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Die beiden Jachten

Balduin Möllhausen: Die beiden Jachten - Kapitel 20
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pfad/moellhsn/jachten/jachten.xml
typefiction
authorBalduin Möllhausen
titleDie beiden Jachten
publisherVerlag von Paul List
editorDietrich Theden
illustratorMax Vogel
year1906
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid02d7cf7d
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Neunzehntes Kapitel.

»Liebe, gute Dame.« Werbende Herzen. Der Arm der Gerechtigkeit.

Wenn das Geschick sich oftmals die Aufgabe gestellt zu haben scheint, diesen oder jenen Sterblichen tückisch zu verfolgen, so ruft es andererseits zuweilen den Eindruck hervor, als ob es, der unbarmherzigen Nachstellungen müde, einen guten Stern beauftrage, freundlichen Hoffnungen gewissenhaft den Weg in bedrängte Gemüter zu bahnen und zu ihrem Heil die Ereignisse in einer Weise zu lenken, daß man die etwaigen günstigen Erfolge als Wunder bezeichnen möchte.

Wie die Gräfin mit ihren Entschlüssen und Bewegungen sich nie an eine bestimmte Zeit band, dem hellen Sonnenschein kein größeres Anrecht an ihr Tun und Lasten einräumte, als den nächtlichen Stunden, so war sie auch an dem heutigen späten Abend ohne Rast geblieben. Scharfsinnig erwägend, daß sie selbst fortgesetzt von denjenigen beobachtet werde, die die beiden Schlangenkinder ihrem Gesichtskreise entzogen hatten, gelangte sie zu dem Entschluß, den Hafen zu verlassen und einige Tage draußen auf hoher See zu kreuzen. War die Pandora erst verschwunden – folgerte sie – so stand zu erwarten, daß die heimlichen Feinde, dadurch in Sicherheit gewiegt, sich freier bewegen und ihren Kundschaftern Gelegenheit bieten würden, die Spuren der Geschwister aufzunehmen. Zu diesen Anschauungen war sie erst gegen Abend gelangt, und nach einer ernsten Beratung mit Simpson begab sie sich zu später Stunde noch zur Stadt, um in dem Gasthofe ihre Verbindlichkeiten zu lösen, überhaupt den Glauben zu erwecken, daß sie mit der Morgenebbe den Anker zu heben und sich einem anderen Himmelsstriche zuzuwenden gedenke. Damit war der größte Teil der Nacht hingegangen, und die zweite Morgenstunde neigte sich ihrem Ende zu, als sie den Weg zum Hafen einschlug, wo die Jolle ihrer harrte. In ihrer Begleitung befand sich Niels, den sie dazu auserkoren hatte, zurückzubleiben und während ihrer Abwesenheit die ferneren Nachforschungen zu betreiben.

Ihn bedachtsam unterweisend, erreichte sie nach kurzer Wanderung den Kai. Öde und still lag er. Selbst die Kneipen, die gemeinschaftlich mit Kaufläden ihn einsäumten, waren dunkel, seitdem die letzten Gäste sich mit schweren Köpfen und unsicheren Füßen entfernt hatten. Langsam nach der Landungstreppe hinüberschreitend, vor der die Jolle angelegt hatte, händigte sie dem jungen Norweger einen geschlossenen Brief ein.

»Den benutzen Sie nur im äußersten Notfall,« riet sie in ihrer ruhigen, entschiedenen Weise. »Notfall nenne ich aber, wenn Sie vielleicht in die Lage geraten sollten, nach einer sicheren Zufluchtsstätte für die Kinder sich umsehen zu müssen. In solchem Falle führen Sie sie nach dem Gasthofe, den wir eben verließen, und nachdem der Wirt Kenntnis von dem Inhalte des Schreibens genommen hat, werden Sie sehen, wie bereitwillig er sich Ihnen zur Verfügung stellt.«

Vor der Treppe stehend, wo Niels sich von ihr verabschieden sollte, hatte sie die letzten Worte etwas lauter und dringlicher gesprochen, achtete also nicht auf die Umgebung, nicht auf das Geräusch sich flüchtig nähernder Schritte. Erst als vor ihr in der Dunkelheit mehrere Schatten auftauchten, brach sie vorsichtig ab. Im nächsten Augenblick aber stürzte es zu ihren Füßen. Gleichzeitig fühlte sie ihre Knie umschlungen, und zu ihren Ohren drang mit einem ergreifenden Ausdruck:

»Liebe, gute Dame, retten Sie uns! Mein Bruder und ich sind so unglücklich! Man verfolgt uns – will uns ein Leid antun – wir sind so müde, können nicht weiter –«

Sprachlos, halb erstarrt, stand die Gräfin. Sie wußte nicht, ob sie ihren Sinnen trauen durfte. Susanna dagegen, ihr Schweigen ungünstig deutend, zog mit der linken Hand den Bruder neben sich zur Erde nieder, und mit dem rechten Arm deren Knie noch fester umschlingend, barg sie laut weinend ihr Antlitz in den Falten ihres Kleides.

Noch immer säumte die Gräfin. Da wurde sie der schattenähnlichen Gestalt des Clowns ansichtig, der einige Schritte zurück stand und nach dem unerwarteten Ereignis unstreitig wieder im Kampf mit der in seinem Kopfe rollenden Apfelsine begriffen war. Doch zu sehr eingeschüchtert, um seines Hauptmittels sich zu bedienen, beschränkte er sich darauf, den Kopf weit nach rechts und dann wieder nach links zu schwingen, und ihn schließlich mit beiden Händen zu halten.

»Was wollen Sie hier?« fragte die Gräfin streng, in dem Unglücklichen einen Verfolger der Geschwister vermutend.

»Er rettete uns, er führte uns aus dem fürchterlichen Hause,« kam Susanna dem alten Gaukler zuvor, der nunmehr vollständig in Verwirrung geraten war.

Als habe aber des Mädchens Erklärung ihn plötzlich neu belebt, fügte er alsbald mit einer gewissen Todesverachtung hinzu: »Selbst ein Künstler ersten Ranges, dulde ich keine anderen Größen neben mir! Die Schlangenkinder sind jetzt frei, können hingehen, wohin sie wollen – die Apfelsine, die Apfelsine – o weh?« Abermals griff er mit beiden Händen nach dem Kopfe und stürzte davon.

Das Wesen des Unglücklichen verriet zu unzweideutig seinen Gemütszustand, als daß die Gräfin in Zweifel über ihn hätte bleiben können. Aber ihr Herz krampfte sich zusammen, indem sie erwog, daß die armen Geschöpfe, die sich noch immer verzweiflungsvoll an sie anklammerten, der Willkür eines Irrsinnigen so lange preisgegeben gewesen waren.

»Steht auf,« sprach sie milde, ihre Hände ergreifend und sie emporziehend, und nicht mehr die Kinder eines ruchlosen Verbrechers waren es für sie, sondern zwei elende, hilfsbedürftige Wesen, die Enkel des Mannes, für dessen Angehörige einst ein Sterbender um Erbarmen flehte. »Steht auf, ihr seid jetzt in Sicherheit und werdet es auch fernerhin bleiben, so Gott will.«

Mit einem unsäglichen Gefühl der Wehmut duldete sie, daß die Geschwister unter dem überwältigenden Eindruck, sich gerettet zu wissen, ihre Hände küßten. Laut schluchzend, vermochten sie kein Wort hervorzubringen. Selbst tief ergriffen, wendete sie sich erst nach einer Pause an Niels.

»Weiteres Nachforschen ist also nun überflüssig geworden,« sprach sie eintönig, obwohl unter der Berührung der Geschwister, die ihre Hände fortgesetzt umklammert hielten, es sie wie belebende Wärme durchströmte. »Sie mögen indessen vorläufig noch in der Stadt bleiben. Bald nach Tagesanbruch begeben Sie sich zunächst zu Galbrett. Sagen Sie ihm, die Kinder seien gefunden, und ich erwarte ihn gegen Abend an Bord der Pandora; sonst reden Sie kein Wort mit ihm. Der alten Frau bestellen Sie: bevor wir Anker lichten, würde sie mehr von mir hören. Um ihre Zukunft möchte sie unbesorgt sein. Ich würde schon etwas für sie tun, daß sie bis auf weiteres gegen Not geschützt sei. Von dort eilen Sie nach einem guten Kleidergeschäft. Die ungefähre Größe der Kinder kennen Sie: das Mädchen reicht Ihnen beinahe bis an die Schulter, der Knabe ist etwas kleiner; darnach bestimmen Sie das Maß und beauftragen Sie den Händler, mit einer Auswahl hübscher Anzüge an Bord zu kommen. Auch einen Vorrat Wäsche jeder Art soll er mitbringen und passendes Schuhzeug, kurz alles, was zur Ausstattung von Kindern wohlhabender Eltern gehört. Und nun hinunter mit euch beiden – Niels, helfen Sie ihnen ein wenig – nicht doch, Kinder, gebt meine Hände frei, oder wir fallen alle miteinander ins Wasser. Geht, geht und ängstigt euch nicht. Ihr seht ja, daß ich bei euch bleibe.«

Bild: Max Vogel

»Liebe, gute Dame, retten Sie uns! Mein Bruder und ich sind so unglücklich! Man verfolgt uns – will uns ein Leid antun – wir können nicht weiter.«

Sie säumte auf der obersten Stufe, bis die Geschwister in die Jolle hinabgeführt worden waren, und nachdem sie Niels einige Ratschläge erteilt hatte, folgte sie ihnen nach. Sie hatte kaum auf der Spiegelbank Platz genommen, da knieten jene wieder vor ihr, abermals ihre Hände mit Küssen bedeckend.

»Vorwärts!« befahl die Gräfin.

Die Jolle wurde von der Treppe abgestoßen. Die vier Riemen senkten sich in die Fluten, und hinaus schoß das leichte Fahrzeug auf die tiefgraue Wasserfläche. Die Nacht war still, der Himmel bewölkt. Wie verloren gegangene Sterne blinzelten die Laternen der Schiffe nah und fern.

In der Jolle herrschte Schweigen. In regelmäßigem Takt stießen die Riemen gegen die Pflöcke. Das Wasser plätscherte und sprudelte. Wie von wirren Träumen umfangen knieten die Geschwister vor ihrer Beschützerin. Die Hoffnung, nicht mehr ins Elend zurückgestoßen zu werden, beherrschte sie vollständig. Nach den jüngsten schrecklichen Tagen machte grenzenlose Erschöpfung sich in um so höherem Grade geltend. Einschläfernd, wie ein wunderbare Mär berichtendes Wiegenlied, wirkte das dumpfe Stoßen und Plätschern auf die jungen Gemüter ein. Das Haupt des Knaben sank auf die Knie der Gräfin. Beim besten Willen vermochte er nicht, sich aufrecht zu erhalten. Die Gräfin wehrte ihm nicht. Aber dem Mädchen ihre Hand entziehend, legte sie sie auf dessen Haupt, dieses ebenfalls auf ihren Schoß ziehend. Dabei sprach sie keine Silbe. Was in ihrem Herzen vorging, welcher Art die Bilder waren, die ihr vorschwebten, wer hätte das erraten! Die tiefe Trauer aber, die auf ihrem sonst so strengen Antlitz lagerte, und die Tränen, die langsam und schwer über ihre hageren Wangen rollten, die gingen verloren in der Dunkelheit. Nicht um die Welt hätte sie sich vor anderen schwach zeigen mögen.

Die Jolle trieb neben die Pandora hin. Oben stand Simpson, eine kurze Frage in das Boot hinabrufend; die Gräfin erkannte ihn an der Stimme.

»Wir bleiben noch einige Tage,« sprach sie hinauf; »was wir suchten, ich fand es, als ich nahe daran war, die Hoffnung aufzugeben. Ich bringe es gleich mit.«

Die Geschwister hatten sich aufgerichtet. Wie noch gegen beängstigende Visionen ankämpfend, überließen sie sich willenlos den starken Armen, die sie behutsam die Treppe hinaufführten. Oben waren andere freundliche Hände bereit, den Befehlen der Gräfin zu gehorchen, die Gäste in die unteren Räume hinab zu geleiten und sie dort in eine mit zwei Lagerstätten versehene Koje zu betten. Erst nachdem die Gräfin eine Weile angelegentlich mit Simpson beraten hatte, begab sie sich zu ihren Schützlingen hinunter. Hatten die abgehärmten Gesichter mit den großen traurigen Augen schon früher einen Zauber auf sie ausgeübt, so staunte sie jetzt über deren Schönheit, die durch das die dunklen Locken umrahmende weiße Linnen der Pfühle um so auffälliger hervortrat. Sie wurde der zerlumpten Kleidungsstücke ansichtig, die sie abgelegt hatten. Hier und da lugte ein farbiger Streifen der jämmerlichen Gaukleranzüge unter ihnen hervor.

»Steinkohlen hinein und über Bord damit. Auf den Meeresboden gehören die Mahnungen an ihre Leidenszeit,« befahl sie ihrer Kammerfrau eintönig, die sich sofort mit den häßlichen Sachen entfernte. Dann erst trat sie den Geschwistern näher, mit tröstlichen Worten deren Befangenheit scheuchend und die noch in ihnen lebenden, unbestimmten Sorgen beschwichtigend. Beiden strich sie die schwarzen Locken von der Stirne. Die gestammelten Ausdrücke des Dankes schnitt sie mit dem Rate ab, zuvor auszuschlafen, und dem Versprechen, dafür zu sorgen, daß am kommenden Tage auch in ihrem Äußeren eine freundliche Wandlung stattfinden solle.

Gewahrend, daß ihre Schützlinge ohnmächtig gegen die Folgen tiefer Erschöpfung kämpften, schied sie von ihnen mit Vertrauen erweckendem Gruß. Ihr selbst blieb die Neigung zum Schlaf fern. In Nachdenken versunken, begab sie sich in die Kajüte hinauf. Dort wandelte sie nach alter Gewohnheit lange auf und ab. Der Morgen graute, als sie endlich Ruhe suchte. –

In eine Märchenwelt versetzt wähnten sich die Geschwister, als nach langem, tiefem Schlaf die angekündigte äußere Veränderung mit ihnen vorgenommen wurde. Wie fürchtend, einen sie umfangenden süßen Traum zu stören und der traurigen Wirklichkeit zurückgegeben zu werden, wagten sie in der neuen Ausstattung sich nur schüchtern zu bewegen. Es blendete sie der sie umgebende Glanz; es verwirrten sie die an sie gerichteten Worte der Güte und Teilnahme. Doch Maud und Sunbeam waren unerschöpflich im erfinden von Mitteln, das sich erst zaghaft regende Vertrauen zu schüren und zu befestigen. Sogar die beiden Geparde mußten mit dazu beitragen, dem Glauben an eine freundliche Wirklichkeit Eingang zu verschaffen, die überreizten kindlichen Phantasten in ruhigere Bahnen zu lenken. Die Gräfin hielt sich fern. Nur flüchtig schenkte sie ihre Aufmerksamkeit einem Bilde, in dem liebliche Gestalten fortgesetzt einen bestrickenden Wechsel erzeugten. Es war, als hätte sie der Zeit bedurft, sich mit dem Gedanken an die Herkunft ihrer beiden neuen Schützlinge auszusöhnen.

So war der Tag verstrichen, und eine Stunde dauerte es noch, bevor die ersten Dämmerungsschatten über den reichbelebten Hafen hinschlichen, als Galbrett mit seinem Boot neben der Pandora anlegte und gleich darauf sich über die geschlossene Pforte hinweg auf Deck schwang. Sein erster Blick fiel auf die Geschwister. Sie waren eben im Begriff, in die unteren Räume hinabzusteigen, wohin Maud und Sunbeam sie gerufen hatten. Heimlicher Triumph leuchtete in seinen Augen auf. Sie in der neuen Ausstattung wiederzusehen, in der sie durch nichts mehr an die früheren Gauklerzöglinge erinnerten, galt ihm als Beweis, daß die Gräfin sie bereits als ihr Eigentum betrachtete. Er begriff, daß sie nur schwer sich wieder von ihnen trennen würde, und gerade darauf baute er die Hoffnung, seine Forderungen bis ins Unmäßige hinein steigern zu dürfen: Es entging ihm nicht, daß ihre Gesichter sich unter seinen Augen vor Scham röteten, der Knabe, die Hand Susannas fester packend, diese mit unmerklicher Bewegung der Treppe zudrängte, und aufmunternd nickte er ihnen zu.

»Es gefällt euch besser hier, als daheim bei der mürrischen alten Großmutter?« redete er sie spöttisch lachend an, »glaub's gern; da wird euch in den kostbaren Anzügen der eigene Vater ebenfalls nicht mehr gut genug sein –«

Simpson trat neben ihn hin und schnitt das, was er weiter sagen wallte, durch die Erklärung ab, daß die Gräfin ihn erwarte. In dem Tone, in dem der Kapitän sprach, mußte etwas gelegen haben, was Galbrett befremdete, denn nach einem letzten Blick auf die beiden die Treppe hinunterschlüpfenden Geschwister sich in trotziger Haltung an seiner Seite bewegend, versetzte er, wie irgend einen ihn störenden Gedanken bekämpfend, erzwungen gleichmütig: »Hübsche Kinder sind's, namentlich jetzt in der neuen Ausstaffierung, das ganze Ebenbild ihrer Mutter. Es wird mir hart ankommen, mich von ihnen zu trennen. Neben einem hohen Preise gehören daher auch gute, höfliche Worte dazu, soll ich sie fremden Händen anvertrauen, überhaupt 'ne starke Zumutung für 'nen Vater, das letzte, was ihm von seiner Familie blieb, dranzugeben.«

Bild: Max Vogel

»Sie werden sich trotz der höchsten Forderung mit der Gräfin einigen,« erwiderte Simpson mit eisiger Ruhe.

»Ich gönn's uns allen.« hieß es lachend zurück, »denn für 'nen einzelnen Mann sind die Dinger immerhin 'ne Unbequemlichkeit. Man darf aber nicht wähnen, daß man es in mir mit 'nem Schulbuben zu tun habe.«

Sie befanden sich in dem Vorraum der Kajüte. Simpson klopfte an die Tür und öffnete auf den erfolgenden Ruf.

Mit dem schlau berechnenden Wesen jemandes, dem an einem ihm angebotenen geschäftlichen Übereinkommen wenig gelegen und der ebensogern bereit ist, von ihm abzustehen, trat Galbrett ein.

Obwohl er nicht zum ersten Male die Kajüte der Gräfin betrat, übte die reiche Umgebung doch wieder einen gewissen verwirrenden Eindruck aus ihn aus. Er zögerte wenigstens mit der frech-vertraulichen Anrede, zu der er sich bedachtsam vorbereitet hatte. Als er aber die Gräfin genauer ansah, die mit der starren Ausdruckslosigkeit eines Steines neben einem kleinen Tischchen saß und ihre Blicke durchdringend auf ihn heftete, schwand sein trotziges Selbstbewußtsein vollends. Er fühlte heraus, daß das Übergewicht auf ihrer Seite und sie am wenigsten gewillt sei, sich von ihm Vorschriften machen zu lassen. Nicht minder mißfiel ihm, daß Simpson, anstatt an der Verhandlung sich zu beteiligen, hinaustrat und die Tür hinter sich ins Schloß drückte. Bevor er darauf für eine höflichere Anrede sich entschieden hatte, hob die Gräfin frostig an:

»Meinem Versprechen getreu, habe ich Sie rufen lassen. Es hätte mich sonst nichts gehindert, die Anker zu heben und Ihre Kinder mit fortzunehmen.«

Galbrett zuckte die Achseln und meinte: »Das wäre Kinderraub gewesen; es gibt keine Behörde, die dergleichen duldet, und die Arme der Gerichtsbarkeit reichen weit übers Meer hinaus.«

»Aber es gibt auch keine Behörde,« versetzte die Gräfin kalt, »die einen Vorwurf daraus erhöbe, wenn einem unnatürlichen Vater die Kinder entzogen werden, um sie vor einem traurigen Dasein im Pfuhle des Lasters zu bewahren. Doch darum handelt es sich nicht. Ich bin entschlossen, mich um jeden Preis mit Ihnen zu einigen, möchte aber, bevor ich mich durch mein Wort binde, noch einzelne Punkte mit Ihnen erörtern.«

Die letzte Bemerkung klang schärfer, so daß Galbrett, wähnend, falsch gehört zu haben, das strenge Antlitz aufmerksamer betrachtete.

»Ich dagegen möchte bitten, nicht zu viel Umschweife zu machen,« entgegnete er unter dem Einfluß böser Ahnungen gedehnt, »es könnte mir sonst einfallen, meine Kinder zu mir zu rufen und mit ihnen das Schiff zu verlassen.«

Die Gräfin überhörte seine Erwiderung und fragte wie beiläufig: »Sie sind auch dem Seeleben nicht fremd geblieben?«

Galbrett fühlte es kalt durch seine Adern rieseln, beherrschte sich aber und antwortete ebenso gelassen: »Nun, weshalb soll ich's leugnen? Wozu greift der Mensch nicht, wenn die Not an ihn herantritt? Einige Jahre fuhr ich in der Tat.«

»Und kamen weit herum in der Welt?«

»Es machte sich. Dahin und dorthin segelte ich, ohne mich viel um das Woher und Wohin zu kümmern.«

Um der Gräfin schmale Lippen prägte sich verhaltenes spöttisches Lächeln aus. So verrann eine Minute in Schweigen. Es war, als hätte sie den dämonischen Genuß, den verräterischen Schurken vernichtet vor sich zusammenbrechen zu sehen, immer noch ein wenig weiter hinausschieben wollen. Endlich fragte sie nachlässig: »Trug das Schiff, auf dem Sie fuhren, Sie jemals um Kap Horn herum?«

Galbrett erbleichte. »Kap Horn?« fragte er zögernd, um Zeit zu gewinnen. »Na ja, mir ist so, ich weiß es nicht genau.«

»Man vergißt sonst nicht leicht Orte, die man aus eigener Erfahrung kennen lernte,« meinte die Gräfin anscheinend arglos, »und die Stürme und Strömungen da unten sind Merkzeichen, die gewiß im Gedächtnis haften bleiben. Vielleicht wissen Sie etwas Näheres über die Aurora-Inseln?«

Galbrett kämpfte ums Gleichgewicht. Wie nach einem Stützpunkt suchend, schweiften seine Blicke umher.

»Setzen Sie sich da auf den Feldstuhl,« nahm die Gräfin wieder das Wort, »mir ist, als litten Sie unter einer Anwandlung von Ohnmacht. Dergleichen verliert sich bald wieder,« und sie fügte belehrend hinzu: »Die Aurora-Inseln sind wüste Eilande, die nicht oft von einem menschlichen Fuße betreten wurden.«

»Bei Gott,« stieß Galbrett betroffen hervor, »ich hörte bisher nie von einem Flecken Erde mit solchem Namen.«

»Wunderbar,« versetzte die Gräfin. »Aber so will ich sie Ihnen genauer beschreiben, vielleicht erinnern Sie sich dann. Ich besuchte die eine jener Inseln vor ungefähr acht Monaten. Drei Kreuze, die aus der Ferne erkennbar waren, und die gerade herrschende Windstille bewogen mich zur Fahrt hinüber. Die Kreuze standen auf Gräbern, und am Fuße eines jeden lag ein Stück Schiefer. Das eine trug den eingeschliffenen Namen Holiday, vermutlich den Ihres Schwiegervaters, des verschollenen Schiffskochs. Ein anderes zeigte den Namen Larsen, und auf dem dritten stand Spencer Sherburn. Damals stellte ich meine Betrachtungen darüber an, wie die drei Unglücklichen dorthin gekommen sein könnten und wer ihnen wohl die letzte Ehre erwies.«

Um seinen Halt zu sichern, hatte Galbrett die beiden Seitenstäbe des Klappsessels gepackt. Leicht erriet er, daß er in eine Falle gelockt worden war. Jedoch wähnend, daß man ihn über Dinge auszuhorchen beabsichtige, die man nur mutmaßte, antwortete er nach kurzem Sinnen mit dem krampfhaften Trotz eines Spielers, der, bereits in schwerem Verlust, sein Letztes auf eine Karte setzt: »Unzweifelhaft Schiffbrüchige oder gar an Bord eines vorübersegelnden Schiffes Verstorbene, denen man ein Grab in fester Erde gönnte. Holiday kann mancher heißen, ohne deshalb mein Schwiegervater zu sein, und so brachte der Name Sie auf eine falsche Fährte. Ich seh' überhaupt nicht ein, was das mit meinen Kindern zu schaffen hat. Machen Sie die Sache kurz. Nennen Sie den Preis, den Sie dran wenden können. Sagt er mir zu, so bleiben sie bei Ihnen, sonst begleiten sie mich zur Großmutter zurück.«

Bild: Max Vogel

Schärfer gelangte unerbittliche Grausamkeit in den Zügen der Gräfin zum Ausdruck, indem sie bemerkte: »Wer auf See stirbt, pflegt ins Meer versenkt zu werden. Da unten in schwarzer Tiefe schläft sich's ebenso sanft, wie zwischen Erde und Gestein. Das würde auch ein gewisser Baronet Parson behaupten, der in der Höhe der Aurora-Inseln mit etwas Nachhilfe von verräterischer Hand über Bord fiel.«

Die Physiognomie Galbretts hatte den äußeren Charakter eines Toten angenommen. Die mittelbaren Anklagen waren zu plötzlich auf ihn hereingebrochen, als daß er ihnen mit der berechnenden Verstocktheit eines Verbrechers hätte begegnen können. Es gelang ihm indessen, anscheinend entrüstet hervorzubringen:

»Ich verstehe die ganze Spioniererei nicht, halte dafür, ich wiederhol's, daß sie nichts mit der Ursache gemein hat, wegen deren ich an Bord berufen wurde «

»Sie wissen nichts von den Aurora-Inseln? Nichts von den Ereignissen, die sich dort vor dreiundzwanzig Jahren abspannen?« fragte die Gräfin unbeirrt, und wie Nadeln bohrten ihre Blicke sich in die entsetzt schauenden Augen Galbretts.

»Nichts,« beteuerte dieser; »ich beschwör's bei meiner Ehre und Seligkeit.«

Die Gräfin klingelte.

»Ghastly soll hereinkommen,« befahl sie der eintretenden Aufwärterin; dann begann sie in einem vor ihr auf dem Tisch liegenden Buch nachlässig zu blättern.

Galbrett erlitt unterdessen Todesqualen. Es kam ihm der Gedanke, dem unheimlichen Verhör durch die Flucht sich zu entziehen, und doch wagte er nicht, sich zu rühren. Seine letzte Hoffnung begründete sich daraus, daß man auf Verdachtsgründe hin ihm sein Verderben vielleicht nur vorspiegele, um sich der Kinder auf bequemere Art bemächtigen zu können. Wie ein Gespenst erschien ihm die Gräfin mit ihrer eisernen Ruhe, wie ein allwissender Höllengeist, der nur daraus wartete, ihn zu würgen und an den Ort seiner letzten Bestimmung zu schleppen.

Schritte näherten sich draußen. Gleich darauf trat Ghastly ein. Auf die nunmehr folgende Szene vorbereitet, glich er mehr denn je zuvor einem dem Grabe Entstiegenen. Galbrett warf einen scheuen Blick auf ihn, kehrte sich aber sogleich wieder ab. Er entsann sich nicht, ihn jemals zuvor, außer bei der ersten Begegnung an Bord der Pandora, gesehen zu haben, und doch flößten seine tiefliegenden Augen ihm von Aberglauben getragenes Entsetzen ein.

»Ghastly,« redete die Gräfin diesen an, »kennen Sie den Mann, der da sitzt?«

»Ich sollte ihn wohl kennen,« antwortete Ghastly mit seiner seltsam hohlen Stimme, »sind wir doch ein Jahr und drüber mitsammen auf der Emilia, Kapitän Sherburn, gefahren.«

Galbrett fuhr herum und sprang auf, sank aber sogleich wieder auf seinen Sitz zurück. Zugleich erwachte in ihm der Selbsterhaltungstrieb, und von diesem durchdrungen, stieß er wütend hervor: »Aber ich kenne Sie nicht! Wer sind Sie in der Hölle Namen, der da glaubt, 'nem ehrlichen! Menschen irgend 'nen verdammten Unsinn anhängen zu können?«

»Bill Fathom, einst Schiffsjunge an Bord der Emilia.«

Galbrett versteinerte förmlich unter der Wirkung dieser Worte. Der letzten Fassung beraubt, stierte er in Ghastlys Antlitz. Trotz der in diesem stattgefundenen Veränderung mochte er bekannte Züge entdecken, denn er öffnete den Mund, um zu sprechen, vermochte aber kein Wort hervorzustoßen. Die Zunge war ihm wie am Gaumen festgetrocknet.

»Wollen Sie mehr hören?« fragte die Gräfin ruhig und daher um so bedrohlicher, »oder sind Sie bereit, auch ohne das mir wahrheitsgetreue Auskunft über die in ferner Vergangenheit liegenden Ereignisse zu erteilen?«

Galbrett neigte das Haupt ergeben. Vollständig vernichtet, war er unfähig, die in seinem Kopfe durcheinander schwirrenden Gedanken voneinander zu trennen.

Die Gräfin, die ihn fortgesetzt scharf im Auge hielt, bedeutete Ghastly, sich zu entfernen.

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