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Die beiden Jachten

Balduin Möllhausen: Die beiden Jachten - Kapitel 18
Quellenangabe
pfad/moellhsn/jachten/jachten.xml
typefiction
authorBalduin Möllhausen
titleDie beiden Jachten
publisherVerlag von Paul List
editorDietrich Theden
illustratorMax Vogel
year1906
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Siebzehntes Kapitel.

Im Lügennetz. Alte Bekannte. Ghastlys Geheimnis. Das Bündnis. .

Nach der ihr überbrachten Kunde über den Verbleib der beiden Geschwister hatte die Gräfin eine unruhige Nacht verlebt. Sie begriff, daß deren Vater, ihren Einfluß auf die Kinder wie auf die Großmutter und darnach eine heimliche Entführung fürchtend, alles in seinen Kräften Stehende aufbieten würde, die Gesuchten ihrem Gesichtskreise gänzlich zu entrücken. Mit der Besorgnis, trotz der zuversichtlichen Angaben Ghastlys und Niels', von dem unnatürlichen Vater überlistet zu werden, wuchs auch ihr Verlangen, die beklagenswerten Opfer niedriger Gewinnsucht wieder vor sich zu sehen. Der Tag war daher kaum angebrochen, als sie in Simpsons Begleitung eine Mietskutsche bestieg, um sich nach der Stätte zu begeben, aus der die beiden Kundschafter die untrüglichen Beweise von der Anwesenheit der Geschwister erhalten zu haben vorgaben. Niels hatte neben dem Kutscher Platz genommen, und über die innezuhaltende Richtung nicht im Zweifel, gelangten sie nach längerer Fahrt über die äußerste Grenze der Vorstadt hinaus. Dort aber glaubte Niels seinen Sinnen nicht trauen zu dürfen, als er auf den wüsten Bauplätzen vergeblich nach dem Zelt und den dazu gehörigen Wagen suchte. An die Möglichkeit eines Irrtums glaubend, stieg er ab, um jedoch nach kurzer Entfernung vom Wege die Überzeugung zu gewinnen, daß da, wo am Abend vorher noch betreßte Gaukler sich tummelten, heute nur noch festgestampfte Erde, Stroh, bunte Zeuglappen und Holzsplitter von deren tollem Treiben erzählten. Auch die Räderspuren prüfte er, die von den davonrollenden Wagen zurückgelassen waren. Wären aber noch Zweifel möglich gewesen, so hätten sie schwinden müssen, als man in dem nächsten Hause auf seine Anfrage den nächtlichen Aufbruch der geräuschvollen Gauklerbande mit unverkennbarer Befriedigung bestätigte.

Die Gräfin und Simpson, die in dem Wagen sitzen geblieben waren, vernahmen die Kunde mit einem Gefühl bitterster Enttäuschung. Argwöhnend, daß der jähe Aufbruch die Folge irgend einer begangenen Unvorsichtigkeit der beiden Sendboten sein könne, entschlossen sie sich, den Flüchtigen, die mit ihren schweren Wagen noch keinen großen Vorsprung haben konnten, ohne Zeitverlust nachzusetzen. So lange die Karawane in der Nachbarschaft der Stadt reiste, kostete es keine Mühe, deren Spuren innezuhalten.

So erreichten sie um die Mittagszeit ein einsam gelegenes Gehöft, auf dem Reisende zur Rast einzukehren pflegten. Zugleich wurden sie der als fliegende Häuslichkeiten dienenden Wagen ansichtig. Die ausgespannten Pferde standen hinter ihnen vor gefüllten Krippen, während die Mitglieder der Bande, lauter Gestalten, die sich schon aus der Ferne als Vagabunden kennzeichneten, zwischen den Wagen und der Restaurationshalle lebhaft hin und herliefen.

Als sie der Kutsche entstiegen, begegneten der Gräfin und ihres Begleiters Blicke zunächst der Direktorin. Unter einem Baume saß sie, auf einem primitiven Brettergestell, einem Mahl weidlich zusprechend. Den Argwohn, der sie beim Anblick der Fremden beschlich, verbarg sie geschickt hinter einem erheuchelten Lächeln. Von der Gräfin angeredet und um den Direktor der Künstlergesellschaft befragt, erhob sie sich mit der vollen Würde ihrer verantwortlichen Stellung, und »Buonaventura!« tönte der Ruf von den vollen Lippen zwischen den Wagen hindurch. Sie säumte, bis der Gerufene in ihren Gesichtskreis getreten war, und sich den Fremden zukehrend, bat sie um die Ehre, wissen zu dürfen, womit sie den Herrschaften dienen könne.

Bild: Max Vogel

Mit wenigen Worten schilderte die Gräfin, daß sie zwei Geschwister suche, die auf Grund ihrer Gewandtheit Aufnahme bei der Truppe gefunden haben sollten.

Mit wenigen Worten schilderte die Gräfin, daß sie zwei Geschwister suche, die auf Grund ihrer Gewandtheit Aufnahme bei der Truppe gefunden haben sollten.

»Aufnahme gefunden? Ja,« erklärte die Direktorin, durch einen nicht mißzuverstehenden Blick ihrem Gatten, der sich eben an dem Gespräch beteiligen wollte, das Wort abschneidend, »und liebe, talentvolle Kinder sind es obenein, die ich mit der Zärtlichkeit einer Mutter in mein Herz schloß, aber leider« – hier entquollen ihren Augen zwei große, heuchlerische Tränen – »leider sollte es mir nicht vergönnt sein, sie mit schützender Hand auf dem dornenvollen Pfade hervorragender Künstler weiterzuführen. Denn derjenige, der mir die holden Geschöpfe zur höheren Ausbildung anvertraute, der eigene Vater, erschien gestern abend zu später Stunde bei uns, und als er ging, nahm er beide mit sich fort.«

»Nahm er beide mit sich fort,« wiederholte der Direktor schmerzlich bewegt.

»Ja, er entriß sie uns unbarmherzig, trotz aller Bitten und Vorstellungen,« entwand es sich wieder den bebenden Lippen der Direktorin, »und wir, was hätten wir in einer solchen Lage anderes beginnen sollen, als uns der herben Notwendigkeit zu unterwerfen?«

Von tiefem Widerwillen erfüllt, lauschte die Gräfin den Mitteilungen, die mit dem Ausdruck heiliger Wahrheit von den heuchlerischen Lippen flossen. Begreiflich erschien ihr nur, daß Galbrett, dem jede sanftere Regung fremd, aus roher Gewinnsucht die Kinder wieder zu sich genommen oder vielmehr anderweitig untergebracht hatte. Überzeugt war sie indessen nicht, und bereitwillig ging sie auf den Vorschlag der ihr Mißtrauen erratenden Direktorin ein, nicht allein die Mitglieder der Truppe einzeln zu befragen, sondern auch die Wagen einen nach dem anderen von Simpson und Niels durchsuchen zu lassen.

Erbittert nach diesem neuen Mißerfolg, begab sie sich auf den Heimweg. Matt regte sich nur noch die Hoffnung, den unnatürlichen Vater dennoch zu seiner Zeit zur Abtretung seiner Kinder zu bewegen.

*

Eine ähnliche Täuschung erfuhr Galbrett, als er, von nie schlummerndem Mißtrauen getrieben, sich auf den Weg nach dem Gauklerzelt begab. Den Flüchtigen darauf nachsetzend, holte er sie erst in einem abgelegenen Örtchen ein, wo man eben Anstalt traf, im Vorbeigehen eine Vorstellung zu geben. Seinen wütenden Anklagen des Kinderraubes begegnete die Direktorin anscheinend bestürzt, dann aber versöhnlich und teilnahmvoll mit der Frage, ob er denn nicht selber seine Zustimmung zu der Herausgabe der Kinder erteilt habe. Weitere Auseinandersetzungen lieferten das Ergebnis, daß die gleichen Fremden, vor denen Galbrett so dringend warnte, sich der Geschwister bemächtigt hätten. Der Widerstand der Direktorschaft war angeblich dadurch gebrochen worden, daß man nicht nur auf die Zustimmung des Vaters sich berief, sondern auch eine gerichtliche Vollmacht vorzeigte.

Außerdem waren die Schilderungen des würdigen Ehepaares so genau, daß Galbrett sofort die Gräfin und Simpson herauserkannte. Er gedachte der Lustjacht, und rasende Wut bemächtigte sich seiner bei dem Gedanken, daß diese vor seinem Eintreffen in der Stadt mit den Kindern den Hafen bereits verlassen habe. Die heftige Erregung, in der er seitdem lebte, besänftigte sich erst, als er die Pandora noch ruhig vor ihrem Anker liegen sah. In der Besorgnis, daß sie im Laufe der Nacht absegeln könne, mietete er sofort ein Boot, in dem er sich hinüberruderte. Es dauerte noch eine Stunde bis zur Dunkelheit, als er neben der Pandora anlegte und von oben herab die Frage nach dem Zweck seines Kommens an ihn gerichtet wurde. Auf sein Verlangen, der Schiffsherrin vorgeführt zu werden, wurde ihm der Weg freigegeben. Hastig erstieg er die Treppe, und als er durch die geöffnete Pforte das Verdeck betrat, stand Ghastly vor ihm. Scheu musterte er die lange, dürre Gestalt mit der fahlen Gesichtsfarbe und dem gebleichten Haar. Gewohnt, jedem fremden Blick auszuweichen, mied er auch hier die dunklen, tiefliegenden Augen. Er sah daher nicht, daß diese mit einem sprechenden Ausdruck des Entsetzens glühten, dann aber, wie bange Zweifel besiegend, unter den gerunzelten Brauen hervor ihre Sehkraft verschärften und endlich unheimlich auf ihn einfunkelten. Zugleich packte Ghastly mit knochiger Faust den Rand der nahen Brüstung, als hätte er dadurch seine Stellung sichern wollen.

Bild: Max Vogel

»Ich wünsche die Schiffseignerin in einer dringenden Angelegenheit zu sprechen,« wiederholte Galbrett, als jener noch immer unbeweglich dastand, und wie den auf ihm ruhenden, durchdringenden Blick bis ins Mark hinein fühlend, sah er nachlässig nach dem Vorderschiff hinüber.

Ghastly seufzte tief auf.

»Hab's verstanden,« antwortete er vollständig ausdruckslos, »es gehört sich indessen, daß Sie zuvor angemeldet werden. Zu 'ner vornehmen Lady geht man nicht, wie an 'nen Schenktisch, wo jeder freien Zutritt hat, so lange noch einige Cent in seiner Tasche sind.«

»Zum Henker denn, so melden Sie mich an,« versetzte Galbrett mit wachsender Ungeduld, und es mochte ihn der Argwohn beschleichen, daß der unheimliche Maat darauf ausging, die Anwesenheit der Kinder an Bord zu verheimlichen.

Ghastly betrachtete ihn vom Kopf bis zu den Füßen hinunter.

»Jedes Ding will Zeit haben,« antwortete er finster. Flüchtig spähte er über das Deck hin, wo die Maats gruppenweise in harmlosem Geplauder beieinander saßen. Keiner hatte auf ihn geachtet, noch weniger die Wandlung bemerkt, die in seinem Gesicht wie in seiner Haltung sich vollzogen hatte. Wie dadurch beruhigt, rief er im Davonschreiten Niels. Bevor er in den nach der Kajüte führenden Vorraum einbog, gesellte dieser sich zu ihm.

»Niels,« redete er ihn gedämpft an, »du weißt, ich gebe viel auf dich. Jetzt zeige, daß meine Freundschaft dir mehr wert ist, als ein Knoten Schiemannsgarn zwischen den Zähnen. Da hinter uns am Fallreep steht der Galbrett, den wir so lange suchten. Geh' hin und rede ein arglos Wort mit ihm. Aber wenn dir dein Leben lieb ist, laß ihn nicht mehr von Bord.«

Niels gab ein zustimmendes Zeichen, und Ghastly trat durch die offene Tür. Von dem Vorraum aus sah er gespannt zurück. Ein seltsamer Ausdruck feindseliger Befriedigung glitt über seine hageren Züge, als er entdeckte, daß bei der sorglosen Anrede des zu ihm herantretenden jungen Norwegers eine eigentümliche Verwirrung sich auf Galbretts Antlitz ausprägte. Dieser mochte es selbst empfinden, denn er kehrte sich mit einer nachlässigen Wendung etwas ab, in dieser Stellung das Gespräch mit Niels fortsetzend.

In Ghastlys Augen entzündete sich düsteres Lodern.

»Ich kenne das, ich kenne das,« lispelte er unbewußt vor sich hin, »die Toten stehen auf.« Seine Schultern sanken wie vor Entkräftung nach vorne. Gleich darauf klopfte er an die Kajütentür.

Die Gräfin und Simpson saßen in ernstem Gespräch beisammen, sahen aber sofort zu dem Eintretenden auf. Es war noch hell genug, um seine Gesichtszüge genau unterscheiden zu können. Es entging ihnen daher nicht, daß seine Physiognomie einen noch leichenhafteren Charakter angenommen hatte, seine Blicke besorgt zwischen ihnen hin und her schweiften.

»Was gibt's?« fragte die Gräfin befremdet, »ich hoffe, es ist nichts Unangenehmes vorgefallen.«

»Euer Gnaden – der Mann, der Vater der beiden Kinder, steht draußen,« antwortete Ghastly mit unsicherer Stimme.

Die Gräfin schrak auf und erwiderte lebhaft: »So bringt er Nachricht von ihnen, wohl gar traurige? Führen Sie ihn herein.«

»Ich wollte Euer Gnaden bitten, zuvor ein Wort von mir zu hören,« versetzte Ghastly stotternd. »Euer Gnaden werden es nicht bereuen – ich kenne den Mann –«

»So sprechen Sie es aus,« befahl die Gräfin streng.

Ghastly holte tief Atem. Mit Widerstreben schien sich seinen Lippen zu entwinden: »Was ich mitzuteilen habe, ist nur für die Ohren von Euer Gnaden bestimmt. Ich kann nicht anders.«

Simpson erhob sich, im Vorbeigehen einen argwöhnischen Blick auf Ghastly werfend.

»Lassen Sie den Mann warten,« rief die Gräfin ihm nach, »vielleicht empfiehlt es sich, ihn über seine Zwecke auszuforschen.«

Sie wartete, bis die Tür sich hinter Simpson geschlossen hatte, dann kehrte sie sich Ghastly zu.

»Das klingt rätselhaft,« begann sie sichtbar erregt, denn nach des alten Matrosen Wesen zu urteilen, konnte sie nur eine peinliche Nachricht erwarten. »Doch sammeln Sie Ihre Gedanken und vertrauen Sie mir ohne Umschweife den Grund Ihrer Beunruhigung an.«

»Möchten Euer Gnaden mir erlauben, mich niederzusetzen,« flehte Ghastly förmlich. »In die Knochen ist mir's gefahren, daß ich zusammenbreche –«

»Gut, gut,« befahl die Gräfin dringlicher, »setzen Sie sich – da, nehmen Sie den Klappstuhl, so – so, mir gegenüber, und nun kommen Sie zutage mit Ihren Geheimnissen.«

Bild: Max Vogel

Erschöpft ließ Ghastly sich nieder. Einen Blick der Verzweiflung warf er um sich, und die Augen auf die zwischen seinen Fäusten sich drehende Mütze senkend, hob er an: »Ich kenne den Mann. Ich sah ihn vor mehr als zwanzig Jahren. Ich erkannte ihn auf der Stelle an seinem schwarzen Gelock und dem gelben Gesicht. Damals hieß er anders.

Er war ein junger, rüstiger Bursche. Kein gelernter Seemann, leistete er doch gute Dienste in der Takelage. Sein eigentliches Metier war Spieler und Komödiant. Wie eine Katze ging er in den Topp hinauf –«

Die Gräfin sprang empor. Ihr Antlitz war so bleich, daß es leuchtete. Starr, als hätten die Augäpfel sich aus ihren Höhlen hervordrängen wollen, betrachtete sie die gebeugte Hünengestalt.

»Ghastly!« rief sie aus. »Galbrett zählt zu den Verbrechern, die einst unter dem Befehl eines verräterischen Steuermanns die drei Unglücklichen auf der Aurora-Insel aussetzten?«

Ghastly neigte bejahend das Haupt. Aufzuschauen wagte er nicht. Er wollte sprechen, aber die Stimme versagte ihm.

Eine Weile sah die Gräfin finster auf ihn hin; dann erfüllte sie allein das Bewußtsein, jemand in ihrer Gewalt zu haben, der sich an dem gegen die drei einsamen Schläfer unter den Kreuzen auf der fernen Insel begangenen Verbrechen beteiligte. Wie eine Rachegöttin stand sie da, das sonst so ruhige, regelmäßig geformte Antlitz hatte sich erschreckend entstellt. Fest ruhten die Lippen aufeinander. Ihre Nasenflügel spreizten sich. Unheil verkündend sprühten die großen Augen Blitze unversöhnlichen Hasses und Rachedurstes.

»Dieser Galbrett zählt also zu den ruchlosen Mördern eines der edelsten Männer, die je unter dem Himmel atmeten,« zwängte es sich beinahe tonlos zwischen den fast verschwindenden Lippen hervor.

»Ihrer drei,« hob Ghastly in seiner grenzenlosen Verwirrung an, als die Gräfin wieder einfiel:

»Ob einer oder zehn um Vergeltung zum Himmel schreien, die Untat bleibt die gleiche.«

Ein erbarmungsloses Lächeln trat auf ihre Züge. Sie schüttelte sich leicht, wie die letzten weiblich milden Regungen von sich abstreifend, und schritt der Türe zu. Was sie beabsichtigte, war ihr selbst nicht klar. Sie gab eben dem unwiderstehlichen Drange nach, vor Galbrett hinzutreten, ihm das Wort »Mörder« zuzuschreien, um ihn dann vor ihrem Drohblick wie unter einem Wetterstrahl zusammenbrechen zu sehen. Ghastly stierte ihr nach, wie des gesunden Denkvermögens beraubt; doch bevor sie die Hand auf die Türklinke legte, blieb sie wieder stehen, und sich Ghastly zukehrend, fragte sie mit unheimlicher Ruhe: »Woher wissen Sie alles so genau? Es klingt, als wären Sie Zeuge, wohl gar handelndes Mitglied jener Mordbande gewesen?«

Ghastly bejahte durch eine Gebärde. Er wollte sich erheben, sank aber sogleich wieder zurück; kaum verständlich brachte er hervor: »Ich war Zeuge.«

»Zeuge – und schritten nicht ein, als die Meuterer sich zu einem Werk einten, über das die Sonne am Himmel ihr Antlitz hätte verhüllen mögen?«

»Ich konnte nicht. Ich war so jung – fürchtete selber den Tod. Mein eigen Leben wollte ich retten. Hätt' ich's nur dran gegeben; denn die Zeiten, die ich seitdem verlebte, waren ärger als der Tod. Sie machten mich binnen wenigen Jahren zum alten Mann.«

Die Gräfin trat vor ihn hin.

»Was führte Sie an Bord meines Schiffes?« fragte sie scharf.

»Ich suchte Arbeit,« hieß es dumpf zurück; »nur in schwerer Arbeit fand ich Ruhe. Ob's die Pandora war oder irgend eine andere Kraft, kümmerte mich wenig.«

Die Gräfin sann eine Weile nach. Schärfer prägte der Zug unerbittlicher Grausamkeit sich um ihre Lippen aus.

»Vielleicht war es von einem rächenden Geschick bestimmt,« bemerkte sie düster, wie zu sich selbst sprechend, »daß Sie dereinst Aufschluß über das furchtbare Ereignis erteilen, mich auf einen Weg führen sollten, auf dem es gelingt, des eigentlichen Mörders, wer auch immer es sei und in welcher Stellung er sich befinde, habhaft zu werden und ihn zu zermalmen. Der da draußen kann warten. Sie dagegen werden mir wahrheitsgetreu schildern, was sich einst angesichts jenes fluchbelasteten Eilandes abspann. Vergessen Sie nicht: als wir die Insel besuchten und die irdischen Überreste des letzten Überlebenden neben die Gebeine seiner Unglücksgefährten in die Erde betteten, nahm ich eine Anzahl Schiefertafeln mit fort, und auf denen stand der ganze Hergang. Einzelne Zweifel walten indessen noch, es bestehen Lücken in der Schilderung des armen Mannes, der sie mit Eisen auf Stein zeichnete, und die sollen Sie ausfüllen. Doch es ist ratsamer, ich befrage Sie um das, was ich zu wissen wünsche.«

Sie ließ sich auf den nächsten Sessel nieder, und die Blicke fest auf das erst wenig über vierzig Jahre alte und doch greisenhafte Haupt des Matrosen gerichtet, fragte sie anscheinend leidenschaftslos: »Nachdem Sie sich überzeugt hatten, daß das Geheimnis jenes fluchbelasteten Eilandes zu meiner Kenntnis gelangte, Sie also wußten, daß die Verwünschungen, die in unseren Herzen lebten, auch Ihnen galten, weshalb benutzten Sie nicht die erste Gelegenheit, sich von uns zu trennen?«

»Ich bracht's nicht über mich. Wie mit Ketten hielt's mich an Bord der Pandora. Als ich erst ausmachte, daß Euer Gnaden die Heimstätten und Hinterbliebenen der Ausgesetzten zu besuchen gedachten, da meinte ich, es möchte die Zeit kommen, da mein Zeugnis angerufen werde.«

Zustimmend neigte die Gräfin ihr Antlitz. Die Brauen tief runzelnd, bemerkte sie: »Wie es heut geschah und wohl fernerhin geschehen wird. Sie errieten, was mich zu der alten Larsen führte?«

»Ich erriet es, und an dem Niels suchte ich seither gut zu machen, was an seinem Mutterbruder gesündigt wurde. Ich hoffte auf eine Gelegenheit, mein Leben für ihn einzusetzen. Was soll ich noch auf der Welt?«

»Über den Zweck meines Besuches bei der Witwe Holiday konnten Sie ebenfalls nicht in Zweifel sein?«

»Es wurde laut genug darüber geredet, daß damit der letzte Wunsch eines Toten erfüllt werden sollte.«

Wiederum sann die Gräfin nach, und abermals breitete Eisenhärte sich über ihr Antlitz aus. Es trat der Gedanke in den Vordergrund, daß die beiden Kinder, die sie dem Einfluß eines gemütsrohen Vaters zu entziehen trachtete, die Nachkommen eines Mörders seien. Es schwebte ihr als eine im Abgrund der Hölle ersonnene Handlung vor, daß der Mann, der das Seinige zu dem schrecklichen Ende des Schiffskochs beigetragen hätte, nicht davor zurückschreckte, die Tochter seines unglückseligen Opfers zu heiraten und dadurch die alternde Witwe ihrer letzten Stütze zu berauben. Es schwebte ihr ferner vor, daß es nunmehr in ihre Hände gegeben war, Galbrett den Behörden zu überantworten; allein das genügte ihr nicht. Denn welche Befriedigung konnte es ihr gewähren, wenn die gerechte Strafe ihn traf, vielleicht auch Ghastly mit hinabriß, dadurch aber die letzten Mittel ihr geraubt wurden, den eigentlichen Urheber des Verbrechens, wenn er noch unter den Lebenden weilte, zu ermitteln und zur Rechenschaft zu ziehen? Unter dem Eindruck solcher Erwägungen begann sie erst nach einer längeren Pause wieder: »Wer war es, der den englischen Reisenden hinterrücks über Bord stieß?«

Ghastly richtete sich auf. Sein Gesicht schien im Entsetzen erstarrt zu sein.

»Stand es nicht auf den Steinen geschrieben?« fragte er schaudernd.

»Wohl las ich es von den Steinen ab,« antwortete die Gräfin, »allein der Name des Mörders war nicht verzeichnet. Wahrscheinlich kannte der Kapitän ihn selber nicht. Der Mord vollzog sich im Dunkeln.«

»So will ich wahrheitsgetreu berichten, was ich weiß. Ohne daß ich selber eine Ahnung davon hatte, war der Plan, sich des Schiffes zu bemächtigen, zwischen dem Mac Lear und einer Anzahl Maats längst vereinbart worden; aber erst als sie meinten, die Übermacht auf ihrer Seite zu haben, brachten sie ihn zur Ausführung. Wie ich später berechnete, sollte ich ebenfalls ausgesetzt werden, aber sie schonten mich, weil sie meinen Dienst nicht missen konnten. Wer den jungen Herrn über Bord sandte, erfuhr ich nie genau, will's aber beschwören, daß Mac Lear und der Galbrett 'ne Hand mit drinnen hatten. Als der Hilferuf erschallte, befand ich mich in der Nähe. Ich schwang mich nach dem Quarterdeck hinauf, und da sah ich, daß beide und noch einer von der Regeling zurücksprangen. An 'nen Mord konnte ich aber nicht glauben; Mac Lear, der mich erkannte, mochte dagegen Mißtrauen in mich setzen, denn als erst wieder Ruhe eingetreten war, riefen sie mich abseits und bedrohten mich mit augenblicklichem Tode, wenn ich nicht in des Kapitäns Koje schleiche und seine Pistolen heraushole. War nämlich Kajütsjunge und konnte bei dem Kapitän aus und eingehen, was jedem anderen verwehrt war. Auch rechneten sie, daß wenn ich die erste Hand an das Verbrechen lege, mir der Mund auf alle Zeiten gestopft sein möchte. In meiner Todesangst versprach ich alles; aber erst als ich zum zweitenmal zu dem Kapitän hineinschlich, traf ich ihn schlafend, so daß ich die Pistolen vom Nagel nehmen konnte. Geschah das nicht, so hätte er sicher den einen oder den anderen über den Haufen geschossen, bevor er selbst überwältigt wurde, und wer weiß, ob nicht alles anders kam. Doch nicht zufrieden damit, mich zu 'nem Hauptschuldigen gemacht zu haben, schob Mac Lear mir anderen Tages 'ne Handvoll Gold in die Tasche und nannte es meinen Anteil an dem Raube. Was half's mir, daß ich bei der ersten Gelegenheit mich von den anderen trennte? Wohin ich kam, nirgends durfte ich über die Angelegenheit reden, wollte ich nicht mein eigener Ankläger werden. Denn was ich zu meiner Entschuldigung vorgebracht hätte, wäre von niemand geglaubt worden, und wo hätte man Mac Lear und die anderen suchen sollen? Und so habe ich mit dem schweren Geheimnis bis auf den heutigen Tag mich herumgetragen. Ob auch die Schuld mir gewaltsam aufgezwungen worden: keine ruhige Stunde fand ich seitdem. Wo ich ging und stand, redete das Gewissen so schrecklich zu mir, daß ich das Ende aller Dinge herbeiwünschte. Doch so oft ich dem Tod Gelegenheit gab, mich von der Erde fortzufegen, streckte er doch nie seine Hand nach mir aus. Ich meinte oft, daß er selber Abscheu vor mir hege. Bei schwerem Wetter dagegen freiwillig über Bord zu gehen, erschien mir als eine neue Schuld, die ich nicht auf mich laden wollte von wegen der Verantwortung in einer anderen Welt.«

So lange Ghastly sprach, starrte die Gräfin regungslos vor sich nieder. Dann aber sprach sie, wie aus einem Traum erwachend, mit einem durchdringenden Blick in seine Augen: »Als man den Kapitän und seine beiden Unglücksgefährten in die Heckjolle brachte, wurden zwei Säcke mit Kleidungsstücken und Lebensmitteln ihnen nachgeschoben. Wer von den Verbrechern mag da im letzten Augenblick noch Mitleid mit den, einem unabwendbaren Tode Geweihten gehabt haben?«

Ghastlys Augen vergrößerten sich in bangem Erstaunen.

»Stand das ebenfalls auf den Steinen geschrieben?« fragte er mit seltsam gepreßter Stimme.

»Wort für Wort,« bestätigte die Gräfin, das fahle Gesicht des gebeugt vor ihr Sitzenden scharf beobachtend; »Bill nannte ihn der Kapitän in seiner Schrift. Er gedachte seiner versöhnlich, erwähnte ausdrücklich, daß seine Beteiligung an der Meuterei nur eine gezwungene gewesen sein könne. Er verzieh ihm sogar um des Mitleids willen, das er unter der Gefahr, über Bord gestoßen zu werden, den drei Unglücksgefährten bewies.«

Da seufzte Ghastly schwer, wie mit einem qualvollen Erstickungstode ringend.

»Der Bill – ich war's selber,« stöhnte er, und die starkknochigen Glieder wanden sich förmlich unter dem Eindruck des Vernommenen, »und verziehen hätte er mir? Nein, ich kann's nicht glauben – ich verdiente es nicht – denn weckte ich ihn, anstatt ihm die Pistolen zu rauben, so kam alles anders –«

»Über meine Lippen findet nur Wahrheit ihren Weg,« unterbrach die Gräfin ihn streng, um eine Erörterung abzukürzen, die ihr selber kaum minder peinlich war, als Ghastly. »Schöpften Sie aber aus meinen Worten Beruhigung, so tragen Sie sie als eine Wohltat in Ihrer Brust verschlossen mit sich herum; Sie haben ja bewiesen, daß Sie Geheimnisse zu hüten verstehen. Gehen Sie jetzt. Was ich weiter mit Ihnen zu besprechen habe, verschiebe ich auf eine spätere Zeit. Ich will den Mann draußen nicht länger warten lassen. Gedenken Sie der armen Toten auf dem fernen Eilande, und daß Sie ihnen Sühne schuldig sind; die aber können Sie allein dadurch leisten, daß Sie in meine Anordnungen sich blindlings fügen und strenge Verschwiegenheit beobachten. Melden Sie dem Kapitän, ich ließe ihn bitten, Galbrett zu mir herein zuführen.«

Schweigend, jedoch nach besten Kräften seine gewohnte Haltung erzwingend, verließ Ghastly die Kajüte.

Die kurze Zeit, die es dauerte, bevor Simpson mit Galbrett eintrat, hatte der Gräfin genügt, sich für ein bestimmtes Verfahren zu entscheiden. Die Lampen waren unterdessen angezündet worden. Der Anblick des verbrecherischen Abenteurers bestärkte sie in dem Entschluß, die ihr vorschwebenden Pläne nicht durch Übereilung zu gefährden. Galbrett, durch die ihn umringende vornehme Ausstattung bis zu einem gewissen Grade eingeschüchtert, verneigte sich befangen. Die Gräfin verharrte wie eine Statue. Was kurz zuvor sie bewegen mochte und nunmehr angesichts des einstigen Meuterers und Mörders sie stachelte: jetzt beherrschte sie sich in einer Weise, die sogar Simpson, der im Laufe der Jahre doch so vertraut mit ihrem Wesen geworden war, keine Schlüsse auf das mit Ghastly geführte Gespräch gestattete.

Einen flüchtigen Blick warf Galbrett auf die ihn kalt beobachtenden Augen, dann senkte er die seinigen schnell wie unter der Wirkung einer in sein Gehirn eindringenden, vergifteten Waffe. Da die Gräfin schwieg und auch Galbrett mit dem Vorbringen seines Anliegens säumte, nahm Simpson das Wort.

»Der Mann ist gekommen, um seine Kinder zurückzufordern,« begann er; »beim besten Willen gelang es mir nicht, ihn zu überzeugen, daß, wenn sie sich wirklich an Bord befänden, wir keine Ursache hätten, sie vor ihm zu verheimlichen.«

Galbrett hatte während dieser Mitteilung Zeit gefunden, seinen rohen Trotz zurückzugewinnen.

»Sie müssen in Ihrer Gewalt sein,« erklärte er tückisch; »weilen sie nicht an Bord, so werden Sie sie wohl auf einer anderen Stelle untergebracht haben. Aber wo sie auch sein mögen: ich bestreite Ihnen das Recht, meine eigenen Kinder mir hinterlistig vorzuenthalten.«

»Sie sollten lieber sagen: die Enkel des auf dem Meere verschollenen Schiffskochs Holiday,« bemerkte die Gräfin anscheinend gleichmütig.

Galbrett zuckte die Achseln und erwiderte ingrimmig: »Zunächst sind's meine Kinder, über die mir allein die väterliche Gewalt zusteht. Hielten Sie sich für berufen, die beiden Geschwister unter lächerlichen Bedrohungen von den Leuten zurückzufordern, denen sie anzuvertrauen ich für gut befand, so haben Sie sich einer Handlung schuldig gemacht, für die das Gericht Sie zur Rechenschaft ziehen wird.«

Ein mattes Lächeln trat auf die Züge der Gräfin. Tiefe Verachtung und versteckter Triumph spiegelten sich darin.

»Von welchen Leuten sollten wir die armen Geschöpfe gefordert haben?« fragte sie.

Galbrett lachte boshaft und fuhr erbittert fort: »Von wem anders, als von der Seiltänzergesellschaft, die draußen vor der Stadt ihre Künste trieb. Jetzt ist sie freilich abgezogen und wird ein gut Stück Geld dafür eingesteckt haben, daß sie den Kinderraub duldete.«

»Sie reden irre,« versetzte die Gräfin nachlässig, »Ihren Verdacht aber widerlegen zu wollen, lohnt sich nicht der Mühe. Allerdings leugne ich nicht, daß ich gern ein gut Stück Geld, wie Sie es nennen, dafür hingegeben hätte, die Enkel des armen Schiffskochs einem besseren Lose entgegenzuführen.«

Hoch auf horchte Galbrett bei dieser Erklärung, lachte in der nächsten Sekunde aber wieder höhnisch, und warf mit verhaltenem Grimm ein: »Behauptet der Vormann der Gesellschaft, gezwungenermaßen seine Schutzbefohlnen Ihnen überantwortet zu haben, so kann's nicht aus der Luft gegriffen sein.«

»Die Behauptung ist ebenso berechtigt wie die vor mir abgelegte, daß der Vater selber vorgezogen habe, seine Kinder wieder an sich zu nehmen,« versetzte die Gräfin ruhig, und Galbrett antwortete in auflodernder Wut:

»So behaupteten sie die niederträchtigsten Lügen, die je von einem Gaunerpaar ersonnen wurden.«

»Zunächst mäßigen Sie sich,« griff Simpson nunmehr beinahe drohend in das Gespräch ein; »vergessen Sie nicht, wo Sie sich befinden, und daß es mir einfallen könnte, Sie ziemlich unsanft in Ihr Boot hinunterschaffen zu lassen.« Er begegnete einem mißbilligenden Blick der Gräfin und fuhr gemessener fort: »Es liegt auf der Hand, daß man Sie sowohl täuschte, wie uns, und zwar zu dem Zweck, zu seiner Zeit, nachdem das Gerede über das Verschwinden der Geschwister verstummte, sie auf Umwegen der Gauklerbande einzuverleiben.«

Verstört sah Galbrett ihn an. In seinem Inneren nagte verzehrende Wut. Die Erklärung Simpsons klang zu folgerichtig, um sie ebenfalls als ersonnen zurückzuweisen.

»Bleiben Sie länger hier vor Anker liegen?« fragte er nach kurzem Zweifeln lauernd.

»So lange, bis ich entweder die Kinder fand, oder die Überzeugung gewann, daß sie mir unerreichbar geworden sind,« antwortete die Gräfin eisig.

»Und wenn es Ihnen glücken sollte, ihrer habhaft zu werden?«

In der Gräfin Augen flackerte es bedrohlich auf. Um ihre Lippen lagerte schadenfrohe Befriedigung, indem sie erklärte: »So würde ich zunächst Sie hierher entbieten lassen, um über deren Besitz mit Ihnen mich zu einigen.«

»Da müßten Sie mit Ihrem Angebot schon recht hoch greifen,« versetzte Galbrett, und aus seinem Mienenspiel ging unzweideutig hervor, daß er um den Verbleib der Kinder nichts wußte.

Eigentümlich zuckte es um die Lippen der Gräfin. Widerwille, Verachtung und heimlicher Triumph einten sich immer wieder zu einem unheimlichen Lächeln. Hätte Galbrett in ihrem Inneren zu lesen vermocht, so würde sein Haar sich gesträubt haben über den Plan, den sie mit kluger Berechnung zu seiner Vernichtung entworfen hatte. Trotzdem sprach sie mit einer Ruhe, die ihn vollständig in Sicherheit wiegte: »Mögen Sie mit Ihren Forderungen so hoch gehen, wie Sie wollen, sogar über die Grenzen des Vernünftigen hinaus: eine endgültige Vereinbarung wird und muß stattfinden.«

Bild: Max Vogel

Sie säumte einen Atemzug, als sie in Galbretts Zügen die erwachende Gier eines hungrigen Raubtiers entdeckte. Dann fügte sie hinzu: »Doch was reden wir, während der Gegenstand, um den es sich handelt, wer weiß wohin geschafft wird? Schließen wir lieber einen bindenden Vertrag miteinander ab. Zunächst bietet jeder von uns sein Äußerstes auf, die Spuren der Ärmsten auszukundschaften, und dahin gehört in erster Reihe, jene Gauklerbande nicht aus den Augen zu verlieren. Wer glaubt, eine Fährte entdeckt zu haben, ist verpflichtet, dem anderen sofort darüber zu unterrichten. Sind die Kinder gefunden, so steht es ja immer noch in jedes Belieben, diesen oder jenen Entschluß zu fassen.«

Unter den zugespitzten Blicken der Gräfin stierte Galbrett nachdenklich vor sich nieder. Im Geiste wiederholte er die eben vernommenen Worte. Peinlich erwog er den Vorschlag, bis er die Überzeugung gewann, daß durch Eingehen auf ihn der Vorteil auf alle Fälle sich ihm zuneige. Er erklärte daher mit einer gewissen Entschiedenheit: »So mag's denn sein, Vertrauen gegen Vertrauen. Wessen Mühe von Erfolg gelohnt sein wird, der verrät's dem anderen, wirbelt aber keinen großen Staub darüber auf. Mir sind die Augen jetzt geöffnet worden. Kann ich die Kinder gegen angemessene Entschädigung in ehrliche Hände geben, so bin ich immer noch besser daran, als sie fernerhin auf Schritt und Tritt bewachen zu müssen, und dessen bin ich müde.«

»Ein verständiges Urteil,« meinte die Gräfin, und die Lider halb über ihre Augen hinsenkend, verschleierte sie den in ihrem Innern webenden zügellosen Haß; »fahren Sie selbst nicht schlecht dabei, so ist Ihren Kindern ebenfalls geholfen. Und nun auf Wiedersehen, je eher, um so lieber.«

Galbrett verabschiedete sich augenscheinlich befriedigt über den Erfolg seines Besuches auf der Pandora, und doch sollten die Kinder erst ausgekundschaftet werden. Fluch auf Fluch zwängte sich zwischen seinen aufeinander knirschenden Zähnen hervor, indem er des verräterischen Gauklerpaars gedachte.

Simpson war mit ihm aufs Deck hinausgetreten. Als er nach einer Weile zurückkehrte, hatte das Antlitz der Gräfin den gewohnten Ausdruck eisiger Ruhe wieder angenommen. Nur die um die Mundwinkel sich ausprägende Neigung zu einem dämonischen Lächeln legte Zeugnis von der Nachwirkung der Enthüllung Ghastlys ab.

»Hoffentlich findet dieser Teufel in Menschengestalt bald Veranlassung, sich mir wieder vorzustellen,« redete sie den Kapitän an; »kleine Ursachen, große Wirkungen. Mit meinem ganzen fürstlichen Vermögen hätte ich die Erfahrungen auf der Aurora-Insel nicht zu teuer bezahlt.«

»Ein Schleppdampfer brachte den Eremit herein,« versetzte Simpson, das Anknüpfen an die letzte Bemerkung sorgfältig umgehend; »er ankert in Kabellänge von uns. Trotz der Dunkelheit sind seine Spieren vor dem mondhellen Himmel nicht zu verkennen.«

»Lassen Sie ihn,« entgegnete die Gräfin kalt. »Mag er uns folgen, so lange es ihm beliebt, ich kann ihn nicht hindern, will auch nicht mehr. Auf die eine oder die andere Art müssen die unerhörten Belästigungen dennoch einmal ihr Ende erreichen. Bitte, gehen Sie hinunter zu den jungen Damen und vertreten Sie mich beim Mahl. Ich selber will noch ein Stündchen allein bleiben. Versuchen Sie Ihr Bestes, die armen Kinder ein wenig aufzuheitern. Lassen sie doch die Köpfe hängen, wie vom Frost gestreifte Blüten. Wenn sie sich nur daran gewöhnen möchten, meine Stimmung weniger als den Gradmesser für ihre Jugendheiterkeit gelten zu lassen.« Nach einer höflichen Erwiderung entfernte sich Simpson. Die Stunde verrann, und noch immer wanderte die Gräfin in der Kajüte langsam auf und ab, die Hände auf dem Rücken ineinander gelegt, das Antlitz geneigt, die Brauen finster gerunzelt.

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