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Die beiden Jachten

Balduin Möllhausen: Die beiden Jachten - Kapitel 9
Quellenangabe
pfad/moellhsn/jachten/jachten.xml
typefiction
authorBalduin Möllhausen
titleDie beiden Jachten
publisherVerlag von Paul List
editorDietrich Theden
illustratorMax Vogel
year1906
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Achtes Kapitel.

Die Verheuerung. Unheimliche Fürsorge. Ein trotziger Abschied.

Seitlängs von der Pandora anlegend und von der Deckwache angerufen, fragte Niels hinauf, ob er die Schiffsherrin oder den Kapitän zur Stunde sprechen könne. Nach kurzem Harren neigte Simpson sich über Bord. Den jungen Lotsen wiedererkennend und den Zweck seines späten Kommens erratend, lud er ihn ein, ungesäumt an Bord zu kommen. Niels leistete Folge und wurde in die Kajüte gewiesen, wogegen Simpson sich nach unten begab, um der Gräfin sein Eintreffen zu melden. Einige Minuten später trat diese bei ihm ein. Zwanglos trug sie in ihren Zügen die Befriedigung zur Schau, die sein Anblick ihr gewährte. Dadurch ermutigt, hob Niels mit einer Hast an, als hätte er befürchtet, noch im letzten entscheidenden Augenblick dem kaum gefaßten Entschluß untreu zu werden:

»Sie waren so gütig, mir eine Stelle auf Ihrem Schiff anzubieten. Ist's Ihnen nicht leid geworden, so bin ich zu jeder Stunde bereit, meinen Dienst an Bord anzutreten.«

Die Gräfin warf einen durchdringenden Blick auf das hübsche, mannhafte Gesicht. Heftige Erregung prägte sich noch immer darauf aus.

»Ja, ich bot sie Ihnen an,« erwiderte sie ruhig, »und wenn ich einmal eine Zusage leistete, so bin ich gewohnt, sie zu halten. Ich erstaune freilich, daß Sie Ihren Sinn so schnell änderten.«

Niels zuckte geringschätzig die Achseln. Bitterer Haß offenbarte sich in seinem erzwungenen Lächeln.

»Hätt's selber nicht geglaubt, daß es so bald kommen würde,« antwortete er, »aber Tag und Nacht ging es mir seitdem durch den Kopf, daß ich auf solcher fixen Kraft meine Bekanntschaft mit dem Ozean erneuern möchte. Da machte ich es kurz und brach mit allem, was mich bisher an die Heimat fesselte.«

»Auch mit Ihrem Mädchen?« fragte die Gräfin wie beiläufig.

»Mit 'nem Mädchen konnte ich nicht brechen, weil ich noch keines besaß,« erklärte Niels, »was sind mir alle Mädchen der Welt? Aufs Meer hinaus will ich, da gehöre ich hin, und bieten Sie mir keine Gelegenheit, gibt's hundert andere.«

»Ich wiederhole, mein Wort gilt, vorausgesetzt, es bleibt hier niemand zurück, der nach Ihnen bangt und sich in Sehnsucht verzehrt.«

»Mutter und Großmutter sind Seemannsfrauen, die lernten beizeiten, an ihre Männer über See zu denken. Die Mutter selber redete mir oft genug zu, es wieder einmal mit dem Seefahren zu versuchen. Sie meinte, es sei noch zu früh, an die Landruhe mich zu gewöhnen. Auch sei's auf dem Meere sicherer, als der Lotsendienst an unserer Küste, wenn eine ordentliche Kühlte weht. Nebenbei gefiel's ihr nicht, daß der Lotsenmeister mich stets zu dem schwierigsten Stück Arbeit aussuchte.«

Wiederum betrachtete die Gräfin das frische Antlitz eine Weile nachdenklich. Dann sprach sie gedehnt, wie mit irgend einem ihr noch in unbestimmten Umrissen vorschwebenden Bilde sich beschäftigend: »Ob Sie wirklich Ihrem verschollenen Onkel so ähnlich sehen?«

»Ich selber kann's freilich nicht wissen,« versetzte Niels; »aber nicht nur die Mutter und Großmutter behaupten es, sondern alle älteren Leute, die den Erich Larsen kannten, schwören drauf, ich wär' ihm wie aus den Augen geschnitten.«

»So muß etwas Wahres daran sein. Doch das ist Nebensache. Kommen Sie morgen an Bord und melden Sie sich bei dem Kapitän. Eine Bedingung noch: Nehme ich jemand in meine Dienste, so muß ich sicher sein, daß er meine Schiffsordnung achtet –«

»Anders kenne ich's nicht,« warf Niels fest, jedoch ehrerbietig ein.

»Gut, mein Freund; ich verlange aber noch mehr. Ich verlange, daß, wenn ich jemand mein Vertrauen schenke – und Sie sehen aus wie ein Mann, der Vertrauen verdient – er es auch ehrt. Er darf nichts sehen, was er nicht sehen soll, nichts hören, was nicht in seiner Brust wie in der eines Toten begraben bliebe.«

Niels sah befremdet in das strenge, unbewegliche Antlitz der Gräfin. Diese bemerkte es und fuhr nach einer kurzen Pause fort:

»Das erscheint Ihnen wunderbar, und dabei wollen wir es bewenden lassen. Jeder Mensch hat seine Geheimnisse, und die müssen geachtet werden. Wie ich nicht darnach frage, weshalb Sie mit Ihrem Mädchen sich verfeindeten, so dürfen Sie nicht einmal in Gedanken eine Lösung für das suchen, was Ihnen rätselhaft erscheint. Halten Sie daran fest, daß ich auf rechten Wegen wandle, meine Werke keines Menschen Urteil zu scheuen brauchen. Was zu wissen Ihnen vorläufig not tut, erfuhren Sie. Sind Sie mit meinen Anschauungen einverstanden, so reichen Sie mir die Hand.«

Scheu berührte Niels die Fingerspitzen der ihn bereits vollständig beherrschenden Gräfin. Gleichzeitig beteuerte er aus vollem Herzen nicht nur seine Dienstwilligkeit, sondern auch nach jeder anderen Richtung hin ihr treu ergeben zu sein.

Billigend neigte die Gräfin das Haupt und eintönig nahm sie wieder das Wort: »Ich glaube Ihnen. In Ihrem Wesen las ich Zuverlässigkeit, und nur solche Leute kann ich gebrauchen. Was ich mit Rücksicht auf Ihre Mutter und Großmutter versprach, wird natürlich erfüllt werden. Sie erhalten von mir eine Summe, die sie reichlich dafür entschädigt, daß Ihre Beihilfe ihnen auf längere Zeit entzogen wird. Kapitän Simpson wird sie ihnen hinübertragen, sobald Sie Ihren Dienst angetreten haben. Unmöglich ist es nicht, daß diese Reise Ihnen Gold genug einträgt, um sogar den reichen Lotsenmeister mit Stolz zu erfüllen, freiten Sie um seine Tochter – still, still, ich meinte das nur vergleichsweise,« schaltete sie nachlässig ein, als sie gewahrte, wie es plötzlich in Niels' Zügen ausflackerte und er die Lippen zu einer heftigen Erwiderung öffnete; »die Zeiten sind wandelbar, und ein Mädchen, das heute einen rechtschaffenen Mann seiner Armut wegen abweist, mag zusehen, daß es nicht schon morgen vor bitterer Reue seine Haare rauft. Und nun gute Nacht,« schnitt sie einen erneuten Versuch der Erwiderung ab. »Im Vorbeigehen bitten Sie den Kapitän, daß er Sie als Mitglied der Besatzung der Pandora in die Liste eintrage.«

Niels wagte nicht, auf die von der Allwissenheit der Gräfin zeugenden Andeutungen einzugehen. Er verabschiedete sich. In seinem Kopfe schwirrten die Erlebnisse der letzten Stunden wild durcheinander. Gedachte er in der einen Minute gehässig der von beißendem Spott begleiteten Demütigungen, die er ohnmächtig über sich ergehen lassen mußte, so hätte er in der anderen laut aufjubeln mögen, schon folgenden Tages einer Stätte den Rücken zu kehren, auf der er jedem fremden Blick zu begegnen fürchtete. Vor seinem Geiste tauchte Karens Bild auf. Er knirschte mit den Zähnen und schüttelte sich, wie eine böse Vision von sich abwehrend.

Er hatte mit Simpson in dessen Koje gesprochen. Nach der Pforte hinüberschreitend, wo die Treppe zu seinem Boot hinabführte, stand plötzlich Ghastly vor ihm. Nur mit sich selbst beschäftigt, war dessen im Schatten der Schanzverkleidung weilende Gestalt seiner Aufmerksamkeit entzogen geblieben. Es beschlich ihn daher die Empfindung, als ob sie sich wie durch Zauber aus der Luft gebildet habe. Der Mond, der mehr Spielraum gewonnen hatte, beleuchtete ihn jetzt voll. Bleicher, leichenhafter noch erschien sein hageres Antlitz, als damals, da er ihm aus der Treppe begegnete. Dazu der lange, knochige Körper, auf dem die weiten Seemannskleider schlotterten, als wären sie auf ein Skelett gehangen gewesen, und das weiße Haar, das in seltsamem Einklänge mit der fahlen Gesichtsfarbe stand. Nicht frei von Seemannsaberglauben, vermochte Niels bei solchem Anblick eines heimlichen Grauens sich nicht zu erwehren. Mit kurzem Gruß wollte er an ihm vorbei die Treppe hinuntersteigen, als Ghastly ihn mit den Worten zurückhielt: »Ich vermute, daß du dich an Bord der Pandora verheuert hast?«

»So geschah es,« bestätigte Niels.

»Da kannst du lachen, Maat,« versetzte Ghastly, »denn wer mit der Gräfin fährt, der braucht nicht über zu viel Arbeit zu klagen oder über zu wenig Lohn und schlechte Kost. So viel sage ich dir indessen, wer nicht recht will, wie sie, den schickt sie fort, wo auch immer es sei. Die gehört nämlich überall zu Hause und so denkt sie auch von anderen.«

»Ich tue meine Schuldigkeit als rechtschaffener Mann, da werde ich wohl mit ihr fertig werden,« erwiderte Niels, indem er auf die oberste Treppenstufe trat, und abermals hielt Ghastly ihn mit den Worten zurück:

»Ich hörte, der Lotse, der uns hereinbrachte, heiße Larsen?«

»Knudson ist mein Name, Niels Knudson. Larsen hieß mein Großvater,« berichtigte Niels.

»Ein ehrlicher Name – der deines Großvaters; mir ist, als hörte ich ihn heut' nicht zum erstenmal. Hab' nämlich meine Vorliebe für diesen und jenen Namen, und das überträgt sich auch auf den Mann selber, bei dir sogar auf den Enkel. Werde daher 'ne Kleinigkeit für dich sorgen, damit du dich bald zu Hause fühlst unter den vielen Maats. Ist nämlich im Volkslogis noch Raum neben meiner Hängematte, da magst du die deinige hinhängen. Auch will ich drauf antragen, daß du in meine Wache kommst.«

Bild: Max Vogel

Niels dankte mit kurzen Worten, einen nicht minder kurzen Gruß fügte er hinzu. Gleich darauf warf er die Riemen zwischen die Pflöcke; weit ausholend und mit vollem Gewicht sich gegen diese lehnend, glitt er schnell davon. Längere Zeit erkannte er noch Ghastlys vom Monde beleuchtete Gestalt, wie sie, ähnlich dem leblosen Gebilde unterhalb des Bugspriets, von der Regeling aus ihm nachspähte.

Bis ins Mark hinein meinte er die Blicke aus den tief liegenden Augen zu fühlen. Bangigkeit ergriff ihn, indem er sich die Worte ins Gedächtnis zurückrief, mit denen der unheimliche Maat ihm seine Nachbarschaft gewissermaßen aufdrängte. Weiter holte er mit den Riemen aus, und sein Boot schien förmlich zu fliegen.

Als er endlich vor dem heimatlichen Ort eintraf, drang wieder das Kreischen der Geigen und Klarinetten zu ihm herüber. Wie auf der Flucht vor den ihn feindselig anwehenden Tönen, verließ er das Boot und eilte der elterlichen Hütte zu. Die Mutter fand er noch auf. Vor dem Tisch saß sie, in einer alten, abgegriffenen Bibel lesend. Die Großmutter schlief in ihrem Bett.

Er schleuderte den Hut in den nächsten Winkel, und der Mutter gegenüber sich auf die Bank werfend, begann er: »Da hast du so lange geredet, bis es Wahrheit geworden ist. Ich komme von der Lustjacht, wo ich mich verheuerte. Morgen gehe ich an Bord, dann dauert's hoffentlich nicht lange, bis wir Anker heben.«

Erschrocken legte Frau Knudson beide Hände ineinander.

»Ist's wahr, was du redest,« sprach sie ernst, »so will ich dir von ganzem Herzen eine glückliche Fahrt wünschen, und beten will ich Tag und Nacht, auf daß du gesund und wohlbehalten heimkehrst. Bis dahin aber hat sich manches geändert, daß du deinen guten Mut nicht verlierst.«

Niels lachte gequält auf. »Den Mut verlieren?« fragte er, »da müßte sich seit ein paar Stunden nicht schon vieles mit mir geändert haben.«

»So hat's die Karen dir angetan, daß du so schnell anderen Sinnes geworden bist? Ich hab's von jeher behauptet: die Karen ist eine unselige Natur, von der dir nimmer Gutes kommt.«

»Was frage ich nach dem hoffärtigen Dinge?« polterte Niels, »mag sie sich einen aus der Stadt oder wer weiß woher verschreiben, mich soll's nicht grämen, ich habe genug von ihr. Die Welt will ich mir ansehen von allen Seiten, und daß du und Großmutter keine Not leiden, dafür ist ebenfalls gesorgt. In Jahr und Tag bin ich zurück, und gefällt's mir anderweitig besser, so nehm' ich euch mit von hier fort; Brot wird allerwärts gebacken.«

»Überall,« bestätigte Frau Knudson, den jungen Mann, den sie in seiner seltsamen Stimmung kaum wiedererkannte, ängstlich überwachend, »und wenn ich dich jetzt betrachte, erscheint's mir wie ein Wink vom Himmel, daß die Lustjacht hier anlief und die vornehme Frau dich um sich dulden möchte. Denn hier wärest du nicht länger zu etwas nütze gewesen. Brachte doch schon eher ein Frauenzimmer 'nen rechtschaffenen Burschen um seinen gesunden Menschenverstand mit Schöntun und Mißhandeln in einem Atem. Doch du bist nicht munter bei Wege jetzt, ich seh's dir an. Leg dich schlafen, damit du morgen mit herzhaften Gedanken erwachst. Ich selber fülle unterdessen deinen alten Seesack mit dem Notwendigsten. Was nicht zur Hand ist, das bringe ich dir selber an Bord: denn so schnell wird die Jacht nicht losmachen, daß mir keine Zeit bliebe, dich mit allem ordentlich zu versehen.«

Niels antwortete nicht. Eine Weile saß er noch grübelnd, während die betrübte Mutter keinen Blick von ihm wendete. Plötzlich aber sprang er auf, und mit einem freundlichen Scheidegruß entfernte er sich, um seine Schlafstelle oben unter dem Dach aufzusuchen. –

Als er folgenden Morgens die Hütte verließ, gab Frau Knudson ihm das Geleite bis an die Tür. Dann kehrte sie zur Großmutter zurück, wie es nicht anders geschah, wenn er zum Lotsendienst berufen wurde. So war es verabredet worden, um bitteres Abschiednehmen zu ersparen.

Es war noch früh. In dem Örtchen rauchten wohl verschiedene Schornsteine; Menschen waren dagegen nicht zu sehen. Die meisten schliefen noch. War es doch nicht lange her, seitdem die letzten von dem Tanzplatz fortgingen. Auf der Schulter trug er einen straff gefüllten Sack von geteertem Segeltuch. Als er sich Stures Haus näherte, wurde er zu seinem Erstaunen Karens ansichtig. In der Tür stand sie, um sich an der frischen Morgenluft zu erquicken, nachdem sie beinah die ganze Nacht hindurch eine mit Staub, Tabaksqualm und Kienruß gefüllte Atmosphäre eingeatmet hatte.

Sobald sie Niels erblickte – dieser gewahrte es deutlich – machte sie eine Bewegung, wie um ins Haus zurückzutreten. Sie besann sich indessen ebenso schnell, und in eine andere Richtung schauend, gab sie sich das Ansehen, ihn nicht bemerkt zu haben. Wohin er ging und was er bezweckte, darüber konnte, seitdem sie den Seesack auf seiner Schulter entdeckte, bei ihr kein Zweifel walten. Ihr schönes Antlitz, eben noch blühend in den Farben des Lebensfrühlings, war plötzlich bleich geworden. Sie mochte die Wandlung fühlen; denn förmlich trotzig richtete sie sich auf, die Lippen warf sie empor und die Brauen runzelte sie in einer Weise, als hätte es gegolten, jemand für ein an ihr begangenes Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen.

Niels, ursprünglich Willens, mit kaltem Gruß vorüberzugehen, änderte seine Absicht. Tödliche Feindschaft lugte zwar aus der Tiefe seiner Augen, und sein Herz pochte und raste, daß er meinte, daran ersticken zu müssen; trotzdem trat er heiteren Antlitzes zu ihr heran, und die Worte, die er sprach, klangen so sorglos, wie nur je, wenn er über das glückliche Hereinbringen eines Schiffes oder einen guten Heringsfang berichtete.

»Schönen guten Morgen,« begann er, sobald er vor ihr eingetroffen war, »hätte nicht geglaubt, dich so früh bei Wege zu finden,« und er ließ den Sack von der Schulter vor sich niedergleiten.

»Ich mag tanzen drei Tage und drei Nächte ohne Aufhören, und ich ermüde nicht,« antwortete Karen erbittert, jedoch lächelnden Mundes, daß ihre weißen Zähne wie Perlen zwischen den üppigen Lippen hervorschimmerten; »was sind da sechs, sieben Stunden? Mancher verträgt's freilich nicht, geht ihm der Schlaf einer halben Nacht verloren.«

»Nein, Karen, mancher verträgt's nicht,« bekräftigte Niels, und das Wetter prüfend, blickte er nachlässig zum Himmel empor. »Mancher denkt aber weiter in die Zukunft hinaus und will sich für den folgenden Tag einen klaren Kopf erhalten. So erging's mir selber. Hatte mich nämlich an Bord der Lustjacht da drüben verheuert; da lag mir's Tanzen nicht groß am Herzen.«

Bild: Max Vogel

»Willst fort von Mutter und Großmutter? Die werden sch dir bangen,« versetzte Karen nicht minder gleichmütig.

»Nicht mehr, als jede andere Seemannsfrau, die ihr

Kind auf lange Zeit scheiden sieht. Ich hab's längst satt gehabt, hier auf der elenden Scholle zu sitzen, wie 'ne Schnecke, der's Haus auf dem Rücken festgewachsen. Bin ja kein Städtischer, der weiter nichts lernte, als hinter dem warmen Ofen zu sitzen und mit Weibern schön zu tun.«

»Ich an deiner Stelle wäre längst zur See gegangen,« bemerkte Karen achselzuckend, »hab' mich schier gewundert, daß du's nicht über dich brachtest. Freilich, die Deinigen können nicht gut fertig werden ohne dich; aber was schert dich das?«

Niels' Erbitterung offenbarte sich in einem heiseren Lachen. Dann rief er spöttisch aus: »Für die ist gesorgt, daß sie während meiner Abwesenheit leben können wie die Weibsleute eines Reeders; zum wenigsten sind sie in der Lage, von anderen keine Gefälligkeiten annehmen zu müssen. Aber du siehst blaß aus zum Erschrecken, Karen! Hab' meinen argen Verdacht, daß du beim Tanz mit den feinen Stadtherren dir zu viel zumutetest.«

»Die Stadtherren sind nicht schlechter, als die vom blauen Wasser,« hieß es scharf und doch beinah klanglos zurück.

»Ich hoffe, daß ich bei meiner Heimkehr nach Jahr und Tag zu hören bekomme, du hättest dir einen angeheiratet und lebtest wie eine Prinzessin.«

»Mir einen anzuheiraten ist meine Sache. Frage ich dich doch nicht, an wen du dich hängst.«

»An gar keine, Karen, hab' genug von den Weibern kennen gelernt, um mein Glück nicht bei ihnen zu suchen. Nichts geht über die Freiheit. Und dennoch – wer kann's wissen?«

Wie gelangweilt sah er in die eine Richtung, wie gelangweilt spähte Karen in die entgegengesetzte. Jeder wünschte sich fort aus den Augen des anderen, zögerte aber, den ersten Schritt zur ewigen Trennung zu tun. Und dabei hämmerte es in ihren Schläfen und Ohren, als hätte das nächste zwischen ihnen gewechselte Wort eine Frage über Leben und Sterben in sich geborgen, und doch erwartete jeder mit Angst, daß der andere den Anfang machen würde. So verrann eine Minute und noch eine, dann ertrug Niels es nicht länger.

»Ich muß fort,« sprach er wie in Gedanken, und prüfend betrachtete er den Zeugsack von allen Seiten.

»Scheinst es trotzdem nicht eilig zu haben,« meinte Karen, und die Flügel der zierlichen Nase dehnten sich ein wenig.

Niels knirschte mit den Zähnen.

»Ja, ja, ich muß mich beeilen,« beteuerte er, um überhaupt kein neues Schweigen eintreten zu lassen. Er schwang den Sack auf die Schulter und fuhr fort: »Brach ich doch so früh auf, um keinem zu begegnen und um nicht gezwungen zu sein, feierlich Lebewohl zu sagen. Solch' Abschiednehmen ist mir zuwider.«

»Da ergeht es dir nicht anders als mir,« floß es ruhig von den im Zorn bebenden Lippen. »Glückliche Reise will ich dir trotzdem wünschen, und daß bei deiner Heimkehr du die alten Leute wohlauf findest.«

»Danke schön, Karen. Magst auch du nie Ursache haben, irgend etwas zu beklagen oder zu bereuen,« versetzte Niels, und sich abkehrend, schritt er davon wie jemand, der nie in seinem Leben Sorgen kennen lernte.

Karen blickte ihm nach. Nicht um den Preis ihres Lebens hätte sie dem vielleicht Zurückschauenden Raum für den Wahn gegönnt, daß sie seinetwegen so lange auf der Türschwelle säumte. Aber die Lippen hatte sie zwischen die Zähne geklemmt, dunkle Glut war auf ihre Wangen geschlichen. und ob ihre Augen feindselig schauten, so war es doch, als wollten sich Tränen in sie drängen. Erst nachdem Niels aus ihrem Gesichtskreise getreten war, wich der Zwang aus ihrer Haltung. Aus ihren Zügen hätte indessen keiner zu entziffern vermocht, welcher Art die Empfindungen waren, unter deren Einfluß sie so düster vor sich niederschaute. –

Noch im Laufe des Vormittags sprach Simpson bei Niels' Mutter vor, um zwei stattliche Reihen Goldstücke mit einem freundlichen Gruß von der Gräfin vor die maßlos erstaunte Frau auf den Tisch zu zählen. Zugleich teilte er ihr mit, daß die Pandora wohl noch zwei Wochen vor der Insel liegen bleibe, Niels also noch öfter Gelegenheit haben würde, die Seinigen zu besuchen. Und den Anschein hatte es in der Tat; denn wer die stattliche Jacht beobachtete, der konnte sich überzeugen, daß allerwärts Matrosen, auf beweglichen Querhölzern sitzend, an den Masten hinauf und hinunter glitten, um sie rein zu schaben und für einen neuen Firnisüberzug vorzubereiten. Ebenso waren außerhalb des Bords Leute damit beschäftigt, die Schiffswände abzuseifen: kurz alles, sogar die zum Trocknen auf Leinen gehangene Matrosenwäsche deutete darauf hin, daß die Pandora die voraussichtlich längere Ruhe dazu benutzen würde, sich einen neuen Rock anzuziehen. Denn das Heraufwinden der Ankerkette geschah nur in Pausen und so vorsichtig, daß das Einschlagen der schweren Eisenschaken in ihre Haften nicht weit über die stille Wasserfläche fortgetragen wurde. Erst als sie mit dem Vordersteven oberhalb des Ankers lag, daß es nur weniger Schwingungen des Hebewerks bedurfte, um sie flott zu machen, erreichte diese Art Arbeit ihr Ende. Das Schaben, Bürsten und Streichen dauerte dagegen bis kurz vor Sonnenuntergang.

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