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Die beiden Jachten

Balduin Möllhausen: Die beiden Jachten - Kapitel 25
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typefiction
authorBalduin Möllhausen
titleDie beiden Jachten
publisherVerlag von Paul List
editorDietrich Theden
illustratorMax Vogel
year1906
correctorreuters@abc.de
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Vierundzwanzigstes Kapitel.

Ein verschollener Liebesfrühling. Das Füllhorn des Reichtums. Ein Ziel in Sicht

Das Mahl war beendigt. Während die Gräfin Wellingham, Lowcastle und Simpson aufforderte, noch eine Weile beim Glase sitzen zu bleiben, folgten Jane und Bruce der lieblichen Maud auf deren Einladung in die unteren Räume. Sie hatten die Kajüte kaum verlassen, als die Gräfin die Gläser mit dem feurigsten Zypernwein füllen ließ, dann aber Niels erklärte, weiterer Bedienung nicht mehr zu bedürfen. Mit der Entfernung des jungen Lotsen, dessen frisches, mannhaftes Gesicht Wellingham fortgesetzt als eine böse Mahnung erschien, wich eine Last von dessen Gemüt. Aufatmend suchte er durch lebhafteres und gewandteres Wesen auszugleichen, was zuvor vielleicht an ihm befremdete. Lowcastle blieb gern, um die Gelegenheit zur Beobachtung der Gräfin weiter auszunutzen, während Simpson hinter seinem tiefen Ernst das Gefühl barg, auf einem Vulkan zu weilen, dessen Ausbruch alle mehr oder minder mit Vernichtung bedrohte.

»Ein neues Bild aus meiner Pandorabüchse,« hob die Gräfin an, »das ich in die Form einer Erzählung kleide. Wer mit mir zu Tische saß, hat ein Anrecht auf mein Vertrauen. Außerdem kann es Ihnen nur erwünscht sein, Gelegenheit zu finden, über meinen so vielfach angefeindeten Gemütszustand ein klares Bild zu gewinnen. Dabei lege ich Wert darauf, die Ursachen zu veranschaulichen, denen ich meine jetzige Geistesrichtung verdanke. Freundlicher Art sind sie freilich nicht. Im Gegenteil, wenn je ein menschliches Wesen unverschuldet von einem böswilligen Geschick an den Rand der Verzweiflung getrieben, aus den glücklichsten Mädchenjahren mit einem einzigen Schritt in das gereifte, o, verbitterte Alter gehetzt wurde, so sehen Sie es jetzt vor sich. Wohl suchte das Geschick später zu sühnen, was es frevelnd an mir verbrach, indem es mehr als gewöhnlichen Reichtum mir in den Schoß warf, allein das Geraubte hätte durch die zehnfachen Schätze eines Krösus nicht ersetzt werden können. Nur den einzigen Vorteil gewährte mir der Besitz eines fürstlichen Vermögens, daß ich dadurch in die Lage geriet, den allmählich sich ausbildenden, exzentrischen Launen – ich nenne sie selbst so – rücksichtslos und ohne Ansehung der Kosten und anderer Opfer mich hingeben zu dürfen. Und dennoch, die mir daraus erwachsende Befriedigung, welch elender, hinfälliger Ersatz für unwiederbringlich Verlorenes? Geschehenes kann nicht ungeschehen gemacht werden. Es bleibt jedem überlassen, sich zu trösten, so gut er kann.«

Sie schüttelte sich leicht, wie einer Anwandlung von Kleinmut sich erwehrend, und mit fester Hand das Glas ergreifend, leerte sie es in einem Zuge. Eine an heimliche Furcht grenzende Spannung um sich entdeckend, begann sie eigentümlich klanglos zu erzählen.

»Ein armes Mädchen war ich aus guter Familie. Ob ich äußere Reize besaß, die geeignet waren, andere für mich einzunehmen, weiß ich nicht, kümmerte mich damals auch wenig darum, weil ich mein Herz schon frühzeitig verschenkt hatte. Einem Manne gehörte es, der mir nicht nur als das Ideal eines mit allen äußeren Vorzügen ausgestatteten Sterblichen erschien, sondern auch Eigenschaften des Geistes und des Herzens besaß, die ihn weit über alle anderen stellten. Verwegen und kindlich sanftmütig, war er das Urbild eines braven Seemannes, der mit der gleichen Ruhe die erzürnten Elemente bekämpfte, mit der er seine eigenen bescheidenen Verhältnisse ordnete und sich einen behaglichen Hausstand zu gründen gedachte. Einen Vorwurf gegen ihn hätte man nur daraus herleiten können, daß er in der Beurteilung anderer stets von der eigenen Denkungsart ausging, im Übermaß seines Edelmutes nicht sorgfältig genug diejenigen prüfte, denen er sein Vertrauen schenkte, und das trug ihm manche herbe Täuschung, wenn nicht gar sein Verderben ein.«

Wie in das Anschauen eines ihr vorschwebenden erschütternden Bildes versunken, sah die Gräfin ein Weilchen ins Leere, ehe sie fortfuhr:

»Wir liebten uns so getreulich, wie es nur dem gegeben ist, der einer in dem anderen sein ganzes Glück findet und in ihm allein für alle Zukunft erwartet. Wohl zitterte ich, so oft ich an seinen gefährlichen Beruf erinnert wurde, und damit einte sich der heimliche Wunsch, daß er einen anderen gewählt haben möchte; allein um keinen Preis hätte ich gewagt, ihm einen Wechsel anzuraten oder ihn gar darum zu bitten. Ich liebte ihn zu sehr, achtete und ehrte seinen Mannesmut, sein unermüdliches Vorwärtsstreben zu hoch. Dagegen war zwischen uns vereinbart worden, daß nach unserer Verheiratung er nur noch so lange fahren sollte, bis wir uns eine sorgenfreie Zukunft begründet haben würden. Doch wir waren zu glücklich in unserer Liebe, zu glücklich in unseren Hoffnungen. Es mußte dadurch die Mißgunst eines wetterwendischen Geschickes gegen uns herausgefordert werden.

»So schieden wir nach kurzem Wiedersehen abermals voneinander. Den Trennungsschmerz linderte das Bewußtsein, nach seiner Heimkehr unauflöslich vereinigt zu werden. Wer hätte uns damals gesagt, daß es eine Trennung auf ewig sein würde? Tränen verschleierten zwar den Blick, aber in den Herzen lebte freudige Zuversicht, jedoch eine Zuversicht, dazu bestimmt, nach kurzem Leben ins Grab zu sinken, nichts hinter sich zurücklassend, als unsäglichen Gram, als ein leergebranntes Aschenfeld, auf dem sanftere Regungen keine Nahrung mehr fanden.

Bild: Max Vogel

»Ja, er ging und kam nicht wieder. Während der nächsten acht Monate erhielt ich zwar hin und wieder Nachricht von ihm, je nachdem er Gelegenheit fand, Briefe heimwärts zu senden; dann aber hörten alle Lebenszeichen plötzlich auf, bis endlich nach Jahr und Tag die Emilia – so hieß sein Schiff – für gescheitert und verloren erklärt wurde.«

Mit den letzten Worten neigte die Gräfin das Haupt wie von ihren Empfindungen überwältigt, in der Tat aber, um unbemerkt einen Blick auf Wellingham zu erhaschen. Stark in den heiligsten Regungen des Herzens, war sie nicht minder unerschütterlich in ihrem Haß. Für jene war das Feld verwüstet, um so freieren Spielraum gewann dafür dieser. Wellinghams Antlitz verzerrte sich. Schweißtropfen bildeten sich auf seiner Stirn, es schwollen die Adern auf seinen Schläfen.

»Der Jahre zweie gingen dahin,« begann die Gräfin wieder, »bevor ich in meinem unbeschreiblichen Schmerz allmählich der letzten Hoffnung entsagte und mit dem vernichtenden Glauben an den Tod des Kapitäns Sherburn mich einigermaßen vertraut machte. Es gipfelte mein ganzes Sinnen und Denken nunmehr allein in der Hoffnung, dem Teuren bald zu folgen. Zu innig hing ich an ihm, zu tief beugte mich die Trauer um den Verlorenen. Wie mein Lebensmut gebrochen war, hatte ich auch jede Neigung zu einer ernsteren Beschäftigung verloren. Mit höhnischer Todesverachtung sah ich dem Zeitpunkt entgegen, in dem die unablässigen, qualvollen Grübeleien endlich in geistesstumpfem Hinvegetieren ihren Abschluß finden würden. Da, als meine Trostlosigkeit ihren höchsten Grad erreichte, trat ein Ereignis ein, das eine Wandlung in mir bewirkte und nach einer bestimmten Richtung hin mich dem Leben wieder Reize abgewinnen ließ.

»Ich erwähnte bereits, daß ich aus einer angesehenen Familie stammte. Als Tochter eines Landgeistlichen, eines jüngeren Sohnes, dessen Vater schon durch die Gesetze über die Erstgeburt schwer benachteiligt worden war, belief mein Einkommen sich auf nicht mehr, als gerade erforderlich war, mich gegen Not zu schützen. Unter solchen Umständen konnte es nicht befremden, wenn ich um Verwandtschaften mich gar nicht kümmerte. Es genügte mir das Bewußtsein, daß mit mir eine mittellose Seitenlinie ausstarb, ohne daß irgend jemand um mich getrauert hätte. Mein Erstaunen war daher groß, als der Graf Marley von Marleyhouse, ein ehrwürdiger Herr, mich eines Tages aufsuchte und sich, wenn auch nur beiläufig, auf seine Verwandtschaft mit mir berief. Ursprünglich hatte der Zweck, Erkundigungen über seinen einzigen Sohn und Erben, einen jungen Baronet, namens Parson, einzuziehen, ihn zu mir geführt. Auf die eine oder die andere Art waren ihm nämlich Mitteilungen über meine Beziehungen zu dem Kommandanten der Emilia zugegangen, und da seines Sohnes Ende mit dem Scheitern der Emilia zusammengefallen war, so hielt er für möglich, daß durch den Kapitän Sherburn noch irgend welche Nachrichten über den unglückseligen jungen Mann mir übermittelt worden seien.

»In seiner Hoffnung fand er sich getäuscht. Nicht eine Silbe wußte ich zu berichten, trotzdem gab er mir unzweideutig sein ernstes Wohlwollen zu erkennen. Ich glaube, seine Teilnahme keimte auf der traurigen Schicksalsfügung, daß durch das gleiche finstere Verhängnis wir beide um die einzige und letzte Lebensfreude gebracht und einer trostlosen Vereinsamung preisgegeben worden waren.«

Um die Lippen der Gräfin zuckte unheimliches Lächeln, für Lowcastle der Ausdruck eines das Geschick verhöhnenden Trotzes.

»Wunderbares Verhängnis,« spann sie ihre Erzählung eintönig weiter, »derselbe Schicksalsspruch, der mich dazu verdammte, fortan liebeleer durchs Leben zu wandeln, hatte mich zu einer reichen Erbin erhoben. Ob der Graf einen günstigen Eindruck von meiner Erscheinung empfing, ob Mitleid mit mir ihn milder stimmte, ich weiß es nicht; aber als er ging, da mußte ich ihm versprechen, zu ihm zu ziehen, um ihm den letzten Lebensrest durch meine Gesellschaft ein wenig erträglicher zu gestalten. Wie ich, trug auch er an seinem Kummer um unersetzlich Verlorenes schwer. Sich darin eins mit mir wissend, überwand er den Widerwillen gegen den Verkehr mit anderen, der nach dem Verlust des Sohnes und Stammhalters Besitz von ihm ergriffen hatte. So stellte er in seiner Güte auch keine höheren Anforderungen an mich, als solche, denen ich mit meinem unheilbaren Gram gewachsen war. Ich dagegen pflegte ihn treu und redlich; ich pflegte ihn nicht allein in gewissenhafter Pflichterfüllung, sondern mehr noch, weil eine Aufgabe vor mir erstanden war, die meinem Leben einen bestimmten Zweck und damit neuen Wert verlieh, zugleich aber ein Gefühl innerer Befriedigung in mir erzeugte.

»Leider war es mir nur zwei Jahre vergönnt, treue Samariterdienste bei dem gütigen Herrn zu verrichten, und als er die Augen schloß, da war mir, als sei ich plötzlich wieder in einen Abgrund trostloser Vereinsamung zurückgestoßen worden, in so hohem Grade hatte ich mich daran gewöhnt, ihm mein ganzes Dasein zu weihen. Bitterlich weinte ich um ihn. Wie hoch er aber meine uneigennützige Sorge um ihn anerkannt hatte, das erfuhr ich erst nach Eröffnung des Testamentes, in dem er mich mit Übergehung einzelner näherer Verwandten zu seiner Universalerbin eingesetzt hatte. Nur die einzige Bedingung war beigefügt worden, daß ich fortan den Namen einer Gräfin Marley von Marleyhouse zu führen habe. Ob andere ihm Näherstehende durch übel angebrachte, an Belästigungen streifende Zuvorkommenheiten den Schein berechnenden Eigennutzes auf sich geladen und dadurch sein Mißtrauen wachgerufen hatten, ich wage es nicht zu entscheiden. Dagegen reichte sein Vertrauen in mein Rechtlichkeitsgefühl so weit, daß er mir ausdrücklich die Machtvollkommenheit zusicherte, zu seiner Zeit über das ganze ungeteilte Vermögen nebst allen Liegenschaften testamentarisch frei zu bestimmen. Angefügt war nur die Bedingung: Sofern ich nachweislich klaren, unbefangenen Geistes sein würde – in meinen Augen und in Ansehung des Umfanges des Vermögens ein durchaus berechtigter Vorbehalt.

»Als der seinem Ende entgegensehende Graf, eine gebotene Form erfüllend, auf die Möglichkeit einer durch Alter oder Gram erzeugte Abstumpfung des Verstandes hindeutete, ahnte er wohl nicht, daß diese wenigen Worte von gewissen Seiten zum Ausgangspunkt der heillosesten Verdächtigungen und Nachstellungen gewählt werden würden.«

Einen langen, kalten Blick tauschte die Gräfin mit Lowcastle, und weiter lautete ihre Erzählung:

»Bei der ersten Kunde von der plötzlichen, unerhörten Wandlung meiner äußeren Lage befiel mich lähmender Schrecken. Widerwille erfüllte mich bei dem Gedanken, in ungezähltem Mammon zu wühlen. Kannte ich doch keinen anderen Wunsch, keine andere Hoffnung mehr, als die Tage in friedlicher Stille an mir vorüberziehen zu lassen. Längere Zeit verlief daher, bevor ich in die neuen Verhältnisse mich hineindachte und einlebte. Dann erst traten ernste Erwägungen ins Leben, wie ich mit innerer Befriedigung meine außerordentlichen Einnahmen am zweckmäßigsten würde verwenden können.

»Ein unbestimmter Plan gewann bald greifbare Gestalt. Obwohl ich das Meer haßte, das mir grausam mein ganzes Erdenglück entrissen hatte, zog es mich andererseits wieder mächtig an. Es galt mir eben als das Grab, in das mein Teuerstes gebettet worden war. So reifte der Entschluß, über den ganzen Erdball hin zu kreuzen, aller Orten anzufragen und Nachforschungen nach ihm anzustellen, den ich nunmehr schon seit vier Jahren beweinte. Die Zweifel aber, die ich noch hegte, die schwanden, sobald ich inne wurde, daß schon allein der Gedanke an die Verwirklichung meiner vielleicht etwas abenteuerlichen Idee beruhigend auf mich einwirkte. Von reger Phantasie geboren, stürmten Trost verheißende Bilder auf mich ein, an die ich mich bald mit ganzer Seele anklammerte. Zur Überzeugung wuchs die Hoffnung, daß er, dem ich einst Liebe und Treue bis über das Grab hinaus gelobte, noch zu den Lebenden zähle. Schilderungen märchenhafter Seeabenteuer, wie ich solche in meinen Kinderjahren gelesen hatte, erstanden verjüngt in meiner Erinnerung. Gab es doch so viele Möglichkeiten, daß Leute, die sich von einem scheiternden Schiff retteten und auf ein unwirtliches Eiland verschlagen wurden, Jahr auf Jahr sehnsüchtig der Erlösung aus gräßlicher Gefangenschaft entgegenharrten.

»Nennen Sie auch diese Träume krankhaft,« fuhr die Gräfin nach einer Pause merklich bewegt fort, denn während des Erzählens jene fern liegenden Zeiten im Geiste abermals durchlebend, beherrschten sie mehr und mehr und endlich allein die sanftesten Regungen des Weibes; »erscheinen sie doch heute mir selbst als ängstliches Haschen nach Phantomen. Aber ich fand meine Rechnung dabei, denn durch sie wurde mir mein fernerer Lebenszweck mit scharfen Zügen vorgeschrieben. Ich wußte, daß ich für den allgemeinen Verkehr unbrauchbar geworden war, überhaupt für die menschliche Gesellschaft nicht mehr taugte. Andererseits fühlte ich, daß mit einem bestimmten Ziel vor Augen ich nicht Gefahr lief, einer traurigen Geistesverwirrung anheimzufallen. Nicht einem gedankenlosen Zugvogel ähnlich wollte ich auf dem Erdball umherschweifen, sondern nach einem wohlüberlegten Plan forschen und kundschaften, ohne mich durch Mißerfolge beirren oder ermüden zu lassen. Durchdrungen von solchem Willen und gestählt durch die sich daran knüpfenden Hoffnungen, ging ich ohne Zeitverlust ans Werk, und nach meinen genauen Angaben entstand dieses Schiff. Sie haben sich überzeugt, wie der Baumeister, auf meine Ideen eingehend, bei dessen Fertigstellung das Angenehme mit dem Nützlichen zu einen verstand. Weder Arbeit noch Kosten wurden gespart, nicht nur ein für alle Meere berechnetes Fahrzeug zu schaffen, sondern auch ein Gebäude, in dem sogar die verwöhntesten Menschen sich heimisch fühlen konnten.

»Seit siebenzehn Jahren bildet die Pandora nunmehr mit nur kurzen Unterbrechungen meine eigentliche Heimat, seit siebenzehn Jahren durchfurche ich auf ihr die Ozeane, ohne daß jemals Überdruß sich bemerklich gemacht oder die erste Begeisterung auch nur die kleinste Abschwächung erfahren Bemannt mit den erfahrensten und zuverlässigsten Händen, bietet die scharfsinnig und festgefügte Jacht eine Sicherheit, wie kaum ein zweites Schiff der Welt. Es spricht freilich mit, daß da, wo es dem Kampfe mit den erzürnten Elementen gilt, nichts mich hindert, unbekümmert um Zeitverlust oder Richtung des Kurses, die größte Vorsicht walten zu lassen; das heißt nicht um meinetwillen – wie viel kann mein Leben mir nur noch wert sein – aber es ruht auf mir die Verantwortlichkeit für diejenigen, die sich mir angeschlossen haben.

»Wie oft ich die Erde in Schlangenlinien umkreiste, ich weiß es kaum noch. Anfänglich folgte ich den Spuren der Emilia, soweit sie aus den Büchern ihrer Reederei festgestellt werden konnten. Doch das Nutzlose dieses Verfahrens einsehend, gab ich es bald auf, um meinen Kurs nun immer dahin zu wählen, wohin eine Laune oder der erste beste, oft unscheinbare Zufall mir den Weg zeigte. Es hatte sich nämlich allmählich der Verdacht in mir ausgebildet, daß die Emilia vielleicht überhaupt nicht gescheitert, sondern der Kapitän Sherburn das Opfer einer Verräterei geworden sei. Gründe für diesen Argwohn kannte ich nicht, aber es entsprach meiner Gemütsstimmung, mit rastlos arbeitender Phantasie Möglichkeiten zu schaffen, an deren Hand ich meine Nachforschungen mit nie ermüdendem Eifer fortzusetzen vermochte. Jahre auf Jahre hatte ich damit hingebracht, die Küsten bald dieses, bald jenes Festlandes zu besuchen, und immer erfolglos, als ich endlich auf den Gedanken geriet, auch Archipele und Inseln in den Bereich meiner Forschungen zu ziehen. Sogar die ödesten Eilande, in deren Nachbarschaft ich gelangte, unterzog ich, wenn der Seegang es nur einigermaßen gestattete, einer eingehenden Prüfung.

»So ereignete es sich, daß ich vor beinah Jahresfrist eine wüste Insel weit unten in der Höhe vom Kap Horn anlief. Es war mir nämlich das Gerücht zu Ohren gedrungen, daß drei daselbst aufgestellte Kreuze die Aufmerksamkeit dieses oder jenes Seefahrers erregt hätten, eine Angabe, die ich in der Tat bestätigt fand. Ja, ich fand sie bestätigt,« wiederholte die Gräfin dumpf, und ein Schauder durchrieselte ihre Gestalt, »und nicht nur diese, sondern auch die Ahnungen, die mich nunmehr schon seit einer langen Reihe von Jahren rastlos von Ort zu Ort getrieben hatten. Die drei Kreuze sah ich vor mir, und damit die ersten untrüglichen Spuren von ihm, den ich von da ab erst aus vollster Überzeugung als einen Toten beweinte. Unter den Kreuzen schlummerten nämlich drei treue Herzen. Auf Schiefersteine eingekratzte Schriftzüge nannten die Namen: Erich Larsen, John Holiday und Kapitän Sherburn – der letzte der Name des Mannes, in dessen Hände ich einst jubelnden Herzens mein ganzes irdisches Dasein niederzulegen gehofft hatte.« –

Hier brach die Gräfin ab. Minuten des Schweigens folgten. Ergriffen sahen Simpson und Lowcastle auf sie hin. Sie achteten nicht Wellinghams, der, wie der Lebenskraft beraubt, sich auf seinem Stuhl zurückgelehnt hatte und regungslos ins Leere stierte. Die Gräfin, obwohl tief in sich versunken, wendete keinen Blick von ihm. Während des letzten Teils ihrer Erzählung hatte sie kein Wort gesprochen, das nicht genau berechnet gewesen wäre. Aufjauchzen hätte sie mögen in befriedigtem Haß bei der Wahrnehmung, daß sie in ihren Voraussetzungen sich nicht täuschte. Mit einer Vorsicht, wie sie eben nur durch unversöhnliche Feindseligkeit rege gehalten werden konnte, vermied sie dagegen jede Kundgebung, durch die Wellingham unmittelbar betroffen worden wäre. Bedachtsam gab sie sich den Anschein, die in seiner Seele wühlenden Martern nicht zu ahnen. Zeit wollte sie ihm gönnen, seine schwankende Fassung zu befestigen. Denn die Stunde, in der sie den letzten vernichtenden Schlag nach ihm zu führen beabsichtigte, war noch nicht gekommen. Nicht ihn allein, den Meuterer, Mörder und Zerstörer ihres geträumten Familienglückes wollte sie mit der vor den drei Kreuzen beschworenen furchtbaren Rache treffen, sondern doppelt und dreifach in denjenigen, für die allein er sich noch eine unverfälschte Neigung bewahrt hatte.

Die Achtung vor dem Schmerz, der in einer langen Reihe von Jahren nicht hatte gelindert werden können, einerseits, und sinnverwirrendes Entsetzen auf der anderen, fesselte die Zungen ihrer Zuhörer. Sogar Lowcastle, überwältigt durch das Erstaunen über die ungeahnten Enthüllungen, erschien es wie eine Entweihung, ihren Ideengang zu stören. Endlich aber mochte ihr selbst das dumpfe Schweigen peinlich werden. Sie richtete sich etwas auf; dann bemerkte sie zögernd:

»Ich hätte kaum geglaubt, daß dieses Beleben alter Erinnerungen mich so tief erschüttern würde. Fühle ich mich doch so erschöpft, als ob ich eben erst von jenen drei Gräbern fortgetreten wäre. Dabei drängt sich fortgesetzt die Überzeugung in den Vordergrund, daß die bisherigen Entdeckungen nicht genügen, mir den Frieden meiner Seele zurückzugeben. Nachdem meine kühnsten Erwartungen in einem so hohen, aber auch erschütternden Grade übertroffen wurden, war eine neue heilige Lebensaufgabe vor mir erstanden. Mag es kosten, was es wolle, sogar mein Leben setze ich daran: ich muß erfahren, wie die drei Ärmsten auf jenes schreckliche Eiland gelangten, ich muß erfahren, was aus dem Schiff, das an der brasilianischen Küste gescheitert sein soll, geworden, vor allem aber, wo der überlebende Teil der Besatzung geblieben ist, um von dem einen oder dem anderen Aufschlüsse zu erzwingen. Aber heute nichts mehr davon,« verfiel sie plötzlich in einen abweichenden Ton, »es möchte sich sonst der Glaube in Ihnen befestigen, daß Sie bei jemand zu Gast waren, der nichts Besseres zu tun wußte, als andere Menschen allein mit der Schilderung seiner Leiden und den daraus entspringenden Regungen zu belästigen.«

Sie erhob sich, dadurch das Zeichen zum Abbruch der Unterhaltung gebend.

»In der Tat erschütternde Erfahrungen,« bemerkte Lowcastle mit tiefem Ernst, »deren Schilderung sicher geeignet ist, zu ergreifen, jedoch nimmer zu belästigen. Ich fürchte nur, bereits zu lange geweilt zu haben und beklage, daß wir Ursache gewesen sind, wenn durch deren Nachwirkung des Abends Ihre Ruhe für diese Nacht gestört werden sollte.«

Die Gräfin sah durchdringend in seine Augen. In seiner Stimme hatte etwas gelegen, was sie befremdete, jedoch nicht unfreundlich berührte. »Keinen Grund zum Beklagen,« versetzte sie hochmütig, »was ich in Worte kleidete, ist nicht mehr als das, was zu jeder Stunde des Tages und der Nacht in meinem armen Kopf arbeitet. Und ich bereue meine Offenbarungen nicht; im Gegenteil, sie bilden erst einen Abschnitt aus dem Buche meiner Erinnerungen, und da bin ich schon gezwungen, um Ihnen ein vollkommen klares Bild zu verschaffen, meine Schilderungen noch weiter auszuspinnen.« Und zu Wellingham gewendet, fügte sie mit spöttisch verbindlichem Lächeln hinzu: »Vorausgesetzt, es ermüdet Sie nicht, die Erzählungen einer alten, exzentrischen Abenteurerin anzuhören.«

Mit einem abermaligen seltsamen Lächeln lohnte sie dessen höfliche Antwort, und gewahrend, daß er, von Grauen beschlichen, sein Antlitz ihren Blicken zu entziehen trachtete, schritt sie den Herren voraus aufs Deck. Tiefe Stille herrschte. Der Mond schien hell, kein Mensch war zu sehen. Nur neben der Ankerwinde stand ein Matrose. Vom Wasser herauf ertönten murmelnde Stimmen. Sie gingen von den Männern aus, die die Boote zur Aufnahme ihrer Fahrgäste herrichteten.

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