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Die Berliner Range. Hochzeitsvorbereitungen. Band IX.

Ernst Georgy: Die Berliner Range. Hochzeitsvorbereitungen. Band IX. - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Georgy
titleDie Berliner Range. Hochzeitsvorbereitungen. Band IX.
publisherVerlag von Rich. Bong
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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2. Kapitel. Lotte gewinnt eine ebenbürtige Freundin

Lotte Bach hatte in Frau Lulu Rabe eine nette Gefährtin gefunden. Gleich bei dem ersten Sehen gefielen sich die beiden. Und im Sommeraufenthalt schließt man sich schnell an. So gingen beide Damen schon am ersten Nachmittage spazieren. Das heißt, die junge Frau bat Lotte, ihr die bezaubernden Waldplätzchen und Wasserfälle des herrlichen Erdfleckchens zeigen zu dürfen. Na, und Fräulein Bach folgte der Aufforderung nicht mehr als gern. Jede Stunde, die schnell verflog, war ein Gewinn. Ach, sie hatte schon die ganze Zeit in Stunden umgerechnet, und es war eine Unzahl! Gar nicht abzusehen! Wenn die Briefe nicht gewesen wären, jeder Tag brachte zwei und noch diverse Karten. In diesem brieflichen Verkehr lernten sie sich noch viel mehr kennen und lieben. Willi war stets der gleiche, der seine Gefühle zeigen und darüber sprechen konnte! Jedoch seine kleine Braut hatte einen merkwürdigen Charakter. Im persönlichen Verkehr mit ihm war sie eine echte ›Zuwiderwurzen‹, bald herb, bald neckisch, bald anscheinend gleichgültig. Sobald sie von ihm getrennt war, voller weicher, hingebender Zärtlichkeit. Und diese, sonst so stolz verborgen, strömte in den Briefen über. – Diese ausführlichen, weichen Schreiben waren dem verliebten jungen Arzte ein Quell stets erneuter Freude und ein schwacher Ersatz für ihr Fernsein. Mit größter Diplomatie verwickelte er sie durch geschickte Fragen und herausforderndes Philosophieren in eine so umfangreiche Korrespondenz, daß sie täglich Stunden brauchte, um nur auf alle Punkte einzugehen. Das Murren der Geschwister, das Drohen half nichts. »Tante Lotte klierte ewig!« – wie der jüngste Neuwald verächtlich erklärte. –

Lotte saß in der Laube und schrieb mit heißen Wangen, unbekümmert um Sonne und Mücken. Sie merkte gar nicht, daß Frau Rabe schon eine ganze Weile vor ihr stand und sie beobachtete. Endlich riß dieser die Geduld: »Na, nun hört doch die Weltgeschichte auf! Wollen Sie bei lebendigem Leibe braten und von den Viechern verzehrt werden, Fräulein Bach?« – Die Angerufene blickte verwirrt auf, fand sich aber bald in die Situation. »Ich habe noch nie gehört, daß es gebratene Engel giebt!« – entgegnete sie. »An Engel habe ich auch nicht gerade gedacht! Es giebt doch noch andere Gewächse!« – – »Die Ihnen aber hoffentlich bei meinem Anblick nicht einfielen?« – drohte Lotte. »Na, wer weiß? – meinte Frau Rabe. – Im übrigen dachte ich nicht an Vierfüßler – – –«. »Das wollte ich mir auch ausgebeten haben!« – – »Sondern an einen Bratapfel! Genau so wie ein Äpfelchen schauen Sie aus!« – – »Danke verbindlichst!« – – »Bitte! Aber sehen Sie Ihre zerstochenen Hände an!« – Lotte that dies und seufzte: »Weiß Gott, da sagt man uns in der Schule, daß jedes Lebewesen im Haushalte der Natur seinen Zweck hätte, daß nichts ohne Sinn geschaffen wäre! Erklären Sie mir, bitte, wozu Wanzen, Läuse, Flöhe und Mücken in solcher Anzahl vorhanden sind?« Frau Rabe lachte: »Um die Menschen vor Übermut zu schützen! Die ersten drei Tiersorten wohl auch, um ihn vor zu großer Reinlichkeit zu bewahren, die ja bekanntlich eine Menge Zeit beansprucht. Na, und die Mücken sind ein guter Aderlaß für allzu verliebte Bräute! Ihre tätowierten, rotpunktierten kleinen Pfoten sind ein Wink der Natur.« – – »Inwiefern?« – fragte Lotte amüsiert. »Nun, das bedeutet eben: Sitz nicht so lange auf einem Fleck still und verschwende Deine Zeit nicht an geschriebene Gedanken. Du hast später noch genug Muße, Deinem Gatten das alles viel ausführlicher und besser auszudrücken. Stehe auf, Lotte Bach, gehe und tummle Dich in Gottes herrlichem Wald und Feld, denn dies ist der Zweck Deines Hierseins!« – – »Gut gebrüllt, Löwe! Warten Sie eine Sekunde, nur noch die Unterschrift, und ich packe zusammen!« – – »Darf ich die vielleicht machen?« –

Lotte zögerte, dann lachte sie mutwillig: »Ei fein, los, Karlineken! Willi wird sich wundern!« – Sie hielt Frau Rabe die Feder und das Papier hin. Diese ergriff beides und schrieb schnell unter die bereits dastehenden Adjektive: »Deine allzu schreibselige, kleine Lotte, die nicht nur den halben Tag damit verschwendet, Dir unnützes Zeug vorzuschreiben, sondern noch obendrein der unseligen Frau Rabe von früh bis spät von Dir vorschwatzt! – – – – – Bitte, verbiete mir, Dir soviel zu schreiben! Befiehl mir, mehr meiner Erholung zu leben! Gestatte, daß ich die Rabe weiterhin mit Deinen Tugenden füttere! Sonst alles in Ordnung! Nochmals Lotte!« – – »Na warten Sie! – schalt diese, nachdem sie die Zeilen überflogen – Zur Strafe erzähle ich Ihnen garnichts mehr von meinem Bräutigam, Sie Undankbare verdienen es nicht! Im übrigen ist es nicht einmal wahr!« – – »Hm?« – – »Ich weiß wenigstens von nichts!« – – »Das ist es ja eben! Wirf die Lotte, wie Du willst, sie fällt immer auf Doktor Feller! Sie wissen es schon garnicht mehr!« – – »Das stimmt, olle Übertreiberin! Wenn Sie das stört, fangen Sie doch von 'was Interessanterem an!« – – »Werde ich auch nächstens thun, denn das ist ein gefährliches Spiel!« – – »Na nu?« – – »Natürlich, wenn ich nun nicht mit meinem Ollen so zufrieden wäre, könnte ich mich noch in Ihren Zukünftigen verknallen!« – – »Sehen Sie ihn nur erst, das ahnen Sie denn doch noch nicht! Ihre kühnsten Erwartungen werden übertroffen!« – – »Das reine Wundertier! Der Mann muß bei Lebzeiten ins Panoptikum! Übrigens, um auf Ihre mysteriöse Andeutung zurückzukommen, Fräulein Bach, erwarten Sie Ihren Herrn Bräutigam?« – – »Wie kommen Sie darauf?« – – »Weil Sie von Sehen sprachen!« – – »Ach so! Nee, leider nicht! Möchten – möchten wir beide schon. Aber er darf nicht! Meine dicke Wonne ist zum borstigen Stachelcherub geworden und hat ihn derart heruntergeputzt, daß er nie wieder davon anzufangen wagt! Er traut sich nicht, gegen die Schwiegermama anzukämpfen, so ein Trottel! Wenn ich ›er‹ wäre, ich führe sofort zu mir. In den heutigen Herren giebt es keine Traute mehr!« – – »Na, flößen Sie ihm doch einmal die Courage ein! Impfen Sie ihn mit der Idee!« – – »Das fehlte noch! Nachher bildet er sich noch ein, ich bange mich zu sehr! Und dann hierher – – – nee!« – – »Nanu, warum nicht?« – fragte Frau Rabe erstaunt.

Lotte seufzte nachdenklich: »Ach, in diesen Sommerfrischen hat kein Mensch etwas Ernstes zu thun! Da beschäftigt sich jeder nur mit dem lieben Nächsten! Denken Sie, selbst wir, die wir sonst doch wahrhaftig andre Dinge im Kopfe haben, selbst wir plaudern ja nur vom Wetter, den Ausflügen und den anderen Kurgästen. Wir ruddeln sträflich! Und hier soll ich mit Willi Spießruten laufen? Nee, danke! Dazu noch mein gräßlicher Schwager mit seiner ewigen Neckerei und seinen fürchterlichen Witzchen? Danke für Obst! Oder die Bengels, welche wie Kletten an dem neuen Onkel hängen?« – – »Treffen Sie sich doch irgendwo mit ihm!« – – »Olle Verführerin, Paradiesesschlange! Nee, ich beiße nich in den Appel!« – Ihre Augen glitzerten aber verdächtig, der Wunsch nach Erfüllung dieses Planes lag auf ihrem Gesicht. – – »Himmel, was ist denn dabei? Die Sache liegt einfach! Wir beide machen eine Tagestour. Ich als Opferlamm und Anstandsbaubau überwache blind, taub und gefühllos Ihre Begegnung. Mehr kann ich doch nicht thun! Sie wollten doch immer einmal Koburg oder Gotha sehen! Ich eben auch!« – – »Rabechen, Sie sind ein Engel! – jauchzte Lotte, sagte dann jedoch betroffen – Aber nein! Für ein paar Stunden soll er die lange Reise machen? Das ist zu anstrengend! Bei der Bullenhitze überhaupt! Und dann, unser Hausarzt bestand so energisch auf einer Trennung und Ruhe für mich! Und Mama? Dann ist wieder die Aufregung und der Abschied!« – – »Seit wann sind Sie denn pimplich, Fräulein Bach? Sie sind doch sonst ein Tausendsassa! Aber kommen Sie, wir sprechen noch darüber! Es pressiert ja nicht auf den Tag! Eilen Sie, daß wir hinauskommen!« – – »Ja doch, ich eil' ja schon!« – – »Wirklich, ich fürchte, wir haben die längste Zeit gutes Wetter gehabt! Die Sonne sticht bedenklich, und die Gnitzen sind rein toll!« –

»Oller Hans Huckebein, Unglücksrabe! Warum prophezeien Sie das Unheil denn herbei?« – – »Weil ich diesen Ort insbesondere und mein Thüringen eben genau kenne! Sie sind drei Tage hier und haben noch nicht einmal Regen gehabt! Das will der Himmel hier aber nicht!« – – »Hoffentlich erweist er sich mir gegenüber galanter!« – – »Sicher nicht, darum hören Sie auf meinen Rat, und benutzen Sie jede freie Minute ohne Regen. Ihre langen Herzensergüsse sparen Sie sich für schlechtes Wetter auf! Beachten Sie die Ratschläge einer gereiften und erfahrenen Greisin!« – – »Ich schwöre in Demut Gehorsam!« – erwiderte Lotte mit tiefer Verneigung. Dann raffte sie ihre Schreibsachen auf und eilte davon, um sie in Sicherheit zu bringen. Ihren im Sande grabenden Neffen versetzte sie im Vorbeihasten ein paar Püffe und stürmte den sie Verfolgenden davon, in das Haus hinein. – Nach einem Weilchen erschien sie wieder im Vorgarten und rief lachend: »Aber, beste Frau Rabe, es ist ein Skandal, jetzt warte ich schon eine Stunde auf Sie! Die ganze schöne Zeit verfliegt, und Sie sitzen in der dumpfigen Laube, anstatt die herrliche Luft zu genießen! Dabei sticht die Sonne, und ich bin – – –« – – »Ein Frechling, meine Verehrteste! So muß es kommen! Wo blieben Sie nur?« – entgegnete Frau Rabe. – – »Entschuldigen Sie; aber meine Neffen belagerten mich in meinem Zimmer. Ich mußte mir erst den Weg erboxen!« – – »Daher sehen Sie auch so – – – so abgeboxt aus, und von da stammt das Indianergeheul!« – – »Ja, Steppke brüllt wie am Spieße. Ich habe ihm eine kräftige verabreicht. Diese Lümmel wissen nie, wie weit sie zu gehen haben, und werden frech. Ich kann das zwar von meiner Jugend her durchaus verstehen, es entzückt mich sogar; aber als erwachsenes Vorbild muß ich dem steuern! Wie Busch so genial sagt: ›Tugend will ermuntert sein, Bosheit kann man schon allein!‹ Doch nun, darf ich bitten?« – – Sie bot der hübschen, jungen Frau den Arm, und beide machten sich auf den Weg.

Sie waren bald im dichtesten Walde und bewunderten seine Schönheit. »Heute sehen Sie doch schon ganz anders aus als neulich Abend bei Ihrer Ankunft!« – konstatierte Frau Rabe, Lotte musternd. – »Na ob, ich habe eine Stehauf-Männchen-Natur. Heute tot und morgen rot! Bei mir dauert es nie lange! Darum ärgere ich mich ja so über die Verbannung von Haus, so kurz vor der Hochzeit! Jetzt soll ich erst hier in Thüringen Luft schnappen, dann nach dem Harz und zuletzt noch an die Ostsee. Ist das erhört? Sogar das Rundreiseheft ist mir fertig überreicht worden, nebst einem Zettel, wo Hotels und Zugabfahrtzeiten notiert waren. Und das muß mir passieren! Mir, die ich so viel gereist bin und mich als Reisemanager verdingen könnte! Mir wird es sehr komisch vorkommen, wenn mein Bräutigam erst alles bestimmen wird, und ich Ordre parieren muß!« – – »Ach, zum Handgepäck tragen und mit den Kellnern fertig zu werden, ist so ein Gatte herrlich zu gebrauchen! Glauben Sie mir das!« – erwiderte die übermütige junge Frau. –

Mit größter Ruhe konnten sich die Damen später nach ihrer langen Promenade erholen und zur Table d'hôte umkleiden. – Von allen Seiten strömten die Kurgäste jetzt in das Hotel zurück. Auf den Zimmern wurde der Staub des Vormittags abgewaschen, abgebürstet und die Haare geglättet. Die meisten Damen wechselten die Kleidung oder begnügten sich mit einem frischen Schleifchen oder Kragen, wenn sie nicht eine bessere Bluse vorzogen. – – Diejenigen Leute, deren Reisekasse etwas knapp war, hatten schon die billigere Vortafel benutzt, bei der ein oder zwei Gänge in Fortfall kamen. – »Lotte, thu mir den Gefallen und ziehe Deine helle Bluse an!« – sagte die Schwester, ins Zimmer tretend. – »Aber ich habe mich doch gewaschen und frisiert!« – – »Ich bitte Dich darum! Man hat schon darüber gesprochen, daß Du stets in dem gleichen Aufzuge erscheinst!« – – »So, hat man das? Na, dann bleibe ich wie ich bin!« – – »Wenn ich Dich aber herzlich bitte?« – – »Ach, Schwesterherz, was plagst Du mich?« – klagte Lotte. Sie ging aber an den Schrank und zog sich ein lichtblaues Kleid an. Dann knixte sie tief. »Nur um Deinetwillen, wa – haftig! Sonst – – – pah!« – Sie knippste mit den Fingern. Die Schwester umarmte sie: »Trotzkopf, Du bist doch gar nicht so schlecht, wie Du aussiehst!« – – »Nanana, man nicht gerührte Äppelfrau spielen!« – rief die Jüngere und riß sich los. Sie vertrug keine Anerkennung.

Jedoch Lottes Geduld sollte in dieser Beziehung auf eine harte Probe gestellt werden Kaum trat sie in den Korridor, so stürmte Frau Rabe ihr entgegen: »Donner und Doria, famos! Fräulein Bach, so habe ich Sie doch noch nicht gesehen!« – – »Natürlich – meinte Lotte verdrießlich – Kleider machen Leute! Ich steige in Ihrer Achtung!« – – »Na, entschieden! Der richtige niedliche Pummel! Das ist aber wirklich ein reizendes Kleid!« – – »Nun hören Sie aber gefälligst mit der Kleidasche auf! – rief Lotte – Haben Sie von Herrn Rabe Brief?« – – »Und also winkte der König ab, und der Sklave gehorchte! – antwortete die Gefragte lachend – Nein, mein Ehegespenst scheint mich vergessen zu haben!« – – Die beiden Damen traten in den Speisesaal, in dem erst einige Personen versammelt waren. – »Fräulein Bach in solcher Eleganz? Welcher Glanz in dieser Hütte?« – rief ihr sofort eine Dame entgegen. Eine andere sagte: »Gnädiges Fräulein haben sicher heute Geburtstag oder erwarten den Herrn Bräutigam?«

Frau Neuwald und Frau Rabe tauschten Blicke aus und verbissen ihr Lachen über das süßsaure Gesicht der geplagten Dame. In diesem Augenblicke packte ein jovialer, alter Herr Lotte, mit der er besonders gut stand, unter dem Kinn: »Ei, ei, mein Töchterchen, so ist es recht! Ein so junges Geschöpfchen sieht doch in hellen Farben ganz anders aus. Ein richtiger Schmetterling ist aus der Puppe geflogen!« – – »Uff!« – erwiderte Lotte nur. Etwas später als die Seinen kam der Amtsgerichtsrat. Sobald er nur seine Schwägerin erblickte, ließ er sich wie überwältigt auf einen Stuhl sinken: »Lotte, was hören meine Augen, was sehen meine Ohren? Wer hat das zustande gebracht? Du hast Dich umgezogen?« – – »Piff, Paff, puff, reg' Dich bloß nicht uff! – flüsterte diese zornig – Ihr thut ja wahrhaftig, als ob ich sonst nicht in einem nagelneuen Mousselinkleide, sondern in Lumpen umherginge!« – – Jetzt platzten die beiden andern heraus, und Lotte that das Beste, was sie thun konnte, sie lachte mit. –

Während des Speisens hatte sich der Wind gedreht. Der Himmel war mit Wolken umzogen. Die Gesichter einiger Touristen wurden länger. Ihre bisher recht heitere Stimmung flaute sichtlich ab. Auch an den beiden Stammtafeln wurden besorgte Stimmen laut. – »Wir bekommen wieder einen tüchtigen Landregen, der seine fünf, sechs Tage dauert!« – sagte der eine. – »Ja, das Barometer ist stark gefallen!« – – »Des sieht bees aus, sehre bees!« – klagte eine alte Dame! – »Ich hoffe, Sie irren sich, gnädige Frau! – wandte Lotte ein – Die Eingeborenen kennen doch ihre Gegend und haben schon ihre Erfahrungen aus Wald und Feld. Ich habe vorhin das Zimmermädchen und den Hausknecht befragt. Beide sahen erst nach dem Himmel und der Aussicht und versicherten mir, daß schönes Wetter bleiben würde!« –

Lautes Gelächter folgte dieser Antwort, worauf Fräulein Bach ein erstauntes und etwas verdutztes Gesicht machte. »Ja, mein gnädiges Fräulein! – rief ein Herr – Danach dürfen Sie sich eben nicht richten. Wir kennen den Kniff schon und fallen nicht mehr darauf 'rein. Die Leute werden sich hüten und Ihnen die Wahrheit sagen, damit Sie womöglich abreisen! Die und alle hier sind nur auf die Verkündigung von gutem Wetter eingeschworen.« – – »Diese schlaue Bande! Und wenn es wie mit Kannen gießt, prophezeien die schon für den Nachmittag den schönsten Sonnenschein. Im vorigen Jahre fielen wir noch darauf hinein und ließen uns, sage und schreibe: zehn Tage hinziehen! Jetzt sind wir gewitzter!« – – »Aha, ich verstehe! – sagte Lotte lachend – Aber die beiden machten solch harmlose Gesichter, daß man ihnen diese Verschmitztheit absolut nicht zutrauen konnte!« – – »Die hiesigen Wirte und ihre Dienstboten harmlos? Ich danke!« – – »Landpiraten!« – brummte ein alter Choleriker.

Und dieses Wort entfesselte eine Flut von passenden Erzählungen. Jeder gab seine Abenteuer in dieser Beziehung zum besten. »Ich mache noch ein paar Proben!« – flüsterte Lotte der Frau Rabe zu und winkte den Oberkellner heran. – »Sagen Sie mal, Herr Ober –, die Sache da – sie wies nach oben – sieht etwas bedrohlich aus, was? Wird wohl etwas faul werden mit dem Wetter?« – – Der Gefragte blickte nach dem Himmel und lächelte verbindlich: »Oh nein, mein gnädiges Fräulein, das ist nicht weiter schlimm! Höchstens eine kleine Husche! Ein paar Stündchen, und alles ist wieder beim Alten, in bester Ordnung!« – – »Na, aber das Barometer soll sehr gefallen sein?« – – »Das ist wegen der Husche, gnädiges Fräulein, das täuscht! Auf Menschenwerk kann man sich nie verlassen! Ich aber kenne mich schon hier auf das Wetter aus. Wenn die Wolken so – so dunkel sind, dauert es höchstens ein paar Stunden!« – – »Na na, nich' geflunkert, Herr Ober!« – – »Höchstens einen halben Tag!« – – Er lächelte süß, dienerte und ward entlassen. – »Da haben Sie es, der ist so schlau wie alle!« – – »Nun wollen wir nochmal unser Heil bei dem kleinen Steppke versuchen, der sieht wie eine Kreuzung von Schaf und Esel oder noch besser von Gnu und Kuh aus. Ob der schon so schlau ist? Du, Kleiner, komm' mal her!« – Der kleine Kerl, welcher mit den geleerten Gläsern hin- und herlief, trat schüchtern näher. –

»Bist du ein Thüringer?« – – »Ai, frailich!« – – »So, wo biste denn her?« – – »Aus Abolda!« – – »So, na, das läßt ja entschieden auf etwas schließen! – meinte Lotte ernst – Du bist ja ein kluger Junge und wirst Dich aufs Wetter auskennen, was?« – – »Ai, frailich!« – – »So, das ist schön! Na, sieh Dir mal den Himmel an, wie wird die Geschichte?« – – Der Junge that, wie ihm geheißen. – – »Das giebt wohl einen festen Landregen, nicht?« – – »Frailich, frailich, – nickte er beglückt – der dauert seine acht Dage!« – – »Also keine Husche?« – – »O nain, der dauert gar lange! Das is doch kain Gewitter!« – – Lotte klopfte ihm auf die Schulter: »Du bist eine ehrliche Haut, brav, mein Junge, danke Dir!« – – Er flog davon. Die beiden Damen beobachteten, daß ihn der Oberkellner zornschnaubend empfing. Er redete heftig auf das Bürschchen ein, das dunkelrot vor ihm stand und mit den Thränen kämpfte. Lotte hörte ein deutliches: »Rindvieh!« zu sich dringen. – Mitleidig gab sie dem kleinen Wetterpropheten nachher eine Extraentschädigung. –

Über dem Örtchen lag Mittagsruhe. Selbst die tobenden Kinderscharen waren stiller geworden. Auch sie schien nach dem Diner ein Ruhebedürfnis zu überkommen. Sie lasen oder spielten ruhig. Oder die Wilden entfernten sich auch weit von den bewohnten Stätten, um sich auszuschreien und auszutoben. Denn ein Vater, der sonst ein Lamm an gütiger Sanftmut ist, wird zum wütenden Tiger, wenn er aus dem Mittagsschläfchen gestört wird. Selbst von den besten Müttern hat man zur Zeit der »Nickerchen« – Böses zu erwarten. Und dies wußte die wilde Jugend. – – – – – – – Nach der Anstrengung des Essens zogen sich die Erwachsenen zu mehr oder weniger kurzen Schläfchen auf ihre Zimmer zurück. Wer nicht schlief, der setzte sich wenigstens möglichst bequem auf die Veranden oder in die Lauben und las. – Frau Rabe brachte Lotte auch bis zu ihrem Gemache: »Wenn Sie klug sind und meinem Rate folgen, so nützen Sie das letzte gute Wetter aus, und kommen mit mir in den Wald!« – sagte sie. – »Rappeln fängt immer im Kopfe an! – entgegnete Lotte höflich – Jedes Tier legt sich zur Verdauung nieder. Warum sollte ich mich abstrampeln?« – – »Sie vergleichen sich doch sonst so ungern mit Viechern!« – – »Sehr richtig, Huckebeinchen, darum strecke ich mich auch nicht à la Kuh auf der Weide, sondern auf meinem Sofa aus!« – – »Faul – – –« – »Tier, danke, ich habe Ihnen doch aber meinen Namen schon so oft gesagt! Meinen Sie, ich werde jetzt umherrasen, wo mir die zwei Scheiben Pudding noch im Magen liegen? Aber bitte, lassen Sie sich nicht stören!« – – »Nee, thu ich auch nicht! Mein Mann liebt nur sehr schlanke Frauen, daher muß ich mich trainieren und gehe nach Tisch!« – – »Also viel Glück zur Entfettungskur. Mein Willi liebt mehr das Mollige, das heißt, er muß, ob er will oder nicht! Gute Ruhe, meine Liebe!« – –

Als Lotte von einem behaglichen Mittagsschläfchen erwachte und auf die Veranda trat, goß es. Sie sah lächelnd und vergnügt auf die Straße hinab, die schon jetzt eine ganz andere Physiognomie angenommen. Ihre heimliche Vergnügtheit artete zum Jubel aus, als sie Frau Rabe in trostlosem Zustande ankommen sah. Das weiße Piquékleid triefte, der weiße Hut hatte gänzlich die Façon verloren, der kleine weiße Sonnenschirm war von Sturm und Wasser stark mitgenommen. Von der Gürtelschleife, die lila gewesen, zog sich eine lilablaue Bahn über den Rock. Und die hellen Schuhchen – – – –

Lotte sprang auf und beugte sich über das Geländer: »Na, Frau Rabe, war es schön im Walde? Ach, was sehe ich, Sie sind wohl etwas naß geworden? Oh, wie schade!« – – »Das ist bloß äußerlich! – rief die Geschädigte, trotz des Spottes, lustig – Es war herrlich, ich habe bloß bedauert, daß Sie nicht mit waren. Geteilter Schmerz ist doch doppelte Freude!« – – »Ja schade! Aber daher der Name: Huckebein – Unglücksrabe!« – – »Immer der alte Witz, Bächlein, pfui, wie kann sich ein so kluger Mensch wiederholen?« – – Ehe noch Lotte antworten konnte, lud Frau Neuwald die triefende, junge Frau zu einem Täßchen heißen Kakaos ein. Die Aufforderung wurde dankend angenommen. Nach kurzer Frist erschien Frau Rabe in anderer Toilette. Sie gehörte zu jenen gemütlich lustigen und warmherzigen Menschenkindern, mit denen man schon nach einer halben Stunde vertraut ist, als ob man sie schon Jahre lang kenne. – Lotte und sie, sowie der witzige, necklustige Neuwald gestalteten den Nachmittag denn noch zu einem recht fröhlichen. –

Jeden Morgen und Abend prophezeiten die Eingeborenen einen günstigen Witterungsumschlag. Jedoch es goß ungeniert seinen starken, klatschenden Gang weiter. Die Temperatur sank immer mehr. Das Barometer verharrte auf Regenverkündigung. Die Wege des hochgelegenen, auf dem Plateau sich hinziehenden Ortes wurden große Lachen, durch die man nur mühselig patschte und watete. Der wundervolle Wald triefte und dampfte vor Nässe. Die schmalen Pfade waren ausgewaschen, Sand und Kies heruntergeschwemmt. Was blieb – waren ein schlüpfriger, glatter Lehm, der an den Sohlen kleben blieb, oder spitze Steine. – Die leichtgebauten Holzhäuser und Hotels waren bald durchfeuchtet. Die Luft wurde schwer und machte frösteln, selbst Polster und Betten fühlten sich klamm an. Zuletzt mußte man sich aufraffen und einfach heizen lassen. Brr, und der Rauch! Der Kampf mit den Öfen! Ehe die feuchten Zimmer sich durchwärmten! – Die leichten, hellen Sommerkleider und Anzüge verschwanden. Unter Mänteln und Tüchern wurden die wärmsten Kleidungsstücke getragen. Gummischuhe, Handschuhe, Halstücher, sogar Gamaschen kamen zu ihrem jetzt unberechtigten Recht. Nicht nur die Sachen litten, sondern auch die Träger derselben. Die Löckchen der Damen, die Frisuren, die Schnurrbärte der Herren, alles löste sich auf. Lotte und Frau Rabe beneideten die sonst so bespöttelten, glattgebürsteten Scheitel, die festgedrehten oder stramm geflochtenen Haare, deren Besitzerinnen wenigstens ordentlich aussahen. – Wie öde waren die sonst so belebten Waldplätzchen. Gute Geschäfte machten die Restaurants und die Konditorei. In den ersteren saßen die Herren stundenlang zusammen beim Bier oder Wein. Politische Fragen wurden erläutert, Stammtisch-Anekdoten aufgefrischt. Die Skatpartien zogen sich vom ersten Frühstück bis zum Diner, und vom Nachmittagsschläfchen bis in die tiefe Nacht hinein, mit kurzer Pause während des Abendbrotes. – In den engen Räumen der Konditorei drängten sich die Damen. Der Konditor konnte garnicht genug backen. Da las man die paar Tageszeitungen, den Journalzirkel, trotz der ältesten Nummern, mit unglaublicher Aufmerksamkeit vom ersten bis zum letzten Worte durch.

Lotte Bach und Frau Rabe hatten an einem verborgenen Ecktischchen ihre Stammplätze, welche ihnen schon von dem Ladenfräulein aufgehoben wurden. Dort saßen sie, schwatzten und beobachteten, selbst ziemlich ungesehen, die Anderen. – Zuerst wurde als Pflichtpensum die Zeitung gelesen. Dann »ging es los!«, wie Lotte sagte. – Heute hatte sie einen ganz unmotivierten Anfall von Melancholie und Sehnsucht nach ihrem Bräutigam gehabt und sich allein durch eine Hinterthür des Hôtels auf den Weg gemacht. Es regnete wie mit Kannen. Lotte hatte sich unter dem von ihrer Schwester entliehenen Regenmantel hochgeschürzt. Über dem Hute trug sie noch einen Shawl gegen Sturm und Kälte. Die hohen Lederstiefel waren noch durch Gummischuhe geschützt. Den Schirm mit Mühe vor das Gesicht haltend, tappste sie durch Pfützen und aufgeweichten Erdboden hindurch. So sehr sie auch lief, sie wurde nicht warm. Die Feuchtigkeit drang durch die warmen Sachen durch und verursachte ein Frösteln, welches sehr unangenehm war. Die junge Dame stampfte mit den Füßen, schwenkte die Arme. Es half nichts! Kurz entschlossen machte sie kehrt und begab sich in ein Geschäft, wo sie eine Flasche Kognak erstand. Sie ließ diese sogleich aufziehen, nahm aus einem Gläschen einen tüchtigen Zug und trug die in Papier gehüllte Flasche im Arme mit sich fort. So – – jetzt war ihr wohlig und mollig zu Mute! Die Bangigkeit, welche sie Hinausgetrieben, war mit einem Male verschwunden. Fröhlich, eine Melodie vor sich hinpfeifend, eilte sie trotz Sturm und Regen vorwärts. Durch den Ort hindurch, begab sie sich in den Wald. Kein Mensch war zu erblicken. Das war ihr gerade angenehm! Wenn nur nicht der schwere Lehm an den Schuhen kleben geblieben wäre und die ausgewaschenen, schlüpfrigen Wege das Vorwärtskommen erheblich erschwert hätten! – In dem vergnügten Nebel, der sie eingelullt hatte, wanderte sie immer weiter, bis zu einer ganz entfernt liegenden Thalsenkung, wo eine Wegkreuzung der Hauptchausseen durch hohe Wegweiser markiert war. – Ganz überrascht, wie sie plötzlich hierhergekommen, blieb Lotte stehen. Sie war in der Runde ganz allein. Ringsum nur Wald, kein lebendes Wesen zu erblicken! Als echtes Großstadtkind dachte sie mit einem Male an alle Mörder- und Räubergeschichten, von denen sie in den Zeitungen gelesen. – Wenn nun jemand kam? Wenn er ihr Geld forderte? Da knackte es in den Zweigen! – – – – – Voller Angst schaute sie umher und packte den Schirm fest beim Griff. »Na! Leicht soll es Dir nicht werden! Ich verteidige mich bis zum Äußersten!« – sagte sie laut vor sich hin. Sie blickte durch den Dunst in die Landstraße. Um Himmelswillen, da kam ein Mensch – – – ein Mann! Wie der aussah! Was zog er denn – – – – – eine Karre? Oder was sonst? – – – Sie konnte es nicht erkennen! – – – – – Jetzt winkte er – – – und schrie. Sie hörte nur dumpfe Rufe. –

Lotte war eine Sekunde wie gelähmt. Dann wendete sie sich um und nahm Reißaus. Leider ging es ziemlich steil bergauf. Der Pfad war schmal. Die Aussicht, des Nebels wegen, ungefähr nur auf zehn Schritte möglich. Sie trabte keuchend vorwärts, stürzte, raffte sich energisch auf, ein Gummischuh blieb stecken. Schadet nichts, nur weiter. Ein scheuer Rückblick zeigt ihr, daß der Verfolger auch hastig vorwärts eilt. Wieder ruft er! – Sie jagt, jagt, jagt mit pfeifendem Atem. Endlich kann sie nicht mehr und muß Pausieren, komme, was da wolle! – – Der Räuber ist auch nicht mehr zu erblicken. Gott sei Dank!! – Ach! Ganze Wasserbäche rieseln an ihr herunter, triefen über ihr glühendes Gesicht. Ihre Kleider kleben an ihr. Nachdem sie ein wenig verschnauft hat, geht sie langsamer weiter. Da ist schon das Plateau, noch zehn Minuten, und sie ist am Ort. Himmel, muß sie gerast sein! –

»He, Sie, warten Sie doch, zum Donnerwetter! Ich will – – – –«

Lotte fährt zusammen, auf dem Serpentinenweg unter ihr – sie beugt sich vor – taucht der Unhold auf. – Einen Blick und sie setzt sich wieder in Trab. Er jetzt aber auch; jetzt – sie hört es – muß er unmittelbar hinter ihr sein. Da gehen Menschen! Sie sieht die Konturen gegen die grauen Wolken. »Hilfe!« – Plötzlich kommt ein ganz aufgeweichter Fleck bei der Wegbiegung, der letzten – – – – Plumps, da liegt Fräulein Bach auf der Erde. Die Cognakflasche, die sie bisher fest gegen die Brust gepreßt, zerschellt an einer Baumwurzel. Sie hört noch den Krach, dann ist ihre Besinnung fort. Nach einer Minute kommt sie zu sich, der Verfolger steht vor ihr. Eben läßt er sich auf die Kniee nieder, um ihr zu helfen. »Zum Teufel, ich bin doch kein Brigant, was haben Sie denn, warum rennen Sie so?« – – Die Stimme kommt ihr bekannt vor; aber sie ist noch zu erregt, um zu wissen, wo sie dieselbe schon gehört. Matt schließt sie die Augen. Da fühlt sie sich kräftig umfaßt. Zwei Arme schlingen sich um ihre Schultern. Ein Ruck. Sie wird emporgehoben und steht. Aber da sie etwas taumelt, hält er sie noch an sich gepreßt.

»Donnerwetter, das war eine Hetzjagd! Was haben Sie denn gefürchtet? Ich bin doch sonst nicht so abschreckend. Aber Strafe muß sein! Umsonst will ich mich nicht abgehetzt haben und in solchem Verdacht gestanden haben. Meinen Wegzoll nehme ich mir!« – – Ehe noch die matte Lotte sich wehren kann, hat er ihr Gesichtchen unter dem Kinn gefaßt, sich zugewendet und einen festen Kuß auf ihren Mund gedrückt. – »Ah!!«

Zorn und Empörung geben Lotte die Energie wieder. Kraftvoll stößt sie ihn von sich, langt aus und schwapp! hat er eine schallende Ohrfeige erhalten. Auch er schreit jetzt auf, vor Wut und Ärger. »Das kostet Strafe!« – – Da wendet sie sich ihm zum ersten Male wieder zu und sieht ihm wütend grade ins Gesicht.

»Hase – – – – – Leutnant Hase! Heiliger Strohsack!« – stößt sie staunend hervor, und ganz plötzlich überwältigt sie die Komik der Situation. Ein Umschlag ihrer gereizten Nerven tritt ein. Sie lacht und lacht. –

Er blickt sie überrascht, wortlos an. Ihr Tuch ist vom Kopfe gefallen, der Hut nach hinten verrutscht. Ihr lachendes Antlitz ihm zugekehrt. – »Himmel – – – – Lotte! – – – – Fräulein Bach! – – – – – Das könnte ich im kühnsten Traume nicht ahnen! – stammelt er verwirrt – Ach, Du Don – – – – Pardon – – – – Verzeihung!« – – »Na, Ihre freche Wegelagerei ist ja bestraft worden, Häschen, darum will ich noch einmal Gnade für Recht ergehen lassen. Na, wollen Sie mir nicht anständig guten Tag sagen?« – – Sie reicht ihm ihre Hand, die er kräftig schüttelt und dann respektvoll an die Lippen zieht. »Liebes, gnädiges Fräulein, welche unverhoffte Freude. Wollen Sie mir nun aber auch wirklich meine Unverschämtheit verzeihen und sie in das Meer der Vergessenheit versenken?« – – »Hm, das weiß ich noch nicht! Na, vergeben will ich großmütig! Aber Willi muß die Sache erfahren!« – – – »Liebes, gutes, hochverehrtes, gnädiges, alles was Sie wollen – – – Fräulein! Bei unsern lieben alten Erinnerungen, bei Telschows süßem Namen beschwöre ich Sie, sagen Sie es Ihrem Herrn Bräutigam erst am Tage nach der silbernen Hochzeit! Ich kenne Herrn Doktor Feller. Othello ist ein Lamm gegen ihn! Und nun Ihretwegen noch ein Duell? – – – – – – – – – – – Sie haben mir genug Wunden geschlagen!« – fügt er ganz leise hinzu.

Lotte errötet und schweigt verlegen. Dann streckt sie ihm wieder die Hand hin. »So sei es also vergeben und vergessen!« Sie wendet sich ab, ordnet ihre Garderobe, ihre Frisur und fragt, um über die peinliche Situation fortzuhelfen: »Waren Sie denn aber der Karrenmann von der Chaussee?« – – »Karrenmann? Nein! Oder meinen Sie etwa mein unseliges Velociped? Die Pneumatik ist mir geplatzt, die Lenkstange verbogen. Ich hatte bei diesem Wetter ohnehin das Vergnügen, die Maschine zu schieben. Und in dem Guß kann ich doch unmöglich die Reparaturen vornehmen?« – –

»Also Ihr Bicykle war die Karre, nun verstehe ich! – meint Lotte – Warum brüllten Sie denn aber so mörderlich, Herr von Hase?« – – »Weil ich froh war, endlich einen Menschen zu finden, der mir armen Verirrten den Weg weisen konnte und helfen. Nebenbei hielt ich Sie, bei diesem Sackpaletot, von weitem für einen Mann. Als Sie davonrasten, vermutete ich einen Spitzbuben in Ihnen und sauste hinterher. Bis mir dieser kleine Gummischuh verriet, daß mein Ausreißer ein Aschenbrödel sei. Da ließ ich meine Maschine einfach im Stich und nahm aus purem Übermut die Jagd auf. Natürlich ahnte ich nicht, welch Wild es war!« – – »Also immer noch der Alte, der auf jedes Abenteuer erpicht ist?« – – »Erst recht, Fräulein Lotte, darf ich noch so sagen? Ach, bitte, bitte, erlauben Sie es! Früher war ich ein schüchterner Idealist, dann kam ein Ereignis, das mir sehr weh that und mich ummodelte – – – –« – – »Bitte! Herr von Hase!« – – »Fürchten Sie nichts; aber seit der Zeit habe ich mir gelobt, anders zu werden. Ich pflücke jetzt jede Rose am Wege!« – – »Und vergesse, daß die Rosen Dornen haben« – ergänzte Lotte. – – »Oh ja, sogar recht kräftige, meine Wange brennt noch! Aber was thut es? Nicht um die Welt möchte ich gerade diese Erinnerung missen, die ich in meinen kühnsten Träumen nicht hätte – – – – – – –«

»Herr von Hase, wollen Sie Ihre Maschine nicht holen?« unterbrach ihn Lotte kühl. – Er schlug sich auf den Mund, verbeugte sich schweigend und sagte: »Gewiß, sofort! Darf ich noch einmal nach Ihnen sehen, Ihnen meine Aufwartung machen?« – – »Natürlich!« – Lotte bezeichnet ihm ihr Hotel. »Hu, ist das eine Kälte!« – – »Frieren Sie, schade, da liegt mein Kognak!« – – »Aber, aber!« – – »Ja, ich wollte mich dem geheimen – – ergeben; aber das Schicksal bestimmte es anders! Nach Busch darf eben ein gutes altes Mädchen nicht happig sein! Nanu?« – rief sie überrascht.

Der Offizier in seinem durchweichten Radfahreranzug hatte sich gebückt. Er hob die gerade am unteren Ende erhaltene Flasche auf und betrachtete sie. »Schade, ich hoffte, es wäre noch ein Schlückchen drin – aber vergebens! Na, hier wird es wohl noch ein Hotel geben, wo ich auftauen kann?« – – »Oh ja, wollen Sie aber in dem Aufzug bleiben, wenn ich fragen darf?« – – »Entschuldigen Sie ihn gütigst, meine Gnädigste, aber die Schuld an meiner räuberähnlichen Kostümierung liegt an Ihnen!« – – »Woll ja?« – – »Doch! Um Sie zu erhaschen, warf ich das lange Gummicape neben meine Maschine. Es hatte mich bis dato sehr sauber und trocken erhalten. Jetzt allerdings – – – – –« – – »Sie Ärmster, und andere Sachen haben Sie nicht mit?« – Hase schüttelte den Kopf. »Leider nein, mein Koffer steht in meinem Hauptquartier in Eisenach. Ich wollte eben nur diese Rund-Radeltour machen, um das reizende Thüringen kennen zu lernen. Und nun öffnet der Himmel seine Schleusen seit zwei Tagen ununterbrochen!« – – »Zwei Tagen?« rief Lotte – »Bedaure, hier gießt es seit acht Tagen ohne Aufhören!« – – »So? Ja, Ihre Residenz ist auch das verrufenste Regennest. Als ich am Montag Eisenach verließ, war strahlendster Sonnenschein!« – – »So! Sie Glückspilz, wir wissen garnicht mehr, was Sonne ist! Unsere Betten, unsere Sachen, alles ist von der Feuchtigkeit durchdrungen!« – – »Na, ich danke, dann müssen ja nette Erkältungen hier sein!« – – »Ja, natürlich, Schnupfen und Rheumatismus blühen! Damit wir ihn aber nicht auch noch erhalten, wollen wir jetzt wirklich Abschied nehmen. Addio, Herr von Hase, ich sehe Sie also noch im Hôtel?« – –

Er verabschiedete sich von ihr und sah ihr nach, wie sie langsam emporkletterte, dann die Landstraße entlang schlenderte und im Dunst verschwand. Eine ganze Weile starrte er in der Richtung, dann seufzte er tief auf und steuerte endlich bergab, um sein Rad, sein Cape und seinen Rucksack zu holen. –

Lotte mußte erst in das Hotel, um sich wieder »menschlich« zu machen. Der Fall in die Pfütze, die wilde Jagd, der Kognak, alles hatte dazu beigetragen, ihren äußeren Menschen nicht gerade zu verschönern. Sie dachte über das Erlebnis, ihre thörichte Angst und Hases unerhörte Keckheit nach. »Diese Männer sind doch alle Karnickel!« – sagte sie unwillkürlich halblaut. »Sie haben es doch zu gut auf der Welt!« – – – – – – Jedenfalls brauchte Willi wirklich vorläufig nichts von dem Abenteuer zu erfahren! Nur Grete, als Mitwisserin aller Erlebnisse mit Leutnant von Hase, sollte auch dieses hören! – – Sie kleidete sich schnell um und zog andere Stiefel an, als ihr plötzlich einfiel, daß einer ihrer Gummischuhe noch in Hases Händen sei. Er hatte vergessen, ihr den »Ausreißer« wiederzugeben. Rasch wollte sie sich so auf den Weg machen, als es an ihre Thür klopfte. »Herein!« – Das Stubenmädchen erschien, sehr rot und verärgert: »Ach, entschuldigen, gnädiges Fräulein, aber ich werde mit den Jungen nicht fertig! Ich habe der Frau Amtsgerichtsrat versprochen, sie eine Stunde zu beaufsichtigen; aber sie thun kein gut!« – – »So, was haben diese Racker denn wieder angerichtet?« – fragte Lotte. – – »Sie haben mir alle Wasserkannen versteckt und mich mit einer Spritze immer naßgespritzt!« – – »Meine Neffen! – sagte Lotte lächelnd mit ganz eigener Betonung – Na, warten Sie, ich komme schon!« – – Am anderen Ende des Korridors fand sie die kleinen Neuwalds und einen dritten Unhold völlig außer Rand und Band und nicht gewillt, ihr Rede zu stehen. Ein Strafgericht erfolgte in Gestalt einiger schallender Backpfeifen. Lotte hatte lose Hände und recht kräftige obendrein. »Heute bleibe ich anscheinend in der Übung,« dachte sie, sich an die jüngste Vergangenheit erinnernd. – Die Jungen wüteten und strampelten; aber sie ließ nicht mit sich spaßen. Als der Kleinste gar zu frech wurde, legte sie ihn kraftvoll über das Knie und bearbeitete ihn ganz gehörig. Ihr Ärger erhöhte sich, weil auf sein Geschrei fast das ganze Hôtel zusammenlief. Der Ältere fühlte sich plötzlich mit dem Brüderchen solidarisch. Um sich an der Tante zu rächen, kam er auf eine neue, teuflische Idee. Er zog einen Brief aus seiner Tasche und zerriß ihn, ehe es jemand hindern konnte, in kleine Fetzen. Diese schleuderte er dann wutvoll auf den Hof. »So, Du – – – Du olle Scheusalstante, nu haste es! Du sollst meinen Bruder nich anrühren, verstehste? Nu habe ich den Brief zerrissen, den Du von Onkel Willi hast, und den ich Dir geben sollte!« –

Lotte sanken die Arme herab. Ganz entgeistert starrte sie den Rächer seines Bruders an. Dieser selbst entfloh sofort treppab in die untere Etage. »Ist das wahr?« – – »Natürlich!« – freute er sich. – »Ich hatte einen Brief von Onkel Willi?« – – »Ja, vor einer Stunde. Mama gab ihn mir, damit ich ihn Dir bringe!« – – »Und den hast Du zerrissen?« – – »Ja, was hauste uns? Wir gehen Dich ganischt an!« – Der Bengel wurde jetzt doch ängstlicher. Seine Tante wurde totenblaß und starrte ihn nur wortlos an, und das war ihm unheimlich. Ehe sie etwas unternehmen konnte, wollte er davonlaufen. Das Unglück führte ihn gerade in die Arme seines Vaters, der, von steifem Halse und von Hexenschuß geplagt, recht verstimmt des Weges kam. Er hielt ihn fest. »Was hast Du denn? Was ist hier für ein Radau? Alle Menschen stehen unten und sagen: ›Das sind schon wieder Neuwalds.‹ – – »Marie beschwerte sich über die Jungen. Ich strafte sie, weil sie sehr frech waren. Und nun hat mir Dein Ältester einen Brief von Willi aus Rache zerrissen!« – sagte Lotte und ging an ihm vorbei.

»Herrje, warum diese Grabesstimme? Das ist doch kein Unglück weiter! Du hattest doch heute schon zwei und noch eine Karte!« – knurrte Neuwald und blickte seiner Schwägerin nach, die bleich an ihm vorbeiging und sich schweigend entfernte. In seinem Zimmer entleerte sich seine Gereiztheit auf seinen Sohn, der sich nicht entsann, schon einmal ähnlich gestraft worden zu sein. – Lotte sandte von der Post sofort eine Karte an ihren Verlobten und berichtete ihm von dem neuesten Ereignis. Sie war außer sich. Wer weiß, was gerade in diesem Briefe alles gestanden haben mochte? Und jedes seiner Schreiben war ihr so besonders wertvoll, war ein in sich abgeschlossenes Ganzes! Sie stampfte mit dem Fuße auf vor Ärger. Zwei Damen kamen ihr entgegen und hielten sie auf: »Na, Fräulein Bach, wohin bei dem Wetter?« – – »In die Konditorei zur Frau Rabe! Haben Sie die vielleicht dort gesehen?« – – »Ja und sehr ärgerlich über Ihr langes Warten!« – – »O Weh, da kann ich mir gratulieren! – – – – – – Wie geht es übrigens Ihrem Herrn Gemahl?« – – »Danke, schlecht! Er hat zwei Warmflaschen im Bett, mein Plaid und noch seinen Mantel darüber. Soeben habe ich zum zweiten Mal heizen lassen! Es ist eine ganz gehörige Grippe. Wenn das Fieber vorbei ist, reisen wir sofort ab. Unsere schöne, bequeme Häuslichkeit, die sauberen Straßen daheim! Man hat es doch nirgends so gut und ist zu dumm, fortzureisen. Hier sitzen wir in dem einen Loch, wo das Wasser von den Wänden läuft!« – – »Darin liegt viel Wahres! Aber es wird bald wieder schön werden, passen Sie nur auf, gnädige Frau! Dann ist der Wald und die Luft so herrlich – – – –« »Ehe das jetzt nur durchtrocknet, vergehen wieder Tage! Nein, wir haben es satt! Frau Schmidt reist auch ab!« – – »So, ist Ihr Töchterchen noch nicht gesund?« – fragte Lotte teilnehmend. – »Nein, ich komme soeben wieder von der Apotheke!« – seufzte die Dame. – – »Dann wünsche ich Ihren beiden Patienten von Herzen gute Besserung und bedaure nur, daß mein Bräutigam nicht hier ist, der würde sicher helfen!« – – Lotte verabschiedete sich. Die beiden Zurückbleibenden aber vereinigten sich in dem Lobe der »reizenden jungen Dame«. Kurz vor der Konditorei begegnete sie einer anderen Bewohnerin ihres Hotels: »Fräulein Bach, wir veranstalten heute Abend im Speisesaal eine kleine Unterhaltung, wollen Sie sich daran beteiligen?« – – »Selbstverständlich, mit Wonne, gnädige Frau. Mit oder ohne Herren?« – – »Mit Herren! Wir wollen sogar ein Tänzchen veranstalten!« – – »Ach, das ist famos! Ich liebe gemischte Gesellschaft viel mehr, nur nicht Damen apart und Herren apart!« – entgegnete Lotte lachend. – »Ei, was sagt da aber der Herr Bräutigam?« – – »Nanu? – meinte Lotte – Der kennt mich doch nachgerade und ist hoffentlich doch meiner sicher? Der sagt: Viel Vergnügen! Ach, Sie wissen garnicht, was für ein Wonnevieh der ist!« – – »Denken Sie, Bürgermeisters und Oberstens kommen auch, die ganze höhere Gesellschaft, die sich sonst so exklusiv verhält!« rief die Dame stolz lächelnd. – – »Das imponiert mir sehr wenig, die Leute sind doch nicht mehr! Wenn sie sich von anderen gebildeten Menschen abschließen, so ist das eine Dummheit, voilà tout!« – – »Sie Ketzerin!« – – »P!« Eine kurze Verneigung. Lotte verschwand in der Konditorei. Kaum schloß sie die Thür hinter sich, als eine andere Dame mit ihrer Tochter über den Damm eilte.

»Frau Direktor! Frau Direktor!« – – Die Angerufene blieb stehen. »Ach, die Frau Sekretär, was belieben? Wo kommen die Damen her?« – Die Drei gingen zusammen weiter. »Wir waren ein bißchen im Walde, um uns die kalten Füße zu vertreten, und haben dort eine skandalöse Sache beobachtet.« – – »Eine skandalöse Sache? Darf man die erfahren oder ist sie diskret, Frau Sekretär?« – – »O nein, Frau Direktor, wir wissen doch, mit wem wir sprechen! Aber nicht wahr, Sie verbleiten es nicht weiter, wir möchten keine Klatscherei!« – – »Aber, meine Damen! Da kennen Sie mich schlecht! Ich bin stumm wie ein Grab!« – – »War das nicht Frau Amtsgerichtsrats Schwester, mit der Sie soeben sprachen?« – – »Ja, das war Fräulein Bach!« – – »Mögen Sie die Dame?«– – Frau Direktor, welche Lotte sehr gern hatte, wollte eigentlich freudig ja sagen. Aber in dem Tone der Frage lag etwas Besonderes. Da sie nun neugierig war, machte sie vorsichtig nur: »Hmm – – ach – – – es geht!« – – Darüber waren die beiden Andern entzückt: »Sehen Sie, wir können die Bach auch nicht ausstehen. Sie ist doch so extravagant und emancipiert und bildet sich furchtbar viel ein, weil sie eine Geheimratstochter ist. Neulich hat sie sich, wir haben es deutlich bemerkt, über Malchen moquiert. Weil Malchen immer mit einer Schürze geht und so viel häkelt! Na ja, mein Malchen ist eben bescheiden, häuslich erzogen und nicht wie die emancipierten Berlinerinnen, die den ganzen Tag nichts thun!« – – »Stand die Sache mit Fräulein Bach im Zusammenhang?« – unterbrach Frau Direktor neugierig. – – »Ja, denken Sie nur! – Die Frau Sekretär beugte sich vor und flüsterte mit funkelnden Augen – Wir waren trotz des Regens im Walde. Da kam die Bach dunkelrot und laut singend an, eine Kognakflasche im Arm. Frau Kanzleirat hatte sie schon im Laden beobachtet, als sie fünf, sage und schreibe, fünf Glas Kognak trank. Sie soll überhaupt stark trinken!« – – »Ach, was Sie sagen?!« – rief die Andere jetzt doch ungläubig, worauf Frau Sekretär rasch einlenkte – »Ich habe es allerdings nicht beobachtet und beziehe mich nur auf Frau Kanzleirat, nicht wahr, Malchen? – – »Gewiß, Mamachen; aber das Andere haben wir doch mit eigenen Augen gesehen!« – – »Natürlich, denken Sie nur, Frau Direktor, wir gingen also den oberen Fichtengang und beobachteten die Bach. Sie rannte bis zum Kreuzweg, dort traf sie sich mit einem Radfahrer, und oben, kurz vor dem Dorfe, haben sich die beiden immerfort geküßt!« – – »Das wird ihr Bräutigam gewesen sein!« – – »Dann wäre sie doch mit ihm zurückgekommen! Aber sie ging allein ins Hôtel und machte dort eine furchtbare Scene mit Walter und Bubi Neuwald. Fast blutig hat sie die niedlichen, kleinen Kinder geschlagen. Die Person ist ein Satan!« – – »Wie man sich im Menschen täuschen kann! – meinte jetzt Frau Direktor sinnend – Das hätte ich ihr nicht zugetraut! Das heißt, kokett ist sie ja! Sie hält es sehr mit den Männern. Vorhin fragte sie sofort, ob bei der Abendunterhaltung Herren dabei wären! – – – Aber ich muß gestehen, so eine Gemeinheit hätte ich ihr doch nicht zugetraut!« – –

Die Klatschbasen gingen weiter. Ihre immer stärker aufgebauschte Mär von Lotte Bachs Rendezvous mit einem Radfahrer machte die Runde. Eine trug es unter dem Siegel der Verschwiegenheit der Andern zu. Die Empörung gegen die harmlose, unschuldige Sünderin schwoll insgeheim mächtig an. –

Inzwischen war die ahnungslose Lotte in die Konditorei getreten. Sie bestellte sich eine Tasse »recht heiße Schokolade« und begab sich an ihren Ecktisch. »So eine Warterei, ich bin böse mit Ihnen! Und wenn ich morgen an Magenverrenkung sterbe, so sind Sie daran schuld!« – – »Ich lege diesen Mord zu meinen übrigen Schandthaten! Bloß wüten Sie nicht, kleine Rabe!« unterbrach Lotte sie. – »Wüten ist garnicht der treffendste Ausdruck für das, was mich erfüllt, Sie – – –! – meinte Frau Rabe – Zwei Tassen Kaffee und drei Stück Kuchen kommen auf Ihre Rechnung, denn von meinem Alten kann ich das nicht verlangen! Er wird sonst mißtrauisch!« – – »Also gut! In bekannter Großmut zahle ich Ihren Posten! Aber meine Verspätung hat ihren berechtigten Grund. Und nebenbei bin ich jetzt so verwütet und verbost, daß ich außer dem leichten Reißmirtüchtig noch meine sämtlichen Nerven spüre!« – – »Nanu, was haben Sie wieder ausgefressen?« –

Lotte setzte sich zu ihr. Sie gehörte zu den Naturen, welche die Geheimnisse anderer Personen unverbrüchlich bewahren. Über ihre eigenen Angelegenheiten konnte sie aber absolut nicht schweigen. Ihr großes Vertrauen zu den Menschen, die sie liebgewonnen, verführte sie sogar oft dazu, viel mehr von sich zu erzählen, als richtig ist! Heute brannte sie, ihr neustes Abenteuer von der Seele zu sprechen. Frau Neuwald war nicht da, Grete Seffmann und Alice auch nicht! Vor ihr aber saß die liebenswürdige, ihr so überaus sympathische junge Frau. Es verging keine Stunde, da hatte Lotte der neuen Freundin die ganze Geschichte mit dem Leutnant von Hase erzählt. Von dem ersten Zusammentreffen bei Telschow bis zum heutigen Erlebnis mit Kuß und Ohrfeige im Walde. – Das war nun etwas für die fesche Frau Rabe! Sie schwelgte in der Vorfreude, den kleinen Leutnant kennen zu lernen, und beneidete Lotte Bach um ihr ereignisreiches Leben.

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