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Die Belowsche Ecke

Georg Hirschfeld: Die Belowsche Ecke - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Belowsche Ecke
authorGeorg Hirschfeld
year1914
firstpub1914
publisherUllstein & Co.
addressBerlin-Wien
titleDie Belowsche Ecke
pages443
created20121206
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel

Der heimgekehrte Rudolf verlebte inzwischen nicht minder merkwürdige Stunden. Wechsler und Fork traf er nicht an und hinterließ ihnen Karten mit einem Abend-Rendezvous im Hotel. Er empfand ein köstliches Vergnügen bei dem Gedanken, wie verdutzt die beiden Bummelgenossen durch sein plötzliches Auftauchen sein würden. Den einige Jahre älteren Wechsler hatte Rudolf noch als Referendar gekannt, während Fork als rauflustiger und kneipfester Student der Charlottenburger Hochschule noch nichts von dem künftigen Glanz des Bayerischen Viertels geahnt. Nun waren sie alle drei etwas geworden, so wenig Vertrauen die Philister ihnen auch entgegengebracht hatten. Ein Zusammentreffen konnte jetzt von merkwürdiger Bedeutung sein.

Die anderen Besuche, die Rudolf sich vorgenommen, gab er für heute auf. Es war ein schöner, klarer Herbstabend, die Sonne schien ausnahmsweise ein bißchen länger bleiben zu wollen und reizte den Heimgekehrten, eine neue Wanderung durch Berlin 129 zu unternehmen. Er hatte mit aufrichtiger Bewunderung Aschers Warenhaus in der Friedrich- und Leipziger Straße besichtigt – nun fuhr er vom Potsdamer Platz mit der Untergrundbahn nach der Tauentzienstraße. Der Tiergarten und der alte Westen reizten ihn nicht, auch das Zentrum der Kaufmannschaft und die Riesendistrikte des Proletariats ließ er für später. An diesem ersten Abend umspielte seine erregte Phantasie nur, was neu war und aus der Forderung des Tages entsprungen. Das voraussetzungslose Berlin grüßte er, selbst ein Voraussetzungsloser. Er fühlte stürmische Dankbarkeit, daß die Stadt seiner Geburt ihm diesen unbedingten Eindruck schenkte. Ihm war, als hätte sie sich seit seiner Flucht wie eine treue Braut entwickelt, genau so, wie er sie vorfinden wollte. In Rudolf herrschte der Haß gegen den Hochmut jeder Tradition. Er hatte bis ins letzte erfahren, wie vergänglich die Dinge dieser Welt waren, aber er wußte auch, wie krampfhaft jeder Lebendige sich an ihre Erneuerung klammern mußte. Erneuerung! Dieses Wort stand in flammenden Buchstaben vor Rudolfs Seele. Das Tempo, der Daseinswille, die Genußfähigkeit Berlins, wie er es wiedersah, gab seiner eigenen Entwicklung recht, und mit Rührung gedachte er des unglücklichen, zerfahrenen Jungen, der er einst gewesen, und der Stadt, wie sie in den ersten Zuckungen der Befreiung gelegen hatte. Jetzt schien sie völlig Farbe zu bekennen. Die Zwecklosigkeit des Veralteten leuchtete 130 als Grundgesetz an ihrem dunstigen Firmament. Herr war hier der Verkehr, und Diener dieses Herrn wurde jeder, der entschlossen war. Wo Rudolf sich aus seiner Kindheit an niedrige Patrizierhäuser erinnerte, die sich wie Faulenzer gerekelt hatten, standen jetzt fertige Industriepaläste oder werdende hinter riesigen Gerüsten. Belowsche Ecken gab es nicht mehr – ein Kranzler, ein Josty wirkten wie historische Sehenswürdigkeiten und erwiesen auf solche Weise ihren Wert. Nicht anders konnte Rudolf Below irgend etwas ›Historisches‹ ansehen. Er fragte nur nach dem Geldwert, den es für Lebende, den Tag Beherrschende hatte. Berlin schien auch nur so zu fragen, und der große, lärmvolle Markt gab ihm das einzige Heimatgefühl, das er haben konnte. Nieder mit allem Unbrauchbaren, flüsterte es in Rudolf. Skepsis und Kraft vermählt zu einem neuen Glauben. Er starrte in die bunten, aufzuckenden, rollenden oder vorüberziehenden Lichtreklamen. Er atmete den Benzingeruch der Automobile und sah den eleganten Frauen nach, als ob jede zu kaufen wäre, wenn nur der Rechte kam. Plötzlich mußte Rudolf an seine Schwester Erna denken. Sie, die er vor allen Menschen auf der Welt liebte, die ihm mehr war als Martha und ihr Kind, sie hätte er jetzt neben sich haben mögen. Sie hatte mit ihm über die Sünden gelacht, die man ihnen in der Heimat vorgeworfen – nun hätte sie mit ihm zusammen ihre Rechtfertigung genossen. Erna besaß die 131 Lebenskraft, die Rudolf mehr über, als in sich fühlte. Sie war das Weib, wie er es liebte, aber sie war seine Schwester. An Martha band ihn die Pflicht der Not und der Arbeit. Er hatte in Wahrheit niemals Zeit gefunden, um der tapferen Gefährtin untreu zu werden. Nun aber war er in Europa. In Paris und London hatte ihn noch die Freude am gemeinsamen Kennenlernen vieler Wunderdinge beherrscht. In Berlin lockerte sich das harte, atemraubende Band. Er dachte an Martha nicht mehr mit Liebe, sondern nur noch mit Achtung. Er sah hier Tausende von Kindern, die besseres Blut hatten als sein Fred.

Vom Bahnhof Zoologischer Garten fuhr Rudolf mit der Stadtbahn zur Friedrichstraße zurück. Er eilte nach den Linden, aber sein Hotel betrat er noch nicht. Erst hielt es ihn noch auf der rechten Seite fest, und er wanderte wie ein Fremder immer wieder an seinem Vaterhause vorüber. Eigentlich mußte er über diese sentimentale Fensterpromenade lachen. Aber sein unbestimmtes Ueberlegen strebte zu einem großen Ziel. Phantastisch beleuchtet unter dem brandigen Nachthimmel und von der bleichen Bogenlampe stand die Belowsche Ecke vor ihm. Ein feiner, zweistöckiger Bau aus der Schinkelzeit. Ein niedriges Parterre, in dessen Fenster man bequem von der Straße mit der Hand reichen konnte. Ueber dem alten, braunen Haustor, das eine Messingklinke Anno 1830 trug, das ehrwürdige Hoflieferantenwappen aus verstaubter Bronze. Phantastisch und 132 doch real war das Haus, eine große Möglichkeit in der stolzen Triumphstraße Berlins. Rudolf wollte es nur noch abends sehen. Am Tage glich es einem kleinen, mißtrauischen Beamten. Einst war Rudolf nur an einem Schlüssel gelegen, der ihn hinaus und wieder hineinschlüpfen ließ. Jetzt tat ihm ein anderer Schlüssel not, der zu Schätzen führte, schlummernden Herrlichkeiten. Sie riefen ihn. So ging er immer wieder vor seinem Elternhause auf und ab und blieb an der Tür stehen. Mehrmals sah er zu dem Hoflieferantenwappen hinauf und zuckte lächelnd die Achseln.

Plötzlich bemerkte er, daß jemand neben ihm stand und ihn beobachtete. Es war ein Mann im Alter seines Vaters. Erst nach einiger Ueberlegung erkannte ihn Rudolf – Berthold Ascher stand neben ihm. Er war alt geworden, aber man sah ihm die Macht seines Sieges an. Rudolf grüßte ihn tief wie einen vorbildlichen Meister. Dann sagte er: »Sie sind ja gar nicht überrascht, Herr Kommerzienrat, daß Sie mich plötzlich vor dem Hause meiner Eltern treffen?«

»Ich wußte schon, daß Sie hier sind.«

»Ich bin heute erst angekommen. Ist Berlin eine so kleine Stadt?«

»Das gewiß nicht. Aber ich habe Bekannte im Hotel Bristol. Ich wollte eben zum Abendschoppen in die Belowsche Ecke, und da treff' ich Sie vor der Tür. Kommen Sie vielleicht mit?«

133 »O, nein!«

»Sie sind noch immer nicht für Stammtische?«

»Gott bewahr' mich!«

»Na, ich habe das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden. Die Modelokale genieren mich.«

»Ja, Sie stehen schon über den Dingen, Herr Kommerzienrat. Ich war vorhin in Ihrem Warenhaus –«

»In welchem? Ich habe fünf in Berlin.«

»Ecke Friedrich- und Leipziger Straße. Das ist wirklich fabelhaft.«

»Freut mich zu hören. Ihr Urteil ist mir interessant. Reizt Sie nun so was nicht, lieber Rudi?«

»Es schnürt mir die Kehle zu, Herr Kommerzienrat.«

»Kommen Sie. Ich darf Sie doch Rudi nennen, nicht wahr? Was sind denn ein Dutzend Jahre? Kommen Sie. Wir wandern ein bißchen.«

Ascher faßte ihn unter. Sie gingen auf und ab. Die vertrauliche Nähe des mächtigen Mannes durchschauerte Rudolf. Er zweifelte zwar an Aschers Aufrichtigkeit, aber seine Freundlichkeit tat ihm wohl.

»Was dachten Sie sich eigentlich, als Sie vor dem Hause Ihres Vaters standen und den Kopf schüttelten?«

»Das ist schwer zu sagen, Herr Kommerzienrat. Glauben Sie, daß ich jemals Nachfolger meines Vaters werden kann?«

134 »Ich bin überzeugt, daß Ihr Vater damit rechnet.«

»Wirklich – – –? Heute vormittag – als ich ihn wiedersah – da hatte ich auch das Gefühl. Er kam mir so müde und hilfsbedürftig vor. Wirklich total verändert. Das ist der traurige Zustand meiner Mutter. Sie war ja die Seele des Geschäfts.«

»Nun müssen Sie die Seele werden.«

»Ich? . . .«

»Ihr Vater hat sich doch mit Ihnen versöhnt?«

Rudolf antwortete nicht und sah Ascher von der Seite an. Er hatte die letzten Worte in seiner immer gleichmäßigen, behutsamen Art gesprochen. Es war eine Art, hinter der es von Widersprüchen zuckte. Aschers resignierte Schlichtheit wies immer von sich, was sie eisern umklammert hielt. Rudolf sah vor sich hin, während er antwortete: »Ich befinde mich in einer außerordentlich schwierigen Lage. Mein Vater tut mir leid, und ich weiß auch zu schätzen, welche Firma ich weiterführen könnte. Aber –«

»Aber?«

»Nun, Sie können sich vorstellen, Herr Kommerzienrat, daß ich mich nicht für meine weitere Lebenszeit verpflichten kann, Stammtischgespräche zu führen und eine Restaurationsküche zu kommandieren. Namentlich, wenn ich kein Haus am Grünen Weg oder am Kottbuser Tor besitze, sondern Unter den Linden. Was ich übernehme, muß mir entsprechen. Ich habe schon einen Wolkenkratzer geleitet.«

135 »Nun, Sie könnten ja was ›Entsprechendes‹ aus der Belowschen Ecke machen?«

»So, wie sie da steht?«

»Darüber müssen Sie sich mit Ihrem Vater unterhalten.«

Ascher brach plötzlich ab. Sie waren im Umherwandern wieder vor die Haustür gelangt. Sie verabschiedeten sich. Lauernd blickte Ascher dem jungen Below nach, seiner schlanken, sehnigen Gestalt, die rasch über den Damm schritt. So sah keiner seiner Söhne aus. Rudolf war mehr und auch weniger. Mit eigentümlichem Lächeln trat Berthold Ascher in das rauchdunstige Stammtischzimmer und verschwieg dem Wirt die Begegnung, die er soeben gehabt hatte. –

Rudolf fuhr inzwischen im Lift zu seiner Familie hinauf. Er scherzte noch mit dem kleinen Fred, der schon im Bett lag, und gab Martha zu verstehen, daß er ohne sie soupieren wolle. Er erwarte Wechsler und Fork. Martha war an solche Verabredungen gewöhnt und fügte sich auch heute ohne Groll. Sie war von dem angreifenden Besuch bei ihrem Vater ohnehin ermüdet. So sah sie mit gutmütigem Lächeln zu, wie Rudolf sich umkleidete, und entließ ihn, stolz auf ihren siegreich heimgekehrten Mann.

Rudolf fand im Lichthof seine beiden Jugendfreunde. Nach einem Freudenausbruch von seiten Wechslers und einer verlegenen Begrüßung Forks gingen die drei an ihren reservierten Tisch und ließen 136 sich schmecken, was Rudolf bestellt hatte. Wechsler wurde durch den neuen Rudi Below in ein steigendes Entzücken versetzt. Immer wieder behauptete sein dreieckiger Gourmetmund, nachdem er eine Auster geschluckt, daß er recht gehabt habe. Immer wieder stieß Wechsler mit dem ›Amerikaner‹ an, der ›sein Mann‹ sei. Rudolf mußte sich zwar mit einiger Bitterkeit fragen, warum solche Freunde nicht einst und später für ihn gesprochen hätten, aber die prickelnde, außerordentliche Regsamkeit Wechslers gefiel ihm, und sein Unternehmungsgeist spürte in dem Rechtsanwalt den Mann, den er brauchte. Fork saß noch stumm, in grober Ungelenkheit dabei. Bei ihm heizte erst der Wein ein.

»Berlin, Berlin,« flüsterte Rudolf plötzlich und starrte auf den Rosenstrauß einer schönen Nachbarin. »Wißt Ihr denn eigentlich, Kinder, welchen Vorsprung Ihr in Europa habt? Ihr habt Amerika im Mutterlande, und ohne Amerika, das versichere ich Euch, gibt es keine Zukunft. Man wird auch hinter dem großen Teich nie ohne Europa auskommen. Europa ist und bleibt die große Sentimentalität der Welt. Darum hat es mich heimgezogen, trotz meiner Erfolge, trotz meiner sicheren Zukunft drüben. Aber am ersten Tage, den ich in Berlin verbracht habe, erkannte ich schon die wahre Bestimmung von Berlin. Markt des Universums muß es werden. Nicht Paris und nicht London. Ist Euch noch niemals eingefallen, daß nur eines nottut, ein einziger Schritt zur 137 Befreiung? Hört ihr nicht, wie alles danach schreit? Wir müssen das Historische überwinden! Ich bin für die Hinrichtung sämtlicher Geschichtsprofessoren! In dieser Lügenpfütze, die viel größer ist als der Atlantische Ozean, sind genug Millionen ersoffen – jetzt heißt es den Kommenden festes Land schaffen. Rücksichtslosen Menschen der absoluten Zukunft. Ich hasse Rom. Ich lache über Griechenland. Ich möchte Feuer in sämtliche Museen werfen. Diese Bädekermenschheit, die überall bloß Nummern sucht und vom Louvre spricht, wenn Paris gemeint ist. Versteht mich recht – die Schönheit der Kultur und der Kunst meine ich nicht, die soll da sein, aber nur auf dem lebendigen Markt, nicht in staatlichen Gräbern. Es muß alles, ohne Ausnahme, zu kaufen sein. Wirtschaftliche Bewegung bis in die höchsten ›Heiligtümer‹. Wenn man ehrlich hinsieht, wird auch mit der Religion das beste Geschäft gemacht. Und die Monarchen sollen auch ihren Preis bekommen.«

Fork lachte grunzend vor sich hin – Wechsler aber schlug sich bei jedem dritten Satz, den Rudi Below sprach, mit der Hand an die Stirn. Er konnte ihn vor Begeisterung nicht unterbrechen. Erst als Rudolf still war, sagte er mit ergriffener Stimme: »Wißt ihr, was ich für ein Gefühl habe? Vielleicht erleben wir in diesem Augenblick einen Wendepunkt in der Geschichte Berlins. Ihre Flucht und Ihre Rückkehr, die sind symbolisch, Rudi Below. Ich habe längst so gefühlt wie Sie – die große Revolution 138 der Unhistorischen habe ich auch erlebt, und Kretschmar vom ›Mitternachtsblatt‹, einer unserer einflußreichsten Journalisten, ist ganz meiner Meinung. Nietzsche hat nur Bücher geschrieben – jetzt kommt es auf die Tat an. Spannen Sie uns nicht länger auf die Folter – Sie sind wie Napoleon von Elba gekommen, aber Sie werden siegen, das ist ganz gewiß. Was haben Sie vor? Was schwebt Ihnen als Erfüllung Ihrer Sehnsucht vor Augen? Irgend etwas Reales muß es doch sein? Sie haben verständnisvolle Hörer.«

Rudolf aber schüttelte den Kopf und goß seinen Gästen Sekt ein. »Ich habe mir fest vorgenommen – solange mein Plan keine bestimmte Form hat, spreche ich kein Wort davon. Jedenfalls das eine: ich habe mehr Ideen als Geld.«

»Menschenskind, wir haben viel mehr Geld als Ideen! Das gleicht sich aus!«

»Na, na,« wagte Baumeister Fork einzuwerfen. »Ideen ohne Jeld, das sind Kartoffeln ohne Feuer.«

Wechsler lächelte mitleidig, dann klopfte er dem Architekten auf die Schulter. »Das ist hier nämlich unser großer Praktikus – als Miesmacher unbezahlbar. Nur für Ausführung zu gebrauchen. Träumen Sie denn nicht zunächst von einem großen, märchenhaften Bau, lieber Rudi? So kann doch eigentlich nur, ganz vage ausgedrückt, die Verwirklichung Ihrer Ideen aussehen?«

139 Rudolf nickte. »Sie sind neugierig, aber es stimmt. Wenn ich nur wüßte, wo ich baue?«

»Das fragt der künftige Besitzer der Belowschen Ecke?«

»Halten Sie mich dafür?«

»Ich bin davon überzeugt.«

»Was ist die Belowsche Ecke?«

»Nun, mit den Nachbargrundstücken zusammen . . .?«

Die letzten Worte des Rechtsanwalts glitzerten in ihrer scheinbaren Harmlosigkeit wie eine Märchenschlange. Nun folgte ein längeres Schweigen. Keiner sah den anderen an, aber Wechsler rechnete, Fork baute und Rudolf entwarf die Zwecke des großen Palastes. Jeder dachte sich das seinige aus. Doch Wechsler hielt es nun für nötig, von den vagen Träumen zur Praxis überzugehen. Deshalb setzte er seine gewinnendste Miene auf und fragte, die Hände reibend, mit mildem Lächeln: »Wie finden Sie denn Ihren Vater, lieber Rudi? Ist das nicht ein Prachtmensch von echtem Schrot und Korn?«

»Das ist er wohl. Wenn ich nur wüßte, was er für mich ist.«

»Ihr eigner Vater?«

»Auch mein Vater, Wechsler.«

»Das ist allerdings stark.«

»Aber ehrlich.«

Der pietätvolle Fork wurde unruhig. Er erhob sich, und man folgte ihm, um in der Vorhalle Mokka 140 zu trinken. Hier saßen die drei Freunde noch sinnend und sahen die eleganten Fremden vorüberschreiten. »Das könnte alles viel großartiger sein,« meinte Rudolf und klopfte dem Groom, der ihm Kognak brachte, auf die Wange.

»Solche Hotels sind wohl in Amerika längst überholt?« fragte Fork. »Ich habe auch schon janz andre Ideen.«

»So? Erzählen Sie doch mal.«

»Aber jerne . . .«

»Ich erzähle Ihnen dann auch von meinen Ideen.«

Wechsler fuhr auf. »Und ich? Ich höre nichts davon?! – –«

»Sie sollen uns beide begutachten.«

Wechsler lächelte befriedigt. »Aha!! . . . Na also! . . .«

Nach dem Kaffee ging Rudolf zu seiner Frau hinauf. Er fand sie im Bett, aber noch munter. Martha wartete auf ihn. Sie schien von schwerer Sorge erfüllt zu sein. Da seine Pläne ihn wie Elektrizität durchzuckten, waren ihm diese fragenden Frauenaugen nicht recht. Er hatte behagliches Ausruhen bei ihr gesucht; nun sollte er Rede stehen. Während er sich entkleidete, erging er sich in halben Andeutungen. Er stehe jetzt am Glücksrad der Zeit, er habe das Große Los in der Hand. Sie werde 141 staunen – alle Träume, die sie je in Armut und Sorge mit ihm geteilt, sollten nun Wirklichkeit werden.

»Wir beide waren niemals Amerikaner,« sagte er schließlich, mit heißen Wangen neben ihr liegend. Dann griff er nach ihr – sie ließ sich von ihm umfangen.

»Ich habe nur eine Furcht,« war ihre leise Antwort.

»Was denn? Schon wieder mal Furcht? Ich bitte Dich, Martha, laß doch das öde Wort. Wenn ich das höre, kann ich nicht einschlafen.«

»Ich weiß ja nicht, was Du eigentlich vorhast. Ich höre nur immer von großen Plänen, ohne ein klares Bild zu bekommen. Fremd ist mir das nicht oder gar unangenehm. Das weißt Du, Rudi. Im Gegenteil – ich liebe alles, was Du riskierst. Aber ich glaube, so recht zu Hause sind wir doch nur in Amerika. Und zwar bei den Deutschen drüben, weil die Yankees uns nicht leiden mögen. Unsere Bewunderung für diese Jobber fälscht so viel. Das merken wir erst, wenn wir nach der Heimat kommen und die amerikanischen Begriffe hier übertragen wollen. Dann stimmt alles nicht mehr. Darüber habe ich heute abend so viel nachdenken müssen, während Du unten mit Wechsler gesessen hast. Nimm mir's nicht übel, Rudi. Für alle Fälle – laß mich immer wissen, was Du vorhast. Ich bin doch Deine Frau, 142 nicht wahr? Ich mein' es wirklich gut mit Dir. Hab' ich Dir jemals schlecht geraten?«

Sie wollte ihn nach diesen Worten umschlingen, aber Rudolf löste sich nicht ohne Schroffheit aus ihren Armen. Das wollte er nicht. Jetzt nicht und nicht von ihr. Sie fühlte es und erschrak. Bevor sie ihn aber fragen konnte, wurde sie von dem kleinen Fred in Anspruch genommen, der mit einem heftigen Hustenanfall erwacht war. Jetzt hatte Martha nur den kleinen Dulder zu beruhigen. Rudolf lag mit verbissener Miene im Bett und sah ihr zu, wie sie auf bloßen Füßen umhereilte und einen Tee für das Kind wärmte. Sie hatte ihren Mann und seine Pläne völlig vergessen. »Ja,« ging es ihm da finster durch den Kopf. »Das ist eben die kleine Welt. Das ist das, was einen fesselt. Damit bin ich auch zurückgekommen. Wer weiß, ob das sein durfte.« –

Am nächsten Vormittag besuchte Rudolf wieder seinen Vater. Below empfing ihn heute am Haustor, ganz wie einen heimgekehrten Sohn, den er in alle Rechte wieder einsetzte. Es kam Rudolf sogar vor, als ob der Vater von einer tiefen Besorgnis erfüllt wäre, daß der merkwürdige Wandervogel wieder ins Unbekannte ziehen könnte. Er war sichtlich bemüht, ihn in die idyllische Ruhe einzuspinnen. Er kletterte mit ihm in allen Winkeln des Hauses umher. Below sah selbst einiges nach vielen Jahren wieder, und Rudolf scherzte über seine Entdeckungen. Im Keller blieben sie am längsten. Hier schien der 143 Heimgekehrte sich wohl zu fühlen. Er betrachtete die alten Weinfässer, als ob sie das Wesentlichste wären. Es wurde auch ein delikater Sherry probiert, ein starker Burgunder, aber das richtige Einvernehmen kam nicht zustande. Below schritt unruhig neben einem liebenswürdigen Fremden her. Er war jeden Augenblick darauf gefaßt, daß der Besuch sich verabschiedete und an eine Erbschaft gar nicht dachte. Dazu der griesgrämige Pinkert, der immer wie ein lebendiger Protest gegen Below junior wirkte. Joachim Friedrich konnte zu keinem Entschluß kommen. In den Hof und auf die alten Bäume blickte Rudolf nur flüchtig hinaus – hier sah er sich und Erna zu deutlich herumirren. Daran mochte er jetzt nicht denken. Als er dem Vater halb unbewußt auch in das zweite Stockwerk folgte, wurden sie durch eine verblüffende Begegnung aus ihrer bedrückten Stimmung gerissen. Nach alter Bauart befand sich nämlich eine gewisse Lokalität im Belowschen Hause außerhalb der Wohnungen, am Treppenabsatz. Als Below und Rudolf eben aufwärtssteigend um die Ecke bogen, sahen sie sich plötzlich der Geheimen Kriegsrätin v. Schimmelmann gegenüber, die in gespenstischem Negligé das intime Kabinett verließ. Sie herrschte hier oben allein und war es gewohnt, sich nicht zu genieren. Ein solches Wiedersehen mit Rudi Below, den sie immer verachtet hatte, steigerte die Entrüstung der alten Dame. Sie schimpfte sehr deutlich vor sich 144 hin, während Rudolf und sein Vater lachend, wie ertappte Buben, in den ersten Stock zurückeilten.

»Nee, Vater!« rief Rudolf, unten angelangt. »Ich geh' nicht weiter! Noch mehr Gespenster weck' ich bei Dir nicht auf!«

»Was heißt das? Unsinn! Die Geheime Kriegsrätin –«

»Nee! Nee! Leb' wohl!«

»Wann seh' ich Dich wieder?«

»Bald! Aber erst – erst schreib' ich Dir.«

Dieser Einfall kam Rudolf selbst ganz überraschend. Er war als einziger Ausweg in ihm gereift. Was im Gespräch unmöglich war, mußte die Feder bringen, Andeutungen wenigstens, den Vorstoß der Entscheidung. Während Below ihm staunend nachsah, eilte er in das Hotel hinüber und schrieb im Lesezimmer, was ihm auf der Seele lag. Ein Groom brachte den Brief zum Vater. Below las begierig:

›Habe ich recht gesehen, Du erwartest eine bestimmte Aeußerung von mir, und mir ist die Kehle zugeschnürt, weil ich von Herzen gern sprechen möchte, aber anders, als Du erwartest. Wir beide können nicht von vorne anfangen mit unserer Auseinandersetzung, Vater – das ist unmöglich. Also schriftliche Präliminarien von meiner Seite – Deine weiß ich noch nicht. Ich bin bereit, bei Dir zu bleiben. Ich sehe sogar eine Pflicht darin. Aber 145 – fühlst Du es selbst?! Das Bestehende kann uns beide nicht vereinigen. Der natürliche Entwicklungsprozeß will sein Recht. Wenn Du mich jetzt als Mitarbeiter und Nachfolger haben willst, Dich also vollständig mit mir aussöhnst – dann mußt Du mir auch erlauben, daß ich gestalte, was ich übernehme, meinem Wesen, meiner Ueberzeugung nach! Mehr sage ich nicht. Du weißt nun meine Bereitschaft. Du wirst nicht mehr auf den Rücken fallen, wenn ich Dir Pläne entwickle, wenn Du allmählich ein Bild bekommst, wer zu Dir spricht. Darauf sei jedenfalls gefaßt: ich bin ein Radikaler! Wo ich mich aufhalte, muß Leben und Zukunft sein! Im übrigen verrate ich Dir jetzt schon, daß Du nach meiner Ueberzeugung durchaus noch zu dieser Zukunft gehörst! – So! – Nun bitte ich Dich um eine Zeile, wann ich Dich sprechen kann. Dein Rudolf.‹ –

Unendlich lang zogen sich Below die Stunden bis zum Abend hin. Am liebsten wäre er heute dem Stammtisch ferngeblieben. So saß er denn, der sonst so Liebenswürdige, als steinerner Gast an seiner Tafel und interessierte sich nur für die Wanduhr. Um zehn wollte Rudolf in die Wohnung kommen. Dann war oben alles still; Bertha schlief schon, Pinkert mußte unten bedienen – sie konnten sich ungestört auseinandersetzen. Belows ganzes Wesen war von Spannung erfüllt. Er ärgerte sich, denn es wurde ihm zuweilen klar, daß er gar keine 146 bestimmte Erwartung hatte. Was imponierte ihm denn eigentlich? Was beunruhigte ihn? Er hatte ja keinen Grund, schon etwas anderes in Rudolf zu sehen als den alten Flausenmacher, von dem er sein Haus gesäubert hatte. Dennoch! Die Art dieses Menschen! Er hatte etwas Zwingendes . . . Wenn Minna wenigstens hier gewesen wäre. Below fühlte sich hilflos. Er war nicht mehr für große Entscheidungen. Eigentlich hatte ja alles nur noch eine ganz geringe Bedeutung für ihn. Und doch . . .

Was dieser Wechsler für ein unergründliches Spitzbubengesicht machte. Immer wieder wandte er sich an Below, der sonst nie sein Publikum war. Ein fataler Zufall, daß Wechsler heute immerfort von Rudolf sprach. Er setzte dem Vater sein Entzücken über den wiedergewonnenen Sohn auseinander. Er gratulierte ihm zu Rudolf. Und Fork, dieser Klotz, sekundierte eifrig. Ja, Rudi war und blieb ein Rattenfänger. Scheu glitt Belows Blick über die grauen Köpfe der ältesten Stammtischgenossen hin. Ascher war heute glücklicherweise nicht gekommen. Aber in dem dumpfen Hinbrüten, in dem heftigen Tabakpaffen lag ein stummer Protest. Die Alten gratulierten ihm nicht zur Rückkehr seines Sohnes. Der Boden zitterte wohl unter ihren Stühlen. Aber das war Below gleichgültig. Um zehn Uhr erhob er sich, schützte wichtige Kontorarbeit vor und verabschiedete sich von seinen Gästen. An dem mißtrauischen Pinkert schritt er rasch vorüber. Im 147 Wohnzimmer oben mußte er noch einige Minuten warten. Er zog die Fenstervorhänge zu, um das bleiche Licht der Linden loszuwerden. Für das Kommende genügte die trauliche Petroleumlampe. Es war sehr still um ihn her, nur von Zeit zu Zeit wurden Automobilhupen von der Straße vernehmbar. Below sah zu dem Oelbild hinauf, das Minna als Braut darstellte. Nun klopfte es. Rudolf trat ein.

»Also, Vater,« rief er, Hut und Mantel abwerfend, in schlecht bezwungener Erregung, »wir wollen gleich zur Sache kommen! Sonst sitzen wir uns wieder gegenüber und zaudern!«

»Nimm Platz, mein Junge,« erwiderte Below und setzte sich selbst auf das geschweifte Sofa. »Ich muß Dir übrigens sagen, daß das Zaudern auf meiner Seite nicht sehr bedeutend is.«

Rudolf warf ihm einen forschenden Blick zu. »Willst Du damit sagen, daß Du Deine Antwort schon vorher weißt?«

»Antwort? Worauf denn? Nee . . . Das will ich nicht damit sagen. Aber ich bin ziemlich ruhig. Ich habe ein langes Leben hinter mir.«

»Das stimmt. Aber ob Du auch wirklich ruhig bist, Vater?«

»Ich freu' mich an Dir. Du kannst Dir ja denken – alles, was ich Dir mal vorgeworfen habe, seh' ich jetzt mit andern Augen an.«

148 »So geht es mir mit Dir, Vater. Verzeih' den Vergleich. Aber was ich vergessen will, das hab' ich vergessen.«

»Es is 'ne schöne Fügung, daß Du aus Dir selber was geworden bist. Aber nu verzeih' mir mal eine Frage, Rudolf: was bist Du eigentlich geworden?«

Rudolf stand auf und ging mit leisem Lachen, die Hände in den Taschen, umher.

»Zunächst bist Du Familienvater, nicht wahr – hast Frau und Kind. Martha Wünschel is Dir in Amerika eine treue und brave Frau geworden. Du hast ihr doch in schweren Zeiten viel zu danken gehabt?«

»Martha ist tüchtig.« Rudolf sah durch einen Spalt des Fenstervorhangs auf die Linden hinaus.

»Und Euer Kind is zwar nich ganz gesund, wie ich leider bemerkt habe, aber das Asthma soll sich ja mit den Jahren geben.«

Jetzt fuhr Rudolf hastig wieder herum. »Ach, Vater! Wir wollen lieber von Geschäften sprechen!« Below zuckte zusammen und schwieg. Rudolf näherte sich ihm. »Hab' ich Dich verletzt?«

»Nein, nein . . . Ich muß mich nur erst an Dich gewöhnen.«

»Frau und Kind sind Nebensache, wenn Du mich nach mir fragst.«

»Nebensache?«

»Die leben von mir. Aber wovon lebe ich? Das möchtest Du wissen.«

149 »Ja, das wär' mir lieb.«

»Um Dir Zahlen zu nennen, bin ich ein zu guter Kaufmann Das tu' ich erst, wenn wir assoziiert sind.«

»Aha!«

»Es muß Dir vorläufig genügen, daß ich an hervorragenden Unternehmungen beteiligt bin, in Alaska und Winnipeg. Terrainspekulationen, bei denen man natürlich niemals weiß, was man eigentlich hat. Aber das eine laß Dir gesagt sein, Vater: Ich lebe vor allen Dingen von meinem Glauben an mich selbst! Ich weiß, daß ich erreichen werde, was ich vorhabe! Für mich gibt es keine Feinde und keine falschen Illusionen!«

Below umklammerte den Fuß der Lampe, die auf dem Tisch stand. »So . . . Hast Du die Probe drauf gemacht?«

»In zwölf Jahren immer wieder! Jetzt hab' ich meine Moral und meine Weltanschauung!«

»Wie lautet denn die, wenn ich fragen darf?«

»Kraft gibt Hoffnung, und Hoffnung gibt Kraft, die allein sich alles schafft!«

Below nickte und lächelte vor sich hin. »Das läßt sich hören . . . Klingt bloß nich so amerikanisch, wie ich mir's vorgestellt hatte. Erinnert beinahe ein bißchen – verzeih' das harte Wort – an Hermanns Broschüre.«

Rudolf schlug die Hände zusammen. »Meinst Du etwa sein Buch ›Die Phrase von der Heimat‹?! 150 Ich kenn' es, ich hab' es in New York gelesen! Jeden Mittag zwischen halb eins und eins in der Straßenbahn! Das war die einzige Zeit, die ich für meine Bildung übrig hatte! Nee Vater – um Gottes willen! Mit diesem total verrannten Theoretiker hab' ich nicht das mindeste gemein! Ich liebe ja die Großstadt, ich kenne ja nichts Schöneres! Und dieser Johannes, der in der märkischen Wüste die Flucht aus Berlin predigt, der soll wie ich denken?!«

»Du mißverstehst mich. Ihr seid grundverschieden – das weiß ich. Aber Berliner seid Ihr. Hermann is in seinem Dorf nie ein Bauer geworden, und Du bist kein Yankee. Warum wärst Du sonst zurückgekommen? Du hast einfach Heimweh gehabt.«

Rudolf ging, die Hände auf dem Rücken, im Zimmer umher. »Heimweh! Ja! Ich konnte kein Amerikaner werden! Das ist richtig! Aber es steckten noch andere Gefühle in mir, und die wollten zu ihrem Recht kommen! Ich sag' es Dir ganz offen, Vater – es waren Rachegefühle!«

Below verfärbte sich. Er fühlte sich irgendwie waffenlos. »Rachegefühle?« wiederholte er leise.

»Je mehr ich in der neuen Welt begriff, daß ich doch was wert bin, daß das Urteil der alten Welt über mich ein Justizmord war – desto mehr nahm ich mir auch vor: Wenn Du durch bist, gehst Du nach Europa! Dann beweist Du den Zipfelmützen ihr Unrecht und rächst Dich durch Deine Persönlichkeit! Das ist die nobelste Art von Rache!«

151 Below verneigte sich ironisch. »Die Zipfelmützen sind Dir dankbar dafür. Sie haben ja immer was Anständiges mit Dir vorgehabt. Nur so leicht zu überzeugen, wie Du es Dir vorstellst – das sind sie nicht.«

»Wem glaubst Du mehr, Vater? Hermann oder mir?«

»Ich weiß nur, daß ich mit Hermann nichts anfangen kann.«

Rudolf warf sich in den Lehnstuhl zurück und verbarg mit leisem Lachen das Gesicht in den Händen. »Ach, das erinnert mich an einen wundervollen Abend, den ich in St. Louis mit Erna verbracht habe!«

»Erna?« fragte Below verwirrt. »Hast Du sie drüben getroffen?«

»Wiederholt! Ich schrieb Dir doch aus Paris, daß ich Grüße von ihr bringe. Wir waren immer unterwegs – sie mit einer großen Wandertruppe und ich in verschiedenartigen Berufen! Aber in St. Louis hatten wir einen Abend – da erzählte ich ihr, wieviel ich in den Coloradominen verdient und in Pittsburg verloren hatte – und sie zeigte mir ihre Kontrakte, Vater. 20 000 Mark im Monat. Und plötzlich, wie wir so beisammen saßen, da fiel uns ein, wer wir eigentlich waren. Ich hieß damals Signor Tedesko und hatte die Direktion eines Seehundstheaters. Sie hieß Erna Paulana, Diva di St. Franzisko. Und wir dachten an unsern Bruder 152 Hermann, der in einem märkischen Schweinenest philosophische Bücher schreibt. Und da kamen wir ins Lachen, Vater, ins Lachen, fast auch ins Weinen. Es war wunderbar. Stell' Dir mal vor: Tedesko, Erna Paulana, Hermann der Täufer – alias Rudi, Erna, Hermann Below, Deine Kinder!«

Joachim Friedrich saß gebückt und nickte vor sich hin.

Rudolf sah zu ihm hinüber. »Was hast Du eigentlich gegen Erna, Vater?«

Statt jeder Antwort erhob sich Below, zog ein Kommodenfach auf und kramte mit seinen steifen Fingern eine Photographie heraus. Die brachte er Rudolf. Es war ein Bild von großem Liebreiz, Erna als Siebzehnjährige darstellend.

»Ist das entzückend!« rief Rudolf unmittelbar.

»Ja,« flüsterte Below. »Ich habe gegen sie, daß sie das Bild verdorben hat. Daß sie nicht so geworden is, wie sie hiernach werden mußte . . .«

»Aber Vater! Weißt Du denn das alles so genau?«

»Erna lebt in einer Atmosphäre, in der ich nicht leben kann.«

»Gewiß! Sie ist eine große Künstlerin! Und Du bist Weinhändler! Ich fürchte, daß Dir meine Atmosphäre auch immer fremd bleiben wird, Vater!«

»Nein . . . Du bist ein Mann . . . Das is ganz etwas anderes.«

153 Below setzte sich wieder und starrte eine Weile vor sich hin. Dann richtete er seine geröteten Augen auf Rudolf. »Willst Du mein Erbe sein?« fragte er plötzlich.

Der Sohn rückte ihm langsam näher. »Ich? – Auf meine Art gewiß . . .«

»Was heißt das?«

»Ich bleibe in Berlin und biete Dir meine Kraft an.«

»Aber Du willst –« Die nächsten Worte preßten sich nur mühsam aus Belows Brust. »Du willst, daß ich hier rausgehe! Das weiß ich! . . . Aus diesem Hause soll ich gehen, wo ich geboren bin!«

Rudolf verschränkte die Arme. »Aus dem Hause – ja. Aber nicht von der Stelle.«

»Erkläre mir, was Du Dir darunter vorstellst.«

»Gern, Vater. Aber erst muß ich mir die Kehle anfeuchten. Sie haben doch Wein, Herr Wirt?«

Below stand auf. »O, entschuldige! Du wirst schlecht bedient! Was willst Du? Weißen? Roten?«

»Ich brauche Sekt.«

Below klingelte. Nach einer geraumen Weile erschien Pinkert. Seine verquollenen Augen wanderten mißtrauisch von Below zu Rudolf.

»Bring' mal französischen Sekt, Gottlieb. Und zwei Gläser.«

»Französischen, Herr Below?«

»Natürlich! Aber fix!«

154 Pinkert warf nochmals einen finsteren Blick auf Rudolf, dann verschwand er. Rudolf lachte hinter ihm her. »Kassandra! – – also, lieber Vater – die Einleitung geht auch ohne Sekt. Ich will Dir zunächst mal sagen, daß ich eine Idee habe – eine Idee, die meine gesamte Lebensaufgabe umfaßt. Sie konnte mir nur in Berlin kommen. Ich liebe Berlin, und ich glaube, daß diese Liebe gegenseitig ist. Du wirst mich vielleicht für größenwahnsinnig halten – aber Berlin hat ganz bestimmt auf mich gewartet.«

»Auf Rudi Below? . . .«

»Ja!«

»Was hast Du vor?«

»Ich will Berlin das Zentrum und das Symbol seiner gesamten Lebenskraft geben. Ich will hier eine Stätte schaffen, wo alle vorwärtstreibenden Elemente, der internationale Fremdenverkehr und die obersten Hunderttausend der Stadt geistig und materiell zusammenströmen!«

Below machte große Augen. Er hielt die Hand ans Ohr. »Erlaube . . . Erlaube . . . In welcher Weise willst Du das verwirklichen?«

»In Gestalt eines kolossalen Etablissements, das sämtliche modernen Kulturfaktoren in sich vereinigt. Ich erwähne nur die Restaurants von verschiedenster Klasse und Größe, Gesellschaftsräume von nie dagewesener Schönheit und Eleganz. Alle Veranstaltungen, von den großen öffentlichen Bällen, denen 155 die Minister beiwohnen, bis zu den five o'clock-teas der Fürstinnen, müssen dort stattfinden. Wissenschaftliche Kongresse, die irgend welche Bedeutung haben, Vorträge berühmter Männer werden nur dort möglich, denn nur dorthin kommt das maßgebende Publikum. Eine allumfassende Bibliothek wird gegründet –«

»Ein großes Museum –«

»Nein, Vater! Nur kein Museum! Aber die besten Witze sollen bei uns gemacht werden! Alles, was Geist und Schönheit hat! Ein fabelhafter Konzertsaal mit Riesenorchester und den berühmtesten Virtuosen! Ein Theater von antiken Dimensionen und ein anderes, das die intimsten Bühnen in den Schatten stellt –«

»Hör' auf! Ein Zirkus! Ein Panoptikum!«

»Nein, Vater, nein! Nur, was dazu gehört! Verlaß Dich drauf, die Leute, die an der Spitze stehen, wissen, was dazu gehört! Es ist nie so leicht gewesen, wie heute, vorauszusehen, was gefällt!«

»Aschers Warenhäuser . . .«

»Ascher ist einer der Wenigen, die ihre Zeit verstanden haben. Aber ich denke an kein Warenhaus. Ich will etwas Höheres. Ich will der Wirt des modernen Geschmacks werden. Alle modernen Werte sollen bei mir fixiert werden.«

»Du meinst die Moden?«

»Nenn' es, wie Du willst. Wir haben nichts anderes.«

156 »Ich habe Angst vor den Moden.«

»Nicht nötig, Vater, wenn man selbst in Bewegung bleibt. Wenn man jeden Tag aufs neue spürt, was schmeckt, was originell ist. Nerven vom Scheitel bis zur Sohle – darauf kommt es an.«

Below schüttelte den Kopf. »Ach Gott, ach Gott – das enttäuscht mich aber.«

»Wie?!«

»Na ja, ich hatte immerhin was Mögliches erwartet. Aber das sind doch alles Phantastereien.«

»Ach so! Du forderst mich heraus! Aber darauf war ich gewappnet, Vater!« Rudolf zog ein Bündel Papiere aus der Tasche und warf es auf den Tisch. »Hier ist der fertige, finanzielle Plan! Keine Phantastereien!«

Below bekam langsam Zornesröte in sein Gesicht. »Du, das Papier is geduldig – das weiß ich. Hast Du 'ne Ahnung, wieviel Geld solche Geschichte kostet?«

»Zwanzig Millionen!«

»Hast Du die zufällig bei Dir?«

»Ja!«

»Du bist verrückt! Oder Du hälst mich zum Narren!«

»Durchaus nicht! Ich gebe Dir nur die größte Gelegenheit Deines Lebens!«

»Junge, willst Du vielleicht mit Deinen Alaska- und Winnipeg-Aktien die Sache machen?«

157 »Ich selbst habe nichts, was in Frage käme. Was ich habe, brauch' ich für meine Familie. Aber ich kann Dir die Liste meiner Finanzleute zeigen, die schon ein Drittel gezeichnet haben. Du wirst sehen, daß es höchst respektable Namen sind. Da haben wir zunächst mal den Geheimrat Breitenbach –«

»Den ehemaligen Direktor der Kreditanstalt? . . . Der is gut . . .«

»Dann haben wir den Generalkonsul Wechsler –«

»Den Onkel vom Rechtsanwalt?«

»Denselben.«

»Das is 'n Millionär, aber er is im Oberstübchen nich ganz richtig. Der steht doch den ganzen Tag im Zoologischen und füttert die Affen.«

»Das ist mir egal. Mich interessieren nur seine 700 000 Mark. Ferner haben wir die Preußisch-Sächsische Aktiengesellschaft für mechanische Wasserreinigung und die Breslauer Gesellschaft für Verbreitung des Glühlichtbrenners Saturn –«

»Die kenn' ich nicht . . .«

»Ferner das Burgdorfer Kalksteinsandwerk und die Dampfziegelei Hinzpeter –«

»Lauter unbekannte Größen.«

»Endlich erwähne ich Mayers Fabrik von Kinderautomobilen und die Deutsche Ping-Ping-Po-Gesellschaft, die das neueste chinesische Spiel fabriziert. Das sind lauter blühende Unternehmungen, die Wechsler als Syndikus vertritt.«

158 Below horchte auf »Wechsler? . . . Ja, sage mal . . . der Rechtsanwalt is also in alles eingeweiht?«

»Wechsler ist mein Rechtsbeistand. Ich hatte heute die entscheidende Konferenz mit ihm. Er ist hingerissen von meinen Ideen. Er hat es übernommen, die gesamten Kapitalien für meine Gründung herbeizuschaffen.«

»Der Filou! . . .«

»Was heißt das, Vater?«

»Na, jetzt begreif' ich erst, warum er Dich vorhin am Stammtisch so gelobhudelt hat! Nicht die mindeste Andeutung! Der scheinheilige Judas!«

»Du tust ihm unrecht. Er wollte mir natürlich nicht vorgreifen.«

»O, ich kenn' ihn von den Wahlen! Wie ein Aal is der Mensch! Von einer Partei is er zur andern gewutscht, und überall fand er die richtigen Redensarten!«

»Das gehört auf industriellem Gebiet zu seinen größten Vorzügen – in der Politik mag es ja unangenehm sein. Aber er ist längst nicht mehr Politiker. Er macht jetzt viel bessere Geschäfte. Wechsler ist der Mann seiner Zeit, und wer weiß, ob Du ihm gerecht wirst, Vater.«

»Gewiß, gewiß . . . Ich bin nicht der Mann meiner Zeit. . . . Ich habe nicht den Ehrgeiz. . . . Und 'n tüchtiger Kerl is Wechsler. . . . Ihm glückt alles. . . . Also Wechsler. . . .«

159 »Hier sind noch siebzehn erstklassige Namen, mit denen er in Verhandlung steht.«

»Am Ende auch Ascher?«

»Nein, bis jetzt noch nicht. Aber der kommt noch.«

»Und die Banken? Heutzutage is nichts zu machen ohne die Banken.«

»Das ist natürlich die Voraussetzung. Vorläufig sag' ich aber noch nichts darüber.«

Below stand auf und ging, die Hände in den Hosentaschen, mit heftigem Kopfschütteln auf und ab.

»Ich begreife Deine Skepsis, Vater,« sagte Rudolf ruhig, indem er sich eine kurze Pfeife mit duftendem Tabak stopfte. »Du lebst in Deinem engen Kreise, fern von der Welt. Dich verwirrt natürlich das erste Stadium eines Riesenunternehmens. Aber ich mußte Dich heute schon einweihen. Denn die Zeit ist kurz.«

Below blieb stehen. »Laßt mich doch zufrieden! Was wollt Ihr denn von mir! Soll ich mich etwa an der Geschichte beteiligen?! Ich habe nichts!«

»Na, na . . .«

»Mein bißchen liegt auf der Reichsbank! Preußische Konsols! Da wird nicht dran gerührt!«

»Es fällt uns natürlich nicht ein, Dich um eine Geldbeteiligung zu bitten. Aber in anderer Beziehung bist Du uns unentbehrlich. Und darum bin ich bei Dir.«

160 »Ihr wollt mein Haus?«

»Wir wollen den Grund und Boden Deines Hauses.«

»Unmöglich! Da steht ein achtzigjähriger Bau drauf!«

»Vater,« sagte Rudolf, sich langsam erhebend. Aus seiner Pfeife stieg ein süß umnebelnder Rauch in Belows Nase. »Vater, Du mußt mich ruhig anhören. Es handelt sich nur mittelbar um Dein Grundstück. Das Wesentliche ist Dein Name und Deine persönliche Tatkraft. Ich will etwas Großes durchsetzen – aber nur mit Dir. Dein Grund und Boden muß die Beteiligung an meinem Unternehmen sein. Gib mir Deinen Grund und Boden, Vater.«

»Und was wirst Du bei der ganzen Geschichte?«

»Ich werde von einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung als Generaldirektor engagiert. Mit 50 000 Mark Gehalt und Provision.«

»Und warum muß es gerade mein Grundstück sein? . . .«

»Die Belowsche Ecke, Vater! Von der geh' ich aus! Du willst doch einen Erben!«

»Ach was! Laß mal die schönen Redensarten! Die sind hier nicht am Platze! Du denkst natürlich an mich, weil ich ein Eckhaus Unter'n Linden habe! Aber auf der falschen Seite, Rudolf! Die richtige Seite is immer bei Bauer und Kranzler gewesen!«

161 »Ich gedenke diese dazu zu machen,« erwiderte Rudolf, langsam paffend.

»Das is ja der pure Größenwahn! Zunächst mal: das Haus is viel zu klein für Dich! Hier kannst Du kaum die Hälfte von Deinem Krimskrams machen!«

»Ich kaufe selbstverständlich die beiden Nachbargrundstücke dazu. Wegen des Ministeriums stehen wir mit der Regierung in Unterhandlung, und Konditor Zimmermann wird 'rausgesetzt.«

»Der alte Fuchs – –?«

»Ist schon einverstanden, weil er die Hälfte seiner Forderung auf den Tisch bekommt. 600 000 Mark.«

»Auf den Tisch?«

»Jawohl.«

»Das soll der Gauner kriegen?!«

»Errege Dich nicht, Vater. Du bist natürlich in einer bedeutend besseren Situation. Du wirst für Dein Grundstück mit zwei Millionen Mark beteiligt.«

»Man is ja – man is ja wie verraten und verkauft! Ihr habt mich ja total umzingelt – –!«

»So kannst Du es nicht nennen, Vater. Wir haben Dir das letzte Wort gelassen.«

»Rudolf! Es is nicht recht, mich so zu drängen!«

»Tu' ich das, Vater? Du wolltest mich anhören. Ich hatte Dich vorbereitet . . .«

Below legte jetzt die alte Hand auf Rudolfs Arm und zog ihn zum Sekretär hin. »Hör' mich mal an, mein Junge,« sagte er dort mit zitternder Stimme; 162 er kam ihm jetzt näher als sonst. »Wir wollen uns gewiß nichts vormachen. Ich glaube, ich kenne Dich. Aber was aus mir inzwischen geworden is – davon hast Du keine Vorstellung. Ich bin elend, Rudolf. Du wirst Dich wundern, daß ich das sage. Du siehst mich in meinem soliden Hause wieder. Alles Aeußere is unverändert. Auch daß ich zwölf Jahre älter geworden bin, will ich nicht in Betracht ziehen. Aber man hat mich allein gelassen. Erst Du – dann Erna – dann Hermann – und zuletzt noch Mutter. Es sieht so aus, als sollte ich Schluß machen mit den Belows. Und das Merkwürdigste is – für ein Rüberdämmern, Kapital aufessen, Rumpusseln ohne Lebenszweck, bin ich trotz aller Schläge nicht gemacht. Ich habe noch immer 'ne große Portion Jugend in mir. Das muß in uns Belows liegen – wir sind Berliner, wir wollen immer noch mit. Ich habe keine Menschenseele, der ich mich anvertrauen kann. Ich halt' es nicht mehr aus, Rudolf. Hab' ich mich überlebt, dann will ich's auch eingestehen. Ablösung vor – das war immer der schönste Moment auf der Neuen Wache. Aber zur Karikatur werden – das will ich nicht.«

In Rudolfs Augen brannte es, als er diese Worte vernahm. Er ergriff die Rechte seines Vaters und drückte sie fest. »Vater – ich danke Dir, daß Du mir das gesagt hast.«

»Es is wohl 'ne Art Genugtuung für Dich? . . . Du sprachst von Rachegefühlen?«

163 »Laß das jetzt mal beiseite, Vater. Die Vergangenheit geht uns nichts an – wir wollen nur in die Zukunft blicken. Sei jung, Vater! Respektiere weiter nichts als Dich selbst und das, wozu Du Dich entschließen mußt!«

»Wozu muß ich mich entschließen? – Sieh mal, Rudolf – ich würde ja Gott auf den Knien danken, wenn Du als mein wirklicher Erbe nach Hause gekommen wärst. Ich weiß ja, es is Gerümpel, was ich Dir biete – ich überschätz' es nicht. Die paar Stuben, die paar Möbel, und der Wurm is auch schon drin. Aber bedenk' es wohl, mein Junge! Die Sachen gelten nicht nur das, was sie sind, sondern auch das, was sie bedeuten! Vergegenwärtige Dir, was unsere Vorfahren hier erlebt haben! Hier singt es und klingt es noch von großen Zeiten!«

»Das will ich mir eben nicht vergegenwärtigen, Vater. Haben unsere Vorfahren an sich selbst oder an Tote gedacht? Sind sie so tüchtige Leute gewesen, weil sie was Neues durchsetzten, oder weil sie das Alte konservierten?«

»Gut! Ich begreife, was Du meinst! Aber wenn Du hier weiterbauen willst – mit mir zusammen, wie Du sagst – warum denn nicht aus dem Bestehenden 'raus? Warum denn alles erst kurz und klein machen? Das is 'n Sprung auf Tod und Leben, Du!«

»Auf Leben, Vater!«

164 »Entschließ' Dich, als mein Kompagnon in das Geschäft einzutreten, so wie es jetzt is! Auch das wird eine neue Blüte geben! Das is es ja schließlich, was ich von meinem Sohn erwartet habe!«

»Nein, Vater, so, wie ich's Dir gesagt habe, und anders nicht. Jetzt hab' ich die Konjunktur, jetzt gibt es soundsoviel Leute, die sich für mich begeistern. Mein Plan liegt in der Luft, er ist ein Bedürfnis der Zeit.«

»Glaubst Du das wirklich, Rudolf? Sieh Dich mal um in Berlin! Was wird hier nicht alles gegründet, was wird nicht täglich gebaut! Einer überbietet den andern! Und es verzinst sich nicht mehr! Die Nachfrage entspricht nicht dem Angebot! Es sind schon viele gefallen! Und das is fürchterlich!«

»Nein, Vater – das ist eben der große Unterschied zwischen unseren Anschauungen! Nicht nach dem, was schon da ist, geht es in einer Stadt wie Berlin! Was da sein könnte – danach hat der wahre Unternehmer zu fragen!«

»Du kommst aus Amerika! Ich kann mir nicht denken, daß Berlin den Stil bekommt! Es muß doch vieles bloß nachgeredet sein in dem tollen Getriebe! Am wohlsten fühlen sie sich doch zu Hause, bei Muttern! Sie staunen über das, was einer macht, und wenn morgen einer das Entgegengesetzte macht, dann is es ihnen auch recht! Der Kern sitzt wo anders! Hier sitzt der Kern, trotz aller Verschlafenheit! Und darum sag' ich Dir: nicht abreißen, 165 sonst hast Du die Taube auf 'm Dach und keinen Spatzen in der Hand!«

»Vater, Du hast als Besitzer der Belowschen Ecke auch Pflichten gegen Deine Mitbürger! Ich habe mich erkundigt, was unser Haus vor achtzig Jahren wert war, als Großvater es gebaut hat: 4000 Taler! Und in den Gründerjahren, nach dem Kriege: 30 000! Und heute? Zwei Millionen! Da hast Du meine Rechnung!«

»Aber Mensch, was soll ich denn dabei? Dir alles ausliefern und dann als fauler Rentier von den Zinsen leben? Dazu hab' ich keine Lust!«

»Das sollst Du auch nicht. Du sollst im Gegenteil sehr tätig sein.«

»Ach was! Ich versteh' mich auf Weine! Ich kann mal an den Rhein fahren oder nach Bordeaux und 'n gutes Gewächs kaufen, aber 'n Großunternehmer bin ich doch nicht!«

»Du hast eben brach liegen lassen, was Dir zur Verfügung stand. Den Vorwurf kann ich Dir nicht ersparen, Vater. Was hattest Du für Beziehungen? Die hat kein anderer Wirt in Berlin! Ein Dutzend alter Pensionäre verkehrt bei Dir, und Du könntest die ganze Hofgesellschaft haben! Den Adel, die Künstler, die Hochfinanz! Warst Du nicht mit Bleichröder intim? Bist Du nicht oft zu Bismarck gekommen? Nein, Vater, Du hast vornehm gewirtschaftet, aber für einen modernen Geschäftsmann war es nicht die richtige Art von Vornehmheit!«

166 »Ich bin kein moderner Geschäftsmann!«

»Aber Du mußt es jetzt werden – Du fühlst ja die Notwendigkeit! Alles Aeußere kann ich selbst schaffen – aber die Voraussetzung, das Renommee, das muß von Dir kommen! Wenn Du ja sagst, haben wir von vornherein ein Publikum!«

»Werben is mir nicht möglich. Wer kommt, wird bedient.«

»Du sollst auch nicht werben. Sanktioniere mich nur. Ich schaffe uns feudale Klubs, ich überzeuge die Leute, daß es ihre Pflicht ist, bei uns zu verkehren. Ach, Vater, es ist ja ein berauschendes Bild! Ich sehe schon die wunderbaren Frauen, wenn sie durch unsere Säle schreiten! Ich rieche die Atmosphäre des prachtvollen Hauses! Ich kann sie den Berlinern geben! Sie sollen nur staunen, brauchen nur zu staunen – wenn sie kommen, dann ist alles gut!«

Below ging zu dem Kachelofen hinüber. Es fror ihn. Aber der Ofen war kalt. Belows Gesicht war dunkel gerötet, er warf einen scheuen, fast mitleidsuchenden Blick auf Rudolf. Dann atmete er tief und flüsterte mit gesenktem Kopf: »Nein! . . . Nein! . . . Wenn ich mich auch über alles wegsetzen würde – – es geht nicht, mein Junge.«

»Warum nicht?«

»Mutters wegen!«

»Hier entscheidet Dein eigener Wille!«

167 »Kennst Du die Frau? Sie hat ihr ganzes mühseliges Leben an das Haus gesetzt, so wie es jetzt is. Wenn ich noch die Beweglichkeit aufbringen würde, mich davon loszumachen – sie hat sie keinesfalls. Ich kann sie nicht nach ihrer Meinung fragen – der Arzt hat es mir auf die Seele gebunden, sie mit nichts mehr aufzuregen. Ihr Herzfehler bedeutet Lebensgefahr. Begreifst Du, in welcher Situation ich bin? Ich habe nur eine Pflicht: mit allen Deinen Ideen, so verlockend sie sein mögen, Schluß zu machen, nein zu sagen, nein, mein Junge, und allein zu bleiben, so wie ich bin!«

»Will das Mutter?«

»Rudolf, mach' mich nicht verrückt! Sie will natürlich mein Bestes!«

»Dann wird sie auf meiner Seite stehen. Ich kenne Mutter. Wenn sie nicht mehr mitentscheiden kann, dann muß sie wenigstens das Gefühl haben, daß der andere einen Willen hat, auch ohne sie. Ich verstehe ja, wie Du darunter leidest, Vater. Aber Du mußt Dich ins Unabänderliche fügen. Mutter bleibt ahnungslos.«

»Wird das möglich sein? . . . Und wenn selbst – eines Tages – da kommt sie zurück! Und dann soll nichts mehr dastehen, gar nichts, worauf sie sich in der ganzen Leidenszeit gefreut hat? Dann soll ihr altes Haus verschwunden sein, verschwunden vom Erdboden, wie ein höllischer Spuk? Das is ja ungeheuer!«

168 »Nein Vater! Du stellst Dir das anders vor, als es ist! Kein Verlust wird Mutter entgegentreten – im Gegenteil – bedenke doch – ein Wunder, ein märchenhafter Aufstieg ihres ganzen Lebens! Es ist eine kühne Operation, die wir machen – aber sie muß gemacht werden! Mutter wird sich gewöhnen und sich abfinden und im Neuen wird sie glücklich sein!«

Below ging plötzlich quer durch das Zimmer zum Fenster hinüber. Er riß den Vorhang auf und starrte in den bleichen Nachtschimmer der Linden. Seine linke Hand krallte sich in die Gardine, die rechte fuhr ihm zitternd über den Kopf. Jetzt tobte der Wandel der Zeit wie ein Naturprozeß in ihm. Rudolf beobachtete es mit starrer Spannung. Nun hatte Joachim Friedrich ausgekämpft. Er wandte sich langsam um und sagte, seine großen, blauen Augen fest auf den Sohn gerichtet: »Also ja denn, Satanas! Gott verzeih' mir's! Ich bin einverstanden!«

Rudolf schnellte empor. »Du gibst mir das Haus!«

»Ich gebe Dir das Haus und behalt' es zugleich. Mach' hier, was Du willst – Du wirst nie etwas machen können, was die Grundmauern wegbringt.« 169

 

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