Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Balduin Möllhausen >

Die beiden Jachten

Balduin Möllhausen: Die beiden Jachten - Kapitel 29
Quellenangabe
pfad/moellhsn/jachten/jachten.xml
typefiction
authorBalduin Möllhausen
titleDie beiden Jachten
publisherVerlag von Paul List
editorDietrich Theden
illustratorMax Vogel
year1906
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120601
projectid02d7cf7d
Schließen

Navigation:

Achtundzwanzigstes Kapitel.

Um das Geheimnis. Wo ist Wellingham? Jane und die Gräfin

Ob holde Träume den Schlaf des einen versüßten, finstere Bilder den des anderen störten: für alle lichtete der Tag sich in der gleichen lieblichen Weise, stieg die Sonne im gleichen Strahlenglanze an dem geröteten östlichen Himmel empor. Mit goldigen Lichtern schmückte sie Baum und Strauch, flüssigem Golde ähnlich schweifte es über den stillen See hin und zitterte es in der Takelage der beiden Jachten. Und wie der Morgen, so der Tag. Wenn aber den Eremit eine ernste Ruhe charakterisierte, so einten auf dem Deck der Pandora freundliche Gestalten sich immer wieder zu neuen, das Auge fesselnden, lebhaften Gruppen. Was den Zügen der Gräfin noch erhöhten, fast feierlichen Ernst verlieh: die jungen Gemüter ahnten es nicht.

So waren die ersten Nachmittagsstunden verstrichen und immer häufiger spähte die Gräfin nach dem Landhause hinüber, bis sie endlich entdeckte, daß Wellinghams Boot sich von der kleinen Landungsbrücke trennte. Wer in ihm saß, vermochte sie selbst durch das Fernrohr nicht zu erkennen. Es hinderten sie die Ruderer, deren vier die Aussicht auf den Hinterteil des Fahrzeugs. Sie konnte indessen nur einen erwarten, und so beauftragte sie Simpson, sich nach dem Eremit hinüberrudern zu lassen und Lowcastle einzuladen, baldigst herüberzukommen.

»Nachdem er so viel erfahren hat, halte ich es für meine Pflicht, auch das Endergebnis seiner Beurteilung zu unterwerfen,« bemerkte sie, als Simpson sich von ihr verabschiedete. »Es dient zu seiner weiteren Belehrung, zu meiner eigenen Beruhigung. Bevor die Jachten sich voneinander trennen, müssen wir wissen, wie wir zueinander stehen.«

Bild: Max Vogel

Ein kurzes Gespräch führte sie mit Maud, die ängstlich zu ihr aufsah. Nachdem sie diese angewiesen hatte, beim Eintreffen Wellinghams sich mit den Geschwistern und Sunbeam in die unteren Räume hinab zu begaben, stieg sie nach ihrem Lieblingsaufenthalt, der Kajütbedachung, hinauf. Dort ließ sie sich so nieder, daß das herbeitreibende Boot in ihrem Gesichtskreise blieb. Nach den Erlebnissen des vorigen Abends hatte tiefe Unruhe sich ihrer bemächtigt. Sie steigerte sich, als sie allmählich inne wurde, daß an

Stelle der erwarteten einen Person deren zwei in dem Boot saßen. Sobald sie aber statt Wellinghams Bruce und Jane erkannte, beschlich sie eine Ahnung kommenden Unheils, und ihrer äußersten Kraft bedurfte es, wenigstens äußerlich einen gewissen kalten Gleichmut zur Schau zu tragen.

Kurz bevor das Boot neben der Treppe anlegte, erschien Lowcastle. Ungesäumt begleitete sie ihn in die Kajüte. Es war ihr offenbar willkommen, einen Grund zu haben, der Begrüßung mit den jungen Leuten im Freien auszuweichen.

»Ich fürchte fast, derjenige, dessen Besuch ich zuversichtlich erwartete, bleibt fern,« bemerkte sie, indem sie sich niederließ und Lowcastle durch eine Handbewegung einlud, ihrem Beispiel zu folgen.

»Ich fürchtete dergleichen schon gestern abend,« erwiderte dieser ernst, »die Schläge trafen ihn zu gewaltig und in zu schneller Folge. Beging er in seiner Verzweiflung eine unselige Tat, so kann es nicht überraschen.«

»So hätte der Elende dem Henker vorgegriffen,« versetzte die Gräfin schneidend.

Lowcastle antwortete nicht. Es widerstrebte ihm, eine Unterhaltung weiterzuspinnen, durch die die Feindseligkeit der Gräfin gewissermaßen geschürt und gefördert wurde. Und dennoch, indem er sie mit den unzweideutigen Merkmalen tiefer Erbitterung auf den farblosen Zügen so ruhig vor sich sitzen sah, indem er sich vergegenwärtigte, daß er selbst bisher zu ihren unermüdlichsten Verfolgern zählte, vermochte er keinen Stein auf sie zu werfen. Neben dem unversöhnlichen Haß, der sie beseelte, und der Grausamkeit ihres Tuns, schwebten ihm die Ursachen vor, die ihr zerknirschtes Herz mit einer ehernen Rinde umpanzerten.

Die Gräfin sah vor sich nieder. Bevor sie für eine neue Bemerkung sich entschied, klopfte es. Die Tür wich nach innen und herein schritt, schwer gestützt auf Bruces Arm, Jane. Ihnen folgte Simpson, der sie auf der Falltreppe empfangen hatte.

Sich erhebend, umfing die Gräfin die schwankende Gestalt des jungen Mädchens mit einem einzigen, durchdringenden Blick. Sie sah, daß sie sich nur schwerfällig, bewegte. Was vor zwei Tagen noch ihr Antlitz mit zauberischen Reizen schmückte, ihren Augen einen feuchten, schwärmerischen Glanz verlieh, solch' süßes Lächeln um die schwellenden Lippen schuf, das schien in ihr gestorben zu sein. Statt dessen hatten die Merkmale des Entsetzens und eines unsäglichen Schmerzes sich so tief in ihre weichen Züge eingegraben, als ob sie nie wieder durch einen Sonnenblick des Glücks hätten erhellt werden sollen. Was aber in Janes Antlitz sich ausprägte, das fand seinen Widerschein in Bruces ganzem Äußeren, indem er die Geliebte sanft unterstützte und nach einem matten Versuch der Begrüßung zu dem nächsten Sessel hinführte.

Lowcastle hatte sich ebenfalls erhoben. Ähnlich der Gräfin verharrte er regungslos. Wie unter dem düsteren Schatten einer Tod und Verderben bergenden Wolke sah er mit fieberhafter Spannung der weiteren Entwickelung der Dinge entgegen. Teilnahme verriet sich in jeder Linie seines Gesichtes. Anders die Gräfin. Undurchdringlicher Ernst verhärtete ihre Züge. Nur in der tiefsten Tiefe der großen blauen Augen webte es geheimnisvoll, wie im Verborgenen glühende innere Befriedigung.

Die Stille, die plötzlich eingetreten war, brach Jane mit vor Bewegung zitternder Stimme.

»Grauenhaftes ist in dem Landhause vorgefallen,« hob sie an, die krampfhaft gefalteten Hände der Gräfin entgegenstreckend; »der Vater verschwand auf rätselhafte Art. Seit Tagesanbruch wurde vergeblich nach ihm gesucht. Da hielten wir für möglich, daß er bei Ihnen Zuflucht gesucht haben könne –« Die Sprache versagte ihr vor schmerzlicher Erregung.

»Bei mir?« fragte die Gräfin klanglos. »Was sollte ihn hierher geführt haben? Nein, mein liebes Kind, seitdem er in voriger Nacht die Pandora verließ, sah oder hörte ich nichts mehr von ihm. Doch Sie sprechen in Rätseln. Wenn er verschwand, muß er notgedrungen einen Grund dazu gehabt haben.«

Weinend blickte Jane zu Bruce auf. Dieser verstand die stumme Bitte und nahm alsbald das Wort: »Alle Anzeichen deuten daraus hin, daß Herr Wellingham schwer erkrankte. Längere Zeit zur Schwermut hinneigend, scheint ein furchtbares Ereignis den Ausbruch wirklichen Irrwahns hervorgerufen zu haben. Ein Verräter weilte seit Jahren unter seinem Dach. Er benutzte die Gelegenheit der jüngsten nächtlichen Abwesenheit seines Herrn dazu, in seine Wohnung einzudringen. Unwiderlegliche Beweise zeugen dafür, daß er Mittel gefunden hatte, den Schreibtisch zu öffnen und des in diesem aufbewahrten Geldvorrates sich zu bemächtigen. Er muß noch mit dem Zusammenraffen des Raubes beschäftigt gewesen sein, als der heimkehrende Hausherr ihn überraschte. Was dann folgte, ist freilich noch ein Rätsel; allein wenn die vorhandenen Merkmale nicht trügen, so entspann sich zwischen den beiden Männern ein kurzer Kampf. Er endigte damit, daß Herr Wellingham in seiner Not nach der ersten besten Waffe griff und den verwegenen Räuber niederstieß. Es unterliegt keinem Zweifel, er handelte in der Notwehr; als er aber den Verräter tot und blutüberströmt vor sich liegen sah, da mag es auf den Ärmsten, der nur Milde und treue Opferwilligkeit für seine Mitmenschen kannte, mit vernichtender Gewalt hereingebrochen sein. Was jeder andere an seiner Stelle getan hätte, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden, erschien ihm unstreitig als todeswürdiges Verbrechen. Es bildete sich das Bewußtsein, eine Blutschuld auf sich geladen zu haben, bei ihm aus, unter dessen Wirkung sein ohnehin krankhaft getrübter Geist sich vollständig umnachtete. Wie die Spuren ergaben, flüchtete er sich durch das Fenster in den Park hinaus. Bis an die Einfriedigung waren die Fährten noch zu verfolgen, sogar noch eine kurze Strecke in dem dichten Gehölz auf deren anderer Seite, dann verschwanden sie ganz. Die umfassendsten Nachforschungen wurden selbstverständlich alsbald eingeleitet; allein bis zu unserem Aufbruch blieben sie ohne jeglichen Erfolg, so daß die schwärzesten Befürchtungen gerechtfertigt erscheinen müssen.«

Starr wie eine Bildsäule hatte die Gräfin den flüchtigen Bericht entgegen genommen. Nur einmal zuckte es eigentümlich, wie verhaltenes höhnisches Lächeln um ihre Lippen. Es geschah, als Bruce Wellinghams ehrend gedachte; dann verhärtete ihr Antlitz sich wieder unheimlich. Kalt sah sie auf Jane nieder, die, krampfhaft schluchzend, die letzte Teilnahme für alles, was um sie her vorging, verloren zu haben schien. Lowcastle bebte angesichts des weinenden Mädchens. In jeder neuen Sekunde fürchtete er den niederschmetternden Ausspruch: »Tochter eines Meuterers und Mörders« zu hören.

Doch die Gräfin war nicht geschaffen, eine Übereilung zu begehen, durch die ihre so lange erhoffte und erstrebte grausame Befriedigung Abbruch erlitten hätte. Nachdem Bruce geendigt hatte, sann sie eine Weile nach, und ihm sich wieder zukehrend, fragte sie ausdruckslos: »Und diesen durch Milde der Empfindungen sich auszeichnenden Mann, nachdem er vielleicht Hand an sich selbst legte, was ich aufrichtig beklagen würde« – und wiederum zuckte es seltsam um ihre Lippen – »suchen Sie bei mir? Was bewegt Sie dazu? Es klingt fast, als mutmaßten Sie irgend welche zwischen ihm und mir schwebende Beziehungen.«

Förmlich eingeschüchtert durch den scharf hervorklingenden Vorwurf, säumte Bruce einige Sekunden. Angesichts der weinenden Geliebten bäumte sein beleidigtes Gefühl sich in ihm auf, und so antwortete er mit höflicher Entschiedenheit: »Andere Beziehungen, als die durch Geschäftsangelegenheiten bedingten, kann ich nicht voraussetzen. Suchte ich Herrn Wellingham an Bord der Pandora, so war es gerechtfertigt sowohl mit Rücksicht auf die Seelenangst der jungen Dame hier, als auch in Ansehung der Teilnahme, die der Verschwundene für Sie hegte. Die Anziehungskraft, die Sie auf ihn ausübten, war stark genug, ihn zu einem abermaligen und gewiß überflüssigen Besuch bei Ihnen zu bewegen. Hätte er sich zum drittenmal hierher begeben, zumal in seiner verhängnisvollen Gemütsverfassung, so wäre es kaum überraschend gewesen.«

In den Augen der Gräfin flackerte es. »Und wenn dennoch Beziehungen zwischen uns walteten?« fragte sie scharf. »Beziehungen so außergewöhnlich, so tief in sein ganzes Dasein einschneidend, daß nur die dringendsten Gründe mich dazu bewegen könnten, den sie umwebenden Schleier des Geheimnisses zu lüften?«

Bruce, die Gehässigkeit der Gräfin herausfühlend, zögerte einige Sekunden, bevor er mit fester Stimme erwiderte: »Sie sehen hier in der gebeugten jungen Dame meine Verlobte. Des weiteren muß ich darauf hinweisen, daß in der Stunde, in der wir in die Lage geraten, deren Stiefvater als einen Verstorbenen zu betrauern oder seine unheilbare geistige Erkrankung zu beklagen, ich als Chef des Hauses Wellingham an seine Stelle trete. Ich bin daher doppelt verpflichtet, schon jetzt seine Verbindlichkeiten, welcher Art sie sein mögen, zu übernehmen. In solcher Eigenschaft aber erbitte, fordere ich von Ihnen, mir jene Beziehungen zu nennen, und Sie werden mich bereit finden, sie sofort, gleichviel unter welchen Opfern, zu lösen.«

»Eine kühne Sprache führen Sie an Bord meiner Jacht,« versetzte die Gräfin, den jungen Mann mit einem stolzen Blick vom Kopf bis zu den Füßen messend; dann trat spöttisches Lächeln auf ihre Züge. »Sie übersehen indessen, daß jenes Geheimnis nicht mein ausschließliches Eigentum ist. Ich rate Ihnen daher, zuvörderst Herrn Wellingham, wenn er noch unter den Lebenden weilt, was ich zuversichtlich hoffe, darum zu befragen. Verweigert er Ihnen die Auskunft darüber, so bemühen Sie sich abermals zu mir, und das, was Sie und die junge Dame zu wissen wünschen, soll Ihnen nicht vorenthalten werden. Bis dahin müssen Sie notgedrungen im Ungewissen bleiben.«

»Und wenn er gestorben sein sollte?« fragte Bruce erbittert.

»So erfahren Sie alles immer noch frühzeitig genug, vielleicht zu früh,« antwortete die Gräfin.

»Sie gedenken, die uns folternde Unruhe in der Tat länger hinauszuziehen, uns die Mittel zu versagen, an deren Hand es vielleicht gelingt, auf seinen Gemütszustand zu schließen, wohl gar auf seine Spuren zu gelangen?«

»Sie wissen nicht, was Sie fordern.«

Bruce sah ratlos um sich, dann zu Jane nieder, die schwer nach Fassung rang. Er fühlte den bösen Willen der Gräfin; aber vergeblich strengte er sich an, eine Ursache dafür zu ergründen. Simpson und Lowcastle zagten. Sie vergegenwärtigten sich die erschütternden Folgen, wenn die Gräfin, einmal gereizt, den letzten, nie wieder rückgängig zu machenden, verhängnisvollen Schlag führen sollte. Ebenso begriffen sie, daß es von ihrer Seite nur eines unvorsichtigen Wortes der Begütigung bedurfte, um die Kugel ins Rollen zu bringen; dann gab es kein Aufhalten mehr. Zermalmend mußte sie über das hinwegrollen, was sie auf ihrem Wege fand, zermalmend und vernichtend reinen Jugendfrohsinn und die holdesten aller Frühlingshoffnungen.

»So dürfte unser längeres Verweilen hier überflüssig geworden sein,« hob Bruce endlich wieder düster an. Er stockte. Mit einer heftigen Bewegung hatte Jane sich erhoben. Ihr liebliches Antlitz war totenbleich. Indem ihre Blicke aber denen der Gräfin begegneten, die mit eherner Ruhe auf sie hinsah, war es, als ob neue Kraft die anmutige Gestalt durchströme. Ihre Tränen versiegten in ihre zarten Wangen trat die Glut erwachender Entschlossenheit.

»Was Ihrer Härte zugrunde liegt, ich ahne es nicht,« hob sie zitternd an, »wohl aber darf ich die Überzeugung aussprechen, daß mit Ihrem Besuch des Landhauses das Unglück bei uns eingezogen ist. Von jenem Zeitpunkte an verschärfte sich wenigstens meines Vaters Neigung zur Schwermut – ich kenne ihn ja so genau – und unser erster gemeinschaftlicher Besuch hier und die damit verknüpften Nebenumstände waren gewiß nicht geeignet, beruhigend auf ihn einzuwirken. Im Gegenteil, mir konnte nicht verborgen bleiben, daß sich eine bedrohliche Wandlung in ihm anbahnte. Ich erklärte mir diese, indem ich voraussetzte, daß durch das, was er hier sah und erfuhr, seine Phantasie, ohnehin erkrankt, überreizt wurde. Ihre Andeutungen lassen indessen keinen Zweifel mehr darüber zu, daß die von Ihnen erwähnten rätselhaften Beziehungen einen verderblichen Einfluß auf ihn ausübten. Und so steht zu hoffen, daß, wenn ich erst darüber unterrichtet bin, es mir vielleicht gelingt, deren Wirkung abzuschwächen, wohl gar ganz zu verwischen. Berechtigt ist daher meine Bitte an Ihr Herz, mir durch vertrauensvolle Eröffnungen zu ermöglichen, den Ärmsten dem Leben und der menschlichen Gesellschaft zurückzugeben. Und glauben Sie mir; wenn je ein Mann freundliche Rücksichten, o, Verehrung verdiente, so ist es mein Vater mit seiner Treue und unendlichen Herzensgüte.«

»Meinen Sie?« fragte die Gräfin mit einem Ausdruck, der wie ein giftiger Hauch Janes Ohr traf. Diese aber gewann schnell den schwankenden Mut zurück und erwiderte eifrig: »Ich meine es nicht nur, sondern ich bin heilig davon überzeugt; meine Überzeugung aber teilen alle diejenigen, die nur jemals in Berührung mit ihm kamen.«

Die Gräfin sann eine Weile nach. Ihr Antlitz umdüsterte sich seltsam. Sie mochte erwägen, ob die geeignete Zeit zur letzten verderblichen Entscheidung bereits gekommen sei, schien sich aber mit dem Gedanken nicht aussöhnen zu können, daß mit dem Abschluß der so lange geplanten grausamen Vergeltung ein dämonischer Reiz ihres Lebens verloren gehe.

»So will ich Ihre Überzeugung nicht stören,« antwortete sie daher nachlässig, dadurch Janes Beängstigungen auf den Gipfel treibend.

In diesem Augenblick ergriff Bruce der Geliebten Hand. In ihrer Seele tief verletzt, wollte er sich mit ihr entfernen, als Jane sich mit Heftigkeit von seinem Griff befreite und der Gräfin einen Schritt näher trat.

»An jenem Abend, an dem wir hier Ihre Gastfreundschaft genossen, erhielten wir die untrüglichsten Beweise Ihrer Herzensgüte,« hob sie in ergreifendem Tone an, »ich erinnere an die beiden Geschwister, deren Sie sich einst erbarmten. Dadurch ermutigt, flehe ich jetzt zu Ihnen. Lassen Sie sich erweichen. Befreien Sie mich von dem Banne, der mir den letzten Frieden raubt. Befreien Sie mich von der Angst, die mich verzehrt. Versetzen Sie mich in die Lage, meinem Vater mit freundlichem Trost zur Seite zu stehen, die Wolken zu verscheuchen, die den sich qualvoll windenden Geist umdüstern. Vergegenwärtigen Sie sich aber auch, wenn ich jetzt für einen Toten zu Ihnen flehte –«

»Er ist nicht tot, er darf nicht gestorben sein,« versetzte die Gräfin rauh einfallend. »Lassen Sie daher ab von Ihren Vorstellungen. Sie wissen nicht, um was Sie bitten, werden dagegen später meine Abneigung begreifen, Ihren Wünschen zu willfahren.«

»Gräfin!« rief Jane nunmehr wieder unter hervorbrechenden Tränen aus, und sie ahnte nicht, daß sie in ihrer Angst ein Bild von ergreifender Schönheit bot, »und dennoch beschwöre ich Sie, mir offenes Vertrauen zu schenken, gleichviel, ob ich unter der Wucht eines bösen Geheimnisses – und nach Ihrem Wesen zu schließen waltet ein solches – zusammenbreche oder Trost in ihm finde. Kein Opfer ist mir zu groß, wenn ich dadurch meinem unglücklichen Vater diene, und wäre mein Leben der Preis dafür. Ja, ich beschwöre Sie,« und von ihren Empfindungen überwältigt, sank sie der Gräfin zu Füßen, die Hände flehentlich zu ihr erhebend, »ich beschwöre Sie bei der Erinnerung an alle, die Sie selbst lieben oder jemals liebten; ich beschwöre Sie bei der Erinnerung an Lebende und Tote, deren Gedächtnis Ihre selbstgewählte Einsamkeit vielleicht mit Bildern der Wehmut oder der Freude durchwebt. Weisen Sie mich nicht zurück. Beabsichtigen Sie nicht, daß die Angst mich tötet –«

Sie konnte nicht weiter sprechen. Ihre Arme um die Knie der Gräfin schlingend und ihr von Tränen überströmtes Antlitz in den Falten ihres Kleides bergend, schluchzte sie heftig.

Regungslos stand die Gräfin. Die Farbe des Todes hatte sich über ihr Antlitz ausgebreitet. Gewaltig arbeitete es darin. Allmählich aber erweichten sich ihre Züge. Deutlich gewahrte Lowcastle, daß ihre Augen sich umflorten und zwei schwere Tränen über ihre eingefallenen Wangen rollten. Da sie, obwohl auf sie niederschauend, unempfindlich gegen Janes Berührung zu sein schien, trat Bruce heran, um die Geliebte aufzurichten. Sobald die Gräfin es entdeckte, gab sie ihm ein streng abwehrendes Zeichen. Dann beide Hände auf des weinenden Mädchens Haupt legend, sprach sie mit eigentümlich bebender Stimme: »Stehen Sie auf, mein liebes Kind. Das ist keine Stellung für Sie, am wenigsten mir gegenüber. Stehen Sie auf. Nach den jüngsten, erschütternden Erfahrungen sind Sie nur zu sehr geneigt, überall schwarz zu sehen, oder Sie wären nicht das Opfer böser Beängstigungen geworden.«

Schwerfällig erhob sich Jane. Von der Gräfin nach ihrem Stuhl zurückgeleitet, ließ sie sich erschöpft darauf nieder. Mehr noch als die Worte selbst, hatte der Ton sie beruhigt, in dem sie gesprochen wurden. Ähnlichen Eindrücken waren die drei Herren unterworfen. Seine Bewegung verbergend, atmete Simpson erleichtert auf. In wachsender Achtung und verheimlichter Beschämung sah Lowcastle auf die so lange und mit so viel Eifer Verfolgte hin. Bruce hatte nur Blicke für die Geliebte; doch scharfsinnig erwägend, daß, nachdem bei der Gräfin das Eis einmal gebrochen, jede fernere Einmischung den entfesselten Strom weiblich milder Empfindungen wieder eindämmen könne, hielt er mit den ihm auf der Zunge schwebenden zärtlichen Worten vorsichtig zurück.

»Wenn Ihnen so sehr daran gelegen ist, Näheres über die zwischen Ihrem Vater und mir schwebenden Beziehungen zu erfahren,« fuhr die Gräfin zu Jane gewendet fort, »so will ich zu Ihrer Beruhigung wenigstens einräumen, daß diese von einer Sie freundlich berührenden Art sind –«

»Ist das wahr?« fiel Jane, durch die plötzliche Wandlung in dem Wesen der Gräfin verwirrt, hastig ein.

»Sie meinen, weil ich eben noch eine gewisse Härte zur Schau trug?« versetzte die Gräfin schwermütig, und wie bisher in unversöhnlichem Haß, ging sie jetzt in den Regungen inniger Teilnahme auf. Sie sah schärfer und mit unverkennbarem Wohlwollen in das liebliche Antlitz und fuhr fort: »Lassen Sie sich durch den Schein nicht beirren. Das Lachen ist mir im Laufe der Jahre fremd geworden, und darunter müssen zuweilen andere mit mir leiden. Wenn ich es jetzt bei den unvollständigen Beschwichtigungsgründen bewenden lasse, so führen Sie es darauf zurück, daß ich den Wunsch hege, ausführliche Aufschlüsse erst dann zu erteilen, nachdem ich über das Los Ihres Stiefvaters ausgiebig unterrichtet worden bin. Einen Vorwurf muß ich aber noch zurückweisen. Sie offenbarten den Verdacht, daß Ihres Stiefvaters Verkehr mit mir nachteilig auf seine Gemütsstimmung eingewirkt habe. Fand wirklich eine Geistesstörung statt, so ist sie unzweifelhaft lange vorbereitet gewesen, und das konnte mir namentlich bei seiner letzten Anwesenheit hier an Bord nicht entgehen. – Nicht nur in seinem Wesen verriet Ihr Stiefvater eine beängstigende Aufregung, sondern auch in seinen Worten und Mitteilungen, die jeder vernünftigen Folgerung entbehrten. Dinge sprach er, die, so sinnlos sie sein mochten, mich doch mit Grauen erfüllten. Sogar Anklagen erhob er gegen mich, und erkannte ich sie auch als unzweifelhafte Ausflüsse des Irrwahns, so verursachten sie doch in mir eine Erbitterung, deren Folgen Sie leider heute tragen mußten. Ich hätte Sie darüber im Dunklen erhalten können; allein in Erwägung, daß beim nächsten Zusammentreffen mit Ihrem Stiefvater ähnliche Kundgebungen von seiner Seite zu erwarten sind, möchte ich Sie in die Lage versetzen, diese aus ihren wahren Wert oder vielmehr Unwert zurückzuführen. Doch ich vermute, daß Sie sich sehnen, nach dem Landhause heimzukehren, wo vielleicht irgend welche Nachrichten Ihrer harren. Ich brauche wohl nicht darum zu bitten, daß Sie mich über alles unterrichten; denn von dem Zustande des Erkrankten ist es abhängig, wie weit ich mit meinen Enthüllungen gehen darf.«

Jane erhob sich. Die Sorge um den Vater war wieder in den Vordergrund getreten. Aus ihren dunklen Augen sprachen aber noch immer bange Erwartung und heimliche Scheu. Einer Schlaftrunkenen ähnlich neigte sie sich Bruce zu, der ihr den Arm bot, um sie hinauszuführen.

»Ich setze voraus, Sie selber überbringen mir die Nachricht, wenn Ungewöhnliches vorgefallen sein sollte,« redete die Gräfin letzteren an.

Bevor Bruce eine Antwort zu erteilen vermochte, drang das Geräusch herein, mit dem ein Boot in ungestümer Fahrt neben der Falltreppe anlegte. Zugleich wurden Stimmen laut, die unverkennbar dringlich zueinander sprachen. Die Gräfin horchte hoch auf. Unter der Wucht böser Ahnungen lehnte Jane sich schwerer auf Bruces Arm. Simpson war hinaus geeilt. Keiner wagte ihm zu folgen. Wie ein Alp lastete es auf den Gemütern. In dumpfem Schweigen sahen alle nach der Tür hinüber, von woher sie eine Erklärung der auffälligen Störung erwarteten.

 << Kapitel 28  Kapitel 30 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.