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Die beiden Jachten

Balduin Möllhausen: Die beiden Jachten - Kapitel 21
Quellenangabe
pfad/moellhsn/jachten/jachten.xml
typefiction
authorBalduin Möllhausen
titleDie beiden Jachten
publisherVerlag von Paul List
editorDietrich Theden
illustratorMax Vogel
year1906
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zwanzigstes Kapitel.

Schwarz auf weiß. Zwischen den beiden Jachten. Frische Fahrt

Nachdem Ghastly die Kajüte verlassen hatte, fragte die Gräfin kurz: »Sie sind sich also klar darüber, daß es in meiner Hand liegt, Sie heute noch dem Strafrichter auszuliefern? Die Folgen eines solchen Verfahrens werden Sie ohne weitere Erklärungen leicht ermessen. Vorläufig beabsichtige ich indessen nicht, bis zur äußersten Grenze zu gehen. Zunächst wünsche ich, Ihren Kindern das Bewußtsein zu ersparen, daß sie einen Zuchthäusler Vater nennen, dann aber will ich Ihnen Gelegenheit geben, sich von der gerechten Strafe loszukaufen. Dies ist allein möglich, wenn Sie mir genaue Auskunft über denjenigen erteilen, der damals die Meuterei anstiftete und sein teuflisches Werk dadurch krönte, daß er vier arglose, ehrenhafte Männer einem gräßlichen Tode preisgab. Ich fordere nichts Unvernünftiges. Sie, als Mitschuldiger, wahrscheinlich auch beim Morde des jungen Baronets, verließen gemeinschaftlich mit jenem Mac Lear das angeblich gescheiterte Schiff und müssen wissen, wohin er sich wendete, sind also in der Lage, mich auf seine Spur zu führen. Das ist meine unabweisliche Forderung. Sind Sie bereit, die zu erfüllen?«

Galbrett warf einen verzweifelten Blick um sich. Vergeblich sann er auf einen Ausweg aus der verhängnisvollen Lage. Erst allmählich glühte es in seinen tückischen Augen wie das Hinneigen zu einem bestimmten Entschluß. Ähnlich dem Ertrinkenden, der den ihm vom Zufall in die Hand gespielten Strohhalm mit letzter schwindender Kraft packt, klammerte er sich an die Hoffnung an, durch bereitwilliges Eingehen auf die ihm gestellte Bedingung das drohende Verderben von sich abzuwenden.

Tief auf seufzte er, dann antwortete er hastig: »Hier unter vier Augen will ich offen reden.«

»Gut,« versetzte die Gräfin energisch, »Sie versprechen ferner, allen Anrechten an Ihre unschuldigen Kinder endgültig zu entsagen, ihnen nie nachzuspüren oder, im Falle einer zufälligen Begegnung, näher zu treten? Ich weiß, Ihr Versprechen hat keinen Wert, allein Sie werden es halten, wenn ich feierlich gelobe, daß Ihr erster Versuch, meiner Forderung zuwider zu handeln, mit einer Anklage auf Meuterei und Mord beantwortet wird.«

»Auch das verspreche ich,« erklärte Galbrett wiederum hastig, als hätte er dadurch die Brücke zur Umkehr hinter sich abbrechen wollen. Er sann einige Sekunden nach; zugleich prägte sich ein merkwürdiger Triumph auf seinen Zügen aus. »Ja, ich beschwöre es,« bekräftigte er sein Wort, »ich beschwöre es bei allem, was Sie mir als heilig vorhalten mögen. Den letzten Anrechten an die Kinder entsage ich. Tun Sie mit ihnen, was Ihnen beliebt. Durch mich sollen sie nie erfahren, wer ihr Vater ist. Was ich in jungen Jahren verbrach, kann mir heut nicht mehr angerechnet werden. Es ist längst verjährt. Gehen Sie aber darauf aus, Gericht über diejenigen zu halten, die einst vom Glanze blanken Goldes verblendet wurden – o, da könnte ich Ihnen noch mehr verraten. Ich könnte Ihnen Dinge von dem Manne erzählen, ohne dessen Anleitung das Ereignis bei der Aurora-Insel überhaupt nicht möglich gewesen wäre, Dinge, die Ihnen die Haare zu Berge stehen machten und durch die Sie ihn, sofern er noch lebt, in einer Weise zu strafen vermöchten, gegen die alle Qualen der Hölle Spielerei wären.« Und indem er also sprach, schwand mehr und mehr der Ausdruck seiner bisherigen Furcht vor dem eines tief gewurzelten, unauslöschlichen Hasses. »Ja, Einzelheiten,« fuhr er, sich überstürzend, fort, »daß, wenn Sie sie ihm vorhielten, er sich vor Ihnen auf der Erde krümmte, wie ein zertretener Wurm. Geheimnisse aber auch, die wert sind, daß Sie mich unbehindert meiner Wege ziehen lassen, mir sogar noch eine runde Summe auszahlen, um wenigstens in nächster Zeit gegen Not geschützt zu sein. Denn nachdem ich die Kinder dran gab, die ich mit Mühe und Geduld zu Künstlern heranbildete, kann meines Bleibens bei der alten Großmutter nicht länger sein. Ha! Großmutter!« und wie von Wahnwitz befallen, lachte er höhnisch auf, »was fragte die Großmutter nach ihrem Tochtermann, dem Spieler, was nach den Spielerkindern, wenn sie deren Brot nicht gegessen hätte?«

Düsteren Blickes betrachtete die Gräfin das feindselig verzerrte Gesicht des verworfenen Menschen.

Einen kurzen, aber schweren Kampf um ihre Selbstbeherrschung kämpfte sie, dann fragte sie eintönig: »Sie erwarten, daß ich einem Manne von Ihrem Werte und Ihrer Vergangenheit aufs Wort glaube?«

»Für jedes Wort, das ich spreche, vermag ich Beweise beizubringen,« erwiderte Galbrett mit fieberhafter Eile, denn es entging ihm nicht, daß er durch seine geheimnisvollen Andeutungen ein gewisses Übergewicht über die Gräfin gewonnen hatte.

»Mit Ihren wilden Offenbarungen beziehen Sie sich auf Mac Lear, den verräterischen Steuermann?« fragte diese im Tone des Zweifelns.

»Nur auf ihn, den Vormann der Meuterei.«

»Sie können mich zu ihm führen?« hieß es weiter.

»Bis unter sein Dach und an seinen Tisch.«

»Ich müßte Sie also an Bord behalten? Nein, damit wäre mir nicht gedient. Ich will auf meiner Jacht nicht dieselbe Luft mit Ihnen einatmen, will nicht sehen, daß die beiden Kinder fernerhin in Verkehr mit ihrem gebrandmarkten, ihre Gemüter vollständig vergiftenden Vater treten. Dagegen fordere ich unter Androhung eines auf Sie hereinbrechenden fürchterlichen Verhängnisses, daß Sie mir genau den Weg beschreiben, auf dem ich zu Mac Lear gelange.«

»Auch dazu bin ich bereit zu jeder Stunde,« versetzte Galbrett mit einer so scharf ausgeprägten Gehässigkeit, daß die Gräfin, geheimnisvolle Beziehungen zwischen den beiden ehemaligen Genossen ahnend, nicht länger fürchtete, von ihm hintergangen zu werden.

»Was verlangen Sie für Ihren Judasdienst?« fuhr sie fort; »vergessen Sie nicht, daß es mich nur einen Wink kostet, Ihre sofortige Verhaftung zu bewirken. Geschieht es nicht, so begründet sich das auf Rücksichten, die sich Ihrer Beurteilung entziehen.«

Bei dieser versteckten Drohung wechselte Galbretts Gesichtsfarbe wieder, jedoch schnell gefaßt antwortete er: »Schererei können Sie mir genug machen, das räume ich ein; ob es Ihnen aber nach der langen Zeit gute Früchte einträgt, ist eine andere Frage. Mein Nein ist so viel wert, wie das Ja jedes anderen, und wer gegen mich zeugen könnte, ich meine den Bill Fathom, der würde sich selber anklagen.«

»Meinen Sie?« floß es nachlässig von den Lippen der Gräfin. Sie langte seitwärts nach einem Armstuhl hinüber, auf dem mehrere der bekannten Tafeln lagen, und die oberste Galbrett darreichend, forderte sie ihn auf, die ihr aufgetragene Schrift zu betrachten. »Die ersten Zeilen genügen, Sie zu überzeugen,« bemerkte sie, während Galbrett die unauslöschlichen Zeichen argwöhnisch prüfte, »sie wurden von dem Kapitän Sherburn eingeschabt.« Sie nahm die Tafel zurück, weidete sich einige Sekunden an der Bestürzung des vor ihr Sitzenden und fuhr in ihren Mitteilungen fort: »Ich hoffe, Sie bezweifeln nicht länger, daß trotz der entschwundenen Jahre der Strick noch über Ihrem Haupte hängt. Darnach bemessen Sie Ihre Forderungen, aber auch Ihre Zugeständnisse. Ich erwarte entweder alles, ich meine blindes Eingehen auf meine Vorschläge, oder nichts. Im letzteren Falle führt Ihr Weg von hier nach dem Gefängnis.«

Diese letzte Drohung übte augenscheinlich keinen tieferen Eindruck auf Galbrett aus. Lag es doch in seiner Gewalt, die denkbar günstigsten Bedingungen für sich selbst zu erwirken.

»Für meine Enthüllungen stelle ich keinen bestimmten Preis,« erklärte er nach kurzem Zögern mit schlauer Berechnung, »Geschehenes läßt sich nicht ungeschehen machen, da muß ich über mich ergehen lassen, was Sie für gut befinden. Aber ich vermute, nachdem Sie mich zu Ende gehört haben, werden Sie mir für jedes Wort, das ich Ihnen anvertraute, doch Dank wissen.«

Er säumte eine Weile, warf einen furchtsamen Blick in die mit undurchdringlichem Ernst auf ihm ruhenden großen blauen Augen, und begann zu erzählen.

Indem die Gräfin aber gespannt lauschte, seine Mitteilungen mit denen verglich, die ihr durch die Tafeln geworden, und die größte Übereinstimmung zwischen beiden entdeckte, gewann sie erhöhtes Vertrauen zu den ferneren Offenbarungen, die bisher außerhalb des Bereiches sogar ihrer Mutmaßungen gelegen hatten. Sie erriet, daß neben seinem Eifer, sich ferneren Verfolgungen zu entziehen, unauslöschlicher Haß und Rachedurst ihn beseelten, und begriff daher, daß er nichts verschwieg, unbekümmert darum, wie viel er sich selbst zur Last legte, wenn es ihm nur gelang, einen anderen in der Färbung einer vollendeten Verbrechernatur erscheinen zu lassen. Je nach seinen Schilderungen bemächtigte sich ihrer bald tiefe Verachtung, bald starres Erstaunen. Doch was sie empfinden mochte: auf ihrem Antlitz ruhte nur das einzige Gepräge haßvoller Erwartung, dem sich hin und wieder ein Zug heimlicher Befriedigung beigesellte. Nicht mehr einen verhärteten Bösewicht sah sie vor sich, sondern eine von ihr selbst in Betrieb gesetzte Maschine, oder vielmehr ein aufgeschlagenes Buch, aus dem sie das Unerhörte ablas, sogar mehr ablas, als je zu erfahren sie für möglich gehalten hätte: Handhaben zu Schritten, von denen sie, indem sie andere vernichtete, Frieden und Ruhe für sich selbst voraussetzte.

Eine Stunde war hingegangen, als Galbrett mit seinem Bericht endlich fertig war. Es war längst dunkel geworden. Die Gräfin erhob sich und zündete die Hängelampe an. Als deren Beleuchtung sie voll traf, erbebte Galbrett bis ins Mark hinein. Er meinte in ein Marmorantlitz zu schauen, dem der Künstler mit scharfem Meißel den Ausdruck unerbittlicher Grausamkeit verliehen hatte.

»Es würde sich jetzt also nur darum handeln, ob er noch lebt,« brach sie das Schweigen eintönig.

»Ich vermute es,« erwiderte Galbrett, »er war eine zähe Natur –«

»Eine zähe Natur,« fiel die Gräfin höhnisch ein, »nun, Gott mag geben, daß Ihre Vermutung sich nicht als irrig ausweist. Lebte er nicht mehr, so wäre alle meine Mühe vergeblich gewesen – doch das kann nicht sein. Sie haben übrigens recht, Ihre Enthüllungen sind dankenswert, vorausgesetzt, Sie haben sich keine Unwahrheiten oder Entstellungen zuschulden kommen lassen.«

»Ich schwöre –« begann Galbrett, und mit abwehrender Bewegung hob die Gräfin die Hand.

Bild: Max Vogel

»Sparen Sie Ihre Eide,« sprach sie mit unsäglicher Verachtung, »aus einem Munde, wie dem Ihrigen, sind sie nicht mehr wert, als ein Lufthauch, der übers Wasser streicht. Ob Sie zu Täuschungen griffen oder sich an die Wahrheit hielten, wird die Zukunft lehren. Sie dann noch zur Rechenschaft ziehen zu wollen, wäre es freilich zu spät, auch möchte mir die Neigung dazu fehlen. Als Lohn für Ihre Mitteilungen mag zunächst dienen, daß ich die gegen Sie geplante gerichtliche Verfolgung aufgebe. Reisegeld, um von hier verschwinden zu können, sollen Sie sich indessen erst verdienen.«

Sie zog einen Bogen Papier vor sich hin. Wohl zehn Minuten schrieb sie eifrig. Dann, nachdem sie das unter ihrer Hand Hervorgegangene vorgelesen hatte, forderte sie Galbrett auf, seinen Namen unter das Schriftstück zu setzen. Schaudernd ergriff dieser die Feder.

»Wer das liest –« hob er an, und eisig unterbrach die Gräfin ihn mit den Worten:

»Bei mir ist's sicher genug aufgehoben. Unterzeichnen Sie, wenn Sie nicht alles in Frage stellen wollen.«

Wie einer höheren Gewalt gehorchend, befolgte Galbrett den Befehl. Die Gräfin las den Namen.

»Es ist gut,« sprach sie. »Sie sind jetzt frei.« Und zehn Goldstücke auf den Tisch zählend, bemerkte sie spöttisch: »Beruhen Ihre Mitteilungen auf Wahrheit, so wäre tausendmal so viel kein zu hoher Preis dafür. Doch es hieße Laster und Verbrechen begünstigen, wollte ich auch nur einen Cent zulegen. Gehen Sie jetzt und sorgen Sie dafür, daß Sie meinen Weg nie wieder kreuzen.«

Galbrett erhob sich, nahm das Gold und entfernte sich unsicheren Schrittes. Furcht und verzehrende Wut kämpften in ihm um den Vorrang. Die Gräfin öffnete die Fensterluken, um frische Luft durch die Kajüte streichen zu lassen, deren Atmosphäre ihr vergiftet erschien. Die Feder, die Galbrett benutzt hatte, warf sie über Bord, und festen Schrittes begab sie sich aufs Deck hinaus. Galbrett hatte in seinem Boot Platz genommen und legte eben die Riemen ein. Finster sah sie ihm nach, wie er mit schnellen Ruderschlägen aus der Nachbarschaft der Jacht zu entkommen suchte. Erst als seine Gestalt mit der Dunkelheit zusammenfiel, kehrte sie sich ab. Das Haupt sinnend geneigt, erstieg sie das Quarterdeck.

»Dort fährt ein Verbrecher, dem der Galgen zehnmal gebührte,« redete sie Simpson an, indem sie nach der Stadt hinüberwies, »aber für den Dienst, den er mir leistete, muß ich ihn notgedrungen frei ausgehen lassen.«

»So haben Ihre Erwartungen sich erfüllt?« fragte Simpson, seine Spannung verheimlichend.

»Sie wurden weit übertroffen,« antwortete die Gräfin, »doch heute nichts mehr davon, ich bitte darum. Sie wissen, bevor ich mir selbst ein klares Bild von einer Sache entworfen und einen bestimmten Entschluß gefaßt habe, trage ich sie gern eine Weile mit mir herum.«

»Unser Aufenthalt hier wird keine größere Verlängerung mehr erfahren?«

»Höchstens zwei Tage, sofern Sie nicht Einwendungen erheben.«

»Die Vorräte sind ergänzt; wir können zu jeder Stunde Anker lichten.«

»Wofür ich Ihnen meinen Dank schulde,« versetzte die Gräfin etwas wärmer, und in sich gekehrt schritt sie nach dem Heck hinüber. Dort ließ sie sich auf eine Bank nieder. Arm und Haupt schwer auf die Seitenlehne stützend.

Nach Ablauf einer halben Stunde erschien die Aufwärterin, um sie zum Tee einzuladen.

Die Gräfin lehnte ab. »Bitten Sie Maud in meinem Namen, sie möchte gemeinschaftlich mit Sunbeam für die Kinder sorgen,« fügte sie hinzu. »Deren abgehetzte Körper bedürfen der Ruhe. Ich ließe daher allen raten, sich frühzeitig zu Bett zu verfügen. Auf mich soll nicht gewartet werden.« Dann, nachdem die Aufwärterin sich entfernt hatte, wie im Traume, jedoch unbeschreiblich herbe vor sich hin: »Wunderbares Verhängnis. Das Geschick selber scheint mir in die Hände zu arbeiten, auf daß ich dereinst mit einem Gefühl der Befriedigung mich zum letzten Schlaf niederlegen kann,« und aufs neue versank sie in düstere Grübeleien.

Als sie endlich in die unteren Räume hinabstieg, war an Bord die übliche Nachtordnung hergestellt. Bis auf die Wache schlief alles.

Bevor sie ihr Schlafgemach aufsuchte, trat sie noch einmal bei ihren neuen Schützlingen ein. Beide lagen in tiefem Schlummer. Das Bewußtsein, allen ferneren Fährnissen entrückt zu sein, hatte, gemeinsam mit der freundlichen Umgebung, zunächst ein Gefühl schüchternen Behagens in ihnen erzeugt und dann ihre Augen geschlossen. Beim Schein der kleinen, rot umkleideten Schwebelampe betrachtete die Gräfin die ruhig atmenden Gestalten.

Milde blickten ihre Augen, bis sie sich endlich umflorten. Als sei es unbewußt geschehen, strich sie mit der Hand kosend über die Wange des Mädchens, dann über die des Knaben.

»Ihr sollt es nicht entgelten,« lispelte sie über beide hin, »nein, ihr nicht!« Und geräuschlos verließ sie die Koje. –

Folgenden Tages begab sie sich mit den Geschwistern und in Simpsons Begleitung zu der alten Holiday. Sichtbar ergötzt betrachtete diese ihre Enkel. Sie freute sich der Wandlung, die in deren Äußerem stattgefunden hatte, allein wärmere Empfindungen gelangten bei ihr nicht zum Durchbruch. Für sie blieben sie Kinder des Gauklers und selbst Gaukler. Solche Anschauungen beherrschten sie zu unumschränkt, um mütterlicher Zärtlichkeit Raum neben sich zu gönnen. Sie offenbarte indessen ihre Zufriedenheit, daß sie in gute Hände geraten seien, glaubte aber, ihren Sinnen nicht trauen zu dürfen, als die Gräfin ihr ein Schriftstück einhändigte, auf das hin sie bei einem bestimmten Handelshause allmonatlich eine für ihre bescheidenen Ansprüche reichlich bemessene Pension erheben sollte. Von dem verstorbenen Holiday komme es und dem, der einst mit seinem letzten Atemzuge bei ihr um Erbarmen für die Angehörigen des früheren Schiffskochs, gebeten habe, erklärte die Gräfin.

Dazu weinte die Alte ihre bitteren Tränen, und des Himmels reichsten Segen flehte sie auf das Andenken der treuen Toten herab, die sogar aus ihren Gräbern noch für sie sorgten. –

Scheu waren die Geschwister unter das wohlbekannte Dach des düsteren Hauses getreten; furchtsam spähten sie in alle Winkel. In jedem Augenblick meinten sie, den grausamen Vater hervortreten zu sehen. Kurz und kühl war der Abschied zwischen ihnen und der alten Frau. Beide Teile gaben sich so, wie sie waren. Wo das Gefühl einer innigen Zusammengehörigkeit nie gepflegt worden war, da vermochten sie ein solches nicht zu erheucheln.

Als die Geschwister in der Gräfin und Simpsons Begleitung wieder ins Freie hinaustraten, wo die Sonne so goldig vom klaren Himmel herunterstrahlte, da atmeten sie auf, als ob plötzlich eine neue, schönere Welt sich vor ihnen eröffnet habe.

Was auf der Fahrt stromabwärts in den Zügen der Geschwister sich verständlich offenbarte, das spiegelte sich wider in den ruhigen Augen der Gräfin. Plötzlich aber blickte sie finster, und wie einen heimlichen Schmerz bekämpfend, legte sie die schmalen Lippen fester aufeinander. Nach der in ihren Gesichtskreis tretenden Pandora hinüberspähend, war sie eines Schleppdampfers ansichtig geworden, der sich anscheinend hinter ihr hervorschob. Allmählich erkannte sie, obgleich zum größten Teil verdeckt durch die Pandora und deren Takelage, den Eremit. In Sprechweite von ihr ankerte er, wohin ihn offenbar der Dampfer bugsiert hatte. Simpson, der der Jacht schon vorher ansichtig geworden war, überwachte die Gräfin gespannt. Er fürchtete die Wirkung der Entdeckung auf sie. Doch nur vorübergehend waren die ersten Regungen der Erbitterung. Nachdem sie sich überzeugt hatte, daß eine Sinnestäuschung ausgeschlossen, kehrte sie sich mit einem spöttischen Lächeln dem Gefährten zu.

»Man scheint auf dem Eremit unsere bevorstehende Abreise zu ahnen,« sprach sie leidenschaftslos, »was sonst hätte Lowcastle dazu bewegen können, uns seine Nachbarschaft aufzudrängen, wenn nicht die Absicht, seinen sofortigen Aufbruch von dem unsrigen abhängig zu machen.«

»Ich rechne darauf, daß ein glücklicher Zufall uns draußen auf hoher See auseinander führt,« erwiderte Simpson beschwichtigend.

Die beiden Jachten im Auge, sann die Gräfin nach. Träumerisch, wie im Selbstgespräch, bemerkte sie nach einer Pause: »Im Grunde liegt etwas Entwürdigendes in dem Bewußtsein, mit so viel Eifer verfolgt zu werden und sich in der Lage zu befinden, fortgesetzt auf das Vermeiden einer ungewünschten Begegnung Bedacht nehmen zu müssen. Es wandelt mich die Lust an, dem widerwärtigen Verhältnis mit einem Schlage ein Ende zu machen.«

»Dringend rate ich von gewalttätigen Schritten ab,« versetzte Simpson ernst, »ein zweiter Angriff möchte nicht so günstig verlaufen, wie der erste. Wen auch immer Sie an Bord und unter Ihren Schutz, nahmen: Wir sind verantwortlich für deren Sicherheit.«

Die Gräfin zuckte die Achseln. Um die festgeschlossenen, zu einem spöttischen Lächeln neigenden Lippen spielte der Ausdruck jenes Eigenwillens, der durch Widerspruch zur Starrheit verhärtete.

»Ich wüßte nicht, wodurch die Sicherheit meiner Schutzbefohlenen gefährdet werden könnte,« sprach sie gelassen, »es braucht ja nicht gerade ein Gewaltstreich zu sein, wodurch ich einer unerträglichen Lage enthoben werde.« Sie säumte einige Sekunden, wie irgend eine Frage ernst erwägend, dann fuhr sie fort: »Ich weiß kaum noch, was mir peinlicher ist, ob der ausgesprochene Zweck Lowcastles, endlich meine Freiheit als die einer Unzurechnungsfähigen einzudämmen, oder die Unermüdlichkeit des Kapitäns Peldram, über alle Hindernisse hinweg sich Maud immer wieder zu nähern. Beides geht Hand in Hand und macht die Herren zu gefährlichen Bundesgenossen. Mit gleichem Eifer und vereinter Kraft strebt jeder einem besonderen Ziele zu. Der Preis des einen sind Millionen, um die er unerschöpflich im Ränkeschmieden ist; der des anderen ist ein reines, unschuldvolles Wesen, dem ich eine bessere Zukunft gönne, als die an der Seite eines leichtfertigen Soldaten. Beide werden in ihren Erwartungen getäuscht werden.« Und wiederum nach einer Pause herbe, fast klagend: »Ich fürchte, die zwischen den jungen Leuten in Madras angeknüpften Beziehungen unterschätzt zu haben. Es wäre ein Unglück für Maud.«

Schweigend hatte Simpson den Erklärungen gelauscht. Was auch immer ihn bewegen mochte: vorsichtig vermied er, in den Ideengang der Gräfin störend einzugreifen. Auch die Gräfin schwieg nunmehr. An der Pandora vorbei betrachtete sie mit einem Ausdruck der Neugierde den schlank gebauten Eremit, auf dem die Ruhe eines Feiertags herrschte.

Als die Jolle neben die Fallreepstreppe der Pandora hinschoß, begegneten die Blicke der Gräfin denen Mauds, die von oben herab ihr und den beiden Geschwistern einen freundlichen, jedoch etwas befangenen Willkommgruß zurief. Ihr Antlitz war bleich, wechselte aber schnell zur tiefen Glut. In ihren Augen ruhte es wie das Bewußtsein, ein Unrecht begangen zu haben.

Die Gräfin gab sich den Anschein, die in ihr lebende Erregung nicht zu bemerken. Den voraufschreitenden Kindern folgend, reichte sie Maud in gewohnter Weise die Hand, indem sie gleichmütig sprach: »Der Eremit hat es sich in unserer nächsten Nachbarschaft bequem gemacht. Nun, wir können ihn nicht hindern. Im übrigen werden die beiden Jachten nicht lange so friedlich nebeneinander liegen.« Sie übergab die Geschwister der Fürsorge Sunbeams und erstieg in Mauds Begleitung das Quarterdeck. Von dort aus sah sie ruhigen Blickes nach dem kaum hundert Ellen entfernten Eremit hinüber. Sie erkannte Peldram, der, ebenfalls auf der Kajütbedachung stehend, bei ihrem Erscheinen sich höflich verneigte. Sie erwiderte den Gruß mit einer kaum merklichen Bewegung des Hauptes, und sich halb Maud zukehrend, sprach sie eintönig über die Schulter: »Ich vermute, der Herr benutzte die Zeit meiner und Simpsons Abwesenheit zu einem Besuch hier.«

Sie entdeckte Mauds Verwirrung und ließ ihre Blicke nachlässig über die Takelage des Eremit hinschweifen. Sie wollte nicht sehen, daß brennende Glut sich über das holde Antlitz ausbreitete und Tränen in ihren Augen zusammenliefen. Dem Bann ihrer unmittelbaren Beobachtung nicht länger unterworfen, erklärte Maud darauf ein wenig gefaßter: »Keiner war da, ihm zu wehren; als ich ihn entdeckte, stand er auch schon vor mir.«

»Das sieht dem leichtsinnigen Menschen ähnlich,« versetzte die Gräfin wie beiläufig, und des lieblichen Mädchens Stimmung berücksichtigend, betrachtete sie die Takelage des Eremit aufmerksam. »Was sagte er denn? Seinem Besuch muß doch irgend ein Zweck zugrunde gelegen haben?«

Maud zögerte. Dann entgegnete sie mit unsicherer Stimme: »Er beschwor mich, ihm das Ziel unserer ferneren Reise anzuvertrauen.«

»Und was antwortetest du ihm?«

»Die Lage unseres Zieles sei mir fremd; daß ich aber, wenn ich darüber unterrichtet wäre, es als ein nicht mir gehörendes Geheimnis betrachten würde.«

»So? Nun ja, das war verständig von dir,« lobte die Gräfin, und sich dem Deck zukehrend, rief sie hinunter: »Die Jolle bemannen!« und wieder nachlässig zu Maud: »Ich habe es satt, meine Wege vor den unberechtigten Verfolgern länger zu verheimlichen, als ob der Anblick des Eremit und derer an seinem Bord mir Schrecken einflößte. Begib dich daher in die Jolle hinab und laß dich nach dem Eremit hinüberrudern, Dort bitte Peldram, ebenfalls ein Boot zu besteigen – das heißt, Lowcastle und seine Genossen bleiben ausgeschlossen – und sich dir zuzugesellen. Sodann erkläre ihm kurz und bündig, ich täte allen an Bord kund und zu wissen, daß mein Weg von hier nach dem Golf von Mexiko und dem Pontchartrain-See führe.«

Da Maud nicht antwortete, wandte die Gräfin sich ihr zu. Wie ihren Sinnen nicht trauend, stand Maud da. Peinliches Erstaunen schien ihr nicht nur die Sprache, sondern auch die Herrschaft über ihre Bewegungen geraubt zu haben. Der forschende Blick der Gräfin erhöhte ihre Verwirrung, und während sie abermals wie von Blut überströmt schien, entwand sich mit Widerstreben ihren Lippen:

»Kann nicht ein anderer die Botschaft ausrichten? Ich möchte hinuntersteigen – in meinem Kopfe schwirrt alles durcheinander – nur eine halbe Stunde der Rast –«

»Unsinn, Närrchen,« warf die Gräfin beruhigend ein, »die kurze Fahrt bringt deinen Kopf schnell genug wieder in Ordnung; beauftrage ich aber deine liebe Person mit der Botschaft, so habe ich dafür meine besonderen Gründe.«

»Er wird mir nicht glauben, wird argwöhnen, ich sei ausgeschickt worden, den Eremit auf eine falsche Fährte zu schicken,« erklärte Maud hastig, als die Gräfin sie mit den Worten unterbrach:

»Gerade dir glaubt er am ehesten. Außerdem liegt es in deiner Hand, ihn ernstlich zu ersuchen, allen ferneren Nachstellungen, die zu nichts führen, zu entsagen und nach dieser Richtung hin auch auf seinen Verwandten einzuwirken. Im übrigen soll die wahrheitsgetreue Belehrung über unser Ziel als Beweis dienen, daß wir keinem mehr ausweichen, noch weniger jemand fürchten. Bezweifelt man trotzdem deine Angaben – wohlan, so bleibt es den Herren unbenommen, nach wie vor in unserem Kielwasser zu folgen,«

»Muß es denn sein?« fragte Maud zaghaft, und sie meinte den seltsam forschenden Blick ihrer Wohltäterin bis ins Mark hinein zu fühlen.

Bild: Max Vogel

Schnell entschlossen eilte er in das vor der Treppe liegende Boot hinab und nach einigen kräftigen Ruderschlägen kam er seitlängs der Jolle zu liegen.

»Ich befehle es nicht,« hieß es eintönig zurück, »allein ich erwarte von dir, daß du meinem wohlüberlegten Wunsche vertrauensvoll Rechnung trägst.«

Maud antwortete nicht mehr, sondern schritt der zum Deck hinunterführenden Treppe zu. Die Gräfin gab ihr das Geleite bis zur Fallreepspforte. Dort befahl sie den in der Jolle befindlichen Seeleuten: »Rudert die Lady nach der Backbordseite des Eremit herum. Das weitere erfahrt ihr von ihr selber.« Und gedämpft zu Maud: »Dort bist du uns allen außer Sicht. Das Bewußtsein, von hier aus nicht beobachtet zu werden, trägt dazu bei, daß du um so zwangloser deines Auftrages dich entledigst.«

Sie küßte die Scheidende auf die Stirn, und bald darauf wurde die Jolle durch den schwarzen Rumpf des Eremit ihren Blicken entzogen.

Nach dem Eremit hinüberzuschauen wagte Maud nicht, noch weniger, Peldram durch einen Wink herbeizurufen. Denn jetzt erst machte sich in vollem Umfange die peinliche, wenn nicht beschämende Lage geltend, in die sie durch der Gräfin weitsichtige Berechnung versetzt worden war.

Peldram hätte sie indessen in ihrem Verkehr mit der Gräfin weniger aufmerksam beobachten müssen, um über die beabsichtigte Zusammenkunft noch Zweifel zu hegen. Schnell entschlossen eilte er in das vor der Treppe liegende Boot hinab, und nach einigen kräftigen Ruderschlägen kam er mit seinem Fahrzeug seitlängs der Jolle zu liegen. Dort erriet deren Bemannung kaum seine Absicht, als dienstfertige Hände den Bord des Bootes packten und es in seinen weiteren Bewegungen hemmten. Peldram selbst war hart neben Maud hingelangt, so daß er ihr, ohne seinen Platz zu wechseln, die Hand reichen konnte.

»Das ist gütig von der Gräfin,« sprach er, seine innige Freude offen zur Schau tragend, »ich müßte ja innerhalb der letzten Viertelstunde meine gesunde Sehkraft eingebüßt haben, wäre mir entgangen, daß auf deren Veranlassung Sie die Jolle bestiegen.«

Maud bekämpfte ihre Verwirrung. Einen Blick der Befangenheit warf sie auf die Ruderer, und Peldram ihre Hand entziehend, antwortete sie mit einer gewissen Hast: »Ich befinde mich in der Tat nur im Auftrage meiner Wohltäterin hier.«

Gespannt suchte Peldram die seinen Blicken ängstlich ausweichenden Augen. Aus Mauds Stimme war etwas hervorgeklungen, was ihn peinlich berührte, und so erwiderte er zaghaft: »So will ich hoffen, daß es nicht darauf angelegt ist, einen feindseligen Schatten zwischen uns heraufzubeschwören.«

»Sie sprechen in Rätseln,« versetzte Maud tief errötend. »Indem meine gütige Beschützerin mich beauftragte, in unmittelbaren Verkehr mit Ihnen zu treten, konnte sie nicht unsere persönlichen, sondern nur die zwischen den beiden Jachten waltenden Beziehungen im Auge haben. Und wer möchte ihr verargen, wenn die unablässigen Verfolgungen sie mit Unwillen erfüllen. Meine frühere Bitte an Sie, Mr. Lowcastle zu bewegen, von seinen Belästigungen abzustehen, blieb unerhört –«

»Maud, teuerste Maud,« unterbrach Peldram sie dringlich, »ich glaube, schon damals angedeutet zu haben, daß ich nicht den leisesten Einfluß auf Lowcastles Entschlüsse auszuüben vermag. Besäße ich aber einen solchen, wer würde einen Vorwurf für mich daraus ableiten, daß ich es nicht über mich gewinne, die Gelegenheit, Ihnen nahe zu sein, endgültig abzuschneiden?«

»Wir geraten mit unserem Gespräch auf ein falsches Feld,« versetzte Maud ernst, jedoch nicht unfreundlich, »Sie kennen meine auf gegenseitige Zuneigung und auf tiefe Dankbarkeit begründete Abhängigkeit von der Gräfin! Sie werden daher unmöglich erwarten, daß ich einwillige, meine Person deren scharf ausgeprägtem Willen vorangestellt zu sehen.«

»Und dennoch geschieht es von meiner Seite aus,« versetzte Peldram begeistert, und unbekümmert um die Nähe der Ruderer, ergriff er abermals die Hand Mauds.

Leises Zittern durchlief Mauds anmutige Gestalt. Die in ihren tief erglühenden Zügen sich verratenden Empfindungen zu verheimlichen, sah sie nach dem Eremit hinüber. Sekunden dauerte es, bevor sie hinlänglich Fassung besaß, sich Peldram wieder zuzukehren, und ihre Stimme fast bis zum Flüsterton mäßigend, erklärte sie offenherzig:

»Ich muß Sie bitten, jetzt in mir einzig und allein den Sendboten der Gräfin zu erkennen. Als solcher aber muß ich den mir erteilten Auftrag gewissenhaft erfüllen. Die Wünsche der Gräfin und meine ehrlichen Vorstellungen haben nichts gefruchtet. Nach wie vor segelt der Eremit in unseren Spuren. Es läßt sich daher erwarten, daß es fernerhin nicht anders sein wird. Über die mit so viel Eifer betriebenen Belästigungen gedenkt die Gräfin sich nunmehr hinwegzusetzen. Und so erkläre ich Ihnen in deren Namen und durch Sie Ihren Freunden und Verwandten, daß wenn wir von hier fortsegeln, unser nächstes Ziel der Pontchartrain-See am Golf von Mexiko sein wird. Es liegt mithin kein Grund mehr vor, unsere Bewegungen mit Argusaugen zu überwachen. Verschwindet die Pandora von hier, so wissen Sie jetzt, wo Sie sie zu suchen haben.«

So lange Maud mit sichtbar schwer errungener äußerer Ruhe sprach, hingen Peldrams Blicke in stiller Bewunderung an dem in seiner Erregung doppelt lieblichen Antlitz. Und als sie schwieg, da fragte er unter dem Einfluß der in ihm webenden Zweifel: »Wunderbar erscheint es, daß die Gräfin, die so lange ihre Wege verheimlichte, sogar sich nicht scheute, zu Gewaltmaßregeln zu greifen, plötzlich ihren Sinn so weit geändert haben sollte. Ist es da nicht gerechtfertigt, zu erwägen, ob die uns übermittelte Kunde vielleicht darauf berechnet ist, den Eremit in die Irre zu führen?«

»So trauen Sie mir eine Falschheit zu?« fragte Maud unverkennbar gekränkt zurück.

»Ihnen nicht, teuerste Maud, Ihnen nicht,« versetzte Peldram beschwörend, »sind Sie doch, wie Sie selbst erklärten, nur die Trägerin der Botschaft. Wohl aber darf der Gräfin bei ihrem exzentrischen Wesen zugetraut werden, daß sie, wie einst zu Geschützkugeln, jetzt zu falschen Vorspiegelungen greift, um einer ihr unbequemen Begegnung auszuweichen.«

»Wären Sie so vertraut mit dem Charakter der Gräfin, wie ich es im langen Verkehr mit ihr selbstverständlich werden mußte, so würde ein derartiger Argwohn nie haben Wurzel in Ihnen schlagen können. Doch Vertrauen kann nicht erzwungen werden. Überwiegt ein arger Verdacht den Glauben an die Ehrlichkeit der Gräfin, so bleibt es dem Eremit unbenommen, im Kielwasser der Pandora zu segeln.«

»Nicht den leisesten Zweifel setze ich für meine Person in die Ehrlichkeit der Gräfin,« erwiderte Peldram, »ebenso fest dürfen Sie überzeugt sein, daß die Botschaft unverkürzt demjenigen zugetragen werden wird, für den sie bestimmt ist. Weiter reicht meine Macht nicht. Und nun noch ein Wort für mich, teuerste Maud, zu dem Sie selbst mich berechtigten. Mein Verhalten wird, wie bisher, auch fernerhin nur von dem Willen eines anderen abhängig sein, dessen Zwecke mir rätselhaft,« – und mehr noch dämpfte er seine Stimme – »wenn aber eine neue Begegnung mit Ihnen herbeigeführt wird, dann vergönnen Sie mir, mit den einmal entfachten Hoffnungen auf ein dauerndes Glück zu Ihnen aufzuschauen –«

Maud winkte den Leuten, das Boot frei zu geben. Doch ebenso schnell, wie die beiden Ruderer ihre Hände zurückzogen, packte Peldram den Bord der Jolle.

»Um Gottes willen, Maud.« flehte er, »lassen Sie die obwaltenden Verhältnisse nicht maßgebend für Ihre Entscheidung sein.«

Da richtete Maud sich höher auf. Tiefe Glut hatte sich über ihr Antlitz ergossen. Ihre Augen blickten, als hätten Tränen in ihnen zusammenrinnen wollen.

»Meinen Auftrag gewissenhaft erfüllend,« erklärte sie unter sichtbarer Anstrengung, »kann ich nur die Erwartung aussprechen, daß die beiden Jachten fortan durch weite Räume voneinander getrennt bleiben.« Sie säumte einige Sekunden, wie nach Worten ringend. Indem sie aber in Peldrams Zügen den unzweideutigen Ausdruck schmerzlicher Spannung entdeckte, reichte sie ihm die Hand, und leise wie ein Hauch floß es von ihren Lippen: »Und dennoch: auf Wiedersehen!«

Sie wartete nicht, die Wandlung kennen zu lernen, die die wenigen Worte auf dem Antlitz des Kapitäns hervorriefen. Auf ein beinahe herrisches Zeichen von ihr trennte die Jolle sich von dem Boot, und nach wenigen Ruderschlägen drängte der Rumpf des Eremit sich zwischen sie und den ihr Nachschauenden.

Als Maud bald darauf bei der Gräfin eintrat, hatte diese sich in den Inhalt einer Zeitung vertieft. Aufschauend und in des Mädchens Zügen heftige Erregung gewahrend, fragte sie eintönig: »Du hast meinen Auftrag ausgerichtet?«

»Pünktlich bis ins Kleinste hinein,« antwortete Maud mit einer gewissen Bitterkeit.

»Soll mich wundern, ob man Wert auf die Botschaft legt,« versetzte die Gräfin.

»Geschieht es nicht, so fällt es Peldram nicht zur Last, noch weniger mir,« entgegnete Maud; »ihn von der Aufrichtigkeit der Ankündigung zu überzeugen, gelang mir leicht; für andere bürge ich nicht.«

»Wir werden ja sehen,« bemerkte die Gräfin nachlässig, obwohl ihre Blicke mit durchdringender Schärfe Mauds abgewendetes, glühendes Antlitz suchten. –

Einen Tag noch rastete die Pandora vor ihrem Anker. Dann breitete sie ihre weißen Schwingen aus, und vor scharfer Südwestbrise glitt sie an dem in träger Ruhe verharrenden Eremit vorbei in die sich weithin erstreckende Einfahrt des Hafens hinaus. Der Tag neigte sich, als die Fluten des Ozeans vor dem sie furchenden Bug schäumten. Verschlossener noch erschien die Gräfin. Trotzdem machte sich in ihrem Wesen eine eigentümliche, an Ungeduld grenzende Rastlosigkeit geltend. Nur wenn sie Maud und die junge Hindu in ihrem frohen Verkehr mit dem Geschwisterpaar beobachtete, erhellte ein milder Schimmer flüchtig ihre strengen Züge. –

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