Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Balduin Möllhausen >

Die beiden Jachten

Balduin Möllhausen: Die beiden Jachten - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/moellhsn/jachten/jachten.xml
typefiction
authorBalduin Möllhausen
titleDie beiden Jachten
publisherVerlag von Paul List
editorDietrich Theden
illustratorMax Vogel
year1906
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120601
projectid02d7cf7d
Schließen

Navigation:

Siebentes Kapitel.

Ein Zusammenprall. Auf dem Tanzplatz. In Fetzen und Scherben.

Der folgende Tag war ein Sonntag. Als hätte die Natur ihn als solchen auszeichnen wollen, entstieg die Sonne in vollem Glanze den östlichen Höhen. Der Himmel war blau in seiner ganzen Wölbung. Einem Binnensee ähnlich lag der Buknfjord, auf seiner stillen Oberfläche den klaren Äther zurückstrahlend. Auch die beiden Jachten hatten Sonntag gemacht; jede Hand an Bord feierte. Gelangweilt spähten die Deckwachen hinüber und herüber. Gelangweilt verfolgten sie mit den Blicken bald dieses, bald jenes Boot, das mit festlich geputzten Kirchgängern den glatten Wasserspiegel furchte.

Ein mit sechs Ruderern bemanntes Kielboot, in dem der einzige Fahrgast das kleine Steuer führte, hielt den Kurs auf die Pandora. Niemand hatte bemerkt, daß es hinter dem Eremit hervorgeschossen war, noch weniger vermutete jemand, daß es neben der Pandora anzulegen beabsichtigte. Es schien in geringer Entfernung vorbeitreiben zu wollen. In gleicher Höhe mit der Pandora schwang es indessen schnell herum, und unter den verdoppelten Anstrengungen der Ruderer schoß es wie ein Pfeil neben die Falltreppe hin.

»Boot ahoi!« rief die auf solche Art überrumpelte Deckwache noch im letzten Augenblick aus.

»Was da, Boot ahoi!« antwortete eine fröhliche Stimme mit einem sprechenden Ausdruck glücklicher Sorglosigkeit. Gleich darauf schwang sich Kapitän Peldram über die Brüstung, derselbe Fremde, der tags zuvor in der Nachbarschaft angelte, heute dagegen die kleidsame Interimsuniform eines britischen Infanterieoffiziers angelegt hatte.

Einen heiter vertraulichen Gruß sandte er nach dem Quarterdeck hinauf, wo Simpson an die Brüstung getreten war und mit unverkennbarem Verdruß zu ihm niedersah. Unbekümmert um ihn wie die beiden Geparde, die aufgesprungen waren und ihn knurrend umkreisten, schritt er nach der Vorderwand der Kajüte hinüber. Dort saßen Maud und Sunbeam auf zierlichen Klappstühlen, über sich zum Schutz gegen die blendenden Sonnenstrahlen chinesische Schirme, und erstere auf den Knien ein Buch, aus dem sie vorgelesen hatte. Beim ersten Ton der Stimme des Kapitäns war das Buch ihren Händen entsunken. Ihr Erstaunen über den unerwarteten Besuch war so maßlos, daß sie wie gebannt sitzen blieb und regungslos auf die sich hastig nähernde schlanke Gestalt hinsah. Zugleich hatte sich brennende Glut über ihr blühendes Antlitz ausgebreitet. Überschwängliche Freude leuchtete aus ihren Augen, gepaart mit lieblicher Verschämtheit. Als Peldram aber mit dem Ausruf: »Endlich!« ihr beide Hände entgegenstreckte, da belebte ihre Gestalt sich wie durch Zauberschlag. Selig lächelnd legte sie ihre Hände in die seinigen und: »Ist es denn Wirklichkeit? Wir glaubten Sie so weit, so weit,« war das einzige, was sie hervorzubringen vermochte.

Bild: Max Vogel

Dort saßen Maud und Sunbeam, über sich zum Schutz gegen die blendenden Sonnenstrahlen chinesische Schirme, und erstere auf den Knien ein Buch.

»Nicht zu weit für mich, um alles daran zu setzen, ein Wiedersehen herbeizuführen,« erklärte Peldram, entzückt durch die in der ersten Überraschung zwanglos offenbarten Beweise der freundlichsten Gesinnungen. Er begrüßte die junge Hindu wie eine alte Bekannte und fuhr lebhaft fort: »Ich hätte selbst nicht daran geglaubt, als die Pandora plötzlich verschwunden war, ohne daß mir die Gelegenheit zu einem letzten Abschied geboten gewesen wäre. Meine Verzweiflung wurde dadurch erhöht, daß ich trotz der peinlichsten Nachforschungen im Unklaren über die von ihr eingeschlagene Richtung blieb. Da schwebte mir denn vor, daß die Gräfin Sie nur nach Marleyhouse entführt haben könne, und anstatt in späterer Zeit, kam ich sofort um den Jahresurlaub ein, zu dem meine Dienstzeit in dem gefährlichen Klima Indiens mich berechtigte. Mehrere Monate gingen damit hin. Dann aber benutzte ich die schnellste Fahrgelegenheit, und begünstigt durch einen glücklichen Zufall, traf ich beinahe in derselben Stunde ein, in der mein Onkel Lowcastle sich anschickte, in seinem Eremit der Pandora zu folgen. Das ist meine Geschichte – aber wie sehen Sie erfrischt aus nach der langen Seefahrt!«

Maud zog ihre Hände befangen aus den seinigen zurück. Einen scheuen Blick warf sie um sich; dann lud sie ihn ein, sich auf dem ihm von Sunbeam zugeschobenen Stuhl neben ihr niederzulassen. Zugleich machte sich auf ihrem Antlitz eine gewisse Verlegenheit bemerklich. Sie mochte sich fragen, ob sie in der ersten freudigen Erregung sich nicht zu weit habe fortreißen lassen; denn etwas gemessener und zurückhaltender in Wesen und Haltung bemerkte sie: »Es war in der Tat eine lange Reise, aber schnell genug verrann die Zeit bei der liebevollen Sorgfalt, mit der die Gräfin immer wieder Gelegenheit zur freundlichen Unterhaltung bot,« und abermals ließ sie ihre Blicke ängstlich umherschweifen.

Peldram gewahrte es und ihre Bewegung richtig deutend, warf er unzufrieden ein: »Was nicht hindert, daß Sie in steter Furcht vor ihr oder vielmehr vor ihren Schrullen –«

»Nicht weiter, Kapitän Peldram,« fiel Maud dringlich ein, »nicht weiter in diesem Sinne. Sie kennen die Gräfin nicht, oder Sie würden bei der Wahl Ihrer Bezeichnungen rücksichtsvoller zu Werke gehen.«

»Verzeihung, teuerste Maud,« lenkte Peldram alsbald heiter ein, »ich habe indessen genug von der Gräfin gesehen und gehört, um mich nicht ganz einverstanden mit allen ihren Handlungen erklären zu können. Ich dächte, eine solche Freiheit des Urteils kann jeder ehrliche Mann, ohne unhöflich zu erscheinen, für sich in Anspruch nehmen.«

»Eine Freiheit, deren auch ich mich rühme,« versetzte Maud etwas zuversichtlicher, »und da lautet mein Urteil völlig entgegengesetzt dem Ihrigen.«

»Ich lasse mich belehren, gern belehren,« erwiderte Peldram lebhaft, »allein mich zu überzeugen möchte selbst Ihnen in diesem Falle nicht gelingen, wenn ich auch einräume, in meiner innigen Teilnahme für Sie nicht ganz unparteiisch zu sein. Denn wie anders, als Schrullen, wollen Sie es bezeichnen, wenn man Sie mit einer Heimlichkeit entführt, als ob –«

»Die Heimlichkeit galt Sunbeam,« unterbrach Maud ihn, und einen freundlichen Blick senkte sie in die großen dunklen Augen der jungen Hindu, »die aber war sicher gerechtfertigt, oder das treue Wesen möchte sich längst des Sonnenlichtes nicht mehr erfreut haben.«

»Aus vollem Herzen pflichte ich dem bei, was die Gräfin zum Schutze Sunbeams tat,« nahm Peldram wieder das Wort, während seine Blicke Mauds Augen suchten; »welche Erklärung gäbe es aber dafür, daß eine für die menschliche Gesellschaft und den Geist erfrischenden Verkehr bestimmte junge Dame, wie Sie, gezwungen wird, ihr Leben einsiedlerisch zwischen Himmel und Wasser zu verbringen? Wären Sie noch in Marleyhouse zurückgelassen worden, wie ich glaubte zuversichtlich voraussetzen zu dürfen! Und solches Verfahren sollte nicht der Ausfluß einer Schrulle sein?« Er entdeckte, daß um Mauds Lippen ein Zug zweifelnden Mißmutes sich ausprägte, und zuvorkommend sprang er von dem ihr sichtlich peinlichen Gegenstande mit den Worten ab: »Wie die Sonne uns so aufmunternd zu dem Wiedersehen leuchtet! Möchte es nur nicht zu kurz bemessen sein. Doch vor allen Dingen, teuerste Maud: damit ich nicht abermals zu schrecklichen Irrfahrten um die halbe Erde herum verdammt werde, vertrauen Sie, bevor jemand uns stört, mir schleunigst an, wohin die Reise der Pandora zunächst führt.«

»Das weiß Miß Maud ebensowenig, wie Sie selber,« ertönte eine rauhe Stimme ihnen zu Häupten vom Quarterdeck her.

Peldram sprang auf. Sein erster Blick fiel auf Simpsons ernstes Antlitz. Er kämpfte indessen seinen Verdruß nieder, und Mauds ängstliche Spannung berücksichtigend, rief er wie im Scherz hinauf: »Wissen die jungen Damen es nicht, so darf ich vielleicht hoffen, auf meine höfliche Bitte von dem Herrn Kapitän Simpson darüber unterrichtet zu werden.«

»Auch der würde nicht imstande sein, Ihre sonderbare Frage zu beantworten,« sprach die Gräfin, die eben durch die offene Tür des Vorraumes der Kajüte ins Freie getreten und kaum drei Schritte weit von der Gruppe entfernt stehen geblieben war.

Sichtbar verstört kehrte Peldram sich ihr zu. Er bezweifelte nicht, daß sie sein ganzes Gespräch mit Maud erlauscht hatte, und einer feindseligen Anrede gewärtig, trachtete er, dieser zunächst durch einen ehrerbietigen Gruß zuvorzukommen.

»So bleibt mir nichts anderes übrig,« fügte er in verbindlichster Weise hinzu, »als die gnädige Gräfin selber zu ersuchen, Mitleid mit einem armen Sterblichen walten zu lassen und ihn über ihr nächstes Ziel aufzuklären.«

Wie eine Bildsäule stand die Gräfin da. Einige Sekunden betrachtete sie Peldram mit ablehnender, eisiger Kälte, dann sprach sie eintönig: »Es ist nicht meine Gewohnheit, über die von mir in Erwägung gezogenen Schritte dem ersten besten Auskunft zu erteilen.« Und zu den beiden Freundinnen in dem gleichen Tone: »Ich finde, hier, wo die Sonnenstrahlen in ihrem Anprall auf die weiße Wand doppelt blenden, ist kein rechter Platz für euch. Ich würde daher raten, nach oben zu steigen oder unten die schattigen Räume aufzusuchen.«

Sie wartete, bis Maud, wie mit Blut überströmt und gefolgt von Sunbeam und den Panthern, auf der niederwärts führenden Treppe verschwunden war, und nachlässig kehrte sie sich Peldram wieder zu, auf dessen gebräuntem Antlitz tiefe Entrüstung über ihr schneidend abstoßendes Verfahren sich offenbarte.

»Auch eine meiner Schrullen,« sprach sie gleichmütig. »Manche nennen es Verrücktheit, doch das ändert nichts an dem wahren Sachverhalt. Im übrigen mögen Sie mir zutrauen, daß ich am besten weiß, was den jungen Damen dient. Halte ich für angemessen, noch dreißig Jahre mit ihnen auf den Weltmeeren zu kreuzen, so kümmert das weder Sie, noch Lowcastle, noch irgend einen anderen Menschen der Welt.«

»Das sind harte Worte,« versetzte Peldram, und er kämpfte sichtbar um seine Selbstbeherrschung, »Worte, die man indessen willig über sich ergehen läßt, wenn sie aus solchem Munde kommen.«

»Wie es Ihnen beliebt,« hieß es kalt zurück. »Ich lege niemand Zwang auf, am wenigsten Fremden. Nebenbei möchte ich mir die Frage erlauben, welchem Umstande ich die Ehre Ihres Besuches an Bord meiner Jacht verdanke?«

Peldram knirschte mit den Zähnen. Nach der Begegnung mit Maud berührte die unzweideutige Feindseligkeit der Gräfin ihn doppelt peinlich. Schwer wurde es ihm daher, seine Leidenschaftlichkeit zu bemeistern und schonend zu antworten: »Ich kam im Auftrage des Herrn Lowcastle. Er läßt Ihnen seinen achtungsvollen Gruß entbieten und ersucht um die Erlaubnis, in Begleitung einiger Freunde Ihnen seine Aufwartung machen zu dürfen.«

Bei der Mahnung an die auf dem Eremit weilenden Herren zuckte es wie ein Blitz aus den Augen der Gräfin. »Sogar noch mit Freunden?« fragte sie ohne die leiseste Wandlung in ihren Zügen, »weiß er denn, ob er selber mir willkommen ist? Doch verlieren wir keine überflüssigen Worte. Melden Sie Ihrem Onkel Lowcastle, ich müßte jeden Besuch – merken Sie sich, Kapitän Peldram – jeden Besuch hier in meinem eigenen Reich ablehnen. Gebrauche ich jemand, so bescheide ich ihn zu mir, oder ich gehe zu ihm. Hat Lowcastle mir Wichtiges anzuvertrauen, so will ich ihm an Bord seiner Jacht die Ehre geben,« und ihre schmalen Lippen bequemten sich zu einem unheimlichen Lächeln, »aber nicht heute, auch nicht morgen, sondern zu einer Stunde, die mir zusagt. Nebenbei werde ich nicht verfehlen, mich zuvor anzumelden. Das teilen Sie wörtlich dem Herrn mit, der so eifrig bemüht ist, meinen Spuren zu folgen. Sie selbst mögen sich daraus eine Lehre ziehen.« Und nach dem Quarterdeck hinauf: »Mr. Simpson, ich mache Sie verantwortlich dafür, wenn abermals jemand versuchen sollte, ungerufen sich hier einzudrängen.«

Totenbleich vernahm Peldram die beleidigenden Worte. Er war so bestürzt, daß er keinen Laut hervorzubringen vermochte. Nur der Gedanke an Maud allein verlieh ihm die Kraft, wenigstens äußerlich eine gewisse Ruhe zu bewahren und die von unversöhnlicher Erbitterung zeugenden Angriffe als die im Grunde harmlosen Ausflüsse eines krankhaft überreizten Gemütes hinzunehmen, anstatt in ungestümem Aufbrausen einen unheilbaren Bruch herbeizuführen.

»Ihre Wünsche sind mir Befehl,« sprach er nach kurzem Kampfe mit seiner erwachenden Leidenschaftlichkeit, und höflich verneigte er sich, »ich gehe, entsage indessen nicht der Hoffnung, dennoch über kurz oder lang eine nachsichtigere, freundlichere Aufnahme zu finden.«

Die Gräfin maß ihn kalten Blickes vom Kopf bis zu den Füßen, und schweigend wandte sie sich von ihm ab.

Peldram schien der Boden unter den Füßen zu brennen, so schnell begab er sich in das Boot hinab, das sich unter den Ruderschlägen der seiner harrenden Matrosen alsbald in Bewegung setzte. Als es um den Spiegel der Pandora herumschoß, suchte er in den geöffneten Fenstern nach einem befreundeten Antlitz, jedoch vergeblich. Leicht erriet er, daß die Gräfin ihre jugendlichen Begleiterinnen hinderte, ihm auch nur einen Blick nachzusenden. Abenteuerliche Pläne durchschwirrten seinen Kopf. War er bisher Lowcastles Anschauungen in den meisten Fällen entgegengetreten, so hatte dieser jetzt in Verfolgung seiner Zweck einen eifrigen Bundesgenossen an ihm gewonnen.

Wenn auf den beiden Jachten der übrige Teil des Sonntags in echt englisch-eintöniger Weise verstrich, so rüstete man sich auf der Insel Utstejn, den Abend und auch wohl die Nacht heiter zu verbringen. Die umfangreiche Balkenstube in Stures Hause hatte man bis auf die unentbehrlichsten Möbel ausgeräumt und festlich geschmückt, in dem daranstoßenden Gemach ein Faß Bier und ein kleineres Gefäß mit Wacholderbranntwein aufgelegt und solche kalte Speisen beigefügt, wie sie der Gelegenheit und den gefüllten Kronensäcken des reichen Lotsenmeisters entsprachen. Als dann der Abend sich auf das Felseneiland senkte, da hatten sich so viele Gäste eingefunden, daß es zweifelhaft erschien, ob sich hinlänglich Raum zu einem ordentlichen Rundtanz würde beschaffen lassen. Niels, sonst stets einer der ersten, fehlte noch. Der Tanz hatte noch nicht begonnen; aber die beiden Geigen und die Klarinette ließen bereits ein Stückchen zur Probe ertönen, als er festlich gekleidet und in selbstbewußter Haltung eintrat.

In der Hand trug er einen sorgfältig in weißes Papier eingeschlagenen Gegenstand, ängstlich darauf achtend, daß er in dem Gedränge nicht zerdrückt wurde.

Erst nach einigem Umherspähen entdeckte er Karen. Im Hintergrunde des rauchgebräunten Gemaches stand sie, wo sie von dem Schein zweier Lampen und des auf dem Kaminherd lodernden Feuers voll beleuchtet wurde. Sie befand sich in lebhaftem Gespräch mit zwei jungen Männern, deren Anzug verriet, daß sie nicht zu der Innung der Fischer und Lotsen zählten, sondern von Stavanger herübergekommen waren, um bei der schönen Tochter des reichen Lotsenmeisters ihr Glück zu versuchen.

Anfänglich glitten Niels' Blicke über die beiden jungen Herren hinweg. Hatte er in seiner ängstlichen Erregung doch nur Sinne für Karen und die in seinem Kopfe sich kreuzenden, ihm plötzlich als verwegen erscheinenden Pläne. Als er aber näher trat und in des Mädchens erglühendem Antlitz eine gewisse Befangenheit entdeckte, wurde er aufmerksam auf die Fremden. Zugleich mißfiel ihm deren Wesen, in dem sich unzweideutig ausprägte, daß ihr Dünkel sie weit über alle anderen Anwesenden erhob. Mehr noch störte ihn, daß sie nach vornehmer Leute Art geschmeidig auf Karen einredeten und ihr Dinge zuraunten, die sie immer wieder zum Lachen reizten. Er beherrschte indessen seinen Verdruß, und von seinem wohlüberlegten Verfahren einen zu seinen Gunsten entscheidenden Erfolg voraussetzend, trat er mit einem zaghaften Lächeln vor Karen hin.

»Ich komme etwas später,« hob er sich entschuldigend an, »aber ich hatte meine besonderen Gründe. Auch hoffte ich, daß du den ersten Tanz, den ich erbat, mir vorbehalten würdest.«

»Wer zu spät kommt, darf sich nicht beklagen, wenn pünktlichere Leute ihm vorgreifen,« bemerkte der eine junge Herr geringschätzig lachend. »Karen ist versagt bis über Mitternacht hinaus.«

Niels errötete vor Scham und erwachendem Zorn. Wie nach einer Waffe suchend, warf er einen funkelnden Blick um sich. Dieser streifte Karens Vater, der ihm wenig auffällig gefolgt war, offenbar um die zwischen ihm und dem Mädchen sich entwickelnde Szene zu beobachten, jedoch in nachlässiger Haltung ihm den Rücken zukehrte. Nur zwei Sekunden Zeit hatte er dadurch verloren, dann fuhr er den unberufenen Sprecher mit den Worten an: »Ich rate dir, mit deiner Rede so lange zu warten, bis ich dich gefragt habe. Du bist überhaupt nicht der Mann dazu, vorzugreifen und deinen Willen zu dem irgend eines Mädchens zu machen.«

Höhnisches Lachen war die Antwort der beiden Herren, die sich unter dem Schutze Stures vollkommen sicher fühlten. Auf Karens Antlitz spiegelte sich Ratlosigkeit. Ob die Nähe des Vaters sie störte oder der vertrauliche Verkehr mit einem einfachen Lotsen in Gegenwart der Fremden ihr beschämend erschien, wäre schwer zu entscheiden gewesen. Aber gewahrend, daß die Umstehenden aufmerksam auf sie geworden waren, und gereizt durch deren neugierige Blicke, versetzte sie hochmütig: »Wer konnte glauben, daß du jetzt noch kommen würdest? Ein beiläufig abgelegtes Versprechen hat keinen Wert, weder für dich, noch für mich. Doch beruhige dich, der nächste Tanz, den ich frei habe, soll dir gehören.«

Niels stand, wie seinen Sinnen nicht trauend. In Gegenwart so vieler Zeugen, namentlich der ihn höhnisch betrachtenden Fremden, gedemütigt zu werden, raubte ihm fast das klare Denkvermögen. Trotzdem bezwang er sich zu einer freundlichen Erwiderung, indem er entgegnete: »Gut, Karen, versagst du mir den ersten Tanz, so bist du in deinem Recht. Ich aber will dafür heut meine Füße überhaupt nicht mehr regen. Dagegen soll es mich erfreuen, wenn du nach dem Takt der Geigen dich drehst, und eine Liebe will ich dir erweisen, wenn nach der Anstrengung dir's Atmen schwer wird und deine Stirn wie Feuer glüht.«

Bild: Max Vogel

Er wickelte den Fächer aus dem Papier und klappte ihn auseinander. Vorsichtig schüttelte er ihn, daß die kunstvoll geschnitzten Elfenbeinstäbe klirrten, der zarte, weiße Federnbesatz sich bauschte und ringsum Ausrufe bewundernden Erstaunens laut wurden. Dann fuhr er mit seltsam gepreßter Stimme fort: »Ist mir heut verwehrt, dich in einem schnellen Walzer herumzuschwingen, so bitte ich, wenigstens ein Geschenk von mir anzunehmen, das beim Gebrauch dich ein wenig an mich erinnern mag.« Mit dem letzten Wort überreichte er Karen den Fächer, zugleich suchte er ängstlich in ihrem Antlitz. Ein Ausdruck freudigen Erstaunens erhellte es. Er entdeckte es und atmete erleichtert auf. Indem Karen aber einen scheuen Blick um sich warf und inne wurde, daß alle Zunächststehenden, namentlich der Vater, sie mit gespannter Aufmerksamkeit beobachteten, die beiden Städter dagegen bei der in der nächsten Umgebung plötzlich eingetretenen Stille mit einem hörbaren Lachen nicht zurückhielten, ließ sie die bereits ausgestreckte Hand wieder sinken. Brennende Glut schoß in ihre Wangen.

»Das ist ein Geschenk für eine Königin,« sprach sie, die frischen Lippen trotzig emporwerfend, »und nicht für die Tochter meines Vaters. Oder möchtest du, daß die Leute mich verhöhnen, wie eine vom Theater?«

Niels erbleichte tödlich. Völlig ratlos sah er um sich. Nirgends entdeckte er auch nur das leiseste Merkmal freundlicher Teilnahme. Hier lugte ihm Schadenfreude entgegen, dort von Neid getragener Spott.

»Der muß einen Wikingerschatz aus dem Meer heraufgeholt haben,« hieß es hinter ihm mit halblauter Stimme und deshalb um so höhnischer. »Eine Schande, für solch' Spielwerk einen Haufen Gold fortzuwerfen, während daheim Mangel aus jedem Winkel lugt,« drang es aus einer anderen Richtung verständlich an seine Ohren, während die beiden Städter, nunmehr ihr Spiel gewonnen sehend, durch lautes Auflachen seine Bestürzung auf den Gipfel trieben. Weit fort wünschte er sich, weit fort aus einem Kreise, in dem man jetzt ebenso mitleidslos über ihn herfiel, wie man seine erstaunliche Freigebigkeit gepriesen haben würde, wäre der Fächer von Karen angenommen worden.

Endlich schöpfte er tief Atem. An Stelle des bisherigen Zagens trat Erbitterung. Sein Antlitz, eben noch bleich, erglühte in schwer zu bezähmender Wut.

»Du hast meine Gabe verschmäht, und die war auf ehrenhafte Art in meinen Besitz gelangt,« sprach er mit unheimlich belegter Stimme, und feindselig sah er in Karens nunmehr scheu blickende Augen. »Ich gedachte, dir eine Freude zu bereiten, und anstatt eines einzigen Wortes des Danks regneten Spott und Schmähreden auf mich ein. Es ist gut so. Was du zurückgewiesen hast, soll wenigstens keiner anderen zugute kommen,« und den Fächer zusammenklappend und mit beiden Fäusten packend, zerbrach er ihn in kleine Stücke, daß die abgerissenen zarten Federn umherflogen. Dann warf er alles mit einer Gewalt vor des Mädchens Füße, daß die Splitter umhersprangen, und sich umkehrend, wollte er sich entfernen, als Sture ihm mit dem Finger auf die Schulter tupfte und ihn dadurch zum Stehen veranlaßte.

»Niels Knudson,« redete er ihn mit schlecht verhehlter innerer Befriedigung an, »wir sind hier zusammengekommen, um einen lustigen Abend zu verbringen, und nicht, um in Zank und Streit auseinander zu laufen.«

Niels sah durchdringend in Stures Augen. Einige Sekunden schwankte er, bevor er trotzig antwortete: »Dir seh' ich bis ins Mark hinein. Doch fürchte dich nicht. Mein Schatten hat zum letzten Male deine Tür verdunkelt,« und beide Hände in die Taschen seiner Beinkleider schiebend, schritt er dem Ausgange zu. Nicht rechts oder links sah er. Aber den Kopf trug er hoch und aus seinen Augen leuchtete eine so gefährliche Entschlossenheit, daß alle ihm scheu auswichen. Erstaunen über seine Verwegenheit schien die Zungen gelähmt zu haben. Nicht einmal Worte der Mißbilligung wurden laut, weil man fürchtete, daß sie zu einem Ausbruch der in ihm gärenden Wut führen würden. Auf Stures breitem Gesicht webte heimlicher Triumph. Karens Antlitz hatte sich entfärbt. Nur verstohlen wagte sie dem Scheidenden nachzuspähen. Ein erzwungenes Lächeln des Trotzes spielte um ihre Lippen. Es wurde erzeugt durch das Bewußtsein, daß die Blicke der beiden Städter lauernd auf ihr ruhten. Wie eine Rettung erschien es ihr daher, daß ihr Vater, sobald Niels die Schwelle überschritten hatte, den Spielleuten ein Zeichen gab, mit der Musik zu beginnen, und alsbald die Paare sich ordneten. Gleich darauf fühlte sie sich von dem einen Städter umschlungen; doch gewahrend, daß dieser mit den Füßen die Elfenbeinsplitter und Federbüschel verächtlich zur Seite schob, machte sie sich noch einmal von ihm los. Auf kurze Zeit verschwand sie im Nebenzimmer; als sie wieder erschien, trug sie in der einen Hand eine Blechschippe, in der anderen einen kurzstieligen Haarbesen. Mit flinken Strichen fegte sie die zerstreuten Reste des vernichteten Kunstwerkes bis auf den kleinsten zusammen, und erst nachdem sie diese hinausgetragen hatte, trat sie wieder neben ihren Tänzer hin. Sie lächelte wie zuvor. Niemand sah ihr an, daß zwei schwere Tränen zu den Splittern auf die Schippe gefallen waren. Im nächsten Augenblick wurde sie fortgerissen mitten in den wilden Reigen hinein. Wie um den peinlichen Zwischenfall dadurch aus der Erinnerung zu streichen, tanzte sie mit ungestümem Eifer. Sie schien unermüdlich zu sein, war aber taub für die Schmeichelworte, die der Städter während des Tanzes ihr mit heißem Atem zuraunte. –

Niels hatte sich zum Wasser hinunterbegeben, wo die leichten Fischerböte nebeneinander lang genug angekettet lagen, um dem Einfluß von Ebbe und Flut nachgeben zu können. Dort ließ er sich auf einen Stein nieder. Finsteren Blicks spähte er über die nächtlich graue Wasserfläche hin. Der eben aufgehende halbe Mond stand hinter einer silberberänderten Wolke. Seine Leuchtkraft wurde dadurch auf ein geringes Maß beschränkt. Düster nahm sich alles aus, düster, wie des jungen Lotsen Stimmung, indem er der erfahrenen bitteren Demütigungen gedachte. Er wollte sich gewaltsam beruhigen, allein es gelang ihm nicht, denn fortgesetzt drang der schrille Ton der Geigen und Klarinetten zu ihm herüber, die fröhlichen Menschen zum lustigen Reigen ihr Bestes lieferten. Er vergegenwärtigte sich Karen, wie sie in den Armen des verhaßten Städters ruhte, wie ihr Antlitz glühte nach der jedesmaligen Anstrengung und bei den ihr Ohr suchenden faden Liebesschwüren. Er vergegenwärtigte sich den alten Sture, der es schlau verstanden hatte, ihn, der sonst stets der Lebhafteste und am liebsten Gesehene auf dem Platze war, gewissermaßen aus seinem Hause zu verweisen. Er vergegenwärtigte sich die Nachbarn alt und jung, die folgenden Tages mit Fingern auf ihn zeigen, hinter seinem Rücken hämische Bemerkungen über den elenden Lotsenknecht austauschen würden, der sich nicht zu gering gehalten hatte, mit verdächtigen kostbaren Geschenken um das reichste und stolzeste Mädchen des Ortes zu werben, und mit einem wilden Fluch sprang er empor. In demselben Augenblick glitt vor ihm ein Lichtfeld über das Wasser hin. Gleich darauf wurde der Mond zwischen dem zerrissenen Gewölk hindurch sichtbar. Als sei dies ein Ruf gewesen, betrat er das nächste Boot. Mit geübtem Griff löste er die Kette, und die Riemen ungestüm handhabend, glitt er dem Südende der Insel zu, wo die Pandora vor den trägen Dünungen träumerisch schwankte.

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.