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Die beiden Jachten

Balduin Möllhausen: Die beiden Jachten - Kapitel 30
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pfad/moellhsn/jachten/jachten.xml
typefiction
authorBalduin Möllhausen
titleDie beiden Jachten
publisherVerlag von Paul List
editorDietrich Theden
illustratorMax Vogel
year1906
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid02d7cf7d
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Neunundzwanzigstes Kapitel.

Tot. Die Güte der Rächerin. Die Geschwister

Bild: Max Vogel

Mehrere Minuten waren verstrichen, als Simpson wieder erschien und Bruce bat, hinauszukommen. Mit Widerstreben fügte Jane sich in die Notwendigkeit, zurückzubleiben. Es gehörte dazu der ernste Rat der Gräfin, die von jetzt ab, wie um dadurch ihre Gedanken in eine bestimmte Richtung zu bahnen, keinen Blick mehr von dem in erneuter Angst sich verzehrenden lieblichen Mädchen wendete. Neue Minuten verrannen, bis Bruce wieder eintrat. Sofort richtete die Aufmerksamkeit aller sich auf ihn. Welcher Art die Kunde, die er trug, war, stand auf seinen Zügen geschrieben. Schrecken und tiefes Mitgefühl sprachen aus seinen Augen, indem er sich der zusammenschauernden Geliebten zukehrte. Einen verschwindend kurzen Zeitraum saß sie wie gelähmt. Dann emporspringend, eilte sie zu Bruce, und mit dem Ausruf: »Er ist tot! Er ist tot!« warf sie sich laut weinend an seine Brust.

Tiefe Stille folgte. Das Schweigen Bruces war die beredteste Antwort. Man hörte nur das Schluchzen Janes und das leise Geräusch, mit dem Simpson eintrat. Auch in seinem Äußeren verriet sich peinliche Erregung. Indem er die Augen der Gräfin suchte, neigte er das Haupt bezeichnend. Sie hatte ihn verstanden. Was sie vor einer Viertelstunde noch fürchtete, jetzt begrüßte sie es als ein Glück: Wellingham befand sich außerhalb des Bereichs jeglicher Verfolgung; damit war die letzte Fessel von ihren ferneren Entschließungen gefallen. Nur noch eine Aufgabe lag vor ihr. Hatte sie die erfüllt, dann mochte ihr verbittertes Herz zur Ruhe gehen, oder sich öffnen vor überströmendem Wohlwollen, weit öffnen, um die ihm zufließenden Beweise innigster Verehrung und Liebe in sich auszunehmen.

Anscheinend des an den Geliebten sich anschmiegenden Mädchens nicht achtend, trat sie vor Lowcastle hin. Dieser, der kaum fähig gewesen, die aus ihn hereinbrechenden Eindrücke mit Verständnis zu bewältigen, hatte sich erhoben. Unheimlich wehte ihn an, was er in den Augen der Gräfin las. Es waren wieder die Blicke einer kalt verurteilenden Rächerin, die auf ihm ruhten.

»Ich preise Ihre Anwesenheit als glücklichen Zufall,« sprach sie gedämpft, »Sie werden um eine Erfahrung bereichert von dannen gehen, die vielleicht dazu dient, Sie über meinen verrufenen Gemütszustand gänzlich aufzuklären. Habe ich Sie und Ihre Meinung nie gefürchtet, so bleibt es immerhin ein peinliches Bewußtsein, wenn auch nur von einem einzigen für verrückt gehalten zu werden –«

»Gräfin, immer wieder dieses Zurückgreifen auf –« hob Lowcastle, der bereits auf eine versöhnlichere Stimmung gerechnet hatte, leise, jedoch dringlich an, aber unbeirrt fuhr die Gräfin fort:

»Ist die Angelegenheit mit Wellingham erledigt, so halten wir beide Abrechnung miteinander.«

»Es liegt kein Grund mehr zur Abrechnung vor.«

»Doch, doch. Es befindet sich eine Gerichtsperson an Bord des Eremit.«

»Ich landete sie auf der Reise von Stavanger nach New-York in Liverpool.«

»Dann wenigstens ein Irrenarzt.«

»Ich leugne es nicht.«

»Gut. Die Anwesenheit eines Sachverständigen kann mir nur erwünscht sein –«

Eine Bewegung Bruces veranlaßte die Gräfin, sich diesem zuzukehren.

»Wellingham ist tot,« sprach er halb zu der an seinem Arme hängenden Geliebten, halb zur Gräfin gewendet, »es wurde ihm erspart, ein trauriges Scheinleben zu führen. In der Erinnerung der Seinigen wird ein freundlicheres Bild von ihm fortleben, als es nach längerem Verkehr mit ihnen unter den grausamen Bedingungen noch möglich gewesen wäre. Durch die rasende Flucht über die Maßen erhitzt und erschöpft, hatte er sich in einer Sumpfniederung unter einen Strauch geworfen. Dort ereilte ihn ein sanfter Tod. Ein Schlagfluß machte seinem Leben ein Ende.«

Finster vor sich niederschauend, nagte die Gräfin auf ihren Lippen. Was in ihr vorging, ahnte niemand. Als Erschütterung und wohlwollende Teilnahme deutete man die Merkmale des in ihrem Inneren tobenden Kampfes. Und ihr Geist arbeitete mächtig, um das Widerstreben zu besiegen, mit welchem sie sich zu einer neuen Täuschung verstand.

»Mag er einen gnädigen Richter im Jenseits finden,« sprach sie nach einer kurzen Pause herbe vor sich hin, und der Anwesenheit Janes sich entsinnend, fügte sie sanfter hinzu: »Welcher Sterbliche dürfte behaupten, daß er frei genug von Fehl, um der Gnade nicht zu bedürfen?« Sie richtete sich auf. Ihre Haltung war wieder die alte, selbstbewußte. Auf ihren farblosen Zügen thronte der Ausdruck eines stolzen Eigenwillens, der fremde Teilnahme und Mitleid für Erduldetes verschmäht. Ernst betrachtete sie Jane, deren tränengefüllte Augen mit ängstlicher Spannung an ihren Lippen hingen. Es war, als hätte sie sich noch unter dem Eindruck der von der Verzweifelnden ausströmenden Wärme befunden, als diese in Todesangst ihre Knie umschlang.

»Ihr Stiefvater nahm das Geheimnis, soweit er die Wahrheit ahnte, mit in den Tod hinein,« fuhr sie eigentümlich sanft fort. »Dadurch wurde es mein ausschließliches Eigentum. Es hindert mich daher nichts, es nach Belieben preiszugeben. Fürchten Sie indessen nicht, daß Ihr armes Herz abermals zerknirscht wird. Sammeln Sie vielmehr Fassung für eine – freundliche Kunde. Ich schicke voraus, daß ich Ihrem Stiefvater nicht mein volles Vertrauen schenkte. Ich fürchtete seine augenscheinlich krankhafte Stimmung zu steigern. Worauf seine wachsende Schwermut sich ursprünglich begründete, bedarf keiner weiteren Erläuterung. Der jähe Verlust zweier Kinder möchte auch einen Stärkeren bis zum Lebensüberdruß gebeugt haben.« Sie winkte Simpson neben sich hin. Eine Weile redete sie leise zu ihm, und nachdem er sich entfernt hatte, sprach sie weiter: »Sie erwähnten, daß seit meinem Besuch im Landhause seine Stimmung sich noch mehr getrübt habe, meinten sogar, daß Unglück meinen Spuren gefolgt sei. Diese Auffassung, abhängig vom Schein, ist verzeihlich; denn wer kennt die Fäden, die sich zuweilen zwischen Menschen spinnen, die einander zuvor nie sahen? So mag auch Ihren Stiefvater, zumal bei seiner unheimlichen Gemütsstimmung, die Ahnung beschlichen haben, daß ich dazu bestimmt sei, entscheidend in sein Leben einzugreifen. Vielleicht las er es in meinen Augen, nur daß er das, was er zu entdecken glaubte, falsch deutete. Ich gebe zu, mein Besuch mußte ihn ebenso sehr befremden, wie der Anblick der beiden hier ankernden Jachten. Er suchte unstreitig nach einer Ursache für mein allerdings ungewöhnliches Auftreten, und fand keine; und dennoch trieb der einzige Wunsch, ihn näher kennen zu lernen, mich hierher. Der Zufall hatte mich aus die Spuren seiner verlorenen Kinder geführt. Fragen Sie mich aber, weshalb ich es nicht bei der ersten Begegnung jubelnd verkündete, so kann ich nur antworten, daß ich eine Prüfung vorausgehen lassen mußte. Ich mußte mich überzeugen daß die jungen Wesen in Verhältnisse eintreten würden, wie solche meinen Anschauungen und Wünschen entsprachen. Denn wie bald ist ein kindliches Gemüt vergiftet; wie leicht schaudert es zurück, wenn es instinktartig herausfühlt, daß es auf Grund einer unverdienten wie unverschuldeten Vergangenheit Mißfallen erregt. Wo aber das Vertrauen einmal erschüttert wurde, da ist es schwierig, es wieder herzustellen.«

Hier ließ die Gräfin, nach dem Deck hinaus lauschend, eine Pause eintreten. Indem ihre Blicke Bruce streiften, erkannte sie in seinen Zügen den Ausdruck verständnisvollen Erstaunens. Nach den vorausgegangenen Mitteilungen reimte er sich den wahren Sachverhalt zusammen. Jane dagegen, plötzlich von allem abgezogen, was kurz zuvor noch ihr ganzes Sinnen und Denken in eine einzige Klage verwandelte, wurde durch die unglaublich klingende Kunde zu tief berührt, um ihre geistigen Blicke in weitere Kreise schweifen zu lassen. Es überwältigte sie die Hoffnung, Geschwister zu besitzen, in einer Weise, daß es sie die äußerste Anstrengung kostete, zaghaft hervorzubringen: »Sie – leben noch?«

Freundlicher noch sah die Gräfin in die großen, schüchternen Augen. Um ihre Lippen spielte Vertrauen erweckendes Lächeln; es war der Widerschein der Regungen ihres Herzens, von dem die eherne Rinde nunmehr vollständig fortgeschmolzen war.

»Ich begreife,« erklärte sie, und sanft glitt ihre Hand über Janes vor Erregung glühende Wange, »das Bild zweier kleiner hilflosen Wesen, wie Sie, selbst noch ein Kind, solche einst kannten, ist bis auf den heutigen Tag unverändert in Ihrer Erinnerung haften geblieben. Ihre Phantasie vermag nicht gleichen Schritt mit den entschwundenen Jahren zu halten, nicht im ersten Ansturm deren Dauer Rechnung zu tragen.«

Es klopfte. Auf den Ruf der Gräfin öffnete sich die Tür, und herein schritt Maud, an der Hand Susanna führend, gefolgt von der jungen Hindu, die den Arm zärtlich um die Schultern des Knaben gelegt hatte. Auf den Zügen der Geschwister prägten sich Furcht und kindliches sinnverwirrendes Erstaunen aus. Sie rangen nach Verständnis, konnten immer noch nicht die Bedeutung der Worte fassen, durch die Simpson sie auf das Zusammentreffen mit der Stiefschwester vorbereitet hatte. Bruce und Jane hatten sich ihnen zugekehrt. Nach einem herzlichen Blick aus die von seltenen Reizen umflossenen jugendlichen Gestalten wendete ersterer seine ungeteilte Aufmerksamkeit der Geliebten zu. Mit freundlicher Spannung überwachte er ihre Züge. Wie ein Geschenk des Himmels erschien ihm, daß gerade jetzt nach den furchtbaren Eindrücken die Totgeglaubten plötzlich vor ihr austauchten. Auf Janes Antlitz webten Zweifel. Aber es waren jene Zweifel, wie sie den Erwachenden bestürmen, wenn er, noch schlaftrunken, holde Traumbilder und die einer freundlich verheißenden Gegenwart regellos durcheinander würfelt. Zögernd kehrte sie sich der Gräfin zu. Rührung im Blick, neigte diese ermutigend das Haupt. Dann aber warf Jane unter hervorbrechenden Tränen die gefalteten Hände empor, und: »Warum durste der Vater das nicht mehr erleben!« floß es ergreifend von ihren Lippen. In der nächsten Minute lag sie auf den Knien, und die Geschwister mit beiden Armen umschlingend, zog sie die Bestürzten an sich, sie abwechselnd küssend und ihnen in die großen, verwirrt blickenden Augen schauend.

»Wir find hier überflüssig geworden,« bemerkte die Gräfin, gegen ihre Rührung ankämpfend, zu Simpson und Lowcastle gewendet, »sie bedürfen der Zeit, um sich mit der Wahrheit vertraut zu machen. Es wird überhaupt ein Weilchen dauern, bevor die beiden jungen Geschöpfe sich daran gewöhnen, sich nicht mehr zu den Ausgestoßenen zu zählen.«

Sie schritt der Türe zu. Ihr nach folgten Simpson und Lowcastle; diesen schlossen Maud und Sunbeam sich an. Tränen perlten in den Augen der beiden Freundinnen. Angesichts so vieler Beweise von Herzensgüte regten sich in Mauds Brust, wenn auch erst schüchtern, die süßesten Hoffnungen,

Als die Gräfin, aufs Deck hinaustretend, sich Lowcastle zukehrte, begaben Maud und die junge Hindu sich nach der Kajütbedachung hinauf, wo ihnen eine freiere Aussicht auf den Eremit offen stand.

»Ich muß den Verdacht, als hätte die zuletzt stattgefundene Szene ebenfalls in meiner Berechnung gelegen, entschieden zurückweisen,« hob die Gräfin an, und der ehrerbietigen Haltung Lowcastles gegenüber, zeichnete sie sich wieder durch vornehmen Ernst aus. »Verwirklichte sich mein ursprünglicher Plan, so wohnte jetzt wilde Verzweiflung da, wo zurzeit Tränen wehmütiger Freude rinnen. Es hat nicht sollen sein; ich füge mich ins Unabänderliche.«

»Und Sie sind um eine hehre Befriedigung bereichert,« versetzte Lowcastle.

»Wie ich nie irgend jemand Mitgefühl für Erduldetes abzugewinnen suchte, verschmähe ich auch jegliche Teilnahme für vermeintliche innere Befriedigungen,« antwortete die Gräfin stolz; »und wer bürgt dafür, daß die von Ihnen vorausgesetzte Befriedigung, wenn sie überhaupt vorhanden, eine dauernde ist? Doch das nebenbei. Mehr beschäftigt mich die Absicht, eine endgültige Auseinandersetzung mit Ihnen herbeizuführen. Da hier mich nichts mehr hält, mag ich jeden aufspringenden Wind benutzen, aufs Meer hinaus zu gelangen. Haben Sie nichts dagegen einzuwenden, so besuche ich Sie heut an Bord Ihrer Jacht. Wer weiß, ob sich später jemals wieder eine ähnliche Gelegenheit bietet.«

Lowcastle erklärte seine Bereitwilligkeit in der zuvorkommendsten Weise, und die Gräfin fuhr fort:

»Hier sind zu viele offene Ohren und scharfe Augen, oder ich möchte Sie ersucht haben, mich abermals zu beehren. Aus solchen Ursachen komme ich ohne Begleitung. Von Ihnen erwarte ich dagegen, daß Sie – Peldram aus meinem Gesichtskreise schaffen. Um sicher vor seiner Neugierde und den daraus entspringenden etwaigen Belästigungen zu sein, schicken Sie ihn, für die Dauer meines Verweilens bei Ihnen wenigsten? – – hierher. Raten Sie ihm zugleich, das nicht etwa als eine Vergünstigung von meiner Seite zu betrachten. Und nun auf Wiedersehen, bevor Länder und Meere sich zwischen uns drängen.«

Lowcastle empfahl sich. Seine höflichen Abschiedsworte belohnte sie durch gemessenes Neigen des Hauptes. Während er nach seinem Boot hinunterstieg, trat sie neben Simpson hin, mit dem sie alsbald von der einen Seite des Schiffes nach der anderen hinüber langsam auf und ab zu wandeln begann.

»Wie das böse Gewissen ihn willfährig und geschmeidig macht,« begann sie, zu dem langjährigen, erprobten Freunde gewendet. »Ich vergegenwärtige mir die peinlichen Empfindungen, die ihn in meiner Gegenwart beschleichen. Wahnwitz suchte er, und Vernunft fand er. Es sollte mich kaum wundern, wünschte er sich tausend Meilen weit fort aus meiner Nachbarschaft. Seine Beschämung wird überwogen durch die heimliche Wut, Zeit, Geld und Mühe vergeblich der Hoffnung geopfert zu haben, sich in den Grafen Marley von Marleyhouse umzuwandeln.«

»Sie sollten Entschuldigungsgründe gelten lassen,« suchte Simpson bedachtsam die aufs neue erwachende feindselige Erregung zu beschwichtigen.

»Entschuldigungsgründe?« hieß es spöttisch zurück. »Nun, bei Ihnen selbst lasse ich sie gelten; denn sorgten Sie zuweilen um mich und überwachten Sie mich mit Argusaugen, so geschah es aus ehrlicher Anhänglichkeit. Ihre Schuld war es nicht, wenn von dem hinterlistig ausgestreuten Argwohn ein Körnlein in Ihnen Wurzel schlug.« Sie gewahrte, daß des alten Seemannes gebräuntes Antlitz sich tiefer färbte. Während er noch um eine Erwiderung verlegen, sprang sie in freundlicherem Tone von dem Gespräch ab.

»Wunderbar,« hob sie an, »der Mensch lernt sich selbst eigentlich nie ganz kennen. Alle meine Voraussetzungen und Berechnungen scheiterten. Trotzdem glaube ich, daß eine Befriedigung. wie ich sie jetzt empfinde, mir fern geblieben wäre, wußte ich, daß ein treues, edles Gemüt sich zurzeit in wilder Verzweiflung aufriebe. Der Blick, mit dem die Ärmste zu mir aufsah, erschütterte mich bis ins Mark hinein. Mir war, als hätte der Geist eines aus ferner Insel Schlummernden mich umschwebt und mir die Hand tröstlich aufs Herz gelegt.«

»Und der Schuldige ist gerichtet,« fügte Simpson ernst hinzu.

»Er ist gerichtet,« wiederholte die Gräfin düster, »indem ich es ausspreche, schlägt mein Herz ruhig. Wer weiß, ob es so gewesen wäre, hätte das Verderben auch Unschuldige verschlungen.«

»Und die beiden Kinder? Sie beabsichtigen in der Tat, sich von ihnen zu trennen?«

»Unter solchen Bedingungen, ja. Wo sie hingehen, finden sie nicht nur eine Heimat, sondern auch treue, opferwillige, Liebe. Bei der warmherzigen Stiefschwester und deren ehrenwertem Gatten sind sie besser aufgehoben, als bei mir. Wohl gewann ich die herzlichste Teilnahme für sie, und eine freundliche Genugtuung wäre mir daraus erwachsen, das, was an ihnen gesündigt wurde, die unerhörte Vernachlässigung ihrer Erziehung, allmählich auszugleichen; dagegen darf ich nicht leugnen, daß ich sie nicht ansehen konnte, ohne zugleich an ihren Vater erinnert zu werden. Nein, es ist besser so.«

Die Kajütentür öffnete sich, und heraus trat Bruce. Ihm folgte Jane, die Geschwister an der Hand führend. Während jener sich zur Gräfin hinüber begab, hielt Jane sich im Hintergrunde.

»Ich komme als Bittender für uns alle,« begann Bruce, und auf seinem erregten Antlitz prägte sich ängstliche Spannung aus, »überlassen Sie uns die Kinder, auf daß sie in die ihnen gebührende Stellung eintreten. Gerade jetzt in den Stunden der Trauer und des Entsetzens –«

»Zu welchem anderen Zweck hätte ich die Reise hierher unternehmen können, wenn nicht, um die Ärmsten den Ihrigen zurückzugeben?« versetzte die Gräfin einfallend. »So viel dem Verlobten des süßen Mädchens da drüben. Jetzt noch ein Wort dem Geschäftsmanne. Die Wechsel über die zweiundzwanzigtausend Pfund vernichten Wellingham mit klarem Bewußtsein. Er tilgte damit eine beinahe verführte Forderung meines Hauses. Setzen Sie den leisesten Zweifel in mein Wort, so gebe ich das Geld lieber aus.«

»Was Herr Wellingham bestimmte, gilt mir heilig. Seine Verpflichtungen sind die meinigen.«

»Gut: so erfahren Sie denn, daß diese Summe nicht auf mich entfällt, sondern aus arme Seemannswitwen und deren Angehörige. Doch ich vermute, man erwartet Sie im Landhause. Säumen Sie daher nicht mit dem Aufbruch.«

So sprechend schritt die Gräfin zu Jane hinüber.

»Wollt ihr eure Schwester begleiten, um immer bei ihr zu bleiben?« fragte sie die Kinder in gütigem Tone.

Diese, in der Gräfin ihre Wohltäterin erblickend, die sie einem Leben der Angst und des Elends entriß, wagten nur schüchtern durch eine Bewegung des Hauptes zu bejahen.

»Dann hinunter mit euch ins Boot,« trieb die Gräfin zur Eile, »zum Abschiednehmen ist keine Zeit mehr. Eure Sachen schicke ich nach; in den nächsten Tagen kommen wir alle, auch eure Lieblinge, die beiden Panther, um euch Lebewohl zu sagen.«

Sie duldete, daß die Geschwister ihre Hände küßten, worauf sie von Niels in das Boot hinabgeführt wurden. Bevor Jane ihnen folgte, wollte sie ebenfalls der Gräfin ihren Dank aussprechen, als diese abwehrend einfiel: »Wenn für die günstige Wendung einer Angelegenheit, die mich oft mit großen Sorgen erfüllte, jemand Dank gebührt, so sind Sie es, Sie ganz allein.«

Sie küßte Jane auf die Stirn, reichte Bruce die Hand, und abermals zur Eile mahnend, sah sie beiden nach, wie sie in dem Boote Platz nahmen.

»Auf Wiedersehen!« lautete ihr letzter Abschiedsgruß. »Auf Wiedersehen!« tönte es bewegt von unten herauf. »Auf baldiges Wiedersehen!« schallte es vom Quarterdeck, wo Maud und Sunbeam Arm in Arm beieinander standen.

Eine kurze Strecke hatte das Boot sich von der Pandora entfernt, als die Gräfin von der Brüstung zurücktrat.

»Auf Wiedersehen in der nächsten Zeit!« sprach sie zu Simpson, der sich in der Nähe befand. »Wo sind wir morgen?« Ein entsagendes Lächeln lagerte um die schmalen Lippen.

»Ebbeströmung und Morgenbrise fallen zusammen,« antwortete Simpson, indem er die Blicke prüfend auf der Linie des Horizontes herumschweifen ließ, »draußen überm Golf weht es schärfer: bis dahin ist's nicht weit.«

Auf der nach unten führenden Treppe erhob sich gedämpftes Poltern. Gleich darauf erschienen in tollen Sprüngen die beiden Geparde. Die Gräfin eng umkreisend, strichen sie schnurrend die schön gezeichnete Haut an ihr glatt. Liebkosend glitten die schmalen Hände der Herrin über die Katzenköpfe hin.

Bild: Max Vogel

Die Gräfin eng umkreisend, strichen sie schnurrend das schön gezeichnete Fell an ihr glatt. Liebkosend glitten die Hände der Herrin über die Katzenköpfe hin.

»Das war eine schwere Stunde,« sprach sie träumerisch. »Ich fühle mich etwas erschöpft, möchte eine Weile allein bleiben, um mich auf den Verkehr mit Lowcastle vorzubereiten. Nach Einbruch der Dunkelheit will ich hinüber. Sorgen Sie dafür, daß ich bis dahin nicht gestört werde.«

Simpson verneigte sich wortlos. Von Achtung erfüllt, sah er in das ruhige Antlitz. Eigentümliche Milde umfloß es. Gleich darauf verschwand die Gräfin im Vorraum der Kajüte. Auf dem Deck des Eremit flatterte grüßend ein weißes Tuch. Sunbeam antwortete in derselben Weise. Maud hatte sich leicht verneigt. Holdselig erglühte ihr Antlitz. Aus ihren guten Augen sprach Liebe und immer wieder Liebe. Die junge Hindu lachte mutwillig nach Kinderart.

*

In dem landwärts eilenden Boot wurde kaum ein Wort gesprochen. Jane saß zwischen den Geschwistern und hielt deren Hände. Ihre tränenschweren Blicke ruhten in den Augen des ihr gegenübersitzenden Geliebten. Was auch immer ihrer noch harren mochte, der Anblick des toten Stiefvaters und der unabweisbaren Merkmale eines grauenhaften Ereignisses: sie war nicht allein. Zagenden Herzens und nur verstohlen spähte sie nach dem Landhause hinüber. Es lugte nicht minder weiß und einladend zwischen dem Grün der stolzen Parkbäume hervor, als in früheren Tagen, und doch war ihr, als ob ein feindseliger Hauch es umwebe. Auf dem stillen See dagegen schwamm goldener Abendsonnenschein. Freundliche Tage verheißend, flammte der Westen im prächtigsten Rot.

*

Die Sonne war längst untergegangen, da saß die Gräfin noch immer in der sich verdunkelnden Kajüte. Heiße Tränen hatte sie geweint, Tränen, wie sie ihr seit vielen Jahren fremd gewesen. Sie zu hemmen, gab sie sich nicht Mühe. War es doch, als ob sie ihr Herz erleichterten, den Weg für eine sie neu belebende milde Wärme ebneten.

Simpson trat ein und meldete, daß das Boot bereit liege.

Schweigend erhob sie sich. Aufs Deck hinaustretend, ließ sie die Blicke an dem reichgestirnten nächtlichen Himmel hinschweifen.

»Es wird mir nicht leicht, aber es muß geschehen,« sprach sie träumerisch zu Simpson, und langsam stieg sie die Falltreppe hinunter.

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