhnt, plauderten ruhig miteinander. Ein Aufjauchzen tönte zu ihnen herüber, und Lotte eilte hinzu: »Menschenskinder, Willi kommt! Willi kommt!« Dann las sie weiter und fügte etwas kleinlauter hinzu: »und zwar mit seiner Mama, mit Etepetetchen!« – – »Schreck, laß nach! Das durfte nicht kommen!« – rief Frau Rabe lachend. – »Oh, Frau Feller ist eine vornehme, reizende Dame, die Lotte nur zu sehr verwöhnt!« – widersprach Kläre und tauschte mit ihrem Gatten einen Blick. Fräulein Bach seufzte: »Ja, das thut sie zwar; aber – – – – – – es ist eigentlich unerhört, daß ich mir eine Kritik erlaube; aber – – – – –« – – »Na, 'raus mit der Sprache!« ermunterte Lulu – Vor mir kannst Du dreist reden. Meine liebe Schwiegerolle und ich, wir stehen auch so auf einer Stufe zwischen mau und belämmert!« – – »Das kann ich nicht einmal sagen! – entgegnete Lotte – Wir beide haben uns sogar entschieden recht lieb. Aber Mütter mit einzigen Söhnen sind nun einmal nicht anders. Mit dem einen Auge lächeln sie uns lieblich an, mit dem andern blinzeln sie forschend, ob wir ihrem Abgotte nicht etwa unrecht thun. Dazu kommt eine unterdrückte Eifersucht, ein Gefühl der Zurücksetzung! Meine Schwiegermama ist so vornehm und zartbesaitet, daß sie jedesmal nervös lächelt und die Augenbrauen emporzieht, wenn ich mit Willi ulke oder einen Zungenschlag riskiere. Dabei habe ich sie schon abgehärtet, die old lady! Und dann noch eins, sie ist so verwöhnt und so kränklich. Daheim bei sich lebt sie so still und eingesponnen, wenn sie nun 'mal aus ihrer sittigen Atmosphäre an die freie Luft kommt, dann fällt ihr eben alles auf die Nerven. Und das macht mich bei meiner Forsche toll! Ich entsinne mich noch mit Schaudern eines Ausflugs nach Potsdam! Solche stillen Naturen müßten in ihrer Hofluft bleiben!« – – »Wann kommen sie denn?« – fragte Klara Harter.

»Wartet mal, Willi schreibt: »Und nun noch eine große Überraschung, Herzenslieb! Eine große gigantische Herzensfreude mit einem kleinen Dämpfer dabei. (Er kennt mir!) Mama ist garnicht so erholt aus Franzensbad zurückgekehrt, wie ich Wohl wünschte. Sie soll daher noch eine kleine Nachkur haben. Wir hatten nun beide zuerst die Absicht, einige Wochen nach Harzburg oder Baden-Baden zu gehen. Das heißt, ich wollte Mama dorthin bringen und auf dem Rückweg einen kleinen Abstecher zu meiner großen Range machen! (Das wäre viel richtiger gewesen, geliebter Affenschwanz!) Nun hat unser liebes Etepetetchen, voller Sehnsucht nach ihrem Töchterlein (na, die hat sich wohl halten lassen. Sicher hat Willi ihr doch die Idee eingeimpft!) einen ganz reizenden Plan ausgeheckt. Du wirst davon ebenso entzückt sein, Mausi, wie ich! (Ja, irren ist menschlich! Ich hätte großmütig das Trennungsweh noch einige Wochen verkniffen, so bin ich! – sagte die gottlose Lotte.) Mama kennt den Harz noch garnicht. Da hat sie uns denn eingeladen, mit ihr eine achttägige Wagentour durch das schöne Fleckchen Erde zu machen. Denke nur, mein wonniges Mädel, acht Tage von früh bis spät bei einander, wird das nicht einzig?« (Ohne Aufsicht der alten Dame wäre es einziger!«) – – »Lotte, Du bist undankbar! Wenn das Willi hörte! Oder wenn er ebenso über unsere Mutter spräche!« – – »Nanu, Kläre! Unsere gemütliche, geliebte, lustige dicke Wonne, die sich in alles findet und sich überall wohlfühlt und die steife, stille, kiesätige Mama! – sagte Lotte heftig – Wir berühren den Punkt ja nie; aber bildest Du Dir ein, Willi kennt die Geschichte nicht aus dem ff? Was für eine öde Jugend hatte er, rein unter der Glasglocke wie eine Treibhauspflanze! Wenn die Chinareise nicht gekommen wäre, dann – – – – na! Lassen wir das Thema fallen! Ich will erst einmal weiterlesen!« – – Sie überflog die Zeilen und rief dann: »Nein, eine gütige Frau ist sie doch! Denkt nur, da schreibt mir Willi, daß Mama erst hierherkommen wird, um Dich, Lulu, kennen zu lernen. Sie würde meine Kläre bitten, unser Gast zu sein, weiß aber, daß diese Klucke – –« – »Du, so steht nicht da!« – meinte diese lachend und drohte mit dem Finger. – »Nein; aber dieses Wort ist das einzige, welches den Begriff unserer lieben Ältesten deckt! Also Etepetetchen weiß, daß Du Dich von Deinem Herrn und Gebieter doch nicht trennen würdest. Daher will sie es nach einiger Bekanntschaft wagen, Lulu zu dieser Rundfahrt aufzufordern. Das würde mir doch eine große Freude machen und ist nebenbei sehr zart und taktvoll, denn wir sind dann nicht so auf sie – sie nicht so ausschließlich auf uns angewiesen! – – – – – – Lulukaffer, geliebtes Rabenvieh, Du mußt mit, bitte, bitte, als Blitzableiter! Mir zuliebe?« – bettelte und schmeichelte sie. –

»Jetzt werde ich Dich citieren, Lotte! – entgegnete die junge Frau kühl – Ick sterbe eher! Ich lasse mich einmal nicht einladen! Wie komme ich zu der Ehre? Zweitens bin ich kein Abführmittel gegen Schwiegermütter! Danke, den ganzen Tag so in einer Kalesche neben der nervösen, wie Du selbst sagst, kiesätigen Dame! Da hatte es der selige Herkules bei seiner Omphale ja noch angenehmer! Nee, Lotteken, is nich! Bedaure!« – – »Das böse Mädel hat Ihnen, weiß Gott, einen ganz falschen Begriff von Frau Feller beigebracht, Frau Rabe! Siehst Du, Lotte, das ist Dir recht, daß Du jetzt mit eigenen Waffen geschlagen wirst! Lernen Sie die gütige, liebe Frau nur kennen, so werden Sie selbst entzückt sein!« – versuchte Klara zu überreden. Auch ihr Gatte schloß sich ihr an. Sogar Lotte bot alles auf, um ihre lose Zunge von vorher vergessen zu machen. – »Ich mache mir garnichts aus stundenlangen Fahrten wie Du, Lotte, ich bin, wie Du ja weißt, für tüchtige Fußtouren!« – – »Dann trete ich Dir auf Stunden meinen Bräutigam ab! Wahrhaftig Du, ich thue es! Ich bin nicht eifersüchtig! Und dann, Du hast bei aller Munterkeit doch ein ganz, anderes Wesen als ich! Das beobachte ich täglich! Du bist in Deinem Geplauder die echte Salondame! Ich bleibe immer die urwüchsige Berliner Bolle! Du weißt garnicht, wie Du zu Mama paßt! Du wirst selbst staunen! Lulu, wahrhaftig!« – rief Lotte. Jedoch diese war nicht zu überzeugen und beharrte vorläufig bei ihrer Weigerung.

Nun kamen ein paar unruhige Tage für Lotte. In dem überfüllten Orte war während der Hochsaison kein passendes Zimmer zu bekommen. Sie suchte eifrig, konnte aber, da sie die Anforderungen der verwöhnten Dame kannte, nicht jedes nehmen. Es war unglaublich, was man ihnen zu den teuersten Preisen anbot.

– – »Ein Skandal, nirgends ist es so teuer wie in Deutschland und so primitiv!« wütete Lotte nach einer solchen Wohnungssuche. »Den Leuten steigt die Saison zu Kopfe! Unerhört!« – »Das ist in der ganzen Welt so, liebes Lottchen!« – – »Oh nein! – entgegnete sie dem Schwager – da irrst Du sehr! Ein Land giebt es, da ist für die Fremden besser gesorgt, das ist die Schweiz! Solch gute Hôtels wie dort, solche Küche und solch billige Preise haben wir weder in den deutschen Mittelgebirgen, noch an der See! – Ich bin gewiß eine enragierte Deutsche und wäre dafür, daß wir unser schönes Geld nicht allzuviel ins Ausland schleppten! Ich will auch durchaus nicht alle Hôtels und Wirte verurteilen, denn ich weiß in den erwähnten Gegenden auch sehr empfehlenswerte, gewiß! Aber ich wünschte doch, daß die Engländer mit ihren riesigen Ansprüchen und geringen Bezahlungen einmal en masse über unser Land herfielen und unsere Hôtels so erzögen, wie sie es mit den Schweizern gemacht haben!« – – »Und das wünschst Du, der die Kinder Albions so unsympathisch sind, wo steckt da die Logik?« – – Lotte lachte: »Oh, die habe ich nicht vergessen! Sobald nämlich die Beefsteaks in Deutschland en gros antreten würden, um sich dieser erzieherischen Aufgabe zu unterziehen, würde ich selbstverständlich für diese Frist in ein Land gehen, das englandrein ist!« – – Die Andern lachten. »Laß dies nicht Willi hören, der liebt die Engländer!« – – »Deine Hochzeitsreise wird der reine Hohn auf Deine Sym- und Antipathieen!« – warf Lulu ein. – – »Das stimmt! Einerseits graut mir davor, und andererseits zieht es mich dorthin. Ich möchte das Nebelland kennen lernen, welches fast nur von Gentlemen bewohnt wird und nur, beinah nur, Flegel auf den Kontinent schickt! Nebenbei gesagt, wird das ein guter Eheanfang. Wir beginnen nicht mit Flitterwochen, sondern mit Kriegswochen. So zanken wir uns gleich ab! Er wird alles thun, mich zu bekehren, und ich werde, kühler und objektiver, meine Kritik anlegen!« – – Direktor Harter hatte noch seine Einwände: »Das ist alles sehr schön, Lotte! Ich beneide Deinen Zukünftigen auch nicht weiter um seine Aufgabe, Dich, Mohrin, weiß zu waschen! Nur glaube ich nicht, daß Du in fünf, selbst in sechs Wochen Dir ein Urteil über Land und Leute bilden kannst. Und wenn dies der Fall ist, so wird es stets nur ein oberflächliches sein!« – Seine Gattin nickte Beifall. – »Gewiß! – gab Lotte zu – Aber man hat erstens so manches gehört. Zweitens so manches gelesen! Drittens wird man gut geführt und geht mit offenen Augen umher! Viertens habe ich durch meine vielen Reisen schon eine gewisse Routine weg! Und hundertstens will ich ja keine Kulturgeschichte schreiben, sondern einfach aus der Vogelperspektive Umschau halten und mir mein Urteil bilden, bums! Ich will es auch keinem aufdrängen, sondern nur bei Gelegenheit verspritzen. Darum geht mein Freund Ernst Georgy auch hin. Durch seine und meine Brille werdet Ihr unser Urteil hören, und nach uns die Sintflut! Basta!« – –

Endlich war eine Wohnung für Frau Feller gefunden. Willi sollte mit Harter, Lotte mit der Schwester zusammenschlafen. Sie ging mit Frau Rabe fort, um Blumen zu besorgen. Große Feldsträuße zierten das Zimmer und verliehen ihm einen heiteren und wohnlichen Charakter. Dann eilte sie mit schönen Rosen zum Bahnhof. Lulu kam ihr mit einem Kognak nachgestürzt: »Hier, genehmige Dir einen Stärkungsschluck auf den Schreck, denn Lotte, Lotte, Du gehst jetzt einen schweren Gang, dergleichen ich und manche andere Kriegsfrau schon gemacht haben! Ich wollte, ich könnte es Dir abnehmen!« – – »Du, um Gotteswillen, laß solche Anspielungen und Witze vor Willi – bat die Geneckte – Er könnte es falsch auffassen und ärgerlich berührt sein! Und in der That, sie verdient es nicht!« – – »So verschmähst Du meine Gabe?« – – »Jage ihn allein durch die Gurgel, Lulu, ich kann nicht, denn ich vertrage keinen Kognak!« – – »Also, auf daß die Stimmung von Klotilde – milde! Dein Wohl!« – – Fräulein Bach besorgte sich auf dem Bahnhofe sofort einen Gepäckträger, da sie ihre Schwiegermutter kannte. – Neben diesem harrte sie eine gute Weile, da der Zug wieder Verspätung hatte. Endlich fuhr er ein. Schon von weitem erkannte sie jubelnd den geliebten Bräutigam, welcher aus dem Coupéfenster heraus grüßte.

Ehe noch der Zug hielt, sprang er geschickt heraus und begrüßte sie in vollster Herzlichkeit. »Willi, bitte, vergiß nicht meine Existenz!« – mahnte seine Mutter, die noch immer in den Polstern saß. Jetzt sprang Lotte hinein und küßte die müde lächelnde Dame, ihr innig Willkommen bietend. Frau Feller gehörte zu jenen nervösen Naturen, welche am Eisenbahnfieber leiden, so lange sie in den Zügen oder nur auf den Bahnhöfen weilen: »Um Himmelswillen, später, mein liebes Kind! Später! – wehrte sie ab – Erst laß mich hinaussteigen und das Handgepäck nehmen! Wenn der Zug weiterführe. Er hat schon geruckt!« – Sie flog vor Unruhe. Lotte kannte ihre Eigenschaft und lächelte Willi zu: »Unbesorgt, Mamachen, es ist zehn Minuten Aufenthalt, Du hast reichlich Zeit!« – – »Nur zehn Minuten? Schnell, schnell!« – flehte sie verängstigt. Willi machte kurzen Prozeß und hob die leichte, schlanke Frau einfach auf den Arm und setzte sie zu Boden, damit der Gepäckträger hineinkonnte. – Lotte reichte diesem den Hutkoffer und eine Handtasche zu. Er ergriff beides und ließ die Stücke ziemlich unsanft auf die Erde gleiten. Es gab einen tüchtigen Krach, dann ein Geklirr von zerbrechendem Glase. – »Oh weh, mein Chinawein!« – seufzte Frau Feller, die noch immer Willis Arm umklammert hielt und sich an ihm stützte. – – »Schadet nix, Mamachen, der läßt sich ersetzen!« – tröstete er. Lotte fühlte ein Lachen in sich emporsteigen. Der Helfer trug jetzt Willis Handkoffer und zwei Schirme heraus. Kurz entschlossen packte sie eine riesige Plaidhülle und schleuderte sie auf die Plattform. Erneutes Geklirr. –

»Um Himmelswillen, was war denn darin?« – fragte Willi und sah erstaunt einen braungrünen Saft durch die Segeltuchhülle rieseln. Ein scharfer Geruch stieg sofort auf. »Aber, Lottchen, Vorsicht! Kind?! – jammerte die erblassende Dame – Den Duft werden wir aus den Tüchern und Mänteln nicht los! Ich hatte für Willichen und mich Baldrian, Essigäther und Choleratropfen in größerer Menge mitgenommen, falls wir unterwegs an Übelkeiten leiden würden!« – – Der Gepäckträger grinste. Willi biß sich halb lachend, halb ärgerlich auf die Lippen. Lotte unterdrückte nur mit Mühe ein lautes Gelächter. »Sind das alles noch Eure Stücke?« – fragte sie recht vergnügt. »Ja, Liebling, elf im Ganzen! Mama thut es nicht anders!« – entgegnete ihr Bräutigam seufzend. – – Ein Frühstückkorb, eine zweite Hutschachtel und eine Reihe anderer Kartons wurden an das Tageslicht befördert. Endlich blieb nur noch eine verschnürte Tasche im Netze. Jetzt rückte der Zug bereits wirklich an. Der Träger ergriff noch schnell das letzte Packet, sprang bereits im Fahren ab und siehe, auch dieses letzte Gepäckstück entglitt ihm und fiel zu Boden. »Schon wieder ein Kladderadatsch, herrjeh!« – rief jetzt ein Kollege von ihm. Lotte quiekte bei diesem neuen Krachen dann aber doch los. Sie schüttelte sich vor Lachen und mit ihr alle Umstehenden. – Nur der junge Arzt wurde jetzt heftig: »Na, da hört doch alles auf, liebe Mama! Wir machen uns rein lächerlich! Was ist denn jetzt schon wieder zerbrochen?« – fragte er ungeduldig.

Frau Fellers Gesicht erstarrte förmlich. Es war, als wenn sie wie ein Nolimetangere in sich selbst retirierte: »Mein lieber Sohn, ich finde, daß es an mir ist, die Geduld zu verlieren! – erklärte sie kühl – Ich bin schon viel gereist. Es ist mir aber eine so ungeschickte und unzarte Behandlung meiner Sachen denn doch noch nicht vorgekommen! Lottes Ungestüm wäre verzeihlich; aber dieser Mann – – – –« – Sie verstummte indigniert, denn es war ihr Prinzip, niemals mit ungebildeten Leuten eine Scene zu machen. – Der Doktor fragte nur noch einmal: »Was ist denn diesmal zerbrochen?« – – »Mir sehr fatal, lieber Willi! Ich hoffe, daß nicht allzuviel Gegenstände hin sind. Ich hatte Patentflaschen und Töpfe mit Tafelsalz, Liebig, englischen Saucen – – –« – – »Es ist unverständlich! – sagte er ärgerlich – Als ob wir in eine Wildnis kämen! Du bist zu vorsorglich, liebe Mama! Für die eine Woche brauchten wir doch wahrlich nicht den großen Koffer und die elf Stücke. Soviel Gepäck wird doch nur zur Last!« – – »Mir nicht, lieber Willi, ich liebe es nicht, unterwegs Entbehrungen zu erleiden! Doch wollen wir nicht zum Wagen gehen?« – – Lotte hatte sich inzwischen mühsam beherrscht. Jetzt bekam sie einen Schreck. Herr des Himmels, an einen Wagen hatten sie alle nicht gedacht! –

»Liebste Mama, die Wohnung ist nur acht Minuten von hier, höchstens! – entschuldigte sie sich – Ich glaubte, wir würden zu Fuß gehen können, und der Gepäckträger die Sachen auf einer Karre hinbringen. Wir haben es auch so gemacht!« – – »So? – fragte Frau Feller ruhig – Ich kann da nicht mithalten, da ich mich von der anstrengenden Fahrt zu ermüdet fühle. Ich bin keine Heldin oder robuste Natur, wie Du ja eigentlich wußtest! Ich werde in dem Wartesaal oder auf jener Bank warten. Bitte, besorgt mir ein Gefährt!« – Sie ließ sich von dem Sohne zu dem Ruhesitz führen und ließ sich nieder mit einer Ermüdung, als hätte sie eine Weltreise hinter sich. Ihr ganzes Wesen war eisige Ablehnung. Lotte schaute Willi ängstlich fragend an. Er winkte ihr unmerklich zu, dann näherte er sich ihr und flüsterte: »In einer Stunde ist alles vergessen! Sei unbesorgt! Mein Sonnenschein! Mein Glück!« – – Das machte vieles wett! Sie atmete auf. – Ein Wagen war schneller zur Stelle, als sie vermuten konnten. –

Endlich landeten sie mit der noch immer beleidigten Dame in der Wohnung: »Dies Haus ist nicht gerade vielversprechend, der Garten scheint auch keine Laube zu haben!« – war ihre erste Bemerkung. »Ich war froh, überhaupt noch ein Unterkommen zu finden, da Du ja in kein Hotel wolltest, Mama!« – versetzte Lotte darauf in erhöhtem Tone. Willi drückte besänftigend ihre Hand. – Sie stiegen aus und schritten treppauf: »Wie gut, daß Du ein Zimmer im ersten Stock fandest, Lottchen! – Im Bade ziehe ich, der Feuchtigkeit wegen, principiell niemals Parterre!« – erkannte Frau Feller wenigstens an. »Sieh nur, Mama, wie meine kleine Range sich für Dich abgemüht hat! Ist das nicht rührend, das sind alles selbstgepflückte Blumen und eine selbstgewundene Guirlande? Ja, Liebstes?« – rief Willi und machte seine Mutter auf den Blumenschmuck aufmerksam. Jetzt, wo er ungeniert und nicht beobachtet war, begrüßte er sie noch einmal gründlich, trotzdem Frau Feller seine Ausbrüche nicht liebte. Sie beherrschte sich jedoch und küßte Lotte, als Willi sie freigab, auf die Stirn. »Ich danke Dir, Wildfang! Du hast mich recht erfreut mit den Kindern Floras!« – – »Puh, wie feierlich!« – stieß Lotte naseweis hervor. Sie konnte eben nichts unterdrücken.

»Das dicke Ende kam hinterher! – erzählte sie später Kläre und Lulu. – Kaum war Mama eine halbe Stunde im Zimmer, so mußten die Blumen hinaus. Sie rochen zu stark! Habt Ihr das schon erlebt? Dann wurde die Einrichtung umgestellt und die Wirtin gerufen. Die verdutzte Person mußte ihr Bettzeug, trotz aller Häkeleien, auf die sie entschieden besonders stolz war, wieder abziehen. Mama zog aus ihrem unerschöpflichen Koffer ihr eigenes Bettzeug. Aus Angst vor Ansteckung schläft sie nur auf ihrem Leinen, setzt die Füße nur auf ihren eigenen Bettteppich. Kurz, es gab ein Gaudium! Dabei liegt in ihrer feinen vornehmen Art ein Etwas, gegen das es keinen Widerstand giebt. Die Wirtin, welche gestern recht frech war, hättet Ihr springen sehen sollen! – – Willi stand die Wut so deutlich auf dem Gesicht, daß ich mich aus dem Staube machte. Sicher gerät er mit Etepetetchen momentan feste aneinander!« – – »Und Du scheinst es ihr zu gönnen?« – fragte Lulu. – »Offengesagt – – – – ja! Mir platzte fast die Galle! Denn solche Leute, solche Kleinigkeitskrämer gehören nicht in diese Welt. In ihrem eigenen Heim habe ich das nie so bemerkt; aber jetzt sehe ich, daß die liebe, alte Dame ein entsetzlicher Kräkelfritze ist – – – – äx, ich danke!«

»Und ich danke nach diesem für eine mehrtägige Wagenfahrt, meine Liebe! – meinte Frau Rabe trocken – Du schweigst und duldest pflichtgemäß um Deines Bräutigams willen, der Dir die mütterlichen Pillen verzuckert! Ich könnte nicht still sein und solche Pimpelei mitansehen. Es gäbe schon am ersten Tage Ach und Krach! Nee, meine Lotte, ich komme nicht mit!! Und ich verspreche Dir, daß ich der verehrten Dame die Geschichte so verekeln werde, daß sie selbst zurücktritt. Paß nur auf, ich mache es ihr mundgerecht! Dann lasse ich meinen Herzensollen kommen, der mir schon lange einen Besuch versprochen hat. Und unter meinem, hm hm, – – – mütterlichen Schutz – – – machen wir vier die Tour.« – – »Bloß seien Sie mit Frau Feller vorsichtig! Sie ist sehr klug und empfindlich und könnte Ihren Plan durchschauen!« – warnte Frau Harter. »Pah! – erwiderte Frau Lulu sorglos – ich kenne das Kaliber und verstehe, mit schwerem Geschütz umzugehen. – Die alte Dame bleibt unter Ihrem Schutze hier, und wir – – – –« – – »Gondeln Leine, das wäre himmlisch!« – jubelte Lotte, die Freundin umarmend. – – »Nicht zu früh triumphieren!« – – »Lulu, Du kriegst wieder einen Kuppelpelz!« – – »Lotte, das verbitte ich mir! Ich nehme nichts mehr an, mein Wort darauf! Ich war schon über das Koburger Geschenk außer mir und mein Mann dito!« – – – »Bäbäbäbä, dito mit Schrauben! Bitte, nicht zu vergessen! Wenn Du nicht verheiratet wärest, wirklich, Du wärest die Einzige, auf die ich eifersüchtig sein könnte! So gern hat Willi Dich!« – – »Das beruht auf Gegenseitigkeit!« – –

Nach einer halben Stunde erschien Willi. Er begrüßte die Damen, kleidete sich auf seinem Zimmer um und trat in seinem hellen Tennisanzuge zu den Damen. – »Pfui, Doktor, mit dieser Helligkeit verderben Sie das Wetter! Sie wissen, wie gut Ihnen die Geschichte steht, da werden Sie eben egoistisch!« – neckte Lulu. – »Nicht wahr? – rief Lotte stolz – Kiebig sieht er aus? Hör' 'mal, Willi! Wir machen jetzt einen Spaziergang durch den Ort. Ich brenne ja darauf, den Leuten meinen netten Bräutigam vorzuführen!« – – »Ich bin dafür, daß wir lieber eine Waldpromenade auf stillen Wegen ins Bodethal machen, Liebstes! Ich habe Dich so ewig nicht gehabt!« – entgegnete er.

Sie wanderten Arm in Arm, aber Lotte strahlend vor Stolz. Die jungen Frauen schauten ihnen nach. Auf Willis Bitten verschoben sie ihre Antrittsvisite bei seiner Mutter noch um eine Stunde. – – »Du bist wohl recht böse auf Mama, Liebstes, bei Deinem Temperament kann ich mir Deine Stimmung vorstellen und danke Dir für Deine Selbstbeherrschung!« – – »Ach, tz, Dir piept es! So dumm werde ich doch nicht sein und etwas übelnehmen, was dem Betreffenden doch nur viel unangenehmer sein muß als mir! Ich bedaure unser gutes Etepetetchen, daß sie sich das Leben so erschwert!« – – »Da hast du recht, mein Goldherz, Mama kommt nie zum Lebensgenuß. Es giebt so Menschen, die sich und ihre Umgebung beständig im Laufen erhalten und quälen!« – – »Ihr seid wohl aneinander geraten, Du?« – – »Bitte, sprich aus!« – befahl er kurz. – – »Wie?« – fragte sie erstaunt. – – »Ich kenne Dich, kalte Mamsell, erst fängst Du einen Satz an und willst ihn mit einem Kosenamen enden. Plötzlich kommt Deine Borstigkeit, Du kriegst die Liebkosung nicht heraus, stockst und schließt mit ›Du‹! Das lasse ich mir nicht gefallen!« – – Lotte lachte: »Wie Du mich durchschaust – – – Du – – – – Herzenswonneschöps!« – – »Danke! Also ja, wir hatten einen kleinen Krach! Ich bebte vor Ärger; aber es ging mir so wie früher, wie stets, wenn ich gegen Mama revoltieren wollte! Ich zog den Kürzeren. Das hat mich ja früher so still und zu dem Waschlappen und sanften Heinrich gemacht, den mein Liebling – – –« – – »Hör auf, bitte, hör auf! Ich mag das nicht! Es ist unedel, mich immer daran zu erinnern!« – bat sie. Er lächelte ernst und blickte zu ihr nieder. – – »Kleines Glück – – – mein Sonnenstrahlchen! Aber wie gesagt! So ging es von jeher! Wir armen Kinder kranker oder hypernervöser Mütter! Ihr in Freiheit und Gesundheit aufgewachsenen Geschöpfe ahnt diese Qualen nicht. Aber sie sind geeignet, auch das stärkste Temperament zu zügeln. – – – – – War ich wild und lustig, so bekamen Mama und Großmama Migräne! – – – – – War ich unartig, artete sie in Weinkrämpfe aus! Und kam in mir der Rebell dann doch einmal zum Vorschein, dann gab es hysterische Anfälle, daß ich bebte. So war es auch heute beinah wieder!« – – »Du armer, geliebter Knopp!« – – »Nein, zu bedauern bin ich nicht! Du siehst ja, ich habe es überwunden! Aber Vorsätze habe ich gefaßt, Lotte! Unsere Kinder sollen einmal in Freiheit – – – –« Er stockte betroffen. Harmlos nahm sie seinen Satz auf: »Ja, das sollen sie; unsere Jöhren, ob Mädels oder Jungens, sollen sich austoben, aber gründlich! Das Haus soll schallen. Weißte, nur auf eins müssen wir achten, daß sie von klein auf ordentlich arbeiten und lernen. Solche Schulrowdies wie ich brauchen sie nicht zu werden! Das kostet nachher zuviel Kämpfe!«

Feller blickte Lotte zweifelnd und fast verlegen an. Er staunte über sie. Jetzt schaute sie erst zu ihm auf, sah sein zages Lächeln und wußte, was er fühlte. Sie wurde glühend rot, dann blaß. »Liebster, wir sind keine Babies mehr! Wir stehen dicht vor unserer Hochzeit als zwei moderne, vernünftige Menschen – meinte sie ernst und fest – Wir beide träumen beständig von unserer Zukunft. Warum sollen wir denn nicht einmal das Höchste, das Schönste und Beseligendste erwähnen dürfen, was uns gewährt werden kann – – – – unsere Kinder? – – – – Ist das unkeusch?« – – Sie blickte so ernst fragend und so vertrauend zu ihm empor. Er zog ihre Hand an die Lippen und antwortete liebevoll: »Mein liebes, kernfestes Mädel, Du, mein Glück! Nein, bei Dir giebt es keine Unkeuschheit! Du sprichst ja über soviel Sachen, die andere nicht erwähnen dürfen! Aber bei Dir fühlt man den Ernst durch, die geistige und moralische Gesundheit! Bleib mir so, und verzeih meine momentane, dumme Prüderie!« – – Willi preßte ihren Arm fest an sich. Sie schmiegte sich an ihn. So gingen sie eine Weile schweigend weiter. Dann unterhielten sie sich ernst und ruhig von allem Möglichen. Willi aber fühlte, als hätte er von seiner Braut eine beschämende Lehre empfangen.

Frau Feller konnte von vornehm berückender Liebenswürdigkeit sein, wenn sie über die Kämpfe mit den Objekten fortgekommen war. Sie empfing die beiden Damen Harter und Rabe in dieser Stimmung und entzückte Beide. Besonders Lulu war sehr zum Guten überrascht und beobachtete Fellers Mutter mit größtem Wohlgefallen. Alles Ängstliche, Kleinliche, das sie erwartet, war nicht zu merken. Die blasse, fein aussehende Dame zeigte sich als gewandte Plauderin und war voller Lob für Lotte und voller Dank für die gespendeten, reizenden Blumen. Diese prangten allerdings sämtlich vor den Fenstern auf dem kleinen Balkon. Trotzdem begann Frau Rabe schon in den ersten Tagen ihrer Bekanntschaft mit Willis Mutter, ihre selbstischen Pläne zu verfolgen. – Vorsichtig und diplomatisch fing sie an, ihr das Gift einzuträufeln. Lotte mußte stets an sich halten, um nicht zu lachen. Sie wurde rot, machte sich mit ihren Handarbeiten zu schaffen und vermied, dem Blick der Schwester zu begegnen. Auch Kläre beugte sich bei solchen diplomatischen Kuren, wie Lulu sie nannte, stets tief über die kunstvollen Stickereien, die für Lottes kommenden Haushalt bestimmt waren. – Frau Feller ging arglos auf den Leim. Sie fand sich selbst schwach und elend, der strengsten Ruhe bedürftig. Wenn Willi oder ihre Schwiegertochter, selbst Harters dem entgegentraten, so war das Schonung für sie und liebevolle Täuschung. –

Lotte und Willi kletterten auf den naheliegenden Bergen umher. Frau Feller saß bei Lulu im Garten auf einem Sessel mit Fußbank und war mit einer Decke bedeckt. »Ich versichere Sie, meine gnädige Frau, ich fühle mich schwächer, als ich es meinen Kindern zeigen will. Ihre noch kurze Brautzeit darf nicht gestört werden!« – klagte die Ältere. – »So schlimm, wie Sie glauben, ist es sicher nicht! – tröstete die schlechte Lulu – Sie sind eben nach der Kur in Böhmen ganz natürlich geschwächt und sollten ruhig in der schönen Luft leben, wie es ja auch die Nachkur verlangt. Ich bin überzeugt, daß Sie dann einem guten Winter entgegengehen! Allerdings, ich muß gestehen – – – – nicht wahr, gnädige Frau, Sie wollen noch die Rundtour durch den Harz machen? – – – – Hm – – – nun! – – –« – – »Nur in einem bequemen Wagen!« – sagte Frau Feller schüchtern und machte ein ganz unglückliches Gesicht, als Lulu fortfuhr: »Im Wagen ist es ja aber am alleranstrengendsten. Bedenken Sie doch, diese ununterbrochene Erschütterung! Wie müde macht die! Und obendrein hier, wo es bergauf bergab geht! Wie mögen die Wege sein? Und wer weiß, wie die Pferde sind? Tz! Gnädige Frau, ich bin vom Lande, von einem Gute! Ich kenne die Miseren mit Kutscher und Gefährten. Bald ist so ein Kerl betrunken, bald bricht ein Rad. Und das lange Sitzen – – – – nein, es ist durchaus angreifend!« – – Die Heuchlerin arbeitete an ihrer Point-Lace-Decke weiter und bekümmerte sich nicht um ihren Gast, der tief seufzte. Ihre Worte wirkten. – – »Sehen Sie! – ächzte Frau Feller – Diese Reise nach hier unternahm ich hauptsächlich, um meinem Sohn eine Freude zu machen. Er sah recht blaß aus, als ich heimkam, und fand das Gleiche von mir. Ich wollte Lottchen überraschen und dem guten Kinde noch nähertreten. In Berlin ist sie immer so beansprucht!« – – »Das ist wirklich ein großes Opfer von Ihnen, gnädige Frau! Lotte erkennt es aber auch an. Sie hat sich unglaublich auf Sie gefreut und auf die Fahrten durch den Harz. Nur dabei würde sie ihn gründlich kennen lernen, meinte sie!« – – »Und nun sollte ich ihr die Freude rauben? Das geht doch nicht! Willi hat sich auch nur schwer freigemacht. Er war auch ganz begeistert für die Rundtour – – – –« – – »Schade, daß man die beiden Leutchen nicht allein fahren lassen kann« – warf Lulu ein. – – »Um Gotteswillen! – wehrte Frau Feller entsetzt – Nein, ich muß eben das Opfer bringen, denn Herr Harter braucht ja die Pflege seiner Frau. Der kann sie nicht entbehren!« – – »Und wenn Sie unterwegs zusammenklappen, gnädige Frau? Das wäre ein teuer erkauftes und bezahltes Opfer!« – sagte Lulu erbarmungslos. – – »Ganz gewiß! Auch für die Kinder wäre es schrecklich! Wenn ich nur einen Ausweg wüßte! Sie jetzt durch eine Aufgabe der ganzen Reise erschrecken, das geht doch nicht! Ein positives Leiden liegt ja auch bei mir nicht vor, und gegen nervöse Erscheinungen, wenigstens bei mir, ist Willi ein harter Arzt. Er würde die Reise mit Entschiedenheit durchsetzen!« – –

Lulu stichelte, einfach als ob ihr Leben davon abhänge. Zwischen den einzelnen Sternen und Netzen, die sie kunstvoll mit dem Faden zog, warf sie ihren Köder geschickt aus: »Natürlich! Sie haben recht! Wenn ich Sie, gnädige Frau, richtig verstanden habe, handelt es sich eben nur um eine Anstandsperson. Es wäre ebenso unerhört wie unmöglich, das verliebte Pärchen allein reisen zu lassen! – – Nun, Gott, vielleicht bringe ich ihn dazu? Das heißt, er braucht auch Ruhe, nach der Plackerei; aber wenn ich ihm gut zurede, und wir die Geschichte richtig disponieren – – – – – « – – »Von wem sprechen Sie? Wie meinen Sie?« – fragte Frau Feller verständnislos. – – »Von meinem Gatten, gnädige Frau! – entgegnete Lulu lachend – Er hat sich auf zehn Tage frei gemacht, um mich hier zu besuchen« – – »O welche Freude für sein liebes Frauchen!« – – »Ja, ich freue mich riesig! Halt! Ich hab' es!« – – Frau Feller fuhr bei ihrem Aufschrei entsetzt zusammen. »Was ist denn?« – – »Pardon; aber so wäre Ihnen und Ihren Lieben geholfen. Ich habe eine Idee, welche Sie aus der Verlegenheit ziehen könnte, gnädige Frau!« – – »Und die wäre?« – – »Sie erklären einfach, die Reiserei wäre Ihnen zu anstrengend, und bleiben ruhig hier. Dann vertrauen Sie die Aufsicht und den Schutz über das junge Pärchen meinem Gatten und mir an. So ist der Anstand gewahrt, und die Tour kann stattfinden, Ihr Herr Sohn und Lotte werden nicht enttäuscht!« – – »Ja, das wäre ein Ausweg, meine liebe junge Frau! Aber Sie zweifelten selbst, ob Sie Ihrem Herrn Gemahl jetzt solch eine Anstrengung zumuten dürfen!?« – – »Oh, den kriege ich 'rum, ich möchte auch den Harz kennen lernen. Das thut er mir schon zuliebe! – sagte Lulu recht vergnügt – Wir brauchen auch nicht nur zu fahren, sondern können zwischen Wagen, Eisenbahn, Schmalspurbahn und Fußtouren wählend abwechseln. Dies wäre nun selbstredend für Sie, gnädige Frau, noch viel ermüdender!« – – »Bei dem Gedanken schon wird mir elend! Ich hasse die Eisenbahn! Gewiß, ich könnte die Fahrt für meine Kinder garnicht angenehmer und erfreulicher gestalten, als wenn ich sie unter Ihrem Schutze fortsende. Doch bedenken Sie, meine verehrteste Frau Rabe, wie lieblos und egoistisch muß ich Ihnen erscheinen. Ich wage garnicht, diesen Vorschlag zu machen!« – – »Das brauchen Sie auch garnicht, gnädige Frau! – versicherte Lulu eifrig – Natürlich das Ganze muß von mir ausgehen! Ich drücke es recht vorsichtig durch, dann ist beiden Parteien geholfen!« – – »Ich danke Ihnen herzlich! Es fällt mir ein Stein vom Herzen!« – rief Frau Feller und reichte Lulu ihre Hand. –

Das Abendbrot vereinigte alle um einen Tisch. Lotte saß neben der Freundin, welche ihr fast die Füße abtrat, als sie geschickt mit dem neuen Plane herausrückte. Sie that, als ob sie eine Strapaze solcher Art für Frau Feller unerhört fände. Und sie drang mit ihrer Meinung und ihrem Vorschlage überraschend schnell und siegreich durch. Frau Kläre hatte rote Wangen. Lotte glühte ebenfalls und während sie mit dem Bierseidel gegen das »des neuen Anstandsbaubaus« anstieß, entfuhr ihr ein völlig unmotiviert plötzliches und heiteres Lachen. – Willi hatte schon die Andern eine ganze Weile beobachtet. Er war mindestens so klug wie die Verschworenen. Was er bisher nur vermutet, wurde ihm durch Lulus und Lottes Blickwechsel und Gelächter zur Gewißheit. Zuerst, da es sich im Grunde gegen seine leibliche Mutter richtete, wollte er ernstlich böse werden. Dann aber sah er, wie die Mama selbst ganz selig und beruhigt zu sein schien, förmlich erleichtert. Und nun konnte er nicht zürnen. Er drohte Frau Rabe mit dem Finger und wiederholte es mit sprechendem Blick bei seiner kleinen Braut. Diese färbte sich zur Päonie, schüttelte sich vor Lachen und zeigte ihm hinter der vorgehaltenen Hand ihre kräftige rote Zunge. »Warte, Karnickel!« – sagte er und machte die Bewegung des Prügelns. – »Erst können vor Lachen! Die Nürnberger hängen keinen, sie haben ihn denn!« – entgegnete sie selig. –

Herr Rabe traf ein. Ein urgemütlicher, lustiger, starker Herr, der ausgezeichnet zu Lulu paßte und mit ihr überaus behaglich und glücklich zu leben schien. Schon nach zwei Stunden war er mit Lotte in dickster Freundschaft. Das Programm war entworfen. Über Gernrode, Alexisbad sollte es ins Selkethal und Rübeland gehen. Danach über Blankenburg, Schierke auf den Brocken. Wernigerode, Ilsenburg, Harzburg, Goslar und Halberstadt schlossen den Reigen ab. – Ein bequemer Landauer mit zwei handfesten Gäulen hielt vor der Thür. Die Herren mit Rucksäcken, die Damen mit kleinen Handtaschen, so traten sie als echte Touristen die Reise an. Und die Stimmung war schon bei Beginn eine so ausgelassene, daß Frau Klara warnend rief: »Wenn Ihr das Menu schon mit Heidsieck Monopol beginnt, was soll dann als Dessert kommen!« – – »Garnichts Anderes, Schwesterlein, wir bleiben bei unserer Orgie der Marke treu! Man soll nicht wechseln!« – – »Wenn Ihr bloß gutes Wetter behaltet, Kinder! – meinte Frau Feller. – Ihr seid so leicht gekleidet! Willi, paß auf Lottchen auf, daß sie bei dem Temperaturwechsel sich nicht erkältet!« – – »Gewiß, Mama, sei unbesorgt! Mit meinem Mantel vor dem Sturme beschütz' ich sie!« – – »Wenn Ihr bloß beim Einsteigen vorsichtig wäret. Ich lege Ihnen diese verliebten, nur allzu sorglosen Kinder ans Herz, Herr Rabe!« – – »Ich werde schon aufpassen! Gnädigste!« – – »Adieu, viel Vergnügen, frohe Fahrt, gesundes Wiedersehen!« – – »Hurra, es jeht los! Auf Wiedersehen!« – schrie Lotte, vor Wonne strampelnd. »Au, mein Fuß!« – – »Gern geschehen!« – – »Kinder – rief Frau Fester, der Wagen war schon außer Hörweite – – wenn – – – –«

»Wenn meine Schwiegermama vier Räder hätte, dann wäre sie die wandelnde Unfallstation!« – vollendete Lotte despektierlich. Schwapp, hatte sie eins auf dem Mund. Willi war recht geschickt im Treffen. »Unverschämt, er hat mich in Gegenwart von unbescholtenen Zeugen gemißhandelt, das ist Scheidungsgrund: »Ha, hamm' hammer Dich emol, emol, an Dei'm verrissenen Kamisol, schlechter Kerl, Du schlechter Kerl!« – sang sie jauchzend Scheffels »Grenzwall-Lied«. – Die Reise der zwei vergnügten Pärchen glich einer ununterbrochenen Reihe von Jubeltagen. Nie büßten sie die Laune ein. Immer waren sie voller Jubel und Dank. Und kurz bevor sie in Thale landeten, fragte Lotte übermütig:

»Nun, sag' selbst, Wonnerich, hätte es mit Etepetetchen auch nur annähernd so sein können, wie mit den Rabenviechern?« – – Er lachte: »Pscht, Tollkopf! Über solche Dinge äußert man sich nicht, wenn man sich auch darüber einig ist!« – – Rabes schüttelten sich vor Lachen. Singend und jauchzend, wie sie ausgezogen, kamen sie vor der Gartenthür ihres Häuschens wieder an. – »Bouletten apart, Haare apart! Schwiegermutter apart – Harzreise apart. Getrennt mir heilig – vereint – – – – abscheulich!« – – Mit dieser Wahrheit platzte die unverbesserliche, offenherzige Lotte noch heraus und schloß damit ihre letzte Reise als junges Mädchen.

Sie war so erholt und frisch, daß Willi ihr Billet reklamierte. Seine Mutter und er nahmen Lotte nach Berlin mit. Und sie verzichtete in diesem Jahre nur zu gern auf die Ostsee. –

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