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Die Belowsche Ecke

Georg Hirschfeld: Die Belowsche Ecke - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Belowsche Ecke
authorGeorg Hirschfeld
year1914
firstpub1914
publisherUllstein & Co.
addressBerlin-Wien
titleDie Belowsche Ecke
pages443
created20121206
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Elftes Kapitel

Wenn doch die Herbstsonne Kraft hätte . . . So zog es durch Minna Belows Gemüt, als sie in ihrem Lehnstuhl saß, am Fenster, den abgemagerten Körper fröstelnd in ein dickes Wolltuch gehüllt. Die Handarbeit lag ihr immer wieder im Schoß – sie drückte sich davon, wie sie es als kleines Mädchen getan hatte.

Die Himmelswölbung über dem Schloß war tief durchglüht. Man konnte, wenn der Blick nur oben blieb, die ganze, fürchterliche Riesenstadt vergessen, die es kaum noch gewahr wurde, daß auch sie unter einem Himmel erwachsen war. Man durfte weit in die Ferne träumen, zu silbernen Havelseen, zu schwarzen Wäldern, und auf der Glienicker Brücke stand Minna wieder in jungen Jahren und grüßte die Türme Potsdams. Ja, die Gedanken trugen sie hinaus, aber der Körper verließ seinen Hafen nicht mehr.

Mit dem Alleinsein war es freilich vorbei. Martha war da und nahm ihr alle Wirtschaftssorgen ab. 336 Hermann und Anna kamen täglich. Sie brachten der Mutter den Frieden, der Martha fremd war. Martha war keine Krankenpflegerin. Von den Gespenstern der Vergangenheit gepeinigt, blieb sie zerrissen und ziellos. Die Liebe zu Rudolf, die einst ihr Leben bedeutet hatte, kam immer wieder zum Durchbruch. Sie wußte den Mann, der ihr Verhängnis geworden, in Gefahr und haßte nur die Menschen, die ihn gefährdeten. Sie grämte sich, ohne ein Wort davon laut werden zu lassen, daß er in der Krisis nicht zu ihr kam. So im Innersten schwärmerisch blieb diese Frau, während sie doch mit harter Miene sich vor der Welt verschloß.

Ihre weichen Regungen dem Vater gegenüber erloschen. Sie behandelte ihn immer schlechter. Aber Wünschel ließ sich nicht einschüchtern. Er kam nun erst recht zu den Belows, denn er fühlte die Stunde herannahen, da der Dieb seines Kindes an sich selbst zerschellte. Bei diesem großen Zusammenbruch mußte er zugegen sein. –

Ja, wenn die Herbstsonne Kraft hätte . . . So schön hatte Minna sie nie gesehen wie an diesem Oktobernachmittag. Sie fühlte hinter dem verschlossenen Doppelfenster nichts von der rauhen Frische draußen. Sie sah nur das tanzende Farbenspiel der Sonnenflecken an den Wänden, an ihrem alten, eingemummten Körper. Plötzlich klopfte es. Sie erschrak. Es war ein dürrer, etwas harter Laut, wie von einem Knochenfinger. Leise und ängstlich sagte 337 Minna: »Herein!« Als sie sich mühsam umsah, stand Gottlieb Pinkert vor ihr. Sie hatte ihn jahrelang nicht gesehen. Nun kam er plötzlich, wie ein Auferstandener aus vergangener Zeit.

»Jott, Pinkert – Sie! . . . Was hab' ich doch für'n Schreck jekriegt! Darauf bin ich nich jefaßt jewesen! Warum hat denn das Schaf, die Bertha, Sie nich anjemeldet?«

Pinkert drehte den Hut in den Händen und sah seine alte Madam mit demütiger Verlegenheit an. »Hab' ick ihr ooch jesagt . . . Aber die weeß ja nich, wat sich jehört . . .«

»Na, Sie, Pinkert! Sie kommen doch aus'n vornehmen Leben! Sie sind ja Kellner in der U. B.!«

»Jewesen, Frau Below, jewesen.«

»Was sagen Sie da? . . . Kommen Se doch mal näher . . . Ich hör' nich mehr jut.«

Pinkert näherte sich. Wie seltsam er in seinem ›Zivil‹ aussah. Es war ein Anzug mit ›Pfropfenzieherhosen‹, den Minna seit vielen Jahren kannte. Der Hut war noch älter. Er wirkte wie ein gut erhaltenes Museumsstück. Am besten sah das Vorhemdchen aus und der kleine, schwarze Schlips, Kellnerabzeichen, die er unter dem bürgerlichen Anzug trug. Pinkert war gealtert, schlicht und mager, gleichsam nüchtern geworden. Er hatte etwas von einem pensionierten Beamten. Die verdächtige Röte der Weinstube war fort.

338 »Is Herr Below zu Hause?« fragte er behutsam.

»Nee, der sitzt jetzt bei Kranzler. Und meine Schwiegertochter is nach Westend auf 'n Kirchhof. Ich bin janz alleine. Sie können mich ruhig abmurksen, Pinkert. Aber Jeld is nich da.«

Pinkert lächelte. Jetzt sah sie erst, daß in seinen verschwommenen Augen trotz Nüchternheit etwas Glückliches, gleichsam ein Blick in die Ferne lag. »Nee, nee, Frau Below. Janz im Jejenteil. 'n rechtet langet Leben soll'n Se haben.«

»Um Jottes willen, Pinkert! Ich danke! Nu hab' ich das meinige jeleistet! Is nich mehr schön auf der Welt. Na und Sie? Sie finden's schön?«

»Jetzt endlich wieder.«

»Nanu? – Was is Ihnen denn? – Sie sagten doch vorher, Sie wollen weg?«

»Ick habe jekündigt, Frau Below.«

»Wahrhaftig? In dem ollen Sodom und Jomorra? Haben Se sich das jetraut? Setzen Se sich doch mal hin, Pinkert.«

»Danke sehr.« Er saß ihr gegenüber. »Et fing schon damit an, wie ick den kleenen Schwarzen 'rausjehauen habe, den Nejer – davon haben Se woll jehört, Frau Below? Is übrijens sehr hibsch ausjejangen, die Jeschichte. Jetzt hat's der arme kleene Affe jut. Frau Jeheimrat Meyer, wat die reichen Kahlenmeyers sind, in die Bendlerstraße, die hat ihn in ihr Paläh jenommen, und da wird er Diener. 339 Da hat er 'ne jroße Zukunft, denn die Meyern is janz in ihn verliebt.«

»Na so was, Pinkert! Ja, nu lachen Se. Ach Jott, wir wollen doch mal wieder lachen, Pinkert. Das hab' ich so lange nich jetan. Hat denn mein Sohn Ihre Kündigung anjenommen?«

»Natirlich, Frau Below. Der is ja froh, wenn er mir los is. Und Ihr Mann, wat der richtige Herr Below is, der is ja nu ooch nich mehr da. Nee, nee, Nu bin ick endlich draußen. Lieber Schnee schippen, als driben unter de Linden sein.«

Minna rückte ihm etwas näher. »Is woll 'n elender Misthaufen, die janze, jroßartige U. B.? Stinkt woll zum Himmel – was? 'n anständijer Mensch hält's da nich aus?«

»Nee, Frau Below. Wenn ick bloß an't Essen denke.«

»Aber das Essen soll doch jut sein?«

»Ihrs war besser, Frau Below.«

»Nanu! Lieber Jottlieb, es kommt auf die Jeschmäcker an! Die sollen ja Fische aus Rußland kommen lassen, Sterlets oder so was, in Meerwasser jepackt! Für jedes Vieh so'n Bottich!«

»Ick schwör' Ihnen, Frau Below – Ihr Aal in Bier war besser!«

»Das können Se doch nich sagen, Pinkert. Und Renntierrücken? Und Bärenkeule?«

»Rehrücken mit Sahnensoße haben wir ooch jehabt. Setzen Se mal den Fressers Ihre Rinderbrust 340 vor – alle zehn Finger schlecken se sich danach und merken's jar nich, wenn 'n Brilljantring mitjeht. Die sind ja alle so magenklötrig, die Aester – die sind ja bejeistert, wenn't Kartoffelsuppe jibt!«

»Pinkert –«

»Ick habe mir mal 'n Menü zeijen lassen – ick kann doch 'n bißken Französch, weil ick mit 'n Portier von de russische Botschaft befreundet bin – canard aux choux de Versailles à la Rotschild – wissen Se, was det is? Ente mit Rotkohl! Und Epinard? Spinat! Det haben wir ooch jehabt!«

»Und unsere Weine, Pinkert . . .«

»Die sind alle verschnitten!«

Ein Schweigen kam. Pinkert saß mit gesenktem Kopf und drehte den Hut in den Händen. Aber sein Ausdruck war sinnend, nicht traurig. Ein merkwürdiges Lächeln lag auf seinem sonst so grimmigen Gesicht. Minna Below mußte ihm auf den Grund kommen. »Sie sind doch aber 'n alter Mann, Pinkert? Was wollen Se denn nu anfangen?«

Pinkert gab sich einen leisen Ruck. »Ick bin jar nich so alt, Frau Below.«

»Nanu? . . . Entschuld'jen Sie! . . . Ich wollte Sie nich kränken!«

»Ick habe nämlich 'ne Idee – und da wollt' ick nu erjebenst um Ihren Rat jebeten haben.«

»Aha . . . Na, schießen Se los. Was is denn? Wollen Se sich selbständig machen?«

341 »Jawoll. Aber mit 'ne Frau.«

Minna fuhr ganz erschrocken in die Höhe. »Herrjott, sind Sie überjeschnappt, Pinkert?«

Er griente. »Et muß woll so wat sind, Frau Below. Jestern war ick in Hundekehle draußen, und da war et so scheen, und da hab' ick mir verlobt, Frau Below.«

»Mit wem denn? Kenn' ich se denn?«

»Jawoll. Et is die Frau Jeschke in de Invalidenstraße. Rosa Jeschke.«

»Die mit 'n Jrünkramkeller?«

»Flaschenbier hat se ooch. Und 'ne Wäscherolle. Janz scheenet Jeschäft. Aber wenn ick meine sechshundert Daler von de Sparkasse dazutue, denn können wir 'ne Destillazion ufmachen und 'n französches Biljard. Dadrum handelt's sich jetzt eben.«

»Ja, lieber Jottlieb! – – Da läßt sich aber schwer was raten! – Ick kann Ihnen bloß sagen – keene zu jroßen Unternehmungen, Jottlieb! Das sehn Se doch an uns! Man weeß nie, wo man rintappt!«

»Is richtig. Det weeß man nich. Aber schließlich – et soll doch nu ooch 'n janzet andret Leben werden, Frau Below. Da muß man doch ooch rinspringen mit beede Beene.«

»Mir kommt es so vor, als ob Se meinen Rat jar nich mehr nötig haben? Jenau so, wie mein Mann. Reißen Se man ooch die Bude ab.«

342 Pinkert erhob sich langsam. Er stand wie ein fortgewiesener, alter Hund da. »Nehmen Se mir's übel? . . . Schließlich – det bißken, wat man noch vor sich hat . . . Ihr Mann und ick – ohne mir verjleichen zu erlauben – – wir sind doch beede richtje Berliner. Inbuddeln läßt man sich nich.«

Da gab Minna ihm die Hand. »Nee, nee, Pinkert . . . Sie haben janz recht . . . Und meinen Mann versteh' ich jetzt viel besser. Aber das eine halten Se fest: Solide, Pinkert!«

»Selbstverständlich. Adjö, Frau Below.«

»Adjö. Und jrüßen Se Ihre Braut.«

»Rosa läßt sich – –« Er machte einen intensiven Anlauf, blieb aber stecken.

»Na, was läßt se sich denn?« fragte Minna warm.

»Se läßt sich Ihnen empfehlen!« Nach diesen Worten stolperte er hinaus. –

Frau Below blieb in einer leisen, wohligen Heiterkeit zurück. Sie lehnte den Kopf an das Ohr ihres Großvaterstuhles und gab sich der kranken Schnelligkeit ihres Atems hin. Diese Menschen. Diese guten, wunderlichen Menschen. Dummheit auf Dummheit. Aber am Ende lag doch Weisheit darin. Die Hauptsache war, daß man mittat.

Es war dunkel geworden. Sie schmiegte sich, wie so oft schon, an einen großen, nahenden Freund. Langsam schritt er die einsame Straße zu denen, die am Wege liegen geblieben waren. Aber es war 343 Fröhlichkeit in Minna, Versöhnung. Sie war zum Abschied immer bereit. Als sie mit ihrem wehen Lächeln die Augen schloß, hörte sie eine leise Stimme neben sich, die sie plötzlich wieder ins Leben rief. »Mutter!« Es war Hermann. Er hatte angeklopft, war aber von der Träumenden nicht gehört worden. Nun stand er schon bei ihr und legte einen wunderbar farbigen Strauß von Herbstblumen auf ihren Schoß.

»Ach Kind,« flüsterte sie und hielt seine zarte Hand fest, »immer so was Schönes . . . Ich hab' Dich jar nich jehört . . . Is Annchen auch da?«.

»Anna mußte leider unterwegs bleiben. Sie arbeitet für den Fürsorgeverein. Der schickt sie oft in die unerforschtesten Gegenden. Heute zum Beispiel hat sie eine Recherche in Rixdorf.«

»In Rixdorf? . . . Dann krieg' ich se nich mehr zu sehn. Aber schön, daß Du jekommen bist, mein lieber Junge. Setz' Dich. Soll ich Licht machen?«

»Nein, Mutter. Bleib' ruhig sitzen, bitte. So ist es am schönsten. Die Abendsonne noch in den Fenstern – das Zimmer schon dunkel. Das ist so beruhigend. Ich war viel unterwegs.«

»Du auch? Davon erzählst Du mir. Ach ja. Aber erst –«

»Was ist denn, Mutter?«

»Ich muß doch meinem Jast was anbieten!«

Sie griff nach einem mit Glasperlen bestickten Klingelzug, der an der Wand hing. Hermanns 344 Augen folgten ihren Bewegungen. Bertha erschien und sollte die »Borsdorfer« bringen. Bald kam sie mit einer Kristallschale wieder, in der ein kleiner Berg der schönsten Aepfel lag. Freundlich lächelnd ließ sie Mutter und Sohn allein.

»Iß man, Hermann, iß man. Das is jesund. Ich finde, Du siehst 'n bißchen spitz aus. Soll ich Dir 'n paar Aepfel schälen?«

»Nein, danke, Mutter, die reib' ich mir ab und esse sie mit der Schale.«

»Hab' se selber unten auf'n Kahn jekauft. Wie jeht's denn Minchen?«

»Kolossal mit einer Handarbeit für Großmama beschäftigt.«

»Ach je! Das süße Kind!«

»Die Aepfel sind wirklich famos. Da holt man sich Kräfte . . .«

»Wo biste denn wieder jewesen?«

»Ja, Mutter, ich lerne Berlin kennen.«

»Für die Bekanntschaft dank' ich.«

»Mutter, wir wollen doch 'n bißchen anders drüber denken. Du auch. Ich weiß gewiß, wie schwer es Dir fällt. Aber der Gerechtigkeit wegen, Mutter –«

»Ich habe auch keine Jerechtigkeit jehabt.«

»Gewiß. Aber die vom alten Stamm müssen doch den öden Spekulanten zeigen, was Gerechtigkeit ist.« Er rückte nahe an sie heran. Sie ließ ihre matte Hand in seiner jungen, lebendigen. »Ich habe 345 in Arendswalde immer nur das Gefühl gehabt: Berlin ist ein Arbeitsgefängnis. Aber es ist doch mehr, Mutter. Die Luft ist so hart und frisch und gar nicht sentimental. Poetische Träume sind hier Privatangelegenheit. . . . Aber Berlin hat auch Poesie. Du bist wohl nie auf der Hochbahn gefahren, Mutter? Abends mein' ich, über das Gleisdreieck? Der sprühende Wirrwarr in heiligster Ordnung. Das Chaos der Existenzen, über die man fortsaust. Wundervoll. Und gestern hab' ich die Wachtparade gesehen. Schreiten können ist auch was, Mutter. Beethoven hätte sich über den Rhythmus gefreut. Ach, in diesem Weltstadtbrei ein Rückgrat, Mutter – das muß sein! Und heute – heute sah ich einen Aviatiker! Der fliegt uns allen davon!«

»Wie Du schwärmen kannst, Hermann . . .«

»Ja, das hab' ich wieder in Berlin gelernt. Merkwürdig – was? In Arendswalde war ich ein Theoretiker. Schwärmerei, verlaß mich nicht. Ob ich im Osten zwischen Arbeiterhäusern gehe oder im Westen durch den glatten Straßenwirrwarr. Der Verkehr bringt mich in Feuer. Ich bin Berliner und will es nicht mehr verleugnen. Es ist wunderbar, wie das Ungetüm sich in sich selbst bewegt.«

»Aber Hermann! Muß denn nu alles so schnell jehn?«

»Es wäre töricht, jetzt noch Stillstand zu predigen, in den Organismus einzugreifen, ohne ihn in der Gewalt zu haben, Mutter. Und rührend ist es doch, 346 aus der Steinmasse herauszukommen, in den sauberen Tiergarten, wo die neue Generation spielt und jeder Grashalm einen Groschen kostet.«

»Natürlich! Draufrumtrampeln is verboten!«

»In der Berliner ›Natur‹ hab' ich ganz besondere, heilige Gefühle. Da lauf' ich jetzt noch wie als kleiner Junge 'rum. Nur ist das Träumen jetzt gefährlicher als damals. Man muß sich vor den vielen Denkmälern in Acht nehmen. Marmor ist hart, und ein Träumer läuft leicht mit dem Schädel dagegen.«

»Zeig' her, hast Du 'ne Brüsche?«

»Nein, Mutter! Aber an den Goldfischteich geh' ich niemals wieder! Da war es früher mal so schön! Jetzt steht da das Haydn-Mozart-Beethoven-Denkmal. Eine Engrosbetätigung offiziellen Pietätwahns. Daß mir Berlin das antun mußte. Wo ich Beethoven kennen gelernt habe. Ich hatte 'ne böse Halluzination. Ich hielt das Denkmal nämlich für 'ne bewegliche Normaluhr. Ja, Du lachst, Mutter. Aber ich glaubte felsenfest, daß man es 'rumdrehen könnte. Erst 'n bißchen Beethoven, dann 'n bißchen Mozart, dann 'n bißchen Haydn. Aber das hat der Bildhauer übersehen . . . Herrgott, ich schwatze so viel. Verzeih' mir, Mutter. Das strengt Dich wohl an?«

Minna saß zurückgelehnt und hatte gespannt gelauscht.

»Nee, nee. Hermann. Ich höre so jerne, was Du sagst. Aber Du bist janz anders jeworden . . . Was 347 is das nu, Hermann? Bist Du nu wirklich jerne wieder in Berlin?«

Er wurde ernster. »Ja, Mutter. Es reut mich so viel. Ich sage mir jetzt, daß man gotische Städte mit Giebelhäusern lieb haben kann, aber niemals wird man sich als Heimat vortäuschen, wo man nur Gast ist. Ich will es in Berlin versuchen. Mir schwebt etwas vor. Ein neues Berlin, Mutter. Beruhigt Dich das nicht, daß ich an sowas glaube?«

»Ja, Hermann . . . Wie meinst Du das aber? Ein neues Berlin? Sie reißen doch alles zusammen.«

»So muß man seine Heimat in dem suchen, was sie wieder aufbauen.«

»Aber Du brauchst doch frische Luft . . . Du brauchst doch Bäume . . .«

Hermann stand auf und trat ans Fenster. »Draußen, Mutter, zur Havel hinunter und in der Mark, da wird das wieder sein. Wenn Berlin erst bis dort hinausrückt. Die ganze innere Stadt muß steinerne Industrie werden. Die Menschen wohnen drum 'rum, um den Herd ihrer Kräfte. Draußen werden wieder Gärten wachsen. Es ist ein harter Weg – aber wir haben ihn schon beschritten. Andere Frauen, andere Kinder, Mutter. Dafür arbeitet Anna. Sie lindert nicht nur körperliche Not. Erziehung, Mutter. Ich versuch' es bei den Männern. Ich starre nicht mehr in einen ›Zukunftsstaat‹. Aber auf die Stadt und die Menschen der Zukunft müssen wir blicken. Erst hat das Geld unsere Ideen zertrampelt – nun 348 soll das Geld sich in Ideen umwandeln. Neue Werte, keine Phantome. Realitäten, Mutter. Von dieser Gesundheit zeig' ich Dir was, von dieser wunderbaren Härte. Nein, lächle nicht und schüttle nicht den Kopf.«

»Ich bin zu alt dafür. Ich bin Ballast, Hermann. Ich drücke mich vorher.«

»Wird nicht geduldet, Mutter! Bleib' Du in Deinem Stuhl und laß Dir erzählen! Du glaubst mir ja!«

»Mein guter Junge . . .«

»Du hast es so schön in Deiner alten Wohnung.«

»Ach Jott, nich mal 'ne jute Stube . . .«

»Du kommst auch wieder ins Freie hinaus. Du bist ja noch gar nicht so alt! Du wirst doch wieder reisen, Mutter!«

»Jossensaß, Hermann!! . . .«

Es kam aus ihrer Seele mit schluchzender Gewalt. Ein Gewoge von Erinnerungen. Fast sprang ihr das Herz. Hermann erschrak. Er hatte zu viel von seiner Arzenei gespendet. Jetzt galt es, wieder den Vorhang über die wartende Herrlichkeit zu ziehen. Er hatte sie noch in der Gewalt – in seiner Mutter tönte sie auch, aber mit der Stimme des Abschieds. Er küßte sie, und sie wurde ruhiger. Beiden fuhr es jetzt durch den Sinn, daß sie Rudolf mit keinem Wort erwähnt hatten. Dennoch hatte er im Mittelpunkt ihres Gespräches gestanden.

349 Nun hörten sie schwere, müde klingende Schritte. Sie faßten sich und trockneten ihre Augen; Joachim Friedrich betrat das Zimmer. – –

In der Burgstraße fanden sich leidende Menschen zusammen, und wo das geschieht, gibt es keine Einsamkeit. Der Einsame, mitten im Gewoge, war Rudolf. Er konnte seinen Halt nicht mehr bei liebevollen Mutteraugen suchen. Vater und Gattin hatten sich von ihm getrennt – dem Erdreich menschlicher Zugehörigkeit war er enthoben. Er starrte das Leben wie die Feuerräder an, die über seinem Hause in den nächtigen Himmel leuchteten. Die aufzuckten, schwanden und wiederkamen, über der Riesenstadt mit ihren Menschenmillionen. Leer war Rudolfs Tag – er lebte nur noch nachts. Indem er vor Gefahren floh, versank er in Gefahren. Die geheime Spielhölle wurde bald sein einziges Heil. Auch die Sportwetten konnten ihm die Chancen des Zufalls nicht ersetzen. Soliden Verdienst hatte er längst aufgegeben. Wenn er den Dingen ins Gesicht sah, zeigten sie ihm nur, wie lange sie noch standhalten würden. Er wollte ihnen aber nicht ins Gesicht sehen.

Merkwürdige Dauer wurde dem Zersetzungsprozeß dieser kühnen Persönlichkeit gewährt. Die Trennung vom Vater gab ihm zwar einen härteren Stoß, als ihm bewußt wurde. Below sprach sich zu niemand gegen die U. B. aus, er schützte nur Altersrücksichten vor, aber man kombinierte, ohne auf ihn zu achten. Der Alte hatte wohl seinen Grund und 350 Boden verloren, aber er selbst war gerettet, solange der Fäulnisprozeß nicht die Wurzel angegriffen hatte. Nun brauchte man keine Rücksicht mehr zu nehmen. Doch die Dinge waren zu tief verschlungen.

Die Hauptteilhaber standen selbst auf schwachen Füßen, und die wachsende Misere des Geldmarktes hatte schon viele zu Fall gebracht. Was Amerika nachgemacht worden, fiel im Zeichen Amerikas. Wer sich noch hielt, zitterte wie die Stütze eines Kartenhauses. Jetzt durfte man sich keinesfalls mit Rudi Below auseinandersetzen. Lieber ihm weiter nachlaufen, dem Rattenfänger, der immerhin ein Genie war. Er konnte noch eher einen Ausweg finden als Herr Müller oder Herr Cohn. Seine wildesten Rechnungsberichte nahm man, wenn der glatte Oberkellner Wechsler sie servierte, geduldig hin. Man hinderte ihn an seiner Gesundung, statt ihn hineinzutreiben. Das Wort »Konkursanmeldung« drohte als greuliches Gespenst und durfte nicht ausgesprochen werden.

Er fiel noch nicht. Es war zu unterhaltend, einem solchen Gaukler zuzusehen. Berlin ließ sich auf dem Markt seine Kunststücke vormachen, dort, wo man sich ansammeln und harmlos weitergehen konnte, ohne etwas auf den Sammelteller werfen zu müssen. Man wartete gespannt auf das Neueste, man nahm ihn nicht mehr ernst. Nur für die älteren, wirklich soliden Elemente der Großindustrie blieb es ein quälender Gedanke, was sich Unter den Linden 351 vollzog. Man verübelte Below seine Fahnenflucht. Er hätte den Sohn zum ehrlichen Konkurs drängen müssen. Man wußte nicht, wie frei und doch seltsam abhängig Joachim Friedrich von diesem Sohn war.

Als die Gerüchte immer bedrohlicher wurden, konstituierte sich eine Versammlung, die einen der ältesten Namen retten wollte. Selbst mochte man zwar in den schweren Zeiten nichts riskieren. So wandte man sich denn an den bedeutendsten Eingeladenen, an Berthold Ascher. Der alte Freund des Belowschen Hauses, der geniale Organisator, dem das Schwierigste geglückt war, sollte auch diese Herkulesarbeit übernehmen. Man bat ihn dringend, den Augiasstall zu säubern, einen hochbegabten Mann, um den es doch schade wäre, zur Aufdeckung seiner Karten zu bringen.

Doch Berthold Ascher lehnte ab. Er sei zu alt für dergleichen. Er beschränke sich auf das Oberkommando über seine eigenen Unternehmungen. Man wunderte sich über diese Antwort. Es war eine Gelegenheit zu einem kolossalen Geschäft, denn Ascher fand nicht alle Tage eine Below-Ecke. Die ließ er sich entgehen? Sollte es wahr sein, was ein Gerücht erzählte – der alte Berthold sei ein gebrochener Mann? Ein von Krankheit Gequälter, der bei Nacht ein Leben führte, das sein großer, arbeitsamer Tag nicht ahnen ließ? Oder konnte man sich nur auf einen ganz besonderen Coup gefaßt machen? 352 War er wieder schlauer als alle anderen? Man durfte dem Fuchs nicht trauen.

Rudolfs Stellung in der U. B. war längst nicht mehr die eines Beamten. Er hieß zwar noch Generaldirektor, aber er konnte sein hohes Gehalt ebenso wenig beziehen, wie er des Vaters Zinsen bezahlte. Sein Recht auf Provision löste sich allmählich in dem Recht auf, eigenen Vorteil mit fremdem zu vermischen. So wurde ihm der Wahn seiner Selbstherrlichkeit noch bestärkt. Es gab viele Kreise, wo Rudi Below der angebetete Gott blieb, wenn es auch nur von Nacht zu Nacht war. Doch hielt sich der Amerikaner in ihm auch eine frischere Welt offen.

Er blieb Sportsmann. Seine physische Kraft ließ im ärgsten Sorgengetriebe nicht nach. Immer wieder trug ihn sein Automobil nach Wannsee hinaus. Im Klubpalais gab er märchenhafte Feste, von denen sich Berlin erzählte. Er zauberte ein Leben hervor, wie der Philister es nur in Büchern gelesen. Rudolfs Harem war nicht von der gewöhnlichen Art. Ihn liebten durchgebrannte Damen aus vornehmen Häusern, die ihrer Freiheit froh waren. Alles, was auf dem Weg zur Käuflichkeit war oder die Käuflichkeit verhüllte, drängte sich um seinen Wagen. Mit trauriger Sehnsucht nur sah die gewöhnliche Dirne dem Bacchuszuge nach. Was war er im Grunde mehr als sie?

Das »Glück« küßte Rudi Below immer noch, wie wenige Sterbliche. Er genoß es maßlos, toll. Erst 353 wenn er seine Getreuen in bekränzten Automobilen nach Berlin zurückbefördert hatte, kam im Morgengrauen die Leere über ihn. Dann flüchtete er vor jedem Arbeiter, der früh zum Beruf schritt, und versteckte sich in seiner öden Wohnung, wo keine Gattin auf ihn wartete, wo man vergessen hatte, das Bettchen eines toten Knaben zu entfernen. –

Im Winter hatte Rudi sein Reich bei Koloman Raczag. Das war ein feister, verschmitzter Ungar – »eingewandert«. Er verstand es, den Segen von Budapest nach Berlin zu übertragen – sein Erfolg war groß. In einer Seitenstraße der Friedrichstadt kam man durch eine unscheinbare Mietskaserne in das Freudenreich. Koloman leitete ein Ballokal, dem die stärkste Konkurrenz erlag. Schon der Name war ein Trumpf: »Chik und Chek. Berliner Nächte.« Die Originalität des Ungarn zeigte sich Rudi Below überlegen. Raczag war unbeladen. Ihm schlummerten Vater und Mutter in Temesvar. Er hatte kein Erbe und konnte sich nirgends vergreifen. Voraussetzungslos machte er als Kenner sein Geschäft.

Aber Rudi Below wurde Raczags bester Kunde. Im Winter erschien er fast jede Nacht, in guter oder übler Stimmung – das kam auf die Resultate der Spielbank an. Doch immer wieder wurde die Stimmung gut. Nur wenn Rudi einmal fehlte, gähnte man im »Chik und Chek«. Sonst aber saß er wie Herodes auf dem Thron, und jede Salome tanzte für ihn. Was sie als Lohn forderte, war 354 durchaus kein Prophetenhaupt, sondern sie begnügte sich mit Hundertmarkscheinen und unerschöpflichem Sekt. Da diese Spenden durch viele Nächte sich fortsetzten, wurde ein Vermögen verschleudert, das fast der U. B. aufgeholfen hätte. Doch der Generaldirektor hatte jeden Sinn für Ziel und Ordnung verloren. Er betäubte sich. Es genügte ihm, wenn leuchtende Augen ihn anlachten und weiche Arme ihn umschlangen. Das »Ziel« war ihm ja doch verdorben.

Eines störte Rudi beständig. Begegnungen mit einem Manne, die ihm hier am unangenehmsten waren. Anfangs war er ganz verblüfft, als er Berthold Ascher in dieser Welt erblickte. Hier also war der alte Weise doch nicht stärker als der junge Phantast. Hier sah man ihn herumschleichen wie ein dürres, hungerndes Raubtier, halb verzagt ob seiner alten Häßlichkeit, halb trotzig, weil seinem Gelde alles zur Verfügung stand. Bald lockte er die hübschen Larven an sich, bald stieß er sie zurück. Sein Handel war allzu klar, und Rudi Below als Zuschauer – das ging nicht! »Sie wundern sich wohl, daß Sie mich hier treffen?« fragte er plötzlich einmal, auf den Ueberraschten zusteuernd. »Ich bin Witwer.« Rudolf zuckte die Achseln und wandte sich ab.

Ascher aber wurde noch stärker behelligt. Der Ruf von Koloman Raczag reichte weit. Hier suchte jeder, der es sich leisten konnte, sein Vergnügen. So geschah es, daß der Alte, ein Mädel am Arm, eines Abends zweien seiner Söhne begegnete. Leo, der 355 Lebemann, und der hinkende Moritz erschienen. Vater und Söhne starrten sich an, aber sie lachten nicht. Sie verleugneten sich und gingen vorüber. Die Söhne kamen von der Arbeit, die ihr Vater ihnen gegeben hatte. Sollten sie jetzt nicht genießen? Der Vater kam von einem Leben, das nichts als Arbeit gewesen war. Sollte er jetzt nicht genießen? Dennoch blieb es eine Pein.

Rudolf hätte sich nicht mit so sinnloser Verschwendung dem Venusberge ergeben, wenn nicht in seinem Innersten ein lähmender Schmerz gewesen wäre, ein Gedanke, der ihn aus jeder klaren Ruhe trieb. Er sprach zu keiner Menschenseele davon. Bitter konnte er nur feststellen, wie rasch man in Berlin einen Stern vergaß. Man hatte wohl in den Zeitungen von dem Unglück Erna Paulanas gelesen, war auch einige Tage recht aufgeregt darüber gewesen. Aber das papierne Zeitalter deckte alle Wunden zu. Die glühendste Teilnahme für einen Mörder erlosch, sobald er hingerichtet war. Die entzückendste Frau durfte nicht älter als 40 Jahre werden. Ernas Tragik, die anfangs jede Dichterphantasie entflammt hatte, wurde nach wenigen Wochen der Gegenstand flüchtigen Mitleids.

In Rußland, wohin Erna von Berlin gegangen war, hatte sich ihr alter Dämon, der Mulatte Hammond, wieder zu ihr gesellt. Dieser häßliche, elegante Faulenzer hatte das Wesen eines großen Raubtiers – träg und lastend, plötzlich von grausamer Kraft. 356 Erna entrann ihm nicht. Mit ihren Berliner Einnahmen mußte sie ihn von seinen Gläubigern befreien, und in Rußland überwachte er alles, was ihr zufloß.

Hammond hatte nichts von der gesunden Tüchtigkeit der Artistenwelt. Er war ein Abenteurer, ein Spieler und Flausenmacher. Er riß die Geliebte aus der ehrlichen Gemeinschaft heraus, die sie mit den Kollegen verband. Er okkupierte ihre Einnahmen und zog sie aus dem harten Rußland ins weiche Italien hinunter. Nach Monte Carlo trachtete Hammond, denn nun hatte er Geld. Er sprengte die Bank, und Erna wurde die Königin dieser schimmernden Frühlingstage. Dann aber verloren sie alles wieder.

Sie gastierten in Mailand. Aber Ernas Unsicherheit war nun gekommen. Ihr Tier, dem sie blind vertraut hatte, ihr großer, brauner Bär fiel eines Abends die Herrin an. In Berlin war er noch tückisch fromm gewesen, in Rußland launisch, und in Mailand zeigte er plötzlich seine Wut. Eine Panik entstand im Theater, Hammond schoß auf den Bären und traf ihn. Erna wurde lebend von der Bühne getragen, aber die Tatze der Bestie hatte ihr Werk getan. Sie war über Ernas Gesicht gefahren und hatte ihr den Hals aufgerissen. Narben blieben übrig, die nicht getilgt werden konnten.

Lange lag Erna, von Fieber geschüttelt, im Mailänder Hospital. Hammond pflegte sie anfangs, dann 357 ließ er sie allein, um als Jongleur Geld zu verdienen. Er wollte ihr alles schicken. Doch der Mulatte blieb verschwunden. Erna hatte dies erwartet, sie wurde durch seinen Treubruch weniger erschüttert als befreit. Nur über ihre Entstellung kam sie nicht fort. Sie konnte niemals wieder auftreten. Alles hatte ihr der eine Tatzenschlag genommen. Die Welt aber, die ihr zugejubelt, machte es nicht anders als die Bestie. Man zerriß ihr Bild. Das große Mitleid hatte schwache Beine – man trachtete nur nach »Ersatz«.

Nach dieser Erfahrung schlug Erna die Sammelspende ihrer Kollegen aus und wandte sich an ihren Bruder Rudolf. Sie schilderte ihm alles. Er verschwieg ihr in seiner Antwort die eigene Bedrängnis. Er schickte ihr, was er bei sich trug. Aber sie hörte aus seiner leidenschaftlichen Bitterkeit heraus, wie es um ihn selbst stand. Als Rudolf wieder Geld nach Mailand sandte, erhielt er es von der Post als unbestellbar zurück. Die Artistin Erna Paulana war als »geheilt« aus dem Hospital entlassen worden. Niemand wußte, wohin sie sich gewandt hatte. Rudolf hörte nichts mehr von ihr.

Nun wurde er zum grübelnden Fatalisten. Verfolgungswahn griff seine trotzige Natur an. Jede Zufälligkeit gewann für ihn Bedeutung. An dem Abend, da die Bärentatze das Antlitz seiner Schwester zerstört hatte, schloß er sich jeden Monat ein. Durch nichts war er zu bewegen, irgendeine 358 Handlung vorzunehmen. Auch das Datum seiner Unterredung mit Hermann war ein Unglückstag, wie der Tod seines Kindes und die Trennung von seinem Vater. Seltsamerweise blickte er noch immer sehnsüchtig zu dem unbrauchbaren Alten hinüber. Er herrschte in einem Lindenpalast und sehnte sich danach, in der Burgstraße ein gutes Wort zu hören. Dort waren die Eltern, der Bruder, dort lebte seine Frau. Die feindliche Partei war dort. Er haßte und liebte sie alle. Sein Fatalismus aber galt vor allem dem Gebiet, das ihn einzig noch fesselte. Nur in dem Geheimnis des »grünen Zimmers« war er der alte Rudi. Dort hinten, an der Mittelstraße, wo jede Nacht ein Posten stand, der nur Vertraute einließ.

Rudolfs Spielglück wechselte. Er hoffte immer auf einen großen Coup. Aber seine Genossen waren raffiniert. Hier hatte sich eine traurige »Internationale« angesammelt, eine Karikatur von Rudolfs ersten Träumen. Wechsler kam nicht mehr. Rudolf hatte beobachtet, daß der Rechtsanwalt vor diesem Abgrund gestutzt hatte. Hier war ein Below weiter gegangen als er. »Rutschbahn, Rutschbahn, mein Lieber,« hatte er nach einem kleinen Verlust gemurmelt. »Dabei ist kein Segen. Wenn ich spielen würde, hätte ich keine Ideen.«

Rudolf ließ sich nicht beirren. Er strebte auf den großen Schlag zu – ohne Wechsler um so besser. Aber an dem Tage, da er ihm gelingen sollte, kam 359 ein Rohrpostbrief des Rechtsanwalts, der den Fatalisten wieder verwirrte. »Lieber Rudi! Habe mich eben entschlossen, nach Wien zu fahren, um eventuell ein paar neue Leute zu gewinnen. Wien ist für uns jungfräulicher Boden, die Leute haben auch mehr Phantasie als in Berlin. Gedulden Sie sich – ich gebe Nachricht, wenn ich Nachricht habe. Und nun noch eins, Rudi – machen Sie das grüne Zimmer zu. Setzen Sie die ganze Bande an die Luft. Freundesrat, Rudi! So geht's nicht! Ich wittere Morgenluft! Lassen Sie's lieber umkippen – Sie krabbeln sich doch noch heraus! Auf Wiedersehen! Wechsler.«

Rudolf glaubte mehr zu lesen, als in diesen Zeilen stand. Die plötzliche Reise nach Wien? War das eine Finte? Dachte er an Flucht? Das Ganze klang danach, und doch, es war ja unmöglich. Wechsler hatte eine große Familie in Berlin. Wechsler war nicht tot zu kriegen. Dennoch . . . Aber ein eigentümlicher Trotz hinderte Rudolf, dem Windhund nachzuspüren. Nur die große Nacht im grünen Zimmer war ihm vergällt. Eine so deutliche Warnung, unvermittelt, kurz vorher! Da durfte er nichts wagen.

Aber nur einen Tag bezähmte er sich. Am nächsten Abend spielte er schon wieder. Und er gewann. Er durfte das Aeußerste nicht wagen, doch der Weg war geebnet. Fatalismus! Lächerlich! Auch 360 grauenhaft. Man konnte sich nicht einmal auf seinen Fatalismus verlassen . . . Immer wieder starrte Rudi Below in Wechslers Brief. »Ich wittere Morgenluft?« Was sollte das heißen? Eine Beobachtung durch die Polizei war ausgeschlossen. Man konnte nicht ahnen, was im hintersten Winkel der U. B. geschah.

So ging denn Rudolf auch am nächsten Abend zum Spieltisch. Verzerrt, halb lachend, halb drohend sahen die Kumpane ihn kommen. Sie ahnten, was er vorhatte. Und noch einmal führte das Glück, an dessen Mantelsaum er hing, seine Hand. Doch als es eben gelang, und unter wilden Flüchen alles, alles zu ihm hinflog, hörte man vor der Tür einen heftigen Wortwechsel, dem ein dumpfer Schlag folgte. Die Spieler erstarrten. Der Posten draußen hatte sich zur Wehr gesetzt, er war überwältigt worden. Im nächsten Augenblick betrat die Kriminalpolizei das Zimmer. – –

An einem stürmischen Märzsonntag kam Adolf Wünschel zu Belows hinauf. Die steile, alte Treppe wurde dem Asthmatischen sauer, aber er hatte wieder eine große Neuigkeit bei sich, und so kletterte er stöhnend, mit giftigem Lächeln, Stufe für Stufe. Oben angelangt, traf er seine Tochter bei Minna Below, auch Hermann und Anna. Das störte den Hiobsboten. Er fühlte sich von den jungen Leuten durchschaut. Auch traute er sich nicht recht heraus, weil er Frau 361 Below sehr hinfällig fand und das Gebot des Arztes kannte. Geduckt saß er da und trank zunächst einmal zwei Tassen Kaffee.

Martha, die jetzt eine nachlässig gekleidete, ältliche Frau war, von gramvoller Heftigkeit, sah ihrem Vater an, daß er etwas im Schilde führte. Plötzlich fuhr sie auf ihn zu. »Vater, ich muß Dir mal was sagen! Nichts Wichtiges, Mutter! Bloß 'ne private Kleinigkeit!«

Sie warf einen bittenden Blick auf Anna. Wünschel knurrte. »Muß ich dazu aufstehen? Sag' mir's doch ins Ohr.«

»Du bist zu schwerhörig,« antwortete Martha grob. »Komm' ans Fenster.«

Wünschel gehorchte. »Was ist denn?«

»Ich möchte Dir nur sagen, daß wir schon wissen, was in der U. B. passiert ist.«

»Meinst Du die Entdeckung der Spielhölle? Das weiß die ganze Welt.«

»Du siehst an Mutters Zustand, was sie weiß. Sie hat eine schreckliche Nacht gehabt. Was zuckst Du denn so?«

»Es ist mir immer noch greulich, wenn Du die fremde Frau da Mutter nennst.«

»Die kenn' ich wenigstens – meine eigene Mutter hab' ich nicht gekannt.«

»Also die Neuigkeit habt Ihr schon? . . . Na, dann spar' ich mir die andere! . . .«

362 Nach diesen Worten kicherte Wünschel und schob sich mit diabolischem Ausdruck wieder zum Tisch hinüber. Er war so flink, daß Martha ihn nicht halten konnte.

Die Tochter war bleich geworden. Er wußte also noch mehr? Er war vielleicht gekommen, um den entscheidenden Streich zu führen? Um sich zu weiden am Zusammenbruch der Belows? – – Aber sie durfte nichts aus ihm herausbringen. Die Kranke war zu argwöhnisch – sie kannte Wünschels Art und ließ nicht die Augen von ihm.

Hermann und Anna saßen ernst dabei. Sie ahnten, was sich unerbittlich vollzog.

Below kam nach Hause. Das alte Aufrechtsein, das man früher an ihm gekannt, war vorüber. Den silbern schimmernden Kopf trug er meist gesenkt, die blauen Augen matt und grübelnd ins Unbestimmte gerichtet. Er ging, die Hände am Kreuz gefaltet, auf und ab.

Das Schweigen dauerte lange. Man hörte nur Wünschel Kaffee schmatzen.

»Also Mutter,« begann Below leise, einen milderen Blick auf seine Frau gerichtet, »ich habe mich jetzt erkundigt. Es is nicht so schlimm, die Geschichte. Du kannst ganz ruhig sein. Der Dreck is zwar aufgedeckt, aber verhaftet wurde keiner. Bloß die Personalien sind festgestellt. Alles andere kommt später.«

363 »Was kommt später, Fritz?« fragte Minna leise.

»Die Leute haben Hasardspiel getrieben. Na . . . ich weiß nicht, was drauf steht. Ich bin in solchen Sachen nicht bewandert . . . Aber es wird wohl mit Geld abzumachen sein . . .«

»Hoffentlich . . .«

»Seh'n Sie, Below, das glaub' ich nu weniger,« meinte Wünschel.

»Sie sind ja auch, Gott sei Dank, kein Staatsanwalt.« Mit diesen Worten fertigte Below ihn ab. Dann wandte er sich wieder zu seiner Frau. »Es is ja schrecklich, was da passiert is, Minna. Es is unbegreiflich, trotz allem, daß ein Sohn von uns zu sowas gegriffen hat – – aber – es is auch 'n Segen dabei. Und daran mußt Du denken. Solche Zwischenfälle trennen uns vollständig von ihm. Jetzt weiß die Welt, warum ich mich von ihm losgesagt habe. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Ich habe niemals Weine gepanscht – ich weiß, was ich meinem Namen schuldig bin.«

Minna saß mit zurückgelehntem Kopf und rang nach Atem.

»Denkst Du nich aber 'n bißchen zu viel an Dich, Fritz? Ich jlaube, es is Zeit – sich auch in den Jungen reinzuversetzen. Der arme Mensch. Sie hetzen ihn ja alle. Bis er so weit jekommen is.« Hermann stand auf und trat zu der Mutter.

Below machte große Augen.

364 »Nanu, Minna? So hast Du Dich ja noch nie geäußert? Du hast ihm doch die ganze Sache vor die Füße geschmissen?«

»Damals! . . . Er is doch unser Sohn!«

Sie starrte zum Fenster. Heute brach die Abendsonne nicht durch das Gewölk. Es war ein grauverhängter Sturmtag. Frühlingsahnung draußen, die man im geheizten Zimmer nicht spüren konnte. Martha trat auch heran. »Wir wollen lieber nicht mehr davon sprechen, Vater. Mutter ist so angegriffen. Komm', ich werde Dir den Eisbeutel erneuern.« Anna war schon an einem kleinen Tisch mit der Vorbereitung beschäftigt.

»Es ist ja auch alles nicht so schlimm,« krächzte jetzt Wünschel plötzlich und stellte seine Tasse hin. »Es kommt ja lediglich drauf an, wie jeder persönlich beteiligt ist! Darauf sieht der Richter. Was geht denn Ihren Sohn zum Beispiel an, was Rechtsanwalt Wechsler ausgefressen hat?«

Alle wandten sich ihm zu. »Wechsler? . . .«

Nun waltete der böse Trieb in Wünschel. Er mußte es sagen. »Ja, wissen Sie denn gar nichts? Sie auch nicht, Below?«

»Halt' doch bloß den Mund!« rief Martha außer sich; man sah es ihr an, wie ihre Empfindung zu Rudolf überging.

»Herr Wünschel!« rief Hermann drohend. »Ich ersuche Sie dringend, in Rücksicht auf meine Mutter –!«

365 »Aber was is denn? Was habt Ihr denn, Kinder?« flüsterte Minna mit fliegendem Atem. Sie wandte sich von einem zum andern.

»Sachte, sachte, junger Mann!« rief Wünschel, sich reckend. »Ich verbitte mir diesen Ton! Sie haben als Bruder eines gewissen Herrn durchaus kein Recht dazu! Rechtsanwalt Wechsler, der Kumpan dieses Herrn, ist flüchtig! Er hat Mündelgelder unterschlagen! Seine Unternehmungen sind verkracht! Aber Frau Below!«

Er hielt inne, denn Minna war in den Stuhl zurückgefallen. »Jott im Himmel!«

»Verlassen Sie augenblicklich das Zimmer!« rief Hermann zornentbrannt.

»Ich gehe schon, ich gehe! Auf Nimmerwiedersehen! So wird Dein Vater hier behandelt, Martha!«

Below folgte Wünschel einige Schritte. »Is das richtig, was Sie da eben – –?«

»Freilich, mein Teuerster! Freilich ist es richtig! Wird wohl noch viel mehr richtig sein! Die ganze Bande steckt ja unter einer Decke! Betrüger, Halsabschneider allesamt! Ich hab' es aus bester Quelle! Jetzt fällt die U. B.! Jetzt fällt sie!« Er rief es triumphierend, mit einem heulenden, hündischen Ton. Er hatte die Kranke ganz vergessen. Dann warf er seiner Tochter noch einen bösen Blick zu und verschwand.

366 Martha riß Hut und Mantel an sich. »Ich muß zu Rudolf!«

Below hielt sie fest. »Das werden Sie bleiben lassen! Sie haben sich in unsern Schutz begeben! Entweder gehören Sie zu uns oder – –«

»Ich gehöre zu meinem Mann, Herr Below!«

»Was soll man dazu sagen, Minna?! Nee, nee, – für uns is es gut! Für uns is es die Erlösung! Beruhige Dich doch! Wir haben mit solchen Leuten nichts zu tun! Außerdem – der Giftpilz – der Wünschel – wer weiß denn, ob Rudolf an Wechslers Sachen beteiligt is? Ich kann mir's noch nicht denken! Er muß doch im letzten Augenblick gewußt haben, was er uns schuldig is! Laß man, Minna! Ich werde mich jetzt erkundigen!«

Er wollte zur Tür, doch da kam ihm die alte Bertha ganz blaß und verwirrt entgegen. »Herr Below, draußen is jemand – –«

»Na, wer denn –?«

»Rudolf!!« schrie Martha auf.

»Rudolf? . . .« Minna konnte sich nicht vom Stuhl erheben.

»Wer is es, Bertha –?«

»Es is schon Herr Rudolf . . . Ich hab' ihn erst jar nich erkannt . . . Er will aber Herrn Below janz alleine sprechen.«

Martha blieb steif an ihrer Stelle. Die plötzliche Nähe des Menschen, der ihr Schicksal war, lähmte sie.

367 »Was kann er denn nur wollen?« flüsterte Minna. »Zum erstenmal bei uns? Und jrade heut? Das muß doch was Schlimmes sein?!«

»Sagen Sie meinem Sohn – – nein, warten Sie mal, ich komme gleich mit. Du bleibst bei Mutter, Hermann.«

Below ging mit Bertha auf den Korridor hinaus. Die Tür stand offen. Rudolf war noch auf der Treppe. Im Pelz, eine Automobilmütze auf dem Kopf, lehnte er am Geländer.

»Komm' doch rein . . . Geh'n Sie in die Küche, Bertha . . . Komm' in meine Stube, Rudolf. Ich schließe die Tür ab.«

»Danke, Vater.«

Rudolf ging etwas schwankend hinter ihm her. Er hatte ein ganz kleines, fahles Gesicht bekommen – die Augen schweiften unstet an Below vorbei. »Was sagst Du zu Wechsler, Vater?«

»Ich weiß nichts Näheres . . . Er is fort?«

»Seit vierzehn Tagen. Der Schurke hat mir geschrieben, daß er nach Wien – um Teilhaber zu suchen – – aber wahrscheinlich ist er nach England – und von England – nach Amerika – – nun hat er einen kolossalen Vorsprung – –«

»Läßt Du ihn denn verfolgen?«

»Die arme Frau und die Kinder . . . Er hat Mündelgelder unterschlagen . . . Aber ich schwöre Dir, Vater, ich habe davon nichts gewußt . . .«

368 »Das brauchst Du mir nicht erst zu schwören. Läßt Du ihn verfolgen?«

»Ich? . . .«

»Na ja, er schädigt doch gewiß vor allem die U. B.? Du bist doch der Generaldirektor –«

»Ich – verfolgen – nein. Das tu ich nicht. Ich bin nur der Geprellte. Ich muß jetzt alles ausfressen, Vater, ich stehe vor dem Ruin.« Er warf sich in einen Sessel. Es war derselbe Sessel, aus dem er einst dem Vater seine Idee entwickelt hatte.

»Ich verstehe den Zusammenhang noch nicht.« Below ließ seine großen, geröteten Augen nicht von ihm. »Warum kommst Du zu mir?«

»Ich hätte mich niemals von Dir trennen sollen, Vater!«

»Nanu? Auf einmal? Vor einem halben Jahr hast Du's noch für nötig gehalten. Ich übrigens auch. Wir bleiben getrennt.«

»Vater!«

»Aber Wechsler – Wechsler is doch Dein Syndikus? Dein Vertrauensmann sozusagen. Wenn er Dich betrogen hat – das heißt doch – daß Du nichts mit ihm zu tun hast? Daß Du persönlich makellos bist? Dann is es doch Deine Sache. den Mann zur Verantwortung zu ziehen?«

Rudolf sprang auf. »Hör' mich mal an, Vater! Ich muß kurz sein! Es ist nämlich nicht viel Zeit!«

»So? . . .« Below wich unwillkürlich einige Schritte zurück.

369 »Du hast Dich geschäftlich vollkommen von mir getrennt. Aber ich erkenne jetzt, daß das Edelmut war, nur Edelmut. Ich bin Dein Sohn – das haben wir noch, nicht wahr, das kann uns niemand nehmen –«

»Nur wir selber, Rudolf!«

»Ja – aber daran will ich nicht glauben! Du mußt noch ein Gefühl für mich haben!«

»Sei'n wir sparsam mit Gefühlen –«

»Gewiß, Vater. Ich möchte Dir nur den richtigen Maßstab geben. Du mußt jetzt eine große, weitherzige Anschauung haben, die Deiner würdig ist.«

»Laß doch die großen Worte. Ich habe Dir schon viel zu viel verziehen. Sogar die Spielhölle, mit der Du mein Grundstück entehrt hast. Ich habe immer gewußt, daß Du anders zu messen bist als andere. So 'n lumpiger Leutnant spielt auch und wird General, wenn er sonst was is. Das sind Jugendsünden. Wieviel Jugendsünden hab' ich Dir nicht schon vergeben. Gott im Himmel! – Aber sonst – Dein Name – der is doch intakt? Du wirst doch bloß als ein Verirrter dastehn, wenn es zum Klappen kommt – –«

»Vater, Du hast doch allmählich gelernt, daß die Verhältnisse, die Zeitverhältnisse mein' ich – daß die viel stärker sind als der stärkste Mensch, der gegen sie anstürmt –«

»Das werde ich in gewisser Beziehung niemals lernen!«

370 »Aber Du kommst mir doch nicht mit der verschimmelten, bürgerlichen Moral?«

»Damit wird Dir das Bürgerliche Gesetzbuch auch kommen!«

»Vater – Du hast also schon Verdacht – – was nützt denn das Katze- und Mausspielen . . . Ich bin ein tief unglücklicher, furchtbar gequälter Mensch, Vater!« Er lehnte den Kopf zurück und preßte das Gesicht in beide Hände.

Belows starker Körper wurde von einem Zittern befallen. Doch er hielt sich. »Bist Du bankrott?«

Da fuhr der Sohn wie von einer Schlange gestochen empor: »O, sag' das nicht so kalt und trocken! Das will ich von Dir nicht hören! Von Dir nicht!«

»Kein ehrlicher Mann wird Dich darum verurteilen! Diese Zeit hat manchen kräftigen Arbeiter zu Fall gebracht! Aber wenn Du klar siehst, wenn Du anständig bist, dann ist es Deine Pflicht, die Menschen, denen Du verantwortlich bist, nicht im Unklaren zu lassen! Dann weißt Du ganz genau, was Du zu tun hast! Dann gehst Du hin und meldest Konkurs an!«

»Das kann ich nicht mehr! Das ist ausgeschlossen!«

»Weshalb?«

»Weil ich ein Mensch bin – wenn ich das Ruder mal aus den Händen gebe – wenn ich die Aasgeier über mich herfallen lasse – dann find' ich nicht zurück – den Anlauf treff' ich nicht wieder. 371 Wenn ich's eingestehe, bin ich hin – ich selbst bin hin, und das ist die Hauptsache.«

»Was heißt das, wenn Du's eingestehst? Was eingestehst?«

»Vater, Du liebst doch Deinen ehrlichen Namen?«

»Das frag' ich Dich!«

»Ach Gott, ein Name, Vater – das ist weiter nichts als die Willkür und die Oberflächlichkeit der Menschen. Daraus kann ich machen, was ich will. Aber ich muß die Möglichkeit dazu haben. Und die ist mir genommen worden. Konkurs hätt' ich im Winter anmelden müssen. Jetzt bin ich von Akzepten erstickt – jetzt halten mich Wucherer fest – ich komm' nicht mehr 'raus, Vater, es stößt mich hin und her, und überall bin ich wund, überall hab' ich Blößen. 2 Millionen Schulden! Kannst Du Dir das vorstellen? Die U. B. schwebt in der Luft. Das sag' ich Dir nur, Vater. Das sag' ich Dir in einem Augenblick, wo ich neue, wunderbare Pläne habe. Zum Beispiel eine Internationale Schönheitskonkurrenz – Berlin wird Kopf stehen. Aber es muß nur weitergehen. Die Karre darf nicht stecken bleiben. Das ist so in Berlin – wenn's weitergeht, ist man obenauf. Sonst nicht. Eine tote Minute schmeißt alles um.«

»Hör' auf, Rudolf –«

»Hör' mich nur diesmal noch an, Vater. Mit Deiner großen Güte. Mit Deinem klaren Verstand. 372 Du kannst mich anders beurteilen als der Mob. Du hast mir sogar die Spieleraffäre verziehen. Daran erkenn' ich Dich. Du weißt, was ich gewollt habe. Noch hab' ich von Berlin nicht den Dank geerntet, den ich verdiene.«

»Ob Du den jemals ernten wirst? . . .«

»Was so über Nacht sich wandelt – wie es einem aus Händen gerissen wird – die Sympathie der Leute, der Erfolg – ich kann es Dir nicht sagen, Vater –«

»Aber ich, mein Junge! Die Mode! Du hast auf Sand gebaut!«

»Es muß noch etwas andres sein, etwas Tieferes . . . Aber vor einem muß ich bewahrt bleiben. Komm' mir mal ganz nahe, Vater . . . Ich habe nämlich anders gearbeitet, als ich durfte! Meine Rechnungsberichte – da stimmte nicht alles. Wechsler hat mir zum meisten geraten. Ich dachte. ich könnte durch ihn noch 'raus. Aber nun ist er fort. Und wenn das alles ans Licht kommt – –«

Below wich zur Tür zurück. »Wovor soll ich Dich bewahren – –?«

»Vater, Du kannst mich ja gar nicht fallen lassen. Das ist ja unmöglich. Frei war ich immer! Frei! Ich darf nicht in die Heimat zurückgekommen sein, um hinter Eisenstäben zu sitzen!«

»Soll ich Dir vielleicht Gesellschaft leisten?! . . . Der alte Below dem jungen?! . . .«

373 »Vater, es ist der letzte Augenblick – denk' Dich in mich hinein!«

»Das kann ich nicht!«

»Du hast schon so viel für mich gegeben! Spring' noch einmal, zum letztenmal mit allem, was Du hast, in die Bresche! Es lohnt sich, sag' ich Dir! Du hast keinen gemeinen Verbrecher vor Dir!«

»Was soll ich tun?«

»Ich weiß, Du hast noch Deine Ersparnisse auf der Reichsbank. Bring' sie in Fluß, Vater. Laß sie den Segen tragen, zu dem sie bestimmt sind! Es gilt Deinen Namen!«

»Meinen Namen –?«

»Ich bin Dein Erbe, Vater! Gib mir mein Erbteil!«

»Das hast Du schon!«

»Ich meine noch was andres – wenn es jetzt heißt, der alte Below besinnt sich – der tritt noch für ihn ein – der fragt Berlin, ob er ihm jemals etwas wert gewesen ist – – das wirkt, Vater! Das ist das Einzige, was mir Kredit verschaffen kann! Du hast es in der Hand!«

»Rudolf, ich sag' es Dir jetzt ein für allemal – ich habe mit Dir nichts mehr zu schaffen!«

Mit wildem Blick fuhr der Bittende im Zimmer umher. »Sind wir Feinde?«

»Nein, wir sind Vater und Sohn!«

374 »Ein Geldsack? Bist Du nur das? Ich dachte, Du wärst was andres?«

Jetzt aber brach mit ganzer Gewalt Joachim Friedrichs Entrüstung los. Aus schrecklichen Jahren strömte sie. Die Stube zitterte unter seinen Worten. »Du Narr, Du bösartiger! Hast Du mich nicht belogen von Anfang? Du hast mir was vorgespiegelt, was nie existiert hat! Wie man ein Kind mißbraucht, das alles glauben möchte! Du wußtest, daß ich Dich verstehe, aber Du hast meine Unkenntnis ausgenutzt! Und jetzt willst Du mich ganz zum Bettler machen? Du bist kein Verbrecher? Jetzt seh' ich ja erst den Verbrecher in Dir! Wie durftest Du Dich an mir vergreifen? Was hab' ich denn mit Dir zu schaffen? Geh'! Friß aus, was Du Dir eingebrockt hast!«

Rudolf reckte sich hoch empor. »Wir sind Feinde!« Dann schritt er zur Tür. Dort sagte er noch einmal still und tonlos: »Feinde.« Er schloß die Tür auf. »Ich gehe, Vater. Schäm' Dich!«

»Jetzt hab' ich keinen Grund mehr dazu! Mein Haus is hin – mein Glück is hin – aber ich stehe!«

»Du täuschst Dich, Vater. Solange ich meine Sache vor mir sehe, solange stehe ich auch meinen Mann. Wird sie mir aber von plumpen Händen zerrissen und zerfetzt – will man mich fallen lassen – gut – so fall' ich! Und Dir soll nicht wohl sein, wenn Du an mich denkst!«

375 »Ich fürchte mich nicht! Ich kenne Dich! Hier gehst Du fort, und drüben, in Amerika, da bist Du wieder, was Du warst! Du Stehauf!«

»Meinst Du? . . .«

»Laß Dich nicht beirren! Das rat' ich Dir! Geh' Deinen Weg! Lache über uns alle!«

»Nein, Vater. Dazu ist es zu spät. Ich bleibe.«

Nach diesen Worten verschwand Rudolf. Wie ein Schatten hinter der Tür. Below starrte ins Leere. Dann ging er, sich gewaltsam zusammennehmend, zu Minna zurück.

»Is Rudi weg? . . .«

Er konnte nicht antworten. Martha aber, die am Fenster gestanden, fuhr zu ihm herum. Tränen stürzten aus ihren Augen. Sie rang die Hände. »Hat er nach mir gefragt?«

»Nein, Martha . . .«

»Ich muß zu ihm!«

»Seien Sie vernünftig. Sie stören ihn nur. Der Mann hat viel im Kopf.«

»Ich hab' ihm ins Gesicht gesehen. Wie er dem Chauffeur Bescheid sagte. So hab' ich ihn noch nie gesehen. Und ich kenn' ihn! Er fürchtet sich jetzt! Er darf sich nicht fürchten!«

Minna versuchte sich vom Stuhl zu erheben. »Was hat er Dir denn jesagt?«

Below trat neben sie. »Wir haben weiter nichts zu tun, als den Dingen ins Gesicht zu sehen, Minna. 376 Zuzusehen, wie einem Naturereignis. Es mußte krachen, und nun kracht es. Wir haben nichts damit zu schaffen.«

»Das seh' ich nich ein! . . . So sehr ich's Dir wünschte! . . . Du bist doch schließlich sein Vater!«

»Einmal muß man auch damit Schluß machen. Sonst wird das Heiligste zur Phrase.«

»Fritz!«

Martha drängte sich heran. »Er hat Sie also um Hilfe gebeten? Wissen Sie, was das heißt? Das war das Letzte! Allmächtiger Gott! Dann gibt es nichts mehr für ihn!«

»Das glaub' ich nicht! Ein Mann von Ehre würdigt sich nicht dazu herab, so dazustehen vor seinem Vater!«

Martha fuhr in ihren Mantel. Sie setzte mit zitternden Händen den Hut auf. »Was red' ich denn noch viel! Sie sind ja so kalt und grausam! Sie sprechen ja über alles fort, als ob es gar nichts wäre! Und inzwischen – tut er sich was an!«

Hermann und Anna suchten die Fassungslose zu beschwichtigen. Aber sie riß sich los. »Nein, nein – ich muß jetzt zu ihm – er muß mich jetzt haben – lebt wohl!«

»Vergessen Sie denn, was er Ihnen getan hat?« rief Below.

»Wenn's nur nicht das Letzte ist!« Sie eilte zur Tür.

377 Hermann wechselte mit Anna einen Blick des Einverständnisses. »Ich begleite Sie, Martha!«

Sie riß seine Hand an's Herz. »Ach, Hermann, Sie helfen mir! Das werd' ich Ihnen nie vergessen!«

»Seid ganz ruhig! Ich glaube, ich kann noch auf ihn einwirken, wenn's drauf ankommt! Du bleibst bei den Eltern, Anna!« Anna nickte – er schien zu sagen, was sie empfunden hatte. Dann gingen die beiden.

»Is das nicht ein Rätsel – so'n Weib?« . . .« flüsterte Below.

»Ach Fritz – – mir is so furchtbar bange . . . Was hat Dir denn Rudi jesagt?«

»Sei jetzt mal klar und logisch, Minna. Er hat mir Sachen eingestanden, die Herrn Wechsler genügten, nach Amerika zu fliehen. Er hat von mir verlangt, daß ich seinen Mist zudecke mit unserm ehrlichen Namen, und daß ich auch noch unser Letztes für ihn hinschmeiße, unsern Alterspfennig.«

»Aber es handelt sich doch nich bloß um Jeld . . .«

»Drum eben! Soll ich sein Mitwisser werden, sein Mitschuldiger vielleicht? Mit 65 Jahren? Ihm is alles Schwindel und Luft! Ich muß es in Händen halten, woran ich glaube! Ich weiß, was ich meinem Leben schuldig bin!«

»Ja, ja – aber – –«

378 »Mach' Dir bloß keine Sorge um ihn! Was is ihm seine Sache, was is ihm seine Frau, wenn es ihm an den Kragen geht? Der is sicher schon auf'm Bahnhof – der is schon unterwegs, nach Hamburg oder Vlissingen oder Bremen – jedenfalls – er findet einen günstigen Wind!«

»Rudi! . . .«

»Weinst Du etwa um ihn? – – Aber Minna! – Das gönn' ich ihm wirklich nicht!«

»Jewiß . . . Er war ja fast 'n Fremder für mich – und doch . . . Du hättest ihn retten können, Fritz, und das hast Du nich jetan?«

»Ich hätte ihn nicht retten können! Ich hätte ihm nur die letzte Gelegenheit genommen, in seine wahre Welt zurückzukehren!«

»Daß Du so unerbittlich sein kannst . . . das hab' ich jar nich jewußt . . . Es war doch schließlich bloß sein Ehrjeiz . . . Das is doch im Jrunde nichts Schlechtes . . . Wen so was packt . . . Das sind die Schwärmer . . .«

»Lügner!«

»Aber Du hast ihm ja mal recht jejeben? Jetzt im Unjlück müßtest Du bloß daran denken. Sieh mal, Fritz, ich bin ja bloß 'ne Frau, ich bin bloß 'ne Mutter. Damals wollt' ich von nichts was wissen. Aber was is denn ein Haus? Wir jehören doch zusammen. Reiß' alles nieder, was keine Seele hat – über sein Kind kommt man nich weg.«

379 »Beruhige Dich doch, Minna – – Du mußt Dich jetzt beruhigen . . .« Below sah Annas dunklen, warnenden Blick. Sie stand hinter der Kranken und stützte ihren Kopf.

»Jott, es kann ja sein, daß ich jetzt so denke, weil ich so viel zu leiden habe. Aber zur letzten Wahrheit kommt man eben erst zuletzt.«

»Ich sage Dir doch, Du brauchst Dich nicht um ihn zu ängstigen.«

»Hast Du seine Frau jehört? Das war der Ton, den ich meine! Ach, wenn's nach mir jinge – ich jäbe ja alles hin, was ich habe, wenn ich nur beisammen hätte, was zu mir jehört!«

»Er gehört nicht mehr zu Dir! Das verlang' ich! Sage Dich los von ihm! Um meinetwillen!«

»Ja, ja, Fritz! . . . Aber ich seh' doch jetzt alles – unser janzes Leben! Hermann und Rudi, die Jungen, wie sie noch so klein waren! Meine beiden schönen Jungen! Was is der Hermann für ein Mensch!«

»Das weiß ich nicht. Noch immer nicht. Ich darf es hier vor Anna sagen. So geht es mir mit allen meinen Kindern.«

»Das is Dein Fehler, jlaub' es mir! Ihr Fehler is es nich! Hermann! Wie der ans Leben jlaubt! Wie der wechsieht über alles Kleine und Häßliche! Hermann – der könnte Rudolf noch 'raufziehn! Aber nich mehr zu uns! Wir stecken in 'ner andern 380 Zeit! Nachher wird alles anders! Aber daß sie noch mal bei uns wären, die Jungen bei den Alten! Alle! Auch Erna!«

»Erna?« Below wich zurück. Er schauderte. Ihm war, als hätte seine Frau die Zaubergabe, alles zu beschwören, was dunkel und vergessen war.

»Das arme Mädel! Warum denn nich? Und wenn sie als Mädchen von der Friedrichstraße käme – wo Menschen sterben, da is nichts, was sie auseinanderhält!«

»Aber Minna! . . . Was sind das für Gedanken! . . . Sieh' mich doch mal an!«

»Ich seh' Dich ja an . . . Ich seh' Dich janz jenau . . . Aber Du solltest nich so hart sein . . .«

»Ich möchte zerfließen! Und Du wirfst mir Härte vor!«

»Nein, nein, Fritz – das nich – ich möchte Dich bloß antreiben – mein Liebster, mein Bester, das hab' ich doch immer jetan – das darf ich doch – – zu allem, was in Dir steckt – zu aller Liebe – zur letzten Liebe – –«

»Was is Dir?« Er hielt sie. Sie umschlang ihn mit beiden Armen. Anna versuchte, sie eine Essenz einatmen zu lassen, aber das Gesicht der nach Luft Ringenden haftete an Below.

»Darauf kommt es an! . . . Es is immer noch mehr in einem, als man weiß! . . . Der Mensch 381 kann alles! . . . Denk' an unsern Kaiser Friedrich! . . . Was sind Leiden! . . . Was is Schand! . . . Ach!« Sie ließ ihn los, und ihr brechender Blick richtete sich zum Fenster, wo nun doch durch einen Spalt des Wolkengraus ein feuriger Sonnenabschied flutete. »Die Angst! – Und so schön doch! – Möchten sie ihn finden! Möchte nichts passieren! Nichts Schlimmes! Möchten sie ihn finden! – –«

Minna sank zurück. Anna wußte, was geschehen war. Sie stand in ratloser Erschütterung. Below aber sprach noch zu der Toten. Er streichelte sie, er bat mit zagender Stimme um das Letzte, was sie ihm geben sollte: »Laß mich nicht allein!« 382

 

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