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Die Berliner Range. Hochzeitsvorbereitungen. Band IX.

Ernst Georgy: Die Berliner Range. Hochzeitsvorbereitungen. Band IX. - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Georgy
titleDie Berliner Range. Hochzeitsvorbereitungen. Band IX.
publisherVerlag von Rich. Bong
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150115
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4. Kapitel. Eine angenehme Überraschung

Frau Rabe saß im Salon und schrieb. Sie machte die verschiedensten Briefentwürfe, zerriß sie und setzte neue Texte auf. Endlich schien ihr einer den richtigen Wortlaut zu haben. Diesen kopierte sie dann mit ihrer modernen englischen Steilschrift auf einem eleganten Briefbogen. Als sie damit fertig war, las sie sich das Schreiben laut durch. Es lautete:

»Hochgeehrter Herr Doktor Feller!

Von Lotte, Ihrem herzigen, geliebten Bräutchen, haben Sie schon von mir gehört, wie ich von Ihnen. Mein Name ist Lulu Rabe. So, nun wissen Sie Bescheid! Nun hören Sie aber auch sofort auf, sich zu wundern! Mein Schreiben hat einen schwerwiegenden Grund. Sie haben alle Ursache, mir sehr dankbar zu sein! Also: die Schwiegermama, die Ärzte, Ihre eigene Energie haben Sie von Ihrem Fräulein Braut getrennt! Das war für beide Teile damals sehr vernünftig! Heute liegt die Sache anders! Die scheußliche Regenperiode, der gräßliche Vorfall mit den beiden Quatsch- und Klatschbasen haben meine, das müssen Sie nun schon zugeben, also meine geliebte Lotte sehr erregt und heruntergebracht. Da sie windelweich ist, bangt sie sich ganz unerhört nach Ihnen! – Ich bin Frau eines entzückenden Mannes und auch 'mal aus Liebe Braut gewesen. Da habe ich meine Erfahrungen gesammelt! Also achten Sie diese, und vertrauen Sie meiner Psychologie. Auch ein unexaminiertes Individuum kann zum Arztberufe Anlage haben!

Nebenbei sollen Sie ein sehr netter und unternehmender Herr sein, den ich brennend gern kennen lernen möchte. Doch dieses egoistische Nebenmotiv kommt nicht in Betracht! – – Aber wenn ›ich‹ ›Sie‹ wäre, redete ich kein Sterbenswörtchen zu einem Menschen! Ich thue es auch nicht. Ich sattelte mir meine Lokomotive und führe also, wenn ich Herr Doktor Feller wäre, stillschweigend am Mittwoch nach Koburg. Dort kletterte ich auf die Veste und wartete, bis zwei Ausflüglerinnen, namens Lotte und Lulu, ankämen. Dieses Ereignis kann mittags zwischen elf und zwölf Uhr erfolgen. – Dies ist mein medizinischer Rat, der auf Lotte Bachs schlaffe Nerven bei Befolgung Wunder wirken wird! Selbstredend wird diese Zusammenkunft auch für Fräulein Lotte eine vollkommene Überraschung werden! Also frisch, hochgeehrter Herr Doktor, drauf und los! –

Ein vernünftiges und frohes Kennenlernen erhofft eine ungefährliche Rivalin in der Liebe zu Lotte Bach und Ihre sehr ergebene
Lulu Rabe.

PS. Ohne Nachschrift kann ich keinen Brief schließen. Da ich mir als Verschwörerin die unruhige Erwartung ersparen will und auch meine diplomatischen Pfeile schußbereit spitzen muß, erbitte ich eine Depesche an meine Adresse. Ein einziges ›Ja‹ genügt! –«

Dieses inhaltsschwere Schreiben wurde als Eilbrief nach Berlin befördert. Doktor Feller erhielt es zugleich mit einem Erguß seiner Lotte. – Auch er war in unangenehm gereizter Verfassung. Die brütende Hitze in Berlin, die lange Trennung von der Braut und nun noch die Tragödie mit Hases unverschämter, unerhörter Wegelagerei – die Folgen für Lotte! Alles erregte ihn furchtbar. Seine Laune war schrecklich. – Daher wirkte Frau Lulus Vorschlag wie eine Dynamitpetarde und brachte den schönen Arzt ganz außer Fassung. Er warf sich auf den Diwan, um ihn zu durchdenken. Da sein klopfendes Herz zu dieser erlösenden Idee »ja« jauchzte, waren alle Gegengründe des Verstandes bald besiegt. – So eilte er denn auf die Post und telegraphierte an Frau Rabe:

»Liebenswürdiger Vorschlag als ausgezeichnetes Medikament begeistert acceptiert. Zur bezeichneten Stunde auf Wiedersehen in Koburg. In dankbarer Verehrung Feller.« –

Danach begab er sich in seinen Beruf. Zur üblichen Stunde erschien Willi bei der Geheimrätin Bach zum Mittagessen. Er besprach mit ihr die ärgerliche Hase-Affaire noch einmal und sagte dann in gut gespielter Gleichgültigkeit: »Morgen, vielleicht auch übermorgen, werde ich wohl nicht zu Dir kommen können, liebe Mama! Wir haben außerhalb eine Operation vor, an der ich mich beteiligen soll! Du wirst mich also gütigst entschuldigen, nicht wahr?« – Willi atmete aus, als die Rede vorbei war. So hatte er sich verständlich ausgedrückt und doch nicht gelogen, was er wie den Tod haßte. – – »Denke nur an, Willi, das ist ja höchst ehrenvoll für Dich, daß Du mit sollst! Schließlich ist doch der erste Assistent noch da?« – – »Der würde hierbei nichts nutzen, Mama!« – – »Ach! – rief Frau Bach vergnügt – Du aber bist notwendig?« – – »Ja, Mamachen, man kann mich nicht umgehen!« – – »So schlägt es also in Dein Spezialfach?« – – Feller amüsierte sich jetzt köstlich: »Gewiß, ohne unbescheiden zu sein, kann ich dies wohl sagen!« – antwortete er. »Ist es ein schwerer Fall und eine große Operation?« – forschte sie weiter. »Das hängt von der Beurteilung ab. Ich werde ja erst sehen!« – – »Herr oder Dame?« – – »Es soll ein ganz entzückendes, junges Geschöpf sein!«– –»Denk nur! – – – – Ihr Ärzte und Künstler! Tz, tz! Wenn Eure Frauen eifersüchtig werden, wäre es kein Wunder! Zum Glück werden Euch ja die Sachen schließlich nur zu Fällen, die Ihr rein objektiv behandelt!« – – »In diesem Falle kann ich das nicht sagen! Oh nein, ich fühle dabei recht subjektiv. Ich möchte sagen, daß ich durchaus mit ganzem Herzen dabei beteiligt bin!« – rief er lachend. – – »Willst Du mir nicht einige Details geben, lieber Junge?« –

Er sprang auf und lief im Zimmer auf und ab, seine Zigarette rauchend. »Du weißt, Mamachen, aus der Praxis wird nicht geschwatzt! Das wäre recht häßlich bei einem Arzte. – – Im übrigen – wir wollen sehen, wie die Sache verläuft! Vielleicht – – – –« – – »Ach, Willi, ich bin nicht neugierig,« – sagte sie mit Nachdruck. – – »Na, na, wenn Du ahntest!« – – »Bitte, jetzt will ich es nicht wissen!« –

»Ach, Du dicke Wonne! – rief er lachend, eilte auf sie zu und umarmte sie zärtlich – Du bist wirklich ein Engel in leibhaftiger Person! Dann darf ich es Dir auch nicht verraten, denn Deinem Verbot wage ich noch nicht zu trotzen!« – – »Hoffentlich kommt das nie!« – schalt die Schwiegermutter und gab ihm einen leichten Schlag. »Nein, nein, ich vertraue Dir blindlings, seitdem Du Dich so vernünftig von Lotte getrennt hast! Paß auf, wie gut Euch beiden das Wiedersehen schmecken wird!« – – »Das glaube ich gern und bin rein toll, wenn ich nur daran denke!« – – »Na, allzu lange dauert es nicht mehr, dann hast Du sie wieder!« – – »Das ist es ja, darum bin ich ja so selig!« – jubelte er. Sie machte sich freundlich von seiner Umarmung los und fragte nachdenklich: »Wird Dich die Reise viel kosten oder bezahlt das der Chef?« – – »Was soll der nicht noch, Mamachen? So galant sind die Herren Chefs nicht! Im übrigen – – – –« – – »Gewiß, es kommt nicht darauf an! Hier handelt es sich ja mehr um die ehrenvolle Aufgabe! Lotte wird sich sehr freuen, wenn sie es erfährt!« – – »Davon bin ich überzeugt!« – –

Ach, Willi wurde so übermütig. Am liebsten hätte er noch irgend einen recht kindischen Unfug getrieben, einen Purzelbaum geschossen oder sonst so etwas. – »Deinen Segen habe ich also, Altchen?« – – »Ich werde Dir bealtchen. Du scheinst auf Lottes Sprünge zu kommen und frech zu werden. Du!« – – »Ob ich Deinen Segen habe?« – – »Gewiß, glücklichen Rutsch, lieber Willi, und guten Erfolg!« – – »Besten Dank, Mamachen! Hast Du an Lotte etwas zu bestellen?« – – »Schreibst Du schon wieder? – – – – – Ich wüßte nicht, das heißt – – – herzlichste Grüße und, wenn noch Platz vorhanden, füge Deiner Kußzahl noch einige von mir zu!« – – »Wird gemacht, Mamachen, ich schwöre!« – – Sie sah ihn kopfschüttelnd an. Er kam ihr sonderbar vor: »Wann geht es los?« – – »Heute Abend und – – –« – – »Wann bist Du wieder in Berlin?« – – »Morgen ist Mittwoch! Also spätestens Donnerstag Abend!«

Das Mädchen brachte den Kaffee hinein. Frau Geheimrat schenkte die Tassen voll. »Wie gut, daß sie jetzt besseres Wetter bekommen. Für die Jungen muß es schrecklich gewesen sein! Heute ist Lotte mit Frau Rabe in Friedrichroda. Ich freue mich, daß sie in der Dame solch netten Anschluß hat. Grade für Touren ist das angenehm!« – – »Sie muß eine allerliebste Frau sein!« – bestätigte Feller – »Mit Koburg bin ich nicht einverstanden! Unsinn! – schalt Frau Bach – Ihr habt die große Reise vor, sie hat schon soviel gesehen, ob sie nun Koburg sieht oder nicht? Es läuft ihr nicht fort, später könnt Ihr die deutschen Städte noch genug bereisen!« – – »Das sehe ich nicht ein, Mama, sie ist so nahe dabei! Eine Anstrengung ist es also nicht! Die Stadt ist fein und hübsch. Die Veste recht interessant!« – wandte er ein. – »Lächerlich! Dies viele in der Eisenbahn fahren ist schon anstrengend. Ich habe es ihr auch geschrieben! Ich riet ihr dringend ab und teilte ihr mit, daß dieser Ausflug sicher gegen Deinen Wunsch wäre und auch mir recht unangenehm.« – – »Wie konntest Du nur!« – stieß er enttäuscht und ängstlich hervor. – »Ich hoffe, Neuwalds werden vernünftig sein und es nicht zulassen. Glaube mir, es wird zuviel! Jeden Tag solche Touren!« – – »Dafür bin ich gerade! Ich als Arzt! Nach dem Regen, wo sie Ruhe genug hatte, ist Abwechslung sehr am Platze!« – meinte er entschieden. – »Na, erlaube, lieber Junge, ich kenne ihre Konstitution besser und hoffe, sie gehorcht und läßt wenigstens bis Donnerstag und Freitag Pause!«

Doktor Feller konnte nicht mehr sitzen. Er haßte fast die liebe Schwiegermutter in dieser Minute und mußte sofort durch Depeschen an Frau Rabe Gegendampf geben. »Entschuldige, Mama, ich sehe, wie spät es ist und muß schleunigst fort! Du verzeihst, wenn ich nicht absitze!« – – »Bitte, sei nicht so steif! Also auf frohes Wiedersehen Ende der Woche, glückliche Reise und guten Erfolg!« – – Er verabschiedete sich herzlichst von ihr und stürzte von neuem zum nächsten Postamte.

»Koburger Ausflug auf jeden Fall machen. Ich reise heute Abend. Erwarte Sie Beide an bestimmtem Platze. Feller.«

Dies inhaltsschwere Telegramm erhielt Frau Rabe spät Abends, als sie von Friedrichroda heimkehrte. Sie lächelte vor sich hin und sagte laut: »Ja doch, ja doch!« – Dann begab sie sich in vorzüglichster Stimmung zur Ruhe. Sehr früh erhob sie sich, machte eiligst Toilette und eilte zu Lotte. Diese war noch bei der Frisur. Sie schloß ihre Thür auf und war recht erstaunt, die neue Freundin schon gestiefelt und gespornt vor sich zu sehen: »Na, nu brat mir einer 'n Storch! Sie sind bereits in Wichs. Was ist denn los?« – – »Garnix! Die Sehnsucht nach Ihnen trieb mich so früh heraus!« – – »Wenn das Wort 'ne Brücke wäre?« – – »Spazieren Sie man getrost 'nüber!« – – »Wissen Sie, meine dicke Wonne hat eigentlich ganz recht! Ich bin noch von gestern müde! Wir könnten die Tour eigentlich bis morgen lassen!« – – »Sie sind wohl nicht ganz richtig, Fräulein Lotte? Es fehlt noch, daß Ihre Frau Mama der angeborenen Faulheit Vorschub leistet! Nein, mein Kind! Was wir heute thun können und uns vorgenommen haben, das werden wir nicht bis morgen verschieben!« – – »Hör Einer die Rabe an! Sie sind ja der reine Unteroffizier! So ein mausiger Kommandoton! Das kenne ich ja garnicht bei Ihnen, kleine Lulu! Sie denken wohl, Sie haben Ihren Gatten vor sich?« – – »Der würde über meine Sanftmut noch begeistert sein!« – – »Ich danke, Herr Franke! Was hat der Ärmste sich da angeheiratet!« – Lotte gähnte und streckte die Arme von sich. Dann trat sie zum Kleiderschrank: »Also es muß heute sein?« – – »Na aber, unbedingt! Dumme Frage!« – schalt die hübsche Frau, welche es sich auf Lottes Sofa bequem gemacht hatte.

»Wie ist denn das Wetter?« – fragte Lotte. – »Herrlich, wenn Engel reisen, lacht der Himmel bekanntlich immer!« – – »Na na, glupschen Sie mal gefälligst aus dem Fenster. Der grelle Schein – die Sonne sticht!« – – »Ja, Sie scheinen mir auch einen Sonnenstich zu haben! Diese Prophezeiung – – –« – – Lotte hob ihre Rechte und sagte lachend und drohend: »Hören Sie 'mal, Dame Lulu, Sie sind heute grob!« – – »Die Deutschen lügen, wenn sie höflich sind!« – – »Ich wußte, daß dieser oft citierte Nonsens jetzt kommen würde! Aber wa–haftig, Sie sind so nervös und so fahrig, was haben Sie nur – – – –« – – »Angst, daß wir den Zug versäumen, wenn Sie so nöhlen! Große Touren regen mich immer auf, daher schreiben Sie mein verändertes Wesen diesem Übelstand zu Gute!« – – »Ich verzeihe also pauschal; aber das wird ein angenehmer Tag für mich werden!« – – Sie seufzte. »Oh nein! – rief Frau Rabe lachend und tröstend – Sowie ich im Zuge sitze, wird es besser!« – – Wupp, war Lotte an der Thür und riß sie auf. Sofort blähte der entstehende Wind die Gardinen. »So, ist es nun gut?« – fragte sie schelmisch. – – Was denn?« – – »Jetzt sitzen Sie doch im Zuge!«

»Pfui! – schrie die andere und schüttelte sich – Das war bitter und durfte nicht kommen! Ich wende mich sofort an den Tierschutzverein!« – – Lotte schloß die Thür und nahm ihr dunkelblaues Reisekleid aus dem Schrank. Wie eine Furie stürzte Frau Rabe auf sie zu und riß es ihr fort: »Sie sind verdreht, Fräulein Lotte, auf keinen Fall erlaube ich, daß Sie dies Zeug anziehen. Hier – – – dies wird genommen!« – Sie nahm ein weißes Piquékostüm vom Haken, das der Gefährtin mit schwarzem Gürtel und gleichem Herrenshlips besonders gut stand. – »Bitte!« – – »Ich soll wohl auch das Wetter verderben, wie Sie mit Ihrem hellen Kleide? – – »Vertrauen Sie mir, meine Liebe!« – – »Wenn es aber schmutzig wird?« – – »Das ist seine Bestimmung! Das Schlimmste ist, wir lassen es eben waschen!« – – »Unsinn, Sie sind wie die Meinen, total unpraktisch! Zu einem Ausfluge muß man das Schlechteste, was man hat, anziehen!« – – »Sie waren gestern selbst froh über Ihr besseres Kleid, als Sie soviele Bekannte trafen!« – – »Na ja! In Friedrichroda wachsen ja auch die Berliner wild! Das ist schon nicht mehr schön! Aber wer kommt nach Koburg, das so abseits liegt?« – – »Warten Sie es doch ab! Es wird auch solche Käuze geben!« – – »Die leiden dann eben am kleinen Lititi. Nebenbei möchte ich wetten, daß wir nicht einen Bekannten dort treffen! Koburg? Davon hört man bei uns zu selten!« – – »Ich wette dagegen! Sie mit Ihrem Riesenkreise, Sie treffen sicher dort irgend jemand!« – – »Na na!« – – »Ich wette, gilt es?« – – »Gut! – meinte Lotte amüsiert – also um was?« – – »Irgend ein nettes, kleines Andenken, so im Preise bis zu einer Reichsm...« – – »Nanu, so hoch soll ich irgend ein mir im Grunde schnuppiges Individuum bezahlen?« – rief Lotte. – – »Geizkragen, für ein schnuppiges ist eine Mark nicht viel. Und wenn Ihnen der Kunde eben lieb ist, so brauchen Sie ja der Wohlthätigkeit keine Schranken zu setzen!« – – »Abgemacht! – erwiderte Lotte, ihre Toilette beendend – Wie steht es aber, wenn ich gewinne?« – – »Ebenso! Verlassen Sie sich auf meine Großmut! Ich stehe meinen Mann!« – –

Sie plauderten, bis Lotte fertig war. Frau Rabe war im Stillen selig, wie vorteilhaft das Bräutchen gerade heute aussah. Lotte hatte entschieden ihren beau jour! – Alsdann begaben sie sich in den Speisesaal, wo das Frühstück eingenommen wurde. Eine ganze Menge Personen saßen schon da. Auch Neuwalds, die auf die beiden Damen gewartet hatten. »Brr! Beide so in hell; wenn die Sonne das sieht, giebt es entschieden ein kleines Donnerwetter! Es sieht ganz danach aus!« – sagte der Amtsgerichtsrat zweifelnd. – – »Beschwören Sie nichts herauf, Sie Unseliger! – rief Frau Rabe – Im übrigen will die hiesige Wetterprognose noch garnichts bedeuten!« – – »Ich wollte garnicht 'ran!« – sagte Lotte ärgerlich. – – »Himmeldonnerwetter, wir nehmen eben die Gummimäntel und Regenschirme mit, dann sind wir für alle Fälle gesichert!« – – »Legt es heute nicht mit Frau Lulu an! – warnte Fräulein Bach – Die ist nervös wie ein geladener Zündbolzen. Wenn Ihr es zu toll treibt, explodiert sie!« –

»Liebling, mir ist die anstrengende Partie garnicht recht! – meinte die sanfte Frau Neuwald – Mama band es mir in ihrer heutigen Karte noch einmal auf die Seele, Dich recht vor Ermüdungen zu hüten. Sie rät auch – – –« – – »Und patati und patata! Pardon, gnädige Frau, – – unterbrach Lulu Rabe – aber Sie thun ja, als hätten wir eine Nordpolexpedition vor. Ich kann auch nicht viel vertragen und denke nicht daran, uns zu überanstrengen! Das ist ja fast ein Mißtrauensvotum gegen mich!« – Sie ärgerte sich wirklich und wünschte nichts sehnlicher, als mit Lotte erst in Koburg zu sein. Eine Vereitlung ihres schönen Planes noch im letzten Moment wäre zu ärgerlich gewesen! – –

»Ich sage ja auch nichts mehr, meine liebe Frau Rabe! Bringen Sie mir unser Herzblatt nur gesund heim!« – – »Ich schwöre es, gnädige Frau!« – – »Als ob ich aus Wachs wäre! Schwesterherz, Ihr übertreibt es wirklich ein wenig!« – schalt Lotte. Frau Neuwald klopfte sich vor die Stirn: »Fast hätte ich vergessen, so eine Dummheit! Du erinnerst mich auch an garnichts, Alterchen! Also, Frau Rabe und Lotte, ich soll ja eine Botschaft ausrichten. Herr Rat Banke nebst Gattin, Sohn und Tochter, wollen sich Euch anschließen und lassen mit bester Empfehlung bitten, sie an der Station zu erwarten!« – – »Das ist nett! Erstens sind es liebe Leute! Zweitens werden die Wagenfahrten erheblich billiger!« – erkannte Lotte freudig an. Ihre Reisegefährtin dagegen fuhr, wie von der Tarantel gestochen, empor: »Nicht um die Welt! Diese vier langweiligen Menschen, diese – – – – Keinesfalls! Dann mache ich nicht mit!« – – »Gestern mochten Sie Bankes doch noch gern?« – versetzte Lotte darauf erstaunt. – – »Ich, das ist ein Irrtum! Ekels sind es!« – – »Aber, Luludame, die Frau fanden Sie doch entzückend?« – – »Fiel mir nie im Traume ein!« – – »Na, so 'was! Ich habe es doch aus Ihrem eigenen Munde!« – – »Sie verwechseln es! Ich hasse Bankes heute, und wenn Sie mich ein ganz klein wenig lieb haben, dann meiden Sie die Leute!« – flehte Frau Rabe zum Erstaunen der Anwesenden beschwörend. »Olle, launische Person sind Sie auf einmal!« – rief Lotte. – – »Ich gebe alles zu; aber bitte, bitte kommen Sie! Wir lassen uns immer zur Bahn fahren, sonst platze ich vor Unruhe!«

Es half Lotte nichts. Sie mußte sich reisefertig machen und Abschied nehmen. Ihre Neffen brachten sie im Triumph zum Omnibus. »Was bringst Du mir mit?« – fragte der Jüngste. – »Einen Sack Luft!« – – »Und mir?« – – »Einen Beutel Wind!« – rief Lotte noch aus dem Wagen heraus. Die beiden Bürschchen blickten sich etwas verdutzt an. »Du, lumpig is se nich, mitbringen thut se!« – tröstete Walter den Bruder. – »Sonst spuck ich se an; aba von hinten!« – erklärte dieser mehr kampfesfreudig als tapfer. »Schäme Dich, Feigling! – schalt Lotte – Wenn Du mein richtiger, lieber kleiner Neffe bist, spuckst Du garnicht; thust Du es aber wirklich einmal, dann spuckst Du von vorn!« – – Der Junge erschrak, daß seine Worte verstanden worden waren. Als er jedoch die Tante lachen sah, zeigte er ihr seine rote Zunge und eilte im Galopp davon. Sein älterer Bruder folgte ihm etwas langsamer nach. – – »Sehen Sie nur, wie kräftig die Bengels sind! Die grade Haltung, die festen Beinchen und die energische Gangart. Wonneknöppe! Mein Willi liebt sie auch so! Donnersachsen, Rabe, Huckebein, ich komme ja schon wieder um die zweite Postauslieferung. Wie gestern! So erhalte ich die Briefe von ihm erst des Abends.« – – »Sie haben es gestern ertragen und werden auch heute nicht zu Grunde gehen. Sehnsucht, Liebe, Briefe, Freude darüber – – – es ist alles Illusion! Was man sich nicht mit Mühe einredet, macht einen nicht weiter warm!« – behauptete Frau Rabe philosophisch mit ernstester Miene. Lotte betrachtete sie kopfschüttelnd. »Pardon, liebste Frau; aber eine kleine Schraube ist seit heute Nacht bei Ihnen los! Was haben Sie eigentlich geträumt?« – – »Eine Verrücktheit!« – – »Was denn?« – – »Sie sollen es erfahren! Also ich, die ich mich nach meinem Gatten bange, hätte heute eine Reise gemacht, um Ihrem Bräutigam einen Kuß zu geben. Ich that es auch, fand es aber fade und sehnte mich nach meinen ägyptischen Fleischtöpfen zurück. Ihr Doktor ist eben nichts für mich!« – – »Das hoffe ich und verbitte mir, daß Sie ihn auch nur im Traume küssen. ›Mein ist der Helm, und mir gehört er zu!‹« – – »Behalten Sie ihn, ich wiederhole, daß ich nicht vergnügungssüchtig – – – natürlich! – unterbrach sie sich – Es ist zum Auswachsen! Da stehen diese Bankes und schauen in der Richtung nach unserm Hôtel.« – – »Ich werde sie anrufen!«

– »Wagen Sie es!« –

Hastig zog sie Lotte ganz in das Innere des Wagens. Sie hielt die Erstaunte krampfhaft fest, bis sie außer Sehweite waren. »Es ist gelungen, Gottlob!« – – »Was denn?« – – »Ich habe eine Kriegslist vollführt. Ich ließ nämlich Bankes durch einen Boten mitteilen, daß sie vor ihrem Hause auf uns warten sollten. Wir würden sie mit unserm Omnibus abholen. Jetzt können sie ja warten!« – – »Menschenskind, das ist schlecht, die Leute werden den Zug versäumen!« – – – – »Daher der Name Opodeldok!« – – »Wenn ich nur Ihre Antipathie verstände! – zweifelte Lotte – Die Ärmsten!« – – »Können morgen nach Koburg fahren! Morgen ist auch noch ein Tag!« – – Die beiden Ausflüglerinnen kamen zur Station, lösten die Billets und stiegen behaglich in ein leeres Coupé. Der Zug setzte sich just in Bewegung, als die Bankes schweißtriefend und atemlos angestürzt kamen. »Aber, meine Herrschaften, wo steckten Sie bloß? Wir haben eine Ewigkeit gewartet und wären fast auch zu spät gekommen!« – schrie Frau Rabe bedauernd mir heuchlerischem Jammer. Der Zug brauste davon. Sie umarmte Lotte, küßte sie stürmisch, tanzte und sang und war mit einem Schlage in der heitersten, ausgelassensten Stimmung. Alle Nervosität war verschwunden. »Sie sind doch eine excentrische, kleine Person!« rief Lotte lachend und atemlos. – Die Fahrt wurde recht fröhlich. In Grimmenthal mußten sie umsteigen und kamen sehr angeregt in Koburg an. –

Dort war auch Herr Doktor Feller nach durchreister Nacht ungeduldig und erwartungsvoll gelandet. Er stieg in einem Hôtel ab, verzehrte ein Frühstück und sah nach der Uhr. Dann seufzte er. Es war noch entsetzlich früh am Tage, und eine ewige Zeit, ehe er sein Lieb wiedersah. Das Beste war, sich noch ein paar Stunden niederzulegen. Wenn ihn der Hausknecht um halb elf Uhr weckte, so hatte er noch Zeit, sein Bad zu nehmen, Toilette zu machen und sich nach der Veste fahren zu lassen. Dort würde er mit ihr zusammen dinieren können, herrliche Aussicht! – – Das war das Beste! – So schärfte er dem Hausknecht die Zeit des Weckens auf das Genaueste ein und versprach ihm ein anständiges Trinkgeld. Dann begab er sich auf sein Zimmer und war gerade beim Auskleiden, als es klopfte. Auf seine Aufforderung, einzutreten, erschien sehr verlegen das Zimmermädchen. »Der Herr möge gütigst verzeihen, der Kellner habe ein Versehen begangen. Dies Zimmer sei ja besetzt; aber Nummer Vier sei frei!« – – Scheltend vollzog Willi den Umzug. Gemächlich streckte er sich in dem sauberen Bett und entschlief mit dem beseligenden Gedanken, daß er die Braut bald wiedersehen würde. Da er während der Fahrt garnicht geschlafen, sondern mit einem fremden Herrn politisiert hatte, war sein Schlaf jetzt ein recht tiefer. Das Gemach war durch Fensterladen verdunkelt und künstliche Nacht hergestellt. Er schreckte durch ein entferntes, lautes Klopfen empor, glaubte in Berlin zu sein und drehte sich beruhigt auf die andere Seite. »Das ist der Bursche, der den Hauptmann wieder nicht wach kriegt und an der Thür trommelt« erwog er, an eine Misere seines leichtgebauten Berliner Mietshauses denkend. – Wieder hatte er eine ganze Weile geschlafen, da pochte es an seiner Thür.

»Herr Doktor, Herr Doktor, um Gotteswillen, es ist gleich zwölf Uhr! Ich wußte ja nicht, daß Sie das Zimmer gewechselt haben!« – erscholl eine tiefe Männerstimme.

Als Arzt an Nachtstörungen gewöhnt, war Feller sofort Herr seiner Sinne. Wie ein Rasender stürzte er aus dem Bett zur Waschtoilette. Mit fiebernder Hast fuhr er in seinen Anzug, machte sich fertig und raste hinunter. Unter Schelten und Mordsspektakel sandte er den Hausknecht, der den vorher so freundlichen Herrn bestürzt maß; nach einem Gefährt aus. Ehe dieses da war, verging eine gute Viertelstunde, und Willi war einem Tobsuchtsanfalle nahe. Er versprach dem Kutscher Himmel und Hölle, wenn er seine Gäule zur größten Eile antreiben wollte und rasselte mit dem Wagen davon, innerlich abwechselnd den Hausknecht und sich mit Kosenamen belegend. –

Inzwischen schlenderten Frau Rabe und Lotte durch die Stadt nach dem Marktplatze. »Zuerst an unsere kulturhistorischen Studien! – sagte Lotte – Ich behaupte, jedes Land und jede Stadt hat die Konditoreien, die es verdient. Wir müssen uns stärken. Ich habe heute Lauflust und möchte, wenn es Ihnen angenehm ist, den Weg zur Veste auf Schustersrappen machen!« – – »Ich nicht! Da oben müssen wir die Sammlungen betrachten, und da habe ich keine Lust, als müder und gesottener Krebs zu landen. Nebenbei ist der Berg sehr hoch, sehr steil, und ich bin abgespannt!« – – »Nanu, so sehen Sie nicht aus! Au controlleur! Mir scheint, wir haben die Rollen getauscht. Ich bin die Kraxlerin, Sie der Faulpelz!« – – »Bon!« – – »Also fragen wir jene Dame nach der besten Konditorei im Orte. Sie sieht vertrauenerweckend und geschmack – – – – voll aus!« – – Ehe Frau Rabe Einspruch erheben konnte, hatte Lotte sich losgemacht und zog Erkundigungen ein. Befriedigt kehrte sie zurück die Führung übernehmend. – – »Hören Sie, Sie sind eine gräßliche Naschkatze. Wollen wir nicht erst das Schloß und die städtischen Sehenswürdigkeiten in Augenschein nehmen?« – – »Erst die Stärkung von Magen und die Erhebung der Seele. Dann die Veste mit Inhalt und Mittagbrot. Verdauungspause. Niederfahrt zur Stadt mit Rundfahrt. Landung in einem berühmten Restaurant, wo es einfach ideale Rostwürstchen in Semmeln und gutes Bier geben soll. Erneute Herzstärkung, Heimreise! Vertrauen Sie einer erfahrenen Reisenden, die sich informiert hat! Auf Kallenberg und Rosenau müssen wir verzichten. Die hohen Herrschaften sind daheim, die Schlösser nicht zu sehen. Nur die Parkanlagen. Jejend und Beeme haben wir in Potsdam auch, mindestens ebenso schön; denn im Jrunde sind alle Pärker der Welt sich ähnlich. Und besagter erster Berg ist zu weit entfernt! Uff!« – – »Nach diesem Lippen-Wolkenbruch füge ich mich überwältigt!« – meinte Lulu.

In der Konditorei fand Lotte eine Berliner Tageszeitung und die neuste Nummer der »Modernen Kunst«. Da war sie zu Frau Rabes Verzweiflung verloren. Diese ergab sich in ihr Schicksal, denn sie überlegte, daß es dem schönen Feller garnichts schaden würde, wenn er etwas warten müßte. »Besser der Herr als die Dame!« – sagte sie sich. Als Lotte endlich fertig war, machten sie sich auf Droschkensuche. Sie fanden eine und langten nach hübscher Fahrt auf der wohlerhaltenen schönen Burg an. Lotte unbefangen und harmlos ruhig. Frau Rabe in einem wahren Fieber, fortwährend die Uhr in der Hand. Es war halb ein Uhr. – – – – Im Restaurant drei junge Radler, noch Schuldachse. Mehrere gelangweilte Kellner, sonst niemand. Von Feller keine Spur. Tief enttäuscht hielt Frau Rabe Umschau, raste hin und her, wurde von Lotte kräftig angefahren und in die Sammlungen geschleppt. Der Führer erkannte Lotte Bachs Interesse und Vorkenntnisse und war ungemein gründlich im Zeigen und Erklären. Lotte ging auf in allem. Frau Lulu eilte immer nur an die Fenster, spähte scheinbar nach der Aussicht und erwies sich so oberflächlich, daß ihre Gefährtin innerlich etwas enttäuscht war. – Endlich quietschte die junge Frau auf und atmete tief auf, als sei sie von einer Last befreit. Sie hatte einen Wagen anfahren und einen sehr hochgewachsenen Herrn im Burgthor erscheinen und sich nach allen Seiten umdrehen sehen. – – Das mußte der Arzt sein! Gott sei Dank!! – – – »Was haben Sie, Liebste?« – fragte Lotte besorgt. – »Etwas Kongestion, danke, schon vorüber!« – – »Sehen Sie sich nur diese Holzmosaiken an, sind die nicht herrlich?« – rief Lotte. – – »Ja; aber eilen Sie, geliebte Lotte, mir ist ganz schwindlig vor Hunger!« – bat sie ungeduldig. – – »Sehen Sie, warum haben Sie so wenig gegessen? Wenn man Sammlungen in Ruhe besehen will, muß man vorlegen und darf keinen Hunger haben! Ich warnte Sie! Gehen Sie immer hinaus!« – – »Wir sind gleich fertig!« – sagte der Führer etwas gekränkt.

Willi durcheilte die Höfe, das Restaurant. Endlich wandte er sich an einen Kellner: »Haben Sie nicht zwei Damen gesehen, zwei sehr hübsche, junge Damen?« – – »Ei schon! Die sind da droben 'nein gegangen und müssen bald 'raus kommen. Eine schwarze und eine blonde? Gelt?«

»Ja!« »Eine schaut lustig und rund aus, klein von Wuchs! Die Annere halt groß und streng.« Frau Rabes Ungeduld hatte ihr freundliches Gesichtchen so verändert. – »Das sind sie!« – bestätigte Willi kühn nach dieser Beschreibung. – »Sie wollen nachher hier speisen! – hat die Große uns zugerufen!« – meldete der Kellner. – – »So! – Willis Stimme klang so freudig, daß der Kellner ihn erstaunt musterte. – Es ist meine Frau und ihre Freundin, die ich hier erwarten will. Ich überrasche sie nämlich! – fügte er hinzu, um eine eventuelle, heftige Begrüßungsscene zu motivieren. – Hören Sie 'mal, mein Freund, haben Sie nicht ein stilles, ungeniertes Plätzchen, wo man nicht von jedem gesehen werden kann?« – – »Freilich, da, oben unter der großen Linde! Da kommt heut ka Mensch 'nauf. Es bleibt halt leer, weil wir doch a Gewitter bekommen werden!« – – »So, na, vorläufig wird sich das Wetter noch halten! Aber nun, mein Sohn, springen Sie 'mal, und zeigen Sie, was Sie können! Da oben unter der Linde wird für drei Personen gedeckt; aber schön, verstanden? Blumen auf den Tisch! Was Sie an Rosen haben, ich zahle es gern! Speisekarte her!« – – »Jawohl, Herr Baron!« – Der Jüngling flog davon und kam mit dem Wirt als lebendiger Speisekarte wieder. Willi bestellte ein opulentes Diner und trieb zur Eile an. Die Leute dienerten und beeilten sich, seine Wünsche zu erfüllen. – Er selbst kletterte zu der Plattform empor und hielt von dort Ausschau. – Himmel, das dauerte! Wo blieben die Damen? Soviel konnte doch nicht zu sehen sein! – Er eilte hin und her. –

Schon war der Tisch gedeckt. Schon prangten zwei Vasen mit Blumen auf ihm. Da durchzuckte Willi ein elektrischer Schlag! – Seine Lotte und die Fremde kamen drüben lachend die Stufen herunter. Frau Rabes Blick begegnete dem seinen. Sie lächelte und grüßte unmerklich. – – Sein süßes, herziges Lieb, wie frisch, wie blühend und reizend es aussah in dem weißen Anzug! – Er fühlte seine Liebe bei ihrem Anblick glühend erwachen. Die Freude benahm ihn fast. Vorsichtig trat er zurück. Frau Rabe würde sie schon hinauf dirigieren. Vor den Pennälern und Kellnern wollte er sein Wiedersehen mit Lotte nicht feiern! – – – »Nun aber etwas Solides! Jetzt bellt meiner auch. Also, pßt, Herr Oberkellner, haben Sie Schnitzel oder sonst 'was Gutes?« – hörte er Lottes helle Stimme. – – »Ist schon alles bestellt! Oben, da hinauf!« – grinste der Gefragte. – – »Für uns nicht! Das ist ein Irrtum!« – – »Nein, nicht! Es ist bestellt!« – entgegnete der dumme Mensch. – – »Na, nu wird's Tag!« – rief Lotte. – »Ich habe doch vorhin bestellt, als ich die Eintrittskarten löste, Dummchen! Kommen Sie nur!« – sagte Frau Rabe gewandt und stieg langsam empor. Die Andere folgte ihr, blieb aber auf jeder Stufe stehen und sah sich um: »Schön ist das hier, herrlich! Nun noch mein geliebter Schatz her, um das alles mit ihm zu genießen, und ich wäre vollendet glücklich!« – sagte sie seufzend laut. »Ich bin froh, daß dieser Wunsch nicht in Erfüllung gehen kann, sonst hätte ich ja garnichts mehr von Ihnen!« – neckte Frau Rabe. – – »Schnöde Egoistin! Oller Ehekrüppel, was wissen Sie noch von Liebe?« – murrte Lotte. – – »Quaseln Sie nicht lange, Dickes, sonst klettere ich voran und nehme das Beste vorweg. Dann behalten Sie nichts übrig!« – – »Ich komme ja schon, was zanken Sie denn, en avant!« – – »Ich lasse Ihnen den Vortritt.«

Frau Rabe blieb zurück: »Ich habe meinen Handschuh fallen lassen, gleich komme ich nach!« – Lotte kletterte die letzten Stufen empor. Sie stand auf der Plattform. Ihr Blick fiel auf den großen, schlanken Herrn, der neben dem Tische, ihr mit dem Rücken zugewandt stand. – Ihr Atem stockte. Ein kalter Strom kroch ihren Rücken hinab und legte sich schwer und lähmend in ihre Glieder. »War das nicht – –«

Jetzt drehte sich der Fremde um und stürzte mit jubelndem Ausrufe und glücksstrahlendem Gesicht auf sie zu: »Lotte! Lotte!« – Wie gefesselt verharrte sie. Halb im Traum ließ sie sich von ihm umschlingen und küssen. Erst unter seinen Liebkosungen kam sie wieder zu sich, und ein wahrer Freudenrausch überfiel sie. Lachend und weinend stammelte sie: »Du hier? Es ist ja ein Traum! – – – – – Es ist ja nicht möglich! – – – – Liebster – – – Bester – – – Einziger!« Willi wollte sie garnicht loslassen. Erst als Frau Rabe auftauchte und fröhlich rief: »Ei nun, Fräulein Lotte, wer hat die Wette gewonnen? Haben Sie nun einen Bekannten in Koburg getroffen?« – – Erst da gab er sie frei. Lotte rückte mit dem verschobenen Hut ihre in Unordnung geratene Frisur zurecht und wandte sich um: »Haben – – – – Sie – – denn gewußt?« – – fragte sie ungläubig.

»Natürlich, Liebstes, der gnädigen Frau danke ich ja diese wonnige Überraschung!« – Er eilte auf die Nahende zu und beugte sich mit ehrfurchtsvollem Kusse über die ihm entgegengestreckte Rechte: »Tausend innigen Dank, meine verehrte, gnädige Frau. Sie wissen garnicht, wie tief Sie mich verpflichtet haben!« – – »Papperlapapp, Herr Doktor, es war auch mir ein Hochgenuß. Allerdings sind meine Nerven hin! Immer fürchtete ich mich, daß noch etwas dazwischen kommen könnte! Und dann warne ich Sie vor Ihrer Braut, das ist eine Widerspenstige! Wenn ich nicht meine ganze Energie aufgeboten hätte, säße sie heute daheim und würde Trübsal blasen!« – – – »Sie sind ein leibhaftiges Englein, Lulu! – schrie Lotte außer sich und fiel der jungen Frau um den Hals. »Das vergessen wir Ihnen nie – – – – nie!« – – Dabei küßte sie die sich Wehrende gründlich ab. »Puh, Sie versehen sich nur in der Adresse, Lotte, dort verschwenden Sie Ihre Reichtümer!« – schrie Frau Rabe.

»Sie sind so gut als weise, gnädige Frau! – lobte Willi – Ich bin wie ein Ausgehungerter, komm. Du Herzlieb!« – – Er zog die sich nicht weiter sträubende Braut stürmisch an sich und gab sie erst wieder frei, als der Kellner mit der Suppe erschien. Nun setzten sie sich um den Tisch und speisten in einer Herzenslust und mit einem Appetit, der bewies, daß Liebe und Hunger zweierlei Gefühle sein können. Pfirsichbowle mit Sekt erhöhte die gute Laune, welche mit der Erzählung gegenseitiger Abenteuer noch stieg. Frau Rabe war von Lottes Bräutigam entzückt. – »Ich habe die Schilderungen Ihrer Braut immer durch zehn dividiert und mir gedacht, daß die Liebe zu argen Übertreibungen geführt hätte! Schon das Zehntel dachte ich mir recht nett! Aber ich konnte mir doch nicht vorstellen, daß Sie ein – – – –« – – »Ein solcher Wonneknopp wären!« – vollendete Fräulein Bach und drückte seine Hand. – »Das wollte ich zwar nicht sagen; aber ich bin auch mit dieser Bezeichnung zufrieden! Sie geben ein famoses Paar später! Wenn man Sie so betrachtet, dann kommt man zu der Überzeugung, daß Sie glücklich werden müssen!« – – »Wenn meine kleine Range artig ist und pariert – – – sicher!« – neckte er. – »Ich parieren? Na, da bist Du schief gewickelt, nie! Von unterkriegen ist keine Rede!« – erklärte sie lachend. – – »Na wollen 'mal sehen, ob ich die Zähmung des größten Berliner Rackers nicht fertig kriege!« – – »Sicher nicht, bilde Dir keine Schwachheiten ein, mein Lieber! Mit mir kommst Du nur im Guten durch, sonst – – – – –«

»Sonst?« – fragte Frau Rabe, die sich über Lottes aufflammenden Trotz amüsierte. – »Sonst setzt es bei Fellers Sturm!« – – »Damit wird Ihr Zukünftiger schon fertig werden, der sieht mir ganz so aus! Nicht wahr, Herr Doktor?« – – Er hielt Lottes Finger fest und blickte sie sinnend an: »Sturm wird es schon hier und da einmal geben. Den lassen wir ordentlich austoben, und dann habe ich ein Zauberwort. Sobald ich dieses ausspreche, ist alles vorbei, und mein Kleines fällt mir um den Hals!« – – »Nana?« – zweifelte Lotte, die im Momente nicht wußte, auf was er anspielte. – »Vormachen!« – kommandierte die Rabe. – – Er nahm beide Hände seiner Braut: »Machen wir! Also – – – – Du, das nächste Mal giebt es Senge, wenn Du wieder unartig bist, Frau! Diesmal will ich Dir noch verzeihen!« – – »Ist mir höchst piepe! Ich verzichte auf Deine gnädige Vergebung, teurer Gatte, ich pfeife darauf!« – spielte Lotte die Komödie weiter. – »So hast Du mich wieder lieb, komm, gieb mir 'n Kuß!« – – »Ich sterbe eher!« – – »Zuwiderwurzen!« – – »Affenschwanz!« – – – »Lotte!« – – »Willi!« – – »Nun, Achtung, es kommt! – rief dieser lachend und sagte langsam und betont – Seffmanns!« – – Richtig! Kaum war ihm das Wort entfahren, so sprang Lotte auf und fiel ihm um den Hals. »Ach, Du geliebter Knopp, Du Wonnevieh! – sagte sie – Denk nur, ich hatte es beinah vergessen!«– –

»Das ist allerdings eine zauberhafte Wirkung – wenn mir auch noch etwas schleierhaft!« – erklärte Frau Rabe heiter. – »Soll für Sie auch ein Saïs bleiben!« – – »Bon, ich verzichte!« – – Sie sah sich um und bemerkte, daß ab und zu Köpfe über der Brüstung auftauchten und sie neugierig beobachteten. So warnte sie das verliebte, junge Pärchen, bis Lotte geärgert meinte: »Sind wir endlich 'mal ohne unser ewig aufpassendes und wehrendes Schwiegergemütter mit seinem beständigen: – ›Hm‹ und ›Pßt‹ ›Vorsicht‹ und ›Kinder benehmt Euch!‹ – schwapp, spielen Sie den Anstandscerberus! – – – Scheusal!« – – »Bitte, wenn Sie den Kellnern gern ein Schauspiel geben wollen, mir ist es recht!« – – Nun nahm sich das Pärchen denn doch ein bißchen zusammen und verzehrte die noch folgenden Gänge mit mehr Haltung. –

Und das war gut! Denn unter dem Restaurationspersonal zerbrach man sich bereits die Köpfe über diese drei Gäste. Der große Herr, welcher so nobel auftrat, war mit der großen dunklen Dame verheiratet. Er küßte jedoch immer die kleine Blonde. Seine eigene Gattin saß dabei und ließ es ruhig geschehen! Das mußte ein nettes Schaf sein! – Endlich nahm die Mahlzeit ein Ende. Willi bestellte Kaffee und unternahm mit seinen Damen einen Spaziergang, um die Veste gründlich kennen zu lernen. So sehr ihm Frau Rabe gefiel, störte sie ihn doch, und er malte sich bereits die Hochzeitsreise aus, wo er mit seinem kleinen Weibe allein alle Schönheiten genießen konnte. Sie kehrten zu ihrem Tische zurück. Lotte ließ sich Ansichtskarten geben, sowie Tinte und Feder. »So, Schatz, nun schreiben wir an alle Lieben! Die werden ja auf den Rücken fallen, wenn sie unsere Schriftzüge erkennen! Das haben sie sich alle nicht träumen lassen!« – – Feller ergab sich schweigend, denn auch Frau Rabe hatte eine größere Korrespondenz zu erledigen. –

»So! – sagte Lotte – Zuletzt kommt meine dicke Mieze an die Reihe. Mit der machen wir es so! Du schickst ihr eine Karte mit Grüßen, ich dito. Keiner erwähnt etwas vom Andern. Dann denkt sie doch, wir waren beide in Koburg, ohne von einander zu wissen, und macht sich Gedanken! Dann schreiben wir gemeinsam einen Brief, den wir erst abends, beim Abschied in den Kasten stecken, so daß sie ihn mit der nächsten Post erhält. Die alte Dame fällt auch sicher auf den Rücken vor Schreck und schimpft dann wie ein wildgewordener Rohrspatz. Jammerschade, daß ich es nicht hören kann!« – – »Sie sind doch ein Hauptkerl, Lotte!« – bewunderte Frau Rabe. –

Lottes Plan kam zur Ausführung. Zwei harmlose Ansichtskarten wanderten an Frau Geheimrätin Bach in Berlin. Sie las diese am nächsten Morgen und war außer sich, daß sich die beiden Kinder so verfehlt hatten und so aneinander vorübergegangen waren. Dann begab sich die wackere Dame in die Markthalle und in die Stadt, um die bei ihr unerschöpflichen und unvermeidlichen Besorgungen zu machen. Erst zu ihrer einsamen Mahlzeit kehrte sie erschöpft und durchglüht heim. Wie ein Raubvogel stürzte sie auf die Beute, welche auf dem Tische lag, auf einen Brief los. – Verwundert betrachtete sie das Kouvert. – Da war immer ein Wort in Willis, eins in Lottes Handschrift. Jetzt schwante ihr die Wahrheit. Behaglich setzte sie sich auf ihren kühlen Balkon und öffnete den Brief. Richtig!

»Spitzbuben – – – Karnickel!« – entschlüpfte ihr. –

Ihr Schwiegersohn machte den Anfang. Er schrieb: »Hochverehrte Mama! – Ohne mich zu loben, sehe ich doch zwei gute Eigenschaften in mir: erstens die Diplomatie und zweitens außerordentliches ärztliches Talent. Du, als gereifter und erfahrener, im Leben stehender Prachtmensch, wirst mir zugeben, daß es außerordentlich wertvoll ist, seiner Schwiegermutter etwas weis zu machen, ohne sie direkt anzuschwindeln. Dem Himmel sei Dank, ich habe es fertig gebracht! – Ferner bewies ich meine medizinischen Künste bei einer zwar höchst aufregenden, aber gänzlich unblutigen Operation. Die betreffende Patientin lebte in dem thörichten Wahn, ihr Bräutigam sei ihrer Mutter gehorsam und befände sich höchst sittig weit von ihr getrennt. – Durch mein bloßes Nahen befreite ich sie von dieser Zwangsvorstellung. Momentan ist sie gänzlich geheilt und in psychischer und physischer Hinsicht in ausgezeichneter Verfassung. Daher bin ich, als rettender Deus ex machina, es auch! –

Ich grüße Dich innigst in gebührender Verehrung und freue mich, Dir morgen persönlich alle Details geben zu können, verehrte Frau ›Dicke Wonne‹! Indem ich hoffe, daß Du mit der Handlungsweise Deines treusten Sohnes nicht nur einverstanden, sondern sogar von ihr begeistert bist, küsse ich in herzlichster Ergebenheit Deine lieben Hände und verbleibe stets Dein dankbarer und treuer Schwiegersohn – Willi.«

Lottes Anschrift lautete: »O Du Wonnemiez! Du hast sehr richtig gehandelt! Ich habe mich wirklich furchtbar nach meinem süßen Monstrum gebangt. Daher bin ich Dir von ganzem Herzen dankbar, daß Du ihm so energisch befahlst, an meine Seite zu eilen. Es geht doch nichts über mütterliche Weisheit, Du goldenes Altchen! – Wie schön die Überraschung war, und in welcher himmlischen Seligkeit ich jetzt herumpantsche, das kannst Du Dir selbst ausmalen. Thue also das Vernünftigste, was Du thun kannst, mein Mariechen, und juble mit mir! Solltest Du jedoch meinen geliebten Willi morgen anpusten wollen, so verkneif Dir das. Du Dickes! Bei der ersten von Dir gezogenen Schippe besucht er mich nämlich sonst im Harz. Und dann hast Du es – siehste! –

Nebenbei fühle ich, daß ich mich nach dieser Freude erst erholen werde! Ich versichere Dir, der Weisheit letzter Schluß bleibt stets: ›Meide das Grab – fliehe die Ärzte en gros! Und heirate einen so prachtvollen wie ich – – – – – – en detail!‹ Es küßt Dich, Du Gutes, in unveränderter Rangenliebe Dein dickes Jüngstes, benamset Lotte; in spe Fellern seine!«

Auch Frau Rabe hatte ihren Senf dazugegeben. Sie widmete folgende Zeilen: »Meine hochverehrte, gnädigste Frau! Pardon, ich war das Karnickel! Aber es muß ja stets vermittelnde Elemente geben! Ich hoffe, mich Ihrer ganzen Zustimmung erfreuen zu dürfen, und danke Ihnen im voraus dafür! Auch meine Rolle als Anstandsdame führe ich tadellos durch, und das ist keine Kleinigkeit! Abgesehen von der Langweiligkeit dieser schönen Aufgabe ist sich noch nie ein dritter Mensch in einem Trio so überflüssig vorgekommen wie Ihre sich verbindlichst empfehlende Luise Rabe.«

Selbstverständlich war Frau Bach entzückt von diesem neusten Streich ihrer Kinder. Sie schleppte den Brief, nebst vielen andern, mindestens drei Wochen lang durch all ihre Kleidertaschen. Jeder, der ihr in den Weg lief und Neigung verspürte, bekam ihn zu lesen. Sogar, als er bereits ganz zerlesen und unansehnlich war, wurde er an einem Ehrenplatz in ihrem Schreibtisch verwahrt. – Von dem fröhlich heimgekehrten Doktor Feller vernahm sie noch die verschiedensten Abenteuer von Koburg. Da war nämlich ein tüchtiges Gewitter niedergegangen, als die drei Leutchen von der Veste in die Stadt hinunterstiegen. Pudelnaß hatten sie noch in der Droschke Malheur gehabt, denn das Pferd stürzte, und die Deichsel brach. Beim Vesper hatten sich allerhand Insekten in den Speisen gefunden, und zuguterletzt hatte er in der Aufregung bei der Abfahrt nicht nur Lotte, sondern sogar Frau Rabe geküßt. Dann hatte er ein paar Handschuhe und seinen Stock eingebüßt! – – – – Frau Lulus Spitzenhütchen war hin. – – – – – Lottes Kostüm mußte zur Wäscherin. – – – – Was that es? Der Tag in Koburg gehörte doch zu den schönsten in ihrem Brautstand.

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