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Die beiden Jachten

Balduin Möllhausen: Die beiden Jachten - Kapitel 33
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pfad/moellhsn/jachten/jachten.xml
typefiction
authorBalduin Möllhausen
titleDie beiden Jachten
publisherVerlag von Paul List
editorDietrich Theden
illustratorMax Vogel
year1906
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zweiunddreißigstes Kapitel.

Die Lustjacht ist da!

Noch befand Karen sich auf ihrer Warte, als die über die östlichen Höhen hinausblinzelnde Sonne ihr die ersten Strahlen zusandte. Dadurch zur Eile gemahnt, schwebte sie, wie ehemals, im kühnen Sprunge zur Erde nieder, und ihre Schritte fast bis zum Lauf beschleunigend, gelangte sie binnen wenigen Minuten vor die Hütte. Hastig überwand sie die nach oben führenden Stufen, und die Tür aufstoßend rief sie laut hinein: »Die Lustjacht ist über Nacht vor Anker gegangen? Kein anderer als Niels selber brachte sie herein – er kommt sicher bald –«

Sie verstummte. Befremdete sie, die greise Larsen schon in aller Frühe munter und auf ihrem Holzsessel vorzufinden, so verwirrte sie vollends, anstatt Ausdrücke freudigen Erstaunens zu hören, nur lachenden Blicken zu begegnen. Nicht einmal eine Antwort hatte man für sie. Zögernd schritt sie über die Schwelle, prallte aber bestürzt zurück, als Niels, der seitwärts von der Tür hinter dem Tisch gesessen hatte, plötzlich vor ihr stand.

»Er ist schon da,« redete er das tödlich erbleichende Mädchen an, und in seinen ehrlichen Zügen offenbarte sich unzweideutig, daß ihm durch die Mutter bereits Aufschlüsse geworden waren, wie er solche zuvor für unmöglich gehalten hätte. »Ja, Karen, er ist da; dir aber sei's gedankt, daß du die erste bist, die auf Utstejn nach der Pandora auslugte, daß du den alten Hader vergaßest und herbeieiltest, um mir ein freundlich Willkommen zu bieten.«

Er wollte ihr die Hand reichen, zögerte aber, sobald er gewahrte, daß sengende Glut sich über ihr Antlitz ausbreitete und, wie in früheren Tagen, unter den gerunzelten Brauen hervor der sich aufbäumende Dämon zügellosen Trotzes ihm entgegenfunkelte. Die Mahnung an die sich bei jeder Gelegenheit wiederholenden Zerwürfnisse hatte sie jäh in jene Zeiten zurückversetzt, in denen sie ängstlich sogar den Schein zu meiden trachtete, als ob sie ihm irgend eine Gewalt über ihr Denken und Empfinden eingeräumt habe. Im Geiste sah sie ihn vor sich, wie er den kostbaren Fächer zwischen seinen Fäusten zersplitterte und zerknirschte und ihr vor die Füße warf. Keine Stunde schien verstrichen zu sein, seitdem er die Schwelle ihres elterlichen Hauses zum letztenmal überschritt.

»Nicht deinetwegen kam ich –« entwand es sich zürnend und dennoch mit sichtbarem Widerstreben den blühenden Lippen; »konnte ich doch nicht wissen, ob du bereits daheim – sondern um Mutter und Großmutter deine Nähe zu verkünden; die bangten nach dir Tag und Nacht.«

Da verfinsterte sich des jungen Lotsen Gesicht. Auch bei ihm wiederholten sich die Empfindungen jenes an Demütigungen so reichen Abends. Er verwünschte seine Heimkehr wie die Mitteilungen der Mutter, durch die er irregeleitet worden.

»Bangten die nach mir,« antwortete er hart, »so meinte ich, daß, nachdem du so lange herzlich für sie sorgtest, du auch für mich 'nen freundlichen Gedanken übrig haben möchtest. Nimm's daher nicht für ungut, wenn ich in der Freude des Wiedersehens zu weit ging.«

Karen warf die Lippen empor. Es war, wie Christine Knudson tags zuvor zu ihrer Mutter sagte: im plötzlich wachgerüttelten Trotz gab sie nicht nach, und hätte ihr Leben auf dem Spiele gestanden. Und doch hämmerte das Blut in ihren Schläfen, wie um sich einen Ausweg zu bahnen, und pochte das eigenwillige Herz, daß sie meinte, daran ersticken zu müssen.

»Gedanken für jemand, dem's zu gering war, so oft er auch schrieb, anderen einen Gruß zu senden?« fragte sie überstürzt in dem dumpfen Trachten, ihr feindseliges Auftreten zu rechtfertigen.

»Dir einen Gruß senden?« fragte Niels zurück, während es ihm wie Eis durch die Adern rieselte, »dir, von der ich glaubte, daß sie die Frau eines prahlerischen Stadtherrn geworden, der sie wohl gar die Bekanntschaft mit einem einfachen Lotsen entgelten ließ? O, Karen, das ist ein traurig Wiedersehen: aber ich konnt's nicht anders erwarten, wenn ich mir den letzten Abend auf dem Tanzplatz ins Gedächtnis rufe –«

»Wo du mich dem Gespött aller Menschen preisgabst,« fiel Karen achselzuckend ein, »aber ich will gehen. Eine Kränkung ist's für Mutter und Großmutter, uns so reden zu hören,« und die in peinlichem Erstaunen auf sie gerichteten Blicke der beiden Frauen meidend, schritt sie aus der Tür und die Treppe hinunter.

»Karen!« rief Christine Knudson ihr erschrocken nach, doch Karen hörte nicht.

»Karen! Karen!«

Niels stand wie betäubt. Er faßte sich indessen alsbald wieder, und der Mutter zugekehrt, sprach er erbittert: »Das hätte mir erspart bleiben können. Ich wußte, wie alles endigen würde,« und ohne eine Erwiderung der bestürzten Frau abzuwarten, folgte er dem Madchen nach. In der Nähe des Felsblocks holte er die nachlässig Schreitende ein, und an ihre Seite tretend, begann er eintönig und entsagend: »Das war ein böses Wiedersehen, wie zwischen Todfeinden. Aber ich verschulde es nicht, wenn die beiden Alten mit ihrem Reden mir's Blut zu Kopfe trieben und dein unvermuteter Anblick mich vollends um den Verstand brachte.«

Finster vor sich niederstarrend verfolgte Karen ihren Weg. Sie schien seine Worte nicht gehört zu haben.

»So will ich dich wenigstens bitten,« fuhr Niels nach einer kurzen Pause fort, »mir zu verzeihen, daß ich in deinem Kommen mehr zu sehen meinte, als herzliche Gesinnungen für die Meinigen. Ja, Karen, verzeih' es. Auf daß du fernerhin dich um sie kümmerst, ohne Ärgernis für dich selbst, laß uns wenigstens als Freunde auseinander gehen. Auch verspreche ich, dich nie wieder zu belästigen. Meine Stelle an Bord der Pandora ist noch offen; führt dein Weg dich morgen abermals nach der Hütte, so findest du mich nicht.«

Hastig fuhr Karen herum. Die Farbe war von ihren Wangen gewichen. Gleichsam herausfordernd blickten ihre Augen. »Du darfst nicht fort, du sollst nicht fort,« sprühte es förmlich von ihren bebenden Lippen, »denn wer bürgt dafür, daß die Deinigen noch am Leben sind, wenn du nach einem oder mehreren Jahren wieder einmal auf Utstejn vorsprichst? Ich aber will's nicht auf's Gewissen nehmen, wenn's heißt, ich hätte dich vertrieben –«

Sie brach ab. Heimliche Angst spiegelte sich auf ihren Zügen. Entfernen wollte sie sich, blieb aber wie gebannt stehen. Scheu suchte sie die Augen des jungen Lotsen, die mit einem sprechenden Ausdruck der Trauer auf ihr ruhten.

»Dich trifft kein Vorwurf, wenn's mich wieder aufs Meer hinauslockt,« hob er besänftigend an. Er kam nicht weiter. Karen hatte die Arme ausgebreitet, und seinen Hals umschlingend, barg sie ihr Antlitz laut schluchzend an seiner Brust.

Einer Betäubung ähnlich umfing es Niels' Sinne. Den Arm hatte er wohl um das weinende Mädchen gelegt, allein mit schüchternem Druck; es beherrschte ihn die Furcht, sie bei seiner Berührung wild auffahren und ihre Augen zürnend auf sich gerichtet zu sehen. Doch Karen wagte nicht, zu ihm auszublicken. Fester noch schmiegte sie sich ihm an. Erst nachdem, sie ihrer heftigen Erregung ein wenig Herr geworden, sprach sie, noch immer gegen Tränen kämpfend, seltsam gedämpft: »Du darfst nicht fort, wenn ich selber nicht in Leid mich verzehren soll. Ich bekenne es offen: auf dich gewartet habe ich von der Stunde an, in der du von hier fortsegeltest, und jetzt, da du unvermutet vor mich hintratest, packte es mich, daß ich mich vor dir schämte. Ich fühlte, daß ich nicht leben könnte ohne dich, und mochte es doch nicht eingestehen. Ich fürchtete dich, und gegen mein eigen besseres Wissen fertigte ich dich ab mit grausamen Worten. Du aber redetest sanft auf mich ein und das war ärger, als hättest du mir ein glühendes Eisen ins Herz gestoßen. Es mußte herunter von meiner Seele, sollte ich nicht daran ersticken. Du weißt jetzt alles; bin ich dir aber trotzdem nicht zu gering, so sprich es aus, und ich will dir dienen als deine Frau und dir treu sein mein Leben lang.«

Da hob Niels das von Tränen überströmte blühende Antlitz zu dem seinigen empor, und es immer wieder auf Mund und Augen küssend, fragte er mit vor Innigkeit zitternder Stimme: »Mir zu gering? Warst du nicht mein Augenlicht, seitdem ich bei euch ein und aus ging? Mir zu gering, der ich dir nichts biete, als herzliche Liebe und Treue und dazu zwei gesunde Arme –« erschrocken brach er ab, fügte aber alsbald zaghaft hinzu: »Dein Vater, Karen – dein Vater. Wie soll ich ihm begegnen? Was habe ich von ihm zu gewärtigen?«

Bild: Max Vogel

Karen hatte die Arme ausgebreitet, und seinen Hals umschlingend barg sie ihr Antlitz laut schluchzend an seiner Brust.

Ernster, sogar entschlossen und doch so liebevoll sah das Mädchen zu ihm auf, indem es antwortete: »Einmal beugte ich mich unter seinen Willen und unter die eigene Hoffahrt, und das trug mir viele bittere Stunden ein. Zum zweiten Male geschieht's nicht. Deine Arme sind nicht gesunder, als die meinigen, und arbeiten lernte ich ebenfalls.«

»So mag dein ehrlicher Wille uns beiden gesegnet sein, daß wir auch ohne die Hilfe anderer uns einen glatten Weg anbahnen,« erwiderte Niels aus überströmendem Herzen. Sein Blick streifte die heimatliche Hütte. Deutlich erkannte er die Gestalt seiner Mutter, Auf der obersten Stufe stand sie, von wo aus sie ihm besorgt nachgespäht hatte. »Dort brauchen wir es nicht mehr zu verkünden,« bemerkte er zu Karen gewendet.

Karen schwang grüßend ihr Tuch, er selber die Mütze, und Hand in Hand wandelten sie dem Dorfe zu. Tränen des Glücks rannen Frau Christine Knudson über die verwitterten Wangen. Sie sah den jungen Leuten nach, bis sie durch eine Bodenerhebung ihrem Gesichtskreise entzogen wurden; vor diesen aber tauchten zur gleichen Zeit die Häuser und Hütten von Utstejn auf, wo das Wiedererscheinen der Pandora allerwärts eifrig besprochen wurde. Vereinzelte Menschen, von Neugierde getrieben, kamen ihnen von dorther entgegen. Ihnen voraus schritt Sture. Als er, im Begriff, Karen zu wecken, deren Abwesenheit entdeckte, erriet er leicht, wo er sie zu suchen haben würde. Beim Anblick des Mannes, dessen er bisher nur als seines erbittertsten Feindes zu gedenken vermochte, gab Niels unwillkürlich Karen Hand frei.

»Nicht doch,« sprach diese innig, ihre Hand wieder in die seinige legend, »wir befinden uns auf rechtem Wege, brauchen keines Menschen Augen zu scheuen. Dein Schatz bin ich für alle Ewigkeit, und das sollen die Leute uns schon aus der Ferne ansehen.«

Näher kam Sture. Trotz des die beiden beseelenden ernsten Willens, hingen ihre Blicke mit ängstlicher Spannung an seinen verschlossenen Zügen. Doch ihre Besorgnis sollte bald schwinden; denn Sture streckte dem jungen Manne die Hand entgegen, noch bevor er in Armeslänge vor ihm eingetroffen war. Dazu redete er ihn mit den Worten an: »Kamst du früher, hätt's nicht geschadet; sollst mir aber deshalb nicht weniger willkommen sein. Geht nur zur Mutter; die lugt vielleicht schon nach euch aus. Ich selber folge bald nach. Will nur zur Witwe Larsen und ihrer Tochter hinüber, um ein ordentliches Wort mit ihnen zu wechseln.«

Karen küßte ihm die harte Hand. Niels dagegen erklärte in offener, mannhafter Weise: »Den heutigen Willkommsgruß sollst du nicht bereuen, so lange das Glück deines Kindes dir selber noch Freude bereitet, oder ich müßte auf meiner jüngsten Fahrt den letzten Tropfen ehrlichen Blutes drangegeben haben.«

»Schon gut,« versetzte Sture hastig, aber seine tiefe Stimme klang weich, und schnellen Schrittes entfernte er sich.

Wie Karen vorhergesagt hatte, so geschah es. Die Leute, denen sie begegneten oder die in die Haustüren traten, als sie langsam durch das Dorf wandelten, begriffen sofort, daß sie zusammengehörten. Dieselben Stimmen, die einst die Demütigungen des verwegenen Burschen schadenfroh besprachen, die sandten ihm heute fröhliche Grüße zu Im übrigen gab es wohl kaum jemand in Utstejn, der nicht steif und fest behauptete, längst vorhergesehen zu haben, wie alles noch einmal endigen würde.

Sture weilte um diese Zeit in der Hütte, und was er da sagte, das trieb den beiden Frauen Tränen überschwenglicher Freude in die Augen. Der Gang dahin mochte ihm recht schwer geworden sein; als er aber schied und Segnungen und Ausdrücke heißen Dankes ihn bis vor die Tür hinaus begleiteten, da erfüllte ihn eine Befriedigung, wie er sie bis dahin nicht für möglich gehalten hätte. Eine Steigerung erfuhren diese Empfindungen, als er in sein Haus eintrat, und seine Frau schwermütig lächelnd ihren Arm um seinen Hals legte und ihn küßte.

»Jetzt wird's wohl ein Ende haben mit den bösen Blicken und dem mürrischen Schweigen unter meinem Dach,« sprach er, und hinter eigentümlich grimmigem Lachen verbarg er ein ihm bis dahin fremd gebliebenes Gefühl der Rührung; »könnte ich doch keinen besseren zu meinem Nachfolger bestimmen, als den Niels. Ein verhenkert gewandter Bursche; dem Erich Larsen sieht er ähnlicher, denn je zuvor, ohne daß es mich noch wurmte.«

Als er nach den jungen Leuten fragte, zog seine Frau ihn in Karens Zimmer. Dort saßen beide vor der geöffneten Truhe, er glaubte, um den reichen Linnenschatz durchzuzählen. Um so mehr erstaunte er, sobald er das Segeltuch mit den darauf gehefteten Bruchstücken des Fächers vor ihnen liegen sah. Verwundert wiegte er das Haupt, und das zertrümmerte Kunstwerk aufmerksam betrachtend, erklärte er nachdenklich: »Wer hätte dem Mädchen das zugetraut. Das ist 'ne Schrift, wie sie der Katechismus nicht klarer aufweist. Da will ich schon glauben, daß ihr nicht voneinander laßt.« Auch von einer in den nächsten Tagen stattfindenden Verlobungsfeier sprach er, und daß es ein Fest werden sollte, wie man es auf Utstejn noch nicht erlebte. Die ganze Kolonie sollte daran teilnehmen, so viel glaubte er mindestens dem Niels, aber auch seiner Tochter nach der harten Prüfung schuldig zu sein; für die beiden Frauen dagegen draußen in der kleinen Hütte verhieß er zu sorgen, daß sie ihrem Leben eine ewige Dauer wünschen möchten. Wer ihn sah und hörte, hätte ihn kaum wiedererkannt, so redselig war er geworden. Vollständig umgewandelt erschien er. War ihm doch selber, als habe mit Niels ein guter Geist seinen Einzug auf einer Stätte gehalten, auf der bisher keiner seines Lebens recht froh wurde.

*

Bild: Max Vogel

Zwei Tage noch und drei Nächte rastete die Pandora vor ihrem Anker. Den ersten Tag benutzte die Gräfin zu einem Besuch bei der alten Larsen und im Hause des Lotsenmeisters. Dort verkündete sie mit einem bezeichnenden Blick in Christine Knudsons Augen, daß man in nächster Zeit von dem noch lebenden Erich hören werde; bei Sture sprach sie dagegen vor, um seiner Frau ein Hochzeitsgeschenk für das junge Paar anzuvertrauen.

Am zweiten Tage segelte sie in Stures Begleitung in dessen Boot nach Stavanger. Kaum eine Stunde verweilten sie dort, und als sie sich mir den Rückweg begaben, da prangte der Lotsenmeister mit einem so dicken roten Kopf, als hätte er die ganze Zeit hinter der Flasche verbracht gehabt. Und doch hatte ihr Geschäft in der Stadt sich mir aus einen kurzen Besuch bei einem der angesehensten Handelsherren beschränkt.

Diese wunderliche Stimmung fand ihre Fortsetzung, als er nach seinem Landen auf Utstejn heimwärts wandelte.

»Elftausend Pfund Sterling,« sprach er wiederholt vor sich hin, »es ist nicht zu glauben, und doch sah ich's mit eigenen Augen. Elftausend Pfund Sterling! Der arme Erich Larsen! Und von ihm kommt alles her; und da versündigte ich mich noch an seinem Andenken.«

Vor dem Hause traten Niels und Karen ihm entgegen. Den Hut tief ziehend, verneigte er sich unwillkürlich, und bevor er sich klar über sein Tun wurde, lachten die jungen Leute über den vermeintlichen Scherz laut auf.

Verlegen schaute Sture darein. Sein Herz war so voll, daß er die Ursache seines seltsamen Benehmens hätte in die Welt hinausschreien mögen, und doch durfte er nicht. Erst dann, wenn die Pandora wieder die hohe See gewonnen hatte, durften die Fesseln seiner Zunge gelöst werden. Es blieb ihm daher nur übrig, mit in das Lachen einzustimmen, worauf er Niels belehrte, daß er und kein anderer folgenden Tages in aller Frühe die Jacht aus dem Fjord hinauszuführen habe. Das sollte der letzte Dienst sein, den die Gräfin von ihm erwartete. Er selbst beabsichtigte, mit dem Kutter im Kielwasser der Pandora zu folgen und außerhalb der Schären ihn zu sich an Bord zu nehmen. Ganz zu schweigen vermochte er indessen trotz des strengen Gebotes der Gräfin nicht, beschränkte sich aber darauf, seiner Frau feierlich zu erklären, daß er von nun an Tag und Nacht des toten Erich Larsen wie eines herzlieben Freundes gedenken werde. Auch sie möchte sein Andenken laut und in stillen Gebeten segnen, riet er, damit der aus einem fernen Grabe entsendete Segen über alle Meere hinweg ihre Tochter und deren Auserwählten finde.

Den Sinn dieser rätselhaften Worte begriff Frau Sture erst folgenden Tages, als ihr Mann und Niels nachmittags vom Lotsendienst heimkehrten. Zu Vieren reihten die Familienglieder sich um den Tisch. Auf Stures geröteten Zügen prägte sich, indem seine Blicke von einem zum anderen schweiften, stolzes Behagen aus. Hatte das auf seiner Seele lastende Geheimnis während der letzten vierundzwanzig Stunden ihm fast das Herz abgestoßen, so gefiel er sich jetzt darin, die Befriedigung der sichtbar wachsenden Neugierde der Seinigen immer noch ein wenig weiter hinauszuschieben und die Zeit mit wunderlich einleitenden Bemerkungen auszufüllen. Man wurde förmlich irre an ihm, so seltsam lautete seine Rede. Verstieg er sich doch sogar zu der Behauptung, daß Niels wohl um ein angeseheneres Mädchen hätte freien können, als um die Tochter eines einfachen Lotsenmeisters. Als er aber endlich mit der vollen Wahrheit zutage kam, da starrte man erschrocken auf ihn hin, wie auf jemand, dessen gesundes Denkvermögen vom richtigen Kurs abgefallen, oder der im schwedischen Punsch des Guten ein wenig zu viel getan. Um den Unglauben zu besiegen, gehörte eben dazu, daß er die Quittung über die für Rechnung der Witwe Larsen hinterlegten elftausend Pfund Sterling zur Prüfung von Hand zu Hand gehen ließ. Dann aber wanderte er in Niels' und Karens Begleitung nach der einsamen Hütte hinaus. Er selbst wollte den beiden Witwen die erstaunliche Kunde zutragen. Diese vermochten die Höhe der auf sie entfallenden Summe nicht zu ermessen. Es gelang ihm daher leichter, die ihm auf's Wort Glaubenden zu überzeugen. Auf die alte Larsen übte die wunderbare Nachricht nur insoweit einen besonderen Eindruck aus, als sie in Niels ihren verschollenen Sohn Erich wieder zu erkennen glaubte, mit rührender Zuversicht ihn fortan so nannte und schon folgenden Tages das Linnen zu den Hemden für ihn in Arbeit zu geben versprach. Keiner wagte, sie über ihren Irrtum aufzuklären, der ihr noch einige sonnige Lebenstage verhieß.

*

Zur gleichen Stunde tauchte die norwegische Küste hinter der Pandora ins Meer hinab. Die Gräfin stand neben der Spiegelbrüstung. Wehmut im Blick sah sie nach Osten. Die letzten Wünsche der drei einsamen Schläfer auf der Aurora-Insel hatte sie erfüllt.

»Alle sind glücklich geworden,« flüsterte sie unbewußt vor sich hin, »was entfällt aber auf mich?« Da war es, als ob ein Geistergruß sie umwebe, eine Hand mit leisem Druck sich beschwichtigend auf ihr Herz lege.

Das Meer rauschte, in der Takelage sang der Wind melancholisch. Den Augen der Gräfin entwanden sich ein paar schwere Tränen und rollten langsam über die hageren Wangen. Eine leichte Bewegung hinter ihr störte sie in dem schwermütigen Sinnen; zugleich schmiegten die beiden Geparde sich schmeichelnd an sie an. Sie kehrte sich um, und vor ihr standen Maud und Sunbeam. Auf deren Zügen das Gepräge inniger Teilnahme gewahrend, bemerkte sie lächelnd: »Es ist doch ein freundliches Bewußtsein, beim Scheiden dort diesem oder jenem Ort glückliche Menschen zurückzulassen.«

»Unsere Freunde auf Utstejn müssen sehr glücklich sein,« antwortete Maud lebhaft.

»Sehr glücklich,« bestätigte die Gräfin. Liebkosend glitt ihre Hand über Mauds Wange. »Sehr glücklich,« wiederholte sie ernst, »jetzt kommst du an die Reihe; gedulde dich nur noch ein wenig; dann ist meine Lebensaufgabe erfüllt.«

»Nein, nein, noch lange nicht,« versetzte Maud unter hervorbrechenden Tränen, und sie warf sich an die Brust der Gräfin.

Wiederum lächelte die Gräfin unendlich milde, indem sie sprach: »Mein Seefahren hat wenigstens ein Ende erreicht.« Dann zu der jungen Hindu, deren große dunkle Augen in banger Erwartung an ihren Lippen hingen: »Sei unbesorgt. Du bleibst bei mir, uns kann nur der Tod voneinander trennen.«

In der Takelage sang der Wind melancholisch. Kapitän Simpson, der in der Nähe weilte, kehrte sich ab und betrachtete mit großer Aufmerksamkeit den langen roten Wimpel, der lustig von der Spitze des Hauptmastes flatterte. Auf dem Vorderschiff hatten sich ein Dutzend Matrosen zum Gesang zusammen getan. » There is no place like homeIn der Heimat ist's am schönsten. schallte es melodisch über Deck. Mit einem gewissen Ausdruck von Trotz stampfte die Pandora dem in Gold und Purpur prangenden Westen zu.

*

Die Zeit entflieht. Entführt sie auf ihren Schwingen manchen beseligenden Traum, so trägt sie andererseits wieder die holdesten aller Hoffnungen ihrer Verwirklichung entgegen. Es verharschen unter ihrem Einfluß blutende Wunden, neue Freuden sprießen, den Blumen ähnlich, auf Stätten, die man zuvor als traurige Aschenfelder hätte bezeichnen mögen.

Seitdem Kapitän Peldram und die liebliche Maud als Graf und Gräfin Marley in Marleyhouse eingezogen sind, herrscht wieder Lust und Leben in dem geräumigen, altertümlichen Schloß und in dessen Umgebung. Heitere Gestalten lustwandeln im Schatten mächtiger Buchen oder auf sammetweichen Rasenflächen. Edle Pferde stampfen in den Ställen, es ertönt das Rollen stattlicher Karossen, die die Nachbarn dem gastfreien Hause und dessen glücklichen Besitzern zutragen, es klingt das jauchzende Geheul der zur Fuchsjagd gelösten Rüden.

Nachdem die alte Gräfin solcher Art mit unerschütterlicher Pietät den stillen Wünschen ihres auf den tadellosen Fortbestand seines Hauses bedachten einstigen Wohltäters Rechnung getragen hatte, verschmähte sie es, ihren eigenen Wohnsitz ebenfalls in dem Schloß zu wählen. Getreu ihren eigentümlichen Neigungen, hat sie an der äußersten Grenze des Parkes ein kleineres Gebäude, ursprünglich ein Jagdhaus, für sich einrichten lassen. Mit bescheidenem, aber von reinem Geschmack zeugenden Glanz ausgestattet, steht es im Einklange mit der es umringenden, prachtvollen, altehrwürdigen Baumvegetation. Dort lebt sie in stiller Zurückgezogenheit, diese nur dann unterbrechend, wenn sie den ihr zunächst Stehenden dadurch eine Freude bereitet und darin die eigene findet. Außer der erforderlichen Dienerschaft zählt sie zu ihren Hausgenossen die Hindu und Simpson, ferner Ghastly, dessen Aufgabe es ist, seinen früheren Kommandanten zu bedienen. Sie hatte einst gelobt, den alten Seemann nicht elendiglich verkommen zu lassen, das galt für alle Zeiten. Was zu seinen Gunsten sprach, überwog bei weitem die an seine Person sich knüpfenden bösen Erinnerungen. Das auf Stein geschriebene Zeugnis eines Sterbenden heiligte ihn in den Augen seiner Herrin.

Die Pandora hatte einen teilweisen Umbau erfahren. Das ganze Prunkgemach war samt Wandtäfelung, Fußbodenplanken und Decke aus ihr herausgenommen und durch eine einfachere Einrichtung ersetzt worden. Sie diente nur noch zu gelegentlichen kleinen Ausflügen, an denen die Gräfin sich indessen nie beteiligte. Von Marleyhouse innerhalb eines Tages erreichbar, lag sie auf geschützter Stelle in einer Hafenabzweigung. Neben ihr ankerte der Eremit, zum Zeichen des nunmehrigen freundschaftlichen Einvernehmens. Was der Pandora entführt wurde, das fand seinen Weg nach dem Jagdhause im Park von Marleyhouse. Dort gelangte es in einem umfangreichen, länglichen Gemach zu einer Verwendung, daß man sich, den Raum betretend, wieder an Bord der Jacht versetzt wähnen konnte.

*

In den Stunden der Einsamkeit wandert der Geist der Gräfin weit fort über Länder und Meere. Dort neigt sie leidtragend das Haupt vor drei sturmumtobten Kreuzen. Ihre Trauer ist die gleiche, heilige geblieben: ausgeschieden sind aber die Empfindungen der Erbitterung und des Hasses.

*

Ein lieblicher Sommerabend senkt sich auf den Park von Marleyhouse. Zwischen den üppig belaubten Buchenwipfeln hindurch zittern die Strahlen der niedrig stehenden Sonne. Wunderliche Schattenfiguren zeichnen sie auf den lichtgrünen Rasenteppichen ab. Der eine und der andere verirrt sich auch auf die Vorderseite des altertümlichen Jagdhauses. Vor der Tür, zwischen sich einen Gartentisch mit Erfrischungen, sitzen die Gräfin und Simpson in ernstem Gespräch beieinander. Sie haben offenbar der alten Zeiten gedacht, denn die Gräfin erklärt als Erwiderung auf eine Bemerkung des langjährigen, erprobten Freundes und Gefährten träumerisch: »Wie die Tage sich glückvoll abspinnen. Teilweise ist das eine Errungenschaft der beiden Jachten; läßt sich doch nicht leugnen, daß namentlich im letzten Jahre unseres Seefahrens manche entscheidende Bewegung der Pandora von denen des Eremit abhängig gewesen ist.« »Jedoch ohne Sie in der Verfolgung eines bestimmten Zieles zu beirren,« meinte Simpson.

»Nein, das geschah nicht,« bestätigte die Gräfin, »ich bezog mich auch nur darauf, daß ohne den lästigen Eremit es dem leichtfertigen Kapitän Peldram schwer geworden sein sollte, sich endgültig in Mauds Herz festzusetzen.«

Eine kleine Karawane nähert sich und bringt das Gespräch zum Stocken. Hinter einem Hain hervor, quer über die sich vor dem Hause ausdehnende Wiesenfläche, kommen vollen Laufes zwei holde Kindergestalten, ein Mädchen und ein Knabe von vier und fünf Jahren. Hinter ihnen taucht, von Maud und ihrem Gatten geführt, ein noch jüngeres Mädchen auf. In einiger Entfernung folgt ein von zwei Ponies gezogener leichter Wagen, auf dem das jüngste Mitglied der Familie von seiner Wärterin gehalten wird.

In den Augen der Gräfin leuchtete es auf.

»Tante Käte! Tante Käte?« schallen ihr zwei glückliche, feine Stimmchen entgegen, »Tante Käte, wir kommen alle!« Gleich darauf haben die beiden lieblichen Lockenköpfe sich auf ihren Schoß hinaufgearbeitet, und dann erstickt sie fast unter deren stürmischen Liebkosungen.

Maud, prangend in bezaubernder Mutterwürde, und Peldram, das Bild eines vornehmen englischen Landedelmannes, bewegen sich bei diesem Anblick noch etwas langsamer. Die Tante Käte wird unterdessen förmlich zerzaust. Ganz rot ist sie geworden, und ihre großen blauen Augen schimmern feucht, als hätten sie Tränen auf die teuren kleinen Häupter hinabsenden wollen.

Endlich gelingt es ihr, sich Simpson zuzukehren. Mit einem Blick weist sie auf die an ihrem Halse hängenden Lieblinge. Sichtbar gegen Rührung kämpfend, bemerkt sie sanft: »Solche Freude! Sie entschädigt für vieles. Auch sie ist eine Errungenschaft der

beiden Jachten.«

*

Ende.

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