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Die Berliner Range. Hochzeitsvorbereitungen. Band IX.

Ernst Georgy: Die Berliner Range. Hochzeitsvorbereitungen. Band IX. - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Georgy
titleDie Berliner Range. Hochzeitsvorbereitungen. Band IX.
publisherVerlag von Rich. Bong
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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1. Kapitel. Die Freuden der Sommerzüge

Doktor Feller stand neben seiner Schwiegermutter, der Geheimrätin Bach, auf der Plattform des Berliner Anhalter Bahnhofes. – Um sie herum wogte eine treibende, hastende Menschenmenge. Und mitten in dem Schreien und Laufen gab es ab und zu einen freundlichen Rippenstoß von irgend einem aufgeregten Reisenden, – – einen heftigen Stoß von einem der »liebenswürdigen«, rücksichtslos durch die Massen jagenden Gepäckträger. – Hier und da hieß es »Vorsicht!« oder »Achtung.« Dann mußten beide schleunigst zur Seite springen, wenn sie nicht von einem dahinsausenden Gepäckwagen überfahren werden wollten. – »Zeitung gefällig? – – – – Reiselektüre?« so wandte sich ein Verkäufer an den jungen Arzt. Jedoch dieser hörte nicht darauf.

Sehr bleich, mit zusammengebissenen Zähnen, stand er da, den Hut in der rechten Hand. Er schaute dem sich langsam in Bewegung setzenden Zuge nach, bereit, seine Kopfbedeckung fröhlich als Abschiedsgruß zu schwenken. Jedoch an dem Coupéfenster, das er so sehnsüchtig fixierte, wurde kein menschliches Wesen sichtbar, das ihn interessierte. Denn die alte, weißhaarige Dame, welche sich suchend hinausbeugte, ging ihn absolut nichts an. – Der Zug fuhr immer schneller und schneller und brauste schließlich zur Halle hinaus. Dann wurde er kleiner und kleiner und entschwand endlich in der Ferne. –

Frau Bach und ihr jüngster Schwiegersohn blickten sich erblaßt und enttäuscht an. »Lotte ist wieder vom Bock gestoßen, es ist unerhört!« – sagte die Mutter alsdann ärgerlich. – »Sie hat nicht einmal mit dem Taschentuch geweht!« – – »Wir haben sie ein wenig brutalisiert. Sie hat Grund, mit uns zu zürnen!« – entgegnete er aufs tiefste verstimmt. – »Wir hätten die Sache anders einfädeln können, weniger gewaltsam!« – – Willi stand und stand, bis ihn die Geheimrätin leise berührte. »Na, komm nur, mein Junge! Ich kenne meine liebe Tochter doch noch besser! Ohne Gewalt hätten wir sie jetzt nie von Berlin fortbekommen! Sie war aber recht elend. Und es stehen ihr noch die ganzen Besorgungen, die aufregenden Tage bevor, da mußte sie ausspannen und in andere Luft kommen. Sonst wäre sie nach der Hochzeit zusammengeklappt!« – – Sie schritten langsam die Stufen hinab und aus dem Bahnhofsgebäude hinaus. »Nein, nein – widersprach er – es ist auch nicht recht von mir. Wir hätten uns so kurz vor der Hochzeit nicht mehr trennen dürfen! Es ist für sie eine unangenehme Überraschung und für mich eine mehr als harte Strafe! Ja, fast eine unerträgliche Entbehrung!« – – »Aha!« – – »Sie wird sich schon so nach mir sehnen, daß aus ihrer sogenannten Erholung auch nichts wird!« – – »Sieh doch an! Auf einmal?« –

Feller überhörte den Hohn, der in dieser Frage lag. »Mein armer, süßer Liebling!« – – »Sage mal, mein teurer Sohn, was machen denn andere Brautpaare, die nicht in einer Stadt wohnen und es doch aushalten müssen?« – – »Andere Paare gehen uns nichts an. Wir können nur von unserm besonderen Falle aus schließen!« – erwiderte er. Frau Geheimrat lachte hell auf. »Ihr seid doch genau so unvernünftig und befangen, wie alle Verliebten! Ihr, die Ihr Euch so als die Modernen, die Vernünftigen aufspielt! Ich glaube gar, Ihr bildet Euch ein, die Liebe erfunden zu haben!« – – »Oh nein, Mama! Aber – – – – – meine Lotte hat wie immer recht. Freiwillige Märtyrer wirken im Grunde lächerlich! Und wir haben uns eine solch freiwillige Märtyrerschaft auferlegt. Wenigstens ich that es! – – – – Ihr und mir! Ich halte es auch nicht aus!« – – »Willi!« – – Der Ruf verklang unbeachtet. »Lotte hält es auch nicht aus!« – – »Da kennst Du sie recht schlecht: Laß sie nur unter Menschen kommen!« – – »Ich kenne sie am besten, verehrte Mama!« – – »So, so?« – – »Und ich weiß, was ich thue!« – – »So? Darf ich fragen, welche Pläne Du hegst?« – – »Ich überrasche sie am Sonntag! Bestimmt!« – –

Frau Bach machte eine entrüstete Wendung und musterte ihn empört durch ihr Pincenez. »So? Da werde ich ein ganz energisches Veto einlegen, lieber Willi! Noch bin ich die Mutter, noch habe ich zu sagen! Und ich werde mir mein Recht ganz energisch wahren! Daraus wird nichts!! Ich erkläre es Dir hiermit feierlich, mein Sohn! Und ich appelliere an Deine Vernunft, an Deine Liebe zu meiner Tochter! – – – – – Lotte ist derart nervös und matt, daß sie Ruhe haben muß, absolute Ruhe! Jeder Brautstand ist anstrengend, und der Eure besonders. Euer ewiges Geplänkel und Deine für meinen Geschmack viel zu große Zärtlichkeit mußten endlich eine Unterbrechung haben. Lottes Reizbarkeit hätte Dir sonst eher Zitter- als Flitterwochen bereitet!« – – Er zuckte, ohne zu antworten, mit den Schultern. – – »Wo willst Du hin, Willi? Mußt Du in die Praxis?« – meinte die Schwiegermutter ablenkend. – – »Ja, Mama, ich will eine Patientin besuchen und dann schnell in die Klinik. Lotte ist böse, da muß ich ihr doch ein paar versöhnende Worte schreiben.« – »Selbstverständlich!« – – »Ich glaube, sie war am Weinen!« – – »Schon möglich bei ihrem derzeitigen Nervenzustand. Thränen erleichtern! In diesem Falle weniger den Abschiedsschmerz als die Abschiedswut. Laß sie sich nur gründlich ausheulen!« – – Doktor Feller machte ein beinahe zorniges Gesicht. »Ich verstehe Dich heute nicht recht, meine liebe Mama! – – – – Ein Mädchen, das so selten weint – – – – das sich eher die Lippen zerbeißt, als seinen Schmerz zu zeigen – – – – Ich denke, bei der sollten wir die Thränen ernster nehmen!« – –

Sie standen an der Straßenbahn-Haltestelle. »Ich danke Dir für Deine Belehrung, lieber Willi! Ihr Verlobten seid gute Psychologen. Doch jetzt überlasse ich Dich Deinen Betrachtungen über meine Lotte und ziehe es vor, in die Markthalle zu fahren. Um halb drei Uhr erwarte ich Dich zum Mittagessen.« – – »Wenn Du gestattest, liebe – – – –« – – »Ich gestatte, und auf Wiedersehen, Willi!« – Er half ihr in den Wagen und schritt, in schwere Gedanken versunken, seines Weges. Plötzlich hielt er vor dem Telegraphenamte am Potsdamer Platze an. Ein Leuchten ging über sein schönes Gesicht. Rasch eilte er hinein, warf ein paar Worte aufs Papier und reichte es dem Beamten am Schalter. Dieser zählte die Worte, lächelte etwas ironisch und musterte mit einem schnellen Blicke den Absender der Depesche. Zum Glücke blieb sein Antlitz gerade dabei unbewegt, denn der Arzt beobachtete ihn recht gereizt. Beim Hinausgehen kam Willis urinnerlicher Furor teutonicus doch zum Vorschein. »Schade! – erwog er nämlich bei sich. – Wenn der Knabe noch einmal so niederträchtig gegrinst haben würde, wäre ich mit einem Donnerwetter dazwischen gefahren. Ich bin so recht in der Stimmung!« –

Dann warf er sich in einen Taxameter und wunderte sich, wie häßlich und dunkel ihm plötzlich das schöne, sonnige Berlin erschien. Und wie leer, wie arm ohne sein frisches, lachendes Lieb mit den roten Wangen, den übermütigen Blauaugen und den beständig übersprudelnden, kirschroten Lippen. Er pfiff dann vor sich hin und seufzte: »Das ist ja nicht zum Aushalten in diesem Glutkasten!« – –

Fräulein Lotte Bach, die so gewaltsam auf Reisen Geschickte, stand, so lange der Zug noch in Berlin auf der Station hielt, am Fenster. Sie starrte in einen daneben haltenden Zug, zerrte an ihrem unschuldigen Taschentuche und zerbiß sich die Lippen. Und doch half es nichts! Die Thränen rollten an ihrer festen, kleinen Nase hinab! Und ab und zu erschütterte sie ein kurzes, mühsam beherrschtes Schluchzen. ›So eine Frechheit, sie so gegen ihren Willen fortzusenden! So eine Überrumplung von ihm und der Mutter! Er liebte sie wohl doch nicht so toll, wenn er sich jetzt so leicht, so lachend von ihr trennte! Der Barbar!‹ [Schade, daß sie so eigensinnig in ihrer Stellung verharrte. Ein Blick aus dem andern Fenster auf den zurückbleibenden Bräutigam hätte sie gleich eines Besseren belehrt!] – Am gewaltigsten kränkte unsern Trotzkopf ja, daß sie diesmal so garnicht mit ihrem Willen durchgedrungen war. Sie, Lotte, hatte nachgeben müssen! – Sie stampfte mit dem Fuße auf. – Jetzt schon, vor der Hochzeit, wie sollte das erst später werden? Würde er sie etwa immer so tyrannisieren? – – – – – – – – Oh, sie wollte ihm schon zeigen, was 'ne Sache ist! Gott sei Dank, es ging fort! Der Zug rückte an.

Brennend gern hätte sie sein und der Mutter geliebtes Antlitz noch einmal gesehen. Was er wohl für ein Gesicht machte? Ob er lachte? Ob er ernst aussah? – Gerade heute, wo er sie so energisch behandelt hatte, war er ihr so schön erschienen! Ob er seinen beau jour hatte? Ach Willi! – Schon drehte sie sich ein wenig um, – – – – – da stand die alte Dame ganz breit vor dem Fenster. Das war ein Fingerzeig! Schwapp, wandte sie sich in ihren Schmollwinkel zurück! – – Komischer Kauz schien der alte Herr! Wie der die Zeitung verschlang, dazu blieb doch noch genug Gelegenheit, später – – – – – Wie der Zug raste, so eilig war es doch wahrhaftig nicht! Und der Willi wurde immer mehr von ihr getrennt, der arme Kerl würde sich so nach ihr bangen! – – – – – – Der hält es ja vor Sehnsucht gar nicht mehr aus!!

Laut aufschluchzend sank Lotte mit der ganzen Vehemenz ihrer Schwere in die durchglühten Kissen, aus denen sofort eine beträchtliche Staubwolke emporstieg. »Vorsicht, um Himmelswillen, das ist ja nicht zu ertragen! Solch eine Staubentwickelung muß man doch vermeiden!« – murrte der Reisegefährte. Die Dame hüstelte und hielt hastig ein Tuch vor den Mund. Aber wie schnuppe war das Lotte Bach. Sie schluchzte leiser vor sich hin, bis die Worte an ihr Ohr drangen: »Unglaubliche Sentimentalität, siehst Du, John, darum verlacht man uns drüben ja! Dieses Schwelgen in Gefühlen bei den geringsten Anlässen! Wenn es noch eine Chinareise wäre, well, aber Thüringen?« – – Was, sie und Gefühlsdusel, die Alte war wohl nicht ganz richtig? Was berechtigte sie überhaupt zu dieser Kritik? Ein letztes, energisches Schlucken, und Lotte richtete sich kampfbereit auf. Sie zog ein reines Taschentuch hervor, hauchte es an und preßte es dann gegen die Augen, um die Thränenspuren zu vertilgen. Zornig blickte sie zu den Fremden hin. Natürlich! Die Dame blickte sie spöttisch an. – Bah! P! – Sie hielt dem mit schnippischem Gesicht stand. Darauf ergriff sie die Stöße von Witzblättern und Novellenbänden, die ihr Willi gekauft hatte und versuchte zu lesen. Jedoch es ging nicht. Ihre Nerven waren noch zu erregt, und ihre Aufmerksamkeit zu abgelenkt! – Ihre beiden Reisegenossen unterhielten sich nun englisch, wohl in dem kühnen Glauben, dann nicht verstanden zu werden. Dazu sprachen sie noch das echte deutsch-amerikanische Englisch, welches so viele Ausgewanderte allmählich annehmen. In diesem Falle verleugnete sich der ostpreußische Heimatsdialekt durchaus nicht. Über die ›Lustigen Blätter‹ fort, lauschte Fräulein Bach. Natürlich, diese Leute! Da fanden sie Berlin unglaublich gewachsen und verschönert. Aber hier leben, in den »kleinlichen, engen, deutschen Verhältnissen«, das konnten und wollten sie nicht mehr! Als ob da drüben in Amerika ein Paradies sei? Lotte hatte genug davon gehört! Sie ärgerte sich und dachte sich ihr Teil über die berühmte, deutsche Anpassungsfähigkeit! –

Der Zug ging jetzt in scharfem Tempo. Dadurch entstand ein angenehmes Lüftchen, welches den Aufenthalt in dem heißen Coupé erträglicher machte. Draußen brannte nämlich schon die Sonne, als ob die Erde gar gekocht werden sollte. Sie wandte ihr erhitztes Gesicht dem offenen Fenster zu und ließ sich die kühle Luft über das Antlitz wehen. In diesem Moment hustete die Mitreisende ganz bedenklich. »John, bitte die Dame, das Fenster zu schließen. Ich werde mich in dem Zugwind sonst erkälten!« – sagte sie danach. Der Gatte erhob sich gehorsam. »Bitte! Das andere Fenster kann ja geschlossen werden!« – sagte Lotte ärgerlich über diese Chikane. Der Zug kommt von jener Seite! Ich habe das Recht, auf meiner Forderung zu bestehen!« – meinte die Fremde in höherem Tonfall. » Well, John, warum thust Du nicht, was ich gesagt?« – – »Bitte, schließen Sie dort, dann ist kein Gegenzug!« – rief das junge Mädchen energisch.

»Ich kann das Reisen schlecht vertragen und werde krank, wenn ich nicht frische Luft habe!« – erklärte die Fremde jetzt. Und Lotte, mitleidig und ängstlich, daß die Krankheit wirklich eintreten könnte, gab nach. Mister John schloß das Fenster. Lotte versuchte zu lesen; aber ihre Gedanken gingen über die Druckseiten fort nach Berlin zurück. Um Langeweile und Seelenschmerz zu überwinden, zog sie ihre Handtasche aus dem Netz und nahm die mitgenommenen Eßwaren vor. Besonders die große Bonbonniere ihres Bräutigams mußte ihr über das Trennungsweh forthelfen. In etwas besserer Stimmung knabberte sie an den leckeren Sachen, und ein Praliné nach dem andern verschwand in ihrem Munde. »Himmel!« – sagte die alte Dame jetzt englisch – »Ich kann das nicht mit ansehen! Das junge Mädchen ißt pfundweise Konfekt. Mir wird ganz schlecht, bitte gieb mir den Baldrian!«

»Nun hört aber doch die Weltgeschichte auf! – sagte sich Lotte – Nun esse ich erst recht« – Die Hitze stieg und wurde nicht angenehmer durch den scharfen Geruch, den das Medikament hervorbrachte. – Plötzlich widerstand unserer Reisenden die Süßigkeit. Sie hörte von selbst mit Essen auf und ergriff den Bleistift, mit dem sie hastig die mitgenommenen Postkarten, drei an der Zahl, beschrieb. Dann blendete die liebe Sonne derart, daß sie die Vorhänge schließen mußte. Und das Halbdunkel in der Schwüle war ihren empfindlichen Nerven noch unangenehmer. Ihr Kopf begann sie heftig zu schmerzen. – In einer richtigen Aufwallung legte sie ihr Handgepäck bereit. Bei der ersten Station mußte sie umsteigen, koste es, was es wolle! – In diesem Augenblick schüttelte der Zug ganz tüchtig, es gab einige heftige Stöße und um Frau »Johns« Gesundheit war es geschehen. Ein Paar fürchterliche Würgetöne. Die Krankheit war da! Der aufmerksame Gatte unterstützte die seekranke Dame mit einer Sachkenntnis, die auf Übung schließen ließ. –

Lotte stopfte, selbst elend, ihr Taschentuch in den Mund und bot ihre ganze Willenskraft auf, um nicht dem gleichen Unheil zu verfallen. Sie starrte jetzt, unbekümmert um den blendenden Sonnenschein, auf die vorbeisausende Landschaft. – Endlich, endlich hielt der Zug. Jedoch nur eine Minute! – Zum Glück riß ein Schaffner die Wagenthür auf. Lotte stürzte hinaus, an der noch immer Kranken vorbei. Sie trat Mister John auf den Fuß, den er mit einem winselnden »Au!« zurückzog. Sie stieß seine Gattin erst mit dem Hutkoffer gegen den Kopf, dann mit den Schirmen in die Seite. Sie hörte ein empörtes Ächzen! – – – – Alles war ihr gleich, nur hinaus! – – Mit einem Sprung erklimmte sie das Nebencoupé. Aber ach! Auf allen Vieren langte sie darin an. Mit kühnem Schwunge fielen Bücher, Zeitungen und »Freßkober« über sie hinweg und wieder auf den Kies hinaus.

»Hopsa, meine Gnädige, kaum hinein und schon auf den Knieen vor meinem schönen Schwager? Ei, ei!« – hörte Lotte eine gemütliche Stimme lachend sagen. Dann fühlte sie sich emporgehoben und auf einen Platz gedrückt. Ein Herr sprang hinaus, sammelte unter dem Schelten des Bahnbeamten ihre Sachen und kam noch glücklich hinein, als es schon weiterging. Die Andern mußten erst den eingeklemmten Rock aus der zugeschlagenen Thür befreien. »Vor welchem Teufel sind Sie denn so schnell entflohen?« – fragte der erste Sprecher das erhitzte, verlegene junge Mädchen. Sie mußte erst Luft schöpfen, dann sah sie sich um. – Wohin war sie geraten? Fünf Herren saßen in dem Abteil, das von dichtem Tabaksqualm erfüllt war. Drei von ihnen hatten einen Handkoffer geschickt als Tisch in die Mitte, zwischen die Bänke gestellt und »kloppten einen kleinen Skat«. Neben ihnen zeigten leere Biergläser schon einen ganz anständigen Verbrauch des edlen Nasses. Einer der Herren hatte eine Zeitung neben sich liegen. Das war der sehr starke, gutmütig dreinschauende Frager. Er musterte Lotte behaglich und wischte dabei von Zeit zu Zeit die immer neu aufsteigenden Perlen von der Stirn und den feisten Wangen. Der letzte war ihr Nachbar, der ihre Sachen geholt hatte und sie jetzt in den Netzen unterbrachte. – Alle blickten die Eingedrungene fragend an. – Sie war sehr erhitzt und glühte. Das ganze Coupé drehte sich vor ihren Augen, der scharfe Rauch jetzt, der Baldrianduft von vorher, die Glut, alles kam zusammen, um ihr Befinden zu verschlechtern. Trotzdem nahm sie sich zusammen und zwang sich zur Antwort: »Eine Dame nebenan war seekrank und brauchte Baldrian, das hielt ich nicht mehr aus!« – – Die Reisenden lachten. »Das glaube ich, muß ja eine scheußliche Situation gewesen sein! Das ist recht, daß Sie sich zu uns flüchteten. Wir sind alle see- und coupéfest, nicht wahr?« – – Die Gefragten bejahten das sehr vergnügt. Die Skatspieler nahmen die unterbrochene Partie wieder auf und kümmerten sich nicht um Lotte, die nun den beiden unbeschäftigten Herren zum Opfer fiel. – Immer wieder mußte sie Antwort stehen und sich beherrschen. Dabei wurde ihr durch den Rauch immer schlechter. Sie nahm die Eau de Cologne-Flasche aus der Handtasche und rieb Stirn und Schläfen ein. »Ihnen ist wohl auch nicht gut, meine Gnädige?« – – »Um Gotteswillen! Man hier keine Seekrankheit, das fehlte noch!« – brummte einer der Spieler recht hörbar und wandte sich noch mehr ab. – – »Oh danke, nur ein wenig Migräne!« erwiderte Lotte. – – »Und da sind Sie hier noch ins Rauchcoupé geraten, Sie Ärmste!« – bedauerte der Dicke. »Ja, weiß der Himmel, das ist Pech!« – bestätigte sein Schwager mitleidig.

Jedoch keinem der Herren fiel es auch nur ein, mit dem Rauchen aufzuhören. Sie pafften alle ruhig weiter! – – Ja, so etwas kommt auch unter Deutschen vor! Kaum glaublich, aber wahr! – –

»Wenn der Zug etwas länger hält, steige ich um! Würden Sie auch dann so liebenswürdig sein und mir helfen?« – meinte Lotte. – – »Aber, mein Fräulein, mit tausend Freuden, wenn ich auch bedaure, eine so liebenswürdige Gefährtin zu verlieren!« – – Die »liebenswürdige Gefährtin« lächelte schwach. Durstig, wie sie war, nahm sie ihre beiden Reiseflaschen vor. Aber ach, die »dicke Wonne« hat ihr Kognak und Rotwein mitgegeben, und beides widerstand ihr. – »Na, meine Gnädige, wie steht es mit etwas Bier? Der schäbige Rest; aber ein Schuft giebt mehr als er kann!« – – »Danke vielmals; aber ich möchte gerade Bier nicht wagen!« – – »Auf der nächsten Station sorge ich für Selter oder Limonade!« – versprach ihr Nachbar. »Ach ja, bitte! Ich wäre Ihnen sehr dankbar!« –

Die Station kam. Der sehr lange Zug fuhr in die Halle; aber nur die vorderen Wagen konnten hinein. Der Rest hielt im Freien. Und der unkluge Bahnhofsrestaurateur hatte nur vorn Verkäufer von Bier und Eßwaren aufgestellt. So sehr die Herren der hinteren Abteile auch schrieen und schalten, sie erhielten nichts. Das gleiche Mißgeschick wiederholte sich auf mehreren kleinen Stationen. Erst nach einer reichlichen Stunde erhielt Fräulein Bach ihr Selter, das allerdings so kalt war, daß sie es erst ein wenig erwärmen mußte. –

Endlich hatten sie einen etwas längeren Aufenthalt. Lottes beide gutmütige Helfer beförderten sie mit Stoßen, Drängen, Ach und Krach in ein Frauencoupé. Zwei scharfe Stimmen riefen zwar »Besetzt!« – »Hier ist alles voll!« – – Jedoch der dicke Herr erklärte unbekümmert: »Ih was, den Mumpitz kennen wir auch, wir sind nicht aus Dummsdorf. Für die Dame muß Platz geschaffen werden!!« – Damit belegte er energisch einen Sitz. »Adieu, gnädiges Fräulein, angenehmere Weiterfahrt!« Lotte bedankte sich. Dann hielt sie Umschau. – Heute sinke ich immer tiefer! – – konstatierte sie heimlich und seufzte. – Nur finstere Gesichter und feindliche Blicke von seiten zweier Damen. Nur erstaunt aufgerissene, nicht gerade ermutigende Augen bei der großen Kinderschar. Und eine Mischung von Gerüchen in dem staubigen, überfüllten Coupé, die fürchterlich war. Milch, Windeln, verwelkende Blumen, Eier: kurz alles Mögliche und Unmögliche immer durcheinander! – Auf der einen Seite die Fenster ganz verdunkelt, denn auf dem Eckplatz in den Polstern war ein Lager für ein schlummerndes Baby bereitet. Da, wo sie saß, sollte augenscheinlich eben ein zweijähriger kleiner Mensch niedergelegt werden. Die Mama hatte schon Tücher und Kissen im Arme und sagte jetzt ärgerlich: »Wenn Wernerchen nicht schläft, dann gnaut er den ganzen Tag, und die Großeltern bekommen einen ganz falschen Eindruck von ihm! Tz! Dabei hatte ich dem Schaffner eine Mark gegeben!« – »Ich kann ihn ja auf den Schoß nehmen, gnädige Frau! Vielleicht schläft er bei mir?« – bemerkte die gequälte Bonne. – »Meine Kinder schlafen nur im Liegen gut. Aber versuchen Sie es. Nur müssen Sie recht still sitzen, sonst wird der Kleine nur nervöser!«

Das geduldige Unglückswurm von Kinderfräulein lud sich, trotz der Glut, den kleinen Mann auf und saß unbeweglich. Er dagegen war noch recht munter, denn bald zupfte er sie an den Haaren, bald spielte er mit ihrem Gürtel oder Uhrkettchen. Und als sie es ihm wehrte, brach er in ein lautes Weinen aus.

Mehrere Stunden mußte Fräulein Bach die Hitze und den Lärm ertragen.

Als eine große Station kam, auf der ein längerer Aufenthalt war, da verließ Lotte die vornehmere zweite Wagenklasse. Sie begab sich in die dritte. Und siehe, das kühlere Holz an Stelle der erhitzten staubigen Polster war ihr zum Sitzen viel angenehmer! – Auch die Mitreisenden erwiesen sich als sympathischer und liebenswürdiger. Man plauderte recht gemütlich miteinander. Der Rest der Fahrt wurde viel erträglicher, bis auf das entsetzliche Schaukeln des Zuges. Das holperte von rechts nach links, schüttelte und stuckerte ununterbrochen, so daß die Fahrgäste hübsch durcheinander und aneinander flogen. Eine weitgereiste Dame versicherte, daß sie auf ihren Seereisen viele Überfahrten über den Ärmelkanal gehabt hätte, die ruhiger und glatter von statten gegangen wären, als diese Landreise. –

Gemeinsames Schimpfen über etwas Unangenehmes erleichtert stets und vertreibt die Zeit. Der wunderbare Tannenduft der entzückenden Thüringer Ländchen drang durch die offenen Fenster und brachte bessere Luft in das Coupé. – Allgemach linderte sich Lottes Kopfschmerz und ihre Erregung. Sie beteiligte sich an dem Gespräche und freute sich, daß das Ende ihrer Fahrt herannahte. Ha, wie wollte sie es dem bösen Willi geben! Er sollte es erleben, daß sie sich im Kreise der Geschwister verhätscheln ließ und sich nicht nach ihm bangte! Nun gerade wollte sie sich amüsieren – – – –! – Trotzdem sie plauderte, bedachte sie dies alles und faßte ihre Vorsätze.

Schneller als sie gedacht, war sie am Ziel. Die Verwandten empfingen sie jubelnd, die Jungen sprangen an ihr in die Höhe. Ehe sie zur Besinnung kam, saß sie im Hôtelomnibus. »Range, Du gefällst mir aber garnicht! Wie siehst Du denn aus? Na, warte, Du wirst ordentlich Licht- und Sonnenbäder genießen und Luft schnappen müssen! Ich werde Dich in die Kur nehmen!« – erklärte der Amtsgerichtsrat Neuwald. – – »Fang Du nicht auch noch an! Ich hatte ein bischen Migräne, voilà tout!« – sagte sie gereizt. »Ja, die Mama hat uns schon das Nähere geschrieben. – – »Das kann ich mir denken; aber das erkläre ich Euch jetzt schon. Ich brauche ein bißchen gute Luft und Ruhe, sonst nichts! Das Gedoktere hört auf!« – – »Tante Lotte mault!« – rief der jüngste Neffe frech. Sie lachte und drohte ihm. »Nehmt Euch in Acht, Schlingel, und reizt mich nicht! Ich bin jetzt nervös, und da sind meine Handgelenke recht lose!« – sagte sie. – – »Bange machen gilt nicht, erst mußte uns haben, dann kannste uns hauen! Ehe Du dicke Lotte aber anwackelst, sind wir längst davon!« – rief der Junge. Sie lachte entzückt! »Es ist zu gelungen, wie der Bengel nach mir schlachtet! Das ist Euch recht, daß Ihr Mustermenschen solche Ruppsäcke zu Söhnen habt! Das kann nur Euch passieren!« – – »Abwarten, abwarten! Nur nicht zu stolz! Wir werden ja einst Deine Erziehungsresultate bewundern können!« – – »Na ob und wie! Ihr werdet staunen!« – – »Wie geht es übrigens Willi, war der Abschied schwer, kleine Schwägerin?« – – Lotte wurde blaß: »Es muß ihm doch wohl recht leicht geworden sein, sonst hätte er diese Schnödigkeit nicht begangen! Laßt mich mit Willi in Ruhe! Beinah hasse ich ihn!« – – »So? – sagte Neuwald trocken und neckend. – Dann brauche ich Dir das Telegramm auch nicht zu geben, welches für Dich, vermutlich von ihm, eingetroffen ist!« – Lotte fuhr auf. »Eine Depesche von Willi? Gieb her, schnell, bitte, bitte!« – – »Wenn Du ihn haßt, dann – – – –« – – »Schöps, ich sagte doch ›beinah‹!« – – »Gleichviel, es ist nicht nötig!«

Lotte war aber doch noch zu nervös. Sie weinte fast, als sie mit dem Fuße aufstampfte: »Gieb doch her, und foltere mich nicht!« – – »Erst nimm Deine Erklärung von vorhin zurück. Sage sofort, daß Du ihn liebst und bitte ihn in Gedanken wegen Deiner Injurie um Verzeihung!« – – »Gieb es ihr doch!« – überredete seine Gattin. »Nein, erst muß sie eine Strafe haben! Ich kenne doch Willi und weiß, was diese Trennung für ihn bedeutet! Darum ärgert mich ihr undankbarer Unverstand!« – – Lotte zappelte vor Neugier. Ihre Pulse klopften. »Ja doch – rief sie ungeduldig – ich gebe nach. Ihr Herren der Schöpfung habt immer recht! Und mein liebster Herzallerliebster erst recht!« – – »So, behalte Dir diese richtige Einsicht für die nächsten sechzig Jahre, und handle stets danach!« – Neuwald lachte und reichte ihr das erste Lebenszeichen des Bräutigams. Sie riß das Papier auseinander. Ihre Wangen färbten sich dunkelrot, ihr Herz pochte stürmisch, als sie die Zeilen überflog.

»Voll tiefster Sehnsucht grüße ich mein Herzenslieb und wünsche, daß es sich recht, recht bald derart erholt, daß von dieser fürchterlichen, unerträglichen Einsamkeit erlöst wird der treueste Getreue – Willi.«

Am liebsten hätte die junge Braut die Depesche geküßt. Ihre ganze Liebe wurde wach. Oh hätte sie Flügel gehabt! –

»Er muß Dich doch sehr lieb haben, sonst hätte er nicht soviel Geld an eine Sache gewandt, die mit einer Fünf-Pfennig-Karte auch abgethan worden wäre! Wie kann man so das Geld zum Fenster hinauswerfen und so ausführlich telegraphieren?!« – neckte Neuwald. »Ja, kürzer wäre es auch gegangen!« – stimmte sein Frauchen bei. – – Lotte machte ein seliges Gesicht, dann schob sie die Unterlippe vor und stieß ihr altes »P!« aus. Sie dachte sich ihr Teil und lächelte vor sich hin. Er bangte sich, bangte sich wie sie! Und sie gönnte es ihm! Sie freute sich, daß er ebenso unter der Trennung litt wie sie! – – Eine halbe Stunde später stand sie bereits vor dem Postschalter und reichte mit grausamem Lächeln ein Depeschenformular hinein. Darauf stand: »Bin selig mit Geschwistern, fidel im schönen Thüringen, freue mich der Ruhe. Trotzdem denkt in Liebe Dein – Lotte.« So! – dachte sie erleichtert – das ist Zuckerbrot und Peitsche als Strafe für die Verbannung! Daran knabbert er bis morgen früh, wo er durch meinen Brief getröstet wird! –

Der Racker steckte gleichzeitig einen kurzen, aber recht zärtlichen Brief an Herrn Doktor Feller in den Kasten.

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