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Die beiden Jachten

Balduin Möllhausen: Die beiden Jachten - Kapitel 26
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pfad/moellhsn/jachten/jachten.xml
typefiction
authorBalduin Möllhausen
titleDie beiden Jachten
publisherVerlag von Paul List
editorDietrich Theden
illustratorMax Vogel
year1906
correctorreuters@abc.de
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Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Ein neues Geheimnis? Düsteres Ahnen. Der Erpresser

»Eine liebliche Nacht,« bemerkte die Gräfin träumerisch für sich, dann lauter zu Wellingham: »Sie werden eine schöne Heimfahrt haben. Ich könnte Sie darum beneiden. Und dort Ihr Landhaus, wie dessen vom Mondlicht getroffene Seite sich zauberisch von den schwarzen Baummassen abhebt. Wie ein Heim des Friedens liegt es da. Sie müssen sehr glücklich sein. Hinge ich nicht mit Leib und Seele an meiner Jacht und dem Meere, so möchte ich auf den Gedanken geraten, mir in Ihrer Nachbarschaft ein ähnliches Heim zu begründen.«

Wellingham grauste. Bei den letzten Worten der Gräfin richtete er sich indessen schnell empor. Er fürchtete, durch seine Haltung zu verraten, was in seinem Innern gärte und kämpfte.

»Ja, glücklich,« bestätigte er beinah tonlos, und gewahrend, daß Lowcastle, nachdem Simpson sich mit kurzem Gruß entfernt hatte, ihm seine Aufmerksamkeit zuwendete, wiederholte er ausdrucksvoller: »Ja, sehr glücklich. Leider wird meine Zufriedenheit häufig durch Übelbefinden gestört, was nicht ohne Nachwirkung auf meine Umgebung bleiben kann. So befinde ich mich zurzeit unter dem Einfluß eines derartigen, wenn auch nur leichten Anfalls. Sie haben es vielleicht bemerkt, als ich bei unseren Gesprächen nicht immer bei der Sache war.«

»Wohl bemerkte ich es, und die Ursache erratend, hielt ich für angemessen, meine Entdeckung zu verheimlichen,« entgegnete die Gräfin. »Vielleicht sagte die Luft in dem geschlossenen Räume Ihnen nicht zu. Da wird die Fahrt in der kühlen Nachtluft Sie doppelt erquicken.«

In diesem Augenblick trat Lowcastle vor sie hin, um sich zu verabschieden.

»Entschuldigen Sie mich eine Minute,« wendete sie sich an Wellingham, und höflich gab sie Lowcastle das Geleite.

»Das war für mich ein ereignisreicher Abend,« begann dieser im Davonschreiten, »und ich kann nicht anders, ich muß meine Überzeugung aussprechen, daß, wenn Sie mir nur ein wenig Vertrauen geschenkt hätten, manchem Mißverständnis der Boden entzogen worden wäre.«

Die Gräfin richtete sich würdevoll empor, und Lowcastle vom Kopf bis zu den Füßen betrachtend, antwortete sie mit verschlossener Ruhe: »Vertrauen soll ich schenken, wo die Beweise eines tief gewurzelten Mißtrauens mich über den halben Erdball hin unermüdlich verfolgten? Herr Lowcastle, Sie sprechen nicht im Ernst. Die Gräfin Marley von Marleyhouse ist kein Kind, dessen Anschauungen durch leere Worte gelenkt werden.«

»So will ich einen unwiderleglichen Beweis erbringen,« versetzte Lowcastle ernst, »indem ich mich jetzt auf lange von Ihnen verabschiede. Mit dem ersten Grauen des Tages lasse ich den Anker heben, um in der Morgenbrise die hohe See zu gewinnen.«

Die Gräfin sann nach und erwiderte nach kurzer Pause: »Das wäre allerdings ein Beweis dafür, daß meine Bekenntnisse nicht ohne Eindruck auf Sie geblieben sind. Doch was wird Ihr Begleiter, der leichtfertige Kapitän Peldram, dazu sagen?«

»So hoch ich ihn auch seines ehrenwerten Charakters wegen schätze, so räume ich ihm keinen Einfluß auf meine Entschließungen ein, wenigstens so lange nicht, als er sich an Bord des Eremit befindet.«

»Dagegen reicht Ihr Einfluß nicht so weit, daß Sie ihn zu hindern vermöchten, ungerufen an Bord der Pandora zu erscheinen.«

»Als freien Mann kann ich ihn in seinen Bewegungen allerdings nicht hindern. Seine Zudringlichkeiten verbieten sich von selbst, sobald erst ein Stück Ozean zwischen den beiden Jachten liegt.«

»Gut,« versetzte die Gräfin nach einer abermaligen kurzen Pause des Überlegens, »trotzdem ersuche ich Sie, mit Ihrem Aufbruch nicht zu eilen. Vor Ihrem Scheiden muß ich noch um eine neue Zusammenkunft bitten. Von meinem klaren Denkvermögen – nennen wir die Dinge ohne Leidenschaftlichkeit beim rechten Namen – können Sie nur halb überzeugt sein. Da Sie indessen die Neigung zu erkennen gegeben haben, die Ursache, die mein oft wunderlich erscheinendes Verfahren bedingten, richtig zu würdigen, so beabsichtige ich, unaufgefordert Ihnen Proben von einer gefunden Denkkraft vorzuführen, die durch nichts widerlegt oder abgeschwächt werden können. Nur eine Bedingung stelle ich, nämlich, daß Sie das, was Sie erfahren oder auch nur erraten, als ein Ihnen nicht gehörendes Geheimnis betrachten.«

Lowcastle verneigte sich zustimmend. »Der Eremit wird vor Anker liegen bleiben, bis Sie selbst die Scheidestunde bestimmen,« erklärte er.

»Dann auf Wiedersehen,« sprach die Gräfin, sich abkehrend. Gleich darauf befand sie sich an Wellinghams Seite.

»Und nun hinunter,« redete sie ihn ungesäumt an, »ich müßte mich sehr täuschen, wenn den jungen Leuten im heiteren Verkehr die Zeit nicht schneller vergangen wäre, als uns.« Unten eingetroffen, drangen fröhliche Stimmen, durch dazwischen liegende Türen und Vorhänge gedämpft, zu ihr heraus, was sie zu der Bemerkung veranlaßte: »Am wenigsten scheint man uns erwartet zu haben. Es ist natürlich: Jugend fühlt sich durch Jugend angezogen, überläßt es gern dem Alter, sich mit Sorgen, Leid und Gram zu tragen. Gönnen wir ihnen noch einige Minuten. Ich führe Ihnen unterdessen noch ein anderes Bild aus meiner Pandorabüchse vor, das, ich weiß es gewiß, bis zum letzten Atemzuge nicht aus Ihrem Gedächtnis schwinden wird.«

Wellingham antwortete nicht. Wie in einem durch den Genuß von Opium hervorgerufenen Taumel folgte er seiner unheimlichen Führerin. Weder rechts noch links sah er.

Bild: Max Vogel

Unhörbar auf dem dicken Teppichstoff einherschreitend, waren sie in einen nach dem Vorderschiff hinüberführenden Gang eingebogen, zu dessen beiden Seiten sich eine Anzahl Kojen aneinander reihten. Vor einer der nächsten verhangnen Türen blieb die Gräfin stehen, und Wellingham neben sich winkend, sprach sie leise: »Was Sie auch sehen mögen – und ganz neu ist es Ihnen ja nicht – geben Sie keinen Laut von sich, oder das, was ich Ihnen biete, zerrinnt vor Ihren Blicken, wie ein entzückendes Traumgebilde.« Mit dem letzten Wort zog sie den Vorhang zur Seite, und in dem magisch erhellten, verhältnismäßig engen Raum sah Wellingham die beiden Schlangenkinder vor sich. Friedlich schlummerten sie in ihren auf heftigeres Schwanken des Schiffes berechneten schmalen Betten. Die Tiefe des Schlafes hatte ihre Gesichter mit Rosenglut angehaucht, daß mit deren Schönheit das Gepräge einer kernigen Gesundheit sich einte. Der ruhige Atem zeugte dafür, daß, wenn überhaupt Träume hinter den geschlossenen Lidern webten, diese freundlichster Art waren.

Auf der Türschwelle stehend, hatte Wellingham sein Haupt nach vorne geneigt. Wenn er aber, durch den Anblick gebannt, die beiden Geschwister mit seltsamer Starrheit betrachtete, so überwachte die Gräfin wieder seine fahlen Züge mit der Schärfe eines oberhalb seines Opfers kreisenden Falken. Ihr Antlitz blieb undurchdringlich verschlossen; trotzdem entging ihr nicht die leiseste Regung, die sich in Wellinghams Zügen spiegelte. Sie erkannte, daß bange Zweifel und Scheu in ihnen wechselten, gewaltsam wachgerüttelte Ahnungen der einander widersprechendsten Art sich gegenseitig jagten und seine Sinne verwirrten.

Durch die auf ihr ruhenden Blicke anscheinend gestört, regte sich Susanna. Auf ein Zeichen der Gräfin trat Wellingham zurück, und vor dem ihn wunderbar ergreifenden Bilde sank der Vorhang nieder.

Leise zurückgehend, bemerkte die Gräfin wie beiläufig: »Ich sagte wohl nicht zu viel, als ich Ihnen ein Bild versprach, das nicht leicht aus Ihrem Gedächtnis schwinden würde?«

»Nicht zu viel,« hieß es gedämpft, wie im Traume gesprochen, zurück.

»Ein selten schönes Bild,« bekräftigte die Gräfin, unerbittlich auf Wellinghams gleichsam in die Flucht gepeitschte Vorstellungen einwirkend, »und dennoch, wenn man erwägt, wie viel Jammer, Not und Elend mit ihm heute noch verwachsen sind, so möchte man dem Himmel ob seiner Ungerechtigkeit zürnen.«

»Sie kennen die Geschichte der Ärmsten dennoch?« stieß Wellingham in seiner Kopflosigkeit hervor.

»Ich kenne sie. Vielleicht gefällt es mir, sollten Sie mich abermals besuchen, Ihnen nähere Mitteilungen über die armen, grausam zertretenen und mißhandelten Geschöpfe zu machen, und ich weiß, Ihr Herz, und wäre es aus Granit gemeißelt, wird sich in Ihrer Brust vor Grauen zusammenkrampfen.« Sie waren vor dem Eingange des Prunkgemaches eingetroffen. Deutlich drangen wieder die fröhlichen Stimmen zu ihnen heraus. Daran anknüpfend sprach die Gräfin weiter: »Welcher Kontrast! Vor uns Jugendlust und Jugendglück, hinter uns die traurigen Opfer finsterer Gewalten. So wechselt alles im Leben. Im ewigen Widerspruch zueinander stehen Regen und Sonnenschein, Freud und Leid, Liebe und Haß, Verbrechen und in treuem Herzen geborene Opferwilligkeit.«

Sie öffnete die Tür. Wellinghams erster Blick fiel auf Jane. Ihr freudig erregtes Antlitz trug die unzweideutigen Spuren der heiteren Zerstreuung, die sie im Verkehr mit Bruce, Maud und der reizvollen Hindu gefunden hatte. Um ihre Aufmerksamkeit von dem Vater abzulenken, erklärte die Gräfin ihr Bedauern, auf dessen Wunsch an den Aufbruch mahnen zu müssen, und bald darauf trennte man sich vor der Fallreepstreppe voneinander. Bruce führte die Geliebte vorsichtig die Stufen hinunter.

»Wir haben Platz genommen!« tönte Janes herzige Stimme herauf.

»Dann vorwärts, Herr Wellingham!« riet die Gräfin, mit bezeichnendem Ausdruck hinzufügend: »Und auf Wiedersehen?«

»Auf Wiedersehen!« schallte es auch von jugendlichen Lippen herauf und hinunter.

Wellingham empfahl sich mit ersticktem Gruß. Ihm war, als hätte ein Abgrund von unermeßlicher Tiefe sich vor ihm geöffnet, in den ihn hinabzustürzen es nur eines Winks der unheimlichen Schiffsherrin bedurfte.

Finster sah die Gräfin ihm nach, als er mit unsicherer Bewegung Stufe um Stufe überwand und endlich neben Jane sich niederließ; finster und in sich gekehrt auch dem Boot, das die Segel eingezogen hatte und von den vier Ruderern dem im Mondlicht geisterhaft herüberschimmernden Landhause zugetrieben wurde.

»Eine Heimstätte des Friedens und des Glücks,« zischte sie hohnlachend. »Einen Vorgeschmack hast du erhalten; doch was sind alle Höllenqualen, die du erduldest, im Vergleich mit den Leiden der langsam Gemordeten? Auf Wiedersehen! Du kommst, ich weiß es. Der Anfang ist gemacht; das weitere soll mir nicht schwer werden. Du kommst. Die Schlinge, die ich um deinen Hals legte, ist stärker als eiserne Ketten. Du kommst, um dich von mir richten zu lassen.«

*

Der Besuch an Bord der Pandora hatte Jane und Bruce reiche Unterhaltung geboten; auf Schritt und Tritt waren sie Ungewöhnlichem, Überraschendem begegnet; und doch fühlten sie sich, als sie den Weg heimwärts verfolgten, nicht befriedigt. Jane sprach es offen aus, daß sie in Gegenwart der Gräfin sich fortgesetzt beängstigt gefühlt habe. Vergeblich bemühte sich Bruce, die peinlichen Eindrücke, die sie empfangen hatte, etwas zu verwischen und auf das Seltsame dieses oder jenes Anblicks zurückzuführen.

Teilnahmlos lauschte Wellingham den zwischen den beiden jungen Leuten gewechselten Worten. Er selbst wußte am besten, welche unendliche Last von Sorgen und Befürchtungen er von der Jacht mit fortgenommen hatte. Ob die Gräfin nur irgend einen Verdacht gegen ihn hegte, ob sie Beweise für eine Schuld besaß, die er in früheren Zeiten auf sich geladen hatte, er wußte es nicht. Wohl aber trug er sich mit der Empfindung, daß, wenn sie in der Tat sein Los in Händen hielt, er in ihr eine erbarmungslose Rächerin vor sich haben würde.

Mitternacht war längst vorüber. Wie ausgestorben lag das Landhaus. Nichts regte sich in dem Park. Dessen üppige Vegetation schien zu träumen, wie die sorglose Vogelwelt unter dem Schutz dichtbelaubter Zweige. Nur zwei Augen wachten und spähten argwöhnisch nach dem herbeitreibenden Boot hinüber. Auf der Landungsbrücke saß Cunning, die Füße zum Wasser niederhängend. Hatte er seit der Begegnung mit Ghastly und Niels keine ruhige Stunde mehr gefunden, so waren durch Wellinghams Besuch an Bord der Pandora seine unbestimmten Besorgnisse noch gesteigert worden. Hündisch feige, so lange es sich um die eigene Sicherheit handelte, vermochte er nur noch mit den furchtbarsten Möglichkeiten zu rechnen. War es ihm nicht vergönnt gewesen, den Vorgängen auf der Jacht beizuwohnen, die sein Gewissen ihm als auf seinen und Wellinghams Untergang berechnet vorspiegelte, so wollte er wenigstens versuchen, aus der Haltung der Heimkehrenden Schlüsse auf die vermeintlich bedrohliche Lage herauszulesen. Darum stierte er auch so unverwandt auf das in der Ferne deutlich erkennbare Boot, lauschte er so gespannt auf das gedämpfte Stoßen der kraftvoll geschwungenen Riemen. Die von ihm unzertrennliche Tonpfeife war erloschen. Nur noch mechanisch hielten seine Zähne sie. Krampfhaft packte er mit beiden Fäusten das Brett, auf dem er saß. Es fehlte ihm sogar der Mut, in den ihm sonst so geläufigen Flüchen und Verwünschungen Erleichterung zu suchen. Wohl hatte er daran gedacht, die Flucht zu ergreifen, so lange der Weg noch offen vor ihm lag; allein wohin sollte er sich wenden ohne die Mittel, die ihm in fernen Landen ein sorgenfreies Leben sicherten? Denn war er fort, so ging auch sein Einfluß auf den verbrecherischen Genossen verloren und zugleich lag die Möglichkeit vor, daß dieser, um den eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, ihn vollständig preisgab.

Das Boot befand sich so nahe, daß bei längerem Verweilen seine Gestalt von dort her erkannt werden mußte. Beim Versuch, mit den Zähnen zu knirschen, brach die Spitze der Pfeife ab. Wütend schleuderte er den Kalkstummel ins Wasser hinab, und sich erhebend, schlich er in den Park zurück. Dort folgte er dem Wege, der in nächster Richtung nach dem Landhause führte. In mäßiger Entfernung, wo dichtbelaubte Bäume sich über ihm wölbten, trat er seitwärts in das den Pfad begrenzende Buschwerk. Dort, wo die Heimkehrenden in unmittelbarer Nähe vor ihm vorüberschreiten mußten, legte er sich nieder. Er rechnete auf deren Gespräch. Wenn er nur ein einziges Wort erlauschte, so genügte das vielleicht, ihn wenigstens über den Charakter der auf der Pandora stattgefundenen Zusammenkunft aufzuklären.

Das Boot hatte unterdessen neben der Landungsbrücke angelegt. Dort trennte Bruce sich von Wellingham und Jane, um gewohnterweise auf der Eisenbahnstation zu übernachten und am folgenden Morgen den Frühzug nach der Stadt zu benutzen.

Eine kurze Strecke hatten Wellingham und Jane in dem Park zurückgelegt, als ersterer, offenbar an ein früher geführtes Gespräch anknüpfend, mit eigentümlichem Ernst anhob: »Nachdem ich heute abermals durch plötzliches Übelbefinden daran gemahnt wurde, daß meine Tage vielleicht gezählt sind, drängt es mich, mein Haus zu bestellen und dir noch einige besondere Wünsche ans Herz zu legen. Nicht doch,« wehrte er, als Jane sich anschicke, die ihm vorschwebenden düsteren Bilder zu verscheuchen, »es ist dies gerade die Zeit, auch der Ort, mich vor dir auszusprechen; und so richte ich die ernste Bitte an dich, in meinen, auf dein Glück berechneten Mitteilungen mich nicht zu unterbrechen. Es steht dir ja frei, am Schluß deine Einwendungen zu erheben, wenn dann wirklich solche in dir leben sollten.«

Er seufzte, sann einige Sekunden und fuhr fort:

»Wenn ich in nächster Zeit plötzlich sterben sollte, so wäre meine Firma verwaist. Dieser Gedanke quält mich fortgesetzt und beeinflußt meine Stimmung gewiß oft bis zur Unerträglichkeit für andere. Als ein Glück würde ich es daher begrüßen, wenn du und Bruce, solltet ihr in der Tat die Anhänglichkeit füreinander besitzen, wie ich eine solche längst bei euch voraussetzte, mit der Trauung nicht länger säumtet. Es ist ferner mein Wille, daß mit dem Tage eurer Hochzeit Bruce als Chef der Firma an meine Stelle tritt, wogegen ich selbst mich endgültig von allen Geschäften zurückziehe. Beruhige dich also; ist damit doch nicht gesagt, daß das Scheiden aus der bisherigen Tätigkeit gleichbedeutend ist mit dem Scheiden aus dieser Welt. Im Gegenteil, ich habe sogar die Empfindung, als ob erneutes Aufleben damit verknüpft wäre. Sprich morgen selbst mit Bruce – von dir hört er es sicher am liebsten –, und einigt ihr euch dahin, daß ihr vielleicht schon nach acht, – ach, nach drei Tagen vor den Traualtar tretet, so seid ihr meines väterlichen Segens gewiß. Von meinen Schultern sinkt aber eine große Sorge. Es hindert mich nichts, nur meinen Liebhabereien zu leben, auf Reisen wie in Bädern Erholung zu suchen und schließlich die alte schottische Heimat noch einmal wiederzusehen.«

Sie waren eben an Cunning vorübergeschritten. Jane, obwohl von tiefer Wehmut erfüllt, weinte still beglückt vor sich hin. Eine Erwiderung stand ihr nicht zu Gebote. Wellingham, die sie süß durchschauernde Erregung ahnend, schwieg ebenfalls. Erst als sie oben auf der Veranda eintrafen, wo sich beide zu kurzem Aufenthalt niederließen, hob er mit schwermütig gedämpfter Stimme wieder an: »Ich kann das begonnene Gespräch nicht abbrechen, ohne zuvor eines sehr ernsten Umstandes Erwähnung getan zu haben. Du entsinnst dich des traurigen Verhängnisses, das den Tod deiner armen Mutter beschleunigte. Du warst damals noch sehr jung. Ein klares Bild deiner Stiefgeschwister kann daher in deiner Erinnerung kaum haften geblieben sein, wohl aber der Jammer, der durch deren jähes Verschwinden erzeugt wurde. Wenn nun andere den Tod der beiden Kleinen in den scheußlich belebten Sümpfen außer Frage stellten, so habe ich selbst bis auf den heutigen Tag der Hoffnung nicht entsagt, daß sie noch leben und eines Tages ihren Weg hierher zurückfinden. Sollte das aber der Fall sein und dann vielleicht erst nach meinem Abscheiden, so bitte ich dich und deinen Mann, sie als gleichberechtigt in eure Mitte aufzunehmen, an ihnen zu sühnen, was ein feindseliges Geschick an den Unschuldigen verbrach. Dein mütterliches Vermögen entfällt selbstverständlich auf dich allein – doch nichts von geschäftlichen Anordnungen jetzt, zumal die darauf bezüglichen Bestimmungen längst getroffen sind. Ich kenne dich, ich kenne Bruce und werde nach dieser Richtung hin dereinst, ob spät oder früh, beruhigt die Augen schließen.«

Jane, durch den eigentümlich klagenden Ton, in dem ihr Vater sprach, schmerzlich ergriffen, hob seine Hand an die Lippen. Schaudernd zog er sie zurück. Erschrocken sah Jane zu ihm auf.

»Es ist nichts,« entschuldigte er die unwillkürliche Bewegung; »ein rätselhafter Schmerz, an dem ich seit längerer Zeit leide, durchzuckte mich. Er ist bereits überwunden. Aber du wirst darin eine neue Mahnung erblicken, wie notwendig es ist, alle möglichen Fälle zu berücksichtigen und nichts unerörtert zu lassen, was auch nur entfernt Schwierigkeiten bereiten könnte, wenn ich nicht mehr bin. Wir dürfen nicht vergessen: der Tod fragt die Sterblichen nicht, ob sie bereit sind, ihm zu folgen.«

Mit süßen Schmeichelworten suchte Jane den Vater zu beruhigen, die ihn quälenden düsteren Betrachtungen zu zerstreuen, allein es gelang ihr nicht. Dadurch beängstigt, bot sie ihre ganze Beredsamkeit auf, ihn zum Aufsuchen des Bettes zu bewegen. Erst nach längerem Weigern entschloß er sich dazu. In der Vorhalle, wo noch Licht brannte, trennten sie sich voneinander. Den zärtlichen Scheidegruß Janes duldete Wellingham mit heimlichem Widerstreben. Mürrisch wies er den ihn bedienenden Neger zurück, während Jane der ihr voraufleuchtenden jungen Schwarzen zagenden Herzens folgte. Wie ein Alp lastete es auf ihrem Gemüt. Der Glück verheißenden Ankündigung des Vaters konnte sie nicht recht froh werden. Vorherrschend blieb die Angst um ihn. Zu tief hatten die Worte, die wie eine Vorahnung seines nahen Endes klangen, sie erschüttert. Mit Grauen gedachte sie der Gräfin. Wer sagte ihr, welcher Art die geheimnisvollen Fäden waren, die sich dem Anscheine nach zwischen der rätselhaften Schiffsherrin und ihrem Stiefvater webten? Es marterte sie das Bewußtsein, daß er folgenden Tages seinen Besuch auf der Pandora zu erneuern beabsichtigte.

Bild: Max Vogel

Wellingham und Jane waren kaum aus Cunnings Hörweite getreten, als dieser sein Versteck vorsichtig verließ und auf einem Umwege dem Hause zuschlich. Seine Bewegungen waren hastig, wie bei jemand, der einen Vorsprung zu gewinnen wünscht. Die wenigen Worte, die er erlauschte, hatten ihn wie ein Schlag getroffen. Fieberhaft kreiste sein Blut. Krampfhaft hielt er die Fäuste geschlossen, immer wieder sah er über die Schultern scheu zurück, wie einen hinterlistigen Angriff von unbekannter Hand befürchtend. Von den Furien eines belasteten Gewissens gehetzt und gegeißelt, erreichte er jene Seite des Hauses, nach der hinaus Wellinghams Zimmer lagen. Einige Sekunden lauschte er. Als dumpfes Murmeln drang Wellinghams Stimme von der Veranda zu ihm herüber. Hatte er sonst jederzeit Zutritt zu dessen Wohnung, so fürchtete er, zu dieser Stunde auf dem gewöhnlichen Wege durchs Haus jemand zu begegnen. Mit leichter Mühe schwang er sich daher nach dem das Erdgeschoß krönenden breiten Gesimse hinauf, wo in gleicher Höhe mit seinen Hüften ein Fenster vor ihm lag. Geräuschlos, wie er bisher seine Bewegungen ausgeführt hatte, schob er die in ihren Rollen leise spielende, untere Hälfte des breiten Fensters etwas nach oben, und gleich darauf befand er sich in dem Zimmer. Behutsam schloß er das Fenster, und hinter dem die Nische abschließenden Vorhang hervortretend, schaffte er zunächst mittelst eines Taschenfeuerzeuges Licht. Bevor das entzündete Schwefelholz verzehrt war, brannte die auf dem Sofatisch stehende Lampe, und abermals schlich er nach dem Fenster hinüber. Dort schob er den schweren Vorhang so weit zur Seite, daß eine beinahe handbreite Fuge entstand, ein draußen auf dem Gesimse Stehender also ohne Mühe hereinzuspähen vermochte. An den Tisch zurückgekehrt, warf er einen argwöhnisch forschenden Blick um sich; dann erst ließ er sich auf einen der breiten Armsessel so nieder, daß die nach dem kleinen Vorzimmer führende Tür sich in seinem Gesichtskreise befand. So saß er da, einer tückischen Bulldogge ähnlich, die, anstatt sich durch Gebell anzumelden, geduldig auf den Zeitpunkt wartet, in dem es ihr am bequemsten, die Zähne in das Fleisch des in ihren Bereich Tretenden zu schlagen.

Das Licht in der Hand, und die Augen auf die flackernde Flamme gesenkt, wollte Wellingham über die Schwelle schreiten, als er inne wurde, daß die Lampe bereits brannte. Erschrocken blieb er stehen, und aufschauend sah er in Cunnings grinsendes Antlitz. Sich gegenseitig scharf betrachtend, entdeckte jeder sofort die Spuren, die von den jüngsten Erfahrungen in den Zügen des anderen zurückgelassen waren, zugleich aber auch das Bestreben, diese nach besten Kräften zu verbergen.

»Sie hier?« fragte Wellingham, und die peinliche Überraschung bekämpfend, schritt er nach dem Tisch hinüber, wo er sich in die Sofaecke warf. »Finden Sie am Tage keine Zeit, Ihre Anliegen mir vorzutragen?«

»Zeit wohl, aber keine Gelegenheit,« antwortete Cunning spöttisch, »was zwischen uns schwebt, kann nicht vorsichtig genug vor den Leuten verheimlicht werden.«

Wellingham runzelte die Brauen. Wie über irgend einen Gegenstand ernst nachsinnend, nagte er auf den Lippen. Plötzlich schoß matte Röte in sein fahles Antlitz. Seine Blicke waren an dem rötlich leuchtenden Papierschneider haften geblieben. Nach kurzer Pause, verstohlen von unten heraufspähend, entdeckte er, daß Cunning ihn arglistig überwachte. Seine eigene, durch unbestimmte Furcht verschärfte Neugierde wurde rege, und sich hastig aufrichtend, versetzte er kurz: »Das kann sich nur auf unser gestriges Gespräch beziehen. Ein Tag ist seitdem erst verstrichen, und es wurden deren drei ausbedungen.«

»Was ich nicht bestreite,« hieß es trotzig zurück, »und gerade deshalb befinde ich mich hier. Will Ihnen nämlich eine Erleichterung verschaffen. Zahlen Sie mir binnen jetzt und morgen mittag die Hälfte der geforderten Summe aus, so verpflichte ich mich, zur selbigen Stunde spurlos zu verschwinden.«

»Das wären fünfzigtausend Dollars,« erwiderte Wellingham, seine Beängstigung durch spöttisches Lachen verdeckend. Dann bohrten die Blicke der beiden verbrecherischen Genossen sich tief ineinander. Eine Pause des Schweigens folgte. Wenn Wellingham aber ahnte, daß Cunning irgend eine Kunde über die Gräfin und deren ihm selbst noch undurchdringlichen Zwecke erhalten habe, so erriet dieser, daß jenem an Bord der Pandora gefährliche Aufschlüsse geworden; und doch bot jeder das Äußerste auf, die eigenen Besorgnisse vor dem anderen zu verheimlichen.

»Also fünfzigtausend Dollars,« wiederholte Wellingham zögernd; »so werden Sie mir wenigstens den Grund nennen, der diese plötzliche Herabsetzung des Preises bewirkte.«

»Deren gibt es manche,« versetzte Cunning mit verhaltenem Grimm. »Zunächst geht mir im Kopfe herum, daß Sie sich von dem Geschäft zurückziehen und auf den Gedanken geraten könnten, durch eine Reise mich hier in Ungelegenheiten zu bringen. Und wer weiß, was Sie mit denen auf einer der Jachten abkarteten. Sind Sie erst fort, kann Ihretwegen hier der Teufel mich holen, und dem möchte ich zuvorkommen. Mit einem Wort: ich traue Ihnen so wenig, wie Sie mir. Ist mir doch, als schwebte allerlei in der Luft, was wir beide zu scheuen haben.«

»Sie reden Unsinn,« warf Wellingham. sein peinliches Erstaunen verschleiernd, spöttisch ein, »darauf näher einzugehen, wäre ebenso unsinnig. Was wir verabredeten, bleibt bestehen. Vor Ablauf dreier Tage treffe ich keine Entscheidung, und auch dann ist zu bedenken, ob es nicht sicherer erscheint, Sie unter meinen Augen zu behalten.«

»So tue ich's für fünfundzwanzig,« erklärte Cunning unter dem Einfluß einer ihm vorschwebenden drohenden Gefahr hastig.

»Nicht für fünfhundert, nicht für hundert. Wo einer bleibt, bleibt der andere.«

Cunning horchte hoch auf. Argwöhnisch spähte er in Wellinghams Mienen. Krampfhaftes Zucken machte sich in ihnen bemerklich, für ihn ein neuer Beweis eines über ihren Häuptern schwebenden Verhängnisses.

»Sie besinnen sich vielleicht bis morgen mittag,« sprach er drohend, und sich erhebend, schritt er ohne ein weiteres Wort aus dem Zimmer.

In atemloser Spannung lauschte Wellingham ihm nach. Kaum aber waren die sich entfernenden Schritte verhallt, als er aufsprang und, beide Hände in das Schläfenhaar vergrabend, auf und ab zu schreiten begann. Dabei stöhnte und keuchte er in einer Weise, als ränge er mit einem Erstickungsanfall. Dazwischen entwanden sich seinen bebenden Lippen Verwünschungen, die abwechselnd ihm selbst, Cunning und dem ihn unablässig verfolgenden rächenden Geschick galten. Erst allmählich wurde er ruhiger, aber es war jene unheimliche Ruhe, die den verurteilten Mörder angesichts der Richtstätte bei dem Gedanken beschleicht, daß nunmehr bald alles vorüber sei.

Endlich blieb er vor dem Tisch stehen. Sein Blick streifte den dolchartigen Papierschneider, und Hohnlachen trat auf seine Züge. Zögernd streckte er die Hand nach ihm aus, zögernd pruste er dessen stumpfe Spitze.

»Arme Jane,« lispelte er wie geistesabwesend, »wärest du nicht, wie leicht sollte es mir werden. Zuerst er – dann ich selber –«

Der Papierschneider entglitt seiner Hand und fiel auf den Tisch. Als sei das Geräusch von einem anderen erzeugt worden, spähte sr erschrocken um sich. Still lag das Zimmer, ruhig brannte die Flamme der Lampe.

»Und dennoch wäre es besser,« zwängte es sich wieder zwischen den fest aufeinander ruhenden Zähnen hervor. »Wenn ich's nur über mich gewänne –« Das Haupt sank auf seine Brust und abermals begann er auf und ab zu wandeln

Plötzlich trat er seitwärts vor den Schreibtisch hin, und gleich darauf befand sich eine Pistole in seinen Händen. Schauder auf Schauder durchrieselte ihn. Zu seinen Ohren dringendes leises Schnurren gab ihm die Besinnung zurück. Er kehrte sich dem Gartenfenster zu, und: »Mac Lear!« tönte es ihm von dorther entgegen. Zugleich wurde er Cunnings ansichtig, der von dem Gesimse aus den Kopf hinter dem Vorhange hervorschob.

Wie von einem Wetterstrahl getroffen, beugte Wellingham sich unter der Last des Oberkörpers. Die Pistole entfiel ihm. Doch als hätte das polternde Geräusch ihn aus dem Schlaf ermuntert, richtete er sich schwerfällig empor. Er wollte sprechen, allein die Zunge versagte ihm den Dienst.

»Mac Lear!« wiederholte Cunning lauter, und teuflische Bosheit klang aus seiner Stimme hervor, während auf seinen Zügen nicht minder die Furcht eines Verurteilten sich ausprägte: »und nochmals: Mac Lear! Ich hab' Sie beobachtet seit 'ner Viertelstunde. Bevor Sie das Gehirn aus Ihrem Schädel blasen, überlegen Sie die Folgen. Mir konnt's schon recht sein, denn ein Toter redet nicht mehr. Ich aber würd's allen Menschen zuschreien, wer dem jungen Baronet über Bord half, wer die Meuterei auf der Emilia anstiftete, den Kapitän Sherburn –«

»Schweig, Elender,« fiel Wellingham außer sich ein, und im nächsten Augenblick stand er vor ihm, »schweig, wenn dir an deinem Leben gelegen ist! Schweig, und ich will deine Forderung erfüllen. Ich will dir dreißig-, nein, fünfzigtausend geben und mehr noch, nur schweig. Bedenk, die Wände haben Ohren, und was mir gilt, gilt dir. Schweig, wenn nicht um unseretwillen, so doch um Unschuldige nicht mit ins Verderben hinab zu reißen.«

»Aber wann?« fragte Cunning, und wilde Befriedigung funkelte aus seinen tückischen Augen.

»Morgen,« keuchte Wellingham schaudernd, »morgen nacht um diese Zeit und auf dieser Stelle. Hier ist's einsam, hier sind wir sicher, von niemand belauscht zu werden. Auch muß das Geld zuvor aus der Stadt herbeigeschafft werden. Jetzt fort, heimlich fort, bevor im Hause jemand aufmerksam auf Sie geworden ist.«

»Gut,« versetzte Cunning wieder vorsichtiger, »morgen um diese Zeit und hier. Aber wohl verstanden: Begehen Sie eine Täuschung, so schlage ich Lärm, daß sie in der Stadt auf den Straßen zusammenlaufen.« Und rückwärts gleitend, gelangte er auf dem vertrauten Wege schnell in den Garten hinab.

Eine Weile blieb Wellingham vor dem offenen Fenster stehen, bevor er es schloß. Dann schwankte er nach dem Sofa hinüber, und sich auf ihm ausstreckend, zog er eine Reisedecke über sich hin. Es fehlte ihm die Kraft, sich nach seinem Schlafzimmer zu begeben, der Mut, die Lampe auszulöschen. Die Finsternis erschien ihm fürchterlich. Hatte er im Laufe vieler Jahre unter dem Einfluß nimmer rastender Tätigkeit und sich häufender Erfolge sein Gewissen betäubt gehabt, so gewann es jetzt, nachdem es einmal wach gerüttelt worden, eine um so unumschränktere Gewalt über ihn.

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